Am nächsten Pfingstfest wurden Theobald und seine Geschwister von ihrem Onkel und ihrer Tante in das Doktorshaus eingeladen. Die Ferienzeit mit Hans und Suse verlief lustig, wie es zu erwarten war. Die ganze Gesellschaft tollte sich nach Herzenslust aus. Ausflüge in die Berge wurden gemacht, alte Bekannte im Dorf aufgesucht. Hans und Theobald strichen die Gartenmöbel an und besserten den Holzzaun des Vorgärtchens aus. Christoph und Henner machten gerade soviel dumme Streiche wie einst ihr Bruder Theobald vor Jahren.
Am letzten freien Tag waren die Kinder bei Christine, dem alten Mütterchen mit dem freundlichen, guten Gesicht zu Gaste gebeten. Punkt zwölf Uhr sollten sie bei ihr sein. Sie zögerten lange.
Da hörte sie endlich helles Lachen und das Laufen von vielen Füßen. Gleich darauf flitzen ein paar helle Köpfe am Fenster vorüber. Die Gäste waren gekommen.
In zwei Sprüngen nahmen sie die steinerne Treppe vor dem Haus und standen atemlos im Stübchen.
„Entschuldige, entschuldige,“ rief Suse, „wir konnten nicht eher kommen. Der Henner ist in den Brunnentrog gefallen und mußte sich erst trocknen und umziehen.“
„Wirst du dich auch nicht erkälten, Kind?“ wandte Christine sich an Henner und strich ihm über das noch feuchte Haar.
„Nein, nein, alles geht vorzüglich,“ meinte der.
Da trippelte sie in die Küche, um das Essen anzurichten.
„Kalbsbraten?“ fragte Suse ganz erstaunt, als sie in die Schüssel sah, die die alte Frau auf den Tisch stellte. — Das war ja ein Luxus, den sich die armen Gebirgsbewohner sonst nur an hohen Festtagen leisteten.
„Kalbfleisch?“ fragte sie deshalb noch einmal in vorwurfsvollem Ton.
Doch Christine verstand Suse falsch und flüsterte mit erschrockenem Blick nach den übrigen Kindern hin: „Mögen sie es nicht, Suse? Ist es ihnen nicht gut genug? Gelt, sie sind an Besseres gewöhnt? Es ist aber doch das Feinste, das wir hier haben.“
„Viel zu fein ist’s,“ rief das Doktorskind. „Eine Suppe wäre gerade gut genug für uns gewesen.“
„Nein, nein,“ wehrte Christine, „Kalbfleisch ist besser.“
Nun halfen Toni und Suse beim Auftragen der Speisen, und die Gesellschaft fing zu essen an.
Die Kinder mäßigten ihren Appetit etwas, weil der Doktor ihnen daheim anbefohlen hatte, Rücksicht auf der alten Frau geringe Vorräte zu nehmen.
Aber Christine beängstigte ihr Maßhalten, und sie fragte deshalb wiederum erschreckt Suse: „Gelt, sie mögen mein Essen nicht? Gelt, sie ekeln sich vor mir, weil ich eine alte Frau bin?“
Da flüsterte Theobald seinen Brüdern zu: „Eßt, ihr Dächse, wie die Nudelgänse, sonst geht’s euch schlecht. Immer Takt haben.“
Da begann die Gesellschaft zuzulangen, daß Christine ihre helle Freude dran hatte.
Ein halber Laib Brot verschwand, ein Kuchen folgte ihm nach, und von dem Kalbfleisch blieb auch nicht mehr viel übrig. In den Wassergläsern schenkte Christine den Kindern Waldbeerwein ein.
Unter fröhlichen Gesprächen verging das Mahl.
Die Doktorskinder brachten Christine einen ihrer alten Lieblingswünsche vor.
„Christine, besuch uns doch einmal in der Stadt!“ rief Suse, „tu es doch.“
„Ja,“ fielen auch die andern ein, „tun Sie es, bitte.“
„Tu es, es wird herrlich,“ meinte Hans. „Dann sollst du alles in der Stadt zu sehen bekommen. Alles, alles.
Den Zoologischen Garten, wo mein Kamel drin steht. Weißt du, das ich mal fast bekommen habe, das gräßliche Tier!“
„Wenn ich dran denke, wie Ursel damals gejammert hat,“ rief Suse, „muß ich noch jetzt lachen. Ich hab’ gemeint, sie wird verrückt.“
„Christine muß vor allen Dingen Ursel selbst sehen,“ erklärte hier Theobald, „diese blitzsaubere Person. Das Herz lacht einem im Leib, wenn man sie ansieht. So gut ist die, so liebenswürdig, so entgegenkommend, ein Engel in Menschengestalt.“
„Und Frau Cimhuber, die ist auch sehr interessant,“ rief Toni.
„Ja, die wird Ihnen den ganzen Tag von ihrem Sohn erzählen,“ meinte Theobald, „bis Ihnen ein Mühlrad im Kopf herumgeht. Edwin, Edwin, weiter hört man nichts von ihr.“
„Das kann ich vollständig begreifen,“ erklärte Toni. „Sie hat nur einen einzigen Sohn, also redet sie von ihm. Der ist nämlich in Afrika, müssen Sie wissen, Christine, und den größten Gefahren ausgesetzt. Jeden Tag kann ihn der Tod überraschen, und seine Mutter ist fern von ihm.“
Suse nickte.
„Toni hat ganz recht,“ wandte sie sich an die alte Frau. „Nicht wahr, du würdest doch auch in großer Sorge sein, wenn du nur ein einziges Kind hättest und das wäre nicht bei dir und stürbe womöglich eines Tages. Ich denke es mir gräßlich, wenn man nur ein einziges Kind hat und das stirbt einem noch obendrein.“
Christine nickte traurig vor sich hin und faltete ihre Hände.
Da stieß Hans seine Schwester unter dem Tisch an, und Suse biß sich auf die Lippen, erinnerte sie sich doch plötzlich, daß sie eine große Taktlosigkeit begangen hatte.
Christine hatte ja auch nur ein einziges Kind gehabt, eine Tochter, und die war gestorben in demselben Jahre, als Suse geboren wurde.
Rosel hatte den Kindern einmal von diesem Trauerfall gesprochen und zwar mit geheimnisvoll düsterer Miene.
„Gräßlich, gräßlich ist’s gewesen,“ hatte sie geflüstert, „man sollte nicht meinen, daß es solche Menschen gibt. Aber redet nicht davon. — Redet nicht davon, redet nicht davon.“ Mehr hatten sie nicht vernommen. Und die Frau Doktor, die von ihren Kindern gebeten worden war, ihnen einiges von Christines Tochter zu verraten, hatte nur gesagt: „Christine hat sehr viel Trauriges durchgemacht, aber erinnert sie nicht daran. Wenn ihr einmal größer seid, sollt ihr’s wissen.“
Und nun hatte Suse eine solche Dummheit gesagt. Schnell rief sie deshalb dem alten Mütterlein zu, um sie abzulenken: „Das Haus von den Fremdlingen mußt du auch sehen, Christine. Wir führen dich dran vorbei.“
„Und die herrlichen Granadasöhne auch,“ warf Christoph ein. „Wie die geschniegelten Äffchen auf der Stange sehen sie aus. So unmännlich,“ sagte Theobald.
„Und die Kathedrale müssen Sie sich auch betrachten, Christine,“ rief Toni. „Es ist ein rein gotischer, wunderbarer Bau. Wir haben ihn in der Kunstgeschichte neulich durchgenommen.“
„Ja, Kirchen magst du ja so gern,“ stimmte Suse bei. „Da kannst du beten, und Hans und ich werden derweil hinten im Dunkeln zwischen den Säulen auf dich warten.“
„Ins Kino muß Christine auch,“ rief Henner. „Vielleicht dürfen wir mit. Wir dürfen nur jedes Jahr einmal an unserem Geburtstag hin. Und auch nur, wenn’s ein Seestück zu sehen gibt oder ein Aquarium.“
„Und das Museum sehen wir uns alle an,“ rief Hans.
So zählten die Kinder immer weitere Sehenswürdigkeiten der Stadt auf. Einer wollte noch mehr wissen als der andere, jeder den besten Rat erteilen. Schließlich verstand keiner sein eigenes Wort mehr. Christine lachte fröhlich mit. Dabei ermahnte sie die Kinder immer wieder, ja auch tüchtig zu essen. Beim Abschied drängten Hans und Suse noch einmal: „Besuch uns ja, Christine, besuch uns in der Stadt!“
„Vielleicht,“ antwortete die alte Frau nachdenklich, „vielleicht.“
Da sprangen sie die steinerne Treppe hinunter, blieben aber an der kleinen Gartentür noch einmal stehen und riefen: „Gelt, Christine, du kommst? Gelt, du kommst? Sag’ ja, sag’ ja.“
„Wenn der liebe Gott mich gesund erhält, komm’ ich,“ antwortete die alte Frau, und die Kinder stürmten freudig davon.
Auf dem Weg, der zum Dorf hinaufführte, drehten sie sich zum letztenmal um und winkten ihr zu: „Auf Wiedersehen, auf Wiedersehen.“ Dann waren sie ihren Blicken entschwunden. Die alte Frau aber blieb noch lange, in schweren Gedanken versunken, an ihrem Gartenzaun stehen. Sie dachte an die ferne, fremde Stadt, von der ihr soviel erzählt worden war und die sie schon lange einmal besuchen wollte. Nicht der Wunsch nach ihrer Schönheit und ihren Wundern trieb sie dorthin, auch nicht die Doktorskinder allein, sondern Dinge, von denen sie nicht reden wollte...
Seit Wochen waren die Kinder nun schon in der Stadt, und Christine war noch immer nicht gekommen. Sicher hatte sie ihr Versprechen ganz vergessen.
Und auch die Kinder, die in der ersten Zeit viel von ihrem Besuch gesprochen hatten, dachten zurzeit nicht mehr daran. Ganz andere Dinge bewegten sie. Ursel war wieder einmal nicht gut auf sie zu sprechen. — Hans trieb nach Ursels Ansicht die Anmaßung zu weit. Er wollte Geigenstunde nehmen. — Geigenstunde. Außer dem Herrn Missionar hatte nach ihrer Ansicht kaum noch ein anderer Sterblicher die Berechtigung zu geigen. — Und nun Hans erst. — „Der werde doch nie etwas Vernünftiges lernen,“ meinte sie. — „Der Herr Edwin hingegen, der Herr Edwin! Den hätten die Kinder in seiner Jugend mal geigen hören sollen. — Das war eine Freude, das war ein Hochgenuß. Der ergriff den Bogen und die Geige und geigte herrlich wie die Engel im Himmel.“
„Wer’s glaubt!“ hatte Suse keck dazwischen gerufen. „Der Herr Edwin wird grad auch kein Orchestrion gewesen sein, wo man einen Groschen hineinwirft und dann musiziert’s und donnert’s los.“
Kaum war Suse das Wort entfahren, so sagte sie über und über rot: „Nein, das war zu frech von mir. — Ich glaube wirklich, daß Herr Edwin mehr konnte als andere Kinder.“
„Suse, du verdienst den Teller Suppe nicht, den du ißt,“ rief Ursel.
„Und ich?“ forschte Hans, „am Ende ich auch nicht? Aber denken Sie daran, Ursel, meine Eltern wollen es, daß ich Geigenstunde nehme.“
„Meinetwegen,“ brummte Ursel, „geige wo du willst, aber nicht in der Negerstube.“
Die Kinder spitzten die Ohren. Aha, da lag der Hase im Pfeffer! Sie wollte nicht, daß die von Sauberkeit blinkende und blitzende Negerstube verwohnt werde.
Zum Glück nahm sich diesmal die Pfarrfrau Hansens an und bestimmte, daß die Geigenstunde wirklich stattfände.
Zweimal in der Woche geschah’s. Dann kam Herr Schnurr, der Lehrer.
Welch ein verstruwelter, zerzauster Herr! Wie sehr stach Hans daneben ab, gar als er sich jedesmal vor der Stunde schniegelte und bügelte wie ein Offizier und mit blankgewichsten Schuhen und glänzendem Scheitel daherkam.
Sein Lehrer war der Tumult selbst. Sobald sich die Tür der Negerstube hinter ihm geschlossen hatte, traf er umständliche Vorbereitungen zur Stunde. Er band seinen Schlips und Kragen ab, warf sie auf den nächsten besten Stuhl und reckte seinen Hals einige Male befreit in die Höhe. Dann klopfte er mit dem Geigenstock auf den Tisch zum Zeichen, daß der Unterricht beginne. Hans kletterte herzklopfend auf ein noch von Edwin Cimhuber stammendes Pult und stimmte mit Herrn Schnurr seine Geige. Das Spiel begann. Wehe, wenn die Töne falsch herauskamen oder der kleine Junge nicht im Takt spielte! Dann wurde Herr Schnurr zum wilden Löwen. Er stampfte mit dem Fuße auf, er rüttelte an den Stühlen, er sprang im Zimmer umher und fuhr sich in die Haare. Hans zitterte. Der Lehrer drückte seine Geige fester unter das Kinn, zählte laut eins, zwei, drei, sang a, a, a, wand sich in ohrwurmartigen Windungen immer höher, immer höher, bis er auf den Zehenspitzen stand wie eine Tänzerin und mit schmerzlich verzogenem Gesicht in dieser Stellung verharrte.
„Halt, halt,“ schrie er plötzlich und warf die Geige hin, „willst du wohl aufhören, willst du mich ins Irrenhaus bringen!“
Und Hans stand einen Augenblick da mit verglasten Augen und Schweißperlen auf der Stirn.
Dann, als der Geigenlehrer wieder zu sich gekommen war, ging der Tanz aufs neue los.
Im Zimmer nebenan saß Suse und konnte ihr Lachen nicht bändigen. Von Zeit zu Zeit spähte Ursel mit argwöhnischer Miene zur Tür der Negerstube herein, als fürchte sie, der Geigenlehrer prügele die Negerprunkstücke von den Wänden herab oder trommele auf den Polstermöbeln herum, anstatt zu geigen.
Frau Cimhuber aber ging jedesmal spazieren, wenn Herr Schnurr kam.
Einmal trat Ursel bei Suse ein, und als sie das kleine Mädchen lachend vorfand, wollte sie zornig werden. Aber Suse umarmte sie und rief: „Ich kann nicht mehr. So was Schönes hab’ ich noch nie gehört.“
„Laß die Albernheiten,“ meinte Ursel streng.
Aber als sie aus dem Zimmer ging, merkte Suse doch an dem Wackeln ihrer Schultern, wie sehr sie lachte. Also war selbst Ursel für die Geigenstunde gewonnen. —
Nun mußte nur noch für Suse Rat geschaffen werden. Das Doktorskind wollte gern, daß die alte Magd ihr für eine Einladung, die nächste Woche stattfinden sollte, zwei Napfkuchen backe. Ursel aber wollte von einer solch üppigen Tafelei nichts wissen.
„Umstände werden nicht gemacht,“ erklärte sie klipp und klar. „Honigbrot und Butterbrot bekommt ihr und jede zwei Tassen Malzkaffee. Und damit basta.“
„Das ist alles?“ rief Suse und faltete vor Schreck die Hände. „Ist das Ihr Ernst, Ursel? Aber denken Sie an, was das für einen Eindruck auf den Besuch macht. — Meine Freundinnen haben immer Marzipan und Kuchen und Biskuit und Schokolade und Schlagsahne, die reine Konditorei.“
„So, und da schämt ihr euch nicht und eßt das alles auf einmal auf?“ rügte Ursel. „Und das erzählst du mir auch noch? So ein Schwelgerleben steht noch nicht einmal im Kalender. — Sodom und Gomorrha werden nicht mehr lange auf sich warten lassen bei eurem Sündentrubel.“
Suse lachte hell.
Kaum hatte sie sich aber soweit vergessen, da bereute sie es auch schon; denn Ursel sah sie an wie die strafende Gerechtigkeit. Umsonst schmeichelte Suse jetzt: „Bitte, bitte, liebe Ursel, machen Sie mir doch einen Stärkepudding und zwei Napfkuchen. Hans und ich wollen auch eine ganze Woche lang kein Fleisch essen.“
Die Magd schwieg. Suse flehte weiter: „Wenn Sie wüßten, wie gut es die andern Mädchen haben im Vergleich zu mir, würden Sie barmherzig werden. Denken Sie sich, bei manchen gibt es auch süßen Likör und Blumensträußchen.“
„Blumensträußchen könnt ihr haben, soviel ihr wollt. Die könnt ihr euch im Walde holen. Dagegen hab’ ich nichts, aber Stärkepudding gibt’s nicht und keinen Kuchen.“
„Und in der Negerstube wird auch nicht getafelt. Eßt in deiner Stube.“
„Was,“ rief Suse, „fünfzehn Kinder kommen ja gar nicht in mein Zimmer rein. Das ist doch nicht fein für eine Einladung, daß man aufeinander sitzt wie die Heringe. Heutzutage ist alles für Licht und Luft. Meine Freundinnen werden krank vor Hitze in meinem kleinen Zimmer.“
„Ach was, so leicht wird sich’s nicht krank,“ meinte Ursel kaltblütig. „Eßt nicht zu viel und trinkt schön langsam und nicht so viel auf einmal, macht fleißig Durchzug mit Türen und Fenstern und trinkt kaltes Wasser von der Leitung, dann bleibt ihr frisch wie die Fische im Wasser.“
„Aber Ursel,“ rief Suse entrüstet, „glauben Sie, meine Freundinnen kommen zu mir, weil sie Wasser schlucken wollen wie die Fische. Die wollen doch unterhalten sein und was Feines essen.“ —
Das Doktorskind weinte.
Ursel blieb hart.
„Anderer Leute Kinder haben’s viel besser als wir,“ seufzte Suse etwas später zu ihrem Bruder.
„Warum nicht gar!“ rief der entrüstet. „Wer denkt denn an solche Sachen! Wer hat denn so gute Eltern wie du und ich?“
„Freilich, freilich, du hast recht,“ antwortete die Schwester kleinlaut, „aber sie sind ja so weit.“
Suse seufzte für sich allein weiter. Sie hatte große Bedenken, ob ihre Einladung auch schön genug ausfallen würde. Von jeher hatte sie es ja schmerzlich empfunden, daß die meisten Kinder ihrer Umgebung in glänzenderen Verhältnissen lebten, schönere Feste gaben und feinere Kleider anziehen konnten als sie selbst.
Hans und seine Freunde fragten viel weniger nach diesen Äußerlichkeiten. Was machte es aus, wenn einer der Knaben auch mal einen besseren Anzug anhatte als der andere! Das merkte Hans kaum. Außerdem fiel es ihm und seinen Freunden auch nicht ein, einander einzuladen oder mit schönen Dingen zu beschenken. —
Zum Glück hielten aber auch bei Suse die trüben Betrachtungen über des Lebens verschieden ausgeteilte Lose nicht lange an. Und sie sah voll geheimer Freude dem Fest, das sie ihren Mitschülerinnen geben wollte, entgegen. Von daheim traf zur rechten Zeit noch ein Paket mit Blumen und Gebäck ein und ließ Susens Herz vor Freuden hüpfen. Stolz konnte sie nun zur Schule gehen und ihre Einladungen dort verteilen. Jubelnd wurden diese von den Schülerinnen ihrer Klasse in Empfang genommen, weil sie wohl wußten, wie gar lustig es bei der muntern Suse hergehen werde. Nur einige von ihren Schulgefährtinnen überging Suse mit ihrer Einladung. Zu ihnen gehörte auch die schwarze Karla, das hübscheste, begabteste Mädchen der Klasse, dessen Eltern in glänzenden Verhältnissen lebten. Von jeher hatte dieses Mädchen Susens größte Bewunderung auf sich gezogen wegen ihrer Sicherheit, Schönheit und Klugheit. Aber gerade weil das Doktorskind jenen Stern unter den Schülerinnen so sehr bewunderte, hielt sie sich abseits. — Sie mochte sich nicht auch noch aufdrängen, wo schon so viele andere Schulgefährtinnen um die Gunst jenes Mädchens warben. Und dann fürchtete sie auch die Spottlust der schwarzen Karla. Denn als Suse vor Jahren aus ihrem kleinen Gebirgsdorf gekommen war, hatte niemand belustigter hinter ihr hergesehen, als jenes Mädchen.
Zu ihrem größten Erstaunen bemerkte nun Suse, wie Karla betrübt und enttäuscht drein sah, als sie mit der Einladung übersehen worden war, und nach Schulschluß, als Suse die Treppe hinunterging, kam sie sogar hinter ihr her und steckte ihren Arm unter den des Doktorskindes und fragte in ihrer liebenswürdigen Weise: „Weshalb lädst du mich nicht auch ein, Suse? Ich möchte doch so gerne zu dir kommen. Sicher wird es sehr fein bei dir.“
Susens Herz klopfte laut. Sie konnte vor freudiger Erregung zuerst kein Wort herausbringen. Das schönste und begabteste Mädchen der Klasse bemühte sich um sie. Andere warben um Karlas Gunst, und sie trug ihr die Freundschaft selbst an.
Arm in Arm trat sie jetzt mit ihrer neuen Freundin durch das Tor hinaus auf die Straße. — Noch immer vermochte sie kaum zu reden. —
Jenseits, auf dem Steig der Fußgänger, hatte wohl schon eine halbe Stunde lang ein altes Mütterchen gestanden, die Augen sehnsüchtig auf das Tor ihr gegenüber geheftet. — Sie war in die Tracht der alten Frauen vom Lande gekleidet und trug am Arm einen Henkelkorb mit einem weißen Tuch bedeckt und in der Hand einen dicken Schirm. Als die ersten kleinen Mädchen aus der Tür traten, leuchtete ihr Gesicht hell auf. Man sah’s ihr an, sie hatte auf eins von ihnen gewartet. — Zufällig flogen Susens Blicke zu ihr hinüber und sie fuhr zusammen. — Das war ja — das war Christine! Wie kam sie hierher? War ihr wirklich kein Weg zu weit gewesen, keine Reise zu mühselig, um die geliebten Kinder aufzusuchen? Sie wartete auf Suse. Man sah’s ihr an. Sie wollte auf sie zukommen. Aber weshalb lief Suse jetzt nicht zu ihr hin und umarmte sie und zeigte ihr Entzücken? Weshalb wendete sie sich krampfhaft auf die andere Seite? —
Sah denn Christine wirklich so komisch und armselig aus mit ihrem Kapothut, der ihr wie ein kleiner Kobold auf dem Kopfwirbel saß und seine Bänder flattern ließ, mit ihrem Rock, der viel zu kurz war, so daß man ihre mageren Beine mit den grauen Strümpfen und die bunten Pantoffeln sehen konnte? Mußte man sich ihrer wirklich schämen?
Schämen gerade nicht. — Aber die feine, stolze Karla! Was würde die darüber denken? Suse ging weiter, ohne Christine zu grüßen.
Eine Weile stand die alte Frau erschrocken da und blickte Suse nach. Das kleine Mädchen mußte sie erkannt haben. — Deutlich hatte sie ihren Blick gefühlt. Doch warum hatte sie sich abgewandt und war nicht jubelnd auf sie zugekommen wie sonst wohl? Langsam, langsam wurde es da der alten Frau klar, daß sich Suse ihrer schäme und sie nicht kennen wolle. Noch einen langen, sehnsüchtigen Blick schickte sie hinter dem jungen Mädchen her, dann wandte sie sich traurig um und ging mit gesenktem Kopf die Straße hinunter. Ihr war es, als habe sie ihr Herz verloren. Sie kam sich so ausgestoßen und fremd vor, hier in dieser großen Stadt, wie in einer Wildnis. Suse hätte doch fühlen müssen, wie einsam sie hier war und hätte zu ihr kommen müssen. Aber sie hatte es nicht getan.
Die alte Frau wanderte nun ratlos hin und her durch mancherlei Gassen und Straßen, ohne zu wissen wohin. Schließlich brachte ihr Weg sie in die Anlagen der Stadt, wo frischer Rasen grünte, hohe Bäume wuchsen und hier und da vor blühenden Sträuchern Bänke standen. Auf einer davon ließ sich Christine müde nieder. Sie sah noch immer erschrocken drein. Aber kein bitterer Gedanke gegen das kleine Mädchen bewegte ihr Herz. —
Suse hatte ja recht, daß sie so vornehm tat. — Suse war ja ein so großes, kluges Mädchen geworden und hatte so viel gesehen und so viel gelernt in dieser herrlichen Stadt. —
Und Christine war die arme, alte, unwissende Frau geblieben, mit der man keinen Staat machen konnte. Längst vergangen waren ja die Zeiten, in denen Suse ein kleines unschuldiges Kind war, das Christine über alles liebte. Aber die alte Frau murrte nicht, sie wußte wohl, alles Schöne und alles Gute hatte der liebe Gott ihr nur für eine bestimmte Zeit gegeben, um es ihr dann wieder zu nehmen. So war es sein Ratschluß.
Lange Zeit saß Christine, in diesen Gedanken versunken, auf der Bank und konnte noch immer keinen Entschluß fassen, wohin sich wenden. Zu Frau Cimhuber wollte sie nicht gehen. — Sie fürchtete, auch dort nicht willkommen zu sein. — Und dann hatte sie noch einen andern Besuch vor, den wichtigsten und schwersten, der ihr Geheimnis war, von dem selbst die Doktorskinder nichts wissen sollten. — Den wagte sie nun nicht mehr auszuführen. —
Wenn Suse schon so ablehnend zu ihr tat, was konnte sie erst von jenen fremden Leuten erwarten, denen der Besuch gelten sollte?
Mitten in diesen Betrachtungen fuhr sie zusammen. Ein Windstoß hatte das weiße Tuch, das über ihren Korb gebreitet war, aufgehoben und trieb es in die Sträucher hinter ihr. Ein Heidelbeerkuchen, den sie den Kindern mitgebracht hatte, wurde im Korbe sichtbar.
Die alte Frau erhob sich umständlich, legte ihren Schirm vorsichtig neben sich und sah sich nach ihrem Tuche um. In diesem Augenblick ertönte ein Jubelschrei, und von dem Wege her, der in einiger Entfernung von der Bank vorüberführte, kamen zwei Knaben auf sie zugerannt. Es waren Hans und Theobald. Zufällig hatten die beiden Vettern ihren Heimweg aus der Schule durch die Anlagen genommen und trafen jetzt unerwartet auf Christine. Beide gerieten in große Freude. Hans sagte in einemfort, Christines Hand drückend: „Wo kommst du her, wo kommst du her? Oh, wenn Suse wüßte, daß ich dich zuerst getroffen habe, wie würde die sich ärgern!“
Theobald aber schlang seinen Arm um das alte Mütterchen und deklamierte in seiner närrischen Art: „Habe ich dich endlich wieder gefunden? Ruhe an meinem Herzen, mein süßer Schatz.
Zu jener Zeit, wie liebt ich dich, mein Leben...
Wissen Sie noch, in jener Zeit, Christine, als Sie mich im Bett versteckt haben, weil der Schmied mit dem Dreschflegel vor der Tür stand und mich versohlen wollte, weil ich seinem jüngsten Flachskopf auf den Kopf gespien hatte?“
Die alte Frau hatte sich noch immer nicht von ihrem Erstaunen erholt. — Hier war Hans, und da war Theobald, die beiden Knaben, und einer freute sich noch mehr als der andere. — War es denn kein Traum? — Merkten sie denn nicht, daß immerzu fremde Leute vorübergingen und zusahen, wie sie eine arme, alte Frau voll Liebe begrüßten. Die Knaben sahen es wohl, aber sie machten sich nichts daraus.
Da breitete sich langsam über Christines Gesicht ein glückliches Lächeln, und sie drückte Hans dankbar die Hand.
„Sie müssen natürlich bei uns zu Mittag essen,“ fiel Theobald hier ein, „meine Mutter hat schon immer gesagt: ‚Wenn Christine kommt, ladet sie ein.‘ Was wollen Sie auch bei der Cimberklinkerin und der Ursel? Ich sage Ihnen, das unzutunlichste Geschöpf meines Lebens. Die rechnet ja doch gleich nach, wieviel Margarine und sonstigen Tutti Frutti sie in die Pfanne tun muß, wenn Sie mitessen!“
Und mit diesen Worten hatte der Stadtvetter auch schon den Schirm der alten Frau ergriffen und Hans ihren Korb übergeben. Dann machte sich das seltsame Kleeblatt auf den Weg nach Hause.
„Eins, zwei, drei,“ kommandierte plötzlich Theobald, und die Knaben gingen in einen Polkaschritt über.
„Laßt doch, laßt doch,“ wehrte Christine, „das darf man ja nicht hier.“
„Was darf man nicht?“ rief Theobald, „alles darf man, was man will. — Wenn sich einer untersteht und seinen Mund auftut, so spieße ich ihm Ihren Paraplü mitten durch den Leib.“
Und nachdem der Stadtvetter also großspurig geredet hatte, wurde er wieder liebenswürdig und erkundigte sich nach allem aus Christines Heimatsort, nach ihrem Häuschen und ihrer Ziege, nach ihren Kartoffeln und Bohnen, selbst nach dem Reiserbesen, den er ihr in den letzten Ferien gebunden hatte. Und zuletzt steuerte er mit seinen Begleitern auf ein schmuckes Haus in einem großen Garten zu, indem er erklärte: „Nun wollen wir gemeinsam in unsern Wigwam einfallen.“
Damit öffnete er weit und einladend die Tür seines Vaterhauses...
Was war inzwischen aus Suse geworden? — An der Seite der schwarzen Karla war sie in entgegengesetzter Richtung davongegangen wie Christine, beherrscht von dem Gefühl des Triumphes, den sie errungen hatte. — Wie in einem Taumel war sie zuerst befangen. Sie war die Königin der Klasse geworden, umworben von dem einflußreichsten Mädchen unter ihren Mitschülerinnen. Und an ihrer Seite redete jenes schöne Mädchen nun lauter angenehme Dinge, die ihr kleines, eitles Herz erfreuten. — Sie beide gehörten zusammen, meinte Karla. Sie seien ja die begabtesten Kinder der Klasse. Suse müsse sie recht oft besuchen, ihre Eltern hätten schon häufig darum gebeten. Was für schöne Stunden würden sie gemeinsam verbringen!
Doch je weiter sie sich von der Schule entfernten, je weniger achtete das Doktorskind auf der Freundin schmeichlerische Reden. Scheu blickte sie sich einmal um und sah Christine ganz in der Ferne davongehen. —
Da wurde des kleinen Mädchens Gang zögernder, ihre Antworten unsicherer, ihr ganzes Wesen unruhig. Sie zog ihren Arm unter dem ihrer Freundin hervor und blieb unschlüssig stehen.
„Was hast du, Suse?“ fragte ihre Freundin.
Das Doktorskind antwortete nicht und ging langsam mit ihr weiter. — Sie sah jetzt immer Christines erschreckte Augen hilflos auf sich gerichtet, und langsam wurde ihr klar, was sie eigentlich getan hatte. Mit verstörtem Gesicht sah sie sich abermals um. Da sah sie ihre Freundin Gretel, die sich in der Schule etwas verspätet hatte, des Weges kommen.
Und das kleine Mädchen erzählte ganz aufgeregt von einem armseligen, altmodisch gekleideten Mütterchen, das vor der Schule gestanden sei und so verirrt und traurig ausgesehen habe, daß es sie gedauert habe.
„Sicher ist sie vom Lande,“ meinte Gretel, „und wußte nicht wohin. Ach, wie tat sie mir leid. Sie sah so ängstlich um sich. Am liebsten hätte ich sie mitgenommen.“
Schon gleich bei den ersten Worten ihrer Freundin war Suse zusammengefahren.
Nun gab es kein Halten mehr für sie.
„Das war Christine,“ rief sie, „Christine, von der ich dir schon so viel erzählt habe, Gretel. Aus meinem Heimatsort. Hansens und meine alte Kinderfrau. Sie ist gekommen und will uns besuchen, Hans und mich. Sie hat uns so lieb und ist so gut zu uns, und ich hab’ sie verleugnet. Ach, wenn sie jetzt fort ist, ist alles aus.“
Und vor den erstaunten Augen ihrer Freundin riß sie sich los und flog davon zur Schule zurück. Aber als sie dort ankam, war weit und breit niemand mehr zu sehen. Da irrte sie weiter durch die Straßen und Gassen, in denen sich die heiße Glut des Mittags fing, und suchte nach der alten Frau. Umsonst. Auch im Hause von Frau Cimhuber, wo sie nach ihr forschte, war sie nicht gesehen worden. So bestand denn nur noch die Möglichkeit, daß sie mit dem nächsten Zug in die Heimat gefahren sei. Aber auch vom Bahnhof mußte Suse unverrichteter Sache wieder umkehren. Erschöpft kam sie daheim an. Ein freundlicher Empfang ward ihr hier nicht zuteil. Denn als sie ängstlich durch die Küchentür spähte, sah sie von Ursels Scheuerwasser Spritzer und Strahlen aufsteigen, wie von spielenden Delphinen, und ihr entgegen klang es zornig: „Zweimal ist schon nach dir gefragt worden. Christine und Hans sind bei deiner Tante Hedi und essen zu Mittag. Jeder ist schon in Angst um dich. Frau Cimhuber hat schon ihre Migräne.“
Da machte Suse, so schnell sie konnte, die Tür hinter sich zu und lief in ihr Zimmer. Dort schloß sie sich ein und weinte. Christine war da, Christine war gefunden. Kein Mensch hatte ihr ein Leid zufügen dürfen. Kein Weg hatte sie irre geleitet. Sie war in Gottes Hand gewesen.
Noch saß Suse stumm da, die Hände wie im Gebet gefaltet, da hörte sie Besuch kommen. Sie horchte hin und hörte Hans reden und noch eine andere liebe Stimme. — Christine war gekommen. —
Im nächsten Augenblick rüttelte Hans auch schon an ihrer Tür und rief: „Mach auf, mach auf, wir sind draußen.“
Und als sie öffnete, stürmte er über die Schwelle, Christine mit sich ziehend, und rief mit blitzenden Augen: „Hier, hier, sieh, wen ich hier habe, ich habe sie gefunden. — Was sagst du nun, was sagst du nun?“
„Was ich sage,“ tönte da ungefragt eine Stimme aus der Küche, wo Ursel herumwirtschaftete. — „Was ich sage, in einer Minute kommt Herr Schnurr. — Kein Pult ist zurecht gerückt, kein Geigenkasten steht am Platz, kein Bogen ist eingerieben! Soll ich’s vielleicht besorgen?“
Diese Nachfrage fuhr Hans derartig in die Glieder, daß er auf der Stelle zurückflog, in die Negerstube eilte, dort rückte und schob und in den Gang zurückkehrte, wo er sich bürstete und glättete, und gleich darauf mit höflicher Miene den Lehrer empfing.
Christine aber stand auf der Türschwelle mit ihrem Korb und Schirm in der Hand und wagte nicht einzutreten.
„Christine komm, Christine komm,“ sagte Suse und zog sie an der Hand herein.
Und mitten in der Stube blieb sie plötzlich stehen, drückte beide Handrücken vor die Augen, wie sie oft als Kind getan, und begann bitterlich zu weinen. Da nahm die alte Frau ihr die Hände vom Gesicht weg, zog sie fest an ihre Brust und hielt sie dort verborgen.
„Weine nur nicht,“ tröstete sie, „der liebe Herrgott weiß alles, und er macht alles, alles gut. Sei still Suse. Sei jetzt nur ganz still, Kind. — Ich habe euch auch Heidelbeerkuchen mitgebracht. — Sieh her! Es sind nicht mehr viele Beeren darauf, du weißt ja, ich kann nicht mehr so weit gehen und sie suchen. Ich bin eine alte Frau. — Ganz nahe am Fuchskopf, wo ich sie sonst immer geholt habe, finde ich jetzt keine mehr. Die Kinder holen sie alle weg. — Aber er hat euch ja immer am besten geschmeckt, der Heidelbeerkuchen. — Glaubst du, du magst ihn noch? — Er ist ja sicher nicht so gut wie der, den ihr in der Stadt bekommt. — Und ihr scheut mich doch nicht, weil ich eine arme alte Frau bin?“
Und Christine hob vorsichtig den Kuchen heraus, der auf einem Teller im Korb stand, und stellte ihn auf den Tisch. Und Suse schnitt sich ein Stück ab und fing an zu essen, obwohl der Kuchen und die Tränen sie am Schlucken hinderten.
„Gelt, Christine, du denkst jetzt nicht mehr gut von mir?“ fragte sie, nachdem sie sich ausgeweint hatte. „Es liegt dir jetzt nichts mehr an mir. Und du frägst auch nichts mehr nach der Stadt?“
„Aber freilich, Suse. Ich will doch die schöne Stadt sehen, von der du mir immer so viel erzählt hast. Ich bin ja nur einmal in meinem Leben hierher gekommen, und wenn ich jetzt fortgehe, komm’ ich niemals mehr wieder. Das spür’ ich, ich bin viel zu alt dazu.“
„Wollen wir gleich gehen und alles besehen?“ drängte Suse.
„Nein, nein, wir warten erst, bis Hans mitgehen kann.“
„Gelt, du hast Hans jetzt lieber als mich,“ flüsterte Suse. Christine schüttelte den Kopf. „Nein, nein, ich habe euch alle gleich lieb.“ Und sie wischte Suse mit ihrem Taschentuch das Gesicht ab.
Danach führte das Mädchen die alte Frau durch ihr Zimmer und zeigte ihr die ganze Einrichtung, auch den Schrank mit ihren Heften und Büchern. Mit gefalteten Händen stand die alte Frau davor und richtete ihre Blicke bewundernd auf Suse. — Alle diese Hefte hatte ihr Liebling, die Suse, vollgeschrieben, in all diesen Büchern konnte sie lesen, fremde Sprachen lernte sie sogar. — Was war sie doch für ein bedeutendes Mädchen geworden.
Aber noch heller strahlten Christines Augen, als sie plötzlich ihren Wachsengel im Glaskasten auf der Kommode entdeckte. — Unversehrt stand er dort, heilig gehalten von den Kindern. Wie waren sie doch gut!
Ein dankbarer Blick traf Suse, aber dem jungen Mädchen stieg eine heiße Röte in die Wangen, und schnell führte sie ihren Besuch zum Fenster, damit sie einen Blick in die schwindelnde Tiefe tue, wo die Menschen klein wie Mücken spazieren gingen. — Gerade beugte sich Christine voll Staunen über die Fensterbrüstung, da trafen laute Stimmen ihr Ohr und sie fuhr zusammen. Der Lärm kam aus der Negerstube, wo Herr Schnurr wieder einmal außer Rand und Band umherhüpfte, weil Hans aus lauter Freude über den Besuch seiner alten Kinderfrau zum Erbarmen spielte.
Als der Lärm lauter wurde, bekreuzigte sich Christine, nahm Suse bei der Hand und sagte gefaßt: „Komm, Kind, wir gehen, hier ist es nicht geheuer.“ Aber Suse hielt sie zurück und erklärte: „Ach, Christine, das ist ja nur Hans seine Geigenstunde.“
„Seine Geigenstunde?“ fragte Christine ganz verstört. — So was vermochte sie nicht zu fassen. —
„Wir wollen ihm helfen,“ sagte sie deshalb. „Das endet nicht gut.“
„Nein, nein, Christine, so geht’s immer. Zuerst ist Herr Schnurr oft wie außer sich, und hernach streicht er Hans über den Kopf Und sagt: ‚Brav, Büberl, mach’s das nächstemal wieder so.‘“
Trotz dieser zuversichtlichen Rede beruhigte sich Christine keineswegs. Bei jedem neuen Schelten fuhr sie zusammen. Ihren Schirm und Korb in der Hand stand sie auf dem Sprung da.
Ihre Angst vor der großen Stadt, wo alles drüber und drunter ging, wo man nicht ein noch aus wußte, wurde immer größer, und schließlich beschlich sie ein unheimliches Gefühl, als könne sie den weiten Weg nach Hause nicht mehr zurückfinden.
„Christine, gelt, du bleibst noch ein paar Tage bei uns?“ bat Suse.
„Nein, nein, ich will morgen wieder fort,“ sagte die alte Frau ängstlich. „Ich muß nach meiner Ziege sehen und nach meinem Garten.“
Suse machte ein trauriges Gesicht und fragte leise: „Gelt, Christine, du willst wieder fort, weil ich so häßlich zu dir war?“
„Nein, nein, ich bin ja nicht zu euch allein gekommen, Suse, ich bin noch wegen einem andern kleinen Mädchen gekommen, das will ich aufsuchen.“
Suse horchte verwundert auf.
„Zu einem andern kleinen Mädchen?“
Die alte Frau nickte. „Freilich.“
„Aber, Christine, hast du Verwandte hier?“
„Ja, es ist eine Enkelin von mir, ein kleines Mädchen, so alt wie du.“
„Was, Christine, du hast eine Enkelin?“ rief Suse ganz erstaunt, „und wir wissen’s nicht. Weiß es denn niemand auf der Welt?“
„Doch, dein Vater und deine Mutter wissen’s. Euch hab’ ich nur nie davon erzählt, weil ihr zu klein wart und weil ich nicht wollte, daß ihr auch traurig würdet.“
„Ach, Christine, bitte, bitte, erzähl’ mir. Ich bin ja jetzt schon sehr groß und werde mich beherrschen, auch wenn deine Erzählung sterbenstraurig wird. Ganz still will ich sein und dich nicht durch dummes Reden stören,“ drängte Suse.
— So erzählte denn Christine, die sonst ihre Sorgen ängstlich vor aller Welt hütete, ganz verwirrt durch die Ereignisse des Morgens und erschreckt durch die Eindrücke der geräuschvollen Geigenstunde, Suse den schweren Kummer ihres Lebens.
Das Doktorskind hörte still zu, und je mehr sie erfuhr, um so schwerer wurde ihr Herz.
Von einer einzigen Tochter hörte sie ihre Kinderfrau erzählen, die sich an einen bösen Menschen verheiratet, der getrunken und seine Frau schlecht behandelt habe und schuld an ihrem Tod geworden sei. Das Kind aus dieser Ehe, ein kleines Töchterchen, Resi genannt, habe die alte Frau nach dem Tode ihrer Tochter zu sich nehmen und erziehen wollen. Aber der Vater des Kindes habe verlangt, sie solle ihr Haus verkaufen, ihm den Erlös davon geben und mit ihm zusammen in die Stadt ziehen.
Durch Susens Vater sei indes jener Plan vereitelt worden, und Christine sei von Not und Elend verschont geblieben, wie der „Herr Doktor“ schon so und so oft gesagt habe.
Der Schwiegersohn der alten Frau habe sich schnell wieder verheiratet und sei in die Stadt gezogen. Von ihrem Enkelkind habe Christine nie mehr etwas erfahren, auch dann nicht, wenn sie ihm Geschenke gemacht oder um seinen Besuch gebeten habe. Nur um Geld habe ihr Schwiegersohn immer wieder geschrieben. Jetzt sei Christine gekommen, um ihr Enkelkind zu suchen, damit sie es vor ihrem Tod noch einmal sehe, denn sie wisse ja nicht, ob sie noch lange lebe.
Da nahm Suse Christine in den Arm und sagte in demselben Ton, in dem sie gewohnt war, ihre alte Kinderfrau sonst selbst reden zu hören: „Sei still, Christine, der liebe Gott weiß alles und hilft uns sicher. Christine, wir finden dein Resi ganz gewiß, und du wirst sehen, es wird dir viel Freude machen.“
Doch die alte Frau meinte mit Tränen im Auge: „Am Ende läßt mich der Vater das Kind nicht sehen und schickt mich fort von seinem Hause.“
„Aber nein, Christine, wir gehen ja alle mit, Hans und ich und Theobald und Toni. — Wenn wir gleich fünf Mann hoch anrücken, wird er schon Respekt bekommen. — Und dann fällt mir noch was ein, Christine, ich hab’ noch ein Fünfmarkstück von Onkel Fritz für ein schönes Buch geschenkt bekommen. Das geb’ ich deinem Schwiegersohn. Wenn dieser scheußliche, geizige Mann das Geldstück sieht, läßt er sicher viel besser mit sich reden. Und eines von meinen Kleidern nehmen wir auch mit und eine Schürze und Strümpfe und Schuh.“
Und in Suses Phantasie wurde dieser Gang zu Christines bösartigem Schwiegersohn zu einem glänzenden Triumphzug, in dem sie sich alle mit Ruhm bedeckten und Freude über Freude einheimsten.
„Wo wohnt denn dein Enkelkind?“ fragte die eifrige Suse.
Und die alte Frau zog ein Stück Papier hervor, auf dem eine Adresse von Rosels Hand geschrieben stand.
„Kleinstraße,“ las Suse und schüttelte den Kopf. — „Kleinstraße, die kenn’ ich nicht.“
Aber mit einemmal ging ein Leuchten über ihr Gesicht, und sie rief strahlend: „Weißt du, wer sie kennt? Fräulein Hirt kennt sie, die kennt alle Straßen und alle armen Kinder. — Die ist in vielen frommen Vereinen. Die weiß es. Komm, komm. Ich glaube bestimmt, daß sie es weiß. Sie wohnt jetzt über uns im vierten Stock, seit ihre Großmutter gestorben ist.“
Christine folgte ihr eilig mit trippelnden Schritten, das Herz schon viel froher und zuversichtlicher als bisher. Nur im Gang blieb sie wieder einmal erschreckt stehen. Hier streckte nämlich Ursel ihren Kopf zur Küchentür heraus und verkündete: „Um vier Uhr ist der Kaffee fertig,“ mit einer Miene, als wollte sie sagen: „Um vier Uhr sollt ihr alle gefressen werden!“
„Vergelt’s Gott,“ sagte die alte Frau und folgte Suse zur Tür hinaus und die Treppe hinauf.
In Fräulein Hirts Zimmer wurden die beiden von der liebenswürdigen Lehrerin auf das freundlichste begrüßt, und Christine bekam sogar den Ehrenplatz im Sofa angewiesen. Während sie nun dort verschüchtert und ängstlich saß, den Blick trostheischend auf Suse gerichtet, erzählte diese mit glühenden Wangen, ganz durchdrungen von dem Ernst der Stunde und von der Wichtigkeit ihrer Rolle, Christines Schicksal. Ab und zu flog ein mütterlich beruhigender Blick zu ihrer alten Kinderfrau hin oder sie streichelte jener sanft die Hand, indem sie sagte: „Es wird schon gut, es wird schon gut, Christine.“
Fräulein Hirt aber hörte gespannt Susens Erzählungen zu. Und schließlich, als diese fragte: „Kennen Sie die Straße, wo Resi wohnt?“ antwortete sie lächelnd: „Nicht nur die Straße, ich kenne Resi selbst. — Sie ist bei mir in der Sonntagsschule.“
„Resi selbst?“
Suse wurde dunkelrot vor Freude, sprang auf und rief: „Siehst du, siehst du, Christine! Alles kennt sie, alle Leute, und allen hilft sie und uns auch. Wir sind gerettet.“
Und das Doktorskind sprang auf, umarmte Fräulein Hirt und Christine und hätte sie am liebsten sofort zu Resi entführt.
„Weißt du was,“ rief sie, „jetzt warten wir keine Minute mehr! Jetzt gehen wir sofort zu Resi. Warum noch lange warten! Je eher du Resi siehst, Christine, je lieber ist’s dir ja doch.“
„Nein, nein,“ wehrte da Fräulein Hirt, „ich hole das Kind allein hierher. Es ist besser, Christine macht den weiten Weg dorthin nicht. So viele Anstrengungen nach einer solch langen Reise kann sie nicht ertragen.“ —
Aber den wahren Grund, weshalb sie den Besuch Christinens bei ihren Verwandten verhindern wollte, verschwieg sie. Sie fürchtete, daß die alte Frau von ihres Schwiegersohns Tür gewiesen würde. —
Zur Zeit des Nachmittagskaffes verließen die alte Frau und das kleine Mädchen ihre liebenswürdige Helferin.
In der Cimhuberschen Wohnung wurden die beiden in größter Ungeduld von Hans erwartet, dem es gar nicht angenehm gewesen war, unter Herrn Schnurrs Lehrmethode zu schwitzen, während seine Schwester ihr Leben genoß.
Auch Toni hatte sich eingefunden, um die Doktorskinder samt ihrem Besuch zu einer Wagenfahrt abzuholen. Strahlend erzählte sie, ihr Vater habe ihr fünf Mark für das Vergnügen geschenkt, und Theobald käme gleich in einer Droschke an.
Bei der Spazierfahrt mit den Kindern konnte Christine von dem weichen Sitz des Wagens aus bequem die Wunder der Stadt erschauen. Aber so schön sie auch waren, ihre Gedanken schweiften immer wieder ab, zurück nach Frau Cimhubers Haus, wo etwas viel Schöneres und Besseres ihrer wartete. — Ihr Enkelkind.
Und nach ihrer Rückkehr aus der Stadt bekam sie das Kind endlich zu sehen. An Fräulein Hirts Hand drückte sich Resi schüchtern zur Tür herein und stand verwirrt vor ihr.
Der alten Frau liefen die Tränen über das Gesicht, und sie brachte nur mühsam die Worte hervor: „Ich bin deine Großmutter, Resi.“
Stumm sah das kleine Mädchen zu ihr auf.
Da nahm Suse sie bei der Hand und sagte strahlend: „Ja, deine Großmutter, deine liebe Großmutter, unsere gute Christine. Die haben wir alle schrecklich lieb. Sie gehört dir. — Willst du ein Stück Heidelbeerkuchen haben? Den hat Christine uns mitgebracht. Wunderschön schmeckt er. Komm, iß. — Und du besuchst deine Großmutter, gelt? Und dann werden wir Freundinnen. Und Christine hat eine weiße Ziege und ein kleines Häuschen und viele Blumen im Garten. Das wird dir Freude machen, wenn du das alles siehst.“
Aber trotz dieser sprudelnden Rede taute Resi nicht auf, und kein Wort ging über ihre Lippen. Nur ganz am Schluß ihres Besuches, als Suse sie aufforderte, doch zum Abendessen zu bleiben, schüttelte sie den Kopf und sagte ängstlich: „Nein, nein, ich muß fort, ich werde sonst gescholten.“
So wurde sie denn entlassen, nachdem sie aber Fräulein Hirt versprochen hatte, am andern Tag noch einmal wiederzukommen.
Als Resi fortgegangen, war für Hans endlich der langersehnte Augenblick gekommen, an dem er Suse über die geheimnisvollen Dinge zur Rede stellen konnte, die sich hinter seinem Rücken abgespielt hatten. Er wünschte zu wissen, was für Beziehungen zwischen Christine und dem kleinen, fremden Mädchen beständen, und warum man gerade ihn nicht eingeweiht habe.
Nichts Angenehmeres konnte Suse widerfahren, als ihn über alles, was sich während der Geigenstunde zugetragen hatte, drei lang, drei breit aufzuklären.
„Christine schien wirklich froh zu sein, daß sie eine Stütze an mir hatte,“ schloß Suse voll Eingebildetheit ihren Bericht. „Ohne mich hätte sie Resi sicher nicht so leicht gefunden.“
Sei es nun, daß diese Aufgeblasenheit Hansens Zorn entfachte, oder daß ihn das schlechte Betragen von Resis Vater Christine gegenüber wirklich empörte, jedenfalls ergriff er plötzlich den ersten besten Stuhl und stieß ihn mit einer Gebärde auf, als wolle er ihn seiner vier Beine berauben. Dazu rief er: „Den Kopf sollte man ihm abhacken, diesem Lumpen, diesem scheußlichen, gemeinen Kerl, diesem Vater von Resi.“
„Sei still, sei doch still,“ mahnte Suse, „man meint ja gerade, du seist Herr Schnurr. Nächstens springst du auch hier herum wie von Sinnen. Wer benimmt sich denn so ungebildet!“
Etwas später, als Suse zu Bett gegangen war, da kam ihr wieder die Begegnung von heute morgen ins Gedächtnis zurück, und die Schamröte stieg ihr heiß ins Gesicht.
Sie mußte an die Zeit denken, als Herr Edwin dagewesen war und an ihre Vorsätze von damals, dem Missionar nachzueifern und immer nur Gutes zu tun. — Große Taten wollte sie vollbringen — in fremde Länder wollte sie ziehen und unbekannten Menschen helfen. — Und nun? Ihre alte Christine hatte sie verleugnet, die Frau, die, solange sie lebte, ihr nur Gutes getan hatte! — Wie hatte Herr Edwin doch beim Abschied gesagt: „Bewahret euch euer reines Herz.“ Da begann Suse laut zu schluchzen und schlüpfte unter die Bettdecke. Und bat Gott um Hilfe gegen ihr eitles Herz.
Am folgenden Tage rüstete sich Christine zur Abreise. Ihr Gesicht strahlte wieder in dem lieben, freundlichen Glanze. Der schwere Gang in die Stadt war ihr schließlich doch zum Segen ausgeschlagen. Von all den fremden Menschen, die sie hier kennen gelernt hatte, war ihr nur Gutes widerfahren. Und was das Schönste war, sie hatte ihr Enkelkind wiedergefunden. Es bestand sogar Aussicht, daß sie das kleine Mädchen bald für immer zu sich nehmen konnte. —
Fräulein Hirt hatte ihr Hoffnungen darauf gemacht. Mit mütterlich beschirmendem Blick hatte Suse ihre Versprechungen angehört und war sich fast erwachsen vorgekommen. Wußte sie doch viel mehr als Christine und Hans, nämlich, daß Resi mit Gewalt ihren Eltern genommen werden würde, weil sie so schlecht behandelt wurde.
Aber Christine sollte davon nichts wissen. Sie sollte leichten Herzens in ihre Heimat zurückkehren.