Mein erster Schultag.

Im Jahre 1877 wurde ich nach dem Westen Amerikas auf eine der dortigen Indianerreservationen geschickt, um daselbst eine Schule anzufangen. Auf der Reservation, zu der ich gesandt wurde, war bis dahin noch keine Schule gewesen. Keiner der dort lebenden Indianer hatte eine Schulerziehung genossen. Keiner konnte die englische Sprache reden und verstehen. Man sagte mir dies alles, bevor ich meine Reise dorthin antrat. Der Verwalter der Reservation, Agent genannt, hatte kürzlich ein Schulhaus, sowie ein Wohnhaus für mich und meinen Gehilfen aufführen lassen. Ich war noch jung und hatte wenig Erfahrung im Schulehalten. Ich konnte nicht recht verstehen, wie man dazu gekommen war, mich für diesen Posten auszuersehen. Aber ich war gesund, kräftig und unternehmungslustig. Das war wohl der Grund, warum man gerade mich dahin schickte.

Von meiner langen Reise, von Land und Leuten, die ich an meinem Bestimmungsorte antraf, will ich hier nicht erzählen, sondern nur von meinem ersten Schultage. Ein erster Schultag ist ja immer etwas besonderes. Ich werde ihn in meinem ganzen Leben nicht vergessen, obwohl schon etliche Jahrzehnte seit jenem Tage verflossen sind.

In all den vielen Indianerhütten war angezeigt worden, daß die Erwachsenen am nächsten Morgen alle Kinder in das neue Haus bringen sollten. Das Schulhaus bestand aus einem großen Zimmer. Die eine Hälfte desselben war mit Tischen und Bänken besetzt, die andere war leer. Auf dieser freien Hälfte sollten die Kinder den Anweisungen entsprechend, die ich erhalten hatte, körperliche Übungen machen.

Obwohl man zu den Indianern nur durch Zeichen hatte reden können, hatten sie doch alle verstanden, was vor sich gehen sollte. Der Indianer besitzt eine seltene Geschicklichkeit darin, sich durch Zeichen und Mienen verständlich zu machen, und wer sich die nötige Mühe gibt zu lernen, kann in kurzer Zeit von ihm lernen, sich ihm verständlich zu machen. Wie gesagt, die Indianer, die vom Hörensagen wohl wußten, was es mit einer Schule für eine Bewandtnis hat, hatten alle verstanden, daß auch sie nun eine Schule bekamen, und daß ihre Kinder dahin gehen sollten.

Der Morgen, an dem ich meinen ersten Schultag halten sollte, brach an. Ich stand früh auf voller Erwartung der Dinge, die da kommen sollten. Die Hauptfrage war für mich zunächst, wie viele Kinder ich wohl erhalten würde.

Zur festgesetzten Stunde läutete ich die neue große Schulglocke. Es dauerte auch nicht lange, so kamen die Indianer an. Sie kamen von allen Seiten, teils zu Fuß, teils auf ihren kleinen Pferden reitend. Aber, was war denn das? Ich sah nicht ein einziges Kind. Nur Männer und Frauen, junge und alte und ganz alte waren erschienen. Es waren ihrer etliche hundert, aber abgesehen von den Säuglingen, die die Mütter auf den Armen trugen, waren keine Kinder dabei. Die Leute kamen nicht ins Haus, sie setzten sich vor der weit geöffneten Eingangstür auf den Erdboden.

Nun erschien auch der Herr Agent. In seiner Begleitung befanden sich einige der weißen Regierungsangestellten und ein Dutzend berittener Indianerpolizisten.

Der Agent sah auf den ersten Blick, daß die Kinder fehlten. Wo waren letztere? Es dauerte etwa eine halbe Stunde, bis man der Sache auf den Grund kam. Die Indianer, die alle Mann für Mann von der neuen Schule nichts wissen wollten, hatten ihre Kinder in die Berge gejagt und ihnen Auftrag gegeben, sich zu verstecken. Sie selbst aber hatten es nicht gewagt, der Aufforderung des Agenten nicht nachzukommen und waren erschienen. Sie behaupteten freilich, die Kinder wären ihnen davongelaufen, sie wüßten nicht, wo sie seien, aber das war nicht der Wahrheit entsprechend, wie sich im Laufe der Verhandlungen herausstellte.

Jetzt wandte sich der Agent an seine Polizisten. Diese waren verheiratete Männer und hatten alle schulpflichtige Kinder. Er wollte wissen, wo sie ihre Kinder hätten. Die Polizisten hatten es geradeso gemacht wie die übrigen. Auch sie hatten sie in die Berge gejagt.

Nun machte der Agent der ganzen Gesellschaft klar, daß sie sich sofort auf die Suche nach ihren Kindern machen und dieselben, sobald sie sie gefunden hätten, in die Schule bringen sollten. Die Indianer schienen zu merken, daß es Ernst sei; sie erhoben sich einer nach dem andern und gingen und ritten davon. Bald waren sie den Blicken der Zurückbleibenden entschwunden. Der Agent ging mit seinen Angestellten wieder in sein etwa eine Meile entferntes Bureau, und mein Gehilfe und ich blieben allein zurück.

Wir beide setzten uns auf die Schwelle der Haustür und warteten auf das, was kommen werde. Wir sprachen darüber, ob die Indianer wohl zurückkommen und ihre Kinder bringen würden und hatten so unsere Bedenken. Wir mochten wohl eine gute Stunde gewartet haben, da sahen wir etliche Reiter kommen. Es waren ihrer drei. Sie hatten es nicht sehr eilig. Jetzt kamen sie näher. Wir konnten erkennen, daß es Polizisten waren und sahen auch, daß sie nicht allein auf ihren Pferden saßen. Jeder von den dreien hatte ein paar Kinder hinter sich sitzen — zwei von ihnen hatten je zwei Kinder, der dritte sogar drei. Im ganzen waren es sieben Kinder, zwei Mädchen und fünf Knaben.

Einer der Polizisten hatte in dreijährigem Dienst auf der Agentur ein wenig englisch gelernt, vielleicht mehr als er zeigen mochte. Aus ihm bekamen wir so nach und nach heraus, daß die sieben Kinder den drei Polizisten gehörten, daß dies aber auch die einzigen Kinder seien, die kommen würden, die andern seien alle weit, ganz weit weg, sie kämen vielleicht nie wieder.

Die Schule konnte ihren Anfang nehmen. Wir hatten auf mindestens siebenzig Kinder für den ersten Tag gerechnet und hatten nun ihrer sieben, aber es war immerhin ein Anfang.

Ich winkte den Kindern, sie sollten in das Schulhaus kommen. Sie wollten aber nicht. Als ich mich ihnen näherte, verkrochen sie sich alle hinter ihren Vätern. Ich sagte darauf den Vätern, daß sie mit den Kindern in die Schule kommen sollten. Das half. Die Polizisten gingen hinein und die sieben Kinder folgten ihnen. Nun waren sie wenigstens drinnen. Die drei Männer setzten sich sofort in einer Ecke des freien Raumes auf den Fußboden. Die Kinder folgten ihrem Beispiel. Aber da konnten sie doch nicht sitzen bleiben; sie sollten ja auf den Bänken sitzen.

Mein Gehilfe und ich setzten uns auf eine der Bänke, um es den Kindern vorzumachen. Wir zeigten ihnen dann durch Gebärden, wie schön es sich da sitze, viel besser als auf dem Fußboden. Dann standen wir wieder auf und erneuerten unsere Versuche, die Kleinen dazu zu bewegen, sich auf die Bänke zu setzen. Ein energisches Kopfschütteln von den sieben schwarzen Köpfen war die einzige Antwort. Sie wollten nicht. Da meinte mein Gehilfe, der sehr klug war, es sei doch auch garnicht nötig, daß die Kinder heute am ersten Tage gleich auf den Bänken säßen, das würde sich schon mit der Zeit finden. Ich stimmte ihm bei, und so gaben wir unsere Versuche, die Kinder auf die Bänke zu bringen, einstweilen auf.

„Aber ihre Hüte sollten sie doch abnehmen,“ meinte mein Gehilfe.

„Ja, da haben Sie recht,“ antwortete ich.

„Versuchen wir es, die Jungen dazu zu bewegen.“

Wir gingen beide hin, holten unsere Hüte und setzten uns dieselben auf den Kopf. Dann winkten wir den Jungen, aufzupassen. Wir gingen nach der Stelle im Zimmer hin, wo an der Wand eine Reihe von Haken angebracht war, nahmen unsere Hüte ab und hängten sie auf. Darnach forderten wir die Jungen durch Zeichen auf, ein gleiches zu tun. Ihre Antwort bestand darin, daß sie sich ihre Hüte etwas fester ins Gesicht drückten.

„Hier muß man Gewalt gebrauchen,“ sagte ich zu meinem Gehilfen.

„Besser nicht,“ meinte dieser. Ich aber ließ mich nicht zurückhalten. Ich ging gemächlich zu den fünf Jungen hin, und ehe sie sich dessen versahen, hatte ich ihre fünf Hüte in meiner Hand und trug sie zu den Haken. Ehe ich aber dort anlangte, waren die Jungen aufgesprungen, mir gefolgt und hatten mir die Hüte entrissen. Noch zur rechten Zeit dachte ich daran, daß ich einen Fehler gemacht hatte. Ich hatte mich an dem Eigentum der Kinder vergriffen. Wie konnte ich bei diesen Naturkindern einen andern Ausgang der Sache erwarten, als er sich gezeigt hatte. Anstatt mich zu ärgern oder böse zu werden, drehte ich mich um und lachte. Da lachten auch die Jungen und setzten sich seelenvergnügt die zerlumpten Filzhüte wieder auf die dichten, schwarzen Haare.

Aber siehe da, was machten die beiden Mädchen? Sie hatten wohl gleich gemerkt, daß die Hutgeschichte sie nichts angehe, weil sie keine Hüte auf den Köpfen hatten. So fühlten sie sich frei und unbelästigt. Woher sie die Tiere hatten, weiß ich nicht, sie mußten sie wohl unter ihren Umschlagetüchern mit hereingebracht haben. Die eine der beiden hatte einen, die andere sogar zwei kleine, junge Hunde in ihrem Schoß und spielten damit.

Ganz entsetzt sagte ich zu meinem Gehilfen: „Sehen Sie nur die beiden Mädchen! Sie haben Hunde mitgebracht und spielen damit. Die müssen wir ihnen unbedingt fortnehmen. So etwas können wir hier nicht dulden.“

„Warum nicht? Wollen wir doch froh sein, daß die Mädchen sich beschäftigen! Es ist ein Zeichen, daß sie sich hier bereits ein wenig zu Hause fühlen. Täten sie das nicht, so würden sie die Hunde nicht hervorgeholt und mit ihnen zu spielen angefangen haben. Es ist immer schon etwas, wenn wir in dem Bericht, den wir nach Washington senden sollen, sagen können: Wir hatten zwei Mädchen. Dieselben haben mit Hunden gespielt.“

Ich fing an, in meinem Herzen dem lieben Gott zu danken, daß er mir diesen Gehilfen beschert hatte. Er war wirklich ein sehr verständiger Mann. Er wußte die Dinge, den Verhältnissen entsprechend, von der rechten Seiten anzusehen und anzugreifen.

Die beiden Mädchen durften also mit den Hunden weiter spielen. Sie waren beschäftigt.

Nun wieder zu den Jungen! Ich machte unwillkürlich ein paar Schritte zu der Ecke hin, in der sie saßen. Schnell griffen sämtliche Jungen nach ihren Hüten und hielten dieselben mit ihren schmutzigen Händen fest. Sie schienen zu befürchten, daß ich wieder einen Versuch machen wolle, ihnen die geliebte Kopfbedeckung zu entreißen. Ich ging noch ein paar Schritte weiter, da rissen sie ihre Hüte, wie auf ein gegebenes Zeichen, von den Köpfen und — setzten sich darauf.

Weg waren sie.

„Hurra!“ rief mein Gehilfe, „nun haben wir die Hüte von den Köpfen weg! Großartiger Erfolg! Wird auch nach Washington berichtet! Ob sie an den Haken hängen oder ob die Jungen darauf sitzen, das ist ganz einerlei, solange sie nur nicht auf ihren Köpfen sind.“

„Aber das ist noch keine Beschäftigung, daß die Jungen sich auf ihre Hüte setzen.“

„Nein, das nicht, aber doch die Vorbereitung zu einer Beschäftigung.“

„Ich werde ihnen etwas an die Wandtafel zeichnen. Vielleicht schauen sie zu und nehmen Interesse daran.“

„Ja, tun Sie das,“ sagte mein Gehilfe.

Ich ging an die große Wandtafel, nahm ein Stück Kreide und zeichnete einen Indianerkopf mit breiten langen Federn im Haar.

Als ich mich umdrehte, sah ich, daß sämtliche Jungen sich erhoben hatten und mit weit geöffneten Augen mir zuschauten.

Jetzt kam mir mein Nebenmann zur Hilfe. Er hatte sich Papier und Bleifeder geholt, setzte sich auf eine der Bänke und fing an, den Indianerkopf, den ich an die Wandtafel machte, nachzuzeichnen.

Die Indianerjungen wollten doch, neugierig wie sie sind, wissen, was der Mann tat. Auf den Zehenspitzen näherte sich erst einer, dann der zweite, der dritte, der vierte, der letzte der Jungen dem Zeichner. Der tat, als bemerke er es nicht. Er saß am Ende einer der langen Bänke, deren jede etwa zehn Kindern Platz bot.

Wie gesagt, mein Gehilfe kümmerte sich nicht um die Jungen. Er zeichnete ruhig weiter. Als aber einer derselben dicht an die Bank herankam, rückte er ein wenig weiter, als wolle er dem Jungen Platz machen, daß er sich neben ihm setzen könne. Und wirklich, der Junge setzte sich! Nun wollten aber auch der nächste und die andern drei sitzen. Mein Gehilfe mußte rücken. Und wie gern tat er das! Bald saßen alle fünf Jungen neben ihm auf der Bank. Die am äußersten Ende Sitzenden konnten aber nicht recht sehen, wie der Mann zeichnete. Da sprang der letzte auf, lief um die Bank herum und rutschte vom andern Ende her in die Bank hinein, so daß er ganz dicht neben meinem Gehilfen saß und ihm genau auf die Finger sehen konnte. Noch zwei andere Jungen folgten seinem Beispiel. Nun saß mein Gehilfe mitten zwischen den Jungen, zwei hatte er an der einen, drei an der andren Seite.

Jetzt war es an mir, ihm zu Hilfe zu kommen. Ich holte Papier und Bleifedern und gab jedem Knaben das Nötige. Es waren keine kleinen Knaben. Sie waren alle im Alter von zwölf bis fünfzehn Jahren, aber wie gesagt noch nie in einer Schule gewesen. Sie schienen zu verstehen, was sie tun sollten. Es währte auch garnicht so sehr lange, da saßen sie alle fünf und versuchten Indianerköpfe zu zeichnen. Sie taten das nicht ohne Geschick, und als ich nach einiger Zeit noch einen Indianerfrauenkopf zu dem Männerkopf zeichnete, gerieten sie geradezu in Eifer bei ihrer Arbeit. Mein Gehilfe spielte mit Schuljunge. Bessere Hilfe konnte er mir nicht leisten.

Als ich nach einiger Zeit nach meiner Uhr sah, bemerkte ich, daß wir schon eine Viertelstunde länger Schule gehalten hatten, als vorgeschrieben war.

So konnten wir denn unsern ersten Schultag schließen. Wir entließen die Kinder, die fröhlich und ausgelassen davonliefen, nachdem wir ihnen klargemacht hatten, daß sie morgen und alle Tage wieder kommen, auch die andern alle Kinder mitbringen müßten.

In dem Bericht, den wir über unsern ersten Schultag nach Washington sandten, schrieben wir folgendes:

Schülerzahl: Fünf Knaben und zwei Mädchen.

Beschäftigung: Die Mädchen haben mit jungen Hunden gespielt.

Die Knaben haben Indianerköpfe gezeichnet.

Besondere Bemerkungen: Die Knaben haben ihre Hüte abgenommen und auf den Bänken gesessen.

Dieser Bericht trug uns eine lobende Anerkennung für unsere Tätigkeit an unserem ersten Schultage ein. Die Leute in Washington haben nämlich ein Verständnis dafür, was es heißt, mit Indianerkindern, die noch nichts von einer Schule wissen, eine solche anzufangen.

Die lieben Leser und Leserinnen möchten vielleicht ganz gerne noch wissen, wie es in der Schule am nächsten und an den folgenden Tagen weiter gegangen ist. Das kann ich ihnen aber in diesem Bericht nicht sagen, denn er trägt die Überschrift: „Mein erster Schultag“, und dieser war mit der Entlassung der Schulkinder zu Ende.