Zehntes Kapitel
Kaisergespräch auf der Wartburg

Eins nach außen, schwertgewaltig
Um ein hoch Panier geschart,
Innen reich und vielgestaltig,
Jeder Stamm nach seiner Art!

Geibel

D

D ie Fahnen der festlichen Stadt Eisenach und der Wartburg hingen ohne die mindeste Bewegung schlaff an den Stangen herab.

Die Luft war schwül und schwer. In abenteuerlicher Färbung stand der dunstig heiße, einem Gewitter entgegenbangende Sommertag. Die westlichen und nördlichen Horizonte drohten blauschwarz herüber. Von der Rhön her funkelte Wetterleuchten; ein zweites Wetter ballte sich über der goldenen Aue.

Waren rings auf phantastischen Wolkenbergen Batterien aufgefahren?

Bedrohten sie die Wartburg, den Herzpunkt deutschen Geistes?

Malte sich in den Lüften ein Zukunftskrieg um die besten Güter der Nation?

Major von Trotzendorff sah schwarz genug in die Zukunft. Aber der heutige Tag war für ihn ein Festtag. Denn er hatte es durchgesetzt: sein Freund, der unseßhafte Weltfahrer, stellte sich zu einer höfischen Audienz!

„Was schwebt dir denn eigentlich dabei vor, mein alter Freund und Gönner?” hatte der Spielmann gutmütig gefragt.

Und den kräftigen Schnurrbart mit zwei Bürstchen bearbeitend, hatte der Major vielsagend geantwortet:

„Na, mein Junge, das wird sich schon alles finden. Ich denke, gewissen Hoftheatern wird eine geistige Auffrischung nicht schaden. Was?”

Ingo stand am Fenster des Hotels in Eisenach, wo er abzusteigen pflegte. Hier, in diesem nämlichen Zimmer, hatte er vor fünf Jahren gewohnt, als er mit Elisabeth und ihrer Mutter einige Tage in der Wartburgstadt weilte. Es waren noch Tage der Liebe gewesen, einer vornehm verschwiegenen Liebe. Inzwischen hatte ihn unklare Sehnsucht durch die Lande gerissen; inzwischen hatte er in rascher Folge England und Italien, dann Riviera, Lourdes, Montserrat, Genfer See erlebt und war nun auf dem Wege zur Selbstbesinnung.

Er hatte drei Briefe in der Tasche: von Elisabeth, von Frau Friederike, von Schaller, der ihn kurz und launig zur Hochzeit einlud.

Am leidenschaftlichsten und tiefsten empfunden war der Brief seiner Elisabeth. Sie ging mit kurzer und stolzer Wendung über Leroux hinweg; sie erzählte ihren Besuch bei der Kranken in München, die jetzt wieder am Fenster saß; sie bat ihn, nie an ihrer einzigen, ersten und letzten Liebe zu zweifeln. Und sie, die spröde, bat um seine genaue Adresse; sie werde sofort zu ihm reisen und Auge in Auge Schmerz und Mißtrauen zerstreuen, denen er ohne ihre Schuld zum Opfer gefallen.

In ungewohnter ernster Kürze schrieb Frau Friederike:

„Es ist Zeit, lieber Ingo, daß wir alle unsren festen Platz wählen. Ich habe ein Vorgefühl, wenn ich Richards Briefe richtig deute, als ob unsrem ganzen Europa eine Titanic-Katastrophe bevorstehe. Da fällt alles Schwärmerische und Unechte ab, und es bleibt bestehen Wahrhaftigkeit und Liebe, jene Liebe, die zugleich Güte und Treue ist. Laß uns zusammenhalten wie bisher, lieber Freund, aber Elisabeth soll mit in unsrem Bunde sein. Messe Dir Dein Land ab, richte Dein Haus ein, Deine Lehr- und Wanderjahre sind vorüber. Und bleib gut Deinem Kameraden Friedel!”

Ingo schaute in die fahlen Horizonte, in die Heerscharen, die dort um Deutschland gelagert schienen.

Dann wandte sich sein Blick zu dem üppig-starken Baum- und Graswuchs, der von allen Seiten Hainstein und Wartburg in schimmernder Schönheit umgrünt. Wie weich und voll die Wipfel, wie anschmiegsam die Wiesen, und schlank darüber der Bergfried mit dem Kreuz!

Die Fenster des Pallas mit den edelgeschwungenen romanischen Bogen standen offen. Die Burg war jetzt gefüllt mit Uniformen und hohen Zivilisten. In jenem Mittelbau dort, vor dem Sängersaal, waren die schön getäfelten, behaglich-vornehmen Gemächer des Kaisers und des Großherzogs belebt. Unter den geladenen Gästen wandelte mit dem weimarischen Burgherrn Seine Majestät der deutsche Kaiser.

Major von Trotzendorff, ganz Uniform und geschwellte Mannesbrust, holte den Freund ab.

Eine halbe Stunde später bewegten sie sich selber im Farbenspiel des festlichen Gewimmels.

**
*

Im zweiten Burghof, wo Waldgrün die Farbe der Landschaft bestimmt, stand alles im Zeichen der Jagd. Fast jedermann trug Weidmannsuniform. Der Verkehrston war bei aller Gehaltenheit ungezwungen, wenn auch gedämpft durch die lästige Gewitterschwüle.

Baron von Stein-Waldeck kannte einige von diesen Hofleuten. Als erster schüttelte ihm sein alter Freund, der schlanke und hagere Oberburghauptmann mit dem meist etwas ironischen Weltmannsgesicht, die Hand. Eine weimarische Exzellenz stand in der Nähe, an Gestalt und Schnurrbärtchen dem verstorbenen Karl Alexander nicht unähnlich. Dann sah man den deutschen Kaiser neben des Großherzogs gedrungener Gestalt zwanglos im inneren Hofe plaudernd wandeln, auch sie beide in der prächtig sitzenden Gewandung der Jagd.

Was mögen die beiden hohen Herren plaudern?

Ingo wurde aufmerksam.

Er schenkte den übrigen Gruppen nur wenig Beachtung, sondern beobachtete unauffällig die beiden Fürsten, in deren Nähe sich der schlanke Coburger mit einigen Jägern scherzend unterhielt.

Ingo hatte Freude an dem malerischen Bilde. Er war keine unsoldatische Natur; ein Kaisermanöver, das er seinerzeit mitgemacht, hatte er mit der leidenschaftlichen Teilnahme eines Strategen verfolgt, zäh und stramm auf seinem Artillerie-Pferd allen Strapazen gewachsen. Der Verfasser des „Heroismus” hatte Instinkt für Männlichkeit.

Die Fürsten schauten nach den nahenden Gewittern; sie mochten über Jagd und Wetter gleichgültige Worte wechseln. Vielleicht aber quollen auch tiefere Gedanken aus des Kaisers Seelengründen empor und verlangten Aussprache und durch Aussprache Klärung und nach der Klärung tatkräftige Überwindung? ...

Des Spielmanns Phantasie begann zu arbeiten. Er sah vor sich Pallas, Dirnitz und Bergfried aufragen; er empfand heimatlich nahe die Hügelungen der thüringischen Tannenberge. Landgraf Hermann der Freigebige war wiedergeboren: er lustwandelte dort im Hof als deutscher Kaiser. Ingo selber fühlte sich als Walther von der Vogelweide; vaterländische Treue und dichterisches Empfinden klangen in ihm zusammen; wie jener Walther zog auch er ohne Lehen durch die offene Welt. Und seine Phantasie hörte den Kaiser sprechen ...

Der Kaiser — so sann er — knüpft in seiner Unterhaltung vielleicht an sein bevorstehendes Regierungsjubiläum an. Er sieht sich rückschauend auf den Bänken des Casseler Gymnasiums, wo er durch gewissenhaften Fleiß Achtung und Liebe seiner Lehrer erringt; er verlebt zwei unvergeßliche Jahre als Borusse; er empfängt als Soldat in jeder Waffe eine gründliche Ausbildung; er tritt als Oberster des Leibhusaren-Regiments der Üppigkeit im Offizierskorps entgegen; er gibt als Familienvater an der Seite einer edelgestimmten Hausherrin das beste Beispiel strenger Pflichterfüllung und harter, einfacher Lebensweise; er sucht als Kaiser durch warmherzige soziale Fürsorge und durch Betonung der sittlichen und religiösen Fundamente des Volkstums gesunde Verhältnisse zu schaffen; die Marine empfängt durch ihn einen ungemeinen Ansporn, denn er hat von der Mutter her „Seeblut” in den Adern; ein spannkräftiges, schlagfertiges Heer soll seinem Volke vor allem den Frieden erhalten, den Platz an der Sonne — — so schaute Ingo, der Sohn aus königstreuem, altem Adelshause, auf das Leben des Monarchen, der hier in seiner unmittelbaren Nähe stand.

Und sprach der Kaiser in seiner raschen, elastischen Weise vielleicht Folgendes?

„Wir sind in besondrer Zeit. Die Völker sind durch die Schwingungen eines ungeahnten Weltverkehrs wie nie zuvor miteinander in Fühlung und Reibung gekommen. Da ist Gefahr für das Ererbte. Das Alte scheint in diesem Andrang von heftigen Gegenwartseindrücken minderwertig — die Seele überhaupt. Nicht wahr: was ist denn etwa einem amerikanischen Geldfürsten die ruhmreiche Geschichte dieser Wartburg? Sie ist Duft und Höhendunst im Vergleich zu den soliden Massen und Maßstäben seines lauten Neu-Amerika. In welchem Größenverhältnis mag ihm ein Thüringer Landgraf erscheinen im Vergleich zu den Millionären des Pelzhandels oder der Goldminen, der Kartelle, Reedereien, Lloyds? Ich habe meine Vorliebe für Amerikas energischen Pulsschlag bekundet. Ganz gewiß! ich liebe Tatkraft, aber ich bin bedenklich wider die selbstbewußte Diesseitigkeit jener Zivilisation. Uns Deutschen fehlt es wahrlich ebensowenig wie jenen an zugreifender Kraft; das hat schon unsre Hansa samt Reichsstädten und das haben die Staufen- und Sachsenkaiser glänzend bewiesen, und das beweisen wir heute abermals auf allen Gebieten, vom Lloyd bis zum Zeppelin, Gott sei Dank! Aber wir haben noch eine andere, eine feinere, eine tiefere Mission; wir haben den bedeutenden Errungenschaften der Gegenwart die bedeutendste hinzuzufügen: wir haben die neugestaltete Gegenwart zu beseelen. Das ist es, was ich auf häufigen Reisen suche und noch nicht finde. Wir müssen, wie wir unsre eisernen Kriegsschiffe mit gepanzerter Faust hinaussenden, auch die weißen Tauben des Glaubens an das Göttliche im Menschen über die verarmte Erde ausfliegen lassen. Manchem tüchtigen Manne zu Weimar und auf der Wartburg hat Gott die Fahnenstange des Idealismus in die Hand gedrückt. So soll's bleiben. Das Schwert werden wir geschliffen behalten; die irdischen Verhältnisse zwingen uns dazu. Beides miteinander zu verschwistern: weltweite Horizonte und Kraft der inneren Beseelung, modernes Bewußtsein und historische Ehrfurcht, Tatkraft und Gemüt, wissenschaftliche Unbefangenheit und religiöse Tiefe — sieh, darin erkenn' ich meine kaiserliche Aufgabe. Das scheint mir die Aufgabe der Zeit.”

Der Großherzog fühlte vielleicht — so phantasierte Ingo weiter — daß der Kaiser nur zu einem ungewöhnlichen Monolog, zu einer Herzenserleichterung großen Stils diese Stunde gewünscht hatte. Der junge Fürst beschränkte sich daher wohl auf leise und leichte Bemerkungen über Dinge der nahen Außenwelt. Der Monarch ging darauf ein, wie um auszuruhen und seine fernschweifenden Gedanken in die Nähe zurückzurufen. Bald aber versandete dieses Zwischengespräch. Und der Großherzog schaute stumm, die Hände auf dem Rücken, über den wildreichen Wald hin, in welchem er so gern seiner Lieblingsbeschäftigung oblag.

Der Kaiser mochte, kraft jenes Fluidums, das sich zwischen zwei Sprechenden nach und nach auszubilden pflegt, den stillen Wunsch des fürstlichen Weidmannes erraten.

Und in Ingos Phantasie fuhr er fort:

„Auch ich kenne kein frischeres Vergnügen, abgesehen von einer Segelregatta, als in der Rominter Heide vom Jagdwagen ins taunasse Heidekraut zu springen oder im ‚Hiligen Forst’ der Westmark einem balzenden Auerhahn sprungweis auf den Leib zu rücken. Herzhafter Kampf! Ich hab' in meinem Jägerdasein mehr als siebzigtausend Stück aller Arten von Wild geschossen; und es mag manchem vorkommen, als wäre das der Weidmannslust fast zu viel. Aber ich arbeite rasch und stark und brauche rasche, starke Entspannung. Man müßte freilich ein Genie sein, um alles vom Kern aus zu überschauen: ein Genie der Sammlung ... Da steckt vielleicht das Geheimnis dessen, was wir brauchen ... Sammlung, Verinnerlichung ... Wir verlieren uns zu sehr ins Detail; wir müssen in der auflösenden Zweifelsucht der Gegenwart erst wieder den Zentralpunkt finden und von dort aus neue Ideale schaffen, ohne Untreue gegen die alten. Schweres Werk! Und von uns Zeitgenossen ungelöst. Wahrlich, eine Massenattacke mit Kavallerie zu reiten, ist leichter. Und wie macht man mir mein Amt schwer! Wie untergräbt man Ehrfurcht und Autorität! Wie nörgelt man an meinen gradaus und ehrlich gegebenen Anregungen herum! ... Hier ist meine tiefste Sorge: nicht nur Meine Autorität, nein, Autorität überhaupt gilt diesem aufgeregten, unstet-nervösen Geschlecht als ein unmodernes Gefühl. Adel jeder Art ist hart in Bedrängnis.”

Der Kaiser schritt lebhaft ein paar Schritte hin und her. Das ungeheure Gewölk verdichtete sich in blauschwarze Ballen. Ein ferner Donner rollte; ein Wind lief ihm voraus.

„Manchen treuen Willen erkenn' ich. Aber auch mein Bürgertum ist zu wenig großzügig. Sie sperren sich in zopfige Parteiworte ein. Macht weit und unbefangen eure Herzen und Köpfe! Einigt euch zu großem Kulturbegriff, positiv gestimmte Männer und Frauen jeder Konfession und Partei! Es gilt einen Kampf um Deutschlands innerstes, heiligstes Gemüt ... Ich bin mit Bewußtsein evangelischer Kaiser; aber ich habe für warmherzig religiöse und gut deutsche Katholiken denselben Handschlag bereit. Es muß in die dumpfe, zaghafte Religiosität überhaupt mehr durchwärmender Lebensodem kommen.”

In voller Gemütsbewegung schritt der Kaiser auf den hallenden Steinen hin und her und brach dann plötzlich ab. Er nahm des Großherzogs Hand.

„Du weißt, ich stehe gern auf unsren schwimmenden Burgen, den Kriegsschiffen, und halte Schiffsgottesdienst. Nun wohl, betrachte diese programmatische Aussprache als einen Gottesdienst auf deiner Landburg, deren Kapitän und Kommandant du bist. Nimm meine Worte als den Grundriß eines Regierungsprogramms. Gott helfe uns! Deutschland hat Feinde innen und außen.” ...

So malte sich Ingo des Kaisers Unterhaltung aus. Er empfand Zuneigung zu diesem Herrscher, dem das parlamentarische Gezänk entschieden Unrecht tat, den es nicht schlichtmenschlich genug beurteilte, dessen Übereilungsfehler eng verwachsen waren mit seinem hilfsbereiten Naturell, mit seinen lebendigen Tugenden und Kräften ...

„Wenn ich selber mit ihm spreche” — — —


Jetzt wurde der phantasierende Spielmann, der zwischen belanglosem Geplauder gestanden hatte, unterbrochen. Mächtige Stöße des Gewitterwindes scheuchten die gesamten Gruppen der Hofgesellschaft in das Innere des Gebäudes ...

Sie schritten jene Steintreppe hinan, über die einst der Sänger Heinrich von Ofterdingen, unterlegen im Sängerkrieg, knirschend davongegangen war ... Dampfte nicht noch der Hof von der derben Zecherlust des niedren Volkes, während drin im Wortekampf adlige Harfe wider Harfe klang, ein Turnier des Geistes? Ja, damals Spielmann zu sein! Da war alles Worteprägen noch von urwüchsiger, gebräunter Kraft, denn die Sänger waren Freiluftmenschen, Höhenwanderer von Burg zu Burg, umpfiffen vom Waldwind! ... Wie hatte sich Ingo, der thüringische Freiherr, in jenes Staufenzeitalter eingelebt, in den Minnesang, in die Gralsage, in die Geschichte der Troubadours! Er selber war einst auf dem Rennstieg mit seinem Knecht geritten, hatte gestern vor schönen Frauen auf der Burg gesungen, ehegestern unter einer Dorflinde bei dörperlichem Tanz zur Laute gespielt, hingerissen vom wilden Hoppaldei und Troialdei — und war dann wieder im einsamen Wald unter Tannenzapfen und Eichhörnchen weitergezogen, um in irgendeiner rauchigen Gebirgsschenke zu übernachten ...

Das ging dem Spielmann großzügig durch Herz und Kopf. Und jetzt trat der Generalintendant der Königlichen Schauspiele heran. Trotzendorffs große Stunde war gekommen: noch nicht der Monarch selber, aber dieser hohe Beamte und Hofmann wünschte durch den Major nunmehr den Baron und Schriftsteller Ingo von Stein-Waldeck kennen zu lernen.

Auch diese Vorstellung vollzog sich in bequemen und unbefangenen Gesellschaftsformen, gleichsam nebenbei und zufällig. Doch hatte Ingo die fatale Empfindung, daß er auf seine etwaige Verwendbarkeit hin ausgehorcht werden sollte; und das goß dem freien Wandersmann ein paar Tropfen Ironie in seine Antworten.

„Sie haben ja wohl einmal ein Drama geschrieben, mein lieber Herr Baron? Nun, das ist ja in jungen Jahren eine — wie soll man sich da ausdrücken — nicht ganz ungewöhnliche geistige Übung des gebildeten Deutschen. Nicht wahr? Übrigens, man sprach bei Hofe von Ihrem Buch über Friedrich den Großen. Sagen Sie mir einmal, wie ist denn das nun eigentlich? Über Ihre dramatische Tätigkeit müßte mir doch seinerzeit berichtet worden sein, wenn Sie das Stück bei uns eingereicht haben?”

Der Generalintendant war eine stattliche und angenehme Erscheinung von liebenswürdigen Umgangsformen. Er war den Hofton gewöhnt und zugleich die Gebärde des Theaters; aus seiner Stimme klang edle Leutseligkeit; was er anfaßte, wurde in seinen Händen wichtig und würdig, auch wenn es für die deutsche oder europäische Kunst von keinerlei Bedeutung war, sondern nur den Wert einer höfischen Unterhaltung hatte.

„Jawohl, Exzellenz, ich hatte einmal die Schwäche, ein Drama einzureichen, aber nicht unter meinem Namen.”

„Nicht unter Ihrem Namen? Aber ich bitte Sie, mein lieber Baron, wozu denn dieses gänzlich überflüssige Versteckspiel?”

„Ich wollte mein Werk durch sich selber wirken lassen.”

„Und Sie haben es uns vorgelegt? Aber ich entsinne mich doch nicht, daß Ihr Name — —”

„Der Deckname war Franz Sturmegg.”

„Ja so, richtig! Also Sturmegg! Hm! Sturmegg?”

Der Intendant fuhr mit sinnender Gebärde über eine nicht unbedeutende Stirne; er war ein gut repräsentierender Mann.

„Die Sache ist längst erledigt, Exzellenz. Es war für mich eine heilsame Lehre, den Bühnendichtern nicht mehr ins Handwerk zu pfuschen.”

Exzellenz erkundigte sich, immer die Hand in huldvollem Nachdenken an der Stirn, nach Titel und Inhalt.

„Richtig! So etwas mag mir ja wohl einmal, ich glaube sogar mit einer Empfehlung unsres wackren Wildenbruch, durch die Hände gegangen sein. Aber — ja, ja — ein sehr undankbarer Stoff! Sehr undankbar, wirklich! Und bei der — nicht wahr — bei der ungeheuren Fülle von künstlerischer Arbeit, die unsere Königlichen Bühnen zu bewältigen haben — —”

„Ich reiste sogar”, fuhr Ingo fort, „nach brieflicher Anmeldung selber nach Berlin. Aber ich bin telephonisch von irgendeinem Beamten wieder nach Hause geschickt worden, ohne zur Audienz zu gelangen.”

Stein lachte selber über diese überwundene Epoche. Der Intendant war ein klein wenig betreten, beugte sich jedoch mit liebenswürdigstem Lächeln zu dem Baron hinüber:

„Aber als Sturmegg, nicht als Baron Stein?”

„Nur als Sturmegg, Exzellenz!”

Stein-Sturmegg verbeugte sich. Es zuckte unverhohlenes Lachen um seine Mundwinkel; er nahm diese Dinge nicht mehr ernst.

Der Generalintendant der Königlichen Schauspiele verbreitete sich in fein gewählten Worten über die fabelhaften Aufgaben, die von den Königlichen Theatern jährlich geleistet werden, um inmitten der internationalen Zersetzung wahrhaft hohe Kunst durchzuführen und vornehme deutsche Talente zu entdecken und hochzubringen. Dann empfahl er dem Spielmann mit entschiedenem Wohlwollen Stoffe aus der Geschichte der Befreiungskriege oder der Hohenzollern; und während er mit Geschick plauderte, suchten seine Augen in der Umgebung, auf wen er die Fortsetzung des allmählich unbequemen Gespräches abschieben könnte; er winkte einen schriftstellernden Major a. D. heran, den er dem Spielmann vorstellte und als Vorbild empfahl, worauf er sich selber zurückzog, offenbar von Ingos freimütiger und ironischer Tonart nicht gar angenehm berührt.

Am Gespräch über Literatur beteiligten sich einige Herren mit modern gestutzten Haaren auf den Oberlippen, so daß sie in dieser Zahnbürstchenform der Schnurrbärtchen auffallend einander glichen. Man sprach über die beträchtlichen Kosten einer Meyerbeer-Aufführung an der Königlichen Oper, über die nicht minder bedeutenden Kosten eines assyrischen Ballets, über reizende Lustspiele wie „Husarenfieber” und „Wieselchen” — oder war es „Lieselchen”? Der beschämte Troubadour kannte nicht einmal die Namen.

Dann ging man zu einem Gebiet über, auf dem man sich sicherer fühlte: zu Einzelheiten der Jagd; gähnte auch verstohlen und spähte auf die Uhr, ob denn wohl endlich das Festmahl beginnen mochte. Kurz, es war zu irgendwelcher geistigen Vertiefung weder Ort noch Anlaß. Und der Freiherr suchte vergeblich eine Einbruchsstelle, wo er mit Kanonen oder Kavallerie des Geistes hätte wirken können.

Jetzt kam der Augenblick, wo der Freiherr von Stein, vom Oberburghauptmann vorgestellt, den festen Händedruck seines Kaisers spürte und ihm in Audienz gegenüberstand.

Trotzendorff strahlte.

**
*

Im Zimmer seines Gasthofes schritt Ingo wieder auf und ab, in leichter grauer Litewka, wie er sie im Hause zu tragen pflegte.

Über Thüringen donnerte noch immer das Gewitter. In Wasserfluten schien Deutschland zu ertrinken. Man sah die Wartburg nicht mehr. Von West und Nord und Ost krachten die flammenden Fluten.

Automobile sausten im Unwetter nach der Bahn; die Wartburg hatte sich rasch geleert; es war eine Flucht, ein zersprengtes Heer.

Im stillen Zimmer schritt Ingo auf und ab. Er hatte sich unbeachtet nach der Tafel zurückgezogen; ihm war leicht, frei und heiter zumute. Die letzte Versuchung lag hinter ihm.

Da hielt ein ratterndes Auto vor dem Hotel: Major von Trotzendorff stürmte herauf.

„Junge, wie war's? Mach' schnell, ich muß nach der Bahn! Wie war's? Hab' dich ja gar nicht mehr erwischen können, war unausgesetzt in Anspruch genommen!”

„Treuer, unermüdlicher Richard, vor allen Dingen Dank!”

„Unsinn! Sag', voran, wie war's da oben, alter Freund?”

„Nun, was soll denn da oben Besondres gewesen sein?”

„Was sagte der hohe Herr? Raus mit der Sprache! Ich hab' keine Zeit, das Auto wartet mit zwei Herren vom Hofe!”

„Aber das läßt sich doch so in der Geschwindigkeit —”

„Na so mach' doch, guter Junge! Was sagte Seine Majestät zu deinem Buch?”

„Hat ihm famos gefallen, es sei gar nicht konventionell.”

„Siehst du?! Ausgezeichnet! Was weiter?”

„Ja, was denn weiter?”

„Aber, Junge, so erzähl' doch!”

„Was denn, liebster Richard, was denn?”

„Aber, Mensch, zum Donnerwetter, euer Gespräch! Die Ideen, die du entwickeln wolltest —”

„Welche Ideen?”

„Hast du mir nicht hundertmal auseinandergesetzt, was du tun würdest, wenn du der Kaiser wärst oder sonstwie von Einfluß auf den Zeitgeist —?!”

„Ja, da hast du allerdings recht! Aber —”

„Was denn aber? Du machst mich wild! Jetzt hast du mit dem Kaiser gesprochen, ich habe mit aller Mühe euch zwei zusammengebracht — und nun?”

„Bester Richard, erst muß mich doch wohl Seine Majestät etwas fragen, eh' ich etwas antworten kann, nicht wahr?”

„Hat er dich denn nicht gefragt? Wie lange dauerte denn die Unterredung?”

„Nun, mindestens zwei Minuten.”

Das Auto draußen tutete ungeduldig; der Gewitterregen rasselte an die Fensterscheiben.

„Hol' dich der Kuckuck, Junge! Entweder hab' ich zuviel getrunken bei Tafel — oder du bist nicht nüchtern und willst mich frozzeln — oder — Kurz, ich erwarte dich morgen in Erfurt! Oder kommst du gleich mit?”

„I, fällt mir nicht ein! Ich bleibe gemächlich hier in Eisenach.”

„Dann ade! Eines will ich dir sagen, du: ich hab' mich nun jahrelang auf diesen großen Tag gefreut. Wenn's dir nicht gelingt, Fuß zu fassen — hol's der Deuwel, so reich' ich meinen Abschied ein und widme mich dem deutschen Volke und seinen zahllosen Vereinen. Gott befohlen — oder vielmehr: salz' dich ein, du Pechvogel!”

Ingo begleitete den ärgerlich Davonstürmenden an die Türe.

„Richard, nun hör' einmal zu, nun will ich dir ein sehr ernstes Wort sagen! Ich habe seit geraumer Zeit mit dir und deiner Gattin, also mit meinen nächsten Freunden, in einem Kampf gestanden: in einem Kampf um Selbständigkeit. Verstehst du? Mit Friedel war die Auseinandersetzung von besondrer Art; das haben wir schon in Lourdes abgetan. Nun merke auch du dir, mein Bester: in irgendwelchen höfischen oder staatlichen Mechanismus wirst du mich niemals einfangen! Niemals! Ich gehöre nicht dahin. Das hab' ich heute da oben auf der Wartburg klar und deutlich erkannt — erkannt? Nein, erlebt!”

„Aber, Junge, hat man dich denn irgendwie unliebenswürdig behandelt?”

„Im Gegenteil! Ich werde immer mit Vergnügen an diesen Tag zurückdenken.”

„Also —?! Du bist selber strammer Soldat gewesen: willst du es etwa dem hohen Herrn verargen, daß er ganz besonders auf Jagd, Armee, Marine eingestellt ist?”

„Wie sollt' ich denn! Es wird in Deutschland genug gekrittelt — sollt' ich mich auch noch zu den Nörglern und Hetzern gesellen?! Ich liebe und achte meinen Kaiser. Aber” —

„Aber —?”

„Aber die Stimmung, die jetzt für ein seelisches Deutschland herausgearbeitet werden muß, läßt sich nur in der Stille gestalten. Wir müssen uns auf Arbeitsteilung einigen. Von innen heraus, Richard, von innen heraus muß die Erneuerung des Zeitgeistes versucht werden! Weder von oben noch von unten! Weder Cäsaren noch Demokraten können das Reich Gottes bauen. Denn sie haben es mit den Massen zu tun, nicht mit der Seele. Erneuerung von innen heraus!”

Er sprach mit eindringlichem Ernst.

Aber Trotzendorff lief zornig davon.

„Noch eins, Richard!” rief ihm Ingo übers Treppengeländer nach. „Weißt du, daß der kleine Marx oben war — Kommerzienrat Marx?”

„Bitte: Geheimrat Marx! Sehr beliebt! Gibt unmenschlich Geld für große Zwecke! Der fliegt rascher die Leiter hinauf als du deutscher Michel! Ade!”

Und mit dröhnenden Stiefeln war er fort.

Und das Auto raste — und das Gewitter raste — und Ingo lag auf dem Diwan, hatte die Hände hinter dem Kopf und starrte zur Decke empor.

Er war ernst.

Ja, er war ernst bis zur Schwermut.

Diese Automobile waren davongefaucht und hatten den Spielmann Ingo von Stein als unverwendbar und überflüssig irgendwo am Wege liegen lassen.

Was hatte er denn eigentlich erwartet? Nichts. Doch hatte ihn Trotzendorff und dessen brave, aber unklare patriotische Romantik, Trotzendorff, der angebliche Tatsachenmensch, immerhin mit einer gewissen Erwartung angesteckt. Diese Erwartung hatte sich freilich rasch verflüchtigt, sobald er einige Minuten die Hofluft selber, den Geist, den Duft, die Essenz dieser höfischen Welt auf sich hatte wirken lassen. Es war von dort zu seiner eigenen Welt der heiligen Stille keine Brücke zu finden.

Man hatte in diesem übervollen Deutschland Leute genug, übergenug; man hatte Kenntnis und Kunst übergenug. Was wollte sich da noch ein einzelner Sonderling und Fremdling hinzudrängen?

„Ich bin durch Nordland und Riviera, durch Lourdes und Montserrat-Stimmung dankbar hindurchgegangen und nicht darin stecken geblieben”, sprach er zu sich selber. „Ich habe Friedel viel zu danken, bin Richard von Herzen gut und dem Sonderling Bruck zugetan. Warum find' ich denn nur nicht den Zugang zum Herzen dieser deutschen Gegenwart? Warum vergißt das moderne Deutschland seine besondre europäische Sendung? Warum geht es nicht mehr führend voran in jener durchgeistigten Gemütskraft, die man ehedem deutschen Idealismus genannt hat?”

Aufspringend schaute Ingo durch nasse Fenster nach den verdüsterten Umrissen der Wartburg empor. Wie lieb war ihm diese Geistesburg! Das Herz schwoll ihm vor Sehnsucht nach warmblütig mitpulsierendem Menschentum, nach Liebe all dieser Zeitgenossen, die heute schattenhaft und gleichgültig an ihm vorbeigewogt waren. So waren sie auch an seinen Büchern vorübergegangen; so gingen sie an seiner Person vorüber; er war überflüssig.

Er sah im Geiste die ausgetretenen Steinfliesen der Vorderburg. Dort hatten sie in einer Mainacht Luther hereingeführt und untergebracht. Wie kommt es, daß mit den thüringischen Fürsten oder den Staufen große Sänger und der Name des deutschen Reformators untrennbar verbunden sind? Wie kommt es, daß sich um die Hohenzollern keine geistesgroßen Dichter gesammelt haben? Ist es ein Gesetz deutscher Arbeitsteilung, daß Potsdam militärische Aufgaben zu lösen hat? Daß sich aber das deutsche Weimar immer wieder abseits in der Stille als ein heiliger Hain erbauen muß?

Diese Gedanken wurden in ihm angeregt durch eine harmlose Audienz, die tausend anderen Audienzen glich.

Elftes Kapitel
Elisabeth

Auf einer Lilie zittern
Zwei Tropfen rein und rund,
Zerfließen in eins und rollen
Hinab in des Kelches Grund.

Hebbel

Eisenach, den .......

Liebe Elisabeth!

D

D ein Brief hat mich hier in Eisenach gefunden, am Fuße der Wartburg, wo sich gestern Wichtiges entschieden hat. Ich habe dem Drängen Trotzendorffs nachgegeben und mich zu einer kurzen und konventionellen Audienz gestellt. Die Sache ist abgetan. Nun weiß und fühl' ich in scharfer Klarheit, wo ich fortan zu stehen habe: nicht im politischen, sondern im seelischen Deutschland.

Dein Brief klingt in Es-Dur, meine Elisabeth: feierlich und tief. Es ist darin Böcklins Grundfarbe: ein heiliges Dunkelblau. Ich danke Dir innig dafür, Du Gute! Zum erstenmal etwas wie ein Klang des Verständnisses, etwas wie ein Widerhall. Und das beseligt mich tief, denn ich bin unheimlich allein. Grade an Dir halte ich trotz alledem mit zäher Beharrung fest, Du meine erste und hoffentlich letzte Liebe! Du bist ein Glockenton meiner Jugend, Du bist meine Jugend selber, Du süße Gespielin von einst! Dich aus dem Herzen reißen, heißt ein Stück meines Herzens ausreißen. Dich umarmend hab' ich dort Wald und Seele unsrer Heimat umarmt; in Deinen Küssen war Tannenduft; wenn ich den Namen Elisabeth ausspreche, so sehe ich blühende wilde Rosen und mitten darin ein ernstes Kreuz.

Liebes Mädchen, ihr habt mich oft Spielmann genannt und mir sogar vorgeworfen, daß ich mit dem Leben spiele. Ach, laßt mir doch ein wenig Leicht-Sinn — nicht Leichtsinn —, laßt mich doch das Leben als ein sinnvoll Reigenspiel anschauen, wunderlich verschlungen und doch im ganzen voller Harmonie und starkem, heitrem Rhythmus! Laßt mich Spielmann bleiben im Unterschied von phantasielosem Philistertum! Nur der Freie kann und darf spielen; der Knecht front. Der Hasenfuß wagt nicht das schöne und kühne Spiel mit dem Abenteuer des Lebens.

Kind, das ist es ja, was ich Dir so oft verweisen mußte: Du bist immer viel zu sehr Fronerin gewesen, Du Gehorsame, und viel zu wenig frei Schenkende. Du hast Deinen engen und ängstlichen Moralismus nicht durch den Rhythmus mutiger Selbstbestimmung zu überwinden gewußt. Und so hab' ich mich zuletzt auch von Dir leidvoll zurückgezogen und mich abseits im heiligen Hain der großen Toten zu größerer Lebenserfassung herangebildet. Denn wahrlich waren und sind mir Offenbarungen der Weisheit und Schönheit unter allen Umständen wichtiger als das kleinmenschliche Verweilen bei jedwedem körperlichen Mißbehagen dumpfer unbedeutender Nebenmenschen, deren Sorglichkeiten Du so wichtig nimmst. Darum bin ich auch für all die modernen Denkmalsfeiern oder ähnliche Äußerlichkeiten des öffentlichen Lebens ebenso verloren wie für die Spezial-Zerpflückungen unserer wissenschaftlichen Kleinkrämer. Und solange dieser unmelodische Alexandrinismus meiner Zeitgenossen andauert, solange sie nicht mit mir das Große suchen, das Eine, was not ist, die Ideen und Urbilder — so lange gehe ich eben allein. Und solange Elisabeth in Ängstlichkeiten und Schicklichkeiten stecken bleibt, statt zu dem Manne ihres Herzens zu fliegen und sich mit ihm in große Geistes- und Herzenswelt emporzuheben — so lange gehe ich eben allein. Mein Fall ist kein Einzelfall: meine Not ist die Not der deutschen Seele.

Weib, wenn Du doch etwas von der verhaltenen, hochgestauten Kraft spürtest, die sich in mir gesammelt hat, die oft über die Ränder sprüht und Freunde sucht, Spielkameraden, Wandergenossen nach der Gralsburg! Weib, sei kühn! Weib, sei doch genial! Fühle doch, daß die Liebe zu dem Einen, der Dich wiederliebt, wertvoller und wichtiger ist als alle Krankenschwesterlichkeit der Welt! Wie oft hab' ich Dich gerufen, Elisabeth, meine deutsche Seele, und Du bist nicht gekommen! Sondern Du bist stecken geblieben in den Kleinsorgen der Alltagsmenschen, in der schicklichen Ordnung, in der biedern Mittelmäßigkeit, Du Brave, Du Allzubrave!

Siehst Du, Kind, und so vermag ich Deinem liebevollen und ungewöhnlichen Briefe leider, leider, leider nicht mehr recht zu vertrauen. Zürne mir nicht, daß ich Dir das ausspreche! Du hast mich zu oft allein gelassen.

Wenn ich aber ungerecht bin, wenn ich vergesse, wie oft auch ich Dir wehgetan und Deine heilige Ruhe gestört habe, Du frommes Wesen, sobald meine Ungeduld mit Deiner stillen und tiefen Geduld zusammengestoßen: so vergib mir! Der tiefste Grund meines Wesens ist dennoch Liebe — Liebe zu allen guten Menschen und ganz besonders Liebe zu Dir, Du Beste der Guten. Und so nimm das Ungeduldige in diesen raschen Worten nicht übel: sie sind nur wie Wolken vor dem Mondlicht meiner Liebe.

Gott behüte Dich, gute Elisabeth!

Dein Ingo.

**
*

Am Tage nach dem Wartburggespräch schrieb Ingo diesen Brief in seinem Hotelzimmer.

Die Stille des warmen und wolkigen Tages tat ihm wundersam wohl.

Als er nun aber das Schreiben noch einmal durchlas, schüttelte er den Kopf und legte den Brief in seine Schreibmappe.

„Nein, das kann ich nicht absenden”, sprach er zu sich selber. „Das ist ja nur wieder der alte Ruf der Sehnsucht: Elisabeth, komm zu mir! Ich fahre ja genau da fort, wo ich vor drei bis vier Jahren abgebrochen habe. Ich wiederhole mich ja, das ist ja geschmacklos. Sind wir wirklich in diesem blutarmen, kränkelnden, unheroischen Liebesverhältnis nicht weitergekommen? Dann tut's mir leid. Ich werde Elisabeths Brief überhaupt nicht beantworten. Hier fruchten keine Briefe mehr.”

Der Brief wurde nicht abgesandt.

Er nahm seine Arbeit wieder auf.

Seine Studien über den Gral hatten ihn zu Goethes Gedicht „Die Geheimnisse” geführt. Hierbei, Goethes Dichtungen durchblätternd, war ihm zum Bewußtsein gekommen, wie häufig der große Dichter das Wander-Motiv behandelt und vergeistigt: von dem jugendlichen „Wandrers Sturmlied” bis zu den reifen „Wanderjahren”. Er beschloß, diese Linie zu verfolgen und mit dem Gralsuchen in Beziehung zu setzen. Eben las er das edelschöne Gedicht vom Wanderer, der in Tempelruinen eine junge Frau findet, mit den weich hingleitenden Schlußworten:

„O leite meinen Gang, Natur
Den Fremdlings-Reisetritt,
Den über Gräber
Heil'ger Vergangenheit
Ich wandle.
Leit' ihn zum Schutzort
Vorm Nord gedeckt,
Und wo dem Mittagsstrahle
Ein Pappelwäldchen wehrt.
Und kehr' ich dann
Am Abend heim
Zur Hütte,
Vergoldet vom letzten Sonnenstrahl,
Laß mich empfangen solch ein Weib,
Den Knaben auf dem Arm!”

Er ließ das Buch sinken.

„Solch ein Weib ... den Knaben auf dem Arm!”

Sieh an, auch hier ein Wanderer, ein Hügel, ein Weib — und in der Nähe ein Säulenpaar! Natur und Religion und Poesie in eins zusammengeblüht! Tod und Leben in eins verschlungen: zerfallener Tempel und nährende Frau, die selber ein Tempel ist, ein Meistergebilde der Natur und der Gottheit! Sind nicht wir Deutschen geboren über Resten heiliger Vergangenheit? Daß ihr Geist auf uns ruhe und uns befruchte, Altes zu ehren und Neues zu schaffen und Gegenwart zu genießen wie dieses glückselig-gesunde Weib — eine Madonna mit dem Knaben auf dem Arm! „Das ist meine Hütte,” sagt sie, „eines Tempels Trümmer!” Ja, ein Tempel, verwandelt in eine Hütte der Liebe und des heiligen Lebens — eine Hütte, entsprossen aus den heiligen Stimmungen eines Tempels! Welche sinnige Verschlingung! Hier ist immer wieder das Ziel!

Ingo lief in seiner jugendstarken Gesundheit im Zimmer auf und ab. Er erlebte diese Zwiesprache mit dem Weib an der Tempelsäule; er war selber dieser Wanderer. Seine Betrachtungsweise war niemals bläßlich, immer warmblütig; denn er durchglühte auch geistige Stoffe mit der Kraft persönlichen Erlebens, so daß der Spielmann oft unseßhaft vom Buch aufsprang und laut mit sich selber sprach.

Wieder zum Buch zurückkehrend, schlug er aufs Geratewohl auf. Und — leiteten Geister vom Montserrat seine sinnvoll zugreifenden Finger? Er stieß auf die Randnoten, die Goethe selber zu seinem bedeutsamen Gedicht „Die Geheimnisse” niedergeschrieben hat. „Durch eine Art von ideellem Montserrat” sollte dort der Leser geführt werden — das waren die Worte, die ihn wie ein elektrischer Schlag berührten. Ihm, dem Goethekenner, waren diese Bemerkungen ganz aus dem Gedächtnis geschwunden. Nun sah er sein eigenes Suchen durch den Meister bestätigt. Denn hier stand es ja, hier klang es ja in die Worte aus: „ ... sich in den Gesinnungen befestigen, in welchen ganz allein der Mensch, auf seinem eigenen Montserrat, Glück und Ruhe finden kann.”

Auf seinem eigenen Montserrat!

Nicht im fernen Land, unnahbar euren Schritten — vielmehr hier und heute und überall, wo der Mensch seines göttlichen Mittelpunktes inne wird!

Welch ein Kraftgefühl, dieser Besitz!

Und doch — einer allein wird nie zulänglich sein, das Leben bedeutend und nutzwirkend zu einer Tempelburg zu gestalten, wenn er sich nicht bei aller eigenen Selbständigkeit verflechten kann mit anderen. Zur Monade trat schon bei Pythagoras, der selber seine Schülerin Theano zur Gattin erhob, die Dyade, die Triade, die heilige Tetraktis, die Vierzahl; und eins, zwei, drei und vier geben als Summe die Zehn, die heilige Dekade. Saßen nicht auf dem Montserrat zwölf Eremiten um den dreizehnten? Sind nicht zwölf Meister in diesem seltsamen Tempel der „Geheimnisse” mit einem dreizehnten als Oberhaupt? Immer strebt das Leben in eine Runde, eine Tafelrunde, eine kristallinische oder organische Bildung hinaus, in harmonische Vielheit — und wieder zurück zur umfassenden Einheit. Sind nicht alle Sonnen und Planeten, alle Lebewesen und alle Teile des Körpers aufeinander angewiesen und bilden miteinander das rhythmische Ganze?

So wogten seine Gedanken.

Der Einsame war in seinem unbefriedigten Schaffensdrang nahe daran, wehmütig zu werden. Aber in seinem gesunden Blutumlauf hatten weder Zweifel noch Grübelei Raum. Eine halbe Stunde später lag der Goetheband auf dem Teppich, und der glückliche Besitzer und Verehrer des Buches lag auf dem Diwan und schlief mit gekreuzten Armen.

**
*

Es klopfte leise an Ingos Tür.

Ingo schlief.

Es klopfte abermals.

Ingo schlief.

Die Tür tat sich auf, und eine Dame stand im Zimmer, ohne Hut und Handschuhe.

Jetzt fuhr der Schlafende empor und sprang sofort auf die Füße, verworren die Augen reibend.

Das Glück stand an der Tür.

Erst war er der Meinung, es hätte sich jemand in der Zimmernummer geirrt. Dann aber, obschon bereits Dämmerung war, erkannte er jählings, wer vor ihm stand.

„Elisabeth!”

Sie lehnte wortlos an der Wand. Sie konnte keine Silbe hervorbringen.

„Aber, Kind, meine gute Elisabeth, wie kommst denn du hierher?! Bist du hier abgestiegen? Hast du ein Zimmer hier im Hotel?”

Sie nickte. Ihre Brust arbeitete mächtig.

„Wohnst am Ende gar im Zimmer gegenüber, das Trotzendorff gestern verlassen hat? Das ist ja ein entzückender Streich! Und ganz aus eigenem Entschluß?”

Sie nickte wieder, kurz und heftig. Aber dann hielt sie's nicht länger aus — mit einem jähen Laut „Ingo!” flog sie ihm um den Hals — und ihre Arme umschlangen ihn — und Mund lag auf Mund. Aus ihrer Brust kam ein Ton wie Jauchzen und Angst. Sie ließ ihn nicht los, sie trank seine Küsse, sie suchte immer wieder seinen Mund und preßte ihn mit der ganzen Stärke ihrer starken Arme an ihre wogende Brust.

Und alle Gedanken, Programme, Ideen, die soeben diesen Raum erfüllt hatten — versunken! Nein, verwandelt! In Leben verwandelt! Verwandelt in den einen großen Ton elementarer Liebe, in diese Flut ungestüm andrängender Liebe, in diesen überwältigenden Duft blühenden Lebens — ganz verwandelt in dieses atmende, glühende, sinnenstarke und doch so stolze und herbe Mädchen, das sich nur dem einen Manne auftat!

Umwogt und umwunden von diesem langen Haar mit dem natürlichen Duft, saßen sie wie einst im Wald und wurden nicht satt, sich Kosenamen zu stammeln. Ihr Mund, ihre Augen, Ohren, Hals und immer wieder ihr Mund wurden von Ingos Küssen überdeckt; und wenn er den Kopf an ihrem Halse barg, war sie es, die seine Lippen wie in Angst aufsuchte und unzählige Male immer nur das eine Wort wiederholte: „Mein, mein, mein!”

Ingo hatte nie gewußt, wie ein Weib lieben kann, hatte nie gewußt, wie dieses Weib lieben konnte. Mit dem ganzen, zarten, weichen, vibrierenden Organismus liebt das Weib, ihr Körper ist Liebe, ihr Körper ist Sprache ohne Worte. Mächtiger als der Mund allein spricht und jauchzt das ganze Wunderwerk Weib dem Geliebten entgegen. Die Zeit blieb stehen; sie achteten nicht, ob Sonne oder Mond am Himmel stand; sie hatten ja ewig zusammengehört, von Anfang der Welt an, als noch keine Zeit war. Sie hatten sich gesucht durch Jahrtausende seit der alten Atlantis und jetzt gefunden, hier am Fuße der Wartburg, hier im Herzen Europas.

Allmählich stellten sich dann doch Worte ein, süßes Raunen, töricht holde Melodie, innige Koseworte und Wort-Erfindungen, immer wiederholte Fragen, die keine Fragen waren.

„Du bist mein, nicht wahr, ganz allein mein? Ich hab's ja nicht mehr aushalten können! Ach Ingo, sag's, nicht wahr, ich verliere dich nie mehr, nie mehr, nie mehr?”

„Bis in den Tod, Elisabeth!”

„Bis in die Ewigkeit, Ingo! In alle, alle Ewigkeit! Ewig, ewig, ewig dein!”

Sie erzählte, daß sie keiner Menschenseele von dieser Fahrt nach Eisenach gesagt habe, sondern nach Weimar gefahren sei, um Tante Adelheid zu besuchen. Von dort kam sie her. Sie sprach von allem, was bisher die Liebenden getrennt, sie sprach abgerissen, in Worte zusammendrängend, ohne Satzbildung. Aber sie verstanden sich doch. Es durchflutete die beiden Menschen, die sich so lange gesucht hatten, ein Empfinden, das ihnen bisher unbekannt war: der Jubel der Erfüllung.

Und er gedachte jenes Ringes, den er in Genf gekauft. Er tastete danach, immer noch in ihre herrliche Haarflut gehüllt, und steckte ihn an ihren Finger und zog ihren Schmuckring ab und steckte ihn sich selber an.

„Meine Braut! Mein Weib!”

„Bin ich das? Bin ich dein Weib?”

„Meine Frau halt' ich im Arm! Und was bin ich?”

„Mein süßer Liebster, mein Bräutigam, mein lieber, lieber Mann!”

Ihre Stimme war Herz und Seele; wie ein Kind lag sie an seinem Halse. Die Qual und Spannung von Jahren löste sich in diesen heilig-seligen Augenblicken mit erschütternder Gewalt.

Draußen, weit wo im Westen, flammte ein spätes Abendrot: unter schwarzen Wolkenmassen ein roter Feuerstreifen, als winkte dort, jenseits der Wasser, ein leuchtendes Land.

Zwei Menschen trieben auf einer Planke dem Lande der Liebe zu.

**
*

Meine gute Friedel!

Ich habe mich soeben hier in Eisenach mit Elisabeth verlobt. Du sollst die erste sein, die es erfährt, Du, der ich so Unvergängliches verdanke. Ich bin glücklich, Friedel. Mein Herz ist bis obenan voll Dank. Nebenbei war ich gestern auf der Wartburg und hatte die Ehre, Seiner Majestät vorgestellt zu werden. Aber nicht dahin geht mein Weg, sondern in die arbeitsame Stille — mit Elisabeth. Bleibt gut, Du und Richard,

Eurem alten Ingo.

Nachschrift. Liebe gnädige Frau! Ingo bittet mich, einen Gruß darunter zu schreiben. Gern tue ich das. Ich bin Ihnen von Herzen gut und bitte auch Sie um Ihre Freundschaft. Wie glückselig ich bin, das vermag kein Mund auszusprechen.

Ihre Elisabeth.