»Ja.«
»Und während Sie Stelle suchen, hier wohnen?«
»Ja.«
»Sie hätten keinen besseren Platz finden können als unser frommes Heim; doch ehe ich Sie als Mitbewohnerin betrachte, muß ich Sie fragen: haben Sie genug Geld, um die Pension wenigstens zwei Monate lang bezahlen zu können, da Sie darauf rechnen müssen, eventuell so lange ohne Posten zu sein? Dieses Heim ist ein sehr ehrenwertes Haus, und ich könnte nicht daran denken, eine fragliche Person aufzunehmen.«
Da mir mein Freund außer dem Reisegeld noch eine größere Summe geschickt hatte, so glaubte ich, ihre Frage bejahen zu können; doch innerlich war ich fest entschlossen, mich, wenn es irgendwie ginge, in diesem frommen Hause zwei Monate nicht aufzuhalten. Als alles zur Zufriedenheit der Vorsteherin erledigt war, drückte sie auf eine Klingel und befahl dem eintretenden Mädchen, mich in mein Zimmer zu führen. Dieses Mal brauchte ich meiner nassen Sachen wegen nichts zu befürchten. Das Zimmer war kalt und grau und schien so feucht wie die Straßen selbst. Es enthielt einige Schränke, die in die Wände eingelassen waren, einige Waschtische und acht Betten.
»Sind die hier alle besetzt?« frug ich.
»Natürlich!« sagte das Mädchen und sah mich erstaunt an. Nach und nach füllte sich das Heim mit Mädchen jeden Alters, und als es zum Abendbrot läutete, versammelten sich im Speisesaal an zweihundert Mädchen. Nach dem Essen, bei dem es sehr geräuschvoll zuging, hatten wir uns in ein anderes Zimmer zum Gebet zu begeben. Auf einem Fußschemel, die Augen andächtig zur Decke gewandt, kniete die Dame, die mich in das Heim aufgenommen hatte. Sie begann Gebete herzusagen, die wir nachsagen mußten, und zum Schlusse wurde ein frommes Lied gesungen. Darauf faltete die Vorsteherin noch einmal ihre weißen Finger. »Lieber Gott,« sagte sie, »gedenke aller jungen Mädchen, die sich ohne Schutz und Schirm (und ›ohne Geld‹, dachte ich) in London befinden. Leite sie, damit sie nicht straucheln, und reiche ihnen Deine hilfreiche Hand, wenn sie schon gestrauchelt sein sollten. Gütiger Gott, wir bitten Dich, erhöre unser inniges Flehen, erleuchte die Verblendeten, beschütze die Verfolgten! Amen!«
Sie sah recht würdevoll aus, als sie ihr weißes Haupt ergebungsvoll neigte und ganz in Gebet versunken schien. Nach einigen Sekunden erhob sie sich und schritt hinaus. Die Mädchen drängten sich lachend und lärmend nach und suchten ihre Schlafstuben auf; auch ich begab mich in das Gemach, in dem man mir mein Bett gezeigt hatte, und lernte nun meine Zimmergenossinnen kennen. Die Mädchen gefielen mir nicht. Sie lachten unaufhörlich und erzählten sich widrige Geschichten. Wie ich aus ihren Gesprächen entnehmen konnte, waren sie fast alle Hotelmädchen und kamen aus der Schweiz.
»Sind Sie erst heute angekommen?« frug mich jemand.
Ich wandte mich der Sprecherin zu und sah, daß sie ein Mädchen in meinem Alter war. Ohne daß ich wußte, warum, fragte ich mich, ob sie hübsch sei oder nicht. Während ich ihre Frage beantwortete, dachte ich über die mir selber vorgelegte nach und entschied endlich, daß sie hübsch sei. Sie hatte große glänzende Augen und dichtes dunkelbraunes Haar. Ihr Gesicht war gut geschnitten, doch lag etwas darin, woran ich mich nicht gewöhnen konnte; was es aber war, wußte ich nicht. Sie stellte einige Fragen an mich, und ich bat sie mir zu sagen, ob ich wohl bald eine Stelle finden könnte.
»Welche Art Stelle beanspruchen Sie?«
»Das ist mir alles eins.«
»Da Sie nicht wählerisch zu sein scheinen, können Sie leicht etwas bekommen.«
Später sah ich, daß sie meine Bettnachbarin war. Sie gefiel mir von allen Mädchen am besten.
Als sie sich endlich schlafen legte, rieb sie sich die Hände mit Glyzerin ein, das war alles. Die anderen gingen viel umständlicher mit ihrer Nachttoilette vor. Sie nahmen unter Kichern und Scherzen ihre falschen Zöpfe und noch manches andere Falsche ab, warfen die Sachen auf ihre Betten und sprangen darauf herum. Um zehn Uhr mußte das Licht ausgelöscht werden, doch ruhig wurde es darum noch nicht. Die Mädchen hatten sich viel zu sagen, und jedesmal, wenn mir die Augen zufallen wollten, weckte mich lautes Lachen. Nach und nach aber wurden die Geschichten kürzer, die Scherzworte seltener, und zum Schluß schliefen sie alle den tiefen, festen Schlaf der Sorglosigkeit. Trotz des Unbehagens, das mir die Mädchen einflößten, war ich doch glücklich, endlich einmal ausruhen zu dürfen, und während ich auf deren Atemzüge lauschte, füllte sich meine Seele mit andächtigen Gedanken ...
Den nächsten Morgen hatten wir uns wieder zum Gebet zu versammeln, und ich merkte, daß es anderer Natur war als das Abendgebet.
Jedes von den Mädchen bekam eine Bibel, und nachdem wir alle einen Kreis gebildet hatten, las die Vorsteherin eine Stelle daraus vor, und die andern mußten weiterlesen. Als die Reihe an mich kam, las ich: »Und der Priester soll des Blutes nehmen vom Schuldopfer und dem Gereinigten auf den Knorpel des rechten Ohres tun und auf den Daumen seiner rechten Hand, und auf den großen Zehen seines rechten Fußes.«
Zum Schlusse flehte die Vorsteherin wieder den Schutz des Höchsten für unbeschützte Mädchen herab, und dann waren wir für den Rest des Tages frei.
Sobald ich mich von den Knien erhoben hatte, schritt ich auf die Vorsteherin zu und bat sie, mir eine Adresse zu geben, bei der ich mich um eine Stelle bewerben konnte. Sie forderte mich auf, ihr zu folgen. In ihrem Zimmer angelangt, setzte sie sich würdevoll und sah mich nachdenklich an.
»Sie wollen,« sagte sie, »sich schon heute um eine Stelle umsehen, eine Eile, die ich ganz gut begreifen kann. Da ich aber die Verantwortung für Ihre Seele übernommen habe, so darf ich diese ernste Angelegenheit nicht vorübergehen lassen, ohne Ihnen meinen mütterlichen Rat zu geben. Es kommen so viele Mädchen nach London, die voll Unschuld und Herzensreinheit die Heimat verlassen haben und die oft ganz anders zurückkehren. Ich will Sie darum auf die Gefahren aufmerksam machen, die Sie hier stündlich bedrohen, und Sie bitten, den Beistand des Höchsten anzuflehen, damit er Sie im richtigen Augenblicke warne und schütze. Wollen Sie mir das versprechen?«
Ich versprach alles.
»Da wären nun einige Adressen, an die Sie sich wegen einer Stelle wenden können, und ich hoffe, daß Sie in den Schoß einer gottesfürchtigen Familie aufgenommen werden.«
Ich bedankte mich für den Zettel, den sie mir überreichte, sprang, als ich aus dem Zimmer war, die Treppe hinauf und holte mir meinen Hut und meine Jacke. Einige von den Mädchen setzten sich gerade ihre Hüte auf. Sie frugen mich, wohin ich ginge. Ich beantwortete ihnen dies, worauf sie mir erklärten, daß sie dieselben Absichten hätten, und mir ihre Begleitung anboten, da sie, wie sie sagten, den Weg genau wüßten. Obwohl ich ihnen hierfür recht dankbar war, ärgerte ich mich doch darüber, daß sie so lange zum Aufsetzen ihrer Hüte brauchten. Im Zimmer befand sich nur ein einziger Spiegel, und um den standen sie alle herum und steckten sich die Hutnadeln, von denen sie ungeheure Mengen hatten, mit großer Bedachtsamkeit in den Hut. So oft ich hoffte, daß sie endlich fertig seien, behaupteten sie, sie sähen heute schlecht aus, zogen die Nadeln wieder heraus und steckten den Hut tiefer oder höher, je nachdem sie glaubten, dadurch hübscher zu erscheinen. Ich stand, mit meinem bescheidenen Hute schon auf dem Kopfe, und fühlte eine schreckliche Ungeduld. Ich sehnte mich danach, das Heim zu verlassen, und dazu brauchte ich so schnell wie möglich eine Stelle. Diesen Wunsch schienen die andern Mädchen allerdings nicht zu teilen. Sie waren anscheinend dort zufrieden, ja sogar glücklich, und sorgten sich offenbar wegen einer Stelle nicht im geringsten. Eine sehr lange Blondine, die alle anderen überragte, hatte ihrem großen, durchsichtigen Hute ein paar kühne Bogen gegeben, setzte ihn auf und betrachtete sich mit prüfenden Blicken.
»Denkt ihr, daß er mir so steht?« wandte sie sich an die anderen. Sie mußte sich darauf nach allen Seiten umdrehen, und zum Schluß versicherten alle, daß der Hut famos sei. Ich fand gerade, daß sie scheußlich aussah, als sie sich plötzlich nach mir umdrehte und sagte: »Machen Sie vorwärts, Kleine, wir sind schon fertig.«
»Ich bin schon lange fertig,« antwortete ich erstaunt.
Jetzt war das Erstaunen an der Blondine.
»Sie meinen doch nicht, daß Sie so wie Sie sind ausgehen wollen?«
»Natürlich.«
Alle lachten. Nachdem sie sich einigermaßen beruhigt hatten, sagte eines der Mädchen: »Sie kennen, wie es scheint, die Verhältnisse nicht, und wir müssen darum etwas für Sie tun. In diesem Aufzuge werden Sie in Ihrem Leben keine Stelle bekommen, das kann ich Ihnen schriftlich geben.«
»Aber was soll ich denn tun?«
»Laßt sie doch,« warf die Blondine ein, »wer ›Schick‹ nicht in sich hat, wird ihn nie lernen.« Das schien den anderen ebenfalls einzuleuchten, und sie sprachen nichts mehr zu mir.
Endlich hatten nun alle ihre Hüte auf und suchten in ihren Körben und Koffern nach einem Paar Handschuhe, die keine Löcher hatten, nach einem reinen Taschentuch und dergleichen Dingen mehr.
Endlich, endlich setzte sich der Zug in Bewegung; ich hielt mich auf der Straße hinter den Mädchen, weil ich dachte, sie schämten sich meiner. Die Bemerkung der einen aber, sie könne es mir schriftlich geben, daß ich in meinem Aufzuge keine Stelle bekommen würde, verfolgte und peinigte mich, da ich unmöglich lange ohne Stelle sein durfte, wenn ich nicht die Hilfe meines Freundes noch einmal in Anspruch nehmen wollte. Und das wollte ich auf keinen Fall. Ich hatte ihm bis jetzt nur einige Karten von der Reise geschickt, nahm mir aber vor, ihm ausführlich zu schreiben, sobald ich über die Verhältnisse etwas mehr Bescheid wußte. Mit diesen Gedanken beschäftigt, schenkte ich meiner Umgebung weniger Aufmerksamkeit, nur einmal, als wir über eine mächtige Brücke gingen, blieb ich stehen und betrachtete entzückt einen Schwarm grauweißer Vögel, dergleichen ich früher nie gesehen hatte. Es waren Möwen. – Nach vielem Herumwandern, das mich recht müde machte und mir meine Schmerzen in den Knien in Erinnerung brachte, hielten die Mädchen vor einem großen Hause und drängten sich hinein. Das Zimmer, in das ich ihnen folgte, war ziemlich geräumig, und auf den Stühlen und Bänken saßen Mädchen, die anscheinend auch Stelle suchten. Am Schreibtisch hatten eine ältere Dame und ein junges Mädchen Platz genommen, die emsig in großen Büchern schrieben. Die Mädchen wurden der Reihe nach vorgerufen, und nachdem diejenigen, die wir bei unserem Eintritt vorgefunden hatten, gegangen waren, kam die Reihe an uns. Die Blondine trat zuerst vor und setzte sich mit sehr viel Würde auf den Stuhl. »Was ich will,« sagte sie auf die Frage der älteren Dame, »ist eine Stelle, die mir genug Zeit läßt, meine Bekannten bei mir und außerhalb des Hauses zu sehen; ferner übernehme ich nur ein Kind, das nicht unter sechs und nicht über zwölf Jahre sein darf.« Die jüngere der beiden am Schreibtische machte eifrige Notizen. Die ältere lächelte freundlich und erklärte, daß sie gerade nichts Passendes hätte. Darauf verließ die Blondine ihren Sitz mit einem Achselzucken, und eine andere setzte auseinander, was sie wolle und was sie nicht wolle. Auch ihr wurde mit demselben höflichen Bedauern gesagt, daß nichts Passendes da sei. Nachdem jede aufgerufen war und keine etwas bekommen hatte, verließen sie das Zimmer gemeinsam und taten, als ob ich gar nicht da wäre.
Als sie fort waren, atmete ich erleichtert auf und begab mich nun auch zum Schreibtisch.
»Sie sind wohl erst angekommen?«
»Gestern.«
»Ich vermute, daß Sie die Reise angegriffen hat, weil Sie so blaß aussehen.«
»Ich bin immer blaß.«
»Welches sind Ihre Ansprüche?«
»Ich habe gar keine Ansprüche, ich möchte nur recht bald irgendeine Stelle haben.«
»Besitzen Sie Zeugnisse?«
Ich reichte ihr mein Zeugnis aus Budapest, und sie las es aufmerksam durch. Dann faltete sie es zusammen und sah mich nachdenklich an. »Würden Sie Hausarbeit scheuen?«
»Nicht im geringsten,« antwortete ich, und neue Hoffnung erfüllte mich. Sie langte nun nach einem der großen Bücher und blätterte eine Weile darin.
»Würden Sie aufs Land gehen?«
»Mit größtem Vergnügen.«
Darauf nickte sie eifrig und zeigte mit dem Finger auf eine Stelle im Buch.
»Hier wäre etwas, das Ihnen sicher gefallen würde. Die Dame sucht ein Deutsch sprechendes Mädchen, das sich nicht scheuen würde, alle Arbeiten im Hause zu verrichten und zu gleicher Zeit eine Gesellschafterin für ihre vierzehnjährige Tochter abgeben würde. Es ist auch eine junge Französin da, die ebenfalls bei der Arbeit hilft. Was sagen Sie dazu?«
Ich dachte an die acht Betten und die Mädchen im Heim und sagte, daß ich glücklich sein würde, die Stelle zu erhalten.
»Die Dame hat versprochen, heute um zwei Uhr wiederzukommen. Wenn Sie warten wollen, können Sie selber mit ihr sprechen.«
Ich verbarg mein Entzücken so gut als ich konnte und nahm meinen früheren Stuhl wieder ein, nachdem ich erklärt hatte, daß ich gerne warten würde. Nach ungefähr einer Stunde kam die Dame. Sie zählte vielleicht vierzig Jahre und sah recht gütig aus. Sie wiederholte nur, was ich schon gehört hatte, und ich war mit allem einverstanden. Zum Schluß gab sie mir ihre Karte mit Namen und Adresse und bestimmte den zweitnächsten Tag für meinen Eintritt in ihr Haus. Als alles verabredet war, reichte sie mir zum Abschied die Hand; doch plötzlich schien ihr etwas einzufallen und sie zog sie wieder zurück. »Haben Sie schon zu Mittag gegessen?« frug sie mich, und ich verneinte der Wahrheit gemäß.
»Dann müssen Sie mit mir kommen.« Darauf hieß sie mich in den Wagen steigen, in dem sie gekommen war. Einige Minuten später hielten wir vor einem Restaurant, und meine Dame frug mich, was ich essen möchte. Ich erwiderte, daß mir das ganz gleich sei, worauf sie mir ein gutes Essen bestellte und sich anscheinend über meinen guten Appetit freute. Als ich fertig war, führte sie mich wieder auf die Straße und sah sich nach einem der roten Motorwagen um, der mich ins Heim zurückbringen sollte. Sie fand auch bald, was sie suchte und bat den Kondukteur, auf mich acht zu geben und mich aufmerksam zu machen, wenn es Zeit sei, abzusteigen. Dann grüßte sie mich noch einmal recht freundlich, und ich fuhr ins Heim.
Dort angekommen, ging ich sofort zur Vorsteherin und erzählte ihr von meinem Glücke. Sie sah mich zweifelnd an. »Die Sache gefällt mir nicht, es ging zu schnell; doch alles, was wir tun können, ist, der Güte des Herrn zu vertrauen.« Ich versicherte sie, daß ich das täte, ging dann in das Schlafzimmer und schrieb einen langen Brief an meinen Freund. Gegen Abend kamen die Mädchen zurück, mit denen ich am Morgen fortgegangen war. Sie fragten mich höhnisch, ob ich schon eine Stelle habe. Als sie erfuhren, daß dies der Fall sei, bestürmten sie mich mit Fragen, und ich erzählte, was ich wußte. Nachdem ich geendet, zuckte die Blondine wieder die Achsel: »Das ist eben eine Stelle als Küchenmädchen, so etwas könnte ich auch bekommen, aber zum Kochen und Waschen bin ich denn doch zu gut,« und während sie das sagte, gab sie ihrem Hut eine neue Fasson.
Der kleine Ort, wo meine neue Dame wohnte, liegt ungefähr zwei Stunden von London entfernt, an der Themse. Die Dame selbst holte mich vom Bahnhofe ab, und das Haus, in das sie mich führte, steht abseits von den andern Gebäuden, und zwar hart am Rande des Wassers. Unter leutseligem Geplauder brachte sie mich in ein ziemlich großes Zimmer und bedeutete mir, daß das mein Zimmer sei. ... Allein gelassen, schaute ich mich um. Die niederen Wände waren mit einer freundlichen hellgrauen Tapete bekleidet, und das schwarze massive Eisenbett trug eine Decke in derselben Farbe. In einer Ecke stand ein Waschtisch mit einer grau geäderten Marmorplatte und einem weißen Waschgeschirr. Rechts davon befand sich ein Tisch und ein Stuhl. Das Zimmer hatte zwei Fenster. Eines davon ging in den Hof; der Blick dahin aber wurde durch das weit vorspringende Dach eines Schuppens aufgehalten. Doch war dieses Dach so dicht und so schwer mit einer großblätterigen Schlingpflanze bewachsen, daß es einem förmlichen Walde glich und ich mich später an den Farbenwandlungen vom zartesten Grün bis zum brennendsten Rot nie satt sehen konnte. Das andere Fenster ging auf den Garten hinaus, der sich bis hinunter zum Fluß erstreckte. Auf dem anderen Ufer dehnten sich weite Wiesen von einem tiefen gleichmäßigen Grün. Es war dieses Fenster, an das ich mich lehnte und hinausschaute, nachdem ich mit einem langen, erlösenden Atemzuge die Reinlichkeit und Behaglichkeit des Zimmers festgestellt hatte. Ich schaute auf die Themse, von der ich als Kind gehört hatte und derentwegen ich in der Schule so oft Schläge bekam, weil ich nie wußte ob London oder Paris an ihren Ufern lag. Ich blickte auf den langen, grünen Rasen, der so weich und lässig lag, unberührt von einer Menschenhand, die etwas aus ihm gewinnen wollte. Wie weit mein Auge reichte, sah ich keinen Strauch und keinen Baum, nur das grüne unbenützte Land, das ein Gepräge der Wohlhabenheit und der Stille trug. Ich empfand diese Stille so wohltuend, und unwillkürlich faltete ich die Hände.
»Leben,« sagte ich ganz leise, »Leben, wunderbares Leben.« Denn wunderbar fand ich es trotz der schweren Müdigkeit in allen Gliedern und der brennenden Sehnsucht in meiner Brust. –
Später wurde ich hinunter gerufen und lernte die Tochter des Hauses, sowie die Französin kennen. Erstere sprach Deutsch, letztere nicht. Da ich aber kein Französisch verstand, sprachen wir beide Englisch, und zwar beide schlecht. Die Französin war, wie ich bald herausfand, ein sehr oberflächliches Mädchen. Sie haßte förmlich die Arbeiten, die wir gemeinsam in Küche und Zimmer zu verrichten hatten, und trotz ihrer Jugend, sie zählte erst siebzehn Jahre, hatte sie schon eine Menge Liebschaften hinter sich. Jedesmal wenn wir Teppiche klopften, das Geschirr wuschen, Kleider oder Schuhe reinigten, erzählte sie mir von den Männern, die ihren Weg gekreuzt hatten und mehr oder weniger für ihr Leben verhängnisvoll geworden waren. Hatte sie aber alles ausgekramt, und auch über ihre letzte Eroberung, einen Krämer oder einen Apothekerjungen, ausführlich berichtet, forderte sie mich auf, doch auch etwas zu erzählen. Daraufhin aber schüttelte ich immer entschieden den Kopf und lächelte. Was hätte ich der erzählen können? Das, was mich manches Mal so glücklich und manches Mal so traurig machte, war ein Märchen so fein und wunderbar, das sie nie begriffen hätte ... und wenn sie dann wieder, unbekümmert um mein Lächeln und mein Schweigen, in den Strom der eigenen Erlebnisse untertauchte, war ich recht still und wusch und klopfte oder bürstete noch einmal so rasch wie sie ...
So verging die Zeit qualvoll, qualvoll und doch gemischt mit einer glückseligen Hoffnung, daß er früher oder später um mich kommen würde. Unklar, unbewußt, aber unerschütterlich lebte dieser Glaube in mir. Unzählige Male stellte ich mir vor, wie das sein würde. Die Glocke würde läuten; ein ganz kurzer energischer Ruck, und unerwartet und unangemeldet würde er plötzlich in der Küche stehen ... dann würde ich ihn hinauf in mein Zimmer nehmen, ihm, glücklich wie ein Kind sein Spielzeug, das Blätterdach, den Fluß und die Wiesen zeigen, bis er plötzlich mit einem Blick auf mein schwarzes Kleid, die weiße Schürze und die lang herabwallenden Mützenbänder, alles Abzeichen meiner Stellung, die Ausdauer und Unermüdlichkeit meines Herzens und meiner Hände begriffen haben würde und mich schweigend in seine Arme ziehen ... Aber das waren die törichtsten Träume, die ich je geträumt habe ...
Nach und nach lernte ich die innere Einrichtung eines englischen Haushaltes gründlich kennen. Obwohl die Dame Witwe war, führte sie doch ein ziemlich großes Haus, und all die großen und kleinen Veranstaltungen, wie Teegesellschaften, Picknicke und dergleichen, die so charakteristisch englisch sind, fehlten nicht. Diese Versammlungen verdoppelten zwar unsere Arbeit in Haus und Küche, doch suchte ich mich durch eifriges Erlauschen der englischen Sprache, die zu hören ich fast gar keine Gelegenheit hatte, schadlos zu halten. Selbstverständlich war das nicht sehr viel, doch mit großem Fleiß und Eifer (ich lernte aus englischen Büchern jeden Abend bis tief in die Nacht) machte ich ganz schöne Fortschritte.
Die Dame war zu mir immer recht gütig, doch mußte ich manches Mal über das Verhältnis lächeln, das zwischen ihr und ihrer Tochter bestand. Das fünfzehnjährige Mädchen tyrannisierte ihre Mutter in unglaublicher Weise. Die Dame war fest davon überzeugt, daß ihr Kind alle Eigenschaften einer großen Künstlerin in sich vereinigte, und tat alles, was in ihren Kräften stand, dem heranreifenden Genie Gelegenheit zur Entfaltung seiner Talente zu geben. Allerdings, das Mädchen sang, tanzte, zeichnete, malte und dichtete, doch war ich über den Wert oder Unwert ihrer Leistungen nie klar. –
Einmal, als ich beschäftigt war, Teppiche zu klopfen, kam meine Dame blaß vor Aufregung auf mich zugestürzt und bat mich, den Lärm einzustellen, da »Miß Daisy« dichte. Ich nahm den schweren Teppich sofort von der Stange, dachte aber dabei an meine eigenen Gedichte, die noch immer eine heimliche Quelle meiner kargen Freuden waren, und frug mich, wieviel ich wohl hätte dichten können, wenn ich dazu solch absolute Ruhe nötig gehabt hätte. Im Laufen und im Arbeiten hatte ich sie gedichtet und niemand frug danach. Niemand? Nein, manches Mal kam ein Brief, und in dem hieß es, daß das eine oder das andere der letztgesandten Gedichte herrlich sei. –
Nachdem ich einige Zeit auf der Stelle war, trat ein Ereignis ein, das die Verhältnisse etwas umgestaltete. Miß Daisy erkrankte am Scharlach. Sobald die Französin dies hörte, verließ sie das Haus noch am selben Tag.
»Wollen Sie auch gehen?« frug mich die Dame.
»Gewiß nicht!« sagte ich.
Es folgten nun ängstliche sieben Wochen, und nach Verlauf dieser Zeit verordnete der Arzt für die Kranke Luftwechsel. Alle nötigen Sachen wurden sofort eingepackt, und einige Tage später rauschten unter unseren Fenstern die vielbesungenen Wellen der nordischen See. Ich hatte ein Zimmerchen für mich bekommen und konnte kaum erwarten, mich dahin zurückziehen zu dürfen. Endlich kam der Abend. Obwohl von der Reise sehr ermüdet, dachte ich doch nicht ans Schlafen, sondern öffnete mein Fenster, so weit ein englisches Fenster eben zu öffnen geht, und schaute mit staunenden Augen über das wogende Wasser, auf dem jetzt das Mondlicht tanzte und sprang. Sehr spät suchte ich in dieser Nacht mein Bett auf. Als ich am nächsten Morgen erwachte, war es noch sehr früh; im Zimmer nebenan war noch alles still, und ich kleidete mich leise an. In der Nacht hatte ich einen seltsam schönen Traum gehabt. Ich wollte ihn festhalten, niederschreiben und suchte unter meinen Sachen nach einem Bogen Papier. So, während der Himmel sich röter und röter färbte, entstand ein Gedicht, und ich nannte es »Ruby«.
Nach fünf Wochen kehrten wir nach Hause zurück, und meine Dame nahm vorläufig kein neues Mädchen ins Haus. Meine Pflichten verdoppelten sich nun, und ich hatte noch weniger Zeit als früher. Die wenigen Augenblicke, die ich erübrigen konnte, füllte ich mit der Erlernung der Sprache aus, und langsam, aber sicher erfaßte ich das Wesen derselben. Einmal fiel mir ein Buch von Milton in die Hände, und trotz meiner noch mangelhaften Sprachkenntnisse las ich das »verlorene Paradies« mit größtem Eifer. Oft überwältigte mich der kühne Gedankenflug, die bilderreiche Sprache, die Phantasie und die Erhabenheit des Ganzen. Oft, unendlich oft, schlug ich aber auch die Seite der Sonette auf, wo es hieß:
Und jedesmal, wenn ich dies gelesen hatte, fiel ich in ein sonderbares Grübeln, ein Grübeln, aus dem später meine größte Niederlage und mein größter Sieg hervorging ... Nach und nach schaffte ich mir die Gedichte von Lord Byron, von Keats, auch von Longfellow an, und es verging kein Tag, an dem ich es nicht möglich gemacht hätte, in dem einen oder dem anderen Buche zu lesen. Damit soll aber nicht gesagt sein, daß ich alle Gedichte durchlas, im Gegenteil, viele von ihnen fand ich langweilig. Gewöhnlich blätterte ich in einem neuen Buche so lange, bis ich auf ein Gedicht stieß, das mir sehr gut gefiel, und dieses las ich dann, so oft ich nach dem Buche griff. Oft las ich ein ganzes Gedicht nur einer einzigen Stelle wegen immer und immer wieder, wie z. B. das Gedicht von Byron:
| Ah! Love was never yet without |
| The pang, the agony, the doubt ... |
und dann einige Zeilen weiter:
| That Love had arrows well I knew |
| Alas! I find them poison'd too. |
Dieser letzten Stelle wegen wanderte ich durch das ganze Gedicht, welches mir im übrigen gar nicht gefiel.
In Keats war mein Lieblingsgedicht:
| I had a dove und the sweet dove died |
| And I had thought it died of grieving: |
| O, what could it grieve for? its feed were tied |
| With a silken thread of my own hands weaving; |
| Sweet little red feet! why should you die? |
| Why should you leave me, sweet bird, why? |
| You lived alone in the forest-tree, |
| Why, pretty thing! would you not live with me? |
Dieses Gedicht schien mir so einfach, so süß, und ich sagte es immer leise vor mir her, wenn ich die Wäsche wusch oder den Boden scheuerte. Überhaupt ist das so eine Gewohnheit von mir, bei jeder Beschäftigung, die es möglich macht, mir Gedichte aufzusagen. Der Gang eines Gedichtes hat für mich etwas ungemein Beruhigendes, und ich habe die Süßigkeit, die aus einer gleichmäßig wogenden Verszeile auf mich strömt, noch in keiner anderen Form der Dinge gefunden.
In dieser stillen Weise verfloß die Zeit. Mein Freund hatte mir in den ersten Monaten meines Aufenthaltes in England ziemlich oft geschrieben, doch wurden nach und nach seine Briefe sehr selten. Manchmal ließ er mich monatelang auf die Beantwortung meiner Briefe warten, und ich dachte, er habe mich vergessen. Die Sehnsucht, die ich dann in solchen Stunden empfand, kann ich nimmer beschreiben; wie ich täglich und stündlich seine Nähe fühlte und immer auf irgend etwas Unbegreifliches, auf etwas Wunderbares wartete, das ihn mir bringen sollte. In diesem Glauben ging ich so weit, daß ich, so oft die Glocke ging, zusammenzuckte, weil ich meinte, er sei da ... Doch er war es nie ...
Eines Tages sagte mir meine Dame, sie hätte eine Einladung nach Schottland bekommen, könne mich aber nicht mitnehmen. »Ich habe mir nun gedacht,« fuhr sie fort, »daß, da Sie noch gar nichts von London gesehen haben, Sie sich die Stadt ansehen sollten. Am besten wird es sein, wenn Sie dazu für die paar Wochen in das Heim gingen. Selbstverständlich trage ich die Kosten hierfür.«
»Dorthin gehe ich nicht gerne,« erwiderte ich.
»Warum nicht? Das Heim ist ein sehr frommes Heim, und ich bin überzeugt, daß Sie dort gut aufgehoben sind.« Dagegen wagte ich nichts einzuwenden. Die Vorbereitungen zur Abreise wurden noch am selben Tage getroffen, und am nächsten Tage brachte mich die Dame selbst nach dem Heim und empfahl mich der besonderen Fürsorge der Vorsteherin.
Ich wohnte nun wieder in dem Zimmer mit den acht Betten. Ich kannte keines der Mädchen und bemühte mich auch durchaus nicht, sie kennen zu lernen. Als ich aber abends in den Speisesaal trat, wartete meiner eine Überraschung. Jemand rief meinen Namen. Ich wunderte mich sehr darüber und fragte mich, wer das sein könne; welches der Mädchen mich denn kennen könnte. Diejenige, die mich bei meinem Namen gerufen hatte, saß bei Tische und winkte mir mit beiden Händen. »Kommen Sie doch!« rief sie lebhaft. Ich konnte mich nicht erinnern, sie je gesehen zu haben und glaubte schon, daß sie sich in der Person irre, als mir auf einmal einfiel, wer sie sei. Es war meine frühere Bettnachbarin, das Mädchen mit den großen glänzenden Augen und dem reichen braunen Haar. Es freute mich nun doch, daß mich hier jemand kannte und begrüßte. »Suchen Sie eine Stelle?« frug ich einmal während des Essens. »Nein,« antwortete sie, »ich wohne hier,« und dann erzählte sie mir, daß sie deutsche Korrespondentin sei.
Ich hörte kopfschüttelnd zu. »Ich kann nicht begreifen, daß Sie es hier aushalten können.« »Warum?« frug sie. »Wegen des Schlafens,« worauf sie erwiderte, daß sie schon daran gewöhnt sei.
»An so etwas könnte ich mich nie gewöhnen.«
»In dieser Welt,« antwortete sie, »muß man sich an vieles gewöhnen,« und als sie das sagte, wurde ihr Gesicht sehr traurig.
Als zum Gebet geläutet wurde, stellten wir uns nebeneinander, und als das Lied gesungen wurde, horchte ich auf die leisen, schwermütigen Töne, in denen das Mädchen neben mir sang.
Den nächsten Morgen hatte ich beschlossen, in das Britische Museum zu gehen; sagten doch alle, daß ich das gesehen haben müsse. Da es vom Heim nur einige Minuten entfernt war, so hatte ich nicht erst viel nach dem Wege zu fragen. Als ich vor dem monumentalen Gebäude stand, blickte ich entzückt auf unzählige Tauben, die ganz furchtlos schienen und einigen Leuten das Futter sogar aus der Hand fraßen. Am liebsten wäre ich stehen geblieben und hätte nur die Tauben betrachtet, doch innerlich machte mir etwas Vorwürfe, daß ich so wenig Interesse für das Britische Museum empfand, und um dieses innerliche Etwas zu befriedigen, stieg ich endlich die Stufen empor, die in die verschiedenen Räume führten. Leider muß ich jetzt wie damals bedauern, daß meine Kenntnisse viel zu ungenügend sind, um die Schätze, die in jenen Zimmern aufgehäuft liegen, würdigen zu können. Ich erinnere mich an unzählige altersschwarze Gegenstände, die hinter Glasschränken verwahrt sind und von denen ich weder den Wert, noch ihre Bedeutung verstand. Die Säle, in denen sich die ägyptischen Mumien befanden, erweckten in mir jene Scheu, die ich als Kind in der Kirche empfand, und ich wagte nur mit den Zehenspitzen aufzutreten. Doch diese Ehrfurcht verschwand, je länger ich auf die großen Wickelkinder mit den steifen, dunkeln Gesichtern blickte ... Da vor mir in einem Glasschrank lag der letzte Rest eines Fürsten, eine Hand, deren Finger gelbe Ringe zierten. Einst winkte diese Hand gebieterisch und tausend Sklaven sanken zitternd nieder ... Wo ist heute dein Reich? ... Wo ist heute dein Heer? ... Und wo bist du selbst? ... Und was wurde aus deinen Qualen? ... Und was wurde aus deinem Glück? ... So frug ich die braune Hand mit den gelben Ringen, und die Antwort war eine für mich neue Überzeugung: daß es noch kein Ich gibt – daß Gott noch an der Schöpfung arbeitet – daß wir das Mittel zum Zweck, aber der Zweck nicht sind.
Nach vielem Hin- und Herwandern kam ich in einen Raum, der ebenfalls Glasschränke enthielt, in dem größere und kleinere Stücke braunes Papier sorgfältig aufgesteckt waren. Ich besah mir dieselben anfangs aus pflichtgetreuer Neugierde, doch schon in der nächsten Minute durchrieselten mich fromme Schauer. Die braunen Stücke Papier waren Papyrus, von denen ich schon so oft gehört hatte, ohne je einen gesehen zu haben. Es befanden sich mehrere dort, doch kehrte ich immer nur zu dem einen zurück, worüber die kleine Tafel sagte: »Ein mit fünf Versen beschriebener Papyrus von Sappho aus der Ode an ihren Bruder Charaxus.« Ich konnte kein Auge davon wenden und ging nun drei Wochen lang der Tauben und des Papyrus wegen ins Britische Museum. Ich hatte es mir in den Kopf gesetzt, den Papyrus zu stehlen, doch kam es nicht so weit, da sich im Saale stets zwei Polizisten befanden, die schon anfingen mich argwöhnisch zu beobachten. Über den Papyrus, der, wie ich eben bemerke, seine alte Anziehungskraft für mich noch immer nicht verloren hat, darf ich aber nicht meinen Besuch in dem alten berühmten Tower zu erwähnen vergessen. Aus den herrlichen Rüstungen, mit denen die Wände gefüllt waren, sowie den großen Diamanten, um den sich in der Schatzkammer alles drängte, machte ich mir aber nicht viel. Ich verließ die schmalen Gänge und die dunklen Gemächer ziemlich rasch, setzte mich im Schloßhof auf eine Bank und betrachtete voll wehmütiger Empfindung die Kupferplatte, die meldete, daß auf dieser Stelle zwei junge wunderschöne Königinnen geköpft wurden. – Heute fegte der Herbstwind sonnenverbrannte Blätter darüberhin! –
Von solchen Ausflügen kehrte ich immer ziemlich spät ins Heim zurück, von dem Mädchen, das sich mir enger angeschlossen, ungeduldig erwartet. Nach und nach entwickelte sich eine Freundschaft zwischen uns, von der ich nicht recht wußte, wie sie eigentlich entstanden war. Ich glaube, was mich zu ihr zog, waren ihre Augen, die so seltsam wehmütig und traurig aussehen konnten. Ohne daß sie mir irgendwelche Erklärung gegeben hatte, war ich überzeugt, daß sie ein heimlicher Kummer quäle. Als wir einmal plaudernd zusammen saßen, wurde mir ein Brief von meinem Freunde überbracht. Da ich schon ziemlich lange darauf gewartet hatte, freute ich mich sehr darüber. Er schrieb mir, daß er sehr beschäftigt sei und daß ich sein langes Schweigen verzeihen müsse, er arbeite jeden Tag bis Mitternacht und würde ausführlicher berichten, sobald er etwas mehr Zeit hätte. Meine Freundin bemerkte die Freude, die mir die wenigen Zeilen bereiteten, und frug mich lächelnd, ob der Brief von jemand sei, den ich lieb hätte, und ob dieser vielleicht ein Mann sei. Ich bejahte es zögernd und erzählte ihr dann von ihm. Während ich sprach, wurde sie trauriger und trauriger, und zum Schluß weinte sie.
»Wenn ich Sie nur vor vier Jahren kennen gelernt hätte, ehe ich nach Paris ging.«
Ich war ganz bestürzt und konnte ihre Aufregung nicht verstehen.
»Warum,« frug ich endlich, »hatten Sie so wenig Gesellschaft in Paris?«
»Nein, nein,« stieß sie aufspringend hervor, »viel – zu viel.«
Noch ehe ich ihre Worte begreifen konnte, öffnete sich die Türe und einige Mädchen kamen herein. Wir begannen deshalb von gleichgültigen Dingen zu reden, doch bemerkte ich, daß ihre Wangen sehr blaß waren und ihr Lächeln ein gezwungenes war.
An einem der nächsten Tage erhielt ich von meiner Dame einen Brief, worin sie mir mitteilte, daß sie Ende der Woche zurückkommen werde und ich das Heim dann verlassen müsse. Diese Nachricht betrübte meine Freundin ungemein; sie wich die ganze Zeit nicht von meiner Seite und sagte, sie wisse nicht, was sie anfangen solle, wenn ich fort sei. Am Tage vor meiner Abreise war sie wieder eigentümlich unruhig und fing oft Sätze an, ohne sie zu vollenden.
»Bedrückt Sie etwas?« frug ich sie.
»Wollen Sie es mir nicht sagen?« Ich strich zärtlich bei diesen Worten über ihre Hand.
»Ja,« sagte sie mit so schmerzlicher Stimme, wie ich noch nie einen Menschen hatte reden hören. Dann schloß sie ihre großen, glänzenden Augen, und ganz leise, als ob sie sich fürchtete, ihre eigenen Worte zu hören, erzählte sie mir eine sehr traurige Geschichte. Als sie geendet, weinten wir beide.
»Ist das Kind ein Mädchen oder ein Knabe?« frug ich endlich.
»Ein Mädchen,« erwiderte sie tonlos.
»Und lebt es?«
»Ich weiß es nicht.«
Ich sprang vom Bett auf und sah sie ungläubig an. »Wie ist das möglich, Sie wissen nicht, ob Ihr Kind lebt oder nicht?«
Sie blickte mich mit blöden, hilflosen Augen an, und mein Mitleid quoll empor. »Sagen Sie mir alles,« bat ich mit sanfter Stimme, »vielleicht erleichtert es Ihr Herz.« Und dann erzählte sie mir alles; wie der Mann sich nicht mehr um sie gekümmert, wie sie neun Monate lang gehungert hatte, um ihr Kindchen bei sich haben zu können, – wie sie endlich krank wurde und das Kind fortgab, um es vor dem Hungertode zu schützen. Während der Erzählung flossen ihr die Tränen unaufhörlich über die Wangen, und ich streichelte ihre Hände.
»Wo haben Sie es denn hingegeben?« frug ich leise.
Darauf schloß sie die Augen, als ob sie nachdächte, und sagte: »In Paris ist ein Haus, wo man jedes Kind abgeben kann, ohne etwas zu bezahlen oder einen Namen nennen zu müssen.«
»Und dorthin –?«
Sie nickte mit dem Kopfe und lehnte sich müde auf das Bett.
»Sie müssen ja wahnsinnig gewesen sein – Nun können Sie ja das Kind nie mehr finden.«
Sie schüttelte heftig den Kopf. »O ja, ich kann es wiedererkennen. Jedes Kind bekommt bei der Aufnahme einen kleinen Reifen aus Eisen um das Handgelenk, und an dem Reifen hängt eine Nummer.«
Ich schwieg, und weil es eben zum Abendessen läutete, schritten wir hinunter. Wir aßen beide fast nichts, und als später das Lied gesungen wurde, da hörte ich wieder nur die leisen, schwermütigen Töne neben mir. Den ganzen Abend sprachen wir nichts mehr über die Angelegenheit. Ich beschäftigte mich mit Packen und ging spät zu Bett. Schlafen konnte ich nicht, ich richtete mich mehrere Male leise im Bette auf und blickte auf meine Freundin. Sie lag ganz ruhig, und ich glaubte, sie schliefe. Endlich fielen auch mir die Augen zu, und im Halbschlummer sah ich ein kleines Mädchen, das in einem schmutzigen Hofe spielte ... es hatte die großen, glänzenden Augen meiner Freundin ... es hatte das reiche braune Haar meiner Freundin, aber um das Handgelenk trug es einen kleinen Reifen, und an dem Reifen hing eine Nummer....
Meine Verhältnisse wurden nun wieder die alten. Wie früher scheuerte ich die Böden, wusch die Wäsche und besorgte die Küche. Ich dachte dabei oft an meine Freundin in London und hegte heimlich den Wunsch, in ihrer Nähe zu sein. Doch eines Umstandes halber verwarf ich diesen Wunsch immer wieder. Ich hatte mir nämlich fest vorgenommen, meinem Freunde das Geld zurückzuschicken, das ich ihm schuldete. Selbstverständlich war das nicht leicht für mich, da ich nur dreißig Schilling als monatlichen Lohn erhielt und davon auch noch meine Eltern unterstützte. In letzterer Zeit hatte ich das allerdings nicht mehr zu tun, da sich die Verhältnisse zu Hause gebessert hatten und ihnen überdies auch mein Bruder nicht mehr zur Last war. Meine Eltern hatten lange nichts mehr von ihm gehört. Sie wußten nur, daß er den ihm verhaßten Beruf eines Kellners aufgegeben hatte, um jenseits des Ozeans in einer anderen Betätigung sein Glück zu suchen. Vor kurzem schrieb mir mein Vater, daß ihm ein deutsches Zeitungsblatt aus Brasilien zugegangen sei, das Mitteilungen über die kühne Luftfahrt eines Aviatikers Aranya enthielt. Am Rande dieser Beschreibung standen die Worte: »Besten Gruß Euch allen. Solange ich mir nicht das Genick breche, geht es mir gut. Karl.« Zu dem oben angeführten Zwecke sparte ich alles Geld, das ich aus den dreißig Schillingen erübrigen konnte, und der Gedanke, meinen Freund mit der Sendung des Ganzen überraschen zu können, machte mich ungemein glücklich.
Hätte ich nun meine Stelle aufgegeben, um in London mir eine andere zu suchen, wäre immerhin ein Teil der Summe daraufgegangen, und ich wollte mich von keinem Penny trennen.
Selbstverständlich schrieb ich meinem Freunde nie etwas über diesen Gegenstand, sondern berichtete stets nur über meine Beschäftigung und dergleichen.
Seine Briefe kamen nur selten, doch in letzter Zeit enthielten sie immer Vorwürfe über meine anscheinende Zeitverschwendung. »Sind Sie denn,« so schrieb er, »nach England gegangen, um Kochen zu lernen? Dazu hätten Sie wahrhaftig nicht nötig gehabt, nach England zu gehen. Sie wissen, daß ich so gerne beitragen möchte, Ihre Bildung und somit Ihr Talent zu fördern, und ich bitte Sie, die Stelle, die Sie jetzt innehaben, sofort aufzugeben und sich in London, sagen wir, etwas für den Vormittag zu suchen und den Nachmittag für Ihr Studium zu verwenden. Selbstverständlich sorge ich dann für Ihr Unterkommen usw.« So lockend aber auch der Vorschlag für mich war, so konnte ich mich doch zu einem solchen Schritte nie entschließen, und seufzend kehrte ich immer wieder zu meinen Töpfen und Pfannen zurück. Aber es war mir zumute, wie dem Büblein im Lesebuch, das immer sagte:
»Wenn nur was käme und mich mitnähme!« Aber es kam nichts.
Ein Monat verging nach dem andern, und ich fühlte mich oft körperlich recht müde. Nach und nach wurde auch mein Herz müde, und endlich verweigerte es zu zittern, wenn die Glocke ging, und ein vorschneller Gedanke frug: Ist es »er«? Aber noch wartete ich, wartete vor der Schwelle seines Herzens, bis sich die Türe auftun würde und er heraustreten würde: Güte auf den Lippen, Erfüllung in den Augen ...
Und dann wieder kamen Stunden, in denen ich fast bereute; Stunden, in denen meine heimlichsten Gedanken sich zu verkörpern schienen und mit spöttischen Gesichtern vor mich traten. »Warum bist du denn eigentlich fort von ihm?« höhnten sie oft. Ja, warum war ich denn eigentlich fort von ihm? ... Natürlich, um andere Leute und Verhältnisse kennen zu lernen ... Hatte nicht er es so genannt? Hatte nicht ich so gewollt? – Gewollt? – Und als auf diese Frage jeder Blutstropfen verneinte, frugen dieselben fürchterlichen Stimmen wieder: »Und wenn du nicht fort wolltest, warum bist du denn gegangen?« – Und ganz urplötzlich wußte ich es, und meine Wangen lernten eine neue Röte und mein Herz lernte eine neue Qual. – So im Hader mit mir selbst verging die Zeit.
Es war einmal in einer Nacht, in der ich nicht schlafen konnte, trotzdem ich den ganzen Tag gelaufen und gearbeitet hatte, daß ich mit offenen Augen lag und sann und sann, bis alle guten und alle bösen Geister um mich waren. – Wie mit hundert Händen griffen sie in meine Gedanken, zogen und zerrten, suchten und wühlten, zerrissen und banden; und als sie fort waren, da tanzten feurige Buchstaben durch das dunkle Zimmer, die sich endlich zu einer Frage formten, und die Frage hieß: »Darf ich wiederkommen?« – Warum nicht? schrie ich und ballte die Fäuste gegen die glänzenden Zeichen. Ist unsere Freundschaft nicht so rein, so fein, so wunderbar, – und da wuchs um jeden Buchstaben ein Kranz von Flammen, und als ich wieder hinblickte, da stockte mein Atem. »Eben darum,« hieß es, und hinter der Schrift lag ein vornehmer ruhiger Schein. Aber ich wollte die Schrift und den Schein nicht sehen und schloß die Augen, wie ein eigensinniges Kind. Dieser Nacht folgte eine andere und eine andere. Nach und nach schienen sich alle Dinge um mich mit den Ungeheuern verbündet zu haben; mein eigenes Selbst schien höhnisch auf mich einzudringen und griff mit frechen Fingern nach dem Stück verborgenen Hoffens, das ich noch immer nicht übergeben wollte.
In solchen Augenblicken aber kam er mir zur Hilfe. Wie durch einen Zauberschlag stand er mitten unter den geifernden Kreaturen, und seine Gestalt überragte die größten unter ihnen.
»Glauben Sie an mich?« frug er, und sein Gesicht zeigte das gütige Lächeln und den besorgten Blick. – »Ja, ich glaube,« sagte ich. – Und dann hielt ich die Worte hoch, wie ich oft den Priester in der Kirche die goldene Monstranz heben sah, und wie damals alles Volk niedersank, so sanken jetzt meine Quälgeister in nichts zusammen und wurden still. –
Mein Freund wußte nichts von alledem. Wie wir früher bei unserem persönlichen Verkehr jedes Wort vermieden, das unser heimlichstes Denken hätte bloßlegen können, so waren auch unsere Briefe immer kühl und ruhig, und nur hie und da war vielleicht eine Zeile, die Sehnsucht oder Schmerz nicht ganz verbergen konnte.
Aber von diesen Zeilen lebten wir – ich wenigstens. – An diesen Zeilen hing meine ganze Seele, aus diesen Zeilen trank sie alle Süßigkeit und alle Stärke, deren sie bedurfte, um den oft widerwilligen Körper zur Pflicht zu überreden.
Und so kam es, daß ich manchesmal fast glücklich war. Daß ich mit einem Lächeln in den Augen die kupfernen Töpfe putzte, bis sie blank waren, und selbst die Kälte nicht fühlte, wenn ich an einem Januarmorgen vor dem Hause kniete und die Stufen weißte. Am schönsten aber war es, wenn ich des Abends nach meiner kleinen Sparkasse griff und ihren Inhalt auf mein Bett streute. Dieses Geld war mein größter Schatz. Ich verbarg es immer so ängstlich und weiß nicht, was ich getan hätte, wenn es mir durch irgendeinen Zufall verloren gegangen wäre. Ich war fest entschlossen, die Stelle zu verlassen, sobald ich alles Fehlende verdient hatte und noch eine kleine Summe darüber, die es mir möglich machen würde, im Heim zu wohnen, bis ich etwas Passendes gefunden hatte. Doch es kam früher als ich dachte.
Meine Dame hatte schon lange die Absicht gehabt, ihre Tochter ins Ausland in ein Pensionat zu schicken, und sich ganz plötzlich dazu entschlossen. Sie wollte auch in dem großen Hause allein nicht wohnen und sagte mir, daß sie das Haus vermietet hätte und sie selbst längere Zeit auf Reisen ginge. Da mir vielleicht nur mehr fünfzig bis sechzig Kronen an meinem Ersparten fehlten und ich daher imstande gewesen wäre, das Geld in drei bis vier Monaten absenden zu können, schmerzte mich diese Mitteilung im ersten Augenblick auf das heftigste. Doch dann tröstete ich mich mit dem Gedanken, daß ich vielleicht sehr schnell eine andere Stelle bekommen würde und das Geld dennoch in kürzester Frist absenden könnte.
So verließ ich das Haus, in dem ich achtzehn Monate in einer ganz eigenen Art glücklich und unglücklich war, und als ich mich in meinem Zimmer zum letzten Male umblickte, da kamen mir die Tränen in die Augen, und ich stieg die Treppe schluchzend hinab.
In London angekommen, ging ich wieder in das Heim, wo meine Freundin mich auf das allerherzlichste begrüßte. Sie freute sich sehr, daß ich nun wirklich in London bleiben wollte, doch mehr konnte sie für mich nicht tun. Meine allernächste Sorge war nun, eine Stelle zu finden, um von dem ersparten Gelde nicht zu viel zu verbrauchen. Ich wandte mich wieder an die Vermieterin, die mir meine letzte Stelle besorgt hatte. Nach den üblichen Begrüßungen und Erklärungen sagte sie: »Da Sie nun schon längere Zeit in England sind und auch ein Zeugnis von einer Engländerin besitzen, so dürfte es sicher nicht schwer fallen, etwas zu finden. – Was für eine Stelle möchten Sie denn gerne haben?« Ich dachte an die sechzig Kronen, die ich schon so gerne verdient hätte, und sagte darum, es sei mir ganz gleich, welche Stelle ich hätte, nur würde es mich sehr glücklich machen, etwas Gelegenheit zur Erlernung der englischen Sprache finden zu können. »Möchten Sie wohl,« sagte sie, »under nurse sein?« Ich hatte den Namen nie gehört und konnte mir daher von der Stelle keinen Begriff machen.
»Was ist das?«
»Etwas, das ich Ihnen sehr empfehlen kann. Sie werden nämlich genug Gelegenheit haben, Englisch zu lernen, da die head nurse eine Engländerin ist und mit den Kindern nur Englisch spricht.«
Daraufhin bat ich um alles Nähere, das sie mir bereitwillig gab.
»Am besten ist es,« sagte die Vermieterin, »wenn Sie jetzt selbst hingehen und sich vorstellen. Gefällt Ihnen die Stelle, so ist es gut, gefällt sie Ihnen nicht, so kommen Sie wieder zu mir.« Dann gab sie mir die Adresse und ich machte mich auf den Weg.
Es war ein recht weiter Weg, und als ich nach vielem Herumsuchen endlich an einem sehr hübschen Hause die Glocke zog, war ich todmüde. Ein nettes Stubenmädchen fragte mich nach meinem Begehr und bat mich dann, im Vorzimmer zu warten. Ich setzte mich auf einen der steifen Eichenholzstühle und hoffte heimlich, daß die Dame des Hauses noch sehr lange nicht kommen würde. Sie erschien aber bald und war sehr freundlich. Nachdem sie mir verschiedene Fragen gestellt, sagte sie mir zum Schlusse, ich gefiele ihr ganz gut, nur könne sie mich nicht annehmen, ehe mich die nurse gesehen hätte. Da aber die nurse mit den Kindern ausgegangen sei, so müßte ich entweder warten oder wiederkommen. Ich entschloß mich für das erstere. Allein gelassen betete ich im stillen, daß ich der nurse gefallen möchte. Endlich hörte ich johlende Stimmen herannahen. Gleich darauf trat die Dame ein und bat mich, nach oben zu kommen. Oben waren vier Knaben, ungefähr 5, 7, 9 und 11 Jahre alt, die sich zankten. Eine sehr magere Frauensperson, in der ich richtig die nurse vermutete, versuchte Ruhe herzustellen, ein Unternehmen, das aber erst nach dem Hervorholen eines Stockes erfolgreich war, als alle vier gleichzeitig die schützende Weite suchten. Die nurse stellte den Stock wieder vorsichtig in eine Ecke und hörte aufmerksam den Auseinandersetzungen der Dame zu. Sie blickte mich einige Male an, und mit großer Erleichterung glaubte ich wahrnehmen zu können, daß ich ihr gefiel. Die Dame erklärte mir dann, was ich zu tun haben würde, und mir wurde bange, je länger sie sprach. Als sie mich dann zum Schlusse fragte, ob mir alles recht sei, da dachte ich wieder an die sechzig Kronen und erklärte, mir sei alles recht.
Zwei Tage später trat ich meine neue Stelle an. Hatte ich von der Stellung einer »under nurse« bisher keine Vorstellung gehabt, so sollte ich nun bald eine erhalten. Wie ich sehr schnell herausfand, war ich von den vier Dienstmädchen des Hauses die niedrigste, und jede der drei anderen ließ mich das fühlen.
Da ich auch der Sprache nur unvollkommen mächtig war und weder das Stubenmädchen noch die Köchin Ausländerinnen leiden konnten, so neckten und höhnten sie mich bei jeder Gelegenheit. Auch legten sie mir alle möglichen Arbeiten auf, die sie selbst nicht tun wollten, wie Kohlentragen und dergleichen mehr; um mit ihnen auszukommen tat ich alles. Doch schrecklicher als der Tag war in diesem Hause die Nacht. Ich hatte nämlich mit dem Stubenmädchen und der Köchin in einem Zimmer zu schlafen und biß oft die Zähne zusammen, wenn ich an mein stilles Zimmerchen in Marlow dachte. Die beiden Mädchen unterhielten sich gewöhnlich bis Mitternacht; sie erzählten sich gegenseitig von ihren Liebschaften, die sie je gehabt hatten, und sie nannten dabei, ich bin sicher, alle männlichen Taufnamen im Kalender. Diejenige, die ich am meisten fürchtete, war die Köchin. Sie war ungemein roh und hob oft die Hand, als ob sie mich schlagen wollte, wenn ich etwas nicht schnell genug oder nicht zu ihrer Zufriedenheit machte. Doch jeder Leidensbecher enthält ein Tröpflein Freude, und mein Glück bestand in dem Ausgang der Köchin und in ihren Liebesbriefen. So oft sie nämlich einen Brief von einem ihrer vielen Verehrer erhielt, war sie sogar zu mir liebenswürdig. Einmal hatte ihr ein Soldat eine silberne Brosche geschenkt, und sie war den ganzen Tag so gut zu mir, daß ich sie am Abend fast gerne hatte. Verflossen aber einige Tage, ohne daß sie von dem einen oder dem andern hörte, so kannte ihre Tücke und ihre Bosheit keine Grenzen. Hatte ich in Marlow immer auf den Briefboten gewartet in der Hoffnung, daß er etwas für mich haben würde, so wartete ich nun, und wenn das möglich ist, mit noch größerer Sehnsucht als damals auf ihn, in der Hoffnung, daß er etwas für die Köchin haben möchte. Und an dieser Stelle danke ich allen Polizisten, Soldaten, Milchmännern, Fleischhauern und anderen, die so glücklich waren, das Wohlgefallen der Köchin zu erregen, für die ziemlich vielen Karten und Briefe, die sie ihr sandten und mit denen sie, ohne daß sie es wußten, auch mich glücklich gemacht haben ...
Einmal gab es einen großen Streit in der Küche, und darauf verließ das Stubenmädchen das Haus noch am selben Tage. Das neue Stubenmädchen war sehr blaß und klein, doch arbeitete es unermüdlich. Sie war immer gut zu mir, und darum hatte ich sie gerne, auch tat sie mir leid, weil sie so zart aussah. Einmal als die Köchin Ausgang hatte und wir allein in unserem Zimmer lagen, fing das Stubenmädchen auf einmal zu schluchzen an. »Was haben Sie?« frug ich sie. Nach einigem Zaudern erzählte sie mir, daß sie einen Bräutigam habe, der in einem Krankenhause für Lungenschwindsüchtige hoffnungslos danieder läge. Dann zog sie einen Brief hinter dem Kopfkissen hervor und reichte ihn mir. Bei dem ungewissen Licht der Kerze, die ich entzündet hatte, las ich die Zeilen. Tapfere und doch verzweifelte Worte eines Sterbenden, und dabei ein Gedicht, in dem die unendliche Sehnsucht nach Gesundheit, wie eine mächtige Woge tausend glitzernde Tropfen, tausend zarte und feine Gedanken mit sich trug.
»Sicher,« sagte ich und bemühte mich, meine Erschütterung zu verbergen, »sicher, er wird wieder gesund.«
»Nein, er ist dort, wo nur die Sterbenden liegen.« Ihre Augen waren tränenleer, und nur ihr Mund zuckte, als sie das erwiderte. Daraufhin löschte ich die Kerze aus, mir schauderte ...
Trotzdem ich selbst genug zu tun hatte, half ich ihr seit diesem Abend wo und wie ich nur konnte. Einmal aber fuhr sie mit einem Schrei aus dem Schlafe empor, und während sie wirr um sich blickte, sagte sie, sie sei sicher, »Er« habe sie gerufen. Den nächsten Tag erbat sie sich einen halben Tag Urlaub, doch sie kam nie wieder....
Nachdem ich auf der Stelle noch weitere sechs Monate gewesen war, trug ich eines Tages einen Brief zur Post, den ich einschreiben ließ. Der Brief war an meinen Freund gerichtet und enthielt den Betrag meiner Schuld. Noch etwas anderes enthielt der Brief: den Aufschrei eines zum Tode gequälten Herzens. Zum erstenmal berichtete ich von der Unerträglichkeit meiner Lage. Dieses Mal schrieb er mir sofort. Sein Brief war voll von Vorwürfen über das bisherige Verschweigen meiner Verhältnisse, das er Unaufrichtigkeit nannte. In dringenden Worten bat er mich, keine Stelle mehr anzunehmen, sondern mich ganz dem Lernen der englischen Sprache zu widmen und zu trachten, die Prüfung ablegen zu können. Das Geld, das ich ihm geschickt hatte, sandte er mir zurück mit dem Bedeuten, es vorläufig für mein Studium zu verwenden, weitere Sendungen würden folgen.
An dem Tage, an dem ich den Brief erhalten hatte, hatte ich Ausgang, und ich ging zu meiner Freundin ins Heim. Ich zeigte ihr den Brief meines Freundes, und sie drang ebenfalls in mich, sein Anerbieten ja anzunehmen. »Ich kenne die Männer,« sagte sie, »und ich weiß, daß dieser Mann es ehrlich mit Ihnen meint.« In dieser Weise sprach sie lange, und weil ich so gerne gelernt hätte, und eine neue Stelle der Köchinnen wegen fürchtete, sagte ich zu. Meine Freundin erzählte mir dann noch, daß sie daran gedacht hätte, das Heim zu verlassen, und schlug mir vor, mit ihr ein Zimmer zu nehmen, da das am billigsten käme. Der Vorschlag gefiel mir hauptsächlich der Billigkeit halber, und so kam es, daß ich wieder einmal meine Koffer packte und diesmal voll froher Hoffnung in ein Londoner boardinghouse zog. Der Gedanke, daß ich meinem Freund wieder Geld schuldete, bedrückte mich zwar, doch nahm ich mir vor, fleißig zu lernen, um die Prüfung im Englischen recht bald ablegen zu können, und dann? ... Ja und dann? ... Jähe stockten meine Gedanken. Die alten Kobolde waren auf einmal wieder da und höhnten und grinsten aus allen Ecken hervor. Mit aller Selbstbeherrschung, der ich fähig war, schüttelte ich jedes Denken an die Zukunft ab und lernte ...
In dem boardinghouse ging es recht bunt und lebhaft zu. Die Gäste gehörten verschiedenen Rassen an und sprachen verschiedene Sprachen. Da waren Inder mit weißen oder zart gefärbten Seidenturbanen auf den Häuptern; einige Chinesen, die aber ihre Zöpfe der europäischen Mode geopfert hatten; eine frühere Primadonna, die für die Bühne zu dick geworden war und immer Bilder aus ihren einstigen Rollen zeigte; ein blasser verlebter Mann aus der Schweiz, der sich über die Zustände in England bitterlich beklagte, weil er kein Mädchen finden konnte, das ihm ohne den üblichen Schwur beim Altar die eigene Wirtschaft führen wollte, wie er das in Paris so gehabt hatte; ein Deutscher, der fortwährend über das Essen schimpfte; und ein aufstrebender Musiker, der die Miete nie bezahlen konnte und jeden Samstag Selbstmord versuchte.
Trotzdem die Leute höflich waren und mir auch ganz gut gefielen, suchte ich dennoch keinen Anschluß. Anders aber gestaltete sich das mit meiner Freundin, die sich mit ihnen, besonders mit dem Unzufriedenen aus der Schweiz, in einer Weise unterhielt, die mich im Anfang erstaunte, später erzürnte und zum Schluß empörte. Ohne etwas zu sagen verließ ich oft das allgemeine Wohnzimmer, in dem sie gewöhnlich beisammen saßen, und setzte mich in unserm kleinen Stübchen auf mein Bett, bis meine Zimmergenossin heraufkam. Sie war dann immer recht heiter und erzählte eine Menge Geschichten, die ich früher im Heim nie von ihr gehört hatte und die mich an die Erzählungen der Köchin erinnerten. Ich gab ihr dann nur einsilbige Antworten, worauf sie gewöhnlich in sehr schlechte Laune verfiel und erklärte, ich sei sehr fad und verstünde keinen Spaß. Oft drängte sich mir eine scharfe Antwort auf die Zunge, doch ich zwang sie jedesmal zurück, weil mir noch im letzten Augenblicke einfiel, daß sie vielleicht recht habe und daß ich wirklich fad sei.
Ich suchte dann immer durch doppelte Zärtlichkeit mein Betragen gutzumachen und zeigte mich sehr belustigt über die Dinge, die sie mir dann wiedererzählte. In Wirklichkeit aber langweilten sie mich. Ich hätte viel lieber von Gedichten gesprochen; sie hatte mir aber einmal ganz unumwunden erklärt, daß sie sich für Gedichte nicht interessiere. So hielt ich die Komödie unserer Freundschaft aufrecht und hätte sie noch länger aufrecht erhalten, wenn sie nicht eines Abends etwas getan hätte, das dem für mich schon lange unerträglichen Zustande ein Ende machte.
Ich war eines Abends wieder einmal ziemlich früh in unser Zimmer gegangen und hatte sie in der Gesellschaft der anderen Gäste gelassen. Ich lag schon im Bett, als sie endlich heraufkam. Sie sah sehr erhitzt aus und schüttelte sich vor Lachen.
»Was haben Sie?« frug ich und heuchelte Interesse. Unter fortwährendem Lachen zog sie ein Zeitungsblatt aus der Tasche und strich es glatt. »Das ist ja zum Schießen, das müssen Sie lesen.«
Ich hatte einen Blick auf die Zeitung geworfen und sah, daß es ein französisches Blatt war. »Ich kann doch nicht Französisch,« sagte ich.
»Das habe ich ganz vergessen, ich lese es Ihnen vor.«
»Aber ich versteh' es doch nicht,« warf ich abermals ein.
»Ich werde es Ihnen übersetzen.« Dann stellte sie sich neben mein Bett und las mir eine Geschichte vor, die mich wütend machte. »Ich will nichts weiter hören,« erklärte ich nach einer Weile und hielt mir die Ohren zu. Darauf lachte sie überlaut.
»Das ist doch nur Verstellung. In Wirklichkeit können Sie das Ende kaum erwarten.«
»Ich will nichts weiter hören,« sagte ich entschieden, und weil sie noch immer nicht aufhörte, sprang ich aus meinem Bett, lief barfuß in das nebenanliegende Badezimmer und blieb dort eine lange Zeit. Als ich endlich wieder zurückkam, lag sie im Bett und tat, als ob sie schliefe.
Ich aber wußte, daß ein weiteres Zusammenleben unmöglich war. Am nächsten Morgen sprachen wir beide kein Wort. Sobald ich mich angekleidet hatte, verließ ich das Haus und suchte mir am entgegengesetzten Ende Londons ein anderes Zimmer.
Ich wohnte nun in der Nähe der Westminster-Abtei. Ich hatte von diesem Gebäude schon oft gehört, doch hatte ich noch keine Gelegenheit gehabt, es zu besichtigen, und beschloß nun, die erste freie Stunde dazu zu benutzen.
Klopfenden Herzens stand ich schon an einem der nächsten Tage vor den grauen Mauern der ehrwürdigen Abtei und befand mich einige Minuten später unter dem Schwarm der Besucher, der die hohen Gänge füllte. Ich ging aber nicht wie diese herum, sondern blieb ganz still in der nächstersten Ecke stehen. Nie in meinem Leben hatte ich gefühlt, was ich jetzt fühlte. Ich befand mich wie unter einem Zauber – wie unter der persönlichen Berührung aller derjenigen, die hier vor mir gewandelt hatten – und längst Staub und Asche sind. Endlich rührte ich mich und schritt von einem Monument zum andern; aber ich schritt wie eine Schlafwandlerin und sah nur die unendliche Größe der Dinge, die Dinge selbst sah ich kaum. Nachdem ich fast die ganze Kirche durchschritten hatte, gewahrte ich plötzlich eine niedrige Holztüre, die geschlossen war, und es fiel mir ein, sie zu öffnen. Ich sah mich erst einige Minuten vorsichtig um, weil ich nicht wußte, ob es erlaubt sei (es ist erlaubt), öffnete sie dann rasch und trat hinaus. – Ja, wirklich hinaus, denn dahinter lag keine andere Kapelle mit den Särgen und Monumenten von Königen und Königinnen, wie ich erwartet hatte, sondern hinter dieser kleinen Tür lag ein ziemlicher großer viereckiger Garten, der zwar keine Blumen, aber einen sehr schönen Rasen hatte. Und dieser hellgrüne Fleck übte auf mich inmitten der hohen altersgrauen Mauern, die eine mehr als ein halbes Jahrtausend lange Geschichte erzählen, eine bezaubernde Wirkung aus. Es standen einige Bänke herum, und ich setzte mich nieder. Da die Kirche selbst früher ein Kloster war, so vermutete ich sofort, daß dieser Platz der Klostergarten gewesen sei, und im Geiste sah ich die Gestalten der Mönche, wie sie am Morgen aus ihrem gemeinsamen Schlafzimmer kamen, in ihren dunklen Gewändern langsam über den leuchtenden Rasen schritten und dann in der grauen Kirche zur Frühmette verschwanden. So oft ich später die Westminster-Abtei besuchte – und ich tat das sehr oft –, brachte ich erst den Grüften, dem uralten Krönungsstuhl, dem Stein darunter, von dem die Legende erzählt, daß es der Stein sei, auf dem Jakob seinen berühmten Traum geträumt habe, dem Dichterwinkel und noch vielen anderen herrlichen Dingen meine Ehrerbietung und Bewunderung dar. Dann aber folgte ich dem Zuge süßer Ungeduld, den ich schon die ganze Zeit über verspürt hatte, und schlüpfte durch das niedere Pförtchen in den Klostergarten. Während ich nun auf einer der Bänke saß und mit den Augen blinzelte, weil mich, aus dem Dunkel tretend, das Sonnenlicht blendete, dichtete ich oft ein schönes trauriges Liebesmärchen um einen ernsten, stolzen Mönch.
Von diesen Stunden voller Ruhe und einer wohltuenden Beschaulichkeit abgesehen, war jeder Tag ein Arbeitstag. Ich ließ es an keiner Mühe fehlen, die englische Sprache gründlich zu erlernen und dichtete seit einiger Zeit auch schon englische Gedichte, die, wenn sie mir auch die Dankbarkeit der Engländer nie erringen werden, mir große Freude bereiteten. Auch mein Freund drückte mir darüber seine Anerkennung aus und fragte mich nun öfters, was ich nach meiner Prüfung zu tun gedächte, ob ich noch in England bliebe oder anderswohin ginge. Auf diese Fragen antwortete ich aber nie, und als endlich die Zeit kam, in der ich darauf antworten mußte, da überfiel mich jene Feigheit, die Petrus überfiel, als er seinen Meister verleugnete. »Denken Sie, daß ich zurückkommen darf?« so frug ich ihn. Später trug ich den Brief zur Post, und als ich zurück in mein Zimmer kam, fand ich alle meine alten Teufel. »Ist etwas, das gut ist, nicht fraglos, nicht durchsichtig wie reinstes Wasser?« In allen Tonarten flüsterten sie mir das in die Ohren, und neben diesem Flüstern hörte ich jeden Glockenschlag der Nacht. Die Tage schlichen meiner zitternden Ungeduld, und oft befiel mich eine unerklärliche Angst vor irgendetwas Unbekanntem. Was wird er schreiben? Und wann wird er schreiben? So frug ich mich wohl hundertmal des Tages. Endlich, endlich kam sein Brief. Er stak in einem blauen Umschlag und wog schwer in meiner Hand. Ich konnte mich lange nicht entschließen, ihn zu öffnen und wünschte fast, ich hätte ihn noch nicht bekommen. Endlich aber las ich ihn, und ich las ihn lange ... Als ich später die eng beschriebenen Blätter sinken ließ, da war es totenstill ... Unwillkürlich sah ich mich um. Alle meine Teufel waren fort; alle Angst, alle Feigheit, alle Zweifel waren fort. Wie eine Wolke hob es sich von meiner Seele, und dann stand ein Gefühl auf, dem ich noch keinen Namen geben konnte, das wie ein vom Traum Erwachter in mir herumschwankte und sich endlich mit festem Druck gegen meinen Hals stemmte.
Ich legte meine Arme auf den Tisch, mein Gesicht auf die Arme, und so saß ich lange. Als es dunkel und spät war, verbarg ich den Brief unter meinem Kopfkissen und ging ohne Licht schlafen ... Einmal in der Nacht setzte ich mich auf und entzündete eine Kerze; dann brachte ich den Brief ganz nahe an das Licht und suchte darin nach einer Stelle.
»Wenn Sie hier geblieben wären, weiß ich nicht, wie es geworden wäre, wenn Sie aber wiederkommen, so weiß ich ja, wie es werden wird ... Nur ist die Frage, ob es so werden darf? Sie sind kein gewöhnliches Mädchen. Sie gehören dem Stamme der Asra an, die sterben, wenn sie lieben ... Und weil ich das begriffen hatte, schon als ich zum ersten Male mit Ihnen sprach, habe ich getan, was ich bis jetzt für kein Mädchen getan habe; die Bestie in mir beim Haupte gefaßt, herumgerissen ... und ausgelacht ...«
Dann verbarg ich den Brief wieder und lag still in meinem Bett ... Das also war das Ende ... Widerwillig und müde pilgerten meine Gedanken zurück. Ich sah mich arm, einsam wartend, bis das holdeste Wunder des Lebens zu mir kam, und jeder Gedanke Arme ausstreckte, um es zu empfangen. Fühlte noch einmal, wie jeder Blick, jedes Wort, das er mir geschenkt hatte, sich wie ein glühender Stempel in meine Seele preßte und empfand noch einmal alle Qual und alle Seligkeit, die ich empfunden hatte ... Und ganz plötzlich dachte ich wieder an Morgans und an sein junges Weib ... Ein ungleiches Ende, aber kein ungleicher Sieg ... denn was war herrlicher für ein Mädchen, daß ein Mann es zu seinem Weibe oder zu seinem schönsten Traume und zu seiner dauernden Sehnsucht macht? –
Und alles, das ich früher nicht begriffen hatte, begriff ich nun auch. »Ja,« sagte ich, und ich sagte es ganz laut in das dunkle Zimmer: »Unzufrieden, unstet und planlos, heute von einer Leidenschaft befreit und morgen an eine andere gekettet, wird er durch das Leben taumeln ... Ewig verlangend, sich nie genügend, wird er jede Begier und jeden Ekel kosten ...
Aber über jede Begierde und über jeden Ekel da wird die eine Sehnsucht stehen, die den Trunk verweigert hatte, weil sie den Satz am Grunde des Bechers kannte ... nicht im Taumel, nicht im Lärm des Tages wird er sie empfinden, aber wenn er des Nachts einsam dem strömenden Regen lauscht, wird sie weich und klagend wie ein Lied durch seine Seele zittern ...« Und nachdem ich das gesagt hatte, da lächelte ich, jenes Lächeln, das die Frauen lächeln, wenn sie in der Liebe das Schwerste auf sich nehmen ...
Den nächsten Morgen verließ ich das Haus sehr früh und wanderte durch die Straßen Londons. Ich wußte heute, daß ich durch diese Straßen noch oft und oft und noch lange, lange wandern würde. Einmal blieb ich stehen und trat in ein kleines graues Gebäude. Es war eine katholische Kirche. Ich ging darin planlos herum, und mein Blick fiel auf die lebensgroße Gestalt des Erlösers ... Vielleicht zum ersten Male in meinem Leben ließ mich der Anblick kalt ... Was konnte er mir nützen? Verstand er denn überhaupt so etwas? ... Er war zwar Mensch geworden, um unsere Leiden fühlen zu können, aber er war ein guter Mensch gewesen. Er kannte nur die Leidenschaften und die Sünden der andern, eigene Leidenschaften und Sünden kannte er nicht. Seine göttliche Abkunft verlieh ihm göttliche Stärke, göttliche Keuschheit, Göttlichkeit ... Was wußte er von der Natur eines Diebes, eines Räubers, eines Mörders, eines Meineidigen, und trotzdem er aus Liebe gestorben war, was wußte er von dem Leiden der Liebenden? ...
Ich wandte mich von dem Bilde fort und schritt hinaus. Ich schritt auf den Zehenspitzen hinaus, weil ich es so gewohnt war; in meiner Seele aber dämmerte die Religion des Lebens, die älter ist, als die Lehre Jesus ... und da, vor mir und neben mir, gingen ihre Jünger. Männer und Frauen, die den letzten Traum geträumt hatten und fertig waren für das Unbekannte; Männer mit starken Fäusten und harten Blicken, denen man ansah, daß sie gekämpft hatten ... Und Frauen mit Schatten und Falten, denen man ansah, daß sie überwunden hatten in ihrer Art ... Männer und Frauen, die in der Herbe und Bitterkeit ihrer Tage größere Wunder wirkten als jener Galiläer ... Männer und Frauen, zu denen auch ich gehörte ...
Und dieses Bewußtsein brachte mir eine neue Weisheit und eine neue Liebe ... eine Weisheit, der alle frühere Weisheit, und eine Liebe, der alle frühere Liebe diente ... und als ich damit in meine Einsamkeit zurückkehrte, da redeten die Steine ...
Ende.
Druck von Oscar Brandstetter in Leipzig