Ich schämte mich sehr wegen meiner Unwissenheit und sagte lange kein Wort.

»Wenn du Verstand hättest,« fuhr mein Bruder fort, »was ich leider nach den paar Worten, die ich das Glück hatte (er machte eine ironische Verbeugung), mit dir zu wechseln, nicht vermute, so müßtest du sehen, daß ich ein außergewöhnlicher Mensch bin und meine ganze Natur auf einen Künstler deutet; leider haben diese Leute (er zeigte wieder nach meinen Eltern) für so etwas gar kein Verständnis und werden meine Größe wahrscheinlich nie begreifen. Von dir aber erwarte ich, daß du aus deiner gegenwärtigen Laufbahn (ich bewunderte sein Feingefühl, die Laufbahn nicht zu nennen) bald herauskommst, damit ich mich deiner nicht zu schämen brauche, denn wenn du auch meine Höhe nicht erreichen wirst, so könntest du es doch weiterbringen, als du es bisher gebracht hast.«

Mein Vater war schon seit einiger Zeit vom Tische aufgestanden und ging mit auf dem Rücken gekreuzten Armen im Zimmer auf und ab. Er räusperte sich manches Mal, als ob ihm etwas in der Kehle stecke, und ich merkte, daß er zornig war. Plötzlich blieb er vor meinem Bruder stehen. »Meinst du nicht,« fragte er, »daß es für dich am besten wäre, wenn du so bald wie möglich unter deinesgleichen verkehren könntest?«

»Gewiß, lieber Vater,« entgegnete mein Bruder mit dem größten Gleichmut, »ich habe beschlossen, schon morgen nach Wien zu fahren, nur muß ich dich bitten, mir die paar nötigen Kronen zur Fahrt zu geben, eine Kleinigkeit, die ich dir schon in einigen Monaten tausendfach zurückbezahlen werde.«

In der Ruhe, mit der sie sich jetzt ansahen, lag etwas furchtbar Bedrückendes. Meine Mutter mußte das auch gefühlt haben, denn sie stand hastig auf und sagte: »Macht doch das morgen aus und geht jetzt schlafen.«

Am nächsten Tage brach das Gewitter los. Mein Bruder wollte eine bestimmte Summe Geldes haben, und mein Vater weigerte sich, ihm die ganze Summe zu geben.

»Willst du, daß ich ohne einen Kreuzer in Wien ankomme?«

»Ich gebe dir so viel ich dir geben kann; ich kann doch nicht deinetwegen die kleinen Kinder verhungern lassen!«

»So willst du lieber, daß ich verhungere?«

»Dazu wird es wohl nicht kommen. Du bist alt genug, um irgend etwas angreifen zu können und dir dein Brot zu verdienen.«

»Alt genug? Sechzehn Jahre nennst du alt genug?«

»Warum nicht? Ich habe mit elf Jahren von zu Hause fort gemußt und habe mir seither mein Brot verdient.«

»Brot verdient?« sagte mein Bruder höhnisch, »Schulden hast du gemacht und uns in einen Ruf gebracht, daß uns kein Hund anschaut.«

Die Zornesader schwoll dick auf meines Vaters Stirne. »Du,« schrie er und stürzte sich auf meinen Bruder, »ist das der Dank dafür, daß ich mich, seit ihr auf der Welt seid, schinde und plage, um euch aufbringen zu können.«

Mein Bruder mußte wohl einen solchen Ausbruch von seiten meines stets ruhigen Vaters nicht erwartet haben; er wurde ganz blaß und suchte sich aus dem Griffe meines Vaters zu befreien. Nachdem ihm das gelungen war, nahm er seinen Hut und ging zur Türe; bevor er sie aber hinter sich schloß, drehte er sich um und sagte: »Morgen werdet ihr mich im Kamp finden.« Der Kamp war ein ziemlich tiefer und breiter Fluß. –

Nachdem er fort war, bot das Zimmer ein Bild des Jammers. Meine Mutter lehnte weinend an der Wand, mein Vater schritt mit pfeifender Brust im Zimmer auf und ab, das kleinste der Kinder war von dem Lärm erwacht und weinte, und ich zitterte vor Aufregung am ganzen Körper. – Was mich am meisten aufregte, waren meines Bruders letzte Worte: »Morgen werdet ihr mich im Kamp finden.« – Ich stellte mir vor, wie er sich in die schwarzgrünen Wellen stürzte und langsam untersank. In meiner Verzweiflung weinte ich laut und sagte zu meinem Vater, er habe es zu weit getrieben, worauf dieser, ohne ein Wort zu erwidern, aus dem Zimmer ging.

»Mutter,« sagte ich, die Worte stoßweise hervorbringend, »glaubst du, er hat schon ...?«

»Frage mich nichts,« erwiderte sie, »ich bin die unglücklichste Frauensperson in der Welt.« – Ich hoffte den ganzen Tag, daß Karl zurückkommen werde, doch er kam nicht; und als er am Abend nicht erschien, da gab ich alle Hoffnung auf, ihn je wiederzusehen.

Den nächsten Tag litt es mich nicht mehr im Zimmer, und ich verließ das Haus. Ohne daß ich es eigentlich wollte, schlug ich den Weg zum Kamp ein und blieb jedesmal erschrocken stehen, wenn mir ein größerer Trupp Leute begegnete, weil ich dachte, man hätte ihn schon gefunden. Es waren aber meist junge Burschen, die aus ihren Weingärten kamen.

Als ich über den Kirchplatz ging, der eine Menge wehmütiger Erinnerungen in mir hervorrief, so daß ich mich noch unglücklicher fühlte als zuvor, sah ich plötzlich meinen Bruder aus einer Nebengasse herauskommen. Mit einem entzückten Aufschrei lief ich auf ihn zu. »Karl,« rief ich, »wo bist du die Nacht über gewesen?« – Er schien über die Frage nicht sehr erbaut zu sein.

»Ich hätte dir mehr Takt zugetraut,« erwiderte er, an meine Seite tretend, »als eine so heikle Sache, wie sie sich leider in deiner Gegenwart abgespielt hat, auch nur indirekt zu berühren.«

Ich wagte keine weitere Frage mehr und schritt schweigend neben ihm hin; heimlich aber wunderte ich mich über seine Ruhe.

»Dein Schicksal, liebe Schwester,« sagte er plötzlich in mein Schweigen hinein, »jammert mich.«

Meiner Ansicht nach war seines viel jämmerlicher, doch er schien nicht so zu denken. »Warum?« fragte ich und bereute die Frage im nächsten Augenblick, denn seine Augen leuchteten zornig.

»Du fragst, die du doch selbst Zeuge jenes peinlichen Vorfalles gewesen bist, der dich gelehrt haben muß, welch' niederer Herkunft du bist.«

»Ich?«

»Ich meine wir – doch ich habe ja selbstverständlich mit diesen Leuten nichts mehr zu tun, und es dauert mich, daß du dein ganzes Leben lang mit so eng denkenden, kleinlichen Menschen in Berührung zu bleiben hast; ich habe darum seit gestern überlegt, wie dir zu helfen sei (meiner Ansicht nach brauchte er viel eher Hilfe als ich, doch schien er das wieder nicht zu denken), und,« so fuhr er fort, »so habe ich den Entschluß gefaßt, dich zu mir nach Wien zu nehmen, dein weiteres Leben selbst zu überwachen und, wenn sich irgendwelche Fähigkeiten in dir zeigen sollten, diese auszubilden, kurz gesagt, dich zu erziehen. – Sobald ich also den Staub dieses Dorfes von meinen Füßen geschüttelt haben werde und in Wien angelangt bin, werde ich Tag und Nacht arbeiten, um so schnell wie möglich eine größere Summe Geld herbeizuschaffen, die es mir möglich machen wird, dich zu mir zu nehmen und dich in allen Fächern des Wissens, in Musik und Sprachen unterrichten zu lassen. –

Bist du damit einverstanden?«

Ich war so gerührt, daß ich kaum sprechen konnte.

»Selbstverständlich,« fuhr er rasch fort, »wird das noch eine Weile dauern, und du kannst ja in der Zwischenzeit die Stelle antreten, die dir Mutter gesucht hat; doch versäume nicht, deine freie Zeit mit dem Lesen nützlicher Bücher auszufüllen, damit ich mich deiner nicht zu sehr zu schämen habe, wenn ich dich in meine Kreise einführe. Hauptsächlich empfehle ich dir Schiller. Du wirst in seinen Dramen alles finden, was man im Leben braucht, um in jeder Lage geistreich und witzig zu erscheinen. Gewöhne dich daran, die Stellen aus seinen Büchern oft zu zitieren, damit du dann meinen Freunden gegenüber nicht in Verlegenheit bist; auch Goethe kann ich dir empfehlen; doch muß ich dir hier etwas Vorsicht im Zitieren anraten, da du bei deinem jetzigen beschränkten Verstehen den Sinn der Worte nicht richtig erfassen könntest und die Stellen zur unrechten Zeit zitieren möchtest. Warte darum, bis ich selbst imstande sein werde, dir alles zu erklären; und nun, liebe Schwester (ein wunderbares Lächeln erschien auf seinem Gesicht), muß ich dir leider Lebewohl sagen.«

»Lebewohl?« rief ich bestürzt, »wohin willst du denn?«

»Ich fahre heute noch nach Wien.«

»Aber du hast doch keinen Kreuzer Geld.« Das wunderbare Lächeln schwand von seinen Lippen.

»Ich sehe,« sagte er, »daß du in jeder Beziehung sehr zurück bist. Das erste, was du lernen mußt, ist Takt: Denkst du denn, daß jeder Mensch eine Bärenhaut als Gemüt hat, wie es leider in unserer Familie einen solchen Fall gibt? Gewöhne dich daran, nie etwas zu sagen, das einem andern einen peinlichen Vorfall oder eine peinliche Lage in Erinnerung bringen könnte; es gibt in jedem Menschen, wenn er auch noch so herabgekommen ist, etwas, das Stolz heißt. Hüte dich, das anzugreifen. – Und nun Gott befohlen, liebe Schwester!«

Er reichte mir die Hand, ich nahm sie jedoch nicht, sondern starrte nur auf seine schönen weißen Finger.

»Ich will dich ja nicht kränken,« sagte ich endlich, fast weinend, »aber wie kannst du ohne Geld nach Wien fahren?«

Er runzelte die Brauen und sah mich etwas mitleidig an.

»Ich sehe schon, daß ich von dir nicht jene Höhe des Empfindens verlangen kann, die eigentlich meine Zuneigung für einen Menschen bedingt. Doch weil du meine Schwester bist und dein gegenwärtiges Los ganz unverdient trägst, denn es wäre die Pflicht unsrer Eltern gewesen, uns alle studieren zu lassen, so will ich für heute von deiner Erziehung absehen und deine Frage bezüglich des Mammons beantworten. Wie du richtig vermutest, habe ich leider kein Geld; doch ich würde lieber nach Wien laufen, als von dem Manne, der unbegreiflicherweise mein Vater ist, auch nur einen Heller anzunehmen. Ich habe die Abfahrt des Güterzuges herausgefunden und werde mich in einem der Wagen verbergen, bis wir in Wien ankommen.«

Ich schüttelte den Kopf. »Nein, nein,« rief ich, »das sollst du nicht. Ich habe Geld. Hier hast du alles.« Und dabei drückte ich ihm den Rest meines Geldes, das ich in ein Stück weißes Papier eingewickelt hatte, in die Hand.

Sein Gesicht zeigte Gerührtheit und Entrüstung. »Ich müßte doch ein Lump sein,« sagte er, »wenn ich deine sauer verdienten Kreuzer annehmen würde. – Ferne sei das von mir.« Und während er das Geld in meine widerwillige Hand zurücklegte, schloß er: »Du hast zwar eine große Taktlosigkeit begangen, aber ich verzeihe dir.« Im nächsten Augenblicke war er fort.

Trotzdem ich auf der Straße stand, fing ich erbärmlich zu schluchzen an und verwünschte meine Armseligkeit, meinen Mangel an Edelsinn, schließlich mich selbst. Ich war fest überzeugt, daß mein Bruder nicht nur ein Künstler, sondern auch ein Held und ein Märtyrer sei....

Die Stelle, die ich bald nach diesen Vorgängen antrat, unterschied sich von der früheren in folgendem: erstens waren nur nur drei Kinder da, zweitens war außer mir noch ein Mädchen da, die Köchin; drittens erhielt ich statt acht Kronen zehn Kronen monatlich, sonst war aber meine Lebensweise nicht sehr verändert. Nach wie vor hatte ich das Waschen des Geschirres und der Böden zu besorgen, und wenn das vorbei war, die Kinder auszunehmen.

Diese waren im Alter von vier bis elf Jahren. Sie waren viel höflicher als die Kinder des Direktors, und ich hatte sie alle sehr lieb. Auch die Köchin hatte ich gern. Sie führte keine Reden, die anzuhören man sich hätte schämen müssen, und ich durfte ihr sogar meine Gedichte vorlesen, die ihr immer sehr gut gefielen, und von denen sie das eine oder andere öfter zu hören verlangte. Dieser Umstand machte mich ungemein glücklich.

Nachdem aber einige Monate in dieser Weise vergangen waren und mir die anfängliche Neuheit der Verhältnisse zur Gewohnheit geworden war, erwachte in mir wieder das alte Gefühl der Unzufriedenheit und der Verlassenheit. Es geschah nicht selten, daß ich mich in irgendeine Ecke setzte und heftig weinte, ohne dafür eine Ursache angeben zu können. Vor meiner Frau verbarg ich das sehr sorgfältig, doch der Köchin gegenüber konnte ich das nicht immer tun. Sie frug mich öfters, was mir fehle, doch konnte ich ihr nie eine zufriedenstellende Antwort geben.

Als wir einmal, es war an einem Samstagnachmittag, daran waren, die verschiedenen Kochbretter sowie den Boden zu scheuern, bemerkte die Köchin, daß meine Augen wieder einmal vom Weinen dick geschwollen waren.

»Was haben Sie denn,« frug sie mich in ihrer teilnehmenden Art, »ich glaube gar, Sie haben Heimweh!«

Ich schüttelte langsam und nachdenklich den Kopf: »Ich glaube nicht, daß es Heimweh ist, ich glaube vielmehr, daß es der Wunsch ist, etwas zu lernen.«

»Lernen,« wiederholte sie, »du lieber Gott, was denn?«

»Ich weiß nicht,« sagte ich zögernd, »ich weiß nur, daß ich gar nichts kann.«

»Nichts kann? Das will ich nicht sagen, ich bin ganz zufrieden, wie Sie mir bei der Arbeit helfen.«

»Das schon, aber ich meine, ich kann weder Französisch noch Klavier.«

»Französisch und Klavier, das brauchen Sie aber doch nicht in Ihrem Beruf.«

»Das schon, aber ich möchte einen anderen Beruf haben.«

»Oh« ... und dann schwiegen wir lange.

Wir hatten nun unsere Arbeit fertig gebracht, legten die nassen Schürzen ab und banden reine vor. Die Köchin nahm dann eine der blanken Pfannen von der Wand und schickte sich an, den Nachmittagskaffee zu kochen, während ich den Tisch im Eßzimmer deckte. Als ich das Brett mit der heißen Milch, dem heißen Kaffee und den reinen weißen Schalen hineingetragen hatte, setzten wir uns zu unserem Kaffee in der Küche nieder. Die Köchin schenkte ein, und ich bemerkte, daß ihre Hand leicht zitterte. Da sie nicht sprach, sagte auch ich nichts; doch ich fühlte, daß sich ihre Gedanken mit mir beschäftigten. Nachdem ihre Schale leer war, stützte sie ihren Kopf in die Hände und sah mich voll an. »Also Französisch wollen Sie lernen.«

»Es braucht ja nicht gerade Französisch zu sein.«

»Also was soll es denn sein?«

»Ich weiß es nicht!«

»Das ist ein Unsinn, Sie müssen doch wissen, was Sie wollen.«

»Ich glaube, ich möchte Englisch lernen,« gestand ich endlich sehr verwirrt und sehr verlegen.

»Das lernt aber doch kein Mensch, warum nicht lieber Französisch?«

»Ich weiß nicht, aber ich möchte lieber Englisch lernen,« wiederholte ich langsam, aber sehr entschieden.

»Ich hab' über alles nachgedacht,« fing sie nach einer Pause wieder an. »Die Frau darf natürlich nichts davon wissen, denn sie hat so etwas nie gelernt und würde es für Hochmut halten, wenn Sie dergleichen lernen wollten. Doch ich denke, es ließe sich einrichten, wenn Sie abends, nachdem die Kinder zu Bett gebracht sind, sich damit beschäftigen würden.«

»Natürlich,« rief ich entzückt, »ich würde nie daran denken, während des Tages dergleichen zu tun; es fragt sich nur,« fügte ich etwas kleinlaut hinzu, »ob sich eine Lehrerin finden wird, die mir am Abend Stunde gibt.«

»Eine Lehrerin?« frug meine Köchin erstaunt. »Brauchen Sie denn eine Lehrerin?«

Mein Mut sank ganz beträchtlich bei dieser Frage. »Natürlich, ohne eine Lehrerin werde ich es nicht fertig bringen.«

»Aber wird das nicht zu viel kosten?«

»Oh,« sagte ich anscheinend leichthin, »ich glaube nicht, daß das viel kosten wird.«

»Wieviel denken Sie denn?«

»Ich weiß es nicht, aber ich denke, ein bis zwei Kronen die Stunde.«

»Du lieber Gott, das können Sie nie erschwingen.«

»Vielleicht doch, ich bekomme ja zehn Kronen im Monat, und ich brauch' das ja nicht alles.«

»Das schon, aber Sie sollten doch an die Zukunft denken.«

»Das tue ich ja gerade,« aber sie verstand nicht, wie ich es meinte.

Die Klingel läutete, ein Zeichen, daß man mich wünschte; so ließen wir denn dieses Mal den Gegenstand fallen, und ich wagte ihn nicht mehr zu berühren, obwohl in mir eine Ungeduld und Sehnsucht nagte, die ich kaum bemeistern konnte.

Es war einige Tage später, als die Köchin ganz plötzlich wieder davon anfing.

»Meinen Sie, daß Sie davon einen Nutzen haben könnten?«

»Wovon,« frug ich, mich unwissend stellend.

»Von dem Englischen.«

»Oh, ich weiß nicht, aber ich denke, wenn ich Englisch gründlich wüßte, so könnte mir das viel Geld einbringen.«

»Wo?« frug sie.

»Natürlich nicht hier!« entgegnete ich und wandte verlegen den Kopf.

Wir waren wieder mit dem Scheuern beschäftigt, und sie widmete sich dieser Arbeit jetzt mit doppeltem Eifer.

Nachdem die ganze Küche glänzte und prangte und wir wieder bei unserer Schale Kaffee saßen, begann die Köchin wieder:

»Sie müssen trachten, daß Sie die Stunden an einem Freitag abend haben können, denn die Herrenleute sind dann aus und kommen vor elf Uhr nicht nach Hause. Glauben Sie, daß Sie bis dahin zurück sein können?«

Mein Entzücken war unbeschreiblich; ich hätte dieser guten, einfachen Person um den Hals fallen mögen. »Was denken Sie,« rief ich und faltete im Übermaß meiner Freude beide Hände wie zum Gebet, »ich werde schon viel früher zurück sein, da ist nur eines,« sagte ich, wieder kleinlaut werdend, »wird der Hausknecht mich nicht verraten?«

»Lassen Sie das nur, mit dem werde ich ein Wort reden.«

Wir beschlossen dann noch, daß ich mich nach einer Lehrerin umsehen sollte, die in der Nähe wohnte, und die Sache war für dieses Mal erledigt.

Die nächsten Tage beschäftigte ich mich, so oft ich mit den Kindern ausging, die an den Häusern angebrachten Schilder zu lesen. Endlich fand ich, was ich suchte. »Musik- und Sprachlehrerin«, lautete es auf einer schwarzen Granittafel, und die Granittafel hing an einem sehr vornehm aussehenden Hause. Obwohl mir das feine Haus einige Schüchternheit einflößte, wäre ich doch am liebsten gleich hineingegangen, und nur der Umstand, daß die Kinder mit mir waren, hielt mich davon zurück. Sie waren alt genug, um alles zu verstehen, und hätten sicher alles haarklein ihrer Mutter erzählt, die zwar sehr gut zu mir war, doch sich stets in sehr einfachen Kreisen bewegt hatte und, wie die Köchin richtig bemerkte, nur Hochmut darin gesehen hätte.

Als ich nach Hause kam, erzählte ich der Köchin sofort von meinem Erfolge und frug sie, wie ich es möglich machen könnte, die Lehrerin zu sprechen, da ich doch gar keinen Ausgang hatte. »Da gibt es nur eines: Sie müssen eben einen Sprung hinein machen, wenn Sie die Milch holen.« Ich hatte nämlich jeden Abend die Milch zu holen. Der Vorschlag gefiel mir aber nicht im geringsten. Mußte ich nicht einen lächerlichen Eindruck auf die Lehrerin machen, wenn ich mit einer großen Milchkanne in den Händen in das Zimmer trat? Da aber, ohne Verdacht zu erregen, eine andere Gelegenheit nicht möglich war, so beschloß ich dennoch, den Rat zu befolgen und zog schon am nächsten Tage die Glocke an dem vornehmen Hause. Ich hörte sie von innen läuten, und der Klang machte mich noch ängstlicher, als ich schon war. Während ich stand und wartete, kam mir der Gedanke, die Milchkanne, die ich heimlich verwünschte, in einer Ecke auf der Straße zu lassen. Aber noch während ich mich nach einer günstigen Ecke umsah, überkam mich die Besorgnis, daß sie gestohlen werden könnte; so hielt ich sie in den Händen und versuchte sie hinter mir zu verbergen, als die Tür aufging und ein Dienstmädchen fragte, was ich wolle. Ich sagte ihr errötend Bescheid, worauf sie mich einzutreten bat und mich in ein Zimmer führte, das mir unglaublich schön erschien und mir allen Atem raubte. In einem hohen Spiegel erblickte ich mich plötzlich selbst, wandte den Blick aber schnell ab, als ich die Milchkanne ebenfalls darin entdeckte. So groß und häßlich war sie mir noch nie vorgekommen.

Es vergingen einige Minuten, ohne daß jemand kam, und ich bereute schon, daß ich überhaupt hier war, als sich eine Tür öffnete. Eine schlanke, mittelgroße Gestalt trat herein, Risa de Vall, die Lehrerin.

Ein kleines Lächeln spielte um ihre Lippen, als sie mich erblickte, ein Lächeln, worüber ich der Milchkanne bittere Vorwürfe machte.

»Das Mädchen sagte mir, daß Sie englische Stunden nehmen wollen,« frug sie mich endlich, »ist dem so?«

»Ja, wenn Sie so freundlich sein wollen.«

»Wohnen Sie bei Ihren Eltern?«

»Nein,« antwortete ich und schämte mich sehr, es zu sagen, »ich bin in Stelle.«

Sie schwieg eine Weile und beobachtete mich scharf. »Gut,« sagte sie dann, »ich unterrichte von zehn Uhr morgens bis sechs Uhr abends; wann möchten Sie Ihre Stunde gerne haben?«

»Das tut mir sehr leid, ich könnte vor acht Uhr abends nicht kommen,« und dann drängten sich mir die Tränen in die Augen.

Nun lächelte sie wieder, doch diesmal so gütig, daß ich wußte, es hatte mit der Milchkanne nichts zu tun, und zu meinem unendlichen Entzücken hörte ich sie sagen: »Da muß ich wohl einmal eine Ausnahme machen und Ihnen die Stunden zu einer Zeit geben, wo Sie kommen können.«

Zögernd und mit heimlicher Angst frug ich dann, was es kosten würde, und sie nannte nach einigem Nachdenken einen Preis, der mir verdächtig niedrig vorkam.

Ich weiß nicht mehr recht, wie ich an jenem Tage nach Hause kam, ich weiß nur, daß ich den ganzen Weg lief, und die Milch beständig an den Deckel der Kanne schlug.

Als ich der Köchin meine Unterredung mit der Lehrerin berichtete, war sie ganz still. Nach einer Weile aber fragte sie mich, ob ich dächte, daß es schwer sein würde. Ich antwortete ihr, daß ich das nicht sagen könnte, da ich ja nie in meinem Leben Englisch gehört hätte, doch ich glaubte, es sei nicht schwer.

Wie ganz anders wurde nun mein Leben! Ich arbeitete die ganze Woche freudig um des einen Tages willen, der meine Stunde in sich schloß. Ich hatte mir auch ein Buch über die Anfangsgründe der englischen Sprache gekauft, und so oft ich eine Minute erübrigen konnte, nahm ich es zur Hand und lernte daraus.

Meine Lehrerin freute sich anscheinend sehr über meinen Fleiß, doch merkte ich bald, daß sie mir noch andere Dinge beizubringen wünschte als bloß Englisch. Als ich eines Abends wieder einmal mit ihr in dem Zimmer saß, das für mich seinen Zauber nie verlor, fragte sie mich ganz unvermittelt, warum ich denn meine Nägel nie putze, und wie es sein könne, daß ein Knopf an meiner Jacke fehle. Ich schämte mich ungemein wegen der beiden Fragen und stotterte irgendeine Antwort. Ich vermutete schon, sie könne mich nicht leiden, doch ihr gütiges, liebes Benehmen während der übrigen Stunde überzeugte mich vom Gegenteil.

Als ich damals nach Hause kam, fand ich die Köchin bereits im Bett. Sie war erstaunt, daß ich mich nicht wie sonst gleich schlafen legte, sondern in meinem Nähkorb herumsuchte.

»Was wollen Sie denn?« frug sie.

»Eine Schere.«

»Wozu brauchen Sie denn jetzt eine Schere?«

»O, nur für meine Nägel.«

»Welche Nägel?«

Ich hatte aber die Schere schon gefunden, und während ich mich auf mein Bett setzte, fing ich an, einen nach dem andern zu reinigen.

»Lieber Gott, was ist Ihnen denn in den Kopf gekommen?«

»Nichts, nur meine Hände sind so furchtbar häßlich.«

»Ich glaube, Sie sind wirklich hochmütig.« –

Diese Güte, diese Anteilnahme und Unermüdlichkeit meiner Lehrerin verblieb mir während der ganzen Zeit meines Unterrichts. So oft sie an meinen Kleidern, an meinem Betragen oder sonst in irgendeiner Weise einen Fehler entdeckte, rügte sie diesen mit größter Bestimmtheit und doch mit ebenso großem Wohlwollen. Ich liebte sie bald mit jener Anbetung, die junge Mädchen oft älteren Frauen widmen. Heute weiß ich, daß ihre Hände die ersten waren, die sich mir hilfreich entgegenstreckten, als ich in der Dunkelheit herumtappte, und der Weg zum Licht für mich so weit – so weit noch war.

Nachdem Fräulein de Vall mich ungefähr sechs Monate kannte, frug sie mich eines Tages, ob ich außer der Köchin noch eine andere Freundin hätte; und als ich verneinte, erzählte sie, daß sie an dem Orte, wo sie früher lebte, eine Schülerin gehabt hätte, die ich vermutlich sehr gern haben würde. Ob ich ihr schreiben wolle und sie bitten, mit mir in Briefwechsel zu treten. Der Gedanke, ein Mädchen kennen zu lernen, von dem meine Lehrerin mit offenbarer Zärtlichkeit sprach, freute mich ungemein, und ich bat um die Adresse. Ich schrieb schon den nächsten Tag an sie und erhielt gleich eine Antwort, in der sie mir mitteilte, wie sehr sie sich freue, mit mir zu korrespondieren, und wie sie hoffe, daß wir uns recht oft schreiben würden. Als ich diesen Brief der Köchin zeigte, sagte sie: »Das muß eine sehr feine Person sein.« Darüber war ich natürlich nie im Zweifel. Als ich aber einige Tage später beim Lichte einer Kerze mich niedersetzte, um den Brief zu beantworten, da wußte ich nicht, was ich schreiben sollte. Ich überlegte sehr lange. Endlich jedoch fing ich an und schrieb, ohne aufzuhören, vier bis sechs Seiten voll. Was ich aber geschrieben habe, waren alles Dinge, die ich für mich dachte und von denen ich nie zu jemandem sprach, selbst zur Köchin nicht ...

Von meinem Bruder hatte ich bisher kein Wort gehört und zu Hause wußte man ebenfalls nichts von ihm. Eines Tages aber erhielt ich von meinem Vater einen Brief, in dem er mir mitteilte, daß er ein Schreiben von Karl bekommen hätte, worin stünde, daß er ungemein viel Geld verdiene.

Mir schlug bei dieser Nachricht das Herz bis zum Halse hinauf. Obwohl ich eigentlich nie recht an das geglaubt, was er mir beim Abschied gesagt hatte, so fiel mir doch jetzt wieder alles ein, und ich fragte mich, ob er jetzt wohl kommen würde. Ein leiser Schrecken erfaßte mich, als mir bewußt wurde, daß ich kein einziges von den empfohlenen Büchern gelesen hatte, und Schiller sowie Goethe immer noch nur dem Namen nach kannte. Wahrscheinlich bewegte er sich jetzt schon in den feinsten Kreisen, und meine völlige Unfähigkeit, aus irgendeinem Drama von Schiller zitieren zu können, würde für ihn furchtbar beschämend sein. Darüber, daß er mir bis jetzt noch nicht geschrieben hatte, wunderte ich mich kaum. Sicher hatte er unermüdlich gearbeitet und fand nicht Zeit dazu. Um aber für den Fall, daß er wirklich kommen würde, vorbereitet zu sein, ließ ich es nun meine erste Sorge sein, mir ein Buch von Schiller zu verschaffen. Kaufen konnte ich keines, da ich keinen einzigen Kreuzer dafür übrig hatte. Im Eßzimmer meiner Herrenleute befand sich zwar ein Bücherschrank, er war jedoch immer verschlossen; die Bücher schienen mehr als eine Zierde da zu sein und ich hatte niemals jemanden darin lesen gesehen. Nachdem aber noch weitere fünf bis sechs Monate vergingen, ohne daß ich von meinem Bruder hörte, vergaß ich allmählich jene lockenden Zukunftsbilder und dachte nicht mehr daran.

Ich befand mich nun ungefähr zwei Jahre auf dieser Stelle, als ich die Bekanntschaft eines Mädchens machte, das ich täglich auf den Spaziergängen mit den Kindern traf. Da sie immer recht freundlich zu mir war, setzte ich mich gewöhnlich zu ihr auf die Bank, und während die Kinder zwischen den Bäumen allerlei Spiele spielten, plauderten wir über verschiedene Dinge.

»Warum bleiben Sie immer auf derselben Stelle?« frug sie mich eines Tages.

»Wo sollte ich denn hingehen?«

»Das kann ich natürlich nicht gleich so beantworten, aber ein Mädchen wie Sie sollte ihr Glück in der Welt versuchen.«

»Wie meinen Sie das?«

»Wie soll ich das meinen? Ich meine, daß ein Mädchen wie Sie ein ganz anderes Leben führen sollte, als Sie es gegenwärtig tun.«

»Warum sagen Sie, ein Mädchen wie ich bin.«

»Verstellen Sie sich doch nicht so, Sie wissen doch ganz gut, daß Sie so gescheit wie hübsch sind.«

»Oh,« sagte ich, an die letzten Erklärungen meines Bruders denkend, »ich dachte immer, ich sei sehr dumm,« dann, auf meine Hände blickend, »und sehr häßlich.«

»Papperlapapp, Sie sind weder das eine noch das andere, und wenn ich Sie wäre, würde ich in irgendeine Großstadt gehen und schauen, daß ich vorwärts käme.«

»Nach Wien?«

»Nein,« sagte sie nachdenklich, und als ob sie einen plötzlichen Einfall bekommen hätte, frug sie: »Warum gehen Sie nicht nach Budapest?«

»Nach Budapest?! Das ist doch in Ungarn, was sollte ich dort tun?«

»Dasselbe was Sie hier tun, nur mit dem Unterschied, daß Sie dreimal soviel bezahlt bekommen als hier und kein Dienstmädchen sein werden, sondern ein Fräulein.«

Ich faltete langsam meine Hände, wie ich es immer tat, wenn ich tief bewegt war. »Aber,« sagte ich endlich, »werde ich denn fein genug für eine solche Stelle sein?«

»Natürlich, sonst würde ich es Ihnen doch nicht raten.«

Bei den letzteren Worten war sie aufgestanden und schickte sich zum Gehen an. Sie reichte mir die Hand und streichelte mir die Wange. »Also auf Wiedersehen, und überlegen Sie sich, was ich Ihnen gesagt habe. Ich meine es gut mit Ihnen.«

Nachdem sie gegangen war, wiederholte ich mir jedes ihrer Worte; besonders ging der eine Satz mir nicht aus dem Kopf: »Sie bekommen dort dreimal soviel bezahlt« ... Dreimal soviel ... Ich rechnete in Gedanken ... Dreimal zehn Kronen, das waren ja dreißig Kronen ... Dreißig Kronen jeden Monat, das wäre eine Unsumme, die ich selbstverständlich nie aufbrauchen könnte; doch würde ich die Hälfte davon natürlich jeden Monat nach Hause schicken, damit sie von irgend jemand eine kleine Hilfe hätten, denn das Geschäft, so schrieb man mir, ging immer schlechter ... »Du gütiger Gott,« betete ich in meinem Herzen, »mit dreißig Kronen im Monat wäre uns allen geholfen.«

Diesen Abend kam ich zu spät nach Hause, und meine Frau hielt mir eine sanfte Strafpredigt, die mir, und zwar zum erstenmal, nicht sehr zu Herzen ging. Ich hatte mir erst vorgenommen, der Köchin meine Unterredung mit dem Mädchen mitzuteilen; dann überlegte ich, daß es besser sein würde, noch nichts zu sagen, sondern abzuwarten, ob überhaupt aus der Sache etwas würde.

In den nächsten Tagen suchte ich ängstlich nach meiner neuen Freundin, doch es vergingen fast acht Tage, ehe ich sie wieder zu Gesichte bekam. Ich lief hastig auf sie zu und beantwortete nur flüchtig ihren freundlichen Gruß.

»Wo waren Sie denn so lange?« frug ich.

»Immer zu Hause beschäftigt,« erwiderte sie und sah erstaunt auf mein erhitztes Gesicht. Ich zwang mich zur Gleichgültigkeit und ließ mich neben ihr nieder. In meiner Ungeduld aber konnte ich kaum warten, von dem Gegenstande zu reden, der mir so nahe lag, doch mochte ich selbst nicht davon anfangen. Sie aber schien gar nicht mehr an unsere frühere Unterredung zu denken. Sie streifte sie mit keinem Laut, doch war sie freundlich wie immer. Als es endlich anfing dunkel zu werden und ich die Kinder nach Hause nehmen mußte, faßte ich mir ein Herz und sagte anscheinend ganz gleichgültig: »Ich wollte Ihnen noch sagen, daß ich über alles, was Sie mir geraten haben, nachgedacht habe und daß ich sehr gern nach Budapest gehen würde.«

Es schien mir, als ob sie in Verlegenheit geriete, und ihre nächsten Worte bestätigten dies. »Mein liebes Kind,« sagte sie, »es tut mir leid, daß ich Gedanken in Ihnen wachgerufen habe, die vielleicht Ihre sichere gegenwärtige Lage bedrohen könnten.«

Ich fühlte, wie plötzlich alle Freude aus meinem Herzen schwand, und mit fast weinerlicher Stimme sagte ich: »Ich verstehe Sie nicht ... Sie haben doch gesagt ...«

»Ganz richtig,« unterbrach sie mich, »ich habe verschiedenes gesagt, was ich jetzt bereue, weil ich sehe, daß meine Mutter vollkommen recht hatte.«

»Ihre Mutter? – So haben Sie Ihrer Mutter davon gesprochen?«

»Ja! Ich habe meiner Mutter oft von Ihnen erzählt und berichtete ihr auch unser letztes Gespräch, worauf sie sagte, es sei sehr unüberlegt von mir gewesen, Sie mit Ihrer gegenwärtigen sicheren Lage« – sie betonte das Wort: »sicheren« besonders – »unzufrieden zu machen.«

»Ich verstehe, Ihre Mutter meint, ich sei für so eine Stelle nicht fein genug, und es sei darum nicht sicher, ob man mich behalten wird.«

Nach diesen Worten schlang das Mädchen ihren Arm um mich. »Sie sind ein Dummchen und viel zu fein für jede Stelle; doch weil Sie leider so ein armes Mäuschen sind und sich nun einmal Ihr Brot verdienen müssen, sind Sie in einem so stillen Orte, wie unser altes liebes Krems ist, viel besser aufgehoben als wie in Budapest, wo die Gefahren stündlich Sie umlauern.«

Die Rede rührte mich ungemein, und ich verstand nun wirklich. »Ich weiß, was Sie meinen, aber Sie brauchen nichts zu fürchten, ich bin kein leichtsinniges Mädchen.«

»Pst,« sagte sie in dem sanften, beruhigenden Tone, in dem eine Mutter zu ihrem aufgeregten Kinde spricht, »natürlich sind Sie kein leichtsinniges Mädchen, doch sind es ja gerade die braven Mädchen, die immer hineinfallen.«

»Nein, nein,« erwiderte ich hastig, »mir geschieht nichts.«

Nach diesen Worten hielt mich meine neue Freundin etwas von sich und sah mir lange in die Augen. »Nein, ich glaube auch, daß Ihnen nichts geschieht.« Und dann schnell und leise, als ob sie irgendein Unrecht beginge, öffnete sie ihre kleine Handtasche und zog einen Briefumschlag heraus. »Da,« sagte sie und drückte mir das Papier in die Hand, »ich habe es doch mitgebracht, im Falle Sie unbedingt gehen wollen« – und rasch, als ob sie sich fürchtete, daß sie bereuen könnte, lief sie davon. Ich strich den Papierumschlag glatt und überflog die paar Worte: Miklos Sandor, Stellenvermittelung, Budapest.

Ich rief die Kinder zusammen, und wie in einem Traum befangen, schritt ich nach Hause. –

... Der Abschied von der Familie, in der ich über zwei Jahre war und stets gütig behandelt wurde, der Abschied von der Köchin, die in ihrer einfachen, unverdorbenen Art mir eine Freundin geworden war, der Abschied von meinem lieben Fräulein Risa de Vall und der Abschied von zu Hause, sie wurden mir nicht leicht. Der letztere war vielleicht der, den ich am leichtesten verwinden konnte, da meine Eltern während der zwei Jahre, die ich fort war, noch ärmer geworden waren und ich mehr als je die Sehnsucht fühlte, ihnen zu helfen. Als meine Eltern erfuhren, was ich zu tun gedachte, als ich ihnen ferner den Brief aus Budapest zeigte, der meine Aufnahme zu drei Kindern mit einem monatlichen Gehalte von 35 Kronen bestätigte, da hofften sie in ihrer einfachen Weise, daß ich mein Glück gefunden hätte.

Von dem wenigen Gelde, das ich hatte, schaffte ich mir einen kleinen Koffer an, der mit brauner Leinwand überzogen war. Trotzdem er sehr klein war, blieb doch die Hälfte davon leer, so wenig besaß ich an Wäsche und Kleidern. Das machte mir aber nicht die geringste Sorge. Während ich die ärmlichen Stücke der Reihe nach in den Koffer legte, träumte ich fortwährend von 35 Kronen, die ich jeden Monat bekommen, und von den Dingen, die ich mir davon anschaffen würde.

Am Tage meiner Abreise kam ein Brief aus Wien von meinem Bruder. Er sandte zum erstenmal eine Adresse. Die früheren Schreiben hatten nie eine solche enthalten. Er schrieb, daß er sehr viel Geld verdiene, doch sagte er nicht, womit. Ich wunderte mich auch nicht darüber, sondern nahm an, daß er eben ein Künstler geworden sei und meine Eltern von seiner Arbeit nichts verstünden. Allerdings hätte ich gern gewußt, ob er ein Maler oder Bildhauer, oder vielleicht gar ein Dichter sei. Bei dem letzten Gedanken errötete ich und dachte, das könnte ja sein, denn ich dichtete ja auch, – wenn auch meine Gedichte die seinen selbstverständlich nie erreichen würden.

Seine Adresse war der Name eines Kaffeehauses. Während der ganzen Zeit, die ich noch zu Hause zubrachte, dachte ich an meinen Bruder, und endlich faßte ich einen kühnen Entschluß – so kühn, daß ich fast selber darüber erschrak. Ich wollte ihn besuchen. Auf meiner Reise nach Budapest mußte ich ja nach Wien fahren, und ich hoffte einige Stunden Zeit für einen solchen Besuch finden zu können. Den nächsten Tag, es war der Tag meiner Abreise, sprach ich zu meiner Mutter davon, und sie meinte, das würde ihn sicher sehr freuen.

Ich hatte zur Reise mein bestes Kleid aus billigem blauen Wollstoff angezogen, sowie mir einen Hut für zwei Kronen gekauft. Der Hut war aus lichtblauem Stroh, und ich dachte, ich sähe ungemein fein darin aus. Meine Eltern gingen mit mir zur Bahn, und um den Abschied für uns alle leichter zu machen, sprach ich fortwährend von den 35 Kronen und von dem, was sich alles damit tun ließe. Wir waren zu früh gekommen, und so schritten wir auf dem kleinen Perron auf und ab. Als der Zug endlich in die Halle dampfte, hielt ich die Tränen tapfer zurück und nickte den Meinen aus dem Wagenfenster mit lächelndem Gesicht zu. In einigen Minuten ertönte der Pfiff, der die Abfahrt ankündigte; mein Vater schwenkte seinen Hut, die Mutter wischte sich über die Augen, und ich zog mit einem unterdrückten Schluchzen den Kopf vom Fenster zurück.

Die Fahrt nach Wien dauerte vier Stunden, und ich beschäftigte mich die ganze Zeit in Gedanken mit meinem Bruder. Ich war überzeugt, daß ich die zwei Jahre, in denen wir uns nicht gesehen hatten, in jeder Beziehung große Fortschritte gemacht hatte, und stellte mir seine Freude und Überraschung vor, wenn ich ihm sagen würde, daß ich auch etwas englisch gelernt hätte. Als ich schon die Hälfte der Fahrt hinter mir hatte, fiel mir ein, einige meiner Gedichte niederzuschreiben, um sie ihm zu zeigen und ihn zu fragen, was er davon dächte. Ich fand etwas weißes Papier unter meinen Sachen und ging sofort ans Werk. Eines davon begann mit den unsterblichen Worten:

Wenn mich ein tiefer Schmerz beweget
Und ich vor Leid verzweifle schier,
Dann greife ich nach meiner Feder
Und füll' mit Zeilen das Papier ...

In Wien angekommen, zeigte ich einem Schutzmann den Zettel mit der Adresse, die uns mein Bruder geschickt hatte, und nach kurzer Zeit ging ich mit meinem braunen Koffer vor dem Kaffeehause auf und ab. Soweit hatte ich nicht viel Schwierigkeiten gehabt, doch nun wußte ich nicht, was ich eigentlich beginnen sollte. Es wäre ja allerdings das einfachste gewesen, hineinzugehen und nach ihm zu fragen. Ich sah jedoch durch die hohen Fenster zahllose Menschen an vergoldeten Tischchen sitzen und wagte so etwas nicht zu tun. Vielleicht, dachte ich, kommt er durch irgendeinen Zufall heraus, oder, sollte er ausgegangen sein, zurück, und ich könnte ihn dann sprechen.

Als aber fast eine Stunde verging und mein kleiner Koffer anfing, recht schwer zu werden, trat ich näher an die Fenster und blickte scharf hinein, in der Hoffnung, ihn vielleicht an einem Tische zu entdecken. Es waren aber alles fremde Gesichter. Eben wollte ich allen Mut, den ich besaß, zusammenraffen und doch hineingehen, als ich zwischen den Gästen einen Kellner bemerkte, dessen Gang und Haltung mir ungemein bekannt vorkamen. Er stand mit dem Rücken gegen das Fenster, so daß ich sein Gesicht nicht erkennen konnte; doch hatte ich das Gefühl, als hätte ich diesen Menschen schon irgendwo gesehen. Ich starrte eine Weile auf ihn und vergaß dabei ganz den eigentlichen Zweck meines Hierseins, als ein Gast, der ganz nahe bei dem Fenster saß, auf den Tisch klopfte, worauf der Gegenstand meiner Aufmerksamkeit sich umdrehte und eilig näher kam. – Ich hatte fast meinen Koffer fallen lassen, so bestürzt war ich, – es war mein Bruder! Ohne noch eine Minute zu zögern öffnete ich nun die Tür und trat hinein. Er bemerkte mich sofort, und während er sich mit scheuen Blicken nach links und rechts drehte, um sicher zu sein, daß ihn niemand beobachtete, kam er auf mich zu und sagte ganz leise, ich solle sofort hinausgehen und an der Straßenecke auf ihn warten, er käme in einer halben Stunde. Ich tat, wie er mir geheißen hatte. Während ich auf ihn wartete, konnte ich von meiner Überraschung kaum zurückkommen. Ich konnte kaum glauben, daß es wirklich mein Bruder war, mit dem ich gesprochen hatte, und daß er ein Kellner und kein Künstler sei. Die halbe Stunde war eben vorüber, als ich einen sehr elegant gekleideten jungen Mann auf mich zukommen sah. Es erfaßte mich ein neues Erstaunen, der elegante junge Mann war mein Bruder. Ich vermutete, daß er nun frei habe und bewunderte die Feinheit seines Anzuges. »Bekommst du denn so viel Trinkgeld?« frug ich, nachdem wir uns die Hände geschüttelt hatten, wie den Gedanken weiterknüpfend.

»Unglaublich,« rief er entrüstet, »wie kannst du mich mit einer so unerhörten Taktlosigkeit an dieses elende Geschäft erinnern?«

»Warum elendes Geschäft?«

»Warum?« wiederholte er zornig, »denkst du vielleicht, daß es mir Vergnügen macht, um Kerls herum zu schwänzeln, die in geistiger Weise weit unter mir stehen?«

»Ich glaubte,« sagte ich nach einer Pause, »du seiest ein Künstler geworden?«

Er lachte so fürchterlich, daß die Leute auf der Straße stehen blieben und uns ansahen. »Ein Künstler – das hätte ich dir wahrhaftig nicht zugetraut. Denkst du denn, daß die Künstler über Nacht vom Himmel fallen?«

»O nein,« erwiderte ich, um ihn auszusöhnen. »Ich weiß, es braucht oft viele Jahre.«

»Nun und von mir verlangst du, daß ich mit einem Male ein Künstler werden soll, wo mir jede Hilfe und jede Gelegenheit zur Ausbildung fehlt.«

»Natürlich nicht, ich dachte nur, du wüßtest schon, welche deiner Fähigkeiten die hervorragendste ist.«

»Oh,« entgegnete er leichthin, »darüber ist schon lange kein Zweifel; ich wäre sicher einer der ersten Maler geworden, wenn sich mir Gelegenheit geboten hätte, mit dem Mischen der Farben und der Führung des Pinsels vertraut zu werden. Ferner ist es ebenfalls zweifellos, daß ich ein großer Komponist geworden wäre, wenn ich das Wesen der Musik hätte studieren können. Drittens ist es außer Frage, daß ich auf dem Gebiete der Dichtkunst als Bahnbrecher erscheinen würde, wenn meine Verhältnisse jene Tiefe der Empfindung möglich machen würden, die unbedingt notwendig ist, um Großartiges zu schreiben.«

»Aber,« warf ich ein, an meine eigenen Gedichte denkend, »warum kannst du nicht genau so empfinden wie andere Leute?«

»Großer Gott!« rief er mit demselben fürchterlichen Lachen wie zuvor, »wie stellst du dir denn das eigentlich vor? Den ganzen Tag zwischen vier Wänden sein, Tassen tragen und Bücklinge machen. Kannst du dir nicht denken, daß bei einer so erbärmlichen Lebensweise jedes feinere Gefühl verkommt, der Intellekt versumpft und der ganze Mensch zum gemeinen Arbeitstiere herabsinkt?«

Er hatte mich vollständig überzeugt, und trotzdem ich nicht sprach, mußte er es gefühlt haben, denn seine Züge nahmen einen ruhigeren Ausdruck an, und auf meinen Koffer deutend, frug er: »Du hast wohl die Richtigkeit meiner letzten Worte von damals eingesehen und dich gewaltsam von den kleinlichen Verhältnissen auf dem Lande losgerissen, um in Wien eine Stelle anzunehmen?«

Ich erzählte ihm hastig, was ich zu tun gedachte.

»Da hört sich doch alles auf,« rief er, als ich geendigt hatte, »bist du denn verrückt geworden?«

»Warum, du hast doch damals selbst gesagt, daß ich trachten solle, es weiter zu bringen.«

»Solltest du wirklich so dumm sein, nicht zu wissen, daß du auf eine solche Stelle, wie du mir sie geschildert hast, kein Anrecht hast.«

»Wie meinst du das?«

»Solltest du nicht wissen,« fuhr er fort, ohne meine Frage zu beantworten, »daß solche Leute kein Dienstmädchen, sondern eine Dame brauchen, ein Wesen, das Manieren und Lebensart besitzt, um solche eventuell den Kindern beizubringen, die ihr anvertraut sind? Solltest du ferner nicht wissen, daß du von dem, was man hier ›Schliff‹ nennt, nicht das geringste besitzest? Selbstverständlich,« fuhr er rasch fort, als er hörte, daß ein schluchzender Laut sich meiner Brust entrang, »ist das nicht deine Schuld. Wo hättest du auch im Umgang mit den Leuten auf dem Lande witziges, gefälliges und sicheres Betragen lernen, wo jenes unerklärliche Etwas hernehmen können, das den feinen Menschen sofort von dem gewöhnlichen unterscheidet, wo hättest du endlich jene Bildung erlangen können, ohne welche man ein Nichts, eine Null, ein Niemand ist?«

Ich glaubte jedes Wort, das er sagte, und schluchzte leise in mich hinein. »Was soll ich denn tun?« frug ich endlich.

»An deiner Stelle würde ich nicht hinunterfahren, sondern hier in Wien bleiben, und ich werde mich bei meinen Freunden für dich verwenden; vielleicht könntest du eine Stelle als Kassiererin in einem Kaffeehause bekommen.«

»Nein, nein,« rief ich, meine Tränen zurückdrängend, »das will ich nicht.«

»Warum nicht, die verdienen viel Geld und machen gewöhnlich eine reiche Heirat.«

Ich schüttelte sehr bestimmt meinen Kopf. »Das will ich nicht,« sagte ich noch einmal, »da gehe ich lieber nach Budapest.«

Er zuckte gleichmütig die Schultern: »Wem nicht zu raten ist, dem ist nicht zu helfen – wann geht dein Zug?«

»Um acht Uhr abends.«

»Das tut mir leid,« sagte er, seine Uhr ziehend, »ich habe um diese Zeit ein Rendezvous, und so kann ich nicht mitkommen.«

»Ein Randewau?«

»Ein Rendezvous,« verbesserte er mich, »da hat man's wieder,« fuhr er achselzuckend fort. »Du weißt eben gar nichts.« Dann öffnete er seinen Überzieher und suchte in seinen Taschen. Endlich zog er ein kleines Büchlein und einen Bleistift heraus und begann emsig zu schreiben. Als er fertig war, riß er das Blatt heraus und gab es mir. »Hier,« sagte er, »habe ich dir die wichtigsten Fremdwörter aufgeschrieben, die du unbedingt kennen solltest, weil heutzutage jeder wirklich gebildete Mensch nur Fremdwörter gebraucht. Und nun viel Glück und Gott befohlen, liebe Schwester.« Er reichte mir die Hand, die ich mechanisch nahm, und als ich aufblickte, war er fort.

Ich erkundigte mich nach dem Bahnhofe und schlug den angedeuteten Weg ein. Nachdem ich meine Karte gelöst hatte, stieg ich in den schon in der Halle stehenden Zug, und beim Schein der schwachen Wagenlampe überflog ich den Zettel, den mir mein Bruder gegeben. Darauf stand:

Rendezvous Melange
Engagement Carriere
Bureau oder Comptoir   Milieu
Pardon Rouge
Toilette Noir
Banquet Manicure

Als ich mit dem Lesen fertig war, faltete ich den Zettel sorgfältig und steckte ihn in meine Tasche. Noch während ich damit beschäftigt war, setzte sich der Zug langsam in Bewegung....

Miklos Sandor, der Stellenvermittler, hatte in seinem letzten Briefe an mich bemerkt, daß er mich vom Bahnhof abholen würde, und mich gebeten, ein Taschentuch als Erkennungszeichen in der Hand zu halten. Als ich an jenem Morgen, nach einer vollkommen schlaflosen Nacht in Budapest ankam, stieg ich mit meinem kleinen Koffer in der einen und einem Taschentuch in der andren Hand, etwas schwerfällig aus dem Zuge, da meine Glieder durch das lange Sitzen ganz steif geworden waren. Ich sah mich einige Minuten auf dem Perron um und erblickte dann einen älteren Herrn, der eilig auf mich zukam. »Sind Sie das Fräulein aus Langenau?« frug er; ich bejahte seine Frage und hätte unendlich gerne gewußt, was er von mir dachte.

»Wollen Sie,« sagte er mit einem Blick auf meinen Handkoffer, »einen Wagen haben?«

Ich hatte nur ungefähr zwanzig Kreuzer in der Tasche und schüttelte sofort heftig den Kopf. »Nein, nein!« sagte ich rasch, »ich möchte lieber gehen.«

»Wie Sie wollen, Fräulein.«

Später frug er mich, ob er mir den Koffer tragen dürfte, doch ich verneinte ebenfalls hastig. Nach einem ziemlich weiten Weg trat er endlich in eines der hohen Häuser, und ich nahm an, es sei das Haus der Familie, in die er mich bringen wollte. »Sind wir schon da?« frug ich, und mein Herz schlug mir zum Zerspringen.

»Nein,« sagte er lächelnd, »das hier ist meine Wohnung; ich brachte Sie erst hierher, weil ich vermute, daß Sie etwas Toilette machen wollen. Meine Frau wird Ihnen gerne dabei helfen.«

Er hatte bei diesen Worten eine Tür geöffnet, und wir traten in ein hübsch aussehendes Zimmer. Eine Frauensperson kam herein und grüßte mich sehr freundlich; der Mann sprach einige Worte in ungarischer Sprache zu ihr, die ich natürlich nicht verstand, worauf er sich wieder zu mir kehrte und sagte: »Ich lasse Sie jetzt mit meiner Frau. Sobald Sie fertig sind, bin ich es auch.«

Nachdem er aus dem Zimmer war, begriff ich erst die ganze lächerliche Lage, in der ich mich befand; er erwartete von mir, daß ich mich umkleiden würde, um anständig auszusehen, wenn er mich der Familie vorstellte.

»Genieren Sie sich nicht,« sprach die Frau freundlich, »und tun Sie gerade, als ob Sie zu Hause wären.« Doch wenn ich zu Hause gewesen wäre, hätte ich auch nichts anderes tun können, als was ich tat. Ich stotterte, daß ich mich nicht umkleiden wolle, bat nur um eine Bürste, wenn das keine Ungelegenheiten bereite.

»Natürlich nicht, hier ist eine.« Und die Dame reichte mir den verlangten Gegenstand. Ich strich damit hastig einige Male über mein Kleid und gab sie ihr dankend zurück.

»Ist das wirklich alles?« frug sie in demselben freundlichen Ton.

»Ja, ich bin ganz fertig.« Darauf rief sie ihren Mann herein.

»Also fertig?«

»Ganz!« antwortete ich, und während ich mich nach meinem Koffer bückte, grüßte ich die Frau und folgte Herrn Miklos Sandor wieder auf die Straße.

Diesesmal aber gingen wir nur bis zur Straßenecke. Dort bedeutete er mich, auf einen Tramwaywagen zu steigen, einer Aufforderung, der ich höchst unbeholfen nachkam. Endlich aber war ich oben, und Herr Sandor setzte sich zu mir.

»Ich glaube,« begann er nach einer Pause, »daß meine Briefe ausführlich genug waren und Sie über Ihre künftigen Pflichten in keinerlei Zweifel sind. Was die Dame anbelangt, so denke ich, daß Sie ein lieberes und gütigeres Geschöpf kaum finden können. Sie ist wirklich ein Engel, und ich bin sicher, daß Sie sich in ihrem Hause wohl fühlen werden. Hinsichtlich der drei Knaben werden Sie ja selbst bald herausfinden, ob sie mit Güte oder mit Strenge behandelt werden müssen, und ich hoffe, daß Sie lange Zeit in Ihrer Stellung bleiben werden.« Er sprach noch eine ganze Weile in dieser Weise fort, und ich frug mich heimlich, ob ich denn vielleicht doch nicht so dumm und unfein aussähe. Endlich stiegen wir ab.

Das Haus, in das er mich führte, war ein sehr feines; es hatte Marmortreppen, und auf den Treppen lagen schwere Teppiche. Ein nett aussehendes Stubenmädchen brachte uns in ein geräumiges Vorzimmer und bat uns, zu warten. Ich stellte meinen Koffer auf den Boden und setzte mich herzklopfend auf die Kante eines Stuhles. Mein Begleiter setzte sich auch, doch Herzklopfen schien er nicht zu haben. Wir mußten ziemlich lange warten, und ich wünschte fast, daß nie jemand kommen möchte; aber noch während ich das wünschte, näherten sich leichte Tritte und eine noch junge Dame trat ein. Ich konnte vor Verlegenheit keinen Laut hervorbringen und stand nur furchtbar verschämt vom Stuhle auf. Sie blickte aber gar nicht nach mir, sondern begann ein Gespräch in ungarischer Sprache mit Herrn Sandor. Ganz plötzlich wandte sie den Kopf und sah mich voll an. »Glauben Sie,« frug sie, »daß es Ihnen in Budapest gefallen wird?« Ich wußte nicht, was sie eigentlich damit meinte, und neigte den Kopf. »Ich wechsle nämlich,« fuhr sie fort, »nicht gerne, und es wäre mir nicht erwünscht, wenn Sie vielleicht in zwei Wochen aus irgendeinem Grunde zurückkehren wollten.«

»O nein,« erwiderte ich, »ich werde sehr gerne hier sein.«

Der Stellenvermittler fing nun an, sich zu verabschieden und reichte mir die Hand. »Vergessen Sie nicht, was ich Ihnen gesagt habe,« rief er mir noch zu, und dann ging er.

Die Dame bat mich darauf, mit ihr zu kommen und führte mich in ein Zimmer, das ganz weiße Möbel hatte und worin die drei Knaben um einen runden Tisch saßen. Bei unserem Eintritt erhoben sie sich und sahen etwas schüchtern auf mich. »Das hier ist euer neues Fräulein. Sagt ihr guten Tag.«

Den Kindern gegenüber verschwand meine Schüchternheit vollkommen. Ich reichte jedem von ihnen die Hand und stellte einige Fragen, die sie in etwas gebrochenem Deutsch beantworteten. Dann legte ich meine Sachen ab, und trotzdem ich sehr müde war, beschäftigte ich mich doch sogleich damit, die Knaben zu gewinnen, indem ich ihnen Häuser aus Papier aufbaute und dergleichen mehr.

Nach und nach verlor ich auch meine Schüchternheit der Dame gegenüber, da ich merken konnte, daß sie mit mir zufrieden war. Auch die Kinder hatten mich bald lieb, und der Gedanke, daß man mich fortschicken würde, quälte mich nicht mehr.

Zu tun hatte ich genug; wie auf meiner früheren Stelle hatte ich die Kinder zur Schule zu bringen oder abzuholen. Nachmittags nahm ich sie spazieren, und des Abends setzte ich mich an den runden Tisch im Kinderzimmer und stopfte oder nähte.

Von einem brennenden Heimweh abgesehen, das mich besonders immer abends befiel, war ich ganz zufrieden und glaubte nun endlich gefunden zu haben, was ich so lange gesucht hatte. Nur ein Umstand trübte mein Glück. Ich hatte fast nichts anzuziehen. Es hätte mich das nicht sehr gekränkt, wenn ich nicht gewußt hätte, daß meine Dame mich gern hübsch angezogen gesehen hätte. Sie machte oft eine Bemerkung, die, wenn sie sich auch nicht direkt an mich richtete, mir doch zu verstehen gab, daß sie sich meiner armseligen Erscheinung vor ihren Freundinnen schämte, deren Fräulein so elegant gekleidet waren, daß ich im Anfang glaubte, sie seien auch Damen.

Einmal kam die Frau in das Kinderzimmer und blickte etwas ärgerlich um sich. »Die Kinder sind eingeladen,« sagte sie endlich, »doch mit wem soll ich sie schicken?«

Ich sah sie erstaunt an. »Natürlich mit mir,« sagte ich.

»Unmöglich, Sie können in Ihrem blauen Kleide dort nicht hingehen.«

Da erinnerte ich mich der Worte meines Bruders und begann wieder zu fürchten, daß man mich vielleicht doch fortschicken würde. Ich war noch keinen Monat dort und hatte darum mein Gehalt noch nicht bekommen, nahm mir aber vor, mir ein neues Kleid zu kaufen, sobald ich Geld hätte, und sah nun täglich die Schaufenster an, um mir jetzt schon ein solches auszusuchen. Es war auch manches Kleid darunter, das mir gefiel; so oft ich jedoch nach dem Preise frug, erschrak ich dermaßen, daß ich tagelang in kein Schaufenster mehr schaute. Meine Schuhe fingen auch schon zu zerreißen an, und als endlich der Tag der Erlösung kam, da waren so eine Menge Dinge nötig, daß die 35 Kronen nur so flogen, und zu einem Kleide reichte der Rest nicht.

Als ich einmal gerade beschäftigt war, die Kinder zu Bett zu bringen, kam der Hausherr herein, trat, nachdem er mit jedem der Knaben einige Worte gewechselt hatte, auf mich zu und fragte, während er mit seiner Hand über meine Bluse strich: »Ist denn das nicht zu kalt?« Die Worte waren ganz einfach und auch berechtigt, denn es war kalt, und die Bluse war dünn. Auch die Bewegung seiner Hand, wie er über die Bluse strich, war nicht weiter auffällig. Doch der Blick, mit dem er mich ansah, erinnerte mich an ein rohes Wort, wie ich es früher so oft gehört hatte. Ich verneinte seine Frage. Als er aber seine Hand wieder ausstrecken wollte, da trat ich rasch zurück.

Der Herr kam nun immer etwas früher nach Hause und hielt sich stets im Kinderzimmer auf; er sprach mit den Knaben, dabei aber wanderten seine Blicke fortwährend zu mir, und ich empfand jeden dieser Blicke als eine neue Beleidigung. Eines Nachmittags, als die Kinder in der Schule waren, auch die Dame ausgegangen war, und ich mit dem Ausbessern einiger Sachen am Tische saß, ging plötzlich die Tür auf, und der Herr trat herein. Ich neigte meinen Kopf zum Gruße und sah ihn etwas erstaunt an, weil er am Tage nie zu kommen pflegte. Nachdem er die Tür sorgfältig geschlossen hatte, trat er näher und lehnte sich an den Tisch. Ich hatte meine Arbeit wieder aufgenommen, doch meine Finger zitterten. Er sprach nichts. Das Schweigen war mir unerträglich.

»Warum,« sagte er endlich, »sehen Sie mich denn nicht an?«

»Weil die Kinder die Sachen hier brauchen,« erwiderte ich und senkte den Kopf noch tiefer.

»Ganz richtig, aber wenn ich mit Ihnen sprechen will, erwarte ich, daß Sie etwas Zeit haben.«

Ich nahm an, daß ich sehr unhöflich gewesen, da er doch der Herr des Hauses war. Ich stand auf und blickte demütig zu ihm empor.

»Sie müssen wissen,« sagte er langsam und jedes Wort in einer seltsamen Weise betonend, »daß ich es sehr gut mit Ihnen meine, daß ich z. B. zu manchem Opfer bereit wäre, wenn Sie es anerkennen möchten.«

Ich öffnete den Mund zu irgendeiner ungeschickten Entgegnung, doch winkte er mit der Hand, ruhig zu sein und fuhr fort: »Sie wissen selbst am besten, daß Sie sich in etwas bedrängten Verhältnissen befinden. – Ich würde nun alles tun, um Ihnen zu helfen. So bin ich gern bereit, Ihnen einen größeren Vorschuß zu geben, von dem Sie meiner Frau gegenüber ja nichts zu erwähnen brauchen.«

Während der letzten Worte hatte er ein Päckchen Banknoten aus der Tasche gezogen und legte es auf den Tisch.

Nun aber verließ mich alle Klugheit, und mich überkam eine maßlose Wut: »Nehmen Sie das Geld fort,« schrie ich, »sonst zerreiße ich es;« und da er es nicht sofort nahm, warf ich es ihm vor die Füße. Er bückte sich und hob es auf, aber der Blick, mit dem er mich nun ansah, war ein drohender.

»Ich werde,« sagte er, »noch heute mit meiner Frau sprechen, daß sie eine Dame ins Haus bringt und kein Dienstmädchen.«

Dann ging er hinaus.

Ich beschloß, die Stelle sofort zu kündigen, und konnte den Abend kaum erwarten, wo die Dame nach Hause kommen würde. Doch noch ehe dies geschah, erhielt ich einen Brief von zu Hause, der jämmerliche Nachrichten über die dortigen Verhältnisse enthielt. Der Schluß sprach die schüchterne Bitte aus, eine, wenn auch nur ganz kleine Summe Geld zu schicken, um die notwendigsten Ausgaben bestreiten zu können. Ich hatte mein Gehalt vor einigen Tagen erhalten und fast nichts davon ausgegeben; ich nahm nun alles, was ich besaß, und lief damit zu einem Postamt. Erst nachdem ich die Quittung in der Hand hielt, atmete ich auf und eilte mit dem Schein nach Hause.

Da es schon spät wurde, legte ich unter den quälendsten Gedanken die Kinder zu Bett, und erst da fiel mir ein, daß ich nun eigentlich keinen Heller Geld hatte und die Stelle ja nicht kündigen konnte, sondern noch wenigstens einen Monat warten mußte, um genug Geld zur Heimreise zu haben, denn von einer anderen Stelle in Budapest wollte ich nichts mehr wissen. Ich hatte in der kurzen Zeit so viel Demütigungen und so viel Heimweh erlitten, daß ich in dieser Stadt nicht mehr bleiben wollte. Mir fielen dann auch wieder die Worte ein, die der entsetzliche Mensch mir gesagt hatte. Der Gedanke, daß man mich fortschicken werde, ließ mich jedoch kalt. Wenn man mich wegsendet, so ist das etwas ganz anderes, als wenn ich selbst das Dach über meinem Kopfe abbreche.

Als es gegen acht Uhr ging, kam die Dame und ihr Mann zu gleicher Zeit zurück. Sie kam in Hut und Schleier in das Kinderzimmer und fragte mich, ob die Jungen artig waren. Ich bejahte es, worauf sie wieder ging. Ich hatte mein Abendbrot immer im Kinderzimmer, konnte aber das Klirren der Messer und Gabeln im Eßzimmer, das nur einige Schritte entfernt lag, deutlich hören. Diesen Abend horchte ich gespannt auf jedes Geräusch, das mir hätte verraten können, ob man von mir sprach. Doch sehr bald beruhigte ich mich. Die Dame lachte sehr oft und erzählte etwas mit lauter Stimme, aber von mir sprach man nicht.

Am nächsten Morgen war die Frau zu mir freundlich wie immer, und ich war nun sicher, daß ihr Mann nichts gesagt hatte. Nachdem ich die Knaben in die Schule gebracht hatte und eben beschäftigt war, der Kleinen Betten zu machen, kam die Köchin herein mit einem Paar Schuhe in den Händen. Ich hatte nun schon etwas Ungarisch gelernt und konnte mich dem Mädchen ganz gut verständlich machen. Die Köchin hielt die Schuhe hoch, und ich sah, daß es meine eigenen waren, die ich vor einigen Tagen zum Ausbessern gegeben hatte. Sie sagte, daß der Mann draußen warte, und nannte den Preis, der für das Ausbessern zu bezahlen war. Mit einem jähen Schrecken erinnerte ich mich wieder, daß ich alles Geld fortgesandt hatte und nun nichts besaß, um die Schuhe bezahlen zu können. Nach einigem Sinnen sagte ich der Köchin, daß der Bote die Schuhe wieder mitnehmen müsse.

»Aber,« frug sie, auf meine Füße sehend, die in Schuhen staken, die sicher nicht neu aussahen, »brauchen Sie sie denn nicht?«

»Ja, das wohl, aber was soll ich tun? Wenn die Dame zu Hause wäre, könnte ich sie um Geld bitten.«

»Das ist nur eine Kleinigkeit,« sagte die Köchin, »ich leihe Ihnen das Geld sehr gern.«

Da ich die Schuhe dringend brauchte, war ich sehr glücklich über ihr Anerbieten. »Ich danke Ihnen herzlich, Sie werden Ihr Geld schon abends wieder bekommen.«

»Das ist nicht nötig, die Dame hat es nicht gern, wenn man sie um einen Vorschuß bittet. Das hat Zeit, bis Ihr Monat zu Ende ist.«

Am Abend, als die Dame zurückkam, bat ich sie nicht um Geld, wie ich mir vorgenommen hatte. Außer der Bemerkung der Köchin hatte ich noch einen andern Grund, es nicht zu tun; ich schämte mich nämlich, zu sagen, daß ich mein Geld nach Hause gesandt hatte.

Im Laufe des Monats tat ich nun etwas, das ich noch heute bereue und wahrscheinlich immer bereuen werde. Ich borgte noch mehr Geld von der Köchin. Es waren sicher nur Kleinigkeiten, um die ich sie bat, doch wenn ich sagte, sie solle mir 10 Kreuzer leihen, so gab sie mir 10 Kronen, und ich hatte am Abend nichts mehr davon. In dieser Weise schuldete ich ihr, noch ehe der halbe Monat vorüber war, 25 Kronen, eine Schuld, rechnete ich, die mir noch immer 10 Kronen übrig lassen wird. Doch noch ehe der Monat zu Ende war, geschah etwas, das alles anders gestaltete.

Die Dame hatte ungefähr vierzig Personen zu einem Nachtessen eingeladen. Es wurde den ganzen Tag gekocht und vorbereitet, und der Abend war ungemein großartig. Selbstverständlich war ich von der vornehmen Versammlung ausgeschlossen und saß, wie gewöhnlich, im Kinderzimmer. Ich saß auf einem niedrigen Stuhl und las. Auf einmal hörte ich vorsichtige Fußtritte, und als ich aufblickte, stand der Herr des Hauses vor mir. Ohne ein einziges Wort zu sprechen, bog er sich nieder, nahm meinen Kopf in seine beiden Hände, hielt ihn wie in einem Schraubstock und küßte mich; dann ließ er mich hastig los, und leise, wie er gekommen war, ging er hinaus. Mit einem dumpfen Laut sank mein Buch auf den Teppich, und ich saß eine Weile regungslos. Am ganzen Körper zitternd, stand ich endlich auf und schritt zur Waschschüssel. Ich nahm eine Bürste und rieb mein Gesicht so lange, bis die Haut sprang und Blutstropfen hervorkamen; dann warf ich mich angekleidet auf mein Bett und blieb dort, ohne mich zu rühren, lange bis nach Mitternacht. Was ich in diesen Stunden empfand, war kein Zorn, kein Haß, es war ein namenloser Schmerz.

Am Morgen erwachte ich wie betäubt, und mechanisch verrichtete ich meine Arbeit. Auf dem Wege zur Schule überlegte ich mir, wie ich es nur anstellen sollte, um dieses Haus sofort verlassen zu können. Ich gedachte der 25 Kronen, die ich der Köchin schuldete, und der schauderhaften Tatsache, daß mein Gehalt erst in zwei Wochen fällig war. Würde ich sogleich kündigen, so reichte das Geld nicht einmal hin, um die Schuld bei der Köchin zu decken. Wo sollte ich denn noch alles Nötige für meine Heimreise hernehmen? Bei dem Gedanken an diese befiel mich eine heiße Scham. Ich hatte mir vorgestellt gehabt, daß ich in schönen Kleidern und vielen feinen Sachen einmal zu Hause ankommen werde, und statt dessen war ich um nichts besser daran als um die Zeit, da ich wegging. Doch darüber beruhigte ich mich bald. Zum Schluß wurde mir mein Aussehen ganz gleichgültig. Ich wünschte nur genug Geld zu haben, um die Köchin bezahlen zu können und die Reise nach Wien zu ermöglichen. – Vielleicht konnte mir mein Bruder von Wien aushelfen. Doch wie ich auch rechnete, es blieb kein anderer Ausweg, als das Fehlende zu verdienen, und das hieß: noch zwei weitere Wochen in der unerträglichen Umgebung bleiben.

Innerlich fast verzweifelnd, doch äußerlich ruhig sagte ich eine Stunde später meiner Dame »Guten Morgen«, und sie gab mir den Gruß gähnend zurück. »Ich habe mich gestern köstlich unterhalten,« sagte sie, »doch heute bin ich todmüde.«

Als ich einmal während des Morgens in die Küche ging, um einen Krug Wasser zu füllen, sah ich die beiden Mädchen zusammenstehen und leise miteinander flüstern. Als sie mich erblickten, schwiegen sie rasch und warfen hämische Blicke auf mich. Ich füllte den Krug und ging wieder ins Zimmer zurück, doch das beklemmende Gefühl konnte ich nicht loswerden.

Als ich dann gegen Abend die Kinder aus der Schule brachte, sagte mir die Köchin, daß die Dame mich sofort zu sprechen wünsche. Ich wollte den Kindern erst die Mäntel ausziehen, doch sie riß mir den Arm des Jüngsten, mit dem ich angefangen hatte, aus der Hand und sagte, ich müsse sofort hineingehen. Etwas geärgert und erstaunt, tat ich, wie sie mir gesagt hatte, und da das Zimmer offen war, schritt ich ohne anzuklopfen hinein. Die Dame stand in der Mitte des Zimmers, als ob sie mich schon erwartete, und ihre dunklen Augen blitzten mir zornig entgegen. »Muß ich es,« rief sie mir zu, ohne meinen Gruß zu erwidern, »von den Dienstmädchen erfahren, welche Kreatur ich in mein Haus aufgenommen habe? Hinaus!« schrie sie dann in einer schrecklichen Wut. »Und verpesten Sie die Luft nicht mehr, als Sie es schon getan haben. Wenn Sie in zehn Minuten nicht fertig sind, lasse ich Sie die Treppe hinunterwerfen.«

Ohne ein einziges Wort zu sagen oder zu fragen begab ich mich in das Kinderzimmer und packte rasch meine wenigen Sachen in meinen braunen Koffer. Die Kinder sahen ungemein verwirrt aus und hoben mir die Stücke auf, die mir in der Hast und Aufregung aus den Händen fielen. Als ich fast fertig war, hielt ich plötzlich inne und horchte auf; draußen in der Küche war ein furchtbares Geschrei entstanden, und im nächsten Augenblick stürzte die Köchin herein. »Mein Geld,« schrie sie, »wie komme ich jetzt zu meinem Geld?«

»Das weiß ich nicht,« erwiderte ich. Darauf heulte sie wie ein hungriges Tier und lief wie verrückt im Zimmer auf und ab. Plötzlich aber war sie mäuschenstill, und als ich von meinem Koffer aufblickte, sah ich, daß die Dame im Zimmer stand.

»Was gibt es?« frug sie, ohne mich eines Blickes zu würdigen. Die Köchin gab Erklärungen unter erneutem Geschrei.

»Sie Schwindlerin, Sie Betrügerin,« wandte sich die Dame an mich. »Sie elendes Frauenzimmer.... Und Sie haben neun Monate an meinem Tische gesessen und neun Monate bei meinen Kindern geschlafen? ... Sie Schmutzfleck, Sie ...« Und dann sagte sie ein Wort, das ich nicht wiederholen will. Ich fühlte, wie mir bei den letzten zwei Worten alles Blut aus den Wangen trat, doch ich biß die Zähne zusammen und sprach kein Wort. Ohne mich um die beiden zu kümmern vollendete ich meine Arbeit, und als ich fertig war, wollte ich hinaus.