Es war im Mai, ein Mittag wolkenschwül.
Am offnen Fenster saß ich, ins Gewühl
der feuchten Dächer staunend, die gleich Schollen
von Silberfelsen, fern ins stille Meer
des Himmels hin, aus dumpfer Brandung schwollen:
Berlin lag brausend um mich her.
Am Horizont, im blassen Dunst, stand blendend
auf ihrem Säulenklotz, wie Gold ausspendend,
die Siegesgöttin. Um die steifen Glieder
bog seltsam bauschig das Gewand sich nieder;
zu flattern schien’s im lauen Wind.
Die Sonne blinzelte, bald grell, bald blind.
Ich wußte nicht: saß ich im Traum?
Es war, als ob der blanke Saum
am Fuß der Göttin immer mehr sich bauschte,
als ob von fern ein ehern Klirren rauschte.
Ich starrte: wahrlich, um die Spitze
der Säule klirrten goldne Blitze:
die Göttin schüttelte den Siegesspeer.
Und plötzlich schleuderte sie weg die Wehr,
zur Erde nieder schossen Strahlenstufen,
sie schritt hinab, und hohl wie Glockentöne
scholl durch die Stadt ein geisterhaftes Rufen:
„Genug des eitlen Ruhms! Kommt her, ihr Söhne,
ihr Töchter all des Volkes, kommt herbei!
Ich will euch künden einen neuen Mai.
Hin werf ich Heim und Waffen in den Kot;
genug von Kampf und Schweiß! Aus reinern Sphären,
vom Baum der Freiheit pflückt ich Himmelsbrot;
mit Ätherhauch soll’s eure Seelen nähren.
Die Frucht der Schönheit bring ich auf die Erde,
die Kunst, die Seligkeit der Ewigkeiten;
vergessen sollt ihr Mühsal und Beschwerde,
wie Geister leicht ins Reich der Wahrheit gleiten.
Ein trüber Traum nur ist des Daseins Not,
ein Wahn der Schmerz, ein Augenblick der Tod;
begeistert ob dem Dunst der Zeiten schweben,
das ist die Wahrheit, das heißt Leben!“
So stand sie preisend in der Sonne, winkte;
hoch in der Rechten, weithin gleißend, blinkte
die wundersame Frucht. Und ihr entgegen
aus allen Toren stürmten Glückverlangende,
auf allen Straßen drängten Sehnsuchtbangende,
Millionen Augen dürsteten nach Segen.
Und plötzlich keucht ich selber mit im Schwarm,
mit immer drängender gestrecktem Arm;
vorstürzend, stammelnd kniet ich in den Sand,
umklammerte des Weibes Prachtgewand:
„Gieb!“ fleht’ich ächzend — „Gieb uns, gieb uns!“ ächzten
die Abertausende, die mit mir lechzten.
Doch hohl herab in unsre Nötigungen
erscholl die Glockenstimme wie zersprungen:
„Nicht dürft ihr nahn mit irdischer Begier,
im Abglanz nur erscheint die Schönheit hier.“
Und scheu verstummten Alle; auf dem Volke
lag schwer das Wort wie Nebeldunst und Wolke.
Auf einmal aber, leise, heiser, wild,
begann ein Flüstern um das Glanzgebild:
„Sie log uns! Wir verschmachten! Fort! Sie log!“
Und, wie die Windsbraut durch den Forst, so flog
das Murren weiter, laut und lauter schwellend:
„sie log, log, log“ — toll, immer toller gellend,
wutschreiend, hohnlachend, und Flüche schallten,
und Fäuste fuhren drohend in die Falten
des blendenden Kleides, und — ein Schreck — ein Graun:
die wimmelnden Reihen starrten wie erstickt:
ein Bild des Stolzes hatte sie berückt,
da stand’s, ein Bild der Ohnmacht anzuschaun:
ein Krampf erschütterte den Riesenleib,
es war als schrumpfte Zoll um Zoll das Weib,
matt nieder knickten Hand und Arm,
die Himmelsfrucht fiel prasselnd in den Schwarm,
zu Moderqualm zerstob sie im Gedränge,
zu Flitterspreu der Schale Goldgepränge.
Und vom Gesicht wie abgeschürfte Blattern
sah ich des Weibes Götterhaut zerflattern.
Aus ihren Augen stierte trüb ein Schein
wie schaler Bodenrest aus leeren Bechern,
die Lippen knifften dürr und schief sich ein,
und aus dem Zahngelücke klang es blechern:
„Ach ja — ach je — die Kunst wird alt so sachte.
Ihr habt schon Recht — na, seid man still — ich dachte:
ihr könnt noch glauben an die ewige Jugend.
Na schön, denn nich. Seht, Kinder, ich bin ehrlich;
und ist das schwache Rückgrat auch beschwerlich,
man macht dann eben aus der Not ’ne Tugend.
Ja, alles Dasein ist ein mürber Plunder,
der Menschengeist verpufft sich selbst wie Zunder,
der Mitmensch kommt und schluckt den schlimmen Rauch
und krigt davon das Grimmen in den Bauch;
ein Kunststück ist es, sich davor zu hüten.
Drum will ich euch, als Gegengift, die Blüten
aus diesem Giftsumpf säuberlich sezieren;
ein schwaches Auge liebt das Mikroskop
und nicht das Sonnenfernglas zu regieren,
und Unkraut wächst ja massenhaft, gottlob.
Die Decke von der Fäulnis abzuheben,
das ist die Wahrheit, das heißt leben.“
Und wieder rings ein scheu beklommnes Schweigen,
ein Nicken, und verzagte Seufzer wehten,
wie Herbstlaub rieselt von gesenkten Zweigen;
dann — sah ich manchen grinsend näher treten.
Da wars, als wüchse wieder hoch die Alte,
die hohle Stimme blähte sich und hallte:
„Am Schönheitswahnsinn mögen Narren klauben,
heut braucht man blos der — Wissenschaft zu glauben!
Und da ihr reif seid, Alles zu verstehn,
sollt ihr die Kunst in ganzer Nacktheit sehn!“
Und mit den Spinnenfingern krallte
ins schlotternde Prunkgewand die Alte,
schon sah man durch des Kleides Spalten
des greisen Leibes schlaffe Falten,
da —: tausendstimmig hub ein Toben an,
ein Schrei des Ekels brach den dumpfen Bann,
und wie die Brandung von der morschen Klippe
zurück ins freie Meergewoge schäumt,
so stürmten, stießen, stürzten zorngebäumt
die Schaaren weg, weg von dem Spottgerippe
und rissen’s um und lachten, und laut lachte
ich mit, aus vollem Halse, und — erwachte.
Am offnen Fenster saß ich, ins Gewühl
der Großstadt niederstaunend. Frisch und kühl,
aus eines Hofes tristem Schattenloch,
sproß zu mir auf ins schwüle Mittagsschweigen
ein blühender Apfelbaum, als hinge noch
schimmernd das Morgenrot an seinen Zweigen.
Und wo er über die graue Mauer nickte,
hockte ein Straßenkind und gab
von seinem Brot einer Gespielin ab,
die blaß aus einem Kellerfenster blickte.
Das Brot war trocken, das Stück war klein,
die Händchen schmutzig — doch der Augen Leuchten
so klar und lachend wie der Sonnenschein,
der über ihnen rings die schwarzen feuchten
Dächer der qualmenden Stadt blitzblank polierte
und mit viel hundert Himmelsspiegeln zierte.
Am Horizont verglomm jetzt in den Dünsten,
fahl wie ein Irrlicht hinter Sumpfgespinsten,
die plumpe Göttin. Aber an der Ecke
dicht unter mir fiel hell der Frühlingsglanz
auf eine andre Säule. Bunt Geflecke,
grell, ein zerhackter Regenbogenkranz,
so klebten prangend die Plakate dran.
Und auf dem Pflaster drängte Mann an Mann;
sie lauschten; einer las, gebückt und schief,
ein rotes Blatt, das zur Versammlung rief.
Verbissener Grimm sprach aus den knochigen Mienen,
verschluckte Sorgen brüteten in ihnen;
und als der Haufe aus einander wich
und als sie sich die rußigen Hände drückten
und kargen Gruß die storren Köpfe nickten,
da, ja, da wußt ich wohl, dort schlich
manch schlechter Wunsch aus haßgepreßter Kehle,
doch aus den Blicken schimmerte echt und rein
— so sprüht der Funke aus dem harten Stein —
die Kampfbegeisterung der wilden Seele.
Und sprühte her zu mir mit jäher Wonne,
und ward Gesang in mir, Gesang zur Sonne:
Wir Alle, Sonne, sind von deinem Blut!
Uns Alle, Volk, adelt ein Geist der Glut!
Wie Er aus Licht und Dunkel Farben wirkt,
im Schooß der Nacht die Saat des Tages birgt,
wie Er vom kalten Ätherhauch umflossen
sein Flammenblut hat in die Welt vergossen,
das immer noch aus unsrer Staubgestalt
vor Sonnenheimweh heiße Worte lallt:
so kann ein Schattenspiel an leerer Wand,
vom Flämmchen unsrer Sehnsucht hingebannt,
uns samt der Zeit zur Ewigkeit erheben —
und Das ist Kunst, ist Schönheit, Wahrheit, Leben!