Ja, das erschüttert, das macht die Seelen hungern,
das läßt uns stets nach besserer Zukunft lungern;
was ist denn unser Arbeitsertrag?
Sieh nur, wie alle Augen, die finstern und die grellen,
Herren wie Knechte, Meister wie Gesellen,
sich die Verzweiflungsfrage stellen:
war je auf Erden schon Feiertag?
Was fördern all die Fäuste, die sich schinden
an Hämmern, Hebeln, Kolben, Kurbeln, Gewinden,
an Ketten, Drähten, Tauen, Trossen?
Hier diese Panzerfregatte, sie wird verrosten, verwittern,
dort der zementne Leuchtturm zerbersten und zersplittern,
rascher dann, als er hochgeschossen.
Was hemmt die abgehärteten Lohnsklavenschaaren,
die ihren Blutschweiß täglich zu Markte fahren,
endlich zu meutern gegen die Zwingherrngilde?
Ists, weil sie schärfer als andre Narren gewahren,
daß Wahn uns alle bannt? — Ihr Herrn, seid milde! —

VI

Gern sieht das Volk Machthaber über sich:
herrliche Männer, liebliche Frauen.
Ein Labsal bleibts dem Kärrner im Alltagsgrauen,
ein lichtes Vorbild anzuschauen,
sei’s königlich, sei’s bürgerlich.
Die plumpesten Burschen, begrüßt sie eine Yacht,
in der ein müßiges Mädchen wie eine Blume lacht,
sie grüßen lachend wieder, Mann für Mann;
sie fragen nicht, was solche Blumen nützen,
sie schwenken ihre schweißgetränkten Mützen,
sie freuen, freuen sich daran.
Oder am Abend, wenn sie verrußt, verstaubt
heimgehn vom Landungsplatz, wo rolandshoch
des Staatsmanns Standbild sein felskahl Kuppelhaupt
dem Strom zukehrt: jawohl, sie schaun dran hoch,
als ob sein Schatten ihnen den Frieden raubt,
ehrlich anknirschend gegen sein Kriegsrüstungsjoch,
aber stolz auf ihn, stolz sind sie doch.

VII

Und keiner blickt mehr nach den Kirchturmspitzen,
die grünspanschimmrig hinter dem Mastenwald
vom Sonnenuntergang bestrahlt
über den rauchgeschwärzten Dächern sitzen,
und unter denen im Altarkerzenschein
menschenklein
der Gottessohn die Finger am Marterkreuz krallt.
Und wenn noch mancher, den Not und Kummer kränkt,
Ihm und der Mutter aller Schmerzen
ein paar Minuten echter Andacht schenkt,
so tut ers nur, indem er denkt,
daß er mit seinem abgehetzten Herzen
zeitlebens selber am Kreuzpfahl hängt.
Die Besten aber beklagen nicht ihr Los,
sie träumen auch kein künftiges Glücksland her;
sie wissen, Kraft ist Lust, die aufschluchzt vor Begehr,
opfergroß
sich hinzugeben, wie der Strom dem Meer.

VIII

Denn über allen Wassern, die hier stranden,
heller als alle Träume und Gesichte,
die durch erhitzte Hirne im Glühdrahtlichte
der schaukelnden Kajüten branden,
glänzt eine Träne aus der Weltgeschichte.
Die weinte Bismarck, als er, schon ein Greis,
das größte Überseeschiff aus jenem Zeitwendkreis
auf seinen Namen taufen sollte.
Er hatte noch kein solches Schiff gesehn,
nun sah er dies Gewaltwerk menschlicher Mühsal stehn,
sah, wie’s auf seinen Wink ins schäumende Flutgrab rollte.
Und sah im Geist sein Deutschland hinaus aufs Weltmeer rollen,
sah Menschen, Helden, Sklaven, sturmschwalbenschaarendicht,
hoch, niedrig, arm und reich, gleich sterblich, Schicht auf Schicht,
wieder und wieder ihre hoffnungsvollen
glückleeren Hände ruhlos nach neuem Schicksal strecken,
und alldas sollte nun sein Name decken —
da rann die Träne über sein Gesicht.

IX

Es wird noch manche Opferträne rinnen,
die leuchtender von Seele zu Seele brennt
als der erlauchteste Stern am Firmament;
doch immer wieder, wenn Sturm ein Wrack berennt,
wird Kapitän wie Trimmer erschüttert sinnen,
warum sie durch den quälenden Aufruhr treiben,
warum sie nicht im stillen Hafen bleiben.
Denn manchmal ist er still. Wenn mitternächtig
kein Hochbahnzug mehr über die Brücken fährt,
wenn sich, vom dunkeln Wasser kühl verklärt,
das Bordlaternenheer sternbilderprächtig
im Abgrund spiegelt, Funken tief bei Funken,
dann scheint das Himmelreich herabgesunken.
Dann winkt dir aus der todesstillen Flut
der Feiertag, seit jeher prophezeit:
da sinkt der Menschensohn vom Kreuz, da ruht
auf dem erstorbnen Erdball weit und breit
der Hauch der ewigen Seligkeit.

Drei Blicke

Die Wolken rauchten immer dunkelroter,
der Abendhimmel stand in Höllenfarben,
und wenn die fernen Blitze lautlos zuckten,
dann zuckte auch die lange Vorstadtstraße,
durch die mein Herz der sinkenden Sonne zuzog,
mit allen Fenstern hocherglühend mit,
und jede Scheibe starrte dann noch toter.
Und plötzlich schlug aus einem Trödelladen
der Heiland seine Augen zu mir auf;
er lag gekreuzigt mit ergebnem Blick
in einem alten Rahmen zum Verkauf.
Und neben ihm zwei neue Kinderpuppen;
die lächelten so fühllos himmelauf,
daß angesichts der drohenden Wolkenschwaden
mein Herz erschrak vor diesem bunten Laden.
Da zuckte wieder, und noch glasig trüber,
durch den gebrochenen Heilandsblick die Röte,
und an den Puppenaugen grell vorüber
beleuchtete der Blitz im Hintergrunde
ein Steingesicht mit stolzem Blick und Munde:
Goethe
O habe Dank, du Ewiger, jede Stunde:
du hast uns Hoheit über Tod und Leben
mit deiner selbstbewußten Stirn gegeben!

Ein Heine-Denkmal

Standrede eines träumenden Herrschers

Ich danke dir, Bildhauer, daß du dich
für deinen Fürsten noch bemühn willst; bitte,
nimm Platz! — Du weißt, ich bin der Krone müde,
zu Neujahr geb ich sie dem Volk zurück;
es mag versuchen, selbst sich zu beherrschen,
mir ist es teils zu reif und teils zu schlecht.
Mein Hingang aber soll mein Volk und mich
noch einmal in beglückter Ehrfurcht einen
und unsern Enkeln eine Ehrfurcht bleiben
durch ein Geschenk fürstlicher Menschenliebe;
dazu entbot ich dich.
Ich weiß, dich drängt dein großes Lebenswerk:
„der deutsche Michel, aus dem Schlaf erwachend“ —
ich danke dir, daß Mein Gesuch dir vorgeht.
So höre, was ich ausgesonnen habe,
du bist der Einzige, der es schaffen kann:
ein Denkmal für Herrn Heinrich Heine.
Erlaube, daß ich uns das Fenster öffne;
der Märzgeruch der Großstadt tut mir wohl.
Dort auf dem Platze vor der Kathedrale
möcht ich das Denkmal aufgerichtet sehn,
mitten im Kranz der Linden.
Da soll er sitzen, wie er innerst war,
der kranke Jude und der große Künstler,
der unsre Muttersprache mächtiger sprach
als alle deutschen Müllers oder Schulzens.
Verziere reich mit Gold den Krankenstuhl,
bunt soll das Denkmal sein, ein Schmaus den Sinnen!
Fußdecke, Rock, Symbole, alles Beiwerk
soll sich in dunklen Tönen unterhalten,
von ungewissen Lichtern überlacht;
aus dem gedämpften Rot und Grün der Broncen,
aus Porphyr, Syenit, Basalt und Lava
soll marmorklar nur sein Gesicht herleuchten
und seine blassen Dichterhände.
Und rück ihn nicht zu hoch vom Boden weg,
nicht in die Luft, damit ihm Volk und Erde
nah bleiben, wie es großen Künstlern lieb ist.
Nur eine einzige Stufe von Granit,
in mächtigem Geviert, gib ihm als Sockel,
daß man sein Lächeln deutlich sehen kann,
dies müde Lächeln des getauften Juden,
mit dem er sich nach neuer Liebe sehnt,
dies bittre Lächeln, das zu sagen scheint:
O Moses, du gefällst mir nicht,
du bist mir überflüssig,
und dein vergrämtes Angesicht
ist längst mir überdrüssig.
Zu seinen Füßen aber laß — nein, so:
in seine Linke gib ihm einen Stock
und eine himmelblaue Schellenkappe!
Und links zu Füßen des getauften Juden,
den Stock beschnüffelnd und beblinzelnd, hockt
— ich schlage vor: aus rheinischem Eisenquarz —
ein fettes Schwein, das echte deutsche Hausschwein.
Mach mir dies Schwein ja wahrhaft wahr und schön,
wie’s dieser große Künstler wert ist; und
vergiß mir auch die Borsten nicht!
Doch rechts zu Füßen dieses großen Künstlers
laß einen flügelstolzen Greifen liegen,
mager, die Geiernase möglichst krumm,
den edeln Pantherleib zum Sprung gereckt.
Ich sehe, wie des Dichters blasse Rechte
liebkosend nach dem stählern hochgeschwungnen,
dem nordseegrauen Flügelpaar hintastet.
Ich sehe seinen meerblau stillen Blick,
die dunkeln Amethysten der Pupillen,
in sich gekehrt, heimkehrend aus der Ferne;
er träumt ein Lied.
Über die finstern Furchen der Nordsee,
über die fliehenden Schäume her,
sieht er ihn kommen,
seinen Ahnherrn Ahasver:
er sucht den Messias.
Der Wind jagt seinen Bart,
morgendlich funkelt ein Strand;
seit Jahrtausenden so, der arme Alte,
sucht er den Tod.
Plötzlich sprühn ihm alle Wellen Licht:
fern am Strand steht Einer, der reckt sich,
jünglingskeck, und blickt und lacht,
lacht in die Sonne:
der deutsche Michel, aus dem Schlaf erwacht.
Und Ahasver schreit auf,
daß sein Schrei die Möwen vor ihm herschreckt
über das leuchtend spritzende Wasser,
und ans Land stürzt er und bricht zusammen,
und Jahrtausende schluchzen
dem erstaunten Michel ins dumme Herz:
Mein Heiland Du,
mein heimlich erstandener
Herr Israels!
Hinten aber auf den Dünen sitzt
mit verwunderten Mienen,
den Sonnenaufgang nach der Uhr erwartend,
das versammelte deutsche Publikum,
Christen-und-Judenpöbel,
und jemand sagt:
Ja, Herr Geheimrat von Schultze,
davon ahnten wir nichts! —
So bilde mir, mein Freund, den Blick des Dichters.
Laß, Meister, des Hellenen freie Kraft,
laß auch des alten Inders freie Inbrunst,
laß des Germanen freie Leidenschaft
als sieche Sehnsucht drin entdeckbar sein,
siech durch die lange Knechtschaft Israels.
Und hinter seinen goldnen Krankenstuhl
stell auf die rechte Seite einen Greis,
ärmlich, ins Knie gesunken, arbeitskrüpplig,
der einem Enkel eine Krone aufsetzt
und seine marmorn blühende Nacktheit segnet;
nimm Meine Krone als Modell!
Links aber hinter seinen Krankenstuhl,
das Schwein des Vordergrundes überragend,
setz auf die Sockelstufe eine Jungfrau,
im Myrtenkranz, im Silberschleier, bräutlich,
so bräutlich, wie es nur der Deutsche träumt;
die soll nachsichtig einem Affen wehren,
der grinsend, mit unzüchtiger Geberde,
dem Dichter in den Rücken glotzt.
Mach mir den Affen ja schön wahr und schön,
wie’s dieses großen Künstlers würdig ist!
dann gib ihm braune Augen, wie dem Greise.
Dem Knaben aber und der Jungfrau blaue,
wie sie der große Künstler selber hatte,
doch so von Dir, Bildhauer, deutsch verklärt,
daß ich den kranken Dichter stammeln höre:
O Venus, alte Frau Sünderin,
verneige dich der Reinen!
o könnt ich noch mit Kindersinn
zu ihren Füßen weinen! —
So, Freund und Herr, möcht ich das Denkmal haben.
So, Meister, bis ins Kleinste lebensgroß
das Einzelne; das Ganze aber so,
daß uns der Schauder ängstigt und beglückt
vor unsrer menschlichen Tiergöttlichkeit.
Dann um das alles, wie um einen Friedhof,
zieh mir ein schmiedeeisern Gitterwerk
von hohen Lilien, deren Blütenköpfe
ein Dornenkranzgewinde eint.
Und eile dich mit deiner Arbeit, Freund!
schon weil dein großes Lebenswerk dich drängt
„der deutsche Michel, aus dem Schlaf erwachend“;
sonst schilt mich noch das deutsche Publikum.
Nimm dir Gehilfen nach Belieben! Horch,
der Märzsturm braust vom Turm der Kathedrale;
wenn der Dezemberreif die Linden schmückt,
möcht ich das Werk vollendet sehn, ich will’s
dem deutschen Volk zu Weihnachten bescheren.
Leb wohl, mein Künstler! —

Landstreichers Lobgesang

Jetzt bin ich endlich mit der Welt allein;
sing, Seele, sing dich von der Menschheit rein!
Sie klagt in einem fort, still oder schrill,
daß keine Seele sein kann, was sie will;
das ist gemein.
Ich will heut Nacht kein Bett noch Essen haben!
ich will mich am Geruch des Frühlings laben!
Die Knospen platzen all vor Trunkenheit;
ihr in der Stadt, ihr platzt vor Futterneid.
Das tat mir leid.
Ich ging von Haus zu Haus: Sing, Seele, sing:
erbarm dich, Mensch, und sei kein Kümmerling!
Geh in den Wald, da lacht der Sternenschein:
sing, freie Seele, sing! was kannst du sein?
Herrin des Frühlings!
Du kannst dir jeden Ast zum Szepter nehmen;
der Tau beträufelt dich mit Diademen.
Du trägst ein Schleppkleid von Milliarden Blüten;
das brauchst du nicht vor Mottenfraß zu hüten,
sie welken bald.
Sie welken, Seele, um dich zu erfreuen:
du darfst dein Reich in alle Lüfte streuen!
Wenn dir das nicht gefällt, dann komm, schlag drein!
sing, Seele, sing! was kannst du sonst noch sein?
Magd des Sommers!
Da darfst du Tag für Tag die Hippe zücken,
siehst Schwad an Schwad vor dir zusammenknicken,
stellst Korn in Garben, oder läßt es liegen,
damit die Spatzen was zu fressen kriegen;
freut dich das nicht?
Nachts hörst du dann die jungen Mäuse pfeifen;
fühlst, Schatz, wohl auch was unterm Schnürleib reifen?
Wenn nicht, so geh und hör die Hengste schrein!
sing, Seele, sing! du kannst auch männlich sein!
sei Knecht des Herbstes!
Geh in den Weinberg, pflück die vollen Trauben;
kannst auch Kartoffeln aus dem Acker klauben.
Kartoffeln geben Schnaps für arme Luder;
Wein ist für Kenner, und die besten Fuder
schluckt die Nachwelt.
Dann gleichst du selbst den ausgepreßten Träbern
und nährst die Nasenwurzeln auf den Gräbern.
Wird dir das lästig, so zerspreng den Stein!
sing, Seele, sing! du kannst noch freier sein!
Herrgott des Winters!
Herrgott, wie stärkst du da die schwachen Kräfte:
da spannst und spornst du die erstarrten Säfte,
bis dir die eisige Haut vom Körper birst,
worauf du wieder Frühlingsgöttin wirst,
du freie Seele!
So zog ich durch die Stadt und sang euch an,
bei Tag und Nacht, ihr Menschen, Weib wie Mann.
Bei Nacht, da brannte immer künstlich Licht,
doch auch bei Tag verstandet ihr mich nicht;
euch rief die Pflicht.
Mich ruft die Kraft; ich nahm den Stock und ging.
O Menschheit, dich beschämt ein Schmetterling!
Hier schwirrt er vor dir her im Sternenschein,
erhabner Untertan der Welt allein;
sing, Seele, sing! —

Hohes Lied

Fern dem Menschenschmerz,
zwischen Eis und Stein:
reines Herz, nun lausche,
du bist nicht allein!
Horch, die Gletscher-Adern rauschen,
Quellen singen — und ein Geist stimmt ein:
Meine Kinder werden einst
auf dem Regenbogen spielen.
Folgt dem Vater denn, ihr vielen,
bis ihr oben über den schwülen
Schluchten der Berge, durch die er muß,
schimmern dürft!
In die Niederungen
führ ich euch gezwungen,
der ich mit dem Erdreich ringen muß.
Seht, da giebt es Herzen,
die das Reinste schwärzen;
Gift und Geifer tropft in meinen Fluß.
Aber weiter, weiter,
Kinder, auf vom Grund!
Seht, mein Herzschlag läutert
jeden Tropfen — und
alle, alle werden einst
oben auf dem Regenbogen spielen!

Ruf an die Kühnsten

Du junger Bergsteiger,
der in den Sturm deine Arme streckst,
dir Fichtenwipfel als Flügel nehmen,
Wolken und Sterne herabfegen möchtest
und sie mit Schweiß und Blut,
Deinem Schweiß und Blut,
in eine neue Welt umkneten,
wie auch ich einst, auch ich:
lern Kraft sammeln!
Ruhig am Meerufer sitz ich jetzt,
seh dich auf halber Höhe keuchen,
höre den Seegang aus drangvoller Weite
unablässig heranrollen
und rufe dir zu:
Keine menschliche Maßlosigkeit
faßt den unermeßlichen Weltplan.
Oft stand ich auf schwindelnder Gletscherkante,
nur geklammert an meinen Eispickstock,
ohne Führerseil,
über Wolkenmeeren,
über den Berghäuptern allen rings,
selbst den Morgenstern mir zu Füßen,
selbst die Sonne,
und —
mußte dennoch mein Haupt senken,
mußte hinab wieder steigen
unter die Sonne,
unter die Wolken,
zwischen die Schatten der kleinsten Klippen.
Denn kein Weltschöpfer ist der Mensch,
nur der Erdgeschöpfe gewaltsamstes.
Nicht ein Sternchen vermagst du
aus seiner Achse zu reißen,
nur in deinem Fernrohr kannst du es drehen.
Einen Turm kannst du bauen auf jeder Höhe,
wo du Werkleute hinzuführen vermagst;
kannst ein Schiff steuern in jede Weite,
ein Flugschiff sogar, das Helden mitträgt,
soweit du dich samt deinem Werkzeug
in den windigen Bann der Erdschwere fügst.
Das kann Menschengewalt, du junger Steiger,
du Flieger, ihr jungen Vorstürmer alle:
Tatkräfte sammeln!

Vogel Greif

Mein Flieger, mein kühner, wo gehts heut hin?
„Hoch über die Wolken, schöne Gönnerin;
höher als höchste Alpenspitzen
soll mein Fahrzeug durchs Weltblau blitzen.“
Vogel Greif heißt dein Fahrzeug? „Vogel Greif;
heut soll er den Sieg mir greifen.“
Du kühner, du stolzer, dann nimm mich mit!
Und sie sprang in den Sitz mit straffem Schritt.
Nur an ihrer Brust das Blumensträußchen
zitterte wie ein gefangnes Mäuschen,
als sie sich lachend den Wetterpelz
um die schlanken Hüften legte.
„Du kühne, du schöne, wirf weg den Strauß!
leicht fliegt ein Blumenblättchen heraus;
ein einziges Blättchen ins Flugwerk verschlagen
kostet uns beiden Kopf und Kragen.“
Und während der Vogel Greif knatternd stieg,
kobolzte der Strauß in ein Kornfeld.
Viertausend Meter stieg er und mehr,
eisig kreiste das Weltblau um sie her;
aus stürzenden Wolken in sausendem Bogen
stiegen sie lachend, lachend, und flogen,
bis die Erde ein fernes Fabelland war,
Vogel Greif — da stockte das Flugwerk.
Da stockte das Lachen; nur’s Steuer noch klang,
schrill das Steuer im Gleitflug-Sturmgesang.
Durch sausende Wolken in stürzendem Bogen
glitten sie keuchend, keuchend, und flogen,
bis die Erde schon fast wieder Erde war:
Vogel, greif! Da knackte das Steuer.
Wie vor zwanzig Minuten der Blumenstrauß
kobolzten sie aus dem Wrack hinaus,
hinaus, umklammert in wirbelndem Kreise
mit fliegenden Haaren zur letzten Reise;
du kühner! du kühne! klangs geisterleise
auf ins eisige Weltblau.
Und als man sie fand, er atmete noch,
im Todesfiebertraum sah er hoch,
hoch über die Wolken und hauchte: siegen —
morgen werden wir höher fliegen —
morgen —
höher — —

Die Musik des Mont Blanc

(Den Bergfreunden Charles Simon, René Koenig, Paul Montandon zur Erinnerung)

Leitwort

Ob wir reden, ob wir schweigen,
aus den Tiefen klingt ein Raunen:
Laßt uns auf die Höhen steigen
und in alle Welten staunen!

Erster Satz

Wenn du hoch im Flugschiff bei funkelnder Winternacht
überm Schneefeld der Großstadtdächer hintreibst,
untergetaucht ist alles unreine Stückwerk,
in dem ruhevollen Lichtnetz der Straßenschluchten
sind die Türme und Kuppeln nur flüchtige Knotenpunkte
dir und deinen Gefährten zur Richtung,
von eurer Brustwehr sinnt ihr mit Göttergefühlen
auf die eingemauerte Menschheit hinab,
das verkrochene Arbeitsgewürm,
das sich müde plagte für eure Lustfahrt:
wenn dann dennoch ein Anflug eisigen Schauders
aus dem Hetzwutgeräusch der Treibschraubenflügel
deinen Blick emporschnellt zwischen die stillen Sterne,
weht ein Ton immer höheren Raumes dich an,
und von Worten durchstürmt, die Gipfel und Abgründe bergen,
ahnst du die Musik des Mont Blanc.
Fliehst wohl gern die Stadt auch bei glühendem Sommertag,
auch du arbeitsmüde, steigst aus dem Eilzug,
schleppst deinen Dunst durch den Landstraßenstaub,
findest ein dürftiges schattengrünes Fleckchen,
wirfst dich matte Raupe ins Gras,
schmachtest ins Blau nach einer Gewitterwolke,
bis dir ein Schmetterling durch deine Schwermut taumelt,
bis eine Schwalbe dich dem Taumel entreißt,
bis du als Adler aus himmelgewiegter Weite
auf dich herabträumst — Da, o Erweckung:
traf dich ein Anhauch immer leichterer Luft?
schwebte ein Laut immer weiteren Raumes dir vor?
da verwünschst du deine Versunkenheit,
sehnst dich nach der Musik des Mont Blanc.
Was will Sehnsucht? sich verlieren in Fernen!
Was will Ahnung? sich der Tiefe entheben!
Steig hinan, wo in eines Tages Spanne
Sommer-und-Winterbrand deine Inbrunst entflammen,
wo du vor herzhinreißender Mühsal
am Seil der Gefährten dir selbst zum Spiel wirst!
Und ob ihr im ewigen Schnee an blendender Wand hängt,
durststumm, schweißblind, mit schwarzen Brillen,
ob im Finstern um eure zusammengeschanzten
froststarren Körperklumpen der Sturm heult,
horch, ein Klang fernsten Raumes fliegt dir zu:
nun beginnt die Musik des Mont Blanc.

Zweiter Satz

Auf dem Nacken des Riesen schreitest du;
seit Jahrtausenden hockt er im weißen Mantel.
Mit den vergletscherten Armen umschlingt er
die unzähligen schweren steilzackigen Kronen,
die er aufs Haupt sich stülpen wollte.
Höher konnt er sie nicht mehr heben;
nun hält er sie starr umklammert und lauscht
durch die wetterwilden Jahrtausende hin,
lauscht den Geistern der unerreichten Bezirke,
wie sie posaunend und harfend und pfeifend
und manchmal singend seine geliebten Kronen
ihm wegwinden möchten. Und staunend spürst du
mit hohlem Schritt, wie er heimlich knirscht,
bis in dein Herz, der gebannte Riese.
Aber das Staunen ist nur Vorspiel.
Tritt auf seinen Scheitel! der trotzt dem Bann.
Sieh, unsre Spuren verwehen schon.
Leise lechzt sein Atem herauf aus dem Eisschlund,
wo wir uns Stufen hackten im Nebel
ans grelle Licht her. Die dünne Luft schwirrt.
Dein Herz will fliegen und kann nicht. Graust dir?
Hier, wo kein Adler mehr kreist, hier wagten
Menschen ein Sternwartchen herzurichten.
Leise saugt’s der Gletscher in seinen Schlund;
kaum noch ein Balken stiert aus dem Grabloch.
Und mit lächerlich offnem Mund gewahrst du,
daß auf dem Kampfplatz um die Erhabenheit
auch das Grausen nur Vorspiel ist.
An dein Herz hallt ein Dröhnen. Lachte der Riese?
O, er jauchzt! Von seinem Panzermantel
prallt ein Wetterstoß ab. Mit orgelndem Echo
jauchzt er dem Blitz nach. Aus seinem Triumphblick,
hell über Wolken und Schluchten, Stromland und See hin,
bäumt sich ein Regenbogenpaar.
Und mitjauchzend denkst du der Menschlein wieder,
die unten beben, indeß hier oben
unser entzückter Herzruf schallt,
schallt, verhallt — ohne Echo — still, Freunde:
auch das Entzücken ist Vorspiel nur.

Dritter Satz

Ruhe aus, wilde Seele: Frieden herrscht
auf gewaltigen Bergen im Mittagsglanz.
Schmiegsam wie du wird der harte Schnee;
es glüht ein Feuer im kalten Wind,
dein trunknes Blut klingt hinan zur Sonne.
Sternhell schwillt der Erdball mit dir ins Licht,
dunkel rührt sich der Raum, er schwebt, er schwebt,
ins Glockenblaue: nun fliegt dein Herz:
ins Reine, ins Reine —
du vernimmst die Melodie des Mont Blanc.
Du träumst nicht, du wachst nicht, du bist nur da;
ein Schimmer bist du im Brennpunkt der Welt.
Da rauscht eine Stimme, Myriaden Stimmen:
Wo seid ihr, Gefährten? Nicht jenseits, nicht diesseits,
wir schimmern auf rauschendem Gipfel wie du.
Du ruhst nicht einsam; du siehst, es ragen
Myriaden Gipfel in gleicher Ruhe,
ins Klare, ins Klare —
du begreifst die Harmonie des Mont Blanc.
Du richtest dich auf; wir richten uns auf.
Du lächelst und schweigst; wir lächeln und schweigen.
Es schweigt der leichenstarre Firn.
Und wenn wir auf seiner zerfurchten Bahn uns
von Abhang zu Abhang im Abendglanz
heimsausen lassen, dann mögen die Berge
einstürzen, du fliegst und fühlst wie wir:
wohin wir auch fliegen, wir fliegen, fliegen,
ins Freie, ins Freie —
dich ergreift der Rhythmus des Mont Blanc.

Vierter Satz

Halt! was trommelt uns nach? wer tanzt da oben?
stürzen Murmeltiere vom Himmel ab?
Achtung, Steinfall! Und Rucksack übern Kopf,
in die Schneewand gebohrt mit Füßen und Fäusten,
hören wir’s hüpfen mit Sammetpfoten,
mit Klumpsohlen hopsen, galopp: rechts, links
purzeln die Tode an uns vorbei
und liegen unten. Und ein Stück Kohle,
wer weiß von welchem sturmverschleppten Scheit Brennholz,
trollt hinterdrein und trällert und summt:
das ist nur ein scherzhaftes Zwischenspiel.
Wißt ihr noch? kennt ihr die Stelle wieder?
dort vorm Jahr: die Eisbrücke unter mir.
Ich stand, sah zurück: durchs Gewirr der Spalten
stieg Jemand uns nach, uns immerfort nach,
mit verhülltem Gesicht, dunkeln Augenlöchern,
mit vielen Leuten am Seil: wer ist es?
was will der fremde vermummte Führer,
wo Jeder Führer ist und Geführter,
was tappt er blos nach? Ich hebe den Pickstock
und warne, da kracht’s, noch erraff ich im Sprung
den Rand — damals scholl mirs wie Abgrundgelächter
durchs innerste Mark, jetzt lacht die Erinnrung:
Es war nur ein spaßhaftes Zwischenspiel.
Es werden noch viele Brücken zerkrachen;
er braucht’s, der Bauherr des weißen Friedhofs,
das Riesenkronen-Bröckelwerk.
Rings aus Trümmern die Türme, verjährte Lawinen
zu smaragdenen Labyrinthen gefroren,
die nächste Laue zerschellt sie wieder,
hohl verrollt ihr Paukenwirbel: gebt Raum!
Raum, ihr lockern Gesellen! auch ihr da, Granitpack,
du Großer Gendarm mit dem wackligen Helm,
ihr Englischen Fräuleins: noch besteigen
nur Waghälse eure glatten Hüften,
einst liegt ihr alle zerbröckelt im Bett,
der nächste Neuschnee verdeckt den Schutt,
und Brocken auf Brocken wird wieder Brücke,
wird alles ein lachhaftes Zwischenspiel.

Fünfter Satz

Wohl weint’s im Dunkeln, horch, Tropfen zu Tropfen,
Milliarden Tropfen, die sich lautlos
unter der aufgepreßten Last
zusammenschlichen: o horch, nun auf einmal
aus stahlblau dämmerndem Gletschertor
durch den Schutt der Moräne, da sprudeln sie
als milchheller Quell. Nun schöpfst du und trinkst
von dem jubelnden Wasser, und schaust zurück,
immer wieder zurück zu dem sternegekrönten Scheitel,
wo kein Bleiben ist für dein staubhaftes Leben,
und glaubst ihn immer noch rauschen zu hören,
so entrückt dich die Musik des Mont Blanc.
Dann zeigt sich ein Fleckchen, da sprießt wieder Gras.
Dann erscheint eine Hütte, da stürzt Quell in Quell.
Dann bäumt sich der Gießbach und springt dir voran
durch blühende Wiesen ins nächtige Waldtal.
Da hörst du im Schlaf rings die Haustierheerden
geisterhaft läuten; und andern Tags
bist du vielleicht schon fern, siehst die Bäche
zum See gesammelt, der Schiffe trägt,
klirrst mit schweren Schuhn durch die große Stadt,
hörst den Menschenlärm brausen, hörst ihn nicht,
hörst noch immer um deine hämmernden Schläfen
mit unendlichen Flügeln von Schneefeld zu Schneefeld
das Schweigen der Jahrtausende geistern,
so verfolgt dich die Musik des Mont Blanc.
Dann willst du wie sonst mit ergebenem Schritt
an dein Tagwerk gehn, dein vergängliches Werk.
Gehst wie sonst deinen Weg, gehst über die Brücke,
wo du tausendmal wie Tausende gingst,
blickst wie sonst hinab mit gesenkter Stirn,
da wölbt sich ihr Bild, da spiegelt’s dich mit,
spiegelt Tausende mit, da bäumt sich dein Herz,
nicht wie sonst, nicht wie sonst: wie der Gießbach bäumt sich’s
und kommt von der Höhe und will ins Weite
und fühlt, wie Welle in Welle tief
sich bindet, sich drängt, vieltausendwerkig
voll Ahnung, voll Sehnsucht — Das bleibt! das bleibt!
das wird rauschender Strom und verrauscht ins Meer,
in Stürme, in Wolken, ins Luftmeer, Lichtmeer,
von Raum zu Räumen, ins Freie, ins Freie —
so verschwebt, o Welt, die Musik des Mont Blanc.

Gebet im Flugschiff

Schöpfer Geist, unbegreiflicher,
der du Wesen ersinnst, die Gestalt annehmen,
grausig gütiger du,
denn jedes lebt vom Tod vieler andern,
Götter wie Menschen,
Tiere, Pflanzen,
Kristalle, Gase, Ätherdämonen,
kann jedes übergehn in jedes,
ins Meer, ins Luftmeer, in fernste Gestirne,
bauen einander, zerstören einander,
begehren auf wider sich und dich,
lassen sich Krallen wachsen vor Gier,
Flügel,
und selbst Maschinen, die Vögeln gleichen,
ächzen aus ihren Nöten zu dir
um das letzte Quentchen Vollendung:
Jetzt: hier schweb’ich in deinem Licht,
wie ein Wasserstäubchen im Regenbogen
mitdurchhaucht von all deinen Farben,
ohne Bitte,
nur voller Dank
deines beseelenden Odems teilhaftig,
deiner Inbrunst,
die sich staunend in Menschenmund nennt:
Phantasie! —