An Betty
nach der Flucht ihres Kanarienvogels.

O gebiete Deinen Thränen

Und erheit’re Deinen Blick,

Denn es führt kein banges Sehnen

Deinen Flüchtling Dir zurück.

Deine Liebe so zu lohnen,

Mochte freilich treulos sein,

Doch die Schuld wird dem Entfloh’nen

Gern Dein Edelmuth verzeih’n.

Sieh’, wie’s draußen in den Auen

Dort und dort so freundlich wird,

Und wie lieblich in den blauen

Höhen schon die Lerche schwirrt.

Sieh nur, wie die Knospen schwellen,

Wie das Leben neu erwacht,

Wie aus den enteisten Wellen

Uns der Lenz entgegen lacht.

Hat Dir nie in solchen Tagen,

Wenn der Frühling aufgeblüht,

Schneller auch Dein Herz geschlagen,

Wärmer Deine Brust geglüht?

O dann richte nicht zu strenge,

Denn auch ein Kanarienherz,

Glaube mir, ist nicht zu enge

Für der Sehnsucht bangen Schmerz.

Denke Dir den armen Kleinen,

Male Dir sein hartes Loos:

Fern von den geliebten Seinen,

Schmachtend, seufzend, hoffnungslos!

Und nun schwebt der Lenz hernieder;

Draußen in der freien Welt

Rufen tausend frohe Brüder,

Die kein enger Käfig hält.

Schon verschwunden war sein Hoffen,

Ach! bis jetzt sein einz’ges Glück, –

Ha! da blieb das Thürchen offen, –

O, ersehnter Augenblick!

Freundlich, in der Freiheit Schooße

Winkte Wonne, winkte Lust,

Und es reifte jener große

Entschluß in der kleinen Brust.

O, nun konnt’ er freudig singen,

Hüpfend bald von Baum zu Baum,

Bald die ungewohnten Schwingen

Übend in dem freien Raum.

Doch, wie kurz war nur die Freude!

Als das junge Morgenroth

Purpur auf die Fluren streute,

Fand es ihn erstarrt und todt.

Ach! und Wald und Flur vereinte

Sich zur Trauer und zum Harm,

Jedes kleine Hälmchen weinte

Eine Thräne, hell und warm.

’s ist gescheh’n! Er ist geschieden!

Seine zarte Stimme schweigt,

Und hinab zum ew’gen Frieden

Ist das kleine Haupt geneigt!

Drum gebiete Deinen Thränen,

Und erheit’re Deinen Blick,

Denn es führt kein banges Sehnen

Deinen Liebling Dir zurück!