Vierter Teil

*

Einsiedler, Schmetterling und Tempelherr

Du weißt, Poet — begann der Tempelherr
und lächelte durch seinen weißen Bart —
ich las sie auf vom Weg, die jetzt mein Weib ist.
Und daß sie, wider Sitte und Gesetz
des Ordens, mitging nach Jerusalem
und nicht den Weg zurückging, den sie kam,
— ich selber hieß sie mitgehn —: das ging so zu.
Wir trugen schon das Abschiedswort im Sinn,
es war an einem heißen Frühlingstag,
schier blendend flimmerte das junge Gras,
und die Gefallne ließ es still geschehen,
daß ich mit ihr den Pfad vom Schloß zum Ufer,
wo andern Tags das Schiff anlegen sollte,
gleichsam zur Herzensübung niederstieg.
Der Pfad bog sehr abschüssig hin und her;
ich brauchte sie, die stets wie ich gewillt war
— ihr Herzschlag geht dem meinen völlig gleich —
kaum mit der Hand zu stützen, so gefaßt
vermied sie jeden lockern Stein im Gras,
als sie auf einmal fest um meinen Arm griff.
Dicht vor uns sonnte sich, beinah berührt
von meinem Schuh, auf einem Blütenkelch
des gelben Löwenzahns, ein saugender
ganz trunkner Schmetterling, ein Trauermantel.
Nun flog er taumelnd weg, zum nächsten Kelch,
dicht vor uns her, wir sahn ihn weitersaugen,
kaum atmend beide, wenn die bleichgesäumten
tiefschwarzen Flügel vor Entzücken zuckten,
und immer weiter so, von Kelch zu Kelch,
dicht immer vor uns her den Pfad hinab,
fast bis zum Fluß; da krigte ihn der Wind
und blies ihn fort, wir blieben stehn im Wind.
Und plötzlich sieht, durch diesen Schmetterling
mir vorgerückt, vor meinem innern Blick
ein jahrelang vergessner Tag: ein Herbsttag.
Ich bin bei einem Freund, Einsiedler ist er;
er war’s — man wußte nicht warum — geworden,
an Jahren konnt er gut mein Vater sein.
Wir sind verloren in Gedanken; draußen
zerzaust der Bergwind seinen Blumengarten.
Er macht sein Bett, ein seltsam ungeschlachtes,
nach Bauernart bemaltes Ehebett;
da klopft es an die Tür. Er geht und öffnet;
und vor der Klause steht, bei seinen Blumen,
zerzaust wie sie, in schlechter schwarzer Tracht,
ein altes Weiblein, elend, scheu, verkommen,
das blickt ihn bettelnd an. Ich seh ihn noch:
auf seine große Stirne treten Flecken
wie von Faustschlägen, seine Finger beben,
die guten blauen Augen glänzen grausig,
er sagt: geh weg! ich kenne dich nicht mehr.
Er will die Tür zudrücken, sie versperrt sie:
Ich hab nur Dich geliebet! bettelt sie.
Er tritt zurück, die rote Stirn wird blaß,
die Augen kalt, er sagt: geh weg, du lügst.
Sie schleppt sich nach: Verzeih mir! bettelt sie.
Er sagt noch kälter: ich verzeih dir, geh.
Da faßt sie seine Hand, und wieder fliegt
der grauenhafte Glanz durch seine Augen —
Du hast mich nit verstanden, Meiner! fleht sie:
ich war — Doch eh sie enden kann, erbebt
der ganze breite Mann: Verstanden? schreit er
und hebt die Faust, ich will zuspringen, da:
laut schluchzend, Blut ausschluchzend vor ihn hin
knickt sie zusammen, schluchzt sie auf zu ihm:
ich war ein armer Schmetterling im Wind! —
Da hat er sich mit mir gebückt zu ihr
und nahm das alte Weiblein an sein Herz
und trug sie weinend in ihr altes Bett;
drin ist sie lächelnd andern Tags verstorben.
Nun weißt du — endete der Tempelherr
und lächelte durch seinen weißen Bart —
warum, Poet, trotz Sitte und Gesetz
des Ordens, sie, die jetzt mein Weib ist, nicht
den Weg zurückging, den sie zu mir kam.
Ich sagte ihr am Morgen meiner Abfahrt,
was mir in jenem stillen Augenblick,
als wir am Fluß im Wind beisammenstanden
— sie hatte mich mit keinem Hauch gestört,
ihr Atem geht dem meinen völlig gleich —
vor meinem innern Blick gestanden hatte,
und hieß sie mitgehn nach Jerusalem.

Der Verbannte

Durch die fremde Stadt
geht mir eisig der Wind nach,
der die Birken bewegte,
der die Schneeglöckchen schüttelte,
als ich die Heimat verließ.
Durch die fremde Stadt
kommt mir sonnig ein Bild entgegen:
eine Mutter mit ihren Kindern,
die vor Frühlingsfreude glühn.

Unterwegs

Vor meinem Lager liegt der helle
Mondschein auf der Diele.
Mir war, als fiele
auf die Schwelle
das Frühlicht schon;
mein Auge zweifelt noch.
Und ich hebe mein Haupt und sehe,
sehe den fremden Mond
in seiner Höhe
glänzen. Und ich senke,
senke mein Haupt und denke
an meine Heimat.

Heimatgruß

an Hans Thoma zu seinem 60. Geburtstag

Wo die Heimat liegt,
das ist mir erst aufgegangen
im fremden Land.
O, mit welchem Bangen
schaue ich manchmal vom Fenster herunter
durch die enge Hafengasse
wie von einer Festungsterrasse
auf den kahlen Inselrand
da mitten in dem grauen Fluß!
Doch geht die Sonne unter,
dann steigen durch den Rauch und Ruß
der lauten Dampfschiffe und dunkeln Schornsteine
die Nebel wie reine Geister;
und immer mahnt mich das an Deine
Insel, Hans Thoma,
du heimatseliger Meister.
An die Insel, die du gemalt hast
— wie du mir selbst erzählt hast — aus Heimweh,
wo hold und heiter, ohne Heimweh,
unter den schlanken, gen Himmel breiten,
stillen Bäumen Deines Landes
Frauen und Männer schlichten Gewandes
in Eintracht mit stolzen Tieren schreiten,
geweihten Hirschen, frei laufenden Pferden,
und rings mit sorglosen Geberden
schaukeln auf den wirbelnden Wogen
Liebespaare, von Schwänen gezogen —
wirklich, dann glaub ich, so muß es wohl sein
auf deiner Insel bei Frankfurt am Main,
oder wo sonst deine Heimat liegt;
denn daß der Schwarzwald dich großgewiegt,
das ist mir nicht immer gleich im Klaren,
denn auf einmal liegt dann zwischen den Stämmen
meine eigne Heimat, der Wald von Kremmen,
und ich schaue auf Wiesen, worüber sich fern
im Nebel Himmel und Erde paaren,
und suche kindlich den höchsten Stern —
bis mich das Heulen der Hafensirenen
aufstört aus meinem Sinnen und Sehnen.
Doch Einmal, ja, da sah ich den Stern:
— noch war in der Luft kein Rauch und Lärm,
die Morgenröte küßte den Fluß,
und die kahle Insel schien aufzuleben —
da sah ich fern den Genius
aller Heimat darüber schweben:
leicht aus dem Wölkicht kam er einher
mit ruhigen Flügeln durchs himmlische Meer,
kaum die kräftigen Schwungfedern spreitend,
auf einer durchsichtigen Kugel gleitend,
drin spiegelte sich die bunte Erde
samt meiner überraschten Geberde:
den Stern, den trug er als Blume in Händen,
kein Gewand um die hellen Lenden,
eine Einsicht auf dem Jünglingsgesicht
wie im Traum, im Halbtraum, ich weiß es nicht —
so flog er, ohne sich umzuwenden,
an der fremden Insel vorüber,
aus der Heimat
in die Heimat
hinüber ...

Hoher Mittag

Da ich nun in Einsamkeiten
träume von dem goldnen Land,
von den fernen Seligkeiten
unerfüllbar schöner Zeiten,
und der blaue Kreis der Weiten
weiter sich und weiter spannt,
rührt auf einmal mich ein Bangen:
Sonne, welchem Ziele zu?
tief und tiefer ein Verlangen:
Urquell meiner Sehnsucht du!

Stimme im Licht

Dunkles Herz,
dunkles Herz,
was bebst du denn?
Sieh doch die Nacht glänzen;
dir lebt ein Licht in den Weiten,
zu allen Zeiten,
über Grenzen,
da kann kein Mond, kein Stern hinan!
Dulde nur deine Dunkelheiten
ohne Schmerz:
ein andres Herz
möchte in deinem Schatten ruhn.
Brauchst kaum durch seine Träume zu beben,
alle Himmel fühlt ihr dann in euch schweben;
dunkles Herz,
dunkles Herz,
wie strahlst du nun!

Nachtgebet

Du tiefe Ruh,
laß deinen Schleier sinken,
und schling dein dunkles Haar um meine Brust,
und laß mich deinen Atem trinken,
Du,
bis alle meine Lust
und letzter Schmerz in einen Hauch verschweben,
den deine Lippen mir vom Herzen heben,
dann laß mich deinen Kuß erleben,
du tiefe Ruh.

Durch die Nacht

Und immer Du, dies dunkle Du,
und durch die Nacht dies hohle Sausen;
die Telegraphendrähte brausen,
ich schreite meiner Heimat zu.
Und Schritt für Schritt dies dunkle Du,
es scheint von Pol zu Pol zu sausen;
und tausend Worte hör ich brausen
und schreite stumm der Heimat zu.

Masken

Du bist es nicht, du greiser Tempelritter
im Panzerkleid, auf das die Kerzenstrahlen
des bunten Saals mit täuschendem Gezitter
geheimnisvolle Charaktere malen;
dein Blick ist schwarz, laß das Visier nur zu!
Du bist es nicht — doch Ich bin Du.
Du bist es nicht, Zigeuner mit der Geige,
der wild sein Lied läßt in die Zukunft bluten.
Dein roter Bart ist kraus wie Urwaldzweige,
um die rauchprasselnde Frühfeuer gluten.
Dein Blick ist grau; laß nur die Maske zu!
Du bist es nicht — doch Ich bin Du.
Du bist es nicht, Traumkönigin. Seerosen
trägst du im wolkendunkeln Haargeflechte,
und keuschen Asphodellos, und Skabiosen,
die sanfter blühn als purpursanfte Nächte.
Dein Blick ist braun; laß deinen Schleier zu!
Du bist es nicht — doch Ich bin Du.
Du bist es nicht, mein blonder Puck. Dein Röckchen
ist viel zu kurz für deine Mädchenbeine;
man sieht es doch, daß dein hell Klingelstöckchen
ein Totenköpfchen krönt, du freche Kleine.
Dein Blick ist stahlblau; laß dein Lärvchen zu!
Du bist es nicht — doch Ich bin Du.
Und Du, bist Du’s, du Domino im Spiegel,
in dessen Blick die Farben meerhaft schwanken,
du maskenlos Gesicht? Zeig her das Siegel,
das mir ausdrückt den Grund deiner Gedanken!
Bin ich das selbst? Ausdruck, du nickst mir zu.
Grundsiegel — Maske — Bin Ich Du? —

Nacht für Nacht

Still, es ist ein Tag verflossen.
Deine Augen sind geschlossen.
Deine Hände, schwer wie Blei,
liegen dir so drückend ferne.
Um dein Bette schweben Sterne,
dicht an dir vorbei.
Still, sie weiten dir die Wände:
Gieb uns her die schweren Hände,
sieh, der dunkle Himmel weicht —
Deine Augen sind geschlossen —
still, du hast den Tag genossen —
dir wird leicht — —

Lied vor Tag

Was bewegt dich, stiller Himmel?
Was beschwingt die schweren Wolken?
Herz, wie kommt die helle Höhe
übers tiefgraue Meer?
Durch die Wolken schwebt ein Vogel;
schwebt vorbei mit hellen Flügeln,
trägt die goldne Morgenröte
übers tiefgraue Meer.
Komm zurück, du goldner Vogel!
Nimm mich hoch in deine Höhe!
Trag mein Herz, du helle Hoffnung,
übers tiefgraue Meer!

Gondelliedchen

Bitte, bitte, Vögelchen:
Schiffchen hat ein Segelchen,
segelt übers Meer:
Vögelchen, komm her!
Komm und setz dich, laß dich wiegen,
warum willst du immer fliegen,
machst es dir so schwer!
Singe, kleiner Passagier!
Wenn die großen Wellen krachen,
wird dein Lied uns ruhig machen;
still vergessen wir
Erde, Mensch und Tier.

Griechische Pfingsten

Wie anders nun! — Ihr blumigen Auen,
ihr wilden Berge: irrt mein Geist?
Bin ich nicht jüngst mit heiligem Grauen
durchs blaue Meer zu trunknem Schauen
ins Land der Mythe hergereist?
Nun grast hier hinter krüppligen Säulenstümpfen,
vorbei an ausgegrabenen Götterrümpfen,
mein müder Klepper mit Gestöhn.
Man blickt noch manchmal zurück nach ihnen:
man sieht, es sind und bleiben Ruinen —
aber ihr, ihr Berge, seid ewig schön!
Drum still, du graue Mythe,
mit deinem trüben Sinn!
Ganz Hellas steht in Blüte,
noch heut, so wahr ich bin!
Hier lernt man heiter schreiten:
über den Schutt der Zeiten
geht immergrün die Zeit dahin.

Eine Rundreise in Ansichtspostkarten

1. Straßburger Münster

Der Ansicht aller Welt zum Trotz
steht dieser Turm und krönt — was? — einen Klotz.
Er stand beim jungen Goethe sehr in Gunst
als Voll-und-Höchstbeweis echt deutscher Kunst.
Er steht, wie ihn der alte Goethe sah,
noch heut höchst unvollendet da.

2. Rheinfall bei Schaffhausen

Blickst du ihn an, so wird dir wirr
von all dem stürzenden Flutgeirr.
Doch horch hinein, da steigt vom Grund
klar ein steter Einklang und
Aufklang.

3. Gotthard-Tunnel
Klänge im Eilzug

Über der Einfahrt grausen verquollen
eisige Gipfel durch Wolken herab.
Unter der Ausfahrt weisen die Schollen
finstrer Felsen zu nebelvollen
Schluchten und neuen Schachten hinab.
Immer durchs Dunkel von Stollen zu Stollen
fühlst du dich immer dem Licht zurollen,
und so setzt dich endlich mit tollen
Sprüngen der Himmel ins Blaue ab.

4. Isola Bella

Das konnten wohl die seligen Inseln sein,
wenn’s nicht auch hier, wenn’s regnet, regnete.
Wie arme Sünder schaudern die Cypressen
vor ihrem Spiegelbild im trüben See;
und während sich des Himmels Gnade reichlich
auf sie und mich und übers Schiff ergießt,
steht, einem Engel ähnlich an Geduld,
mit höchster Höflichkeit mein Haupt beschirmend,
ein Doganiere neben mir und prüft
bis auf den Grund mein zollpflichtschuldiges Herz.

5. Mailand

Und ward dir vor den tausend Heiligen schwach,
die, eitel Marmor, rings den Dom garnieren,
dann steige auf sein flaches Dach,
das neunundneunzig einzelne Türmchen zieren.
Das wird dich, Alles Marmor, wie ein Hain
kandierter Weihnachtsbäumchen delektieren —
auf einmal siehst du fern im Sonnenschein
die Alpen — —

6. Certosa bei Pavia

Schmuckkästlein schlichter Einsamkeit:
hinter der Prachtwand der Fassade
bat mancher Mönch in weiser Schweigsamkeit
die Jungfraun Borgognones einst um Gnade.
Jetzt möcht ich in den leeren Klausen
mit dir, Geliebte, noch verschwiegner hausen.

7. Genua

Kaufherrin stolze: immer strahlenbreiter
trägt sie bergan die meerentnommene Krone,
und ihr geringstes Frachtschiff fährt heut weiter
als je die kühnste Doria-Traumgallione.

8. Campo Santo in Pisa

Geisterhafter Bildertraum
dehnt den schmalen stillen Raum.
Sieh: das Viereck der Arkaden
strebt den Himmel einzuladen.
Horch: der Erde reinsten Hauch
opfert stumm ein Rosenstrauch
voller weißer Blüten.

9. Orvieto

Willst du den Tag der Auferstehung sehn,
den Signorelli sah? Komm, Seele: dort
staun sich Gewitterwolken, schon ziehn Schatten.
Bald werden um dies trotzige Felsennest
durchs weite Talfeld der Chiana unten
die schrägen Strahlen der verhüllten Sonne
fahl wie aus Gräbern aufgescheuchte Schemen
nach Zuflucht schweifen, taumelnd, und nun fährt
der Blitz dazwischen — o Erleuchtung — ja:
dort sah der Künstler, was er dann nur malte.

10. Campagna vor Rom

Hier spannt sich alles, Landschaft, Bäume, Tiere,
als habe sich die Welt zur Ruh gezwungen;
erwartungsvoll ist jede Form geschwungen,
die Hörner selbst der silbergrauen Stiere.
Denn dort am Horizont hebt einsam groß,
so einsam groß, daß auch die Berge nur
Mitglieder sind der staunenden Natur,
das Haupt der Ewigen Stadt sich zum Azur:
die Peterskuppel Michelangelos.

11. Im Pantheon

Wer faßt dein Innres, Rom: du Kirchhof der Kulturen:
Verwesung glänzt darin mit immer frischen Spuren.
Im Pantheon zumal, kraft göttlicher Beschlüsse,
erlebt man wundersame Grundwasser-Überflüsse.
Durch solch ein Wunder sah ich: auf einer Altarplatte
saß eine magre Katze, die sich gerettet hatte.
Kläglich miauend saß sie, begafft vom Fremdenstrom;
da hast du deine Göttin, modernes Rom!

12. In den Abruzzen

Endlich dem Bann der Museen entronnen,
fand ich Italien auf eigne Faust schön;
fand ohne Baedeker goldene Sonnen,
silberne Monde, in Tälern, auf Höhn.
Fand auch ein Räuberpaar, in einer Grotte,
spät eines Abends, im wilden Wald,
raubten sich Küsse, die haben geknallt:
siamo felici nel cuor della notte!

13. Pontinische Sümpfe

Die Sterne flimmern; schwül schweigt das Moor
längs der langen Straße zur Nacht empor.
Längs der langen Straße, schwarz im Düstern,
ragen und raunen die hohen Rüstern.
Längs der langen Straße, wie aufgereiht
von einer zur andern Unendlichkeit,
raunen die Rüstern fiebertrunken:
dreiunddreißig Städte ruhn hier versunken
längs der langen Straße ...

14. Neapel

„Neapel sehn und sterben“ — in der Tat:
dies Paradies des Pöbels ist zum sterben.
Sehr sichtbar, echter Lazzaronistaat,
liegt’s wie ein blendender Haufen Scherben
am Riesenmaulwurfshügel des Vesuv,
den Gott gewiß aus reinem Mordsspaß schuf.

15. Pompeji: Haus des tragischen Dichters

Was klagst du, Menschheit! Sieh, allerseelenvollst
lacht dir das Leben, und komisch nickt der Tod:
Da steht zerbröckelt des Dichters Gastgemach,
sein Werk und Name verbrannten im Lavaschutt,
aber das Brautpaar seines Wandgemäldes
entdeckt noch immer das Nest voll Liebesgöttchen,
wie’s Tausende Paare noch entdecken werden,
wenn dieses ausgegrabene Machwerk längst
wieder in Lavaschutt versenkt sein wird.

16. Auf Capri

Trotz aller reisenden christlichen Tugendbünde
ist hier noch Raum für einige heitre Sünde.
Trotz Badehose gleicht in der blauen Grotte
ein schmieriger Fischer einem silbernen Gotte.
Trotz Zeitung, Polizei und meckernder Ziegen
kann noch an mancher Klippe ganz verschwiegen
der Faun die Nymphe beim Schlafittchen kriegen.

17. Bergstraße von Amalfi nach Salerno

Europas reichste Damen
karriolen den Felsweg her,
hoch zwischen Himmel und Meer;
immerfort wechselt der Rahmen.
Großartig wechselt der Rahmen;
hoch zwischen Himmel und Meer
erwartet ein Bettlerheer
Europas reichste Damen.

18. Bahn nach Potenza

Und keiner ist verächtlich und schwach genug,
daß nicht auch ihn aufrüttelnd ein Stolz durchzuckt,
wenn durchs Gebirg auf dröhnender Bahn der Zug
hinstürmt von Viadukt zu Viadukt.
Denn hier hat Menschenarbeit Bogen an Bogen,
Triumphbogen durch die Natur gezogen.

19. Valle del Basente

Straße und Brücke verfallen,
das steinige Flußbett trocken;
meine Schritte hallen
laut auf Trümmerbrocken.
Und erschüttert erbeben
verdorrte Uferbäume —
Land, wo ist dein Leben?
Volk, was träumst du für Träume?

20. Erster Klasse nach Brindisi

Scusa, Signora e Monsignore!
und ich nehme Platz im Coupé, con amore.
Der Priester scheint auf Kohlen zu sitzen,
die Dame strotzt von Juwelen und Spitzen.
Der Priester rückt in die äußerste Ecke,
die Dame bückt sich, und ich entdecke:
sie versteckt ein besudeltes Dingrichs.

21. Corfu

Also auch hier wühlen Hühner und Schweine
in verwahrlosten Gärten und Auen.
Aber wenn wir’s von ferne beschauen,
läutert der Lichtgeist alles Gemeine.
Weiter und weiter schreit’ich ins Reine,
und der Oliven verwilderte Haine
überrauschen das menschliche Grauen.

22. Pontikonisi

Weiß steht das Kirchlein aus der blauen Flut,
Cypressen laden ein zur Himmelsreise.
Sacht naht der Fährmann mit der irdischen Speise;
ein Glöckchen tönt, das Ruder ruht.
Wärst Du, Geliebte, nicht auf Erden,
ich könnte Mönch auf diesem Eiland werden.

23. Bergweg bei Patras

Ein Schrei — fast stürzt mein Pferd — und aufgebäumt
ums Felseck biegend seh ich: schluchzend reißt,
im Staub knieend, mit aufgelöstem Haar,
und schreiend — oh, so schrie Medea einst,
als Jason sie aus Überdruß verließ —
reißt sich ein schönes griechisches Bauernmädchen
die türkische Jacke von den nackten Brüsten
— Papiergeld fliegt — und weg von ihr bergab
jagt im Galopp, in klirrender Kutsche hockend,
ein schlotternder Stadtherr, häßlich wie ein Mops.

24. Olympia

Apollon, der die Tiermenschen bezwang,
jetzt als ein Giebelbruchstück ausgestellt,
begleitet mich durchs Tempeltrümmerfeld
und spricht gen Sonnenuntergang:
Lapithen und Kentauren ruhn im Sumpf,
Faustkämpfer preist die Menschheit auch nicht mehr,
noch aber übermannt euch seelenschwer
der Schatten selbst von diesem Säulenstumpf.

25. Tempel bei Bassä

Wohl stehn noch stolz die morschen Säulenschäfte
ob Steingeröll und niedern Krüppel-Eichen
und sind, indeß Eidechsen und Blindschleichen
den kletternden Hufen meines Gauls ausweichen,
in dieser Höhenluft ein rührendes Zeichen
himmlischen Aufbegehrs der irdischen Kräfte,
doch rührender rings die tausend Nachtigallen,
die durchs Geläut der käuenden Ziegen schallen.

26. Burg und Stadt Karytäng

Schmettert, ihr Nachtigallenheere,
helft meine Kavalkade befeuern!
dort oben herrschte einst Ritterehre,
schuf Herzogskronen aus Abenteuern!
Aber die griechischen Rosse wollen
nur noch zur Futterkrippe trollen.

27. Herberge vor Tripoliza

Hier gibt es Alles: Wasser, Häcksel, Mist,
Strohsack und Wanzen — blos Laternen fehlen.
Schon aber geht ein frommer griechischer Christ
ein Licht aus der Dorfkirche stehlen.

28. Nauplia

Ein toter Esel fault im Straßengraben,
am Tor ein Hund.
Ein Stadtsoldat schleckt sich an Honigwaben
die Zunge wund.
Mit schmachtenden Blicken hockt ein Rudel Knaben
am Mauerwall. Und jedes Auge laben
unzählige wilde Blumen, märchenbunt.

29. Wiesen bei Argos

Das sind die Blumen aus dem Morgenland:
Sie leuchten aus der Ferne wie durch Schleier,
sie schimmern seidner als ein Festgewand,
sie duften reiner als die Braut dem Freier.
Sie scheinen in der Nähe dir bekannt;
es glimmt in ihren Kelchen wie ein Feuer,
das auch in Dir wohl einst, o einst gebrannt.
Du pflückst davon. Doch scheu und scheuer
stockt deine Hand:
du träumst die Blumen heim ins Morgenland.

30. Mykenä

Auf einmal schleppt mich Frau Historia
durch wüst Gerümpel und beginnt zu melden:
das Löwentor — die Burg — die Agora — —
Was? Hier, hier hausten die homerischen Helden?
Weg! In der Dichtung ists ein Göttersaal,
hier wirds zum Hottentottenkraal.

31. Akrokorinth

Stahlblau erfunkeln mir zwei Meere,
Waffen funkeln durch meine Gedanken,
wild sich kreuzend, alle die blanken
Klingen der Krieger, die dort versanken,
Griechen, Slawen, Türken, Franken,
Landeskinder und Söldnerheere —
funkeln — und um zerstürzte Paläste
von Strand zu Strand über Tempelreste
den Berg herauf zur verfallenden Feste
brandet Begeistrung und füllt das Leere.

32. Bei Salamis
Fischerlied

Ruhe dich, Schiffchen: hier werfen wir Netze.
Hier wurden vom Ahnherrn ertränkt die Barbaren.
Drum schenkt uns das Meer heut fetten Fisch —
ruhe dich, Schiffchen ...
Hundert Heilige wurden für uns gemartert.
Fremde Lords sind gestorben für unsre Freiheit.
Drum schenkt uns der Himmel heut weichen Wind —
ruhe dich, Schiffchen ...

33. Athen

Die Muse spricht: Narrt mich ein Fiebertraum?
Stellt nicht dort unten das Theater noch,
der Felswand angeschmiegt am heiligen Abhang,
traut wie ein Schwalbennest, den Weltkreis vor?
Was sucht der Herr da, der den Staub beriecht,
wo einst der Feldherr saß, der Opferpriester?
Und hier, wo ehmals steilgestreifte Säulen,
schwarz wie der Styx, rot wie geronnen Blut,
dem blauen Äther, der sie bleichte, trotzten,
hier steht gar einer und studiert den Schutt?
O Wunder, daß noch Meer und Himmel leuchten!

34. Fahrt zum Parnassos

Vom Dampf des Schiffes, den die Hitze ballt,
verhüllt: was strahlt aus buntem Dunst herbei?
so weiß! — was träumte mir? — ein Gipfel — drei —
ein Kranz von Gipfeln strahlt den Dunst entzwei —
so weiß strahlt nur der ewige Schnee — so frei —
Ist’s der Parnaß?! — Flieh, schwüle Träumerei!
Hinauf! dort oben ist es kalt.

35. Delphi

Mein Dämon spricht: Auf Delphi ruht ein Fluch,
da laß uns still vorübergleiten.
Mir deucht, wir hatten schon zu Olims Zeiten
an dem Orakel in uns selbst genug.

36. Zwischen Leukas und Ithaka

Durch dieses Meer trieb einst in irrer Not
Odysseus seinem treuen Weib entgegen.
Durch dieses Meer trieb wild im Liebestod
Sapphos zerbrochner Leib der Nacht entgegen.
Durch dieses Meer treibt nun im Morgenrot
mein Herz, Geliebte, Dir entgegen.

37. Albanische Küste

Die Küste weicht; ich seh mein Schiff mit beiden
Bugseiten durch die Flut, die tiefblau glatte,
wie durch geschliffnen Stein sich vorwärts schneiden,
so undurchsichtig glänzt die spiegelglatte.
Ich wende mich und seh im Glanz auf beiden
Kielseiten ferne Höhenzüge scheiden;
da schwimmen sie wie sagenhafte satte
Seekühe, die sich an der Bläue weiden.

38. Hafen von Ancona

Zwischen zwei Vorgebirgen lauscht der Wind,
der sanften Gruß bringt von der Abendsonne,
ob Stadt und Hafen wohlgebettet sind.
Er fragt ein Heiligtum, worob es sinnt,
einst der Frau Venus Haus, jetzt der Madonne,
und alle Glocken künden voller Wonne:
In goldner Wiege ruht ein himmlisch Kind.

39. Assisi

Wallfahrer haben mir den Weg gezeigt;
im öffentlichen Garten rasten wir,
und mancher blickt dem heiligen Dichter gleich
beseligt auf zum lieben Bruder Himmel.
Ein junges Weib nur blickt verstört ins Land,
durch das ein Zug lobsingender Mönche wandelt.
Am Rand des Gartenberges die Cypressen
stehn wie erstarrte schwarze Flammen da,
und plötzlich regt sich eine wie entsetzt
vor dieses Himmels bleiglutblauer Last.

40. Perugia