Dahin also sehnt sich alles fort,
was auf Erden glimmt und flammt und loht;
selbst die flackernden Straßenlichter dort.
Und ich denk zurück an Dein Gebot,
als ich heut aus erstem Schlummer fuhr,
aufgescheucht von deinem Traumgesicht,
daß der Menschenwille von Natur
Bastard bleibt aus Finsternis und Licht,

Venus Homo.

Nun weißt du, Herz, was immer so
in deinen Wünschen bangt und glüht,
wie nach dem ersten Sonnenschimmer
die graue Nacht verlangt und glüht;
und was in deinen Lüsten
nach Seele dürstet wie nach Blut,
und was dich jagt von Herz zu Herz
aus dumpfer Sucht zu lichter Glut.
In früher Morgenstunde
hielt heut ein Alb mich schwer umstrickt:
Aus meinem Herzen wuchs ein Baum,
o wie er drückt! und schwankt! und nickt!
Sein seltsam Laubwerk tut sich auf,
und aus den düstern Zweigen rauscht
mit großen heißen Augen
ein junges Vampyrweib — und lauscht.
Da kam genaht und ist schon da
Apoll im Sonnenwagen.
Es flammt sein Blick den Baum hinan;
die Vampyrbraut genießt den Bann
mit dürstendem Behagen.
Es sehnt sein Arm sich wild empor,
vier Augen leuchten trunken;
das Nachtweib und der Sonnenfürst,
sie liegen hingesunken.
Es preßt mein Herz die schwere Last
der üppigen Sekunden.
Es stampft auf mir der Rosse Hast;
er hat sich ihr entwunden.
Schon schwillt ihr Bauch von seiner Frucht,
hohl fleht ihr Auge: bleibe!
Er stößt sie sich vom Leibe,
von Ekel zuckt des Fußes Wucht,
hin rast des Wagens goldne Flucht.
Es windet sich im Krampfe
und stöhnt das graue Mutterweib.
Mit ihren Vampyrfingern gräbt
sie sich den Lichtsohn aus dem Leib.
Er ächzt — ein Schrei — Erbarmen —: Ich,
mich hält der dunkle Arm umkrallt!
Da bin ich wach — — doch hör ich,
wie noch ihr Fluch und Segen hallt:
Drum sollst du dulden, Mensch, dein Herz,
das so von Wünschen bangt und glüht,
wie nach dem ersten Sonnenschimmer
die graue Nacht verlangt und glüht;
und sollst in deinen Lüsten
nach Seele dürsten wie nach Blut,
und sollst dich mühn von Herz zu Herz
aus dumpfer Sucht zu lichter Glut!

*

Seltsam: plötzlich ist mein Keller,
ist mein ganzes Bett verdunkelt,
während jeder Stern noch heller
über jenen Häusern funkelt.
An der Straße stehn wie Schemen,
stehn erloschen die Laternen.
Soll ichs mir als Zeichen nehmen?
Ja! als Zeichen von den Sternen!
Wie nach wilder Flucht ein Höhlentier,
wie einst David Nachts vor Saul verborgen,
so voll Himmelshoffnung wart ich hier,
so voll Bangen auf den Morgen.
Denn ich fühls, ich muß sie wiedersehn —
doch ein Zaudern, das ich kaum begreife,
raunt in mir: dann muß sie vor dir stehn
als die Wissende, die reife

Venus Sapiens.

Nun, du Eine, tritt heran,
höre meine wahrsten Laute;
höre zu wie Jonathan,
als sich David ihm vertraute.
Schwer vom Hohn und Übermute
Goliaths herabgemächtigt,
hat bis heut in meinem Blute
noch der greise Saul genächtigt.
Zwielicht. Sterbend hängt die scharfe
Zunge aus dem Lästermaul.
Sieh, nun weint dein König Saul,
denn dein David singt zur Harfe.
Alle Kleider sind zerrissen,
die den alten König schmückten;
brütend hört er den Entzückten
nahen aus den Finsternissen.
Goliath tot! den König schauert;
seine Schwermut ahnt das Ende.
Und dein Sänger steht und trauert:
blutbefleckt sind seine Hände.
Aber weiter muß er schreiten,
seine Töne sind ein Bann,
selig greift er in die Saiten:
Komm, o komm, mein Jonathan!
Traure nicht um den gebeugten
Vater, dem vor morgen graut;
denn die Trübsal ist die Braut
aller nicht vom Geist Gezeugten.
Jonathan, du sahst ihn sitzen,
den Berater deiner Reife,
nackt und schamlos, und das steife
Haupt umstarrt von Lanzenspitzen.
Und du sahst vor seinem Zelt
sterben den Philisterfürsten;
aber Leben braucht die Welt,
laß uns nach dem Geiste dürsten!
Denn es weht von allen Hügeln
immer neu sein ewiger Segen;
lerne nur dein Herz beflügeln,
und er wird auch dich bewegen!
Jonathan, zu jeder Frist
sei nun meiner Liebe sicher;
und sie ist viel sonderlicher,
als mir Frauenliebe ist.
Glutwind droht den jungen Saaten;
nimm den Bogen in die Hände,
daß dein Pfeil mir Warnung sende,
sinnt der Vater Wahnsinnstaten.
Jonathan, hier steh ich nackt;
du mein Bruder, Freund, Berater,
hilf mir, wenn die Glut mich packt!
Jona! Weib! noch giert der Vater!
Jona, Schwester! unsre Kinder —
Gattin! weinen meine Saiten — —
„David, komm! du Überwinder
unsrer Unwillkürlichkeiten!“ ...

*

Wird sie so mir Antwort blicken? —
Ja! kein Argwohn soll mir mehr
meine Glaubenslust ersticken —
ihre Seele atmet zu mir her.
Und in alle meine Finsternisse
dringt auf einmal lichter Sinn:
schimmernd wie durch Wolkenrisse
schwebt ein Wesen ob mir hin:
das beginnt mich anzulachen,
jungvertraulich, altvertraut —
O, komm her aus deinem Himmelsnachen,
ja, seit ewig warst du meine Braut,

Venus Fantasia!

Leih mir noch Einmal die leichte Sandale;
sage, wer bist du, holde Gestalt?
Reich mir die volle, die funkelnde Schale,
die du mir fülltest so viele Male!
Bist du die Jugend? Werde ich alt?
O! dann fülle die funkelnde Schale;
warum entweichst du mit aller Gewalt?
Leihe, o leih mir deine Sandale!
Willst du enteilen mit einem Male,
weil ich Tor dich einst Törin schalt?
Jetzt, jetzt preis’ich die leichte Sandale;
horch, o horch, wie mein Loblied schallt!
Reich mir noch Einmal die volle Schale!
Laß sie mich schlürfen zum letzten Male,
eh du enteilt bist — o halt!! halt! halt —

*

Ach — muß jeder Traum so enden?
Nüchtern lichtet bald der Tag
meine dämmergrauen Wände.
Und von Stern zu Stern hin sinn ich nach,
wie doch jüngst dein flüchtiger Trost mich freute,
hoch in einer hellen Nacht,
die ich ruhelos wie heute
unter Geistern zugebracht,

Venus Regina.

Ich träumte, und ich wußte, daß ich träume;
ich träumte, eine Fürstin sei gestorben.
Barhäuptig, nur ein spärliches Gefolge
von Trauernden, so stehn wir auserwählt
in einem grauen Raume, dumpf beengt
vom düstern Kreis der alten Sandsteinsäulen,
vom Balsamdufte, den die Tote atmet.
Am Sarkophage, der von Eisen ist,
steht der gebeugte Fürst; von oben stiebt
ein fahles Licht in die Rotunde, streift
sein jugendliches Haar, den Sarg, und flimmert
zu seinen Füßen in der offnen Gruft.
Der Fürst weint. Seine Tränen, einzeln, langsam,
zerblitzen an dem Eisenrand der Truhe;
der Stein des Bodens saugt die Tropfen ein.
Und auf der Truhe les’ich wie im Traum,
nein nicht, ich träume nicht, ich lese deutlich
in großen, grauen, eisernen Buchstaben:
REGINA SEMPITERNA MORTUA
seltsam: die Herrscherin, die ewig lebt,
die liegt hier tot. Ich habe ein Gefühl:
der Fürst hat seine Gattin sehr geliebt!
Ich höre staunend, wie wir alle singen,
ich selbst mitsingend:
Selig trauern
Edle um ein edles Leben.
Nie verliert sich, was gewesen;
wenn du deines Grams genesen,
wird in Sehnsucht, wird in Schauern
dir dein Wesen
das Verlorne wiedergeben.
Jetzt hat der junge Fürst sich aufgerichtet;
er wendet sich. Es ist ein Kaiser. Ja:
ich träume nicht: es ist ein Deutscher Kaiser,
im Krönungskleide steht er. Nein: es ist:
ich träume doch wohl? ja, du bist mein Freund,
mein einst in Lumpen umgekommener Freund,
in Schuld und Schande, jetzt ein Kaiser — nein:
ich träume nicht: ich selbst, Ich bin der Fürst.
Ich winke. Meine Edeln nahn und heben
und senken mir mein Liebstes in die Gruft.
Ich höre die gestrafften Seile gleiten,
ich stehe abgewandt, ich weine nicht;
nur selbst mit Hand anlegen konnt ich nicht,
nur nicht es sehn, nur diesen Balsamduft
nicht riechen mehr — o singt! singt mir das Lied,
ich mag dies marternde Geräusch nicht hören,
ich will nicht schluchzen! Und im Chore schluchz’ich,
schluchzt das Gewölbe:
Selig preisen
Freie ein befreites Wesen.
Was lebendig ist, will leben;
lerne mit den Geistern schweben!
Wenn sie dich aus deinen Kreisen
mit sich heben,
bist du deines Grams genesen.
Und ich beherrsche mich. Mein Herz verlangt
nach Licht. Und während hinter mir gedämpft
die dunkle Halle tönt, tret ich ins Freie —
taumle —: der blaue Mittagshimmel drückt mir
blendend die Augen zu, betäubend stürmt ein
vieltausendstimmiger Jubel in mein Ohr,
der Atem stockt mir, ich erinnre mich,
ich kann jetzt sehn, es ist mein jubelnd Volk,
ich habe gestern ein Edikt erlassen
„Mein Volk soll fröhlich seine Toten ehren“,
so wollte sie’s — und wieder stürmt der Jubel.
Sie feiern Frühling. In Terrassen leuchtet,
vom Glitzergrün der Wipfel überbrämt,
ein weiter Park von Linden unter mir.
Ich steige nieder. Durch das schwärzliche
Gewirr der Äste glänzt das Festgewühl,
flimmern die Wiesen her. Von weißen Tauben
scheint alles Laub durchschwirrt; ein Maigeruch
bewegt die warme Luft und macht sie köstlich.
Doch Tauben fliegen nicht so wellenlinig —
nein, Blütenquirle! Blüten weißen Flieders,
ein Meer von weißen Fliederblüten quirlt
zwischen dem Menschenjubel. Ich erkenne:
sie fassen, sie verlassen sich im Reigen,
im Reigen reichen sie die Blütenzweige
sich dar, und dem Geruch zuschreitend seh ich:
sie sind ganz nackt. Nein, ihre Glieder atmen
ein Licht aus, das sie einhüllt wie ein Schleier
durchsichtig dicht. Um Hals und Handgelenke
schimmern Geschmeide. Ihre Schultern schmücken
zartzarte Flügel wie von märchengroßen
Tagschmetterlingen oder Blumenblättern;
und wer in Blondhaar geht, hat blauen Schmelz,
wer braun ist, feuerroten — nirgends Schwarz.
So tanzt mein Volk und schwingt die Fliederzweige
und ehrt den Willen Meiner Lieben Frau
und sieht mich schreiten, wie im Traume schreit ich,
und Jeder jubelt. Und auf einem Rasen
sprudelt ein Brunnen, den ein Schwarm von Mädchen
singend umwandelt:
Tröstliche Lüste
halten im Tode Leben verborgen.
Wissen macht Sorgen.
Wenn er sich drückte an meine Brüste,
wenn er mich küßte,
wußten wir nichts von gestern und morgen.
Mein Krönungskleid beengt mich; eine Wärme
strahlt wärmer als der Himmel aus dem nackten
Geleucht der Jünglinge und Mädchen. Seltsam:
von Schaar zu Schaar beschau ich mir mein Volk:
es sind nur jugendliche Menschen da.
Von Plan zu Plan sucht mein besorgtes Herz:
auch für die Alten ist doch Frühling! Aber
die Alten, seh ich, sind zu Haus geblieben;
sie murren wohl im Zwielicht ihrer Stuben,
sie kennen nicht mein kaiserliches Herz.
O, meine Jünglinge, singt lauter! ihr,
ihr ehrt den Willen Unsrer Lieben Frau —
o lauter! Und das Laub der Linden bebt
vom Chor der Männer:
Lust ist Verschwenden,
leben heißt lachen mit blutenden Wunden,
Jahre sind Stunden!
Wenn sie an deinen beseligten Lenden
schien zu verenden,
hieltet ihr Höllen mit Himmeln verbunden!
Und immer wärmender wird ihr Geleucht,
und immer drückender mein Krönungskleid,
es brennt mich schon, ich werde rasten müssen;
ich will das Fest verlassen! Schon zerfließt
das Spiel der bunten Flügel fern im Grünen;
die Schultern schmerzen mir, der Park scheint endlos.
Die Bäume werden dichter, werden Wald;
ich komme in ein Tal voll alter Birken,
ich atme auf. Hier dringt der helle Jubel
nur noch wie heiliges Wipfelbrausen her,
kaum lauter als der Quell, der meinen Fußpfad
murmelnd begleitet. Tiefer sinkt das Tal
und biegt um einen Vorsprung, und der Quell
zerrieselt im Geröll zu Silberfäden,
die wie ein Lied — nein: eine Stimme klingt —
das Tal wird Schlucht, ein Strudel blinkert unten,
die Birken streun bewegte Schatten drauf,
ein Brückensteg — und am Geländer lehnen
von Sonnenlichtern überdämmert zwei
der nackten Mädchen. Singend läßt die Blonde
ihr Haar vom Wasserstaub besprühn, ich horche,
ich bebe — träum ich denn? — sie sieht mich, Beide
sehn mich und singen:
Warum beben?
Nur im Herzen ist es dunkel.
Was die Tiefen uns gegeben,
auszuleben,
mahnt des Baches Quellgefunkel.
Nein, nicht Traum! nein: mein süßer Schreck ist Leben!
und ihre Stimmen leben; Beide lebt ihr!
Du aber, Du da mit den Himmelsfarben,
du hast die Stimme Meiner Lieben Frau,
du sollst mein Trost sein, wie sie mir verhieß! —
Ja, sie erwartet mich: sie winkt, sie kommt.
Ich sehe, wie der Schimmer ihrer Brüste
zwischen den Birken auftaucht, klar und klarer.
Schon hebt sich deutlich von den weißen Stämmen
ihr Hals ab, ihr Türkisenschmuck und Arm,
ihr Gang, und der Rubinenschmuck der Andern.
Wie Atemzüge höht und senkt sich sacht
der Flügel Himmelsblau und Höllenrot.
Schon kann ich ihre Augenlichter sehn;
und seh sie, sehe sie, und wieder schießt mir
der süße Schreck vom Herzen in die Schläfen,
denn Du da, Du da mit den braunen Augen,
du hast die Augen Unsrer Lieben Frau,
du sollst der Trost sein, den sie mir verhieß! —
Jetzt haben sie sich Hand in Hand gefaßt;
sie bleiben stehn, sie winken mich heran;
hinab! hin! ich! Sie fliehn; ich keuche schon.
Sie schwimmen durch den Bach ans andre Ufer.
In meinem Krönungskleide breit’ich ihnen
die Arme nach; ihr helles Lachen klingt.
Sie stehn und singen:
Kannst du schweben?
Aus dem Tal der Einsamkeiten,
wo die Kräfte sich erheben,
lockt das Leben
heim zum Wettspiel die befreiten.
Sie wenden sich, sie wollen mich verlassen,
wieder hinauf die Schlucht, zurück zum Fest.
Sie brechen Zweige vom Gebüsch, sie kränzen
im Gehn ihr Haar damit — o bleibt doch! wartet!
ich kann nicht nach so schnell! der Wassersturz!
die Brücke liegt zu weit! mein Krönungskleid,
mein schweres Krönungskleid, o wartet doch,
ich werf es ab! da liegt es! O wie leicht
atmet der nackte Mensch! — Das Wasser schäumt mir
um Brust und Schultern. Ich bin drüben; ich
erreiche euch! Sie flüchten. Ich bin schneller.
Ich höre hinter mir ein Schwirren: ich
bin auch beflügelt. Sausend, doppelfarbig,
aus Himmelsblau und Höllenrot geflammt,
treibt mich mein Schwingenpaar der Blonden zu:
ich halte sie. Ich — Beide muß ich haben:
dich mit den braunen Augen will ich noch!
Jetzt! — Nein. Die Blonde ist entschlüpft. Sie jauchzen.
Sie reichen sich die Hände. Jubelrufe
begrüßen unsre Jagd; Gesang; ein Reigen
tanzt blütenschwingend uns vom Fest entgegen.
Jetzt: zwischen meinen Fingerspitzen — ja:
hier braun, hier blond, ihr fliegendes Haar — und jetzt:
ich halte Beide ... ach ... ich bin erwacht.

*

Wie verschüchtert stehn die Sterne;
manche sind schon fast verschwunden.
In der zwielichtfahlen Ferne
mahnen sie an schwache Stunden.
Aus den hohen Häusern drüben gähnen
alle Fenster dicht verhangen.
Wieviel Lust mag da sich schämen
unter den geschminkten Wangen.
Wieviel Freiheit hockt da mißgestalt.
Freude, Freude, laß mich nicht verzagen!
Über jenes Dach wird bald,
bald der Morgenstern sich wagen.
Dunkle Allmacht, die ihn sendet,
hilf mein suchendes Herz behüten,
daß nicht neuer Trug es blendet!
Nein, hilf nicht! ich will’s nicht hüten!
Trotz dem Notschrei des Propheten,
trotz der tausendjährigen Fleischverfluchung,
will ich wieder und wieder beten:
führe, führe uns in Versuchung!
Sei gepriesen, ewige Leidenschaft!
Wer Gefahr scheut, kann nicht siegen.
Laß uns mit geprüfter Kraft
aufstehn, wenn wir unterliegen!
Herz, vertraue deinem Triebe!
Seele, deine Weltbetrachtung
wird nur durch den Mut der Liebe
frei von Ekel, Reue und Verachtung.
O, schon spürst du’s! Sieh, da steht sie wieder
trostreich vor dir, wie sie damals stand,
als sie innerst aus dem Äther nieder
ihren Pfad in deine Kammer fand:

Venus Consolatrix.

Da kam Stern Lucifer; und meine Nacht
erblaßte scheu vor seiner milden Pracht.
Er schien auf meine dunkle Zimmerwand,
und wie aus unerschöpflicher Phiole
durchflossen Silberadern die Console,
die schwarz, seit lange leer, im Winkel stand.
Auf einmal fing die Säule an zu leben,
und eine Frau erhob sich aus dem Glanz;
die trug im schwarzen Haupthaar einen Kranz
von hellen Rosen zwischen grünen Reben.
Ihr Morgenkleid von weißem Sammet glänzte
so sanft wie meine Heimatflur im Schnee,
die Rüsche aber, die den Hals begrenzte,
so blutrot wie die Blüte Aloe;
und ihre Augen träumten braun ins Tiefe,
als ob da Sehnsucht nach dem Südmeer schliefe.
Sie breitete mir beide Arme zu,
ich sah erstaunt an ihren Handgelenken
die starken Pulse springen und sich senken,
da nickte sie und sagte zu mir: Du —
du bist mühselig und beladen, komm:
wer viel geliebt, dem wird auch viel verziehen.
Du brauchst das große Leben nicht zu fliehen,
durch das dein kleines lebt. O komm, sei fromm!
Und schweigend lüpfte sie die rote Rüsche
und nestelte an ihren seidnen Litzen
und öffnete das Kleid von weißem Plüsche
und zeigte mir mit ihren Fingerspitzen,
die zart das blanke Licht des Sternes küßte,
die braunen Knospen ihrer bleichen Brüste,
dann sprach sie weiter: Sieh! dies Fleisch und Blut,
das einst den kleinen Heiland selig machte,
bevor ich an sein großes Kreuz ihn brachte,
Maria ich, die Nazarenerin —
o sieh, es ist des selben Fleisches Blut,
für das der große Heiland sich erregte,
bevor ich in sein kleines Grab ihn legte,
Maria ich, die Magdalenerin —
komm, stehe auf, und sieh auch Meine Wunden,
und lerne dich erlösen und gesunden!
Und lächelnd ließ sie alle Kleider fallen
und dehnte sich in ihrer nackten Kraft;
wie heilige Runen standen auf der prallen
Bauchhaut die Narben ihrer Mutterschaft,
in Linien, die verliefen wundersam
bis tief ins schwarze Schleierhaar der Scham.
Da sprach sie wieder und trat her zu mir:
Willst du mir nicht auch in die Augen sehn?!
Und meine Blicke badeten in ihr.
Und eine Sehnsucht: du mußt untergehn,
ließ mich umarmt durch tiefe Meere schweben,
mich selig tiefer, immer tiefer streben,
ich glaube auf den Grund der Welt zu sehn —
weh schüttelt mich ein nie erlebtes Leben,
und ihren Kranz von Rosen und von Reben
umklammernd, während wir verbeben,
stamml’ich: o auf — auf — auferstehn! —

*

Auf! In solcher Tiefe kann
ruhig nur die Urkraft strudeln.
Furchtsam fühl ich reifer Mann
wieder Kindheit in mir sprudeln.
Aber diese Furcht ist herrlich kühn,
ist die Ehrfurcht vor dem Übermächtigen.
Mit Entzücken seh ich euch verblühn,
bleiche Sterne! Sanft verdrängt die nächtlichen
Einzellichter ein noch kaum Geleuchte,
aber leuchtend wird es kühner:
Wo mir nichts als Grauen deuchte,
fängt ein Häuflein silbergrüner
Morgenwölkchen an zu gaukeln,
Hoffnungsinseln, goldgeränderte;
an den weißen Ufern schaukeln
Freiheitsgondeln, buntbebänderte.
Wohl, sie werden bald zerfließen,
aber ihre Farbenwellen
wirbeln weiter und ergießen
Trost in tausend Kerkerzellen.
Dankbar staun ich in das Lichtgetriebe:
all der Glanz ist mir durch Dich entglommen,
Dich, du eine, einende Liebe,
der die Lüste alle frommen,

Venus Universa.

Du sahst durch meine Seele in die Welt,
es war auch Deine Seele: still versanken
im Strom des Schauens zwischen uns die Schranken,
es ruhten Welt und Du in Mir gesellt.
Dein Auge sah ich grenzenlos erhellt:
Erleuchtung fluteten, Erleuchtung tranken
zusammenströmend unsre Zwiegedanken,
in Deiner Seele ruhte Meine Welt.
Und ganz im Weltgrund, wo sonst blindgeballt
entzweite Lüste hausen voller Fehle,
enthüllten sich auf einmal unsre Hehle
vereint als lauter Liebeslustgewalt.
Denn Liebe ist die Freiheit der Gestalt
vom Bann der Welt, vom Wahn der eignen Seele.

*

Das ist Liebe. Und mit leichtem Sinn
gäb ich all mein ernstes Selbstbeschauen
spielbereit für Dein Empfinden hin,
du liebseligste der Frauen!
Ja, solch Spiel das ganze Leben,
Lieberes könnt ich nicht erwerben;
Frohsinn hast du mir gegeben!
Doch — auch Du, auch Du wirst sterben.
Wild und wehe und zum letzten Mal
wird mein Herz an deinen Leichnam schlagen;
still in unserm Freudensaal
wird dein steinern Bildnis ragen.
Einsam werd ich wieder dann erschauern
vor den wirren Weltgewalten;
oh Vernunft, sie überdauern
unser menschliches Gestalten.
Blaß im Leeren steht der Morgenstern,
nur noch wie ein überflüssiges Pünktchen;
und doch hängt sich immer wieder gern
jede Seele an dies Fünkchen.
Bis aufs Meer hin sieht mein Geist es stehn
über tausend angstbefahrenen Gleisen,
sieht’s in teilnahmloser Bahn sich drehn
bis ans Ende aller Erdenreisen —
sieht die Schaaren der vom Sturm Umbrandeten,
die Myriaden der nach Rettung Winkenden,
der Gescheiterten, Gestrandeten,
der Verschmachtenden, Ertrinkenden —
sieht sich mitgequält von all der Qual:
Seele, Seele, stirbst du nicht vor Grausen?!
Aber da vertreibt den trüben Schwall
eine Stimme, sternhin ein Erbrausen:

Venus Heroica:

Psalm an den Geist

Bleibe dir heilig, Geist,
Herr deiner Seele!
Ein fremder Schein beirrt dich noch:
was spähst du nach Schiffen im Nebel,
von Andern gelenkt?!
Aus deinem Leuchtturm blickst du hinab,
und Ströme, auf denen der Erdball durchs Weltdunkel rast,
reißen an dir und reizen zum Sturz
hinunter ans lauernde Ufer.
Dort standest du schon als Jüngling;
und während Woge auf Woge kam,
schriebst du, den Krückstock tief einbohrend,
Namen auf Namen in den feuchten Triebsand,
geliebte Namen — und keiner blieb.
Manche taten schon so
und wurden stolze Verzweifler.
Aber mächtig macht nur der Glaube;
und Niemand lebt, den sein Tiefstes
nicht noch über die Sonne hinaufweist,
über die Sterne, und weiter.
Sahst du nicht gestern die Zimmerleute,
wie sie die Leiche auf der Leiter trugen,
vom Neubau weg:
machte nicht jeden ihrer schweren Schritte
die Kraft des Abgestürzten
sichrer als je ihn selber?!
Wahrlich, Keiner von Diesen
wird sich zu Tode stürzen;
und wenn sie einst den Geist aufgeben,
wird jede dieser sechs Handwerkerseelen
— wir Alle sind Erben —
hell triumphierend an den Schauder denken,
als sie den Andern auf seinem Werkzeug trugen.
Bleibe dir heilig, Geist:
Herr deiner Seele!

*

Auf denn, Seele! reck die Glieder!
fast beschämt mich mein Geträume;
draußen hör ich meinen biedern
Schuster schon am Werktisch räumen.
Und sein närrischer Altgeselle
wird nun gleich nach Frühstück brüllen
und mich dann mit Bibelstellen
ganz wie Tolstoi mürbe knüllen.
Warte nur, verehrter Schutzpatron:
heut kommts anderst! Mit den Mucken
deiner christlichen Passion
kannst du dann den Pechdraht jucken.
Ja, ihr würdigen deutschen Volks-Betbasen,
faltet nur entsetzt die Hände!
Ehre genug für eure jüdischen Phrasen,
daß ich meinen Groll euch spende.
Lachen sollt ich, daß der Himmel kracht,
über euer Menetekel;
wie mein gallischer Freund Charles Simon lacht,
wenn ich fluche „fin de siècle!“
Himmel! kaum begreif ich noch die Sorgen
meiner düstern Selbstbetrachtung;
fröstelnd wie der junge Morgen
reiß ich mich aus der Umnachtung.
Nur noch Einmal will ich rückwärts schaun
auf die grimmigen Wochen meiner Haft;
nein — sie wehrt es mir mit letztem Grauen,
sie, die Stimme unsrer Schaffenskraft,

Venus Mea.

Der Himmel gähnt, der Tag ist auferstanden,
ich habe nun genug geschaut nach Osten;
die Seele will in ihren Abendlanden
Vollendung kosten.
An dem Tor des neuen Evagartens
steht ein knöchernes Gerippe,
mit dem Ausdruck des Erwartens,
aber nicht mehr in der Faust die Hippe.

Sein Scheitel schimmert; eine Phönixfeder
ragt aus der Rechten steil zum Sonnenrand,
die spiegelt flammenfarbig, was je Jeder
sann und empfand.
In der Stunde einer Liebesfrucht
sprüht ein Strahl aus diesem Spiegel;
dann erlischt die Wonnesucht,
keusch empfängt der dunkle Keim sein Siegel.

Schon dämmert Glanz; kristallne Ketten hängen
klar her zu dir aus väterlichen Sphären.
So sollst auch Du dich aus der Dämmrung drängen
und dich verklären,
Seele, bis dein grau Gehirn sich lichtet,
wie die Sonne scheint durch Eis,
und dir deine Brunst beschwichtet
und im Traum selbst deinen Willen weiß.

Noch flimmerts erst; tief lockt die alte Nacht
mit ihrer Schaar verworrner Muttergluten.
Doch du wirst weiterstrahlen! du bist Macht!
sieh, rings sind Fluten:
wenn zwei Liebende zusammensinken,
durch dein Glanzbild einst begeistert,
und im Rausch dann blind ertrinken,
wird ihr Keim von Deinem Geist gemeistert.

So tagt es. Mit dem Ausdruck des Verächters
sollst du dem alten Garten kalt entschreiten;
dir weist die Phönixfeder unsres Wächters
Unsterblichkeiten ...

*

Nun verblich der Stern der Frühe;
meine Augenlider brennen.
Und die Sonne kann mit Mühe
die gefrornen Nebel trennen.

Mich verdrießt mein nächtlich Brüten.
Drüben an den Häuserwänden
sprießen diamantne Blüten.
Meine Prüfung kann nun enden.

Dieser Keller: dumpfer Zwinger!
Auf die dunstbelaufnen Scheiben
will ich breit mit steifem Finger
Venus Rediviva schreiben!

Denn ich weiß, du bist Astarte,
deren wir in Ketten spotten,
Du von Anbeginn, du harte
Göttin, die nicht auszurotten.

Ich jedoch war weich wie glühend Eisen;
darum sollst du mich in Wasser tauchen,
bis mein Wille läßt sein siedendes Kreisen
und der Stahl wird, den wir brauchen.

Nicht mehr will ich meine Brunst kasteien,
bis sie mit berauschter Durstgeberde
wünscht, daß unsre Lüste fruchtbar seien
und ein Wurm zur Göttin werde.

Nach der Nacht der blinden Süchte
seh ich nun mit klaren bloßen
Augen meine Willensfrüchte;
denn ich bin wie jene großen

Tagraubvögel, die zum Fliegen
sich nur schwer vom Boden heben,
aber, wenn sie aufgestiegen,
frei und leicht und sicher schweben.

Glitzernd harrt mein Horst. Du Eine,
die ich liebe: Ja und Amen:
heute komm ich! heut soll meine
Klarheit deinen Schooß besamen!

Schon errötet dort ein Giebel;
Sonne, mach ein bißchen schneller! —
Tolstoi, bring mir meine Stiebel,
heut verlass ich deinen Keller! —

* * *