7. Die deutsche Literatur.

Vor einigen Tagen traf ich am dritten Ort meinen Nachbar, Doktor Salbe. Er erkannte mich als Nachbar, freute sich, mich zu sehen, und lud mich ein, ihn hie und da zu besuchen. Ich versäumte es nicht. Doktor Salbe ist ein unterrichteter Mann, und ich bin gerne in seiner Gesellschaft. Anfangs war es mir schwer, seiner Einladung in den goldenen Hahn zum zweitenmal zu folgen; diese qualmende Bierstube wollte mir, da ich an diese Tabakshöhlen nicht gewöhnt war, nicht zusagen. Aber ich gewöhnte mich daran, und so mancher Kernwitz, der in dieser Gesellschaft fiel, die gewaltige, tönende Sprache der Leutnants, die aus allen Wissenschaften zusammengeholten Ausdrücke der jungen Doktoren entschädigten mich für das Aeußere. So war es auch in Doktor Salbes Haus. Eine Unordnung, beinahe Unreinlichkeit ohnegleichen. Wenn er mir ein neues Gedicht vorlesen wollte, blickte er mit Falkenaugen im Zimmer umher und fuhr dann oft plötzlich unter den Tisch, denn dorthin hatte sich der Wisch verloren. Einmal erzählte er mir von einem Sonett, an welchem er drei Tage gedreht habe. Es sei ganz unübertrefflich, und die Ausgänge tönen wie lauter Italienisch und Spanisch durcheinander. Er suchte in allen Ecken, auf allen Tischen, in allen Fächern; es fand sich nicht. Endlich führte ihm der Zufall ein zusammengedrehtes, halbverbranntes Papier in die Hand. Er sah es an, er erblaßte, er schlug sich vor die Stirne. »O ihr Götter!« rief er aus, »mit meinem herrlichsten Sonett hat der verdammte Leutnant Münstertürmchen seine Pfeife anzündet! Wie hättest du geglänzt, klangvolles Gedicht, in der Zeitung für noble und gebildete Leute! Jetzt muß ich dich aus meinem miserablen Gedächtnis kompensieren. Du bist ein Torso, und ich soll dir neue Füße einsetzen!«

Trotz dieser schrecklichen Unordnung gefiel es mir wohl bei Salbe. Er hatte eine gewisse gelehrte Atmosphäre, die jeden schlechten, trivialen Gedanken zu ersticken schien; man konnte sich ganz behaglich in seiner Nähe fühlen, denn er hatte eine ungemeine Literatur im Kopf und belehrte im Gespräch auf angenehme Weise. Wir sprachen eines Nachmittags, den ich bei ihm zubrachte, von Literatur und ihrem Einfluß auf die Menschen. Ich sagte: »Die Franzosen haben das vor uns voraus, daß alle ihre Geschichtswerke, ihre Romane, ihre Gedichte, selbst ihre philosophischen Bücher so geschrieben sind, daß sie jeder lesen kann. Die Werke ihrer größten Geister sind unzähligemal als Stereotypen gedruckt, ich habe oft auf meinen Reisen gesehen, daß ein geringer Handwerker, ein Soldat, selbst ein Bauer seinen Voltaire, seinen Rousseau las; dadurch wird die Intelligenz unbegreiflich gesteigert, daher kommt auch, daß jene Redner in der Kammer so ungeheuer wirken; nicht durch den verschwebenden Schall von der Tribüne, der Einzelkampf richtet dort wenig aus, wo man in Massen kämpft, sondern durch die Verbreitung dieser Reden durch die öffentlichen Blätter. Der geringere Bürger, der Landmann liest begierig diese Reden; seine Lektüre hat ihn vorbereitet, das Wahre von dem Falschen zu sondern, und ich versichere Sie, ich habe diese Leute mit einer Wahrheit, mit einer Tiefe über die Schönheiten einer Rede, über die Wendungen eines Satzes sprechen hören, die mich in Verwunderung setzte, und die ich vergebens selbst in unsern Mittelständen, bei dem Kaufmann, dem Künstler, dem Schreiber, suchen würde.«

»Sie machen damit unserm Vaterland und seinen Schriftstellern ein schlechtes Kompliment,« antwortete Doktor Salbe. »Es ist wahr, die eigentlichen Gelehrten bei uns bilden sich eine eigene Sprache; sie konnten sich aus dem früheren lateinischen Jargon nicht gleich in das ehrliche Deutsch finden. Daher kommt es, daß man bei uns, außer Platt, Schwäbisch und Hochdeutsch, auch noch Kantisch, Schellingisch, Hegelisch etc. spricht und schreibt; man muß zu diesen Sprachen eigene Wörterbücher haben, um sie zu verstehen, und es ist kein Wunder, daß man Kant ins Deutsche übersetzt hat.«

»Aber sagen Sie mir um Gottes willen, zu was denn diese Sprachverwirrung? Wie können denn unsere Philosophen auf die Intelligenz des Volkes wirken? Und dazu sind sie ja doch auf der Welt.«

»Im Gegenteil,« erwiderte Salbe, »da haben Sie eine völlig unrichtige Ansicht. Es mag dies vielleicht bei den französischen Philosophen der Fall sein. Aber bei uns sind die Philosophen nur für das Katheder geschaffen; sie haben nur das kleine Publikum, das vor ihnen in den Bänken sitzt, über Sonne, Mond und Sterne und die Erbsünde aufzuklären; sonst haben sie lediglich nichts mit dem Publikum zu tun. Kennen Sie denn nicht den Artikel im Regensburger Reichstags-Abschied?«

»Wie? ein Artikel über die Philosophen? Kein Wort habe ich davon gehört.«

»Man wußte wohl, daß die populäre Philosophie der Franzosen für das Volk durchaus schädlich sei, weil die Menschen dadurch Aufklärung, eine Art von illegitimer Vernunft bekommen; daher hat man sehr weise damals das Gesetz erlassen und heimlich auf allen Universitäten und Gelehrten-Anstalten verbreitet: ›Alldieweilen, die durch die in das für sich schon intelligente Leben so leicht eingreifende Philosophie angesteckten Menschen allzuleicht rebellische sogenannte Ideen bekommen, so sollen die für die auf den zu der Vorbereitung junger Leute errichteten Instituten bestehenden Lehrstühlen angestellten Philosophen dahin gehalten sein, daß, wenn sie Bücher schreiben, so in dies Fach einschlagen, diese also abgefaßt seien, daß andere zu dieser Wissenschaft nicht bestimmte Leute solche gar nicht kapieren können.‹«

»Das stand im Regensburger Reichstags-Abschied?«

»Jawohl, und daher dämmten die Philosophen ihre Bücher mit allerlei wunderlichen Redensarten ein, so daß, wenn ein ungelehrter Bürger in ein solches Opus hineinschaute, ihm die Worte vor den Augen herumtanzten, ihm die überschwenglichen Gedanken wie ein Mühlrad im Kopf herumgingen, und er in Gefahr war, darüber ein Narr zu werden. Es war dies auch ganz gut; Sie wissen, die Deutschen sind eine Nation, die gar zu schnell Feuer fängt wie nasser Zunder, daher war dies Mittel ganz gut. Denken Sie nur an jene Zeit, wo eine Regierung dies Interdikt aufhob, und ein Gelehrter Reden an die deutsche Nation in natürlicher Sprache hielt, was entstand daraus für ein Spektakel. Man hat daher das Interdikt aufs neue geschärft, ja, die Philosophen müssen jetzt sogar mystisch sprechen; selbst wenn einer z. B. über Deutschland und die Revolution schreiben wollte, müßte er seiner Rede kurzen Sinn in diese Wortspezereien einbalsamieren.«

»Ha! jetzt erst ist mir das große Geheimnis unserer Literatur klar und deutlich! Also daher kommt es, daß wir so weit zurück sind; da bleibt also für das Volk nichts übrig als Genoveva und Eulenspiegel?«

»Das möchte ich doch nicht behaupten,« sagte Salbe; »unsere mittlern und untern Stände lesen sehr viel, nur natürlich nichts, was auf den gesunden Menschenverstand Anspruch machen könnte. Sie haben ihren Spieß, ihren Cramer, ihren Lafontaine, in neuerer Zeit hauptsächlich ihren Clauren. Alles liest, aber unschädliches Zeug, das ihren Verstand ganz gelinde affiziert, Gespenstergeschichten, Mordtaten, Räuberhistorien, Heiratsaffären mit vielem Geld etc.«

»O Gott! weiter nichts? so kommen also unsere größten Geister, ein Schiller, ein Goethe, ein Tieck nicht unter das Publikum?«

»Behüte! Schiller kennen sie zur Not vom Theater her, aber er ist meist zu hoch für sie, eigentlich zu gut. Von Goethe, Tieck, Jean Paul weiß man nichts. Sie haben für die Ewigkeit geschrieben, aber nicht für unser Volk.«