Die goldene Sonne ging unter, der Tag sank unter seine purpurnen Decken im glühenden Westen. Arbeitsmüde Bauern wanderten langsam ihren Weg nach Hause zum Abendessen. Noch saß der Wanderer an der Landstraße; noch fielen seine Tränen und wenn die Heimkehrenden an ihm vorbeikamen, machten sie wohl Bemerkungen über ihn, ohne sich darum zu kümmern, ob er sie hörte oder nicht. Zuletzt kamen drei Personen des Wegs, von denen zwei unzweifelhaft Indianer waren, während es bei der dritten, einem Mädchen von einzigartiger Gestalt, Grazie und Gesichtsfarbe und ungewöhnlicher Schönheit sehr schwer war, ihre Rassenzugehörigkeit zu bestimmen. Sie war etwa vierzehn Jahre alt. Der Knabe, der sie und den alten grauhaarigen Indianer begleitete, mochte gegen zwölf Jahre zählen. Dieser Junge nun bemerkte den Fremden zuerst.
»O, Eulampia,« sagte er, »sieh doch! Da sitzt ein Mann und weint, ich will ihm helfen!« Er redete in seiner Muttersprache. Er war ein Vollblutindianer, furchtlos, lebhaft und edelmütig. Er war vom Stamme der Oneida, die zu den Mohawks gehören. Unglück sehen und zu Hilfe eilen war für ihn ein und dasselbe, wie es auch bei seinem Volke gebräuchlich war, bis es durch schlechte Sitten und durch eine noch schlechtere Schutzherrschaft »kultiviert« und »zivilisiert« wurde. Der Indianer hieß Ki-ah-wah-nah (der Lindernde und Tapfere) und war der Häuptling des Stockbridge-Zweiges der Mohawks. Das Mädchen, Eulampia, war dem Namen nach sein Enkelkind, in Wirklichkeit aber hatte sie außer Kleidung, Sprache und Erziehung nichts Indianisches an sich, obgleich man sie wohl für einen Mischling hätte halten können. Ihr Name war neugriechisch, aber ihre Züge und ihre Gesichtsfarbe erinnerten nicht mehr an die der schönen Bewohner der Gestade des Bosporus als an die der Indianer oder Angelsachsen. Vor vielen Jahren war das Mädchen von einer Frau, die zu einer Bande wandernder Zigeuner gehört, dem Häuptling gebracht und für eine Woche seiner Obhut übergeben worden. Diese Frau hatte, durch den Ruf der Neuen Welt angelockt, ihre europäische Heimat verlassen und die See durchquert, um eine goldene Ernte zu sammeln. Die Zigeunerbande hatte sich fast ein Jahr lang in Cornhill in Utica aufgehalten und dann von dort das Land in weitem Kreise durchzogen. Die Frau war niemals zurückgekommen, um ihr Kind wieder zu holen, denn die übrigen Mitglieder der Gesellschaft brachen plötzlich auf. Der alte Häuptling, der Eulampia als Kind übernommen hatte, gewann sie, als sie heranwuchs und größer wurde, ebenso lieb wie wenn sie eine Frau seines eigenen Stammes gewesen wäre. Dies war keineswegs verwunderlich, denn ihr überlegener Geist erzwang sich bald Achtung und Bewunderung. Keine einzige der ethnologischen, körperlichen oder seelischen Eigenheiten der Zigeunervölker war an ihr wahrzunehmen und kluge Leute vermuteten deshalb, sie sei irgendwo von jenem Weibe gestohlen worden, das sie aus Furcht oder Berechnung ihrem Schicksal und der Fürsorge des guten alten Indianers überlassen hatte. Sie galt weit und breit nicht nur als die Schönste, sondern auch als die Gescheiteste unter all ihren Altersgenossinnen und war die unbestrittene Königin jener Indianerreservation, nicht von Rechts wegen, sondern durch ihre geistige Überlegenheit.
Dies war also die »hellstrahlende« Jungfrau, die sich jetzt, durch die Rufe des Knaben aufmerksam gemacht, dem jungen Beverly näherte. Als sie sein Äußeres gewahrte, das von Not und Kummer Zeugnis ablegte, legte sie ihre zarte Hand sanft auf sein Haupt und sagte mit einer ungemein herzlichen und sympathischen Stimme: »Mann mit dem schweren Herzen, warum weinst du da? Ist deine Mutter vor kurzem gestorben?«
Der junge Mann hob den Kopf, sah das Mädchen in seiner blendenden Schönheit vor sich und entgegnete, nachdem er einen Augenblick gezögert hatte, wobei ihn ein Schaudern wie von einer schmerzlichen Erinnerung überlief, mit leiser Stimme: »Nein; es kann nicht sein! – es kann nicht sein! – Und gar in diesem Teil der Welt! Nein!« Dann fügte er hinzu: »Mädchen, ich bin allein und das ist's, warum ich weine. Ich bin noch jung, aber das Gewicht von Jahren des Kummers lastet schwer auf mir und drückt mich nieder. Heute ist der Jahrestag des Todes meiner Mutter und ich begehe ihn immer in Tränen und Gebet. Seit sie zum Himmel heimging, habe ich keinen wahren Freund gehabt, und mein Los und Leben ist Elend. Die Menschen nennen sich meine Freunde und beweisen es, indem sie mich berauben. Vor kurzem kam einer zu mir – er war sehr reich – und sagte: ›Man sagt mir, daß Ihr sehr geschickt in der Behandlung von Kranken seid. Kommt; ich habe eine Schwester, die die Ärzte bereits aufgegeben haben. Ich liebe sie, Ihr seid arm, ich bin reich. Rettet sie; Gold wird Euer Lohn sein.‹ Ich ging, die Ärzte hatten sie aufgegeben und nur zwei Möglichkeiten gab es noch, ihr Leben zu verlängern – entweder die Übertragung von Blut aus meinen Adern in die ihrigen, oder eine Übertragung des Lebens selbst. Ich war jung und kräftig und wir beschlossen, den letzteren Weg einzuschlagen. Und Monate lang saß ich nun – während der Zeit von drei Jahren – bei der armen Kranken und ließ ihren zerstörten Körper auf magnetischem Wege wieder Leben gewinnen, ohne darauf zu achten, daß ich dabei meine eigene Gesundheit untergrub. Schließlich brach ich vor Erschöpfung und Krankheit zusammen und war, nur um mein Leben zu retten, genötigt, das magnetische Band zwischen uns zu lösen und nach Europa zu gehen. Kaum war die Verbindung unterbrochen, so sank sie ins Grab. Falsche Freunde haben mich betrogen und mich an den Bettelstab gebracht. Du weißt jetzt, warum ich traurig bin, Mädchen mit dem guten Herzen! Ich bin schwach heute abend; der Morgen wird mir wieder Kraft bringen. Sieh, die goldene Sonne geht im Westen unter. Ich fürchte, meine Sonne geht auch unter und die lange, lange Nacht des Elends wird folgen.«
»Du sprichst gut, Mann mit der wunden Seele,« entgegnete sie, »du sprichst gut, wenn du sagst, daß die Sonne untergeht; aber du scheinst zu vergessen, daß sie wieder aufgehen und so hell wie heute scheinen wird! Alte Leute sagen, daß die finsterste Stunde die vor dem Anbruch des Tages ist. Ich bitte dich, fasse Mut. Du kannst trotzdem glücklich sein!«
»Genau der Wahlspruch der geheimnisvollen Brüderschaft! – Genau die Worte meiner toten Mutter! Wie ist dieses Mädchen dazugekommen? Wann? Wo? Durch wen?«
Beverly stutzte und blickte in die dunkle Tiefe ihres Auges. Er wollte schon die Fragen an sie stellen, die sich ihm soeben aufgedrängt hatten, tat es dann aber doch nicht.
»Wir können alle trotzdem glücklich sein,« wiederholte sie, »denn der große Geist hat es mir gesagt«, und sie faltete ihre Hände über ihrer jungfräulichen Brust – glühend von unsterblicher Glut und Begeisterung. Und sie warf mit einem Ruck ihres Hauptes ihr langwallendes schwarzes Haar zurück und stand da als die vollkommene Verkörperung von Treue und Hoffnung, wie wenn ihre emporgewandten Augen ein Gottesblick vom Himmel herab träfe. Der alte Häuptling und der Knabe an ihrer Seite sagten nichts, aber jeder faltete instinktiv seine Hände zum Ausdruck des Vertrauens und des Gebets. Die Gesamtwirkung dieses Eindrucks auf den jungen Mann war eine ungeheuere. Der seltsame Vorfall erschütterte ihn so mächtig, daß er aufstand und dem Mädchen seine Hände auf das Haupt legte. Dann erhob er seine Augen und seine Stimme gen Himmel und antwortete aus der Tiefe seiner Seele: »Amen und nochmals Amen.«
In diesem kritischen Moment kam ich, der Verfasser dieses Buches, zufällig dahin, wo jene Szene stattfand. Einige wenige Worte genügten zur Einführung, und an derselben Stelle begann eine Freundschaft zwischen uns, die selbst der Tod nicht zu trennen vermochte.
Zwei Stunden später saß der Häuptling mit seinem Sohne, das Mädchen, der Jüngling und ich bei einem freundschaftlichen Mahle in dem Hause des Alten. Nach beendeter Mahlzeit nahm das Gespräch eine philosophische Wendung, wobei der Häuptling, der wirklich ein glänzendes Beispiel eines gebildeten Indianers war, sich lebhaft und mit Interesse an der Unterhaltung beteiligte.
Endlich griffen die Älteren zu ihren Pfeifen, die Jüngeren legten sich schlafen, und Beverly und Levambea, wie sie allgemein genannt wurde, gingen hinaus und setzten sich unter einer alten Sykomore nieder, die ihre gigantischen Glieder wie ein Schutzgeist über das Häuschen streckte. Dort plauderten sie, zuerst heiter, dann aber in einem zarteren und ernsteren Ton und es war klar, daß zwischen diesen beiden Menschenkindern schon etwas Wärmeres als Freundschaft aufgeblüht war. Als sie sich erhoben, um ins Haus zu gehen, waren die letzten Worte, die das Mädchen sprach – und zwar mit demselben begeisterten Ton, wie bei ihren ersten Worten –: »Ja, ich werde dich lieben, aber nicht hier, nicht jetzt, vielleicht nicht einmal auf dieser Erde. Doch ich will deine Stütze und dein Stab sein, mögen auch weite Meere zwischen uns liegen. Höre zu: Wenn ich in Gefahr bin, wirst du es wissen, wo immer du auch sein magst. Wenn du in Gefahr bist, wirst du mich sehen. Vergiß nicht, was ich sage, und stelle keine Fragen. Dein Schicksal ist ein einzigartiges, aber nicht einzigartiger als das meine. Gute Nacht! Lebe wohl! Wir werden uns jetzt nicht mehr sehen – es ist nicht erlaubt!« Und ohne noch ein Wort zu sprechen, verließ sie ihn plötzlich, eilte ins Haus, stieg die Treppe hinauf und war verschwunden wie ein Geist.
Am nächsten Tage willigte der junge Beverly auf das Zureden des Häuptlings und anderer, die Interesse an ihm nahmen, ein, mit mir nach meinem Heim zu gehen, das viele Meilen von jenem Orte entfernt war. Wir kamen nach Verlauf der gewöhnlichen Zeit an und er blieb mehrere Monate lang mein Hausgenosse. Und während er sich noch unter der Einwirkung seiner geschwächten Gesundheit und des daraus folgenden mitteilsamen Zustandes befand, wurde ich mit vielen der erhabenen und tiefen Geheimnisse der berühmten Brüderschaft der Rosenkreuzer vertraut, über die er genau Bescheid wußte und die er mir in bestimmten Grenzen zu veröffentlichen erlaubte, unter der einen Bedingung freilich, daß ich den Sitz der Logen, des Domes und die Namen der obersten Führer nicht angeben dürfe, während er mir für die unteren Tempel des Ordens – die in diesem Lande die drei ersten Grade umfassen – keine solche Beschränkung auferlegte, da den Dienern dieser letzteren die höheren Logen vollständig unbekannt sind.
Wie oft, ach, wie oft, saß ich neben ihm an den grünen Ufern des Flusses, der mein kleines Besitztum durchströmte, und lauschte hingerissen der tiefen Weisheit, und den Schilderungen des Wesens und des Ursprungs, der Macht und der Bestimmung der Rosenkreuzer – und all dies hörte ich von den Lippen eines Mannes, der völlig unfähig war, sich mit der habsüchtigen Welt des Handelns und Feilschens auch nur mit dem geringsten Erfolg herumzustreiten. Es war der seltsamste Widerspruch, der mir je an einem Menschen begegnete. Dieser Mann, der in geistigen Wollüsten schwelgte, wie sie für Engel geschaffen sein mochten, hatte nicht so viel Schlauheit, um die Pläne eines gewöhnlichen Betrügers zu vereiteln; – dieser Mann setzte blindlings für lange Jahre sein ganzes Vertrauen auf einen anderen, dessen einziges Ziel es war, ihm nicht nur sein kleines Vermögen, sondern auch seinen guten Ruf zu rauben – dieser Mann mußte zusehen, wie ein ihm teures Kind verhungerte, buchstäblich verhungerte, und begraben wurde, während jener mit den Seinigen im gleichen Augenblick das Geld verpraßte, für das er seine Gesundheit, ja sein Leben in Tausch gegeben hatte. Welch seltsame Widersprüche! Ich habe mich oft gewundert, wie solche Dinge geschehen konnten und besonders dann, wenn er mir die höheren Geheimnisse des Ordens enthüllte, wenn er von Apollonius von Tyana, von den Platonikern, den alten Pythagoräern, von den Sylphen, Salamandern und Glendovers, von Cardan, von Yung-tse-Soh und dem kabbalistischen Licht, von Hermes Trismegistos und den smaragdenen Tafeln, von Hexerei und weißer und schwarzer Magie, vom Labyrinth, von göttlicher Weisheit, von Gott und dem Reiche der Götter, von den Wahrheiten und Irrtümern der goldsuchenden Hermetisten und Pseudorosenkreuzer, von Justinus dem Märtyrer, von Tertullian, Cyprian, Lactantius und Clemens Alexandrinus, von Origines und Macrobius, Josephus und Philo, von Enoch und den präadamitischen Geschlechtern, von Dambuk und Cekus, Psellus, Jamblichus, Plotin und Porphyrius und Paracelsus und über tausend andere mystische Bekenner sprach.
So sagte er eines Tages zu mir: »Denken Sie noch daran, wie Sie mich auslachten, als ich zum erstenmal von den Rosenkreuzern zu sprechen begann und Sie behaupteten, daß eine solche Brüderschaft, wenn sie überhaupt existiere, aus Schurken oder Narren bestehen müßte? Wie Sie herzlich lachten, als ich Sie darüber aufklärte, daß der Orden auf beiden Seiten des Grabes sich in die kleinsten Verzweigungen gliedere, daß er am anderen Ufer derzeit in seinen unteren Graden als der ›Königliche Orden von Gann‹ bekannt sei und in seinen höheren als der ›Große Orden der Neridien‹, daß, wer immer sich aus irgendwelchen Gründen der Brüderschaft diesseits des Grabes anschließe, nicht nur jedes Schutzes sicher sei und ihm auch eine große Menge wichtiger Kenntnisse vermittelt würden, sondern daß ihm auch ein Anteil an dem jenseitigen Ufer des Lebens zuteil würde, im Vergleich zu der jedes andere Schicksal unbedeutend und nutzlos ist. Ich wiederhole diese Behauptung jetzt.«