Ihnen, mein stilles Fräulein Martha — ich will es bekennen: an Sie besonders muß ich immerzu denken, die Sie so lieb und langsam die langbewimperten Augen auftun, immer mit einem schüchternen Lächeln um den verlegen halb geöffneten Mund — Ihnen besonders gilt dieser nächtliche Gruß. Es ist mir, als ob ich in einer Kapelle säße, obwohl Protestant, und schlicht und fromm zu einer Madonna spräche. In meiner Wohnung in Thüringen sind alle Wände voll von Bildern, denn ich muß Schönheit um mich haben. Auch zu Marseille habe ich Ihrer gedacht, dort oben in der Kirche Notre Dame de la Garde, wo die gnadenreiche Jungfrau Meer und Hafen bewacht. Über dem Altar jener Kirche, die den ganzen Hafen überleuchtet, steht eine silberne Madonna, darüber der Gruß an die Gnadenbringerin: Ave gratia plena! Daß sich das Heilige und Reine so gern in ein Jungfrauenbild symbolisiert! Jungfrau und Kind! Etwas Jungfräuliches und Kindliches in unsren Seelentiefen antwortet wie ein Echo im tiefen Walde, wie eine versunkene Glocke aus den Vineta-Gewässern des Herzens. Die Wände sind dort bedeckt mit Ex-voto-Tafeln dankbarer Besucher; ich entsinne mich einer Tafel: „Retour du Dahomey et du Soudan d'un capitaine père de famille”; und so drückten viele ihren Dank aus, ihre „reconnaissance à Marie” oder „à notre honne mère”. Die Luft ist an jener schönen, steil gelegenen Kirche voll von Dank- und Bittgebeten. Und das ist sinnig. So mögen schon in Urzeiten die Schiffer des Mittelmeers ihre Heimat gegrüßt und mit erhobenen Händen zu ihren Göttern gebetet haben. Vielleicht stand eine sinnliche, schaumgeborene Aphrodite, wo jetzt eine seelenvolle Madonna silbern strahlt ...
Wunderschön ist der Blick von jenem Steinhügel über Marseille, die vorgelagerten Inseln, worunter die Türme des kleinen Château d'If, die langen Höhenzüge, die Flotillen der Segelschiffe und einzelne große Dampfer. Und wenn man sich aus dieser bunten Vielheit umdreht, so glüht hinter uns, im Dunkel der Kirche, die immer gleich ruhige rote Ampel, das ewige Licht, wie der feste Mittelpunkt einer unsterblichen Seele.
Ich habe Sie zuerst auf einem Hügel gesehen, Fräulein Martha. Auf den Hügeln standen immer die Tempel und Kirchen und Leuchttürme und Burgen der Menschheit — alles, was Wege weist und Schutz gibt. Dort auf dem Riviera-Hügel liegt auch und wartet der unerbaute Marmortempel ...
Es raunt etwas in mir: Troubadour, du sprichst ja dies alles gar nicht zu einer Erdenjungfrau, sondern deine eigene unerfüllte Sehnsucht nimmt Gestalt an — und Martha oder Madonna sind nur Weckmittel, leuchten wie ein Grubenlicht in den Schacht deiner Seele, und fördern aus deinen Tiefen dein eigenes Lebensziel zutage. Aber es ist ungalant, Ihnen das zu sagen, liebes Fräulein ...
In Arles hatten wir den letzten sonnenhellen Tag; auch Frau Eleonore war noch heiter. Da haben wir vor Mistrals bronzenem Standbild verehrend Rückschau gehalten; die dankbare Provence hat es ihm errichtet. Die Namen seiner Werke sind darauf eingegraben: Miréio, Calandau, Netto, Les isclo d'or, Lou trésor dou félibrige — und andre. Und wie reich ist sein Museum! Welch schön gerundetes Lebenswerk! ... Ich aber — wie fahr' ich in der Welt umher! ...
Übrigens, meine reizende Elsässerin, hab' ich hier in der Provence entdeckt, woher der Name Elsaß stammt. Es gibt in Arles eine Sarkophagen-Allee, die „Aliscamps”, die „Champs Élysées”. Offenbar hängt Elsaß mit Elysium zusammen, mit elysäischen Gefilden. Seit ich zwei so anmutige Elsässerinnen kennen und lieben zu lernen das Glück hatte, bin ich von dieser Abstammung des Namens Elsaß durchdrungen und überzeugt ...
Wie tot die mitternächtige Stadt mit ihren stummen Kanälen! Wie unbewegt diese Lichter an den nassen, menschenleeren Gassen! Es ist ein schwermütiges Stadtgebilde ohne Mond und Sterne, ohne Melodie ... Doch formt sich mir, indem ich auf zerrissenen Teppichen des vernachlässigten Hotels schlaflos auf und ab schreite, dieses Lied ...
Wäre mein Leben tatengroß und heilig, liebes Fräulein! Ich habe mich leicht geschwatzt und heiter gereimt, holdes Mädchen! Weltschmerz hat nie lange Raum in meiner Seele, ich räuchre und reime und klimpre den Kerl wieder hinaus. Haben Sie Dank, daß Sie zugehört haben! Ich beherberge in mir die phantastische Hoffnung, daß uns in Lourdes — wenn wir über Carcassonne und Toulouse ankommen — irgend etwas Wundervolles erwartet: — ein Brief von Ihnen —?! Oder gar Sie selber?! ...
Närrische Welt! Ich lasse mich treiben und überraschen und beschenken. Ist ja doch alles Glück und Gnade! Gute Nacht!
Troubadour.
Nachschrift. Und kommst nicht mehr an meine Tür? Und sagst mir nicht Gute Nacht? Bist aber so ehrlich, mir am andren Morgen mit gekünsteltem Lächeln auch diesen verschwärmten Brief zu überreichen? Du hast ein übergroßes Vertrauen zu mir, liebster Freund, und hältst mich für stark und hochherzig. Ich bin's aber nicht. Mein Herz möchte dich glücklich sehen, aber mein Herz weint. Ich kann auch diese immer unverhülltere Werbung nicht gutheißen. Ich lege den Brief zu den andern.
Eleonore.
Darf nur ein Kind dein Antlitz schaun
Und deinem Beistand fest vertraun,
So löse doch des Alters Binde
und mache mich zu deinem Kinde!
Novalis
W o war Friedels Feuerseele geblieben?
War diese Frau, die da neben zwei frischen Männern einherschlich, noch die einst entzückende Sängerin, die den Spielmann Ingo von Stein hingerissen hatte als Sieglinde und Isolde?
Pegasus im Joch? Eine entmarkte, ungenial gewordene Hausfrau?
Doch nein — wo waren die glänzenden Hauskonzerte noch vom vorigen Winter? Waren sie nicht ein Beweis, daß sich die siebenunddreißigjährige Frau in zehnjähriger Ehe glänzend entfaltet hatte? Und welche Stimmungen, wenn Richard und Ingo als zwei einzige Zuhörer im Schatten des Hintergrundes saßen und die Frau am Klavier zwei und drei Stunden lang ihr loderndes Temperament entladen ließen, daß die Kämme und Nadeln aus den goldenen Haaren flogen — die zahllosen Haarnadeln, die dann der allezeit ritterliche Richard mit elegantester Gewandtheit, auf den Zehen, unnachahmlich komisch auflas, auf einer silbernen Visitenschale sammelte und zum Schluß mit gebeugtem Knie der Künstlerin wieder verabreichte? Je nach der Zahl der herausgeschleuderten Nadeln wurden Grad und Wucht des Spieles lachend festgestellt. Doch nicht selten geschah es, daß man ergriffen und begeistert die Feststellung vergaß.
Oder wenn Friedel und Ingo vierhändig Symphonien von Brahms und Beethoven spielten, daß die Wände bebten beim Fortissimo und die beneidende Nachtigall aus dem Park ans Fenster flog beim Adagio — wo war das?
Dann wieder sang sie mehrere Stunden lang Lieder von Brahms, Schubert und Schumann, wandte sich in den Pausen nach den lauschenden Freunden um und fragte: „Seid ihr noch nicht müde, Kinder?” — „Wenn du nicht müde bist, Friedel —?” — „Oh, jetzt fang' ich erst an!” Erst gegen Mitternacht wurde mit Tee und Brötchen oder mit einer von Richard glänzend bereiteten Bowle der musikalische Abend beschlossen. Und „ihr seid geniale Zuhörer”, dankte die Sängerin, das Gesicht fächelnd, strahlend und gesättigt. „Kinderchen, jetzt ist mir wieder wohl! Musik ist in aller Qual des Lebens meine Gesundheit, meine Seligkeit!”
Wo war das alles?
Kann Geniefeuer versprühen, das bis vor kurzem in dieser ungewöhnlich lebensvollen Frau gesprüht hatte? Nein, nein, es kann sich veredeln, verinnigen, aber darf nicht verloren gehen ...
„Spielmann,” sagte sie wehmutvoll zu Ingo, als sie in Lourdes einfuhren, und zupfte ihn wie ein ungeduldiges und unglückliches Kind am Ärmel, „lieber Spielmann mein, warum spielen wir denn nicht mehr? Warum sind wir denn so säuerlich ernst geworden? Warum bin ich denn so schwer, so schwer? Ach, ich bin eine verrostete Harfe, ich bin alt, alt, Kinderchen, ich bin über Nacht alt geworden!”
Mit keiner Silbe berührten sie und Ingo die provenzalischen Briefe an jene jungen Mädchen. Richard hatte von dem Dasein dieser Briefe überhaupt nur ein flüchtiges Wissen; bei guter Laune hätte er den Freund geneckt, und in seinem normalen sachlichen Ernst langweilte ihn solche Romantik.
„Du besuchst so gern katholische Kirchen”, scherzte der Gatte. „Bete zur Madonna von Lourdes, sie soll dich wieder jung machen.”
„Ach, spotte nicht, Liebster”, gab die Kranke zurück. „Was wißt ihr Männer, wie einer alternden Frau zumute ist, die einst als Künstlerin die Welt erobern wollte! Die Welt erobern!”
„Aber, Friedel, alternde Frau — wenn man so was hört!” versuchte Ingo zu trösten. „In zwanzig Jahren laß uns davon sprechen! Und selbst dann — hast du nicht oft von deiner lustigen Großmutter erzählt, daß sie noch mit mehr als siebzig Jahren die Jüngste war von allen? Etwas in uns wird immer jünger, lichter, geistiger; ein Herz voll Güte und Poesie kennt kein Altern. Denk an den greisen Mistral in Maillane, von dem du so entzückt warst!”
Als sie zu Lourdes kaum im Hotel abgestiegen waren, stürzte der Troubadour mit der Nachricht herbei: „Friedel, Richard, ich hab' im ersten Stock einen Salon mit Klavier entdeckt! Der Wirt gibt ihn mit Vergnügen. Es sind wenig Gäste im Hotel; rechts und links nehmen wir unsere Zimmer und musizieren den ganzen Abend. Friedel muß sich mal wieder austoben, das seh' ich ihr schon lange an; was, Friedel?”
„Ein Klavier? Gutes Klavier? Her damit!”
Der Major, dem der Zustand seiner Gattin in den letzten Wochen Sorgen gemacht hatte, war überglücklich. Sogleich nach dem Nacht-Imbiß ging man hinauf, ohne sich im dunkelnden Lourdes viel umzusehen; und der Gatte ließ eine Flasche Sekt kaltstellen, Friedels Leibgetränk.
Nun saß sie vor den Tasten und stürzte sich sofort mit Wucht und Wonne in den zweiten Akt von Tristan und Isolde: „Nicht Hörnerschall tönt so hold, des Quelles sanft rieselnde Welle rauscht so wonnig daher” ... Sie spielte die Begleitung auswendig, sie sang und begleitete sich selber. Und dazwischen, die Erwartungsszene mit Brangäne bei beginnender Nacht mit Glut spielend und singend, rief und stieß sie in allem Rausch der Darstellung manchmal hervor: „Ja, das ist das Weib — Wagner kannte das Weib — seht, wie kindlich jetzt — jetzt begehrend, zärtlich und wild — alles — eine Naturkraft” — — So spielte sie hingerissen und hinreißend; und stand doch als Mensch und Künstlerin immer wieder darüber.
Aber später, mitten im Liebestod — „mild und leise, wie er lächelt” — sprang sie auf und brach ab. Ihre Kämme waren herausgefallen, ihr Goldhaar flutete über den Rücken, ihre Wangen flammten im Fieber. „Nein!” rief sie. „Nicht sterben! Auch nicht aus Liebe sterben! Das ist zu gewaltig! Das darf man nicht am Klavier im Salon singen, in engen Verhältnissen, als Gattin und Mutter — das ist das Meer! Uferlos! So etwas kann man nur erleben — einmal erleben und im Erleben vergehen!”
Sie warf sich in einen Sessel.
„Nein, nein, nein, ich will leben! Laß die Kämme liegen, Richard, laß meine Haare fließen und meine Seele uneingedämmt! Komm, Ingo, lieber Freund, spiel' mir einen beruhigenden Satz aus Bach! Nicht sterben, Kinder — überwinden!”
Es war sonst nicht ihre Art, einen musikalischen Abend derart zu zerreißen. Ingo begab sich zögernd ans Klavier und holte aus seinem umfassenden musikalischen Gedächtnis Töne der Beruhigung hervor. Richard aber saß bei seiner Gattin auf der Lehne des Fauteuils und streichelte besänftigend ihren angeschmiegten Kopf. Ihr Herz hämmerte laut, ihre Pulse flogen, ihre Finger zuckten; sie stürzte rasch einige Gläser Schaumwein hinunter, bis sich ihr aufgestörter Künstler-Dämonismus langsam wieder beruhigte.
Nachher sang sie einige Lieder. Und dann saßen alle drei in einer wohligen Plauderstimmung beisammen; und Friedel, in ihr Tuch gehüllt, kam in ein lebhaftes Erzählen, durch das freilich Nervosität hindurchzitterte.
„Heut' gehen wir überhaupt nicht zu Bett, Kinder, was?” schlug sie vor. „Oh, wie hat mir das Stündchen am Klavier wohlgetan! Ich war so allein in diesen Wochen. Kinderchen, seid ihr mir denn noch ein bißchen gut? Ach, Richard, du glaubst nicht, wie ich mich nach unsren Jungen sehne! Wollen wir nicht umkehren, Richard, ja?”
„Gewiß, mein Herz, das hab' ich mir ohnedies vorgenommen. In acht Tagen sind meine Ferien zu Ende. Aber du bist mir dann hoffentlich hübsch gehorsam, wenn ich in München den Arzt deinetwegen befrage?”
Sie wollte nichts vom Arzt wissen, geriet vielmehr in ein zungengeläufiges Plaudern von tausend Dingen, besonders von ihren Jugendtagen.
„Schon als ich Kind war, flogen mir bei großer und schöner Musik Schauer über den Rücken”, plauderte sie; „ich spürte Musik körperlich. Und es geht mir heute noch so. Es ist ein elektrisches Bad. Oh, ich kann euch sagen, ich war ein unbändiges Kind, der Schrecken meiner Verwandten, und liebte die Natur leidenschaftlich. Ich weiß noch, so gegen das vierzehnte Jahr, als sich meine Freundinnen immer mehr für Jünglinge interessierten, konnte ich das gar nicht verstehen, denn bei meinem wilden Springen und Raufen fehlte mir jedes Gefühl für sentimentalen Geschlechtsunterschied. Ich stand vor einem Rätsel, meine Gespielinnen wurden mir fremd, ich war zum erstenmal grenzenlos allein. Aber ich hatte mein ideales Elternhaus, wo nichts Unreines an mein Ohr drang. O Kinder, ich bin in einem wilden Park voll von schönen Blütenbäumen groß geworden! Oft war ich ganz mit Blüten überstreut, wenn ich bis Abendrot und Mondlicht im Grase gelegen hatte und vor Heimweh nach den Abendröten zu sterben vermeinte. Denn übergroße Schönheit macht mir körperlichen Schmerz. Dort irgendwo, dort hinter den glühenden Wolken, dort mußte meine Heimat sein. Und meine Seele spannte — halt, eins meiner Lieblingslieder schon damals!”
Sie lief ans Klavier und sang mit hingebender Innigkeit Schumanns seelenvolles Abendlied: „Es war, als hätte der Himmel die Erde still geküßt”.
„Wenn ich dann ins Haus zurückkam, hatte ich lange mit einer Art von Betrunkenheit zu kämpfen, bis ich mich wieder in der Erden-Wirklichkeit zurechtfand. In jenen Jahren wurde mein Großvater krank und lag viele Monate in wunderbarem Seelenfrieden zu Bett. Keiner ging ungesegnet von diesem Leidenslager hinweg; sein Gesicht war von himmlischer Güte. Unsre lebhafte Großmutter, die ihm allabendlich vorgespielt hatte, war kurz vorher gestorben. Und so fiel mir dreizehnjährigem Backfisch die reizende Aufgabe zu, ihn abends durch Musik zu erfreuen. Ich saß mit meinem dicken Zopf im riesengroßen Saal am Flügel, glühend vor Glück und Begeisterung; und der Großvater lag nebenan im dunklen Zimmer, in das nur ein Strahl von meiner Klavierlampe hineinfiel. Und nach jedem Stück rief er ein Wort des Dankes. Oh, ich war selig vor Glück, jemandem Schönes geben zu dürfen — und und er sagte dann oft: ‚Kind, das ist der Himmel auf Erden.’ Meist spielt' ich Mozart und Beethoven, dann sämtliche Oratorien, die ich von Großmutter kannte, wobei ich alle Stimmen ohne Ausnahme sang. Und da dies dem Großvater sehr behagte und ihm niemand zu widersprechen wagte, so spielt' ich oft zum Leidwesen der Mutter bis um Mitternacht ... Ihr seht, Kinder, so früh hat das begonnen! Und ich habe mir die Unart heute noch nicht abgewöhnt.”
So erzählte die heute wieder von innen heraus leuchtende Künstlerin. Und die verständigen Männer ließen sie lächelnd gewähren, stimmten wohlgefällig bei und verallgemeinerten unmerklich das Gespräch zu Bemerkungen über die Opferkraft und Zähigkeit der Frauen überhaupt.
„Wir sind wunderliche Geschöpfe”, sagte Friedel. „Ich fürchte mich, im Finstren allein zu sein, ich bebe tagelang vor jeder unangenehmen Aussprache; aber in großen Gefahren — das wirst du mir bestätigen, Richard — kenn' ich keine Spur von Angst.”
Langsam leitete sich die Unterhaltung in immer ruhigerem Rhythmus zu der Mission der Frau hinüber. Man knüpfte an Wagners Frauengestalten an: die Erlösungskraft der Senta im Fliegenden Holländer, Elisabeths heiligende Einwirkung auf Tannhäuser, Kundrys Entwicklung vom Dämonismus zum Dienen. Dann erwähnte Ingo Pfitzners Armen Heinrich und die Aufgabe der jungfräulichen Agnes, den kranken und verbitterten Ritter in ein neues Leben zu führen.
„Es sind Walküren, solche Frauen,” sprach er, „sie führen den kämpfenden Helden in heilige Hallen.”
„Man kann ebensogut sagen: es ist in ihnen die Madonna wirksam!” rief Friedel. „Herrlich ist das Wesen der Madonna, dieses großartige Symbol jungfräulicher Mütterlichkeit! Jungfrau und Mutter zugleich! Wissende Reinheit! Der Protestantismus ist arm, daß er die Madonna nicht mehr hat; und wir können den Malern nicht dankbar genug sein, daß sie diesen Typus festgehalten haben. Über meinem Bett hängt oben Raffaels Madonna Sixtina und unten Giorgiones schlafende Venus. Von der Venus zur Madonna — das ist unsre Entwicklung. Aber die Madonna ist das Höchste.”
So glitt das bedeutsam gewordene Reigenspiel des Gespräches ganz von selber harmonisch hinüber zum Hirtenmädchen von Lourdes und zur Madonna der Wundergrotte.
Da vernahmen sie draußen einen fernen, vielstimmigen Gesang. Und als Richard Fenster und Laden öffnete, hatten sie, in die Nacht hinausschauend, einen großartigen Anblick.
Die Kirchengebäude, die sich dort im Schatten der nächtlichen Pyrenäen erhoben, erglühten von oben bis unten in einem überwältigenden Goldglanz. Den Rändern und den Portalen entlang waren elektrische Lämpchen entzündet, und nun stand die schlanke obere Kirche flammend mitten in der Nacht, und ebenso unter ihr das große rundliche Portal der Rosenkranzkirche. Ein feenhafter Anblick! Als ob die Gottheit einen Tempel gebaut hätte aus Funken und Flammen, statt aus Steinen. Dazu wogte der Männergesang einer Prozession herüber, deren Kerzen nun durch die Frühlingsnacht sichtbar wurden; und man unterschied den immer wiederholten Kehrreim: „Ave, ave, ave, Maria!” Es war ein vielstimmiger Gruß an die Himmelskönigin, dargebracht mit Licht und Schall, aus den Seelen von einigen tausend Gebirgsbewohnern.
„Herrlich!” sprach Friedel ergriffen und legte den Arm um ihres Gatten Schulter. „Man möchte fromm werden und mitsingen.”
Und die andere Hand Ingo reichend fügte sie weich hinzu: „Kinder, wir wollen einander gut bleiben, nicht wahr?”
„Ungeheure Organisationskraft!” bemerkte der Major gleichmütig und meinte damit die katholische Kirche.
„Hier ist den Sinnen die Macht des Geistes eingeprägt und eingezwungen”, fügte Ingo hinzu, der Friedels Händedruck etwas zerstreut erwiderte. „An diesem Schauspiel werden diese Gebirgsbauern lange zehren.”
Zum Überfluß dröhnten noch irgendwo Böllerschüsse; das alte Schloß stand in bengalischer Beleuchtung; und vom Gipfel des Pic du Jer glühte ein großes Kreuz gleichfalls in elektrischen Flämmchen hernieder.
„Was wollt ihr?” sprach Ingo duldsam, als der sehr protestantische Major einige unwillige Bemerkungen fallen ließ. „Die Könige aus dem Morgenlande brachten dem Kind in der Krippe Weihrauch, Myrrhen und Gold, die Engel ihre Lobgesänge, die Hirten ihre Anbetung — und diese Pyrenäenhirten Beleuchtungen, Gesänge und Prozessionen. Das Leben bildet mannigfache Formen, auch das religiöse Leben. Doch mich interessiert vor allem die kleine Hirtin Bernadette Soubirou, die diesen Ort berühmt gemacht hat.”
So zogen sich die drei Freunde nach melodischem ersten Abend zur Nachtruhe zurück.
**
*
Lourdes, im Frühling.
Immer ernster wird meine Stimmung nach den Schwärmereien der Provence. Ich bin in diesem Augenblick noch unentschlossen, ob ich Ihnen, meine Damen, bei Ihrem gänzlichen Stillschweigen diese weiteren Blätter senden darf und will. Frau Eleonorens bewährter Takt mag darüber entscheiden.
Mit Spannung bin ich hier in Lourdes auf das Postamt gelaufen; hoffte bestimmt, ein Lebenszeichen, einen Gruß, einen Dank von Ihnen zu finden — fand aber nur eine Karte von Schaller: „Meine Nichten sind hier in Barcelona — wann kommen Sie?”
Und kein Gruß von Ihnen. Keine Unterschrift.
Das ist alles.
Das ist der ganze Widerhall. Meine Briefe haben nichts in Ihnen geweckt.
Nun, hier in Lourdes ist nicht Zeit und Ort, einem Verdruß nachzugeben. Ich bin sogar ungalant genug, Ihnen zu bekennen, daß hier zwei andre Damen im Brennpunkt meiner Teilnahme stehen: die kleine Seherin Bernadette Soubirou und die Madonna der Grotte ...
... Ich bin voll von diesem Abend in Lourdes. In mein Zimmer herauf rauschen die Wasser der Gave — die Nacht ist feierlich still — einzelne Sterne leuchten — und die großen grauen Pyrenäenberge umstehen das Tal in festlicher Hoheit.
Bei beginnender Nacht betrat ich den Platz vor der Kirche. Welche Raumbehandlung! Alles stumm, kaum ein Spaziergänger; die Lichter zittern und funkeln, abgemessen verteilt; und von selbst finde ich den Weg zur Grotte, nachdem ich erst vor dem gekrönten Jungfrauenbild auf dem Platz haltgemacht.
Vor der Grotte sind eine Anzahl nächtlicher Beter versammelt. Alles schweigt, kniet, betet. Neben mir liegt auf dem Pflaster ein Mönch, fern von den andren, hinter den andren; zum Schluß neigt er sich und küßt die Erde. Mehr als hundert Kerzen flammen in der Grotte, eine Pyramide von Lichtern, zu dem Bild empor, das dort oben rechts in weißem Gewand und blauem Gürtel steht, genau an der Stelle, wo die Gestalt durch Bernadette gesehen worden.
Welche Künstlerin, dieses arme vierzehnjährige Hirtenmädchen! Eine Dichterin! Wie kam das Kind dazu, eine Gestalt dieser Art zu schauen, die ihr von keinem Altarbild her bekannt war? Denn die Jungfrau Maria der Bernadette ist eine Neuschöpfung. Das ist das Wunderbare. Immer hat sie jene Gestalt in derselben Gewandung gesehen und genau beschrieben: weißes Gewand, Schleier rechts und links am Gesicht herab, blauer Gürtel, dessen zwei Schleifen bis fast zu den Füßen reichen, und auf jedem nackten Fuß eine goldne Rose. Welche Schönheit! Die Gestalt hält den Rosenkranz in Händen, macht ihrer kleinen Besucherin das Zeichen des Kreuzes in neuer und großzügiger Form — wie Bernadette es vorher nicht pflegte —, lächelt oder ist traurig-ernst, spricht zu ihr: — kurz, sie hat Leben, Bewegung, Natürlichkeit. Es ist nichts Starres, es ist etwas Lebendiges. Und die Kleine ist traurig, wenn sie ihr nicht erscheint, ist aber bei ihrem Anblick so entzückt, daß sich ihr Gesicht verklärt — derart verklärt und verschönt, daß die eigene Mutter kaum noch ihr Kind erkennt. Ja, während einer der Erscheinungszeiten hält das Kind versehentlich lange Zeit, wohl eine Viertelstunde, die Hand in die brennende Kerze — und die Hand der Verzückten bleibt unversehrt.
Was soll man sagen? Hat sich hier die himmlische Welt aufgetan? Hat diese Kleine durch eine Ritze in das jenseitige Reich geschaut?
Und mit welcher Kraft und Umsicht hat sich die Kirche dieser Ereignisse bemächtigt! Einst war hier Wildnis, jetzt steht da oben, gewaltig, im Sternendunkel der Nacht, die weiße, schlanke Kirche. All diese klug durchdachten Anlagen, all diese Kaufläden mit den Tausenden von Figuren, Bildwerken und Andenken, all diese Hotels, diese Hunderttausende von Menschen, die schon hierher gepilgert sind und noch hierher pilgern werden, all diese Gebete, diese Kerzen, diese Gottesdienste: — alles veranlaßt durch ein armes Hirtenmädchen!
Ist dieses jungfräuliche Kind vergleichbar der Jungfrau von Orleans? Hat sie die Aufgabe erhalten, Frankreich und die Welt von einem andren Feind zu erlösen — von niedren Leidenschaften und Krankheiten des Leibes und der Seele?
Hier ist der Punkt.
Diese Madonna nennt sich „unbefleckte Empfängnis”. Was heißt das? Es heißt das Reinigen der Beziehungen zwischen Mann und Weib. Das muß die Erklärung sein, nichts andres. Es heißt Reinheit und Natürlichkeit an Stelle der Entartung; es heißt Heiligung der Natur statt der unsauberen Lüstlings-Unnatur. Gerade Frankreich mit seiner erotischen und Ehebruchsliteratur, seiner Verherrlichung sinnlicher Kunst und sinnlich-eindringlichen Geschmacks überhaupt — grade das sinnliche Frankreich mußte der Ausgangspunkt sein, wo die Gegenkraft einzusetzen versuchte, fern von Paris, im äußersten Winkel, in diesem Gebirgstal mit dem rauschend reinen Wasser. Ein heiligender Quell entrieselte der Stelle, wo Bernadette auf Befehl der Jungfrau mit den Fingern grub, und wurde in wenigen Tagen ein starker Brunnen: eine symbolische Handlung! Es ist das Wasser des Lebens, des wahren, durch reine Natürlichkeit der menschlichen Beziehungen wieder geheiligten und geadelten Lebens. Wasser! Überreiztheiten des Alkohols entstellen die moderne Zivilisation und dieses Weinland Südfrankreich: hier aber fließt das silberklare Bergwasser unentstellten Lebens, das nicht reizt, das aber heilt.
Tiefsinnig! Unerklärliche Genialität eines Kindes! Einer reinen Jungfrau! Immer in Sagen und Märchen, diesem Niederschlag uralter Weisheit, ist es ja das Kind oder die Jungfrau, denen Erlösungskraft aus den Banden der Unnatur innewohnt.
Warum entzückt mich so, dort an der Riviera und hier in Lourdes, immer wieder das Jungfräuliche? Was such' ich darin an symbolischem Lebensgehalt?
Sie weiß von Welt und Zivilisation nichts; sie weiß nicht einmal, was das Wort „unbefleckte Empfängnis” — mit dem sich die Madonna zuletzt vorstellt (je suis l'immaculée conception) — überhaupt heißt. Sie soll's dem Pfarrer sagen als dem natürlichen geistigen Mittelpunkt des Ortes; schnell aus der Grotte ins Pfarrhaus laufend, murmelt sie's immerzu vor sich hin, um das Wort ja nicht zu vergessen! Welche menschliche Züge!
Man geht hier im Frühling, wenn keine Pilgermassen Staub aufwühlen, in andauernder Ergriffenheit einher. Es ist unmöglich, sich diesen einströmenden, eindrängenden, wie Bergwasser in uns einrauschenden Gedanken zu entziehen. Ich war heute abend nur eine halbe Stunde draußen; die melodischen Kirchenglocken schlugen an, als ich hinausging; sie schlugen wieder an, als ich den großen, höchst bedeutend wirkenden Platz vor der Kirche verließ.
Und die Wasser rauschen die ganze Nacht ...
Ich habe noch nicht an der Quelle getrunken ...
... Gibt es eine jenseitige Welt?
Und wenn es eine solche Welt gibt: warum soll sie unter den Mitteln, sich mit uns zu verbinden, nicht auch dieses benutzen?
Gibt es aber eine jenseitige Welt voll von Kräften und Lichtgestalten, die das geistige Fluidum unserer Erde bilden, die unsre geistige Lufthülle sind, aber ebenso den ganzen Kosmos durchdringen, in den wir ja eingebettet sind: ist dann das Sprechen mit ihnen so unsinnig? Ist Gebet Unsinn?
Leben unsre Verstorbenen? Oder sind sie tot für immer? Ist nur das Sichtbare wirkliches Leben? Gibt es nicht viele andre Daseinsformen? Kann man Augen und Organe ausbilden für die geistige Welt? Sind unsre großen Dichter, Künstler, Religionsstifter die Seher dieser geistigen Welt und kündigen von diesem realen, den andren Sterblichen unsichtbaren, nur geahnten unbekannten Lande?
Das ist die eiserne Frage ...
... „Pénitence!” ruft die Erscheinung von Lourdes. Buße! Dreimal ruft sie es eindringlich und mit einem so tieftraurigen Gesicht, daß der mitfühlenden, magnetisch auf sie eingestellten Kleinen die Tränen kommen. „Was soll ich tun?” ruft das Mädchen. — „Bete für die Sünder!” Und viele Menschen will die Jungfrau dort sehen, will sie dort beten sehen: sie will eine Gegenkraft entwickelt wissen.
Weiß und Blau sind darum die reinen Farben dieser Madonna. Und auf den Füßen blühen goldene Rosen.
Indem man zu den Füßen dieser Himmelsfrau von diesem Wasser trinkt und sich die Augen wascht, drückt man den Wunsch aus, mit dem Lebensstrom, der von dieser Erscheinung ausging, in Verbindung zu treten. Es ist nicht das Wasser als solches, das hilft: es ist der in uns selber erwachende heilkräftige Wunsch, jener himmlischen Reinheit und Gesundheit teilhaftig zu werden. Wunsch in uns und Wasser außer uns wirken zusammen. Das Ich muß lebendig mitwirken, wenn Reinheit und Schönheit zum Ich kommen sollen.
Die Best-Geheilten sind jene, die mit reinerem Herzen diese Stätte verlassen ...
Schwer freilich, an Wunderheilung zu glauben! Schwer — — weil so einfach? ...
Doch ich will nicht von den wirklichen oder angeblichen Heilungen sprechen, die hier geschehen mögen. Was etwa sich ereignen mag an Wahn oder gar an frommem Betrug, wenn im Hochsommer der stille Ort fast erstickt unter den Zehntausenden von Pilgern, das ist eine Sache für sich. Darüber mögen andre streiten. Mich fesselt dieses kleine Menschenkind ...
In einer schimmernden Wolke pflegte ihr die Gestalt zu erscheinen, die von sonst niemandem erblickt wurde; es war also ein Lichteindruck; und eine schimmernde Wolke blieb noch ein Weilchen zurück, wenn die Gestalt entschwunden war. Sie kam aus dem Licht, sie war Licht. Es mag wohl eine elektromagnetische Verbindung zwischen Seherin und Erscheinung bestanden haben. Reines Herz nebst reinem magnetischen Organismus — das hat wohl in diesem besonders veranlagten Kinde anziehend auf die jenseitige Welt gewirkt. Alles Schöne ist dem Licht verwandt und wird am schönsten symbolisiert durch das Licht. Gemeine Sterbliche würden geblendet werden durch des Lichtes Fülle.
Marias Lieblingsblume, neben der Rose der Liebe, ist die Lilie der Reinheit und des Glaubens. Die Lilie wächst hoch und weiß über das gewöhnliche Blumenmaß hinaus. Die Form ihrer Blüte ist ein Kelch, ein weißer Kelch: geschaffen, um Licht und Tau einzunehmen, die himmlischen Gaben. Ein Gralskelch! Die jungfräuliche Blume hält den Kelch empor und füllt sich mit Licht von oben.
Gibt es doch noch etwas Höheres als die willensstarke Persönlichkeit? Vielleicht — Gefäß zu sein? Rein, still, empfangend von oben, weitergebend nach unten? Wie die Lilie?
Ist das lilienhaft Jungfräuliche in solchem Sinne höher und himmlischer als das Nur-Männliche? Erlöst uns Männer immer wieder die Jungfrau? ...
Und wie schwer war Bernadettes äußeres Leben! Sehr arm, sehr einfach, doch gut erzogen, etwas zart als Kind, erlebte sie dann die Fülle ihres Glückes binnen wenigen Monaten in jenen genialen Visionen. Dann aber, als ihr Werk gesichert war und eingeweiht wurde, lag sie krank und konnte an den Festen nicht teilnehmen. Als Klosterschwester starb sie fern in Nevers, hat ihr mächtig anwachsendes Werk nie mehr gesehen. Muß wohl sterben, wer die Götter geschaut hat?
Ihr Werk lebte, sie selber ging dahin.
Groß! ...
Ingo.
Nachschrift. Groß! Ja, mein Ingo, das ist groß. So haben wir zwei es uns einst geschworen, einer edlen und großen Lebens- und Kunstanschauung unser Dasein zu widmen. Und diese Blätter lassen mich wieder an Dich glauben, mein Freund und Bruder! Aber willst Du diese ernsten Gedanken wirklich an jenes unbedeutende Mädchen senden? Will der Gralsucher wieder zum tändelnden Spielmann werden? Lieber, merkst Du denn nicht, daß Du über den Eindrücken hier in Lourdes sowohl sie als auch mich vergessen hast? Denk' an das Gespräch über die Titanic: suchst Du des Lebens Sinn und Geheimnis, indem Du irgendeine Braut suchst? Lieber Troubadour, unter Tränen will ich beten, daß Du ausziehen mögest wie Saul, der Sohn des Kis: er suchte eine — Eselin und fand ein Königreich. Ich werde diese Blätter zu den unabgesandten Briefen legen und Dir heute alles übergeben. Hier in Lourdes soll es sich zwischen uns entscheiden. Ich bin krank; die Aufgabe, die ich an Dir hatte, geht zu Ende. Bald bist Du auf törichter Brautschau — und ich eine Kranke unter Kranken.
Ach süßer Freund, die Sorge um Dich ist meine Krankheit!
Friederike.
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Krankheit und Verdüstrung der Frau von Trotzendorff rollten wieder wie Wolken über jenes kurze Aufflammen der alten Gesundheit.
Sie stand in seelischen Kämpfen, von denen ihre Mitreisenden nichts oder wenig ahnten. Oft saß sie allein an der Grotte und setzte sich mit der Tatsache auseinander, daß sie den Freund verloren habe, daß Anmut und Jugend ihn anziehe, daß sie selber unrettbar zu altern beginne. Und das Gesicht der leidenden Künstlerin wurde bleich und verfallen. Aber sie hatte ein meisterhaftes Talent, dergleichen nach außen hin zu verbergen; unter dem Schein leichter Magenverstimmung, verursacht durch die ölige südfranzösische Kost, wußte sie ihren Seelenkampf scherzend ins Harmlose zu deuten.
Fabrikant Muthner, der sich in Cette zu ihnen gesellt hatte und später nach Bayonne und Biarritz weiterwollte, war wieder aufgetaucht: ein ernster, wohlbeschlagener Fachmann, der sich mit Trotzendorff vorzüglich verstand. Er machte der gnädigen Frau mit natürlichem Anstand den Hof. Und Frau Friederike, die für ehrliche Komplimente empfänglich war, hatte sogar den Versuch gewagt, ihren Freund Ingo ein wenig zur Eifersucht zu reizen: ein Zug, der dem erstaunten Troubadour neu war, wie überhaupt das Verhalten der Freundin ihm ebenso Bedenken erregte wie dem Gatten.
An diesem Morgen, kurz vor dem Frühstück, das alle vier gemeinsam einzunehmen pflegten, waren Ingo und Trotzendorff zufällig allein und tauschten ihre Besorgnisse aus.
„Sag' einmal, Richard,” begann Ingo, „die Kränkeleien unsrer Friedel machen mich besorgt. Solltet ihr nicht einen Arzt befragen?”
„Das hab' ich mir längst vorgenommen”, erwiderte Richard in seiner gesetzten, nüchternen Weise. „Denn auf die Wunder von Lourdes will ich mich denn doch als guter deutscher Protestant nicht verlassen. Sie hatte schon einmal, nach der Geburt des zweiten Jungen, solche unangenehme Geschichten — Frauenleiden — wo sie auch wie jetzt zwischen Übermut und Schwermut hin und her pendelte. Zarte Geschöpfe, diese Frauen, man kann gar nicht feinfühlig genug sein.”
„Das ist wahr”, versetzte treuherzig der Troubadour, der keine Ahnung hatte, wie er der Freundin weh tat.
„Ich werde sie heute nicht mitwandern lassen”, fuhr der Major fort. „Muthner und ich werden Cauterets und Umgegend besichtigen. Du tust mir einen Gefallen, Ingo, wenn du dich ihrer annimmst, soweit sie überhaupt ausgeht. Zu deinem beliebten Eigenbrödeln und Notizenmachen wirst du ja dazwischen Zeit genug finden. Einverstanden?”
„Vollkommen! Es ist mir heut' überhaupt nicht um Geselligkeit zu tun. Hab' da einen ernsten Brief aus Thüringen erhalten.”
„Nun? Unangenehmes?”
„Mein Bruder hat einen Jagdunfall gehabt. Näheres schreibt mir die Cousine nicht.”
„Elisabeth? Ei was! Ist die wieder in Thüringen?”
„Merkwürdigerweise! Der erste Brief seit mindestens drei Jahren.”
„Ich dachte, sie wäre in Pommern bei ihrem Schwager?”
„Bis jetzt, ja. Ihre Mutter kränkelt. Nun ist sie zu Hause und wechselt in der Krankenpflege zwischen ihrer Mutter und meinem Bruder.”
„Es wundert mich, daß dein Bruder sie nicht genommen hat. Zwei Nachbarsgüter — das hätte sich nicht übel gemacht! Ruhige Naturen beide.”
„Eben darum vielleicht. Das Gesetz der Ergänzung, verstehst du!”
„Na, dein Bruder hat ein rauhes Fell, die sanfte Elisabeth hätt' ihm gut getan! Übrigens — du standest ihr doch wohl auch einmal ziemlich nahe?”
„Sehr sogar.”
„Ihr seid doch verrückte Kerls, ihr zwei Waldecker!” lachte Richard. „Junggesellen alle zwei! Der eine tost auf der Jagd oder auf landwirtschaftlichen Ausstellungen herum, der andre durchläuft die halbe Welt. Elisabeth hätte ganz gut zu einem von euch beiden gepaßt. Die entfernte Verwandtschaft ist doch kein Hinderungsgrund? In Thüringen vettert sich ja alles!”
Er lachte, er war selber Thüringer. Und als das Gespräch nun auf die Wunder von Lourdes kam, betonte der breitschultrige, wuchtige Mann so scharf und nüchtern seinen protestantischen Standpunkt, daß Ingos Romantik sich rasch in blauen Duft verflüchtigte:
„Unser Reformationsgesang ‚Ein' feste Burg ist unser Gott’ hat mehr Mark als diese ganzen süßlichen Litaneien.”
Beim Frühstück wurde das Programm des Tages mit Vorsicht besprochen und festgesetzt; denn man mußte bei Frau Friedel darauf gefaßt sein, daß sie sich in ihrer gefühlsmäßigen Art auf irgend einen Entschluß versteifte. Doch heute war sie nachgiebig und ließ die Männer entscheiden.
Major und Fabrikant zogen ab.
Der Troubadour wandelte mit Frau Eleonore von Poitou langsam hinaus nach der Grotte.
„Laß uns einen dieser kleinen Becher kaufen, Ingo,” bat sie, als sie aus dem Gasthof traten, der vorn eine Verkaufsstelle führte, „wir wollen heute aus der Quelle trinken.”
Ingo erfüllte den Wunsch.
An der Grotte waren wenig Besucher. Die weißen Kerzen entsandten ihr mildes Licht, das in der Tagesbeleuchtung seltsam wirkte; die weiße Marmorgestalt der Jungfrau stand still über dem kleinen Rosenstrauch. Fünf bis sieben blühende Rosen waren am Strauch, rötlich-weiße Blumen, die sich unter den Füßen der Madonna lieblich entlang rankten.
Die beiden Deutschen setzten sich auf eine Bank, hörten hinter sich das Rauschen der Gave und vor sich das leise Murmeln einer betenden Nonne.
So saßen sie eine besinnliche Weile: Ingo in seinem ungeklärten Drang, Frau Friederike in ihrem steten, starken Kampfe.
Dann erhob sich die gefaßte und stille Frau, schritt an den Brunnen neben dem Gitter der Grotte heran, füllte den Becher und trank; füllte ihn nochmals und reichte ihn Ingo. Hernach tauchte sie die Hand ein und fuhr sich waschend über die Augen. Alles geschah schweigend.
Und schweigend gingen sie dann miteinander den sanft ansteigenden Fußweg hinauf, der hinter der Kirche unter Bäumen nach oben führt.
Sie rang um Kraft. An ihrem Arm trug sie ihr Täschchen; im Täschchen waren die unterschlagenen Briefe.
„Wir wollen erst noch das Panorama sehen”, sagte sie mit schwerer Stimme.
Und so besuchten sie miteinander das Panorama.
Ingo gab die nötigen Erklärungen.
„Siehst du, so sah Lourdes ums Jahr 1858 aus, zur Zeit, als die kleine Bernadette jene Erscheinungen erlebte. Damals stand hier weit und breit noch kein Haus, alles war ländlich, eine Mühle war ja wohl hier in der Nähe. Und dort kniet sie nun, inmitten der zusammenlaufenden Leute; sie trägt das eigentümliche Kopftuch dieser Gegend, gleicht fast einer kleinen Nonne. Mit der linken Hand hält sie die Kerze, mit der rechten berührt sie die Flamme, ohne sich zu verbrennen. Das Feuer-Element scheint ihr verwandt zu sein in diesem Zustand. Sieh nur, wie ist sie entrückt und abgesondert von den ratlosen Gruppen der Menschen! Entrückt ins Land der Schönheit! Wie das Genie einsam! Nur durch Taten der Güte mit den Mitmenschen verbunden!”
„Das ist groß”, bestätigte Frau Friederike leise.
„Und sieh, welch ein bläulicher, fast violetter Duft über der Landschaft! Wie eine Verklärung!”
Sie verließen das Gebäude und gingen weiter, am Kalvarienberg vorüber und nach der Gegend der grotte du loup. Immer einsamer und ländlich stiller wurde die Umgebung. Die Luft war mild, voll weicher Färbung der Hügel und einfach-großen Gebirgskämme.
An einer jungen Birke machten sie halt und setzten sich auf die Decke, die Ingo trug. Die runden, hellgrünen Frühlingsblättchen dieses sonst so leicht erzitternden zarten Baumes bewegten sich kaum. Eine weiße Straße lief ziemlich fern zu ihrer Rechten in die Pyrenäen hinein, hell und trocken wie die Straßen der Provence, doch ohne wandernden Staub. Die Dämonen des Windes schliefen irgendwo auf Tempelstufen.
Frau Friederike saß in ihrem mattblauen Kleide, hatte den Hut abgesetzt und ließ ihr Goldhaar leuchten. Aber ihr Gesicht war wie Alabaster, ihre Lippen blaß und stumm. Sie hatte das Täschchen vor sich auf den Schoß genommen und hielt beide Hände darauf.
Ingo legte kameradschaftlich den Arm um den ihrigen. Doch lehnte sie den Kopf nicht an, sie sah nur starr in die Gegend.
„Friedel ist auf Cis-Moll gestimmt”, begann er. „Hast auch du, wie ich heute früh, einen Brief bekommen, der dir Sorge macht?”
„Du hast einen Brief bekommen?”
Er zog sein Taschenbuch und überreichte ihr den Brief seiner Cousine Elisabeth.
„Darf ich lesen?”
„Aber, Friedel —! Seit wann haben wir denn Geheimnisse voreinander?!”
Sie las folgenden schlichten und sachlichen Brief:
„Lieber Ingo!
Du wirst erstaunt sein, von einer alten Freundin diesen Brief zu erhalten, nachdem wir uns seit Jahren nicht mehr geschrieben haben. Ich bitte Dich hiermit herzlich um Entschuldigung, wenn ich Deine Frühlingsfahrt stören sollte. Dein alter Vater kommt ja mit seiner Gicht nicht an den Schreibtisch; und so hat er mich gebeten, Dir mitzuteilen, daß Dein Bruder leider einen Jagdunfall gehabt hat und an den Folgen daniederliegt. Das Gut war ja bis jetzt in den Händen deines Bruders; wenn die Sache übel ausgeht, so könnte an Dich eine Aufgabe herantreten, die allerdings zu Deiner romantischen Freiheitsliebe, wie sich Dein Vater ausdrückt, nicht mehr stimmen würde. Mir würde es leid tun, wenn Du Dir Dein Leben nicht so gestalten könntest, wie Deine Natur es braucht, das weißt Du, lieber Ingo. Zum Glück habt Ihr ja einen guten Verwalter. Auch Dein Vater ist immer derselbe, in allen Unpäßlichkeiten geistesfrisch. Weniger freilich meine Mutter. Ich fahre in eurem gelben Jagdwagen täglich zwischen den beiden Gütern hin und her, von einem Krankenbett zum andren. Nun kommen mir meine Erfahrungen vom Roten Kreuz zugute. Oft auch lauf' ich zu Fuß durch den Wald, wobei mich Harras, unsre unverwüstliche Dogge, begleitet. Ach, ich bin wieder jung geworden, als ich nach harten Jahren meinen Thüringer Wald wiedersah! Es ist allerdings möglich, daß ich von heut' auf morgen mit meiner Mutter an den Genfer See fahre. Denn der Arzt wünscht es dringend. Gib jedenfalls immer Deine genaue Adresse an, für den Fall, daß man Dich hier brauchen sollte. Im übrigen, lieber Ingo, gedenke ich Deiner mit derselben Liebe, die mich von Kindheit an mit Dir verbunden hat. Sei innig gegrüßt!
Elisabeth.”
Frau von Trotzendorff gab den Brief zurück und schaute lange vor sich hin.
„Ein Gruß an mich oder meinen Mann ist nicht dabei”, dachte sie. „Ich hab' ihr einst Schweres angetan — jetzt tut mir das Schicksal das gleiche.”
„Was sagst du dazu?” fragte Ingo.
„Vielleicht wär's das beste, du würdest sofort nach Hause reisen.”
„Unter keinen Umständen!” rief er mit einigem Trotz.
„Und dein Bruder?”
„Ist robust genug, hat sich nie viel um mich gekümmert, wird auch diesen Unfall durchbeißen.”
„Und dein Vater?”
„Ein selbständiger Charakter.”
„Und das Gut?”
„Davon kann man reden, wenn es mit meinem Bruder wirklich schlimm würde.”
„Aber der Brief liest sich wie eine Vorbereitung.”
„Oder auch wie ein Anknüpfungsversuch der guten Elisabeth.”
„Bei ihrem spröden Charakter? Schwerlich! Ich glaube, du solltest den Gedanken an Heimkehr ernstlich ins Auge fassen.”
„Aber wie kommt mir denn Friedel vor? Haben wir zwei nicht hinlänglich mein Verhältnis zu Elisabeth durchgesprochen? Vergißt du, daß wir so gut wie verlobt waren? Und sie schreibt ja, daß sie noch ebenso denkt. Wie kannst du mir da die Rückkehr empfehlen? Bist du gar kein bißchen mehr eifersüchtig?”
Sie ging auf seinen scherzenden Ton nicht ein. Es kämpfte gewaltig in der unglücklichen Frau; sie neigte sich einen Augenblick seitwärts ins Gras und stützte laut seufzend den Kopf in beide Hände. Hier Thüringen — dort Barcelona! Zwischen Skylla und Charybdis saß sie und rang um den Freund, den sie doch festzuhalten weder Macht noch Recht besaß.
Dann richtete sie sich auf, beachtete seine fragenden und beruhigenden Worte nicht, sondern griff in ihr Täschchen und nahm das Bündel Briefe zur Hand.
„Da!” sagte sie dumpf und preßte die Zähne zusammen.
„Was ist das?”
„Deine Briefe.”
„Welche Briefe?”
„An die Mädchen in Barcelona. Ich hab' sie nicht abgeschickt.”
Er hatte das blaue Band gelöst, ließ aber nun jäh die Hände sinken.
„Nicht abgeschickt?”
„Nein.”
„Aber — weshalb nicht?!”
„Du kannst es in den Nachschriften lesen.”
Er durchblätterte die Papiere und las die Nachschriften. Dann kam eine lange, unheimliche Stille.
Sie atmete kaum; ihr schwaches Herz pochte zum Zerspringen. Er legte schweigend die Blätter wieder zusammen, band sie schweigend wieder zu und steckte sie schweigend in die Rocktasche.
„Friedel,” sagte er endlich mit gepreßter Stimme, „es ist nicht das erstemal, daß du dich zwischen mich und andre stellst. Fühlst du nicht, wie du mich entwertest?”
Er saß in einem Gemisch von Zorn und Wehmut auf dem Rasen, rupfte sprießende Gräser aus und warf sie wieder fort.
„Würde dieses Lourdes nicht so beruhigend auf mich wirken,” sprach er weiter, „ich fürchte, wir würden im Zorn voneinander scheiden. Denn dieses Bevormunden ist gegen unsre Verabredung einer unbedingt vertrauensvollen Kameradschaft. Meine Schwärmerei für jenes Mädchen mag seltsam sein, meinetwegen; deshalb ist aber die Tatsache, daß ich von jenem Hügel mit der stillen Stickerin und dem unerbauten Tempel einen tiefen Eindruck mitgenommen habe, dennoch vorhanden. Und ich werde dieser Sache auf den Grund gehen — und werde die Briefe persönlich nach Barcelona bringen.”
Sie saß mit abgewendetem Gesicht, neigte das Haupt und zuckte nur wenig zusammen. Sie kannte ihn und war nicht überrascht; sie wußte, daß er stärkeren Eindrücken und Erkenntnissen unbeirrbar bis zu Ende nachspürte. Hier war nichts zu halten; sie hatte ihn nicht mehr in der Gewalt.
Er sah nicht, wie ihr die Tränen in die Augen stiegen, den kristallenen Behälter füllten und dann langsam über die Wangen rollten. Ihr lag es pressend schwer auf dem Gewissen, daß sie sich einst zwischen ihn und Elisabeth gestellt hatte; dieses stille und herbe Mädchen war nach allem, was man seitdem hörte, doch wohl wertvoller, als sie beide damals angenommen hatten. Ingo von Stein, zu Hause wenig verstanden, hatte in Friedels Familie ein neues Heim gefunden; sie hatten sich beide beflügelt und gefördert und hatten einfach vergessen, daß eine stille, etwas spröde Elisabeth irgendwo Kranke pflegte. Oft aber stand jetzt die hohe Gestalt dieser keusch verschlossenen, schwer zugänglichen Jungfrau, die durch gesellschaftliche Beziehungen des thüringischen Adels auch mit Trotzendorffs bekannt war, mit schweigender Mahnung an Frau Friederikens Lager. Sie trug die Tracht der Schwestern vom Roten Kreuz, denen sie zwei Jahre angehörte; und sie schien ernsten Blickes nach Ingo zu fragen. Bislang hatte Friedel wenigstens Rechenschaft über den Freund geben können; jetzt konnte sie auch das nicht mehr; der unbefriedigte Spielmann fuhr weiter.
Die liebende Frau tat, wie sie es manchmal in Zeiten der Mißverständnisse zu tun pflegte: sie setzte stumm den Hut auf, nahm ihr Täschchen und erhob sich, um sich schweigend zu entfernen. Er wollte ihr folgen; aber sie winkte ab und sagte leise:
„Bitte, laß mich allein!”
Jetzt erst sah er, daß ihr Gesicht in Tränen gebadet war. Und sofort loderte Beschämung in ihm empor, die jede Regung des Unwillens verbrannte. Der letzte Satz der letzten Nachschrift stieg ihm riesengroß in Bewußtsein und Empfindung: „Die Sorge um Dich ist meine Krankheit.” Hatte sie nicht recht, um ihn besorgt zu sein? War er nicht ein Phantast, der oft genug sich einfach auf die Bahn gesetzt hatte und in die Welt hinaus gesaust war, wenn ihm irgendwelche menschliche Verhältnisse nicht paßten? War es nicht deutlich, daß er zwischen Wissenschaft, Poesie und Religion tatlos umherschwebte, nippend an allem, von nichts aber sich wahrhaft durchdringend und nichts in Kunst oder Leben prägekräftig gestaltend? Wie unritterlich stand er vor der mütterlichen Sorge der weinenden Freundin!
„Vergib, Friedel!” rief er und wollte in überwallendem Mitgefühl den Arm um ihre Schultern legen. Allein sie befreite sich sanft und bestimmt. Sie wollte kein Mitleid; daß ihr die Tränen flossen, merkte sie kaum. Ihr Entschluß stand fest.
„Groß!” rang sich endlich als erstes Wort aus ihr hervor. „Das letzte Wort deiner Aufzeichnungen heißt groß. Wir wollen nicht kleinlich sein, Ingo.” Sie sprach mühsam und wischte sich mit dem Taschentuch die Tränen fort. „Es spricht auch in mir so viel Unerfülltes mit. Aber groß sein, nicht wahr! Ich hab' mir's an der Quelle da unten gelobt. Und darum bitte ich: Laß mich für heute allein. Ich will ins Hotel zurückgehen und mich niederlegen. Denn ich bin krank.”
Er machte abermals einen Versuch, sich um sie zu bemühen. Aber sie wiederholte nur in ihrer bekannten Art, die jeden Widerspruch ausschloß: „Bitte!”
Dabei sahen sie sich einen Augenblick an. Nur einen Augenblick, wie die Sonne am verschleierten Tage zaghaft hindurchbricht; der Augenblick drohte ihren Entschluß umzuwerfen; doch sie wandte sich rasch und ging den Pfad nach Lourdes hinunter, an einem spät blühenden Apfelbäumchen vorüber, von dem eine Blüte auf ihren Hut fiel — ein Abschied von der Jugend.
Ingo stand betäubt.
Er übersah, empfand und begriff mit einemmal den Schmerz, den diese Frau von großzügiger Künstlerleidenschaft und zugleich von früh geübter Gewissenhaftigkeit so lange schon durchkämpfte. Mit jenem stürmischen Isoldengesang hatten diese Tage von Lourdes begonnen; mit offenem Haar, wie Wogen des offenen Ozeans, war sie noch einmal einhergerast. Jetzt schlich sie weinend nach Lourdes hinunter.
„Das ist die zweite Frauen-Freundschaft, über deren Trümmer hinüber ich mein Glück suche”, sprach er in knirschendem Kummer zu sich selber. „Sollte wohl auf dieser Glücksjagd Segen ruhen? Aber ich will sie wiedergewinnen, Friedel und Elisabeth, beide, sobald ich — sobald — — ja, was denn nun wohl?”
Da war wieder das Unerfüllte. Und er sah wieder jene Mozart-Mädchen auf einem Hügel der Freiheit und Schönheit winken und warten — warten auf ihn?
„Weltfahrer bin ich”, sprach er, indem er durch die Hügel wanderte und schließlich zu einem kleinen Schilfsee gelangte, dessen Stille beruhigend auf ihn wirkte. „Weltfahrer bin ich, immerzu von Melodien durchsungen, und sehne mich nach dem festen Punkt, von dem aus das Nahe und Ferne reich und tief sich erfassen läßt. Ich will Friedel nicht durch Mitleid beleidigen; sie ist tapfer und wird das allein durchhauen. Aber ich will doch neben der Phantasie fortan der Güte einen größeren Raum in meinem Herzen gestatten — wie diese Bernadette, wie meine vergessene Elisabeth.”
Er ging an die Grotte von Lourdes zurück, saß dort lange und sammelte sich zu einer Gebetsstimmung, seine Augen heftend auf die Marmorstatue der weißen Madonna mit der blauen Schärpe.
**
*
Am Abend, als die willensstarke Frau bleich und gefaßt wieder am Tisch saß und über ihre Schwächlichkeit zu scherzen versuchte, wurde von dem Ehepaar beschlossen, über Paris nach München zu fahren und dort ein Sanatorium aufzusuchen.
Ingo, der sehr zart zu Friedel war, hielt in möglichst unbefangenem Ton an seinem Abstecher nach Barcelona fest.
Richard schaute einen Augenblick vom Kursbuch auf, es zuckte ironisch um seine Mundwinkel, und er fragte:
„Suchst du Schallers Nichten oder den Gralsberg?”
„Beides”, bemerkte Ingo trocken ...
Am Bahnhof von Toulouse nahmen sie Abschied. Der Troubadour und Frau Eleonore hielten sich lang an beiden Händen und schauten mit Wehmut einander an.
Die Lippen der blassen Frau bebten. Sollte sie ihm sagen, wie sehr sie krank war? Sollte sie ihm sagen, daß hier vielleicht auf Leben und Tod Abschied genommen wurde? Nein! Es war einer ihrer heroischen Momente. Galt es zu sterben, so wollte sie allein sterben. Die Heroine lächelte und zwang sich zu einigen Worten von allgemeiner Herzlichkeit, das Weh in sich begrabend, das tiefe Weh, auf den abirrenden Freund nicht mehr von Einfluß zu sein:
„Groß bleiben, lieber Ingo! Es wird gewiß alles gut werden, wir wollen dir lauter gute Gedanken mitsenden. Madonnengedanken!”
Er nickte schweigend.
Und zu Richard sprach er mit bewegter Stimme:
„Gib gut auf sie acht, Richard! Sie ist doch die Beste von uns dreien!”