Ein Märchen für kleine und große Leute
Nun will ich euch eine Geschichte erzählen, die mir einmal vor einem Schaufenster eingefallen ist, als ich eine kleine chinesische oder vielmehr koreanische Porzellandose betrachtete, die in sonderbarer Verschnörkelung einen schwermütigen Löwen vorstellte. Ich tue es nur, damit ihr Lust kriegt, euch bei merkwürdigen Dingen, die ihr seht, selber allerlei Neues zu denken. Wenn ihr das dann mit rechter Lebendigkeit Andern mitteilt, kommt ihr in den Ruf, daß ihr furchtbar tiefsinnig seid und schreckliche Dinge in euerm Herzen beherbergt, die ihr nur deshalb den Leuten aufbinden wollt, damit sie euch für ein Wundertier halten. Und außerdem habt ihr noch das Vergnügen, daß ihr so klug bleibt, wie ihr wart, während die Andern sich so die Köpfe über euch zerbrechen, daß sie manchmal rein dumm davon werden. Also paßt auf!
In einem asiatischen Urwald lebte zu Olims Zeiten ein großes Tier, wie vorher noch keins zur Welt gekommen war und wohl auch nie mehr eins wiederkommen wird, von so erstaunlicher Mißgestalt. Es hatte den Kopf eines Löwen und den Leib einer Kröte, das heißt einer Riesenkröte, sodaß es noch größer war als ein gewöhnlicher Löwe. Dabei war es nicht etwa ein bösartiges Tier, obwohl es mit seinem gewaltigen Rachen und seiner dicken Panzerhaut allgemeines Entsetzen erregte; sondern weil es eben den Magen einer Kröte hatte, nährte es sich wie alle Kröten von unnützen kleinen Kriechtieren. Besonders den Giftschlangen stellte es nach, trieb sie aus ihren Schlupflöchern und ließ sich ihre Eier schmecken. Sonst machte es von seinen Raubtierkräften nur dann Gebrauch, wenn irgend ein anderes großes Tier sich einmal gar zu dreist aufspielte; dann brachte es ihm Mores bei, war also im ganzen den Urwaldbewohnern recht nützlich.
Auch war es durchaus kein häßliches Tier. Seine harte runzlige Krötenhaut schimmerte goldbunt wie ein Paradiesvogelsittig, mit großen tiefblauen Tupfen gesprenkelt, wovon sich die hellbraune Löwenmähne in majestätischen Locken abhob. Nur etwas schwerfällig war es gebaut; der breite Leib war zwar nicht so plump wie bei den gewöhnlichen Riesenkröten, drückte aber die mächtigen Löwentatzen beim Gehen doch etwas zu Boden, und das bekümmerte sein Gemüt. Es gelang ihm wohl, riesige Sprünge zu machen, die selbst die Sprünge der Löwen übertrafen, aber richtig rennen konnte es nicht und gemächlich laufen auch nicht recht; und das traurige Untier meinte immer, wenn es das könnte, würde es lustig werden.
Je älter es wurde, umso bekümmerter wurde es, weil es immerfort drüber nachdachte, was es wohl mit sich anstellen solle, um einmal recht lustig lachen zu können. Besonders wenn es frühmorgens hörte, wie der ganze Urwald vom Gelächter der Affen und Papageien zu schallen begann, stierte es eifrig aus seiner Höhle nach den Zweigen hinauf in den blauen Himmel, als müsse ihm dorther die Erleuchtung kommen. Aber so sehr ihm der Himmel auch in die Augen lachte: jedesmal wenn es meinte, nun werde das Herz ihm vor Freude schwellen, und lustig ins Grüne hinausrennen wollte, dann konnte das langsame Krötenherz mit dem raschen Löwengehirn nicht mit, und der ganze Tag war ihm verleidet.
Endlich fragte die Löwenkröte einen alten Papageien um Rat, der klüger als die andern zu sein schien und nur in seltenen Fällen lachte, dann freilich umso kräftiger. Weil sie sich aber nicht verraten wollte, da sie befürchtete ausgelacht zu werden, stellte sie ihre Frage so: Wie kommt es denn, daß du so selten lachst? und warum lachst du dann so kräftig?
Weiß nicht! krächzte der Papagei; frag mal das heilige Kameel! Und dann lachte er wie besessen.
Daraus merkte die Löwenkröte, daß der alte Papagei närrisch war. Denn von dem heiligen Kameel war allgemein im Urwald bekannt, daß es nicht im geringsten lachen konnte, nicht einmal lächeln; und lächeln konnte die Löwenkröte, wenn auch nur ziemlich mühsam. Bei näherer Überlegung bedachte sie aber, daß die Narren mitunter gescheitere Einfälle haben, als sie selber in ihrer Narrheit wissen. Vielleicht verstand sich das heilige Kameel im stillen wirklich sehr gut aufs Lachen und hatte sich’s nur abgewöhnt aus irgend einem triftigen Grunde. Also begab sie sich auf den Weg nach dem Tempel, wo das Kameel sich verehren ließ.
Das heilige Tier erschrak nicht wenig, als es das fremde Untier erblickte. Dann jedoch witterte es wohl, daß sich das bunte Riesenvieh in freundlicher Absicht näherte, dachte wohl auch an das schützende Gittertor, steckte daher den Kopf heraus und fragte von oben herab feierlich: Was wünschen Sie?
Die Löwenkröte, da sie nicht zu befürchten brauchte, von dieser ernsten Person belächelt zu werden, erwiderte treuherzig: Ich möchte gern wissen, Euer Hochehrwürden, wie ich wohl lachen lernen kann.
Das heilige Kameel, das wohl nicht recht gehört zu haben glaubte, oder nicht wußte, ob es die Frage ernst nehmen sollte, steckte den Kopf noch ein bißchen weiter heraus und fragte noch feierlicher: Wie meinen Sie?
Da brüllte die Löwenkröte: lachen! ich will lachen lernen, Ehrwürden! Und nun zog das Kameel rasch den Kopf zurück; denn nun wußte es, daß es ernst gemeint war.
Es besah sich durch die Gitterstäbe die unwirsche Mißgeburt genauer, nahm eine teilnehmende Miene an, wobei es seinen höckrigen Rücken noch etwas krummer machte als sonst, und bog und wiegte den langen Hals nachdenklich hin und her. Dann sagte es noch viel feierlicher: Besänftige dich, betrübte Seele! Da wird uns der Himmel auf meine Bitte wohl an den Weg der Erleuchtung führen. Da wirst du entweder ganz ein Löwe oder ganz eine Kröte werden müssen.
Das hab ich schon selbst gewußt — knurrte die Löwenkröte. Aber wie hab ich das anzufangen?!
Das heilige Kameel bog nochmals den Hals gewichtig hin und her, machte den Buckel noch krummer und sagte: Auch dazu wird uns das himmlische Licht den rechten Weg der Erleuchtung weisen. Da wirst du aber dem gütigen Himmel erst eine kleine Opfergabe darbringen müssen. Du darfst sie einstweilen zu meinen Füßen, der ich der Diener des Lichtes bin, vor diesem Gittertor niederlegen.
Die Löwenkröte besann sich ein bißchen, was sie dem Himmel wohl Wohlgefälliges darbringen konnte, und fragte dann schüchtern: Willst du vielleicht ein paar Giftschlangenköpfe? ich habe heut Mittag ein ganzes Nest voll getötet.
Nein — sagte das heilige Kameel und schüttelte sich von oben bis unten — Giftschlangen sind hier nicht am Platze, insonderheit keine getöteten; denn des Himmels Gnade läßt auch die Giftschlangen leben. Aber zuweilen sollen sich in den Nestern der Schlangen kostbare Edelsteine finden; wenn du deren vielleicht eine kleine Portion geraubt haben solltest, die würden dem Himmelslicht angenehm sein! — Und ganz verklärt verdrehte das heilige Tier bei diesen Worten seine Augen.
Da fiel der Löwenkröte ein, daß ihr am Mittag, als sie den Schlangen die Köpfe abbiß, etwas sehr Hartes ins Maul geraten war, das sie nicht hatte zerknacken können, und das ihr noch immer im Rachen steckte. Das spie sie nun schleunigst durch das Gitter dem Diener des Lichtes vor die Füße.
Das Kameel, als ihm der heftige Strahl so plötzlich entgegengeschleudert wurde, tat erst wieder einen entsetzten Satz. Als es aber vor sich im nassen Sande den großen Edelstein funkeln sah, gewann es seine Fassung zurück, nahm wieder eine würdige Haltung an und sprach mit gnädiger Halsneigung: Es ist zwar nur ein einziger Edelstein, aber dem Himmel ist auch Geringes willkommen, wenn es aus willigem Herzen kommt; ich werde für deine Erleuchtung beten.
Also werd’ich nun endlich Antwort kriegen? brauste die Löwenkröte auf, die schon vor Ungeduld zitterte.
Sobald ich gebetet habe — sprach das Kameel und zog sich etwas tiefer in seine Zelle zurück, den Edelstein mit dem Fuß an sich scharrend. Dann ließ es sich umständlich, wie die Kameele zu tun pflegen, auf beide Vorderkniee nieder, den Höcker so krumm wie nur möglich machend, und die Löwenkröte mußte warten, obgleich ihr die Mähne schon schwoll vor Zorn. Endlich erhob sich das heilige Tier, blieb weihevoll im Hintergrund stehen und sagte mit prophetischer Stimme: Der Himmel hat mein Gebet erhört. Er läßt dir durch seinen Diener sagen: wenn du wissen willst, wie dein Leib sich verwandeln soll, damit deine Seele zum Preise des Lichtes lachen lerne, dann mußt du dich auf den Weg machen und entweder die Löwen oder die Kröten danach fragen —
Aber das wollt ich ja grade nicht! brüllte die Löwenkröte verzweifelt. Warte, du ruppiges buckliges Biest! Und damit sprang sie in voller Wut gegen das Tor der Tempelzelle.
Aber auf solche Überfälle mußte dies wohl schon eingerichtet sein; denn trotz ihrer Riesenkräfte vermochte die wütende Löwenkröte das eiserne Gitter nicht zu sprengen, nur ein paar Stäbe verbogen sich. Und das Kameel blieb ruhig im Hintergrund stehen, besah sich das rasende Ungetüm, als könne es dessen Grimm nicht begreifen, und sagte nur mit tiefster Entrüstung: du undankbare Kreatur! Dann wandte es langsam dem Gitter den Rücken zu, und die Löwenkröte hatte den Eindruck, als ob sich’s nun wirklich im stillen die Hucke voll lachte.
Das brachte sie wieder zur Besinnung. Und da ihr nichts andres mehr übrig blieb, faßte sie jetzt in der Tat den Entschluß, bei den gewöhnlichen Löwen und Kröten so höflich wie möglich ihr Glück zu versuchen. Ihr braves Krötenherz schämte sich schon des löwenhäuptigen Wutanfalls, und sie verzieh dem gekränkten Kameel seine unerträgliche Redseligkeit. Vielleicht hatte es doch sein dummes Getue von A bis Z völlig ernst gemeint und hielt sich nur in seiner Dummheit für einen Ausbund von himmlischer Weisheit.
Mit solchen Gedanken kam sie an den Sumpf, in dem die Riesenkröten hausten, und hörte richtig schon von ferne ihr glucksendes Lachen durchs Röhricht tönen. Halt! sagte sie sich in ihrem Löwensinn: da brauch ich vielleicht erst garnicht zu fragen, sondern sehe, was sie so fröhlich macht.
Vorsichtig schlich sie im Röhricht näher und spähte durch die dichten Halme. Da saß eine ganze Krötengesellschaft um ein riesiges Wasserpflanzenblatt, auf dem es von kleinen Schnecken und Würmern, Maden und Schlammkäfern wimmelte, und die Kröten glucksten vor Vergnügen über die fette Abendmahlzeit und patschten sich die feisten Bäuche, daß der Sumpfboden davon wackelte.
Nein! dachte unser trauriges Untier in seinem vornehmen Löwensinn: Wenn das ihre ganze Freude ist, dann will ich lieber darauf verzichten; das ist denn doch zu ekelhaft! — Also beschloß es, die Löwen aufzusuchen.
Inzwischen war die Nacht angebrochen, und im Urwald herrschte bereits tiefe Stille, sodaß die Löwenkröte schon meinte, den Besuch bis morgen aufschieben zu müssen. Aber es war eine helle Mondnacht, und plötzlich erscholl durch die Dämmerung ein so gewaltig donnerndes Lachen, daß es nur von mehreren Löwen herrühren konnte, und zugleich ein jämmerliches Geschrei.
Unser Untier kroch durch das dunkle Dickicht so rasch wie möglich der Stelle zu, wo der seltsame Lärm sich erhoben hatte, und kam an eine schmale Lichtung, die ganz verklärt vom Mondschein war. Da sah es nun, wie vier große Löwen einen armen Affen an Händen und Beinen gepackt hielten und ihn so bei lebendigem Leibe in vier Stücke zerreißen wollten. Der schnitt natürlich mit seinem Gesicht die fürchterlichsten Grimassen dabei, und das machte den Löwen solchen Spaß, daß sie wieder ihr brüllendes Lachen ausstießen und so den Gequälten ein wenig locker ließen; der schrie dann natürlich noch jämmerlicher, worauf sie noch gräßlicher an ihm rissen und dazwischen wieder laut loslachten.
Unser Untier konnte nicht länger still zusehn; sein gutmütiges Krötenherz empörte sich schließlich bis in sein wildes Löwengehirn, und plötzlich sprang es mit einem Gebrüll, wie noch nie eins im Urwald erschollen war, mitten hinein in den scheußlichen Knäuel. Erst schlug es den armen Affen tot, daß der sich nicht länger zu quälen brauchte; dann fuhr es mit seinen klotzigen Tatzen auf die verdutzten Löwen los. Der eine hatte vor Schreck gleich Reißaus genommen; die andern drei merkten nach einigem Katzbalgen, oder wußten auch schon von Hörensagen, daß sie der bunten Panzerhaut der Löwenkröte nichts anhaben konnten, und zogen sich nach etlichen Maulschellen, die sie weniger ausgeteilt als empfangen hatten, mit respektvollem Grunzen ins Dickicht zurück.
Da saß nun das siegreiche Ungetüm in der vom Mondschein verklärten Lichtung neben der blutigen Affenleiche; und da auf einmal — wie ihr euch denken könnt — ging ihm durch Herz und Hirn zugleich eine unendliche Erleuchtung. Es konnte zwar immer noch nicht lachen; aber mit einem Lächeln gen Himmel, das jeder Traurigkeit hellen Hohn sprach, ergab es sich in sein Untierschicksal, gern eine Löwenkröte bleibend.
Und auch die Affen sind Affen geblieben, die Papageien Papageien, und das heilige Kameel ein Kameel.