Die Dame aber vertrat mir den Weg.

»Den Koffer lassen Sie hier,« donnerte sie. »Der Koffer bleibt hier, bis Sie der Köchin ihr Geld gegeben haben.«

»Ich habe Anrecht auf zwei Wochen Gehalt,« sagte ich, »das kann sie ja haben; sobald ich eine Stelle habe, schicke ich den Rest.«

Sie fingen dann untereinander zu beraten an, und die Dame sagte zur Köchin, daß sie mir die zwei Wochen Gehalt lieber auszahlen wolle, damit ich nach Hause fahren könne, denn sie wolle mich in Budapest nicht wissen, und das einzige, was man tun könne, sei, meinen Koffer zurückzubehalten.

Nach diesem Gespräch drehte sie sich zu mir herum und warf mir 17 Kronen auf den Tisch; »machen Sie schnell, daß Sie hinauskommen,« rief sie mit schrecklicher Stimme, »und der Koffer bleibt hier.«

Ich nahm das Geld und sah mich nach den Kindern um, sie waren jedoch nicht mehr im Zimmer. Draußen in der Küche stand das Stubenmädchen, das die ganze Zeit gehorcht hatte. Mit einer höhnischen Verbeugung öffnete sie mir die Tür.

Auf der Straße lief ich dann so schnell ich konnte dem Bahnhof zu und erkundigte mich nach dem nächsten Zug nach Wien. Zwei Stunden später drückte ich mich tief in eine Wagenecke und sah mich scheu um, weil ich glaubte, jemand hätte gerufen: »Sie Schwindlerin, Sie Betrügerin, Sie elendes Frauenzimmer, Sie ...« Ich zitterte am ganzen Körper und schloß die Augen. Trotzdem mir unendlich elend und traurig zumute war, weinte ich diese Nacht keine einzige Träne. Am nächsten Morgen kam ich in Wien an. Ich dachte einen Augenblick daran, meinen Bruder zu besuchen, doch gab ich den Gedanken auf. Würde er nicht nur Spott und Verachtung für mich haben? So fuhr ich weiter nach Langenau.

Es war dunkel, als ich ankam, und ich eilte nach Hause. Die Kinder schliefen schon, doch meine Eltern saßen noch auf; sie sahen erschrocken auf mich, als ich zur Türe hereinkam, und stellten ängstliche Fragen. Ich aber sagte, daß die Familie, wo ich war, gestorben sei. Später ging auch mein Vater zu Bett, und ich befand mich mit meiner Mutter allein. »Wo hast du denn deinen Koffer?« frug sie mich. »Oh,« erwiderte ich mit erheucheltem Gleichmut, »man wird ihn mir schicken.« Es entstand nun eine lange Pause, während der meine Mutter nachdenklich auf mich starrte.

»Ich glaube, du hast kein Glück,« sagte sie endlich.

»Ich glaube auch,« erwiderte ich, und verfolgte mit den Augen eine große schwarze Spinne, die langsam über die Diele kroch.

Ich verblieb nun vorläufig zu Hause, doch wollte ich keinem einzigen Bekannten zu Gesicht kommen und verließ darum die Wohnung nie. Auch in Krems wußte niemand, daß ich zurückgekommen sei, und obgleich ich mich sehr sehnte, meine Lehrerin zu sehen, so konnte ich es doch nicht über mich gewinnen, ihr zu schreiben; sie zu besuchen war ganz unmöglich, da ich ja nichts Anständiges anzuziehen hatte. Meine Mutter frug mich jeden Tag, wann denn mein Koffer kommen würde, und ich sagte jedesmal: »Vielleicht morgen.«

Nach drei Wochen kam der Koffer zu meiner größten Überraschung wirklich an; ich war sehr glücklich, meine Sachen wieder zu haben; doch welchem Umstande ich es zu verdanken hatte, weiß ich noch heute nicht.

Meine erste Sorge war nun, eine neue Stelle zu finden. Die Verhältnisse meiner Eltern waren nicht besser als sie mir geschrieben hatten, und die Miete war immer eine brennende Frage. Doch wo sollte ich eine Stelle suchen? In Langenau? Davon wollte ich nichts wissen; in Krems? Auch davon wollte ich nichts hören; so blieb nur Wien. Ich schrieb meinem Bruder und bat ihn, etwas Passendes für mich zu suchen. Der Brief blieb ohne Antwort. Die Verhältnisse wurden nun immer bedrängter. Da ich nichts verdiente, konnte ich mir auch nichts anschaffen und stand wieder einmal auf dem Punkte, wo mir ein Paar neue Schuhe ein verlockender Gegenstand waren.

Ich hatte schon beschlossen, doch wieder eine Stelle in Krems anzunehmen, als eines Tages der Postbote einen Brief für mich brachte. Ich erkannte sofort die ungarische Marke mit dem schiefstehenden Kreuz und dem ausgespannten Adler. Die Handschrift aber war mir unbekannt. Ich fürchtete, daß man mich vielleicht an die 25 Kronen mahnen würde, und öffnete darum den Brief mit heimlicher Angst. Als ich ihn gelesen hatte, wußte ich nicht, ob ich mich über den Inhalt freuen sollte oder nicht. Der Brief war von Herrn Sandor. Er erwähnte nichts von der früheren Stelle und schrieb, daß er einen sehr guten Posten für mich hätte; es seien nur zwei Kinder, ein Knabe und ein Mädchen im Alter von drei bis fünf Jahren in der Familie, und das Gehalt sei dasselbe. Meine Eltern drängten mich sofort, die Stelle anzunehmen, doch hatte ich meine eigenen Gedanken darüber und blieb lange unschlüssig. Am nächsten Tage kam schon wieder ein Schreiben aus derselben Quelle, und Herr Sandor bat mich, umgehend zu antworten. Daraufhin nahm ich alle meine Sachen und unterzog sie einer eingehenden Prüfung. Wenn ich, so rechnete ich dabei, neue Ärmel an diese Bluse nähe, so wäre sie noch ganz gut, und an diesen Rock einen neuen Bund, so könnte er auch noch gehen. Stück für Stück legte ich beiseite und nahm mir vor, mit dem Ausbessern sofort zu beginnen; doch erst setzte ich mich nieder und schrieb an Herrn Sandor, daß ich die Stelle annehmen möchte.

Am Tage vor meiner Abreise trieb es mich hinaus.

Es war spät am Abend, und im Schutze der Dunkelheit besuchte ich alle die Plätze, die ich so gut kannte und noch immer lieb hatte. Ich ging an dem Hause vorbei, das wir nach unserer ersten Übersiedelung bewohnten, und blickte durch das offene Tor. Der Bach floß noch wie früher durch den schmalen Hof, doch in der Ecke, in welcher meine Lilien geblüht hatten, die sich stets so großmütig für mich öffneten und schlossen, stand eine Hundehütte, und ein fremder zottiger Köter fuhr feindselig auf mich los. Traurig ging ich weiter. Der Kirchplatz war noch derselbe; die Kirche in der Mitte stand dunkel und still, und gegenüber lag das Haus meiner früheren Freundin Leopoldine. Die Fenster waren alle erleuchtet und das ganze Gebäude sah stattlich und wohlhabend aus; dann schritt ich die Straße hinunter, noch weiter als zum Hause des Färbers, bis ich beim Kirchhofe anlangte. Ich hatte als Kind vor diesem Orte immer große Scheu gehabt, doch heute fühlte ich mich so müde, daß jedes andere Gefühl dagegen verschwand. Ich lehnte mich an die niedrige Kirchhofsmauer und ließ die Gedanken gehen. Was war mein Leben bisher gewesen? Von Jugend auf verachtet und gemieden und nichts anderes zu eigen als die stillen Gedanken und die noch stilleren Träume. Ja, wenn mein Prinz gekommen wäre ... Der Prinz aus dem Märchenland ... Und als ich so über die Gräber ins Dunkle starrte, da hatte ich eine Vision. Ich sah einen riesengroßen feuerroten Kreis, der alle Menschen umschloß, nur ich war draußen – allein.

Am nächsten Tage begleiteten meine Eltern mich wieder zur Bahn, doch dieses Mal sprach ich fast nichts und schritt beinahe widerwillig neben ihnen; später saß ich im Zuge, aber was ich empfand, war nur Gleichgültigkeit ... Ich wußte nicht, daß mein Schicksal auf mich wartete ...

Dieses Mal holte mich der Stellenvermittler nicht vom Bahnhofe ab. Er schrieb mir, daß ich ja nun Budapest schon kenne und daher meinen Weg leicht finden würde, um so mehr, da das Haus der Familie, der er mich empfohlen hätte, ganz nahe beim Bahnhof sei. Es war auch so. Ich hatte nur eine einzige Straße zu überschreiten und fand schon, was ich suchte. Mir war in der letzten Zeit alles so furchtbar gleichgültig geworden, und ohne eine Spur des üblichen Herzklopfens stieg ich die Treppen hinauf. Oben angelangt, drückte ich auf die Klingel, worauf ein Mädchen erschien, das mich fragte, ob ich die neue Friseurin sei. Ich schrieb diese Frage meinem abgetragenen Kleide, meinen abgestichelten Handschuhen, meinen vertretenen Schuhen zu, verneinte aber ihre Frage mit aller Würde, der ich fähig war, und sagte, ich sei das neue Fräulein. Daraufhin führte sie mich in ein Vorzimmer. Nach einer Weile kam das Mädchen wieder und bat mich, mit ihr zu kommen. Ich folgte ihr in ein Zimmer, das grüne Vorhänge hatte und über dessen Tisch eine grüne Decke lag. Es muß wohl die grüne Decke gewesen sein, die mich plötzlich an den einstigen »Salon« meiner Mutter erinnerte. Ich hatte mich beim Eintritt in das Zimmer stramm aufgerichtet, um so würdevoll als möglich auszusehen. Als jedoch meine Gedanken mich plötzlich in jene entfernte Zeit zurücktrugen, vergaß ich meinen Vorsatz, und meine Schultern sanken etwas nach vorne, in ihre gewohnte Haltung.

»Sind Sie das neue Fräulein?«

Ich wandte meine Augen verwirrt von der Decke, nickte bejahend auf die Frage und blickte dann voll auf den Herrn, der vor mir stand.

»Sie schrieben doch, daß Sie einundzwanzig Jahre alt seien.«

»Das bin ich auch.«

»Sie sehen viel jünger aus.«

Ich sagte, daß ich nichts dafür könne, und darauf lächelten wir beide. Er stellte mir noch einige Fragen, und gleich darauf erschien eine große stattliche Dame, seine Frau. Sie führte mich in das Kinderzimmer, und da es noch früh am Tage war, traf ich die Kleinen im Hemdchen an, worin sie so herzig aussahen, daß ich sie sofort lieb hatte ... Mein Leben wurde nun wieder so ziemlich dasselbe, wie auf meiner früheren Stelle. Ich beschäftigte mich ausschließlich mit den Kindern, spielte mit ihnen, führte sie spazieren und später auch zur Schule. Unsere Spaziergänge machten wir gewöhnlich der Donau entlang, die in Budapest so breit und prächtig wallt, und mit den großartigen Gebäuden am jenseitigen Ufer, hauptsächlich der Königsburg, einen ungemein vornehmen Eindruck macht. Bei schlechtem Wetter schickte ich die Kinder auf den Gang, der auf derselben Höhe wie die Wohnung um den ganzen Hof herumlief und seiner Glattheit wegen einen unvergleichlichen Ort für jenes Spielzeug bot, das die Pflicht hat, von selbst zu laufen, wie Eisenbahnen, Automobile und dergleichen.

Eines Nachmittags hatte ich die Kleinen wieder hinausgeschickt und versprochen, bald nachzukommen. Als ich ihnen aber in wenigen Minuten folgte, konnte ich sie nirgends erblicken. Da rief ich ihre Namen, und sie antworteten sofort, doch wußte ich noch immer nicht, wo sie eigentlich steckten.

»Wo seid ihr?«

»Hier!« ertönte es, und dabei öffnete sich eine gegenüberliegende Tür, der ich bis jetzt keine Beachtung geschenkt hatte, und mein kleines Mädchen steckte seinen süßen dunklen Kopf heraus. »Hier,« wiederholte sie, »kommen Sie herein, bitte.« Ich kannte zwar die Leute nicht, die dort wohnten, da ich aber annahm, daß es Freunde der Familie seien, schritt ich hinein.

In dem Zimmer, in das die Kleine mich geführt hatte, befand sich ein vielleicht dreißigjähriger Mann, der anscheinend allein zu Hause war und die Kinder mit Marken, Bildern und anderen Dingen unterhielt. Er grüßte mich in geläufigem Deutsch und mit einer Höflichkeit, wie noch nie jemand mich begrüßt hatte; ich bezwang meine anfängliche Verlegenheit und setzte mich auf seine Aufforderung.

Die beiden Kinder hatten sich in eine Unterhaltung über den möglichen Wert einer ausländischen Marke vertieft, und so wandte der Inhaber des Zimmers sich mir im Gespräche zu. Erst banal, alltäglich, mit einer feinen Ironie in seiner Stimme; dann durch einige meiner Bemerkungen plötzlich interessiert, forschend und ernst. Wir kamen auf ein Gebiet, von dem ich heute noch nicht weiß, wie wir uns dahin verstiegen hatten. Elegant in dem Sessel zurückgelehnt, eine Zigarre im Munde und den Kopf nach hinten, frug er: »Und was glauben Sie, das größer ist: der Rausch oder die Reue; ist der Rausch die Reue wert?« Ich begriff die Frage nur halb und sagte, ich wüßte das nicht. Dann erzählte ich ihm von meinen Gedichten, und er horchte auf und lächelte das feine ironische Lächeln, das ich damals auch nicht begriff. Als ich mich bei ihm mit den Kindern verabschiedete, frug er mich, welche Bücher ich lese.

»Keine.«

Über diese Antwort schien er erstaunt zu sein.

»Darf ich Ihnen aus der Bibliothek welche besorgen?«

Ich fand sein Anerbieten sehr liebenswürdig und sagte, es würde mich sicher freuen. Einige Tage später übergab mir der Hausbesorger ein Paket mit Büchern. Auf dem obersten lag ein kleiner Zettel.

»Ich habe die Bücher in aller Eile gewählt, hoffe aber, die Wahl zu Ihrer Zufriedenheit getroffen zu haben.« Nichts weiter, nicht einmal eine Unterschrift. Sobald ich Zeit hatte, schlug ich eines der Bücher auf. Es war ein Bändchen Erzählungen von Jakobsen. »Morgan« hieß eine der Geschichten. Ich las sie vom Anfang bis zum Ende. Ein Mann, ein Träumer, der heute ein Mädchen leidenschaftlich liebt und sie morgen wieder vergißt. Und um diesen Menschen Bilder von seltsamer Farbe und funkelndem Licht. Das Buch gefiel mir, aber eigentlich verstand ich es nicht. »Haben Sie schon aus den Büchern gelesen?« frug mich mein neuer Bekannter, sobald er mich traf. Ich bejahte es.

»Auch die kleine Geschichte Morgan?«

»Ja.«

»Gefiel sie Ihnen?«

»Ich weiß es nicht.«

»Eine der schönsten Stellen ist die, wo er mit seiner jungen Frau durch die wogenden Kornfelder geht.«

»Ja, aber ich glaube, er muß ein schrecklicher Mensch gewesen sein.«

»Warum das?«

»So unruhig, so launenhaft, so unbeständig.«

Nach diesen Worten traf mich ein flammender Blick, dann zog er den weichen Hut tief über die Stirne und lächelte. –

Wir trafen uns nun fast jeden Tag, gewöhnlich am Morgen, wenn ich die Kinder zur Schule führte und er in die Bank mußte. Eine kleine Strecke fuhren wir zusammen, dann mußte ich mit den Kindern aussteigen, und er fuhr weiter. In diesen flüchtigen Minuten führten wir sprunghafte Unterhaltungen. An irgendeinen Zufall, einen Gedanken oder eines meiner Gedichte anknüpfend, sprachen wir scheinbar objektiv, bis wir plötzlich stockten, weil jedes meinte, es habe etwas verraten. Nach und nach fing ich an, an ihn zu denken, auch wenn ich ihn nicht sah. Mitten aus all den sehnsüchtigen, unverständigen Träumen, die ich von jeher geträumt hatte, hob sich sein Bild wie eine lodernde Frage. – Und etwas, das die ganze Zeit dumpf und leblos in mir gelegen hatte, dehnte sich, richtete sich auf und lächelte wie ein Genesender. Einmal hatte ich ihn zwei Tage nicht gesehen, und weil mein Herz voll war von einer wundersamen Sehnsucht, schrieb ich ihm einen Brief. Nicht daß ich ihn zu sehen wünschte oder ähnliches. Nein, Gedanken, die mir reich wie ein Regen in die Seele fielen und mit denen ich nicht wußte, was zu tun – Bilder, die ich schön und seltsam fand und mit ihm teilen wollte. Den nächsten Tag zitterte ich vor Ungeduld, ihn zu sehen. Doch ich sah ihn nicht. Den nächsten Tag auch nicht, den nächsten auch nicht. Am vierten Tage endlich ... Mein erster Impuls war, ihm entgegen zu stürzen, doch dann hielt mich das süße Zagen, das mich nun schon lange immer in seiner Nähe überfiel. Es schien erst, als ob er an mir vorüber wollte, ohne mich zu bemerken, doch dann zögerte er, blieb stehen und grüßte. Ich konnte sein zurückhaltendes Benehmen nicht verstehen und fühlte einen brennenden Schmerz. »Warum?« frug ich, »warum sehe ich Sie so selten?« Er atmete tief und sah an mir vorbei.

»Weil es unklug wäre, wenn wir uns öfter träfen.«

»Warum?«

Er antwortete wieder nicht gleich. »Es gibt,« sagte er endlich, »Wölfe, die im Schafspelze herumlaufen.«

»Das verstehe ich nicht.«

»Nicht?«

»Nein.«

»Ich will Sie warnen.«

»Vor wem?«

»Vor einem Wolf, der im Schafspelze herumläuft und dem Sie Ihr Vertrauen schenken.«

»Wen meinen Sie?«

»Mich.«

Der Sinn seiner Worte dämmerte endlich in mir, doch einer tiefen, sicheren Glückseligkeit voll, schüttelte ich den Kopf.

»Sie sind kein Wolf im Schafspelz.«

Er atmete wieder, wie er es im Anfang getan hatte, und blickte geradeaus.

»Ich bin einer, ein grausamer, herzloser Wolf, einer, der ein Lamm unbarmherzig verschlingen würde, wenn es ihm ohne Hund und Hirte in den Weg käme.«

Ich sah in sein Gesicht, das mir auf einmal hager und verlebt erschien, und da wurde ich still und traurig. Das, was er da eben gesagt hatte, klang nicht nach Heimat und Glück. Wie ein Abgrund tat es sich plötzlich vor mir auf, und das helle Jauchzen, das wie eine Verheißung noch kurz vorher durch jede Falte meiner Seele stürmte, verstummte mit schrillem Klang. Doch schon im nächsten Augenblicke erhob es sich wieder. Erst ein feines Zittern, dann ein leises Trillern, dem ich nicht wehren konnte und auch nicht wehren wollte. Etwas in mir weinte, aber das, was gejubelt hatte, jubelte noch. –

»Haben Sie meinen Brief erhalten?« frug ich ihn nach einer langen Pause.

»Ja, und ich danke Ihnen dafür.«

»Darf ich Ihnen wieder schreiben und meine Gedichte mitsenden?«

Er blickte lange ins Weite und zögerte mit der Antwort.

»Darf ich?« frug ich noch einmal.

»Ja!« Er sagte es kurz und zögernd, als ob er fürchte, es zu bereuen.

»Und Sie werden mir zurückschreiben?«

Er zögerte wieder und länger als zuvor.

»Ich glaube nicht – das heißt, vielleicht manches Mal, aber nie sehr viel.«

»Nur manches Mal und nie sehr viel?«

»Ja, und das auch nur unter einer Bedingung.«

»Unter welcher Bedingung?«

»Das niemand von unserem Briefwechsel erfährt.«

»Warum?«

»Weil es Ihretwegen besser ist.«

»Warum meinetwegen?«

Und ehe er antworten konnte, flammte ein plötzlicher Groll in mir auf.

»Sie sind feige.«

Darauf zuckte er mit den Achseln.

»Wenn es Ihnen Freude macht, das zu denken, will ich Sie nicht daran hindern, doch dürfte eine kleine Aufklärung am Platze sein. – Es ist nicht meinetwegen, sondern Ihretwegen. Ein unverheirateter Mann kann tun, was er will. Er kann einem Mädchen den Hof machen, ihm den Kopf verdrehen, und niemand wird es einfallen, ihn darum zu tadeln. Die allgemeine Auffassung, die aber in bezug auf ein Mädchen herrscht, kennen Sie ja.«

»Ich kümmere mich nicht um die Leute.«

»Das glaube ich, aber die Leute kümmern sich um Sie.«

»Aber ich mache mir nichts daraus.«

»Aber ich.«

»Also doch Ihretwegen.«

»Nein Ihretwegen.«

Er war stehen geblieben und sah mich hart und entschieden an. Ich kam mir plötzlich so elend und erbärmlich vor, daß ich mich vor mir selbst schämte. Was sollte das eigentlich heißen? Da vor mir stand ein Mann, den ich bat und bettelte, ihm schreiben zu dürfen, und der mir erklärte, er würde es gnädig erlauben, wenn ich auf von ihm gestellte Bedingungen einginge. Ein bitterer Zorn überkam mich. Würde er es wagen, so zu einem andern Mädchen zu sprechen? Zu der Tochter eines Vorgesetzten oder eines Bekannten? Würde er sich da auch einer Bekanntschaft schämen? Denn nichts anderes konnte es sein, als daß er sich meiner schämte. Meiner armseligen Kleidung, meiner armseligen Stellung. Eine Vision von Mädchen in reicher, vornehmer Kleidung zog blitzschnell an mir vorbei, und es wallte wie Neid in mir empor. Hatte er nicht recht? Was war ich denn? Was waren meine Eltern? Arm – bitterlich arm.

»Gehen Sie,« sagte ich gequält, »ich will Ihnen nicht mehr schreiben.«

»Das können Sie nicht.«

Meine Traurigkeit wandelte sich wieder in Zorn.

»Warum kann ich das nicht?«

»Weil Sie mich brauchen.«

Seine Augen hatten den harten Ausdruck verloren, sie blickten ruhig, doch bestimmt, und von diesem Blicke ging eine Herrschaft aus, die bis jetzt kein Mensch imstande war, auf mich auszuüben; und weil sich dagegen alles, was frei und stolz und stark in mir war, auflehnen wollte, sagte ich: »Ich hasse Sie.« Dann drehte ich ihm den Rücken und lief davon. Später, als es dunkel wurde und die Kinder schliefen, setzte ich mich an das offene Fenster und blickte auf die Straße hinab, in der die Gaslaternen flammten und unzählige Menschen hin und her wogten, so verschieden in Aussehen und Gebaren und doch alle einander so ähnlich durch den gemeinsamen Trieb nach Zerstreuung und Vergnügen. Ihre Augen leuchteten, ihre Wangen glühten. Sie strömten dem Lustspieltheater zu, das ganz in der Nähe lag; wie ein feiner elektrischer Strom schlug ihre Hast und Erwartung zu mir empor. Mit einem leisen Schauder fühlte ich diese fremde, rätselhafte Gewalt, und plötzlich war es mir, als ob ein riesengroßes Ungeheuer, mit höhnischem Munde und boshaften Augen, den Knäuel von Menschen, Pferden und Kutschen mit lautem Gelächter und Fußtritten vor sich herrollte. Um das Bild los zu werden schloß ich die Augen und dachte nach Hause. Ich stellte mir die Kinder vor, wie sie zu zweien in den Betten lagen, und sah meine Mutter, angetan mit einem abgeflickten Kleidungsstücke, beim Tisch sitzen. Ich spürte förmlich den Geruch der kleinen Petroleumlampe und sah die rotgeränderte Flamme hinter dem verbogenen Schirme zucken.

Dann wieder sah ich mich selbst unter der Kinderschar, mit dem unzufriedenen Gemüt und dem unbestimmten Drang nach irgend etwas ganz, ganz anderem; mit der großen Sehnsucht nach einem Menschen, dem ich all die Dinge erzählen konnte, die ich beständig dachte und über die, hätte ich sie verraten, mein Vater verständnislos den Kopf geschüttelt und meine Mutter gequält gelächelt hätte. – Und plötzlich befand ich mich wieder im Banne jener Augen, die mich heute so ernst, so bestimmt angesehen hatten ...

»Weil Sie mich brauchen,« hörte ich ihn wieder sagen, und die Worte, die am Nachmittag so brutal, fast höhnisch klangen, tönten jetzt so weich und beruhigend, tönten so zuversichtlich, daß ich unwillkürlich die Arme ausstreckte, wie mich daran zu klammern.

Ich hatte ihm geschrieben und dem Briefe die letzten meiner Gedichte beigelegt. Daraufhin sandte er mir ein paar Zeilen, die den Wunsch enthielten, mich allein sprechen zu können. Ich hatte ihn bis jetzt immer nur in der Gesellschaft der Kinder getroffen, und der Gedanke, ihn einmal ganz allein und ungestört sprechen zu dürfen, ließ mich in einer eigentümlichen Weise erbeben.

Unter einem sehr dummen Vorwand machte ich mich am folgenden Tage eine Stunde frei und traf pünktlich ein. Sein Gruß war außerordentlich höflich, sein Gesicht außerordentlich ernst. »Ich habe,« sagte er, »nur eine Viertelstunde Zeit und will darum sofort mit dem beginnen, worüber ich mit Ihnen sprechen will.« Die Bemerkung, daß er nur eine Viertelstunde, während ich eine Stunde Zeit hatte, ärgerte mich, und so antwortete ich kaum auf seine Einleitung. Er schien aber meinen Unmut nicht zu bemerken und fuhr fort: »Ich danke Ihnen zuerst für den Brief sowie für die Gedichte; doch ist es der Gedichte halber, daß ich Sie sprechen wollte. Schon aus den früheren Gedichten habe ich ersehen, daß Sie ein großes schönes Talent besitzen. Aber so herrlich auch die Gedanken sein mögen, welche Sie darin aussprechen, so schlecht ist die Form, in die Sie sie kleiden. – Hier« – er zog meinen Brief aus seiner Brusttasche – »können Sie genau sehen, was ich meine.«

Ich starrte verwirrt auf das Blatt Papier, das er mir entgegenhielt, konnte aber nichts sehen und bat ihn um weitere Erklärung. Darauf lächelte er, doch nicht das spöttische Lächeln, und sagte:

»Den Gedichten fehlt jede Form.«

»Form?« frug ich erstaunt und verletzt, »was sollen sie denn für eine Form haben?«

»Richtige Form. Wie Sie selbst sehen werden, stimmt das Versmaß nicht.«

Er las dann jede Zeile langsam, und zwischendurch machte er Bemerkungen wie:

»Diese Zeile hat einen Fuß zu wenig, und diese hier hat einen Fuß zuviel ... diese Zeile ist, was Takt anbelangt, viel zu langsam, und diese viel zu schnell. Es müßte ungefähr so heißen ...«

Dann las er das Gedicht noch einmal, ersetzte aber durch irgendein Wort das fehlende, und ließ weg, was er für überflüssig fand. Ich hatte so etwas in meinem ganzen Leben noch nicht gehört und horchte nun auf jedes Wort, das er sagte, mit größtem Interesse. Nachdem die Viertelstunde und noch einige Minuten darüber um waren, verabschiedeten wir uns, und ich ging, von ganz neuen Gedanken erfüllt, nach Hause. Sobald ich aber Zeit hatte, nahm ich einige meiner Gedichte vor und fand darin dieselben Unebenheiten. Einige Tage später, als ich meinen Freund, ich weiß nicht mehr, zufällig oder nicht zufällig, auf dem Gange traf, überreichte er mir zwei Bücher, ein großes und ein kleines. »Das hier ist eine Grammatik der deutschen Sprache, denn – und nun lächelte er wieder gütig – Sie machen in Ihren Gedichten auch sehr viel grammatikalische Fehler, und das hier ist eine Poetik, die Ihnen deutlicher, als ich es imstande bin, erklären wird, was Sie beim Dichten im Auge zu halten und was Sie zu vermeiden haben.«

Ich dankte ihm für die beiden Bücher. Als ich sie jedoch abends durchblätterte, fand ich die deutsche Grammatik recht langweilig und die Poetik ganz unverständlich. Wenn ich, so sagte ich zu mir, so dichten müßte, wie es in diesen Büchern steht, so würde ich überhaupt nichts dichten können. Ich legte darum die beiden Bücher beiseite und dichtete in meiner alten Weise fort. Dieses Mal verging fast eine Woche, ehe ich ihn wiedersah, und er frug mich sofort, wie mir die Bücher gefielen. Ich schämte mich aber, die Wahrheit zu sagen und antwortete: »Ganz gut.«

»Haben Sie etwas Neues gedichtet?«

Darauf bejahte ich und zeigte ihm meine letzten Gedichte; er las sie aufmerksam durch und gab sie mir dann zurück. »Die Gedanken, die darin enthalten sind, sind ja gut, wie immer, nur schade, daß Sie den beiden Büchern nicht mehr Aufmerksamkeit schenken.«

»Wie wissen Sie das?«

»Das kann ich sehen. Hätten Sie nur etwas Geduld mit ihnen gehabt, so könnten Ihnen solche grobe Fehler, wie sie sich in diesen Gedichten finden, nicht möglich sein.« Ich schämte mich bei dieser Rede noch mehr; doch plötzlich erwachte mein Trotz.

»Die Bücher sind sehr langweilig, und ich werde nichts daraus lernen.«

»Gut,« entgegnete er, »so wollen Sie also immer ein Kindermädchen bleiben?«

Ich senkte den Kopf und ärgerte mich, daß er es wagte, so mit mir zu sprechen. Am Abend nahm ich die Bücher und lernte. Es war besonders die Poetik, mit der ich mich beschäftigte, und sobald ich etwas in das eigentliche Wesen dieser Kunst eingedrungen war, merkte ich bald genug, was meinen Gedichten mangelte. Schon nach einigen Wochen eifrigen Lernens schrieb ich ein neues Gedicht, das mir ein warmes Lob von meinem Freunde einbrachte. Das Gedicht, »Lebenslied« genannt, lautete:

Wenn mich ein tiefer Schmerz beweget
Am goldenen Rocken,
Aus Dunkel und Licht,
Ohn' Säumen und Stocken,
Horch, fühlst du es nicht?
Still sachte und leise
Nach ewiger Weise
Das Schicksal die flimmernden Fäden flicht.
 
Mit ruhigen Zügen
Und offenem Haar
Die Göttinnen fügen,
Nur Himmlischen klar,
Süßholder Gefühle
Liebreizende Spiele
Im menschlichen Busen uns wunderbar.
 
Und wirken und weben,
O, sorget euch nicht!
Noch während wir beben,
Schon knüpfen sie Licht,
Und ziehn uns die Säume
Frohglänzender Träume
Um's tränenbefeuchtete Angesicht.

»Es ist das,« so sprach er, »Ihr erstes Gedicht, und ich gratuliere Ihnen dazu.« Diese Worte machten mich ungemein glücklich und stolz. Mit einer erschreckenden Gewißheit hatte ich begriffen, daß ich in jeder Beziehung weit unter ihm stand, daß ich nichts, nichts in die Wagschale zu werfen hatte, wenn man meine Verhältnisse gegen die seinen wog. Daß ich ein armes unbedeutendes Mädchen war, das nie, nein, in seinen kühnsten Träumen nicht, hätte von ihm träumen dürfen.

Und nun fühlte ich mit einem süßen Zittern, daß dieser elegante Mann mit dem feinen Wesen wie ein fremdländischer Vogel, mit glänzendem Gefieder, durch die stillen Wälder meiner Seele flog – und fortfliegen würde, sobald er sie nimmer still und duftend fand. Und wie ich so in die tiefsten und geheimsten Gedanken lauschte, spürte ich auf einmal eine heiße Angst. – Dieser Fremdling, der da zufällig, wie im Vorüberwandern zu mir kam, durfte nicht wieder fort. Nein, nie wieder. Aller Glanz, alle Wärme, alle Lieder würden mit ihm gehen. Diese uneingestandene köstliche Erwartung, die mir ihr Märchen wie mit Silberglocken in die Seele läutete – diese neue wundersame Zagheit, die mir so oft den Fuß zum Stocken und das Herz zum Zittern brachte – dieses rasche, süße Aufquellen einer unergründlichen Glückseligkeit, das alles würde mit ihm gehen. – Und dann wachte etwas in mir auf, das sich gegen diese Angst bäumte, etwas, das wuchs und wuchs, bis es alles andere überragte: ein neues Bewußtsein, gepaart mit einer neuen Stärke, und so nahm ich den Kampf auf, den jedes Mädchen wenigstens einmal kämpft und der schwerer ist als alle Kämpfe, die je von Heereszügen ausgefochten wurden.

Aber so tief und leidenschaftlich dieser Kampf innerlich auch gewesen sein mag, so wenig offenbarte er sich nach außen. Wir trafen uns zwar fast jeden Tag, doch selten allein; und verabredeten wir auch hie und da eine Zusammenkunft, hatten wir nie mehr als eine halbe Stunde zur Verfügung. Er hatte sich nach und nach völlig verändert. Das spöttische Wesen, das er im Anfange unserer Bekanntschaft immer zur Schau getragen hatte, war verschwunden, und an seiner Stelle erschien ein nachdenklicher Ernst. Was mich anbelangt, so machte mich seine Ruhe und Höflichkeit scheu und schroff, weil ich fürchtete, Empfindungen preiszugeben, die vielleicht gar nicht erwidert wurden. Denn wie und was er über mich dachte, konnte ich nie begreifen. Er war immer so gut, so besorgt, dabei so unbarmherzig streng, fast brutal, wenn sich mein Eigensinn gegen seinen Willen auflehnte.

Einmal befand ich mich mit den Kindern am Gang, und meine Dame war ebenfalls herausgekommen. Ich saß mit einer Näharbeit beschäftigt, und trotzdem ich nicht aufblickte, fühlte ich plötzlich, daß noch jemand da war. Gleich darauf hörte ich eine Stimme, die ich kannte, und mein Herz begann stärker zu klopfen. Ich hatte gedacht, daß er zu mir herantreten und mich grüßen würde. Er tat das aber nicht, sondern unterhielt sich mit meiner Dame. Alles Blut drängte sich mir langsam ins Gesicht. »Der Feigling,« schrie es in mir, »er wagt es nicht einmal, mich zu grüßen.« Ich zitterte vor Scham und Empörung, und nichts in der Welt hätte mich bewegen können, die Augen aufzuschlagen. Die Unterhaltung, die sie führten, war kurz und nichtssagend; nach einigen Minuten verabschiedete er sich mit höflichen Worten von meiner Dame, mit ein paar Scherzworten von den Kindern, dann flog eine Tür ins Schloß und ich wußte, daß er fort war. Ich hätte weinen mögen, vor Wut und Traurigkeit. Das also war mein Freund. – Sobald ich die Kinder zu Bette gebracht hatte, schrieb ich ihm einen Brief, worin ich ihn bat, mir sämtliche Briefe und Gedichte, die er von mir erhalten hatte, zurückzusenden, da ich unsere Freundschaft, die, wie ich erst jetzt herausgefunden, nie eine Freundschaft war, aufgehoben wünschte. Ich dachte, daß er meinem Wunsche sofort nachkommen würde, und war erstaunt, nichts von ihm zu hören. Ein Tag verging nach dem andern, und endlich, nach einer Woche, übergab mir der Hausbesorger einen Brief, besser gesagt, einen Zettel: »Ich möchte Sie allein sprechen, bitte, bestimmen Sie Zeit und Ort.« Erst nahm ich mir vor, nichts zu erwidern. Zwei Tage hielt ich es aus, dann schrieb ich ihm, »wo und wann«.

»Was soll das bedeuten,« frug er, mein letztes Schreiben hervorziehend. Darauf brach ich in bittere Vorwürfe aus. Er unterbrach mich mit keiner Silbe, und ich sprach, bis ich nichts mehr zu sagen wußte. »Sie sind ein Kind,« sagte er dann, und dabei sah er mich halb belustigt, halb traurig an. Seine anscheinende Gleichgültigkeit aber ärgerte mich. »Bitte,« sagte ich würdevoll, »wann werde ich meine Briefe wieder haben?«

Seine Augen flammten plötzlich und seine Lippen preßten sich aufeinander:

»Niemals.«

»Aber es sind meine Briefe.«

»Sie täuschen sich, die Briefe gehören mir.«

Er war stehengeblieben und in seinen Zügen war der tiefe Ernst und die Entschlossenheit, die ich so gut kannte. Da brach aller Zorn in mir zusammen, und halb weinend schmiegte ich mich an ihn. Eine Sekunde lang ließ er mich gewähren, dann richtete er sich straff auf und zog seine Uhr.

»Es ist Zeit, daß Sie gehen.«

Er sprach kühl und höflich wie immer, der Blick aber, mit dem er mich ansah, war ein wunderbarer Blick, und voll von einem neuen Wunder, gemischt mit einem herben Weh, schritt ich halb betäubt nach Hause. –

Später lernte ich auch seine Mutter kennen. Sie war eine so feine, vornehme Frau, daß ich sie lieb gehabt hätte, auch wenn sie nicht seine Mutter gewesen wäre. So oft sie mich traf, plauderte sie in liebenswürdiger Weise mit mir. Einmal sagte sie, daß ihr ein schönes Buch in die Hände gefallen wäre, ob ich es mir holen möchte. Recht schüchtern, aber auch recht entschlossen, drückte ich an einem der nächsten Tage die Klingel, worauf mich das Stubenmädchen in den Salon führte. Die Zusammenstellung der Möbel und sonstiger Dinge war ebenso geschmackvoll als elegant, und unwillkürlich dachte ich an unsere Wohnung zu Hause, an das eine Zimmer, in dem sie alle zusammen aßen, schliefen und sich quälten. Der Eintritt meiner Gönnerin entriß mich den düsteren Gedanken. Sie stellte mir einige freundliche, unaufdringliche Fragen, und bald kamen wir ins Plaudern.

»Eigentlich schäme ich mich,« sagte sie, während sie ein Schubfach aufzog und vergilbte Blätter herausnahm, »aber ich kann mir nicht helfen. Hier sind noch eine Menge Dinge aus meiner Mädchenzeit, die ich mich nicht entschließen kann, fortzuwerfen.« Dann zeigte sie mir Gedichte, die sie einmal ausgeschnitten hatte, Blumen die sie getrocknet hatte, und vieles andere, worüber sie mit leisem zärtlichen Drucke ihrer weißen Finger strich. Ganz zum Schlusse überreichte sie mir das Buch, weswegen ich gekommen war, ein Bändchen Gedichte von »Mirza-Schaffy«.

Es blieb nicht bei dem einen Besuche. Noch oft war ich in dem trauten Zimmer mit den schwarzen Möbeln, und wenn sie mir so gegenüber saß, die Augen mit einem eigenartigen, fragenden Ausdruck auf mich gerichtet, hätte ich am liebsten meinen Kopf in die dunkle Seide auf ihren Schoß gelegt und ganz leise mein Leid geklagt. –

Eines Tages erhielt ich einen Brief von zu Hause, in dem mir meine Eltern mitteilten, daß es schlechter ginge als je, daß sie dieses Mal den Mietzins nicht aufbringen konnten und ihnen am ersten Januar, das war in einigen Tagen, die Möbel auf die Straße gesetzt werden würden. Dieser Brief versetzte mich in ungeheure Aufregung. Ich hatte in den zwei Jahren, während ich auf meiner Stelle war, öfters größere und kleinere Beträge geschickt, doch gerade jetzt hatte ich kein Geld. Meine Einbildung zeigte mir meine Eltern und Geschwister auf der Straße, und in meiner Verzweiflung weinte ich die ganze Nacht. Am Morgen hatte ich einen Gedanken, über den ich zuerst erschrak und den ich entschieden abwies; aber er kam immer wieder, dringlicher und dringlicher, und als es Zeit war, die Kinder in die Schule zu nehmen, hoffte ich sehnsüchtig, meinen Freund zu treffen. Ich hatte nicht vergebens gehofft, und als ich seiner ansichtig wurde, flog ich auf ihn zu. »Ich muß mit Ihnen sprechen,« sagte ich und zitterte vor Erregung. Er blickte besorgt auf mich.

»Ich stehe zu Ihrer Verfügung.«

»Nicht jetzt,« antwortete ich und blickte scheu nach den Kindern.

»Ich muß Sie allein sprechen, kann es Sonntag sein?«

»Wenn es etwas ist, das Ihnen Sorge macht, warum nicht früher?« Diese Worte erleichterten mich ungemein. »Kann es heute sein?« frug ich.

»Gewiß, wann immer Sie wollen.«

Wir bestimmten dann die genaue Stunde und verabschiedeten uns. Kaum aber war er fort, so erschien mir mein Vorhaben unmöglich. Durfte ich ihn denn um Geld bitten? – Die quälendsten Gedanken stürmten auf mich ein, und als die Zeit herannahte, wo ich ihn treffen sollte, war ich fest entschlossen, nicht zu gehen. Ich ging auch nicht. Statt dessen nahm ich den Brief von zu Hause zur Hand und las ihn immer wieder. Er war von meinem Vater geschrieben und eine Stelle lautete: »Du kannst Dir denken, daß die ewigen Sorgen auch die Mutter aufreiben, und sie kränkelte in der letzten Zeit. – Was wir tun sollen, wenn wir auf die Straße gesetzt werden, weiß ich nicht; ins Armenhaus würden sie uns nicht aufnehmen, weil wir nach Langenau nicht zuständig sind.« Ich legte mein Gesicht auf den Tisch und weinte bitterlich. Plötzlich entschloß ich mich, doch zu tun, was ich vorgehabt hatte; die Uhr aber zeigte mir, daß es bereits eine ganze Stunde später war, als wir verabredet hatten, und ich konnte nicht erwarten, ihn noch zu treffen. So gut ich imstande war, verbarg ich meinen Kummer und lag meinen gewohnten Pflichten ob. Am Abend desselben Tages ging meine Dame mit ihrem Manne in das Theater. Nachdem ich die Kinder zu Bett gebracht hatte, erfaßte mich eine solche Angst meiner Mutter wegen, daß ich beschloß, keine Stunde mehr zu zögern. Wie aber sollte ich das anstellen? – Er war ja sicher nicht zu Hause, und wenn er auch zu Hause gewesen wäre, hätte ich doch unmöglich in der Wohnung seiner Eltern nach ihm verlangen können. In der Hoffnung, ihm vielleicht dennoch irgendwo zu begegnen, schlich ich auf den Gang hinaus und bemerkte zu meiner wahnsinnigen Freude, daß Licht in einem kleinen, einen Stock höher gelegenen Zimmer war, wo er oft verschiedene Arbeiten, wie das Anfertigen von Photographien oder Ausbessern von Uhren, zu seinem Vergnügen besorgte ... Fast ohne zu wissen, was ich tat, schritt ich die Stiege hinauf und klopfte leise, so leise, als ob ich gewünscht hätte, daß er mich nicht hören sollte. Er hatte das Klopfen aber gehört und rief »herein«, worauf ich die Türe aufklinkte und zögernd eintrat. Drinnen drückte ich mich fest an die Wand und sagte kein Wort.

Er hatte bei meinem Eintritt seine Arbeit sofort unterbrochen und sah mich fragend an.

»Sprechen Sie,« sagte er endlich.

In fliegender Hast und von Schluchzen unterbrochen, erzählte ich ihm meine Geschichte. Noch während ich berichtete, schoß es mir durch den Sinn, daß er vielleicht nach so genauer Angabe meiner Familienverhältnisse mit mir nichts mehr zu tun haben wolle, und als ich fertig war, sah ich ängstlich zu ihm auf. Aber sein Gesicht verriet nichts von dem, was ich befürchtete. Seine Augen hatten jenen tiefen, besorgten Ausdruck, den ich mir gegenüber nun schon so oft wahrgenommen hatte, und sein Mund lächelte das gütige Lächeln.

»Wieviel brauchen Sie ungefähr?« frug er mitten in meine Gedanken hinein.

»Sehr, sehr viel,« sagte ich errötend.

»Wieviel?« drängte er.

»Vielleicht hundert Kronen,« antwortete ich zögernd und dachte, daß hundert Kronen ein ungeheures Vermögen sei.

Er legte seine Hand auf die Türklinke, als ob er sie öffnen wollte, und sah mich bittend an.

»Gehen Sie jetzt, man könnte Sie vermissen ... Morgen mit dem frühesten wird Ihnen der Hausmeister einen Brief übergeben, der enthält, was Sie brauchen ...«

Aber ich ging nicht. Ich drückte mich noch fester an die Mauer und mit einem Gesicht, in welchem die Lippen zuckten, sah ich zu ihm empor.

»Sind Sie böse, daß ich mich an Sie wandte?«

»Sie sind ein Kind,« erwiderte er sehr entschieden, »und ich sage Ihnen jetzt ein für allemal, daß ich Ihr Freund bin, an den Sie sich in jedem Kummer und in jeder Sorge nicht nur wenden können, sondern wenden müssen.« Und während sein Gesicht wieder den bittenden Ausdruck annahm, legte er die Hand noch einmal auf die Klinke. »Aber gehen Sie jetzt ... gehen Sie.« Ich gehorchte wie im Traume.

Den nächsten Tag übergab mir der Hausmeister einen Brief, und als ich ihn öffnete, erblickte ich eng zusammengefaltete Banknoten. –

Von dieser Zeit an empfand ich für meinen Freund eine maßlose Dankbarkeit, liebte ihn, wenn das überhaupt möglich war, noch inniger und zärtlicher als zuvor und konnte bei den folgenden immer so kurzen Zusammenkünften meine Gefühle nur mühsam verbergen. Er aber war nach wie vor derselbe. Meine Gedichte bildeten für ihn stets die Quelle der Gespräche, und trotzdem ich sie nun schon für fehlerlos hielt, fand er noch oft etwas zu tadeln; doch lobte er auch manchesmal, und ein Lob aus seinem Munde war mir immer ein süßer Lohn. Selbstverständlich entstanden noch oft Meinungsverschiedenheiten zwischen uns, wobei ich so weit ging, daß ich mich unhöflich, ja sogar grob benahm; ihn aber verließ seine Nachsicht und seine Ruhe nie. Gewöhnlich war es sein Schweigen, das mich zur Besinnung brachte, und sobald ich mein Unrecht eingesehen hatte, bemühte ich mich jedesmal, es wieder gut zu machen. Er war auch immer bereit, mir irgendwelches ungefüge Betragen zu verzeihen, und die alte Freundschaft war wiederhergestellt.

Heimlich aber war ich unzufrieden.

»Warum,« so frug ich mich oft, »warum sagt er mir nicht, was doch allein jedes Mädchen glücklich macht ...? Warum gibt er mir nicht das leiseste Zeichen, daß er mich liebt? ... Oder liebt er mich doch nicht ...?«

Diese Frage sandte immer einen jähen Schreck durch alle meine Glieder, und oft setzte ich mich in der Nacht auf und starrte mit fest verschlungenen Händen in das Dunkel um mich. Ist da vielleicht eine andere, an die er täglich und stündlich denkt, wie ich täglich und stündlich an ihn dachte? Ich schauderte bei der namenlosen Einsamkeit, die dieser Gedanke in mir erweckte, rief jedes Wort, jeden Blick von ihm ins Gedächtnis zurück und wog und wunderte, bis alle Formen und alle Farben in eins zusammenflossen und mir die Augen zusanken. –

Einmal hatten wir verabredet, uns wieder allein zu treffen, und wie immer konnte ich die Zeit unserer Zusammenkunft kaum erwarten. Ich traf eine halbe Stunde früher ein, doch auch er war schon angelangt. Es war das erste Mal, daß wir etwas mehr Zeit vor uns hatten, und ich hoffte heimlich, daß er vielleicht heute die Schranken des Schweigens fallen lassen und endlich – endlich sprechen würde. Er sprach auch, doch was er sprach, war etwas ganz anderes, als ich erwartet hatte. Er erzählte mir von seinen Knabenjahren, von seinen Jünglingsjahren, und von einer ersten Liebe, die ihn enttäuscht zurückgelassen hatte. Ich hörte zu, aber ich hörte alles wie im Traume. In meinem Kopf hämmerte und klopfte es, und mein Herz wußte nur von einem Wunsche. – Er braucht ja sein Betragen mir gegenüber nicht zu ändern, schrie es in mir, er soll mir nur sagen, daß er mich liebt. – Und mit dieser Qual in den Augen blieb ich plötzlich stehen und legte meine Hand auf seinen Arm. »Sagen Sie mir,« frug ich mit einer Stimme, in der Kühnheit und Scheue kämpften, »warum tun Sie so viel für mich?«

Er schien auf einmal blaß zu werden, und seine Züge wurden eisern. – »Weil ich Ihr Freund bin,« sagte er dann.

»Ist das alles?« frug ich ihn.

»Alles,« antwortete er und schüttelte meine Hand von seinem Arm. – Dann war es so still, daß ich meinte, ich könnte sein Herz und mein Herz klopfen hören. Plötzlich aber weckte mich seine Stimme, eine Stimme, die mir neue Tiefen seiner Seele erschloß, eine Stimme, die, aus Leid und Qual gewoben, sich wie eine Brücke über den Abgrund legte, den seine Worte in mir ausgerissen hatten. »Wollen Sie,« sagte er, »wollen Sie jene Phrase hören? ... Sie sind mir viel zu gut dafür; ich habe mir geschworen, daß ich nie daran denken will, daß Sie ein Mädchen sind.«

Ich gab keinen einzigen Laut von mir; ich stand mit dem Blick nach innen gekehrt und maß kommende Jahre, – Jahre, in denen wir uns gegenseitig alle unsere Schätze geben würden, ohne jemals ärmer zu werden, Jahre, in denen es keine Scham und keine Reue gäbe, Jahre, in denen ich alle Leiden leiden würde ...

»Glauben Sie an mich?« hörte ich ihn sagen.

»Ja,« erwiderte ich einfach, und schweigend reichten wir uns die Hände. –

Die Zeit, die jetzt folgte, könnte ich nimmer beschreiben. Die kurzen Zusammenkünfte waren so voll von einem zagen Glück, von einer halberschrockenen Zärtlichkeit, daß keine Farbe fein, keine Hand sicher genug sein könnte, sie wiederzugeben. Doch waren auch oft Stunden, in denen eine seltsame Stimmung über uns schwebte; Stunden, in denen er sich jäh aufrichtete, als ob er etwas abschütteln wollte, Stunden, in denen seine Augen den stillen Glanz verloren und düster blickten, Stunden, in denen das Tier in ihm tobte ... In solchen Momenten erbebte ich, weil ich die Kraft der Leidenschaft ahnte, die ihn bewegte, und dann fürchtete ich mich fast vor ihm ... Wenn er einmal, ein einziges Mal nur seinen Schwur vergessen würde, wehe dann unsrer Freundschaft, wehe dann mir ...

In solcher Weise verfloß ein volles Jahr, und ich glaubte, daß ich absolut glücklich war und es nicht anders wünschte. Doch nach und nach bemächtigte sich meiner ein Gefühl dumpfer Angst. Nicht wie früher nahm ich meine Bücher zur Hand, sobald die Kinder schliefen, sondern setzte mich in einen Winkel und brütete über Gedanken, die mir langsam und langsam gekommen waren. – Wohin sollte das führen? – Ich dachte an die tiefen Blicke, die er mir oft gab, und schauderte. – Würden wir unsere Freundschaft durchtragen können? Und dann regte sich die spießbürgerliche Frage wieder, die ich mit vielen schönen Redensarten totgeschwiegen zu haben meinte, die Frage: Warum heiratet er mich nicht? Warum nicht? ... Meiner Armut, meiner Stellung wegen? ... Aber wenn ein Mann ein Mädchen liebt, konnte doch das kein Grund sein ... Wenn er mich aber nicht liebte, warum dann das alles? ... Warum dann seine Güte, sein Interesse, sein Opfermut? ... Ich suchte nach einem ähnlichen Schicksal unter den Mädchen, die ich kannte, aber da gab es nichts Ähnliches. Wenn sie im Gespräche den Herzenspunkt berührten, lächelten sie ein schlaues, verschmitztes Lächeln, das mich nur anekelte, aber nie belehrte. Meine Gedichte wurden immer grübelnder, immer fragender; und er, um den sich alle Reime und alle Träume schlangen, korrigierte und kritisierte die Zeilen, in denen die ganze Sehnsucht und Trauer meiner Seele lag, korrigierte und kritisierte sie manches Mal mit den alten ironischen Blicken, manches Mal mit abgewandten Augen und einem Schatten in den Zügen. Und dann kamen Nächte, die mir keinen Schlaf brachten, sondern immer nur die eine ermüdende quälende Frage, bis mir einmal, hell wie ein Blitzstrahl, die Antwort in mein Bewußtsein fuhr ...

Es war gelegentlich einer unsrer Zusammenkünfte, daß er sagte: »Ich bin mit Ihren Fortschritten nicht ganz zufrieden.«

»Wie meinen Sie das?«

»Ganz einfach, Ihre Gedichte behandeln immer nur denselben Stoff, was ja auch kein Wunder ist, da Sie sich stets in demselben Kreise der Verhältnisse bewegen, anstatt andere Leute und andre Sitten kennen zu lernen.«

Ich fühlte, wie mein Herz rascher schlug, doch verbarg ich meine Bewegung. »Ich habe auch schon daran gedacht,« sagte ich zögernd, »daß ich eigentlich noch viel mehr lernen sollte, und – noch zögernder – fortgehen möchte.« Wir sahen uns nun in die Augen und wußten beide, daß wir logen, doch die Worte, die vielleicht erlöst, beseligt hätten, erstarben unter dem erheuchelten Gleichmut unserer Gesichter.

»Wohin?« frug er endlich.

Jetzt, wo der Würfel fallen sollte, schrak ich zurück, ihn zu werfen ... Die ganze hündische Anhänglichkeit und Treue meines Geschlechtes brach hervor, die ganze heiße Sehnsucht nach Glück, die schon so lange demütig gehofft und gewartet hatte, stand auf; jeder Gedanke, jeder Herzschlag in mir verneinte ... Die Sekunden verstrichen und ich antwortete nicht. Prüfend, wie ein Senkblei, fühlte ich seinen Blick in meine Seele fallen, und plötzlich sah ich, wie es um seinen Mund zuckte, das alte höhnische Lächeln, das ich so haßte und fürchtete. Nie hatte ich es verstehen können, nun war es mir auf einmal klar. Er hielt mich nicht fähig, von ihm fortzugehen, noch mehr, er hielt kein weibliches Wesen fähig, sich von dem Manne zu trennen, den es liebt, noch mehr, er verachtete alle Frauen, verachtete alle Mädchen. Und da wußte ich, daß ich noch kein Atom seiner Seele gewonnen hatte, daß der Kampf, den ich aus Trieb und Drang aufgenommen hatte, noch lange nicht zu Ende war ...

»Wohin?« frug er noch einmal.

Mit der Schnelligkeit eines bedrängten Gegners hatte ich meine Lage überschaut, und nun, trotzdem mir die Tränen hinter den Lidern brannten, lächelte ich.

»Nach England.«

»Warum nach England?«

»Weil ich etwas Englisch kann und die Sprache gerne gründlich beherrschen möchte.«

»Haben Sie in London Bekannte?«

»Nein, ich kenne dort niemand; es handelt sich für mich nur um das Reisegeld.«

Daraufhin wurde er sehr ernst und schwieg lange.

»Sie wissen,« sagte er endlich, »daß Sie einen Freund haben.« –

Einige Tage nach dieser Unterredung wurde ich krank. Ich hatte mir eine schwere Lungenentzündung zugezogen und verbrachte mehrere Wochen im Krankenhause. Als ich dasselbe verließ, erklärte mich der Arzt für jede Stelle vorläufig unfähig. Man schlug mir vor, mich für einige Monate zu Hause aufzuhalten und mich dort gründlich zu erholen. Ich war still, als man mir das sagte. »Zu Hause!« Wo war mein »Zu Hause?« Aber ich war viel zu stolz, das zu verraten, zu sagen, wie wenig ich mich wohl würde erholen können. So verließ ich, der quälendsten Gedanken voll, Budapest zum zweiten Male.

Meine Eltern waren indessen nach Wien übergesiedelt. Ich hatte von den veränderten Verhältnissen nicht viel erfahren und frug mich heimlich, wie wohl die Wohnung sowie das Geschäft beschaffen sein würden. Als ich aber bei meinen Eltern ankam, sank mein Mut. Alles bot einen traurigen Anblick dar. Das Geschäft war ganz klein und fast leer, und die Wohnung bestand nur aus einem Zimmer. Das Zimmer enthielt einen kleinen eisernen Ofen, einige Betten, einen Stuhl und einen Tisch; dazu lag der Raum unterirdisch und hatte weder Luft noch Licht.

Mein Vater war allein zu Hause. Nachdem ich ihn begrüßt hatte, frug ich nach meiner Mutter und erfuhr, daß sie eine Stelle als Aufräumerin für tagsüber angenommen hatte und erst gegen acht Uhr abends heimkommen würde.

Ohne meinen Hut abzunehmen oder meine Jacke auszuziehen, hatte ich mich auf eines der Betten gesetzt und hörte schweigend auf die Dinge, die mir mein Vater erzählte. Ich hatte ja das alles schon so oft gehört, und nun hörte ich es wieder.

»Werdet ihr denn Platz für mich haben?« frug ich endlich.

»Natürlich,« erwiderte mein Vater, »es muß eben gehen; du kannst ja mit einem der Kinder schlafen.«

»Wo sind denn die Kinder?«

»Fort, Geld verdienen.«

»Womit?«

»Sie tragen Zeitungen aus.«

»Sobald ich gesund bin,« sagte ich, »werde ich zum Haushalt beitragen.«

»Schau nur, daß du erst gesund wirst, das ist die Hauptsache.«

Ich sah mich in dem kleinen, schlecht gelüfteten Raume um. »Hier kann ich nicht gesund werden.«

»Seit die Mutter tagsüber aus ist, besorge ich das Kochen,« erklärte mein Vater. »Ich werde dir jetzt eine Tasse Kaffee bereiten, und dann können wir ja sehen, was sich tun läßt.« Nach diesen Worten brach er einige Stücke Holz über seinem Knie und machte ein Feuer in dem kleinen Ofen. Kaum hatte er das Streichholz angesteckt, so fing es aus dem Ofen zu dampfen und zu qualmen an. »Das kommt vom Wind,« entschuldigte er, »es wird schon vorbeigehen.«

Es ging auch vorbei, aber nicht eher, als bis der ganze Raum schwarz war und man nichts mehr sehen konnte. Meine Augen und meine Kehle brannten mir, doch sagte ich nichts und trank den Kaffee, den mein Vater mir in einer Schale reichte, die einen großen Sprung hatte. Ich dachte an meinen Bruder und konnte nicht begreifen, wie er ein solches Unglück mit ansehen konnte, ohne zu helfen. »Wo ist er denn?« frug ich plötzlich.

»Wer?«

»Karl.«

Bei Erwähnung dieses Namens wurde mein Vater sehr traurig.

»Es ist eben ein Unglück,« erwiderte er, »er hat schon seit langer Zeit keine Stelle.«

»Wo ist er denn?«

»Er lebt natürlich mit uns.«

Mein Blick flog durch den kleinen Raum. Mein Vater merkte es und zuckte die Achseln. »Wir müssen uns eben einrichten, wie es geht.«

Später kam meine Mutter und mit ihr kamen die Kinder, die, nachdem sie ihre Zeitungen verkauft hatten, vor dem Hause, wo meine Mutter arbeitete, auf sie gewartet hatten. Als das spärliche Abendessen vorüber war und es anfing, spät zu werden, kam mein Bruder. Ich erschrak furchtbar bei seinem Anblick, er hatte sich gänzlich verändert. Sein Gesicht war blaß und hohl, um seine Augen lagen schwarze Ringe, sein dunkelblondes Haar hing wirr über die Stirne, seine Gestalt war hager und seine Bewegungen waren ungefällig. So gut ich konnte, verbarg ich meine Bestürzung und reichte ihm die Hand.

»Ich fürchte,« sagte er, und es war derselbe spöttische Ton, den er früher immer gegen mich angewandt hatte, »daß es dir bei uns nicht sehr gefallen wird.«

»Sobald ich gesund bin,« antwortete ich, »werde ich trachten, etwas Ordnung ins Haus zu bringen.«

»Ordnung!« rief mein Bruder und schüttelte sich vor Lachen, »denkst du denn, daß dieser Mensch (dabei wies er auf meinen Vater) so etwas erlauben würde? Ich versichere dich, liebe Schwester, nichts macht deinen werten Papa glücklicher, als im Dreck herum zu wühlen.«

Zum zweiten Male in meinem Leben sah ich die Zornesader auf meines Vaters Stirne stehen. – »Du!« rief er.

»Ja,« sagte mein Bruder und stellte sich kampfbereit.

Ich sprang auf und stellte mich mit gefalteten Händen vor meinen Vater. »Höre nicht auf ihn,« schluchzte ich, »du weißt, ich glaube kein Wort.«

»Deinetwegen,« sagte mein Vater, dann ließ er die geballten Hände sinken und schritt rasch hinaus.

»Jetzt spielt er natürlich den Beleidigten,« fuhr mein Bruder in dem alten Tone fort »und ich hoffe, daß du dich nicht von seinem Komödienspiele beeinflussen läßt und ein Mitleid empfindest, das in diesem Falle ganz falsch angebracht wäre. Du bist die letzten Jahre fortgewesen und hast keine Gelegenheit gehabt, diesen Schauspieler kennen zu lernen. Was mich anbelangt, so habe ich ihn vollkommen durchschaut, und ich bin überzeugt, daß du mir recht geben wirst, sobald du einige Zeit hier gewesen bist. Für jetzt magst du ja in mir einen Lümmel oder so etwas Ähnliches sehen, doch ich kann dir die Versicherung geben, daß ich, trotzdem die Verhältnisse mich zwingen, mit diesen gewöhnlichen Leuten unter einem Dache zu leben, den Kavalier noch nicht abgelegt habe. Irgendwo in seinen Dramen sagt Schiller, daß ein Edelstein noch immer ein Edelstein sein wird, selbst wenn er zufällig in den Dünger fallen sollte. Gegenwärtig siehst du in mir einen Menschen, den das Leben leider enttäuscht hat, weil seine Ideale zu hoch gesteckt waren und seine Träume bis an den Himmel reichten. – Wie du mich heute siehst, bin ich vielleicht eine der fraglichsten Existenzen. Doch warte ein halbes, sagen wir ein ganzes Jahr; ich habe Ideen in meinem Kopfe, die, sobald ich sie ausgearbeitet habe, das Leben, wie wir es heute kennen, die Gesetze, wie sie heute gelten, in die Luft sprengen werden. Nach außenhin bin ich ein Kellner, ein Gauner oder was du willst, doch innerlich, da arbeite ich an einem Königreiche für Millionen verborgener, halbverhungerter Geschöpfe, und ich habe eine Krone für jeden.«

»Die Hauptsache ist,« unterbrach ich, »daß du eine für dich selber hast.«

Mein Bruder zuckte die Achseln. »Ich kann von dir natürlich nicht erwarten, verstanden zu werden. Du bist noch zu sehr im Schlamme deiner Abkunft, als daß du meinen Gedanken folgen könntest. Die große Lehre der Wiedergeburt ist für dich ein spanisches Dorf, und daß ich auf Grund dieser Lehre nur durch einen Zufall dein Bruder bin, kann Dir natürlich nicht einleuchten. Ebenso unglaublich würde es dir scheinen, wenn ich dir sagte, daß ich in einem früheren Jahrhundert wahrscheinlich ein gewaltiger Eroberer und Ländergründer gewesen bin. Meine Hoffnung, dich einst mit Stolz meine Schwester nennen zu können, hat sich leider so trügerisch erwiesen wie alle meine Hoffnungen, und ich muß nun allein – der große Mensch ist ja immer allein – meine Aufgabe vollbringen.«

Meine Mutter, die an solche Reden wohl schon gewöhnt war, war auf dem Stuhle eingeschlafen, und ich ging hinaus, um zu sehen, wo mein Vater geblieben war. Ich fand ihn in einem kleinen übelriechenden Hof. »Komm doch herein,« sagte ich bittend. Er ging dann mit mir hinein, und für heute brach kein Streit mehr aus. Später machten sich mein Vater und mein Bruder jeder ein Lager auf dem Boden zurecht.

Ich hatte mich auf eine der zerrissenen Matratzen gelegt und schloß die Augen sofort, damit man denken solle, ich sei eingeschlafen; sobald aber alles still geworden war, setzte ich mich auf und sah in wilder Verzweiflung um mich. Meine Mutter, die wohl von der Arbeit recht müde war, schlief tief und fest. Eine Weile horchte ich auf ihre Atemzüge, dann blickte ich nach der Stelle, wo mein Bruder lag. Er schien mir noch länger, noch hagerer als bei Tage, und auf seinem Gesicht, jetzt unbewacht, zeigte sich ein seltsamer Ausdruck von Enttäuschung, Leid und Qual, daß ich seine Roheit, Eitelkeit und Einbildung vergaß und ein mächtiges Mitleid mit seiner so früh verdorbenen Jugend, seiner wüsten, leidenschaftlichen Natur, die ihn wie mit Peitschenhieben vor sich trieb und nimmer zur Ruhe und Aussöhnung seines Schicksals kommen ließ, aufquellen spürte. Er konnte meinen Vater nicht leiden, weil er dachte, daß es seine leichtsinnige Führung des Geschäftes war, die uns nach und nach ins Unglück brachte. Doch konnte ich ihm hierin nicht recht geben. Ich wußte, daß mein Vater sehr viel hinausgeborgt hatte und die Leute ihn nicht mehr bezahlten. Die natürliche Folge davon war, daß auch er seine Ware nicht mehr bezahlen konnte und dadurch immer mehr in Schulden geriet. Dazu die vielen Kinder und noch manches andere, das ein größeres Kapital geschmolzen hätte, als mein Vater je besessen hat. Daraufhin mag man ja antworten, mein Vater hätte eben nicht hinausborgen sollen, doch war er zu gutmütig und zu leichtgläubig. Als das Kind armer Eltern besaß er ein lebendiges Gefühl für die Bitterkeit des Mangels, und hatte er darin gefehlt, so war die Sühne wahrhaftig nicht ausgeblieben. –

Ich konnte den Blick von den beiden, die jetzt so still und friedlich nebeneinander lagen, als hätten sie sich nie ein böses Wort zugerufen, nicht abwenden, und erst als ein trübes Morgendämmern durch die kleinen halberblindeten Scheiben brach, fielen mir die Augen zu. –

Den nächsten Morgen mußte meine Mutter frühzeitig aus dem Hause. Nachdem das magere Frühstück vorbei war, setzte sich mein Bruder an den Tisch und rief meine zwei kleinen Brüder zu sich heran.

»Was steht ihr da und faulenzt?« schrie er. »Wo sind die Bücher?« Sie brachten darauf einige schmierige Bücher aus einer Ecke hervor und setzten sich zu ihm. Mein Bruder fing dann an, mit ihnen zu lernen, wobei er furchtbar grob war und die Buben bei den geringsten Kleinigkeiten abohrfeigte. Als er aber einmal dem Kleineren von den beiden wegen nichts einen festen Rippenstoß versetzte, da sprang ich auf und stellte mich mit geballten Fäusten vor ihn hin.

»Rühr' ihn nicht mehr an!« schrie ich; darauf verfiel mein Bruder in eine schreckliche Wut.

»Das ist wohl dein Dank,« brüllte er, »daß ich meine ganze Karriere verpfusche, um Zeit zu haben, die Buben zu erziehen, ein Ding, das ihr allerdings überflüssig findet. Denkst du, ich könnte es mit ansehen, wie sie aufwachsen und gerade solche Gauner werden, wie ich einer geworden bin, weil ich keine Erziehung gehabt habe ...? Wo seid ihr, ihr Hunde?« schrie er und wandte sich wieder zu den Büchern; aber während er mit mir gesprochen hatte, waren die Jungen davongelaufen. »Da siehst du es,« sagte er, »das Lernen fürchten sie wie den Teufel. Der Apfel fällt eben nicht weit vom Stamme. Die Buben sind um kein Haar besser als ihr ehrenwerter Erzeuger; doch ich habe mir vorgenommen, etwas Ordentliches aus ihnen zu machen, und will sehen, wer Herr im Hause ist.«

Er schimpfte dann noch eine Weile über meinen unbegreiflichen Blödsinn, die Lausbuben zu unterstützen, worauf er nach einem abgegriffenen Filzhut griff und verschwand.

Als er fort war, kam mein Vater herein, der, wie ich sehen konnte, so viel als möglich das Zusammensein mit meinem Bruder vermied.

»Was machst du jetzt?« frug ich ihn, als er sich eine große blaue Schürze vorband.

»Ich räume das Zimmer auf, und dann werde ich kochen.« Er nahm einen Besen zur Hand und fing an, den Boden zu fegen. Am liebsten hätte ich ihm diese Arbeit abgenommen, doch war die Schwäche in meinen Knien so groß, daß ich mich kaum aufrecht halten konnte. So blieb ich auf dem Bett sitzen und beobachtete ihn.

»Hast du schon daran gedacht,« frug ich nach einer Weile, »wohin ich eigentlich gehen soll?«

»Ja, am besten wäre es, wenn du aufs Land gehen könntest.«

»Das dürfte aber nicht zu teuer sein.«

»Du könntest zur Mühle hinausfahren. Ich habe den Onkel letzte Woche getroffen, sie würden dich gern für einige Zeit oben haben.«

Meine Freude war ungemein groß, ich war seit vielen Jahren nicht mehr dort gewesen, und der Gedanke, wieder einmal durch jene Wiesen wandeln zu können, erfüllte mich mit Entzücken.

»Nur,« sagte mein Vater und kratzte sich verlegen am Kopf, »der Postwagen ist etwas teuer ... vier bis fünf Kronen wird es schon kosten; doch ich muß eben schauen, daß ich es aufbringen kann.«

»Das ist nicht nötig, soviel Geld habe ich selbst.«

»Dann wären ja keine weiteren Schwierigkeiten. Wenn du mir sagst, wann du fahren willst, so werde ich gleich schreiben.« Am liebsten wäre ich schon sofort gefahren, da ich jedoch die guten Leute nicht überraschen wollte, wartete ich eine Woche. In dieser Woche litt ich ungemein. Die Streitigkeiten, die jeden Augenblick zwischen meinem Vater und meinem Bruder ausbrachen, machten mich halb wahnsinnig vor Angst. Ich begrüßte den Tag meiner Abreise mit inniger Freude und verbrachte fünf stille Wochen bei den nun schon recht alten Verwandten meiner Mutter. Die reine, würzige Luft, im Bunde mit der Sonne und der feierlichen Stille ringsum tat ihre Schuldigkeit, und ich konnte nun schon größere Strecken gehen, ohne daß die Schmerzen in den Knien wiederkehrten.

Sobald es anfing, besser mit mir zu werden, frug ich mich, was nun geschehen solle. Der Gedanke, zu Hause zu bleiben, war mir unerträglich, und doch hielt ich es für meine Pflicht, meine Eltern in ihrer bedrängten Lage nicht zu verlassen. Ich grübelte hin, ich grübelte her, doch ich konnte keinen Ausweg finden. »Ich muß zu Hause bleiben,« sagte ich mir immer zum Schluß, »und je eher ich anfange zu verdienen, desto besser wird es sein.« Mit diesem Entschlusse kehrte ich nach Wien zurück. Die Verhältnisse meiner Eltern waren natürlich noch dieselben, und ich bemühte mich sofort um eine Stelle, um zu dem allgemeinen Unterhalte beitragen zu können. Nach einigem Suchen fand ich eine Nachmittagsstelle, zu einem neunjährigen Knaben, dessen Mutter aus Amerika herübergekommen war und bis Januar in Wien zu bleiben gedachte.

Doch wie tapfer ich mich auch hielt und wie sehr ich mich auch bestrebte, zufrieden zu sein, so war ich hiervon weit entfernt. Nach und nach fühlte ich das allgemeine Elend, besonders aber die aufregenden Szenen schwer, die mein Bruder immer hervorrief. Sie erschütterten meine nur halb hergestellte Gesundheit, und mit Schrecken bemerkte ich, wie die alte Schwäche mich wieder befiel. – Wenn ich des Abends von meiner Stelle kam, setzte ich mich gewöhnlich an das kleine Fenster und starrte in den engen Hof hinaus, der von hohen grauen Mauern eingeschlossen war und als Dach ein Stückchen Himmel trug. Oft genug geschah es, daß ich noch dort saß, wenn Hof und Himmel längst nicht mehr sichtbar waren und nur das kalte weiße Licht einer einzigen Gaslaterne zaghaft durch das Dunkel brach. War ich aber einmal allein, dann weinte ich jenes wilde, verzweifelte Weinen, daß trotz seiner Herbe beruhigt und erlöst. Meine Mutter sah mich oft mit trüben, bekümmerten Augen an, doch hatte ich auf ihre stummen Fragen nur ein verstocktes Lächeln. Sie wußte ja nicht, daß mich noch eine andere Qual erfüllte als die Armut, die wir alle teilten. Sie kannte ihn ja nicht und hätte überhaupt das alles nie begriffen. – So litt ich weiter und litt unsäglich. Manches Mal kam ein Brief von ihm, kühle, höfliche Zeilen mit der lässig hingeworfenen Frage, was ich denn eigentlich zu tun gedächte. Ich las den Brief tausend und tausendmal, verbarg ihn wie ein köstliches Kleinod, und sann mit einem blöden, hilflosen Staunen über die wunderbare Zäheit und Demut einer Mädchenliebe ... Und einmal in diesem vergeblichen Sinnen erinnerte ich mich plötzlich der kleinen Geschichte, die er mir zum erstenmal zum Lesen gab, »Morgans«. – Der Mann mit den unruhigen Begierden, der Träumer, der Idealist, der Eroberer, der Verächter, zuletzt besiegt von der Tugend eines reinen Mädchens. Noch während ich darüber grübelte, überkam mich eine tiefe, seltsame Ruhe. –

»Wäre es nicht viel besser,« sagte ich am Abend desselben Tages zu meiner Mutter, »wenn ich wieder ganz in Stelle ginge? Ich könnte euch ja mein monatliches Gehalt schicken, so wäre eines weniger, und der Zuschuß bliebe derselbe.« Meine Mutter blickte mich rasch und unsicher an. »Du willst wohl,« sagte sie in einer eigentümlichen, zögernden Weise, »wieder nach Budapest?« Mir schlug das Herz bis zum Halse, doch ich zuckte mit keiner Wimper.

»Nein, ich will nach England.«

Erst schien es, als ob sie erleichtert wäre, als ob sie sich in einer schlimmen Befürchtung getäuscht hätte, doch dann nahm ihr Gesicht wieder den vorigen Ausdruck an.

»Ja, es wäre das beste,« sagte sie mit der müden, gequälten Stimme aller Hoffnungslosen. –

Ich wartete, bis alle schliefen, dann schrieb ich an meinen Freund. In zitternder, nervöser Hast die Worte wiederholend und überstürzend, bat ich ihn um das Reisegeld nach England. – Zwei Tage später kam sein Brief. Dieses Mal so voll von Güte, Umsicht und Bereitwilligkeit, daß mir beim Lesen die Tränen in die Augen stürzten. Ob ich ihn nicht noch einmal sehen wollte, frug er mich zum Schluß, aber dagegen sträubte sich alles in mir. Ich kannte die Macht seiner Augen und zitterte für meinen so schwer errungenen Sieg.

London, schreckliches, herrliches, furchtbares London! Wie ein Ungeheuer liegt es da und streckt Millionen Fangarme nach Millionen Richtungen zu gleicher Zeit. – Betäubt, vernichtet schritt ich dahin, fast ohne jedes Gefühl und ohne jeden Gedanken, gänzlich überwältigt von dem allgemeinen Eindruck. Nur wenn ich einen kleinen blassen Zeitungsjungen durch das Gewirr der Wagen schlüpfen sah, wie er für eine kleine Kupfermünze wohl hundertmal sein Leben wagte, zuckte ich zusammen. – Aber wenn er auch von den Gummirädern eines Autos zermalmt, von den Hufen eines Pferdes zerstampft worden wäre, was läge daran? ... Die Riesenwoge des Vergnügens und des Verderbens würde weiterrollen, und nur vielleicht in einem einzigen kleinen Zimmer, das niemals Licht noch Wärme hatte, würde ein zerlumptes bleiches Weib noch einen Schatten bleicher werden, wenn beim Morgengrauen der Knabe noch nicht wiederkam ... Als ich das begriff, da war es mir plötzlich als sähe ich den, dem wir goldene Altäre bauen und jeden Sonn- und Feiertag Weihrauch brennen, betrunken in einer Laube liegen ... und da hätte ich meine Hände in seine schwarzen rollenden Locken graben und ihn rütteln und schütteln mögen, bis er ernüchtert und erwacht ... Blitzartig, wie sie kam, verschwand diese Vision. Ein Seidenkleid rauschte, ein Silberhorn pfiff, und Leute neben mir lachten ... Nun spürte ich, daß ich fror und daß ich müde war und tat Fragen nach einer Unterkunft. Als ich nach stundenlangem Herumwandern endlich ein billiges Mädchenheim gefunden hatte, konnte ich mich kaum mehr auf den Füßen halten. Das Heim war ein deutsches Heim. In das Zimmer der Vorsteherin geführt, blieb ich einige Sekunden auf der Schwelle stehen, so angenehm und wohltuend berührte mich der Anblick. Das Gemach war mit Kissen und Fellen weichlich ausgestattet und von einem hellflackernden Kaminfeuer behaglich durchwärmt. Auf einem kleinen Tisch standen frische Blumen, und ein gelber Vogel wiegte sich in einem weißen Ring. Ganz nahe bei dem Ofen saß mit Tüchern auf den Schultern und mit Tüchern auf den Knien eine Dame mit ergrautem Haar. Am liebsten hätte ich mich in einen der Stühle gesetzt, die Augen zugemacht und kein Wort gesprochen; aber die alte Dame bedeutete mir, mich nicht zu setzen, da meine nassen Kleider die Überzüge beschmutzen könnten, und stellte dann einige Fragen, die ich mir Mühe gab, so gewissenhaft als möglich zu beantworten. »Sie wollen also eine Stelle?« frug sie.