Der Cölibat.

Also gefällst Du mir, wenn die Soutane,

Das Kleid der Demuth, Deinen Leib umschmiegt,

Und wenn Dein Auge strahlt, als wenn es ahne

Den Himmel, der in Deiner Zukunft liegt,

Und wenn Dein Blick begeist’rungsvoll der Fahne,

Die der Erlöser schwingt, entgegenfliegt;

Wenn Deine Seele schmachtet in Verlangen,

Zum Dienst des Heil’gen dorthin zu gelangen.

Freund, eine Welt liegt vor Dir ausgebreitet,

Doch nicht die Welt, an die die Welt gewöhnt,

Zu heil’gen Bergen wirst Du hingeleitet,

Die kein Pallast der Residenz verschönt;

Hoch auf die Alpe, wo der Hirte weidet,

Und wo sein Horn das Thal herniedertönt;

Dort steig’ hinauf, in’s freie Reich der Geister,

Ein treuer Diener ihrem Herrn und Meister.

Denn auf der Höh’ des Lebens steht der Priester;

Um seinen Scheitel glänzt des Frühroths Strahl;

Den Schrein des Himmels öffnet und erschließt er,

Und speis’t die Gläub’gen mit dem Opfermahl,

Und wie der frische Thau des Morgens gießt er

Des Himmels Gnade hoch herab in dieses Thal,

Und alle Gläub’gen sich verneigend beben,

Wenn seine Händ’ empor die Hostie heben.

Und weil Du nun bereit, hinaufzusteigen,

Legst Du darum dein menschlich Herz nicht ab;

Es mag sich ferner zu der Liebe neigen,

Der Gott die Heiligung in Christo gab,

Und was wir lieben, blieb auch Dir treu eigen,

Das Priesterkleid ist nicht der Freuden Grab:

Ein einz’ges nur von allen schönen Loosen

Mußt Du zurück in die Entsagung stoßen.

Und doch dies Eine hat der Herr gesegnet,

Zum Sakramente hat’s sein Wort gemacht,

Es ist ein Band, auf das die Gnade regnet,

Wenn’s fromm im Geiste Gottes wird vollbracht;

Ein süßer Reiz, dem schon Dein Blick begegnet,

Als Du zum ersten Mal der Welt gelacht;

Den stärksten Fürsten irdischer Gewalten

Sollst Du mit stärkerm Fuß im Staube halten.

Die milde Liebe sollst Du stumm verachten,

Auf ihre Zauber stolz herniederseh’n;

Vergeblich soll mit ihrem süßen Schmachten,

Sie an der Pforte Deiner Seele steh’n;

Ein ros’ges Glück sollst Du im Herzen schlachten,

An seiner Wonne kalt vorübergeh’n;

Und, wie den Weihrauch am Altar, verbrennen,

Was wir der Erde höchste Schätze nennen.

Kein schönes Auge soll Dein Herz durchdringen,

Kein süßer Traum, der Deine Seel’ umspinnt;

Kein schöner Arm sich um den Dein’gen schlingen,

Kein Weib Dich lieben, das Dich selbst gewinnt,

Von keiner Lippe Dir melodisch klingen

Das Wort mit dem des Herrn Gebet beginnt,

Und Deine Seele, Freund, bleibt unbetheiligt

An einem Glück, das uns entzückt und heiligt.

Denn wie der Herr vom Himmel ist gestiegen,

So sollst auch Du, ein jungfräulicher Mann,

Hinauf zu seinem heil’gen Dienste fliegen,

Ein freier Jüngling, den kein Weib gewann,

Dem nie die Sehnsucht nach verbot’nen Siegen

In feigen Thränen vom Gesichte rann,

Der, was dem Herrn geweiht ist, Dienst und Leben,

Nicht allzufrüh der Creatur gegeben.

Nur eine Jungfrau hat der Christ erkoren,

Ein jungfräuliches Weib der Perle gleich;

Aus einer Jungfrau ist der Herr geboren,

Gleichwie die Lotosblum’ auf Hesper’s Teich.

Hast Du dem Geiste Deinen Dienst geschworen,

Bekriegst das Fleisch und seiner Lüste Reich,

Schmückst Deine Seele mit den Myrthenzweigen:

So magst Du auf zu jenen Höhen steigen.

Mehr als vom Laien wird von Dir gefordert:

So lang’ Dein Puls dem Weib entgegenschlägt,

So lang’ die Flamm’ in Deinem Blute lodert,

Die losgelassen Dich in Asche legt,

So lang’ die gift’ge Lust noch unvermodert

Mit Angst und Sehnsucht Deine Brust bewegt:

Magst Du mit Laien sein und beten,

Doch nimmermehr zum Tabernakel treten.

Zwar sind’s nur wenige, die so hoch berufen,

Doch wenn auch einer nur, der also denkt,

Ein einz’ger Priester, der an heil’gen Stufen

Die ird’sche Liebe hinter sich versenkt,

Den frei von Schuld die Hände Gottes schufen,

Zu Gott die jungfräuliche Seele lenkt:

Sie sollen strömen aus entfernten Zonen,

Um seinem reinen Opfer beizuwohnen.

Wohl soll ein schönes Auge Dich durchdringen,

Und eine Sehnsucht, die Dein Herz umspinnt,

Ein schönes Weib soll Deine Seel’ umschlingen,

Ein Weib Dich lieben, das Dich selbst gewinnt,

Von ihren Lippen wird’s melodisch klingen:

Du bist mein Bräutigam, mein Kind!

Um diese Heil’ge sollst Du frei’n und werben,

Dann wird Dein Herz in Wonn’ und Liebe sterben.

Auch jene Worte sollen Dich entzücken,

Die mir der Knab’ auf meinen Knien lallt:

Denk Dir die Seele, die sich ließ berücken,

Die sich von Gott gewendet, todt und kalt –

Du kannst mit neuem Leben sie beglücken,

Und im Triumph, mit geistiger Gewalt,

Aus ihrer Nacht zu jenen gold’nen Thüren

Der Gnade und des Lichts zurückeführen.

Und wenn dann jene Seel’ in sanftem Weinen,

Ein dankbar Kind, sich an Maria schmiegt,

Und vor dem Bilde Deiner Braut, der Reinen,

Entzückt in jubelndem Gebete liegt:

Schau hin, mein Priester, das ist eins der Deinen,

Das ist ein Kind, das Gott entgegenfliegt,

Dein neugebor’nes Kind, dem Du das Leben,

Dein Sohn, dem Du die Mutter hast gegeben.

Kennst Du die Jungfrau in dem Schweizerlande,

Den Berg, den ehrfurchtsvoll der Führer zeigt?

Früh morgens, eh’ noch hinterm Alpenrande

Empor die schöne Fackel Gottes steigt;

Wenn rings noch still, in nächtlichem Gewande,

Die Gletscher schlafen und die Erde schweigt,

Glüht still und einsam, wie in Andachtwonne

Die Jungfrau dort im frühen Kuß der Sonne.

Also dort oben, auf der Menschheit Höhen,

Wenn Nacht im Thal und rings die Erde schweigt,

Dort oben, wo die rein’ren Lüfte wehen,

Und wo sich keine Sorge hin versteigt,

Sollst Du ein jungfräulicher Priester stehen,

Der hoch herab uns Gottes Fackel zeigt;

Wie jene Alpe soll in heil’gen Frühen

Ein jungfräulicher Glanz Dein Haupt umglühen.