6. Kapitel
NAPOLEON III. UND DIE ROSENKREUZER EIN UNGEWÖHNLICHER MANN UND EINE UNGEWÖHNLICHE THEORIE

Beverly fuhr in seiner Erzählung fort: »Ich habe schon von dem Fluch erzählt, der über mich verhängt ist; – daß ich zu ewigen Verwandlungen verdammt bin, wenn ich nicht durch die Ehe mit einer Frau erlöst werde, in deren Adern kein Tropfen vom Blute Adams kreist – und auch das nur, wenn eine vollkommene gegenseitige Liebe besteht. Dieser Fluch hat mich mit gewissen Wesen, Mächten und Einflüssen in Berührung gebracht, wie schon andere vor mir, und schließlich wurde ich ein freiwilliger Adept der Geheimnisse der Brüderschaft der Rosenkreuzer. Wie, wann und wo ich würdig befunden wurde, aufgenommen zu werden, darf ich natürlich nicht sagen; es mag genügen, daß ich zu dem Orden gehöre, daß ich – nachdem ich auf gewisse Dinge hatte verzichten müssen – zu der Genossenschaft der Lebenden, der Toten und derer, die niemals sterben, sowie zu den berühmten Derishavi-Laneh zugelassen wurde und daß ich mit den letzten Geheimnissen der Fakie-Deeva-Register vertraut bin. Im Leben habe ich immer drei große Möglichkeiten vor mir gehabt: Eine davon ist die, daß ich – da ich eine neutrale Seele bin – nach meinem Tode der Führer eines hohen Ordens, das ›Licht‹ genannt, werden würde. Die zweite wäre die Berufung zur Führerschaft des ›Schattens‹, eines entgegengesetzten Ordens, gewesen. Die dritte, die ich am meisten fürchte, ist die, daß der vor vielen Menschenaltern ausgesprochene Fluch eines Sterbenden, ich müsse in verschiedenen Körpern auf der Erde umherwandern, ewige Dauer erlangen könnte, wie ich schon erzählt habe, wenn ich nicht durch die treue Liebe eines Weibes losgekauft werde, in deren Adern nicht ein Tropfen von Adamsblut fließt. Es ist mein sehnsüchtiger Wunsch, alle diese drei Möglichkeiten zu vermeiden und des Loses anderer Menschen teilhaftig zu werden.

Ich habe noch andere geheimnisvolle Dinge zu erzählen. Ohne Zweifel erinnern Sie sich, daß jener Fluch von dem jungen Dichter ausgestoßen wurde und daß die geheimnisvolle Stimme in dem Gefängnis, wo er erschlagen wurde, erklärte, daß jener Jüngling fortan, bis der Fluch erfüllt sei, durch alle Zeiten als der ›Fremde‹ bekannt sein solle. Nun gut, im Verlauf der Jahrhunderte wurde dieser Fremde Mitglied einer erhabenen Brüderschaft des Jenseits mit dem Namen ›das Licht‹. Sie wissen auch, daß ich, der König, verurteilt wurde, bis zu meiner Erlösung rastlos umherzuwandern, und Sie wissen auch, daß dem Wesir, der den Namen ›Dhoula Bel‹ erhielt, ein seltsames Geschick auferlegt wurde. Auch er wurde ein tätiges Mitglied einer ausgedehnten Vereinigung im Weltraum, des ›Schattens‹. Das ist jedoch nur die eine Hälfte des Geheimnisses, denn Dhoula Bel und der Fremde hatten es sich zur Aufgabe gemacht, aus mir ein in jeder Beziehung neutrales Wesen zu machen, eines, das keine Neigungen zum Guten oder zum Bösen, sondern nur zu rastlosem Streben haben sollte.

Bei einem meiner zahlreichen Aufenthalte in Paris wurde ich mit einigen hervorragenden Rosenkreuzern bekannt und als ich ihre seelische Tiefe maß, fand ich das Wasser sehr seicht und sehr schmutzig – wie dies ja auch bei denen gewesen war, die ich in London getroffen hatte. Schließlich bekam ich eine Einladung von dem Baron D…t, an einer mesmeristischen Sitzung teilzunehmen. Ich ging hin und der Ruf, den ich dabei erlangte, bewirkte, daß ich schon nach einigen Tagen auf Befehl Kaiser Napoleons III.[3], der 34 Jahre lang ein treuer Rosenkreuzer gewesen war, in die Tuilerien entboten wurde. Ich war schon vorher mit ihm am gleichen Orte, aber in einer anderen Angelegenheit zusammengetroffen. Was damals, soweit ich als tätiger Teilnehmer in Betracht kam, geschah, das zu sagen steht mir nicht zu, außer daß gewisse Experimente in ›Hellseherei‹ als sehr gut gelungen bezeichnet wurden.

Bei dieser Gelegenheit spielte ich Schach und Karten mit verbundenen Augen und gewann, ohne daß ein Wort gesprochen wurde. Dabei fanden die Spiele gleichzeitig statt und die Spieler saßen in drei getrennten Zimmern. Es war auch ein italienischer Edelmann mit einem unaussprechlichen Namen da, ferner ein russischer Graf Tsowinski und eine Frau Dablin, eine Mesmeristin und Opernsängerin. Nach einer Weile fragte der Kaiser die Kaiserin und den General Pellissier, den späteren Herzog von Malakoff, ob sie sich einem magnetischen Versuch durch einen der drei genannten Lehrer dieser Kunst unterziehen wollten. Sie stimmten zu, worauf der Kaiser mit lauter Stimme fragte, ob jemand aus der Gesellschaft geneigt sei, in eigener Person die magnetischen Kräfte seiner Exzellenz des italienischen Grafen zu bestätigen, dessen Methode beim Magnetisieren sich völlig von der damals allgemein üblichen unterschied. Er pflegte nämlich, wie der Schauspieler Boucicault in seinem berühmten Spiel ›Das Gespenst‹, nicht herumzugehen, auch blickte er die Versuchsperson überhaupt nicht an.

›Mit dem größten Vergnügen,‹ erwiderte der Graf auf die Aufforderung, seine seltsamen Kräfte vorzuführen, ›mit dem größten Vergnügen, Majestät‹. Und sogleich wandte er sich um und blickte starr in einen großen Spiegel, der den ganzen Raum zwischen den Fenstern des Salons einnahm. Als er sprach, kam es mir plötzlich zum Bewußtsein, daß ich diesen italienischen Rosenkreuzer schon einmal getroffen hatte, aber ich hätte um den Preis meines Lebens nicht sagen können, wo. Doch war ich völlig sicher, seine Stimme schon gehört und noch sicherer, sein seltsames, süßliches Lächeln schon gesehen zu haben.

Der Graf stand so vor dem Spiegel, daß, wenn sein Auge eine leuchtende Flamme gewesen wäre, die von dem Spiegel zurückgeworfenen Strahlen mitten auf die Stirne eines aus unserer Gesellschaft getroffen hätten; dieser jedoch argwöhnte nicht das Geringste. Er merkte es erst, als es zu spät war und als der Experimentator ihn in den Brennpunkt seiner Sehstrahlen brachte, die Fäuste ballte, mit zehnfacher Konzentration in den Spiegel blickte und einige unverständliche Worte vor sich hin murmelte; – und schon fiel der andere zu Boden, wie wenn ihn eine Kugel ins Herz getroffen hätte, oder wie wenn er mit einer Keule niedergeschlagen worden wäre. Alles fuhr auf und jeder glaubte, es handle sich um einen Schlaganfall – ausgenommen der Kaiser, der Experimentator, ich und der Russe.

Einige eilten herbei, um ihn aufzurichten, aber bevor sie dazu kamen, sprang er auf die Füße und begann zu tanzen und zu singen (im gleichen Moment begriff die Gesellschaft, daß es sich um ein mesmeristisches Phänomen handelte), um gleich darauf für sein Leben zu flehen, wie wenn er mit der Aussicht auf Gefängnis oder Hinrichtung vor seinen Richtern stände. Alles war von dem Vorfall im höchsten Grade hingerissen.

Plötzlich verwandelte sich diese Gerichtsszene in eine musikalische, ohne daß der Graf ein Wort gesprochen hätte, und obgleich der Betreffende sonst durchaus nicht singen oder musizieren konnte, spielte er jetzt mehrere schwierige Stücke auf der Harfe und dem Klavier, sang selbst den Text dazu und das in so hervorragender Weise, daß alle Anwesenden unwillkürlich applaudierten.

Plötzlich unterbrach er sein Spiel und trat genau an die gleiche Stelle, an der der Italiener vorher gestanden hatte und starrte wie er in den Spiegel. Zwanzig Sekunden später stürzte ein anderer Herr, der im Brechungswinkel der reflektierten Strahlen stand, zu Boden und als eine Dame ihm zu Hilfe eilen wollte, und dabei zufällig in den Bereich der Sehstrahlen geriet, hob sie ihn so leicht auf, als wäre er eine Puppe gewesen und begann mit ihm einen geradezu unbeschreiblich wilden Tanz. Dies wirkte ansteckend, denn in weniger als einer halben Minute wirbelten, sprangen und flogen wohl siebzehn Personen, würdige Lords und vornehme Damen, wilder als Bacchanten durch den Saal. Sie hatten sich alle der Reihe nach gegenseitig hypnotisiert. Über alle Maßen erstaunt, zog ich mich, um die weitere Entwicklung der Szene besser zu beobachten, nach der entgegengesetzten Seite des Salons zurück und lehnte mich an eines der beiden dort stehenden kolossalen japanischen Götterbilder. Niemand war in meiner Nähe. Und in meiner Überraschung murmelte ich leise: ›Welch erstaunliche Kraft!‹ Ich bin fest überzeugt, daß selbst ein ganz nahe bei mir Stehender nicht hätte verstehen können, was ich sprach, und doch hatte ich diese Worte kaum geäußert, als sich der Graf auf dem Absatz umdrehte, auf mich zukam und mit einem seltsamen süßlichen Lächeln sagte: ›Diese ganze Kraft ist die Ihre, wenn Sie nur ein einziges Wort sprechen.‹

›Was für ein Wort?‹ fragte ich, verblüfft, daß jemand so schnell meine Gedanken hatte lesen können, denn er konnte meinen Ausruf unmöglich gehört haben.

›Daß Sie sich freiwillig der erhabensten Brüderschaft anschließen wollen, die es je auf der Erde gegeben hat. Überlegen Sie sich's. Wir sprechen uns später!‹

›Wann? Wo?‹ fragte ich hastig, denn die erlauchte Gesellschaft und insbesondere der Kaiser, der uns unter seinen buschigen Brauen hervor ebensoviel Aufmerksamkeit schenkte, wie den wunderbaren Vorgängen im Saale, beobachteten uns fortwährend.

Er antwortete nicht ohne weiteres, sagte aber schließlich: ›Durch die Ausübung der Macht, die ich besitze und Ihnen übertragen will – bedingungsweise natürlich. Sie werden fähig sein, jeden Menschen der Sprache zu berauben und Mann, Weib oder Kind vollkommen Ihrem stummen Befehl dienstbar zu machen, wie die Leute dort meinem Willen dienstbar sind. Da lebt hier z. B. in Paris ein gewisser Jean Boyard, der durch einen bloßen Blick jeden beliebigen Gegenstand auf sich zutanzen lassen kann. Sie werden ihn um das fünfzigfache übertreffen! Auf dem Boulevard du Temple läßt ein gewisser Hektor eine Rose aus einer grünen Knospe in sieben Minuten voll erblühen. Sie werden es in einer Minute tun können.

In der Rue du Jour lebt eine weise Frau, die alle Übel heilt, die überhaupt heilbar sind, und zwar durch bloße Berührung und durch Gebet: Sie werden mehr leisten, als sie je zu hoffen wagen darf. Sie brauchen nur zu sagen: ›Ich will diese Kräfte haben.‹ Und sie werden Ihnen zu Gebote stehen, und sie sind wahrhaftig des Besitzes wert. Ich habe meine Geheimnisse unter den Magiern des Ostens erlernt – Männern, die nicht halb so zivilisiert sind, wie wir im Westen, die aber trotzdem ein gut Teil mehr wissen als die Weisen der Christenheit – nicht von Technik, Politik und Finanzwesen, sondern von der menschlichen Seele, ihrer Natur, ihren Kräften und den Methoden ihrer Entwicklung. Anstatt der modernen wissenschaftlichen Entdeckungen auf diesem Gebiet froh zu sein, schämen wir uns des ›Wahren Tempels‹ … ›Was für ein Tempel?‹ unterbrach ich ihn. Der ›Hohe Dom des Rosenkreuzes‹‹, sagte er.

Der Kaiser mußte diese Frage und die Antwort gehört haben, denn er ging gerades Wegs zu uns herüber, um an unserer seltsamen Unterhaltung teilzunehmen. Der Graf verneigte sich und schien durch die Gegenwart des großen Gründers des zweiten Kaiserreiches nicht im geringsten in Verlegenheit gebracht.

›Was ich sagen wollte‹, nahm er den Faden wieder auf, ›anstatt über das, was die Wissenschaft geleistet hat, in Ekstase zu geraten, schämen wir uns vielmehr über den zögernden Gang des ›Fortschritts‹ – ja: ›Fortschritts!‹ Wo sehen Sie denn einen Fortschritt, außer im Elend, in der Armut, im Verbrechen, in der Unterwürfigkeit? Fortschritt ist mehr Phantasie als Wirklichkeit. Zivilisation ist ein Irrtum, Utilitarismus eine Entweihung der Menschenseele, Philosophie ist Betrug und Gelehrsamkeit Lüge.

Ich war froh, daß der Kaiser gerade in diesem Augenblick zu uns getreten war, und zwar aus zwei Gründen: einmal, weil ich hören wollte, was er darauf zu sagen hatte, und dann, weil ich sehen wollte, ob die Hypnotisierten unter dem Einfluß des Grafen bleiben würden, wenn seine Aufmerksamkeit von ihnen abgelenkt und auf andere Dinge gerichtet war.

›Kehren Sie sich nicht an das, was er da erzählt‹, sagte der Kaiser zu mir, ›diese Mesmeristen sind alle ein wenig verrückt.‹ Und er lächelte, während der Italiener die Achseln zuckte und ausrief:

›Doch mit Methode!‹

Dann wandte der Italiener seine Aufmerksamkeit wieder der Gesellschaft zu, tat durch irgendeine unerklärliche Macht ihrem Tanze Einhalt und brachte sie wieder in ihren normalen Zustand zurück, nahm dann gleich darauf Mme. Dablin aufs Korn, die stracks mit geschlossenen Augen auf ein großes Piano zuging, mit unvergleichlicher Geschicklichkeit wie zum Vorspiel über die Tasten fuhr und dann eine der seltsamsten, glänzendsten und dabei wildesten und zauberischsten Phantasien, die je ein Genie erträumt, zum Besten gab. Mein ganzes Wesen aber war in diesem Augenblick von weit wichtigeren Dingen erfüllt, als von diesem Experiment, so interessant es auch sein mochte. Denn im besten Falle konnten seine Wirkungen und die Erinnerung daran nur vorübergehend und ephemer sein, sagte ich mir, während die Dinge, die ich von dem Italiener lernen konnte, im Gegenteil so lange dauern würden, als meine Seele ihr Bewußtsein behielt. Der Kern der Antworten, die er auf meine und des Kaisers Fragen gab, war folgender:

›Die Seele und ihre Eigenschaften, ihre Leidenschaften und ihr Ausmaß drückt sich im körperlichen Wesen deutlich aus und ist für alle ohne weiteres klar, die den Schlüssel dazu besitzen. Für alle anderen ist es schwierig, diese Zeichen richtig zu deuten und noch schwieriger, die gegenwärtige, die mögliche und die relative Stärke und den Wert jeder Eigenschaft zu erkennen. Jede Handlung eines Menschen wirkt sowohl auf seinen Körper wie auf seine Seele ein, und die Spuren dieser Einwirkungen sind für immer in seinen Gesichtszügen wahrzunehmen. Daher kann der Adept leicht seine Vergangenheit – sogar seine geheimsten Taten oder Gedanken – erkennen, und zwar so leicht, wie wenn sein Gesicht eine bedruckte Seite mit großen, schönen, klaren Lettern wäre. Jeder Mensch kann auf mesmerischem Wege von einem anderen ausgeforscht werden, weil kein Mensch im ganzen genommen stärker ist als seine schwächste Eigenschaft: eine Kette ist nicht stärker als ihr schwächstes Glied. So hypnotisiere ich jetzt die Menschen, weil ich auf den ersten Blick die verwundbarste Seite ihres Wesens erkenne. Selbstliebe, Eifersucht und Wille ist die einige Dreiheit, um die sich das Seelenleben dreht. Eins von diesen ist immer verwundbar; unterwerfen Sie sich dieses und Sie haben den ganzen Menschen unterworfen. Wenn ich hier solche Experimente vollführe, wie Sie sie soeben gesehen, dann mesmerisiere ich zunächst nicht das ganze Gehirn, sondern eine einzelne Eigenschaft desselben, die bald auch die übrigen nach sich zieht. Der Geist des Menschen ist ein Spiegel! Das werden Sie zugeben. Nun gut, ich schalte dann meinen eigenen Geist vollständig aus: ich denke nämlich an gar nichts anderes, als an ein in Umdrehung begriffenes Rad. Die Versuchsperson spiegelt diese Tätigkeit wider; dann singe, tanze, spiele ich in meiner Phantasie und der Magnetisierte spiegelt meine Gedanken durch die entsprechenden Handlungen wider.‹

›Aber angenommen, Ihre Versuchsperson besitzt die Fähigkeiten dazu nicht, wie dann?‹

›Alle Seelen haben diese Fähigkeiten. Die Körper freilich nicht, aber ich bringe ja die Seele unter meine Gewalt, nicht nur den Körper.‹

›Das ist eine gefährliche Macht‹, meinte der Kaiser, ›und nur ein guter Mensch sollte sie besitzen.‹

›Ein schlechter Mensch kann kein wahrer Rosenkreuzer werden, obgleich die Menschen ihre Waffen gegen die Mitglieder der Brüderschaft gekehrt haben, und ihre Geheimnisse wie ja auch sonst alles, was dazu gehört, zu unlauteren Zwecken mißbraucht worden sind. Es kann ein Kundiger einen Kranken durch diese Kraft heilen, aber er kann auch einen Gesunden damit töten; tatsächlich ist dies schon oft geschehen, besonders bei den Eingeborenen Afrikas.

Ich stelle mir z. B. vor, daß Sie krank und am Sterben sind, und wenn ich diesen Wunsch und Willen aufrecht erhalte, so ist nichts sicherer, als daß er in Erfüllung gehen wird. Manche Leute besitzen von Natur eine ungeheure Willenskraft und sind sogar fähig, sichtbare Bilder hervorzubringen. Bilder von allem, was sie sich gerade vorstellen – etwa von einer Blume, einer Hand, einem Arm, einer menschlichen Gestalt – und diese Erscheinungen werden dann von Scharen verblüffter Zuschauer gesehen, die in ihrer vollständigen Unwissenheit und Unkenntnis des menschlichen Geistes und Körpers und ihrer gegenseitigen Kräfte sie für die Geister toter Menschen halten.‹

Der Kaiser bat nun den Grafen, aus eigener Kraft Geisterphänomene vorzuführen, was dieser sofort versprach. Er eilte mehrmals rasch im Saale hin und her, gab Befehl, das Licht zu verringern; dies geschah; dann trat er wieder wie vorher vor den Spiegel, wo er eine oder zwei Minuten lang stehen blieb. Endlich wiederholte er kurz und scharf dreimal das Wort: ›Seht her!‹ Wir taten es und wirklich: die Flammen tausend leuchtender Blitze zuckten über die Oberfläche des Spiegels, den Boden, die Decke und die Wände; bald in Gestalt von Gabeln, bald wie Ketten eines elektrischen Fluidums, bald verwandelten sie sich in feurige Eicheln, die sich allmählich zu einer flammenden Krone vereinigten; einen Augenblick schwebte sie über der Gesellschaft und schließlich blieb sie etwa fünf Zoll über dem Haupte Napoleons stehen – eine Krone von Feuer.

Nachdem er einen so glänzenden Beweis seiner fast unglaublichen Macht gegeben hatte, wandte er sich an mich, wiederholte seine Einladung, ich möchte ein Akolyt des ›Tempels‹ werden und sagte noch einmal, wir würden uns später noch begegnen. Bald darauf war die Sitzung zu Ende und ich verließ den Palast um ein bedeutendes klüger als bei meinem Eintritt fünf Stunden vorher.


Eines Nachts kam ich nach Monte Carlo, um mir den ›Barbier von Sevilla‹ anzuhören und dem herrlichen Gesang eines Mario, Grisi oder einer Gassier zu lauschen. Ich war über all meinen Kummer hinausgehoben durch die ›Musiklektion‹ dieser berühmten Sängerin und summte auf dem Heimweg die gehörten Melodien vor mich hin, und als ich schon im tiefen Schlafe lag, klangen sie noch lange in meinem Ohr nach. Ich war zu Bett gegangen. Mit all der Vorsicht, die die Amerikaner im allgemeinen und die Kalifornier ganz besonders an sich haben, – deren Gewohnheiten ich angenommen – hatte ich vor dem Schlafengehen das ganze Zimmer untersucht, um zu sehen, daß alles sicher und in richtiger Ordnung war. Nachdem ich dann noch Türen und Fenster gewissenhaft geschlossen, schlief ich bald ein. Unter meinem Kopfkissen lag meine Geldkatze mit etwa 2000 Golddollars und ein scharf geladener Revolver, der einmal einem meiner Bekannten in Kalifornien gehört hatte.

Am Morgen war das Zimmer noch genau so wie am Abend vorher, aber der Revolver war entladen und das Gold lag auf dem Tisch, und zwar in Form eines Dreiecks angeordnet, an dessen Spitze der Buchstabe ›R‹ thronte. An der Brust meines Schlafanzuges aber war mit einigen Nadeln ein Brief in englischer Sprache in einer kühnen, klaren Handschrift, in roter Tinte, angeheftet. Am Abend war dieser Brief noch nicht dagewesen – menschliche Hände konnten ihn nicht hieher gebracht haben. Ich las: ›Vergiß den Zweck nicht, um dessentwillen Du den Ozean überquert hast, denn Dein Unternehmen betrifft die kommenden Jahrhunderte der Welt! Es ist noch nicht vollendet. Vollende es! Ich will Dir dienen und Dich retten. – E.‹

Ich war wie vom Blitz getroffen. Wieder kreuzte ein geheimnisvolles Wesen meinen Weg, ein Wesen, dessen Reich das Hier und Drüben war und dessen Willen mich in einen feurigen Ring einschloß, aus dem es kein Entkommen gab. Ich war in Verzweiflung, denn schon hatten sich graue Haare auf meinem Haupte gezeigt; ich fühlte, daß ich vorzeitig alt wurde und immer weniger durfte ich mit der Möglichkeit rechnen, daß ich, ein Sohn Adams, mich jemals mit einer Tochter Ichs vermählen würde.«