Man sollte, sagte Herr Andreas von Balthesser, seine Bücher in höchstens 100 Exemplaren drucken lassen, die man verschenkte. Das Papier müßte fest und holzfrei, vorzüglich Bütten sein, die Textsäule ungefähr ein Sechstel der großen Seite einnehmen. Kein Buch wäre zu binden: das bliebe dem Eigentümer und seinem persönlichen Geschmack überlassen. Wenn man, wie dies heute leider noch immer der Fall ist, seine Bücher durch einen Verlag veröffentlichen und sie an den Türen der Redaktionen um ein gütiges Geleitwort bitten läßt, verdient der Autor eigentlich gar nicht, daß ein zärtlicher Schätzer seines Werkes die Gabe ihm mit Dank quittiere. Wozu geht ein Dichter, der etwas auf sich hält, auf den Markt? Um des Ruhmes willen? Den verleiht die Mitwelt nicht. Und er kann dem stillsten Buche zuteil werden, das vergessen in dem Winkel einer kleinen Bibliothek steht. Um des Geldes willen? Wie selten hat ein wirklich vortreffliches Buch seinem Schöpfer Geld eingetragen! Aus Eitelkeit, das heißt des zweifelhaften Vergnügens wegen, sein Werk unter zahllosen unberufenen nach einem berufenen Beurteiler auf der deplorabeln Suche zu sehen?
Sie vergessen, Herr von Balthesser, erlaubte sich der junge bescheidene Schriftsteller zu bemerken, daß man ein Buch wohl ins Ungewisse flattern läßt, gleichwie ein dem Käfig entronnener Vogel, der aus fremden Zonen stammt, ins Ungewisse flattert, daß aber liebevolle Aufnahme ihm zuteil werden kann, von der sein Schöpfer niemals erfährt. Ist das nicht schön? Und bietet der eine Leser, dem Ihr Werk ein süßes Ereignis der Seele geworden ist, Ihrer Einbildung nicht Ersatz für hundert andre, die ihm nicht gewachsen sind?
BALTHESSER: Das ist eine zärtliche Idylle in Wachs, gewickelt in Watte, die mit Rosenwasser befeuchtet ist und verschämt duftet.
DER JUNGE BESCHEIDENE SCHRIFTSTELLER: Ist das ein Einwand, Herr von Balthesser?
BALTHESSER: Nein, nur eine spöttische Bewegung der Mundwinkel.
DER JUNGE BESCHEIDENE SCHRIFTSTELLER: Die ich also nur als ehrfürchtiger Beobachter Ihres interessanten Mienenspiels zu werten habe.
BALTHESSER: Wie Sie wollen. Ich jedenfalls werde meine Bücher nicht mehr herausgeben, wenn ich überhaupt noch den Heroismus aufbringen sollte, Bücher zu schreiben.
DER JUNGE BESCHEIDENE SCHRIFTSTELLER: Sie werden gewiß noch Bücher schreiben, Herr von Balthesser, und Sie werden sie auch herausgeben.
BALTHESSER: Woher wissen Sie das?
DER JUNGE BESCHEIDENE SCHRIFTSTELLER: Ich erlaube mir das daraus zu schließen, daß Sie so gegen das Herausgeben von Büchern perorieren.
BALTHESSER: Sie sind ein malitiöser Partner. Aber ich liebe das. Nichts ist langweiliger als Zustimmung... O doch: eines ist noch langweiliger: eben dieses, Bücher zu schreiben.
DER JUNGE BESCHEIDENE SCHRIFTSTELLER: Sie müssen es wissen.
BALTHESSER: Sie verblüffen mich angenehm.
DER JUNGE BESCHEIDENE SCHRIFTSTELLER verneigt sich.
BALTHESSER: Ich habe sonst bei „zeitgenössischen Autoren“ wenig Geist verspürt.
DER JUNGE BESCHEIDENE SCHRIFTSTELLER: Um so bequemer für Sie, Herr von Balthesser.
BALTHESSER: Wieso?
DER JUNGE BESCHEIDENE SCHRIFTSTELLER: Weil Sie sich sicherlich die Mühe genommen hätten, ihn zu negieren.
BALTHESSER: Sie meinen doch nicht etwa, daß ich etwas ähnliches wie Kritik geübt hätte?
DER JUNGE BESCHEIDENE SCHRIFTSTELLER: Ich müßte mich sehr täuschen, wenn Sie nicht oftmals bereits „Kritik geübt“ hätten.
BALTHESSER: Man spricht niemals von gestern.
DER JUNGE BESCHEIDENE SCHRIFTSTELLER: Ich werde mich bemühen, diese Lebensregel zu befolgen.
BALTHESSER: Man soll sich niemals bemühen.
DER JUNGE BESCHEIDENE SCHRIFTSTELLER: Sondern andre. Sehr richtig.
BALTHESSER: Gewiß. Wer andre bemüht, ist der Herr seiner Wünsche.
DER JUNGE BESCHEIDENE SCHRIFTSTELLER: Aber der Sklave seiner Launen. Ich habe die Ehre, mich Ihnen zu empfehlen, Herr von Balthesser.