Auf dem Flusse Jukon
streift der Wind;
und mein Hausherr jagt das Renntier
auf den Bergen Boojukon.
Xami, Xami: schlaf, mein Kind,
schlaf, mein Kleiner, schlafe.
Der Herd ist kalt,
das Brennholz all verbrannt;
zerbrochen ist mein Beil,
mit meinem Hausherrn wandert
das andre durch den Wald.
Ach, und die Wärme der Sonne schläft
in der Höhle des Großen Bibers,
wo sie auf den Frühling wartet.
Xami, schlaf doch, schlaf, mein Kind;
schlaf, mein Kleiner, schlafe.
Suche keine Fische, Alte,
lange ist der Kasten leer;
selbst der Rabe kommt nicht mehr,
der sonst jeden Tag drauf hockte.
Ach, seit wieviel Nächten
bin ich schon allein!
In die Berge ging mein Hausherr;
könnt ich bei ihm sein!
Xami, Xami, schlafe;
nein, ich geh nicht; schlaf, mein Kind.
Wo ist Der in diesem Augenblick,
den ich über alles liebe?
Schläft vielleicht und stürzt vom Bergabhange!
Warum bleibt er so sehr lange,
warum kehrt er nicht zurück?!
Wenn er heut nicht kommt,
werd’ ich doch noch gehen,
in die Berge gehen,
meinen lieben Herrn mir suchen gehen!
Schlaf, mein Kleiner, schlafe;
Xami, schlaf, mein Kind.
Hh —! da kommt der Rabe.
Wie er krächzt! So hohl.
Wie er lacht! So höhnisch.
Warum lacht er wohl?
Und sein Schnabel glänzt
naß und rot von Blut,
und sein böses Auge
funkelt Haß und Wut.
Warum lachst du, Rabe?
Xami, schlaf, mein Kind.
„Mich freut noch, Frau, der frische Fraß,
das saftige Fleisch, das prächtige Stück,
das mir dein Herr zu schmecken gab.
Schlafend lag er sanft im Gras,
da kam der Rab,
da nahm der Rab;
ja, ganz sanft im Grase lag er!“
Schlafe, Xami; schlaf, mein Kind;
schlaf, mein Kleiner, schlafe.
„Ja, zwanzig Renntierzungen
trug er auf seiner Schulter;
blos Er hat keine Zunge mehr im Munde,
den Namen seiner jungen Frau zu rufen.
Raben, Krähen und Füchse
zanken um seine Beute;
ja, ganz sanft im Grase schläft er,
sanfter als das Kind, Frau,
das an deinem Herzen schläft!“
Xami! Xami! Ach —
„Raben, Krähen und Füchse
zanken um einen Fetzen
von dem Leichnam deines Herrn.
Ja, ganz sanft im Grase liegt er,
und sehr hart, sehr zähe
war er doch im Leben;
wohl viel härter, zäher
als des Kindes Leben, Frau,
das an deinem Herzen liegt!“
Xami! schläfst du? Xami?!
Ach, mein Kind; o schlaf, mein Kind.
Ach — — o da! da kommt er,
kommt mein Herr, mein geliebter!
ganz mit Beute beladen,
müde kommt er den Berg herab.
Hui, nun hurtig, Alte,
hole Holz zum Spalten,
sieh, mein Müder lacht!
Und der Rabe, der Lügner,
was für Augen der macht!
Xami, aufgewacht!
auf, du kleiner Schläfer,
komm, dein Vater lacht!
Sieh, er bringt uns Renntierfelle,
bringt das schöne süße Markfett,
bringt uns frisches Wildpret mit.
Und für dich, mein Liebling,
hat er gar geschnitzt ein Spielzeug
aus den glatten Renntierknochen.
Matt und abgehetzt
lag er fern am Bergabhange
gestern. Aber jetzt:
sieh nur, wie der Rabe bange
sich vor seinem Pfeil versteckt!
Ja, wach auf, du Schläfer,
komm und lache mit mir!
Auf, mein kleiner Wildfang,
jauchze, dein Vater ist hier!

Adlerschrei

Schwere Tage schwanden,
seit ich zu dir stieß,
all im Flug bestanden,
von den Hügellanden
her durch Stürme auf dies Bergverlies.
Mit erprobten Schwingen
hocken wir im Nest,
sehn die Wolken ringen,
fast zum Herzzerspringen
warm an unsre junge Brut gepreßt.
Und ich darf nicht fragen:
ist dir das genug?
darf nur Sehnsucht tragen
nach den schweren Tagen:
hin durch Stürme, Herz, zu kühnerem Flug!

Eröffnung

Jetzt sing ich dir das letzte Liebeslied.
Ich fühls bei jedem unsrer trauten Spiele,
daß mich ein Geist in seinen Dienst beschied,
der Geist der alten und der neuen Ziele.
Der duldet nicht in seinem weiten Bann
die allzu häuslich eingeengten Klänge;
und manchmal wandelt eine Pein mich an,
als ob ich fehl von unsern Freuden sänge.
Denn Meine Sprache ist für Alle da.
Doch was wir kaum in Seufzern uns gestehen,
was rein in Blicken zwischen uns geschah,
ist eine Sprache, die nur wir verstehen.