VIII

Von ihrer Lebensweise befriedigt, wollten sie ihr körperliches Befinden durch Turnen verbessern.

Und sie griffen zu dem Handbuch von Amoros und sahen die Illustrationen durch.

Alle diese jungen Kerle, die kauerten, sich nach hinten bogen, die Knie beugten, die Arme streckten, die Faust ballten, Gewichte hoben, auf Balken ritten, an Leitern emporkletterten, an Trapezen sich schwangen, diese ganze Entfaltung von Kraft und Geschicklichkeit erregte ihren Neid.

Zudem erfüllte sie die Pracht der Turnhalle, die im Vorwort beschrieben wird, mit Kummer. Denn nie würden sie sich einen Vorsaal für die Geräte, ein Hippodrom für die Wettläufe, ein Bassin zum Schwimmen, noch einen „Ruhmesberg“, einen künstlichen Hügel leisten können, der zweiunddreißig Meter Höhe hätte.

Ein hölzernes Pferd zum Üben wäre wegen der Polsterarbeiten kostspielig gewesen; sie verzichteten darauf; die gefällte Linde im Garten diente ihnen als Schwebebaum; und als sie gewandt genug waren, ihn von einem Ende bis zum andern abzulaufen, pflanzten sie, um eine senkrechte Stange zu besitzen, einen der Pfosten der Spaliere in den Boden. Pécuchet erklomm sie bis zur Spitze. Bouvard glitt, fiel stets zurück und verzichtete schließlich darauf.

Die „orthosomatischen Stäbe“ sagten ihm mehr zu, das heißt zwei Besenstiele, die durch zwei Stricke verbunden waren, von denen der erste unter den Achseln durchgeht, der zweite über den Handgelenken liegt; — und ganze Stunden lang behielt er diesen Apparat an, das Kinn erhoben, die Brust herausgestreckt, die Arme am Leib entlang.

Als Ersatz für Hanteln mußte ihnen der Stellmacher vier Stücke aus Eschenholz drechseln, die Zuckerhüten glichen, welche in einen Flaschenhals auslaufen. Man muß diese Keulen nach rechts und links, nach vorn und hinten schwingen; doch da sie zu schwer waren, entglitten sie ihren Fingern und hätten ihnen leicht die Beine zerschlagen können. Gleichviel, sie waren von ihren „persischen Mils“ begeistert, und sie rieben sie sogar jeden Abend mit Wachs und einem Stück Zeug, da sie fürchteten, sie möchten zerspringen.

Darauf suchten sie Gräben auf. Hatten sie einen ihnen zusagenden gefunden, so stützten sie eine lange Stange hinein, stießen mit dem linken Fuß ab, erreichten den anderen Rand, und fingen wieder von neuem an. Da das Gelände flach war, sah man sie von weither, — und die Dörfler fragten sich, was das für zwei sonderbare Gestalten seien, die am Horizont herumsprangen.

Als der Herbst gekommen war, machten sie sich an die Zimmergymnastik; sie langweilte sie. Wie schade, daß sie nicht einen Schaukelstuhl oder Postsessel hatten, wie ihn unter Ludwig XIV. der Abbé von Saint-Pierre erdacht hatte. Wie war er konstruiert, wo konnte man sich darüber unterrichten? Dumouchel ließ sich nicht einmal zu einer Antwort herbei.

Dann brachten sie im Backhaus eine Armschaukel an. Über zwei an der Decke festgeschraubte Rollen lief eine Schnur, die an jedem Ende einen Querbalken hatte. Sobald sie ihn ergriffen hatten, stieß der eine mit den Fußspitzen von der Erde ab, während der andere die Arme bis zum Boden senkte; der erste zog durch sein Gewicht den zweiten, der, dem Strick etwas nachgebend, seinerseits in die Höhe stieg; in weniger als fünf Minuten troffen ihre Glieder von Schweiß.

Um die Vorschriften des Handbuchs zu befolgen, suchten sie sich beider Hände zu bedienen, ja sogar sich der rechten Hand zeitweise zu enthalten. Sie taten mehr: Amoros gibt die Lieder an, die man bei den Übungen singen soll, und Bouvard und Pécuchet wiederholten beim Marschieren den Gesang Nr. 9:

Ein König, ein gerechter König ist ein Gut auf Erden.

Wenn sie sich die Brustmuskeln schlugen:

Freunde, die Krone und der Ruhm usw.

Im Laufschritt:

Uns gehört das scheue Tier!
Den hurt’gen Hirsch erjagen wir!
Ja! Zum Sieg heran!
Voran! Voran! Voran!

Und heftiger keuchend als Hunde spornten sie einander durch den Klang ihrer Stimmen an.

Eine Seite der Gymnastik begeisterte sie: ihre Anwendung als Rettungsmittel.

Aber man hätte Kinder haben müssen, wollte man lernen, sie in Säcken zu tragen, — und sie baten den Schulmeister, ihnen einige zu stellen. Petit wandte ein, daß die Eltern böse werden würden. Sie hielten sich an der Hilfeleistung für Verwundete schadlos. Der eine stellte sich ohnmächtig, und der andere fuhr ihn in einer Schiebkarre mit jeder nur möglichen Vorsicht.

Was die militärischen Ersteigungen anlangt, so rühmt der Verfasser die Leiter Bois-Rosé, die ihren Namen von dem Hauptmann hat, der einst Fécamp überraschte, indem er an der Klippe emporkletterte.

Der Abbildung im Buche entsprechend, besetzten sie ein Tau mit Stäben und befestigten es unter dem Schuppen.

Sobald man rittlings auf dem ersten Querstab sitzt und den dritten erfaßt hat, schwingt man die Beine auswärts, damit der zweite Stab, der sich eben in Brusthöhe befand, gerade unter die Schenkel kommt. Man richtet sich auf, man faßt den vierten, und fährt so fort. Trotz der fabelhaftesten Verrenkungen war es ihnen unmöglich, auf die zweite Sprosse zu kommen.

Vielleicht macht es weniger Mühe, wenn man sich mit den Händen an die Steine klammert, wie die Soldaten Bonapartes beim Angriff auf das Fort Chambray es taten? — und um einen dazu fähig zu machen, hat Amoros in seiner Anstalt einen Turm.

Die zerfallene Mauer konnte ihn ersetzen. Sie versuchten, sie zu erklimmen.

Doch Bouvard, der seinen Fuß zu schnell aus einem Loche gezogen hatte, bekam Furcht und wurde schwindlig.

Pécuchet hielt ihre Methode für falsch: sie hatten die Vorschriften für die Fingerglieder vernachlässigt, so daß sie sich zunächst wieder an die Anfangsgründe machen mußten.

Seine Ermahnungen waren vergeblich; — und in seinem Dünkel und seiner Anmaßung machte er sich ans Stelzenlaufen.

Die Natur schien ihn hierzu bestimmt zu haben, denn er nahm sogleich das große Modell, das die Trittklötze vier Fuß über dem Boden hat, — und sich im Gleichgewicht darauf haltend durchmaß er den Garten in großen Schritten, einem riesigen daherspazierenden Storch ähnlich.

Bouvard sah ihn vom Fenster aus schwanken, dann wie einen Sack auf die Bohnen niederstürzen, deren Stangen zerbrachen und seinen Sturz abschwächten. Man hob ihn auf; er war mit Erde bedeckt, seine Nase blutete, er war leichenblaß, — und er glaubte, sich einen Bruch zugezogen zu haben.

Sicherlich, das Turnen paßte nicht für Leute ihres Alters; sie gaben es auf, wagten aus Furcht vor Unfällen sich nicht mehr zu bewegen, und sie saßen den lieben langen Tag über in ihrem Museum, auf anderen Zeitvertreib sinnend.

Dieser Wechsel in ihren Gewohnheiten wirkte auf Bouvards Gesundheit ein. Er wurde schwerfällig, prustete nach den Mahlzeiten wie ein Pottfisch, wollte mager werden, aß weniger, und seine Kräfte nahmen ab.

Auch Pécuchet hielt seine Gesundheit für „untergraben“, hatte Hautjucken und rote Stellen im Rachen. „Es will nicht mehr,“ sagte er, „es will nicht mehr.“

Bouvard kam auf den Gedanken, ins Wirtshaus zu gehen und einige Flaschen spanischen Wein auszusuchen, um seine Maschine wieder in Gang zu setzen.

Als er wieder herauskam, brachten Marescots Notariatsgehilfe und drei Leute Beljambe einen großen Tisch aus Nußbaumholz; „ihr Herr“ ließe ihm bestens dafür danken. Der Tisch habe sich ausgezeichnet bewährt.

Bouvard hörte auf diese Weise von der neuen Mode des Tischrückens. Er zog den Gehilfen damit auf.

Indessen verwendeten in ganz Europa, in Amerika, in Australien und in Indien Millionen von Sterblichen ihre Zeit darauf, Tische zum Drehen zu bringen, — und man entdeckte, wie man Zeisige zu Propheten machen könne, Konzerte ohne Instrumente geben, mit Hilfe von Schnecken korrespondieren. Die Presse bestärkte das Publikum in seiner Leichtgläubigkeit, indem sie ihm die Flausen in ernsthafter Form vorsetzte.

Die Klopfgeister waren im Schlosse von Faverges gelandet, von dort aus hatten sie sich im Dorfe verbreitet, — und besonders der Notar befragte sie.

Da er sich über Bouvards Skeptizismus ärgerte, lud er die beiden Freunde auf einen Abend zum Tischrücken ein.

War es eine Falle? Frau Bordin würde dort sein. Pécuchet ging allein hin.

Es waren dort als Teilnehmer der Bürgermeister, der Steuereinnehmer, der Hauptmann, andere Bürger mit ihren Frauen, Frau Vaucorbeil, Frau Bordin in der Tat; außerdem eine frühere Hilfslehrerin der Frau Marescot, ein Fräulein Laverrière, eine etwas zweideutige Person, deren graues Haar in Spiralen nach der Mode von 1830 auf die Schultern herabfiel. In einem Sessel lehnte ein Vetter aus Paris, der einen blauen Frack trug und von impertinentem Äußeren war.

Die beiden Bronzelampen, die Etagere mit den Kuriositäten, auf dem Klavier liegende Romanzen mit Titelvignetten und winzige Aquarelle in riesenhaften Rahmen bildeten stets das Erstaunen von Chavignolles. Doch an diesem Abend richteten sich alle Blicke auf den Mahagonitisch. Man wollte ihn sogleich versuchen, und er hatte die Wichtigkeit von Dingen, die ein Geheimnis umschließen.

Zwölf der Eingeladenen nahmen rings um ihn Platz, die Hände ausgestreckt, wobei die kleinen Finger aneinander lagen. Man hörte nur das Ticken der Stutzuhr. Die Gesichter verrieten eine tiefe Aufmerksamkeit.

Nach Verlauf von zehn Minuten klagten mehrere über Krimmeln in den Armen. Pécuchet fühlte sich unbehaglich.

„Sie drücken!“ sagte der Hauptmann zu Foureau.

„Durchaus nicht!“

„Doch!“

„Bitte sehr, mein Herr!“

Der Notar beruhigte sie.

Durch übermäßige Anspannung des Gehörsinns glaubte man ein Knacken im Holze zu hören. — Es war Täuschung. Nichts regte sich.

Neulich, als die Familien Aubert und Lormeau von Lisieux gekommen waren und man eigens zu dem Zwecke Beljambes Tisch geliehen hatte, war alles so gut gegangen! Doch dieser da zeigte einen Eigensinn... Warum?

Zweifellos störte ihn der Teppich, — und man ging ins Eßzimmer.

Das gewählte Möbel war ein großer runder Tisch, an dem sich Pécuchet, Girbal, Frau Marescot und ihr Vetter, Herr Alfred, niederließen.

Der Tisch, der Rollen hatte, glitt nach rechts; die Teilnehmer folgten, ohne die Lage ihrer Finger zu ändern, seiner Bewegung, und er machte noch selbständig zwei Drehungen. Man war starr.

Da sagte Herr Alfred langsam und deutlich mit lauter Stimme:

„Geist, wie findest du meine Cousine?“

Der Tisch tat, langsam schwankend, neun Schläge.

Nach einem Verzeichnis, in dem die Anzahl der Schläge in Buchstaben übersetzt war, bedeutete das: „Entzückend“. Bravorufe ertönten.

Dann forderte Marescot, um Frau Bordin zu necken, den Geist auf, deren genaues Alter anzugeben.

Der Fuß des Tisches gab fünf Schläge.

„Wie? fünf Jahre!“ rief Girbal.

„Die Zehner zählen nicht,“ erwiderte Foureau.

Die Witwe lächelte, innerlich voll Ärger.

Die Antworten auf die übrigen Fragen waren Fehlschläge, so kompliziert war das Alphabet. Besser arbeitete die Planchette, eine schnell funktionierende Vorrichtung, deren Fräulein Laverrière sich sogar bedient hatte, um in ein Buch die direkten Mitteilungen Ludwigs XII., Clémence Isaures, Franklins, Jean Jacques Rousseaus und anderer niederzuschreiben. Diese Apparate wurden in der Rue d’Aumale verkauft; Herr Alfred versprach einen, dann wandte er sich an die Hilfslehrerin:

„Doch jetzt ein wenig Musik, nicht wahr? Eine Mazurka!“

Zwei Akkorde wurden angeschlagen und zitterten durch den Raum. Er faßte seine Cousine um die Taille, verschwand mit ihr, kam zurück. Man war durch den Luftzug des Gewandes erfrischt, das im Vorüberfliegen die Türen streifte. Sie legte den Kopf in den Nacken, er rundete seinen Arm. Man bewunderte ihre Grazie, seine elegante Haltung; und ohne auf die kleinen Kuchen zu warten, ging Pécuchet, ganz verblüfft über den Abend, heim.

Er mochte noch soviel wiederholen: „Aber ich habe es gesehen! ich habe es gesehen!“ Bouvard bestritt die Tatsachen und willigte nichtsdestoweniger ein, selbst Versuche zu machen.

Vierzehn Tage lang verbrachten sie ihre Nachmittage, einander gegenübersitzend, die Hände auf einem Tisch, dann auf einem Hut, auf einem Korbe, auf den Tellern. Alle diese Gegenstände blieben regungslos.

Die Erscheinung des Tischrückens bleibt trotzdem unbestreitbar. Der große Haufe schreibt sie Geistern zu, Faraday der Übertragung der Nervenkraft, Chevreul unbewußter Anstrengung; oder vielleicht geht, wie Ségouin annimmt, von der Ansammlung von Menschen ein Antrieb, ein magnetischer Strom aus.

Diese Hypothese versetzte Pécuchet in träumerisches Nachsinnen. Er nahm den „Führer des Magnetiseurs“ von Montacabère aus seiner Bibliothek, las ihn aufmerksam durch und weihte Bouvard in die Theorie ein.

Alle Lebewesen unterliegen dem Einfluß der Gestirne und vermitteln ihn. Ihre Einwirkung ähnelt der magnetischen Kraft. Hat man diese Kraft in der Gewalt, so kann man Kranke heilen, das ist die Grundlehre. Die Wissenschaft hat seit Mesmer Fortschritte gemacht, — doch ist es immer noch von Wichtigkeit, das magnetische Fluidum ausströmen zu lassen und Streichbewegungen vorzunehmen, die zunächst in Schlaf versetzen sollen.

„Nun gut, schläfere mich ein!“ sagte Bouvard.

„Unmöglich,“ erwiderte Pécuchet, „um der magnetischen Wirkung zu unterliegen und um sie zu übertragen, ist der Glaube daran unerläßlich.“

Dann, Bouvard betrachtend:

„Ach! wie schade.“

„Wieso?“

„Ja, wenn du wolltest, würde es mit ein wenig Übung keinen besseren Magnetiseur geben als dich!“

Denn er besitze alles, was nötig sei: ein einnehmendes Wesen, einen kräftigen Körper und einen starken Willen.

Diese Fähigkeit, die man soeben an ihm entdeckt hatte, schmeichelte Bouvard. Er vertiefte sich heimlich in Montacabère.

Als dann Germaine Ohrensausen hatte, das sie schwerhörig machte, sagte er eines Abends in nachlässigem Tone:

„Wenn man es mit Magnetismus versuchte?“

Sie hatte nichts dagegen. Er setzte sich vor sie hin, nahm ihre beiden Daumen in seine Hände und blickte sie starr an, als wenn er sein ganzes Leben nichts anderes getan hätte.

Die gute Frau, einen Wärmer unter den Füßen, begann den Nacken zu beugen; ihre Augen fielen zu, und ganz sacht begann sie zu schnarchen. Nach Verlauf einer Stunde, während welcher sie sie betrachteten, sagte Pécuchet mit leiser Stimme:

„Was fühlen Sie?“

Sie erwachte.

Später würde sich ohne Zweifel das Hellsehen einstellen.

Dieser Erfolg machte sie kühn; sie nahmen die Ausübung der Medizin mit sicherer Haltung wieder auf und behandelten Chamberlan, den Küster, der über Seitenschmerzen klagte; Migraine, einen Maurer, der an einem nervösen Magenübel litt; die Mutter Varin, deren krebsige Geschwulst unterhalb des Schlüsselbeins zu ihrer Ernährung Fleischpflaster verlangte; einen Gichtkranken, den Vater Lemoine, der sich bis vor die Kneipen zu schleppen pflegte; einen Schwindsüchtigen, einen einseitig Gelähmten und noch viele andere. Sie behandelten auch Schnupfen und Frostbeulen.

Nach der Untersuchung der Krankheit verständigten sie sich durch den Blick, welche Art des Bestreichens anzuwenden sei, ob mit starkem oder schwachem Fluidum, aufwärts oder abwärts gehend, longitudinal, transversal, zwei-, drei- oder gar fünffingerig. Wenn der eine genug davon hatte, ersetzte ihn der andere. Dann, nach Hause zurückgekehrt, schrieben sie die Beobachtungen in das tägliche Behandlungsbuch.

Ihre salbungsvollen Manieren bestachen die Leute. Doch gab man Bouvard den Vorzug, und sein Ruf drang bis nach Falaise, als er die Barbée geheilt hatte, die Tochter des alten Barbey, eines ehemaligen Kapitäns, der weit herumgekommen war.

Sie fühlte eine Art bohrenden Schmerz am Hinterkopf, sprach mit rauher Stimme, nahm oft mehrere Tage keine Nahrung zu sich, verschlang dann Gips oder Kohlen. Ihre nervösen Anfälle, die mit Schluchzen einsetzten, lösten sich in einen Tränenerguß; und man hatte alle Mittel angewandt, von den Aufgüssen bis zu den Moxen, so daß sie, aller Kuren müde, Bouvards Anerbietungen annahm.

Nachdem er die Magd fortgeschickt und die Riegel vorgeschoben hatte, begann er, der Barbée den Unterleib zu reiben und drückte dabei auf die Stelle, wo der Eierstock sitzt. Ein Wohlbehagen äußerte sich durch Seufzer und Gähnen. Er legte ihr einen Finger zwischen die Augenbrauen oberhalb der Nase; plötzlich wurde sie wie leblos. Wenn man ihre Arme emporhob, fielen sie zurück; ihr Kopf behielt die Stellungen, die man ihm gab, und während ihre halbgeschlossenen Augenlider in krampfartiger Bewegung zitterten, ließen sie die Augäpfel sehen, die langsam rollten; sie blieben verzerrt in den Winkeln stehen.

Bouvard fragte sie, ob sie Schmerzen habe; sie antwortete: nein; was sie jetzt wahrnähme? Sie unterscheide das Innere ihres Körpers.

„Was sehen Sie da?“

„Einen Wurm.“

„Was muß man tun, um ihn zu töten?“

Ihre Stirn furchte sich.

„Ich suche...; ich kann nicht, ich kann nicht.“

Bei der zweiten Sitzung verordnete sie sich einen Aufguß von Nesseln; bei der dritten Katzenkraut. Die Anfälle wurden schwächer, verschwanden. Es war wirklich wie ein Wunder.

Das Bestreichen der Nase hatte bei den anderen Kranken keinen Erfolg, und um den somnambulen Zustand herbeizuführen, gedachten sie eine mesmersche Wanne anzufertigen. Pécuchet hatte sogar schon Feilspäne gesammelt und etwa zwanzig Flaschen gereinigt, als ein Bedenken ihn anhielt. Unter den sich einstellenden Kranken würden Personen weiblichen Geschlechtes sein.

„Und was sollen wir machen, wenn sie Anfälle von Liebesraserei bekommen?“

Das hätte Bouvard nicht abgehalten; doch wegen des Klatsches und etwaiger Erpressungsversuche war es besser, davon abzustehen. Sie begnügten sich mit einer Harmonika und nahmen sie mit in die Häuser; die Kinder freuten sich darüber.

Eines Tages, als Migraine sich wieder schlechter befand, eilten sie zu ihm. Die kristallhellen Töne brachten ihn außer sich; doch Deleuze empfiehlt, über die Klagen nicht in Schrecken zu geraten; die Musik hielt an.

„Genug! Genug!“ schrie er.

„Ein wenig Geduld,“ wiederholte Bouvard.

Pécuchet klopfte schneller auf die gläsernen Plättchen, und das Instrument erzitterte, und der arme Mann heulte, als der Arzt erschien, durch den Lärm herbeigelockt.

„Wie, wieder Sie?“ rief er, wütend, sie immer bei seinen Kranken zu finden.

Sie erklärten ihr magnetisches Mittel. Da wetterte er gegen den Magnetismus, diesen Wust von Spielerei, dessen Wirkungen auf Einbildung beruhten.

Man kann indessen auch Tiere magnetisieren. Montacabère bestätigt es, und Herrn Fontaine ist es gelungen, eine Löwin zu magnetisieren. Sie hatten keine Löwin, aber der Zufall bot ihnen ein anderes Tier.

Denn am folgenden Tage um sechs Uhr morgens kam ein Ackerknecht, um ihnen zu bestellen, daß man ihrer auf dem Pachthofe wegen einer in Lebensgefahr schwebenden Kuh bedürfe.

Sie eilten hin.

Die Apfelbäume standen in Blüte, und das Gras im Hof dampfte in der aufgehenden Sonne. Am Rande des Teiches brüllte, halb mit einem Tuche bedeckt, eine Kuh. Sie zitterte unter den Eimern Wassers, die man ihr über den Leib goß, und unförmig aufgetrieben, glich sie einem Nilpferd.

Ohne Zweifel hatte sie „Gift“ gefressen, während sie im Klee weidete. Vater und Mutter Gouy waren untröstlich, denn der Tierarzt konnte nicht kommen, und ein Stellmacher, der Anschwellungen besprechen konnte, wollte sich nicht herbemühen; doch die Herren, die ja eine berühmte Bibliothek besäßen, wüßten jedenfalls ein Geheimmittel.

Nachdem sie ihre Ärmel aufgestreift hatten, stellte sich der eine vor die Hörner, der andere an das Kreuz, und mit gewaltigen Willensanstrengungen und wahnsinnigen Gebärden spreizten sie die Finger, um über das Tier Ströme des Fluidums auszugießen, während der Pächter, seine Gattin, ihr Knabe und die Nachbarn ihnen fast entsetzt zuschauten.

Knurren, das man im Bauche des Tieres hörte, verursachte Blähungen tief in den Eingeweiden. Die Kuh gab einen Wind von sich. Da sagte Pécuchet:

„Das ist ein Tor, das sich der Hoffnung öffnet, vielleicht eine Entladung.“

Die Entladung ging vor sich, die Hoffnung spritzte in einem Haufen gelber Masse heraus, die mit der Gewalt einer Granate hervorplatzte. Die Herzen wurden leichter, die Kuh nahm an Umfang ab. Eine Stunde später hatte sie wieder ihr gewöhnliches Aussehen.

Das war gewiß nicht die Wirkung der Einbildungskraft. Also enthält dieses Fluidum eine besondere Kraft. Sie läßt sich in Gegenstände einschließen, aus denen man sie hervorholen kann, ohne daß sie sich verringert. Ein solches Hilfsmittel erspart Wege. Sie nahmen es in Gebrauch, und sie sandten ihren Kunden magnetisierte Münzen, magnetisierte Taschentücher, magnetisiertes Wasser, magnetisiertes Brot.

Als sie dann ihre Studien fortsetzten, gaben sie das Bestreichen zugunsten des Systems von Puységur auf, der den Magnetiseur durch einen alten Baum ersetzt, um dessen Stamm sich ein Strick schlingt.

Ein Birnbaum in ihrem Obsthof schien ihnen wie dazu geschaffen. Sie reparierten ihn, indem sie ihn zu wiederholten Malen fest umfaßten. Eine Bank wurde darunter gesetzt. Ihre Stammgäste reihten sich darauf, und sie erzielten so wunderbare Resultate, daß sie Vaucorbeil, um ihn hineinzulegen, mit den Honoratioren des Landes zu einer Sitzung einluden.

Nicht einer fehlte.

Germaine empfing sie in dem kleinen Saal, indem sie bat, „entschuldigen zu wollen“, ihre Herren würden gleich kommen.

Von Zeit zu Zeit hörte man es klingeln. Es waren die Kranken, die sie in einen anderen Raum führte. Die Eingeladenen stießen sich mit den Ellbogen an, um einander auf die staubigen Fenster, die Flecken auf dem Getäfel, auf den abblätternden Anstrich aufmerksam zu machen; und der Garten sah jämmerlich aus. Überall abgestorbenes Holz! Zwei Stöcke vor der Mauerbresche versperrten den Eingang zum Obstgarten.

Pécuchet erschien!

„Zu Ihren Diensten, meine Herren!“

Und man sah hinten unter dem Birnbaum Eduins mehrere Personen sitzen.

Chamberlan, wie ein Priester ohne Bart und in einer kurzen Sutane aus Lasting mit einem Lederkäppchen auf dem Kopfe, überließ sich einem Zittern, das seine Seitenschmerzen verursachten; Migraine, der noch immer am Magen litt, verzerrte neben ihm sein Gesicht. Die Mutter Varin trug einen mehrmals umgeschlungenen Schal, um ihre Geschwulst zu verbergen. Der alte Lemoine, dessen bloße Füße in Schlappen steckten, hatte seine Beine über seine Krücken gelegt, und die Barbée, die ihren Sonntagstaat angelegt hatte, war außerordentlich blaß.

Auf der anderen Seite des Baumes bemerkte man weitere Personen: eine Frau mit einem Albinokopf wischte die eiternden Drüsen an ihrem Halse ab. Das Gesicht eines kleinen Mädchens verschwand zur Hälfte unter blauen Brillengläsern. Ein Greis, dessen Rücken durch eine Verkrümmung verunstaltet wurde, stieß mit seinen unfreiwilligen Bewegungen Marcel, einen Idioten, der in einer zerlumpten Bluse und einer geflickten Hose steckte. Seine schlecht geflickte Hasenscharte ließ seine Schneidezähne sehen, und seine ungeheuerlich geschwollene Backe war dick in leinene Umschläge verpackt.

Alle hielten einen Bindfaden in der Hand, der vom Baume herabhing, und die Vögel sangen; der Duft des warm gewordenen Rasens wogte in der Luft. Die Sonne drang zwischen den Zweigen durch. Man schritt über Moos.

Indessen rissen die Medien, anstatt zu schlafen, die Augen weit auf.

„Bis jetzt ist die Sache recht langweilig,“ sagte Foureau. „Fangen Sie an, ich entferne mich für einen Augenblick.“

Und er kam zurück, aus einem Abd-el-Kader rauchend, dem letzten Rest der Tür mit den Pfeifen.

Pécuchet erinnerte sich eines ausgezeichneten Mittels der Magnetisierung. Er brachte die Nasen aller Kranken in seine Mundöffnung und sog ihren Atem ein, um die Elektrizität an sich zu ziehen, und zu gleicher Zeit umfaßte Bouvard den Baum, um den Strom zu verstärken.

Der Maurer hörte auf zu schluchzen, der Küster zappelte weniger, der Mann mit der Verkrümmung regte sich nicht mehr. Man konnte sich ihnen jetzt nähern, alle Versuche mit ihnen anstellen.

Der Arzt stach mit einer Lanzette Chamberlan unter das Ohr, der ein wenig zitterte. Das Empfindungsvermögen war bei den andern zweifellos vorhanden. Der Gichtleidende stieß einen Schrei aus. Die Barbée jedoch lächelte wie im Traume, und ein dünner Faden von Blut floß unter ihr Kinn. Foureau wollte sie selbst auf die Probe stellen und die Lanzette nehmen, und als der Arzt sie ihm verweigerte, kniff er die Kranke tüchtig. Der Hauptmann kitzelte ihr die Nase mit einer Feder, der Steuereinnehmer wollte ihr eine Nadel unter die Haut stecken.

„Lassen Sie sie doch,“ sagte Vaucorbeil, „es ist schließlich nichts Merkwürdiges! eine Hysterische! der Teufel würde mit seinem Witz an der zu Schanden werden!“

„Jene da,“ sagte Pécuchet, indem er auf Victoire wies, „die skrofulöse Frau ist ein Arzt! Sie erkennt die Krankheiten und gibt Heilmittel an.“

Langlois brannte vor Verlangen, sie wegen seines Katarrhs zu befragen; er wagte es nicht; doch Coulon, der kühner war, stellte eine Frage wegen seines Rheumatismus.

Pécuchet legte Coulons rechte Hand in die Linke Victoires, und mit immer geschlossenen Lidern, leicht geröteten Wangen und zitternden Lippen verordnete die Somnambule, nachdem sie erst irre geredet, „Valum becum“.

Sie hatte bei einem Apotheker in Bayeux gedient. Vaucorbeil schloß daraus, daß sie sagen wolle: „Album graecum“, ein Wort, das sie vielleicht in der Apotheke flüchtig gelesen hatte.

Dann wandte er sich dem alten Lemoine zu, der, Bouvard zufolge, Dinge durch undurchsichtige Körper wahrnahm.

Er war ein ehemaliger Schulmeister, der sich dem Trunke ergeben hatte. Weißes Haar umflatterte sein Gesicht, und gegen einen Baum gelehnt, die Handflächen geöffnet, schlief er mitten in der Sonne mit majestätischer Miene.

Der Arzt band ihm eine doppelte Binde über die Augen, und Bouvard sagte gebieterisch, ihm eine Zeitung hinhaltend:

„Lesen Sie!“

Der Alte senkte die Stirn, bewegte die Gesichtsmuskeln, warf dann den Kopf zurück und buchstabierte schließlich:

„Kon – sti – tu – tion – nel.“

Doch mit der nötigen Geschicklichkeit könne man jede Binde verschieben!

Dieser Zweifel des Arztes empörte Pécuchet. Er wagte sogar die Behauptung, daß die Barbée beschreiben könne, was gegenwärtig in Vaucorbeils Hause vorgehe.

„Gut,“ antwortete der Doktor.

Und seine Uhr ziehend:

„Womit beschäftigt sich meine Frau?“

Die Barbée zögerte lange; dann sagte sie mit verdrießlicher Miene:

„Wie! was? Ach, jetzt verstehe ich! Sie näht Bänder an einen Strohhut.“

Vaucorbeil riß ein Blatt aus seinem Notizbuch und schrieb ein Billett, das der Gehilfe Marescots hinzutragen sich beeilte.

Die Sitzung war zu Ende. Die Kranken entfernten sich.

Bouvard und Pécuchet hatten, im ganzen genommen, nicht gut abgeschnitten. Lag das an der Temperatur oder am Geruch des Tabaks, oder am Schirm des Abbés Jeufroy, der einen Beschlag aus Messing hatte, einem Metall, das dem Ausströmen des Fluidums feindlich ist?

Vaucorbeil zuckte die Achseln.

Indessen könne er nicht den guten Glauben der Herren Deleuze, Bertrand, Morin, Jules Cloquet bezweifeln. Nun versichern diese Meister, daß Somnambulen Ereignisse vorausgesagt, grausige Operationen schmerzlos überstanden haben.

Der Abbé berichtete noch erstaunlichere Geschichten. Ein Missionar habe Brahmanen eine Wölbung mit dem Kopf nach unten durchlaufen sehen, der Groß-Lama in Tibet schlitze sich die Gedärme auf, um Orakel zu erteilen!

„Scherzen Sie?“ sagte der Arzt.

„Keineswegs!“

„Gehen Sie doch! Welch ein Schwindel!“

Und während man von der eigentlichen Frage abkam, gab jeder Anekdoten zum besten.

„Ich,“ sagte der Krämer, „ich hatte einen Hund, der immer krank war, wenn der Monat mit einem Freitag begann.“

„Wir waren vierzehn Kinder,“ hob der Friedensrichter an. „Ich bin am 14. geboren, meine Hochzeit fand am 14. statt, und mein Namensfest fällt auf den 14.! Erklären Sie mir das.“

Beljambe hatte häufig die Zahl der Reisenden geträumt, die er am folgenden Tage in seinem Gasthaus haben würde, und Petit erzählte die Geschichte vom Souper Cazottes.

Da äußerte der Geistliche diesen Gedanken:

„Soll man darin nicht ganz einfach etwas erblicken wie...“

„Die bösen Geister, nicht wahr?“ sagte Vaucorbeil.

Anstatt zu antworten, nickte der Abbé zustimmend.

Marescot sprach von der delphischen Pythia.

„Ohne allen Zweifel Miasmen.“

„Ach! nun sind es gar Miasmen.“

„Ich nehme ein Fluidum an,“ erwiderte Bouvard.

„Nervoso-sideral,“ fügte Pécuchet hinzu.

„Aber beweisen Sie es! Zeigen Sie es! Ihr Fluidum! Übrigens sind die Fluida aus der Mode gekommen; hören Sie mich an.“

Vaucorbeil schritt weiter, um in den Schatten zu kommen. Die wackeren Spießbürger folgten ihm.

„Wenn Sie zu einem Kinde sagen: ‚Ich bin ein Wolf, ich werde dich fressen,‘ so bildet es sich ein, Sie seien ein Wolf, und es bekommt Angst; es handelt sich also um einen Traum, der durch Worte anbefohlen ist. Ebenso nimmt der Somnambule alle beliebigen Phantastereien auf. Er erinnert sich und denkt nicht, gehorcht stets und hat nur Empfindungen, wenn er zu denken glaubt. Auf diese Weise sind Verbrechen suggeriert, und tugendsame Leute können sich in wilde Tiere verwandelt sehen und zu Menschenfressern werden.“

Man blickte Bouvard und Pécuchet an. Ihre Wissenschaft barg Gefahren für die Gesellschaft.

Marescots Gehilfe erschien wieder im Garten, einen Brief von Frau Vaucorbeil schwenkend.

Der Doktor erbrach ihn, wurde blaß und las schließlich die Worte:

„Ich nähe Bänder an einen Strohhut.“

Die Verblüffung ließ kein Lachen aufkommen.

„Ein Zufall, zum Teufel! Das beweist nichts.“

Und da die beiden Magnetiseure eine triumphierende Miene aufsetzten, wandte er sich unter der Tür um, um ihnen zu sagen:

„Hören Sie damit auf! Es sind gefährliche Belustigungen!“

Der Pfarrer, der seinen Küster mitnahm, wusch ihm gehörig den Kopf:

„Sind Sie verrückt! ohne meine Erlaubnis! Handlungen, die von der Kirche verboten sind!“

Alle waren seit einem Augenblick gegangen; Bouvard und Pécuchet plauderten mit dem Lehrer auf dem künstlichen Hügel, als Marcel mit gelöster Kinnbinde aus dem Obstgarten hervorbrach; er stammelte:

„Geheilt! geheilt! Gute Herren!“

„Schön! genug! Laß uns in Ruhe!“

„Ach, gute Herren, ich liebe Sie! Ihr Diener!“

Petit, ein Mann des Fortschritts, hatte die Erklärung des Arztes banal, spießbürgerlich gefunden. Die Wissenschaft sei ein Monopol, das in den Händen der Reichen liege. Sie schließe das Volk aus: auf die alte Analyse des Mittelalters müsse nunmehr eine umfassende und mutig an die Dinge herangehende Synthese folgen! Die Wahrheit müsse gefühlsmäßig erkannt werden, und indem er sich als Spiritisten zu erkennen gab, führte er mehrere Werke an, die ohne Zweifel Lücken hätten, aber eine Morgenröte anzeigten.

Sie ließen sie sich zusenden.

Der Spiritismus stellt das Dogma einer vom Schicksal vorherbestimmten Veredelung des Menschengeschlechts auf. Die Erde wird eines Tages zum Himmel werden, und deshalb bezauberte diese Doktrin den Lehrer. Ohne rechtgläubig zu sein, geht sie auf Sankt Augustin und den heiligen Ludwig zurück. Allan Kardec veröffentlicht sogar Bruchstücke, die von ihnen diktiert und auf der Höhe der Anschauungen unserer Zeit sind. Sie ist nützlich, förderlich und entschleiert uns wie das Teleskop höhere Welten.

Nach dem Tode und in der Ekstase werden die Geister dorthin versetzt. Aber zuweilen steigen sie auf unsern Erdball herab, wo sie die Möbel knacken lassen, an unsern Belustigungen teilnehmen, die Schönheiten der Natur und die Vergnügen der Kunst genießen.

Indessen besitzen manche unter uns einen aromatischen Rüssel, das heißt hinten am Schädel eine lange Röhre, die von den Haaren bis zu den Planeten emporsteigt und uns erlaubt, mit den Geistern des Saturn zu sprechen; die übersinnlichen Dinge sind nicht weniger wirklich, und von der Erde zu den Sternen, von den Sternen zur Erde besteht ein Kommen und Gehen, ein Übertragen, ein beständiger Austausch.

Da schwoll Pécuchets Herz von unendlichem Sehnen, und als die Nacht gekommen war, überraschte ihn Bouvard an seinem Fenster bei Betrachtung jener leuchtenden Räume, die von Geistern bewohnt werden.

Swedenborg hat dort große Reisen gemacht. Denn in weniger als einem Jahre hat er Venus, Mars, Saturn und dreiundzwanzigmal Jupiter erforscht. Außerdem hat er in London Jesus Christus gesehen, er hat Sankt Paul gesehen, er hat Sankt Johannes gesehen, er hat Moses gesehen, und im Jahre 1736 hat er sogar das Jüngste Gericht gesehen.

Auch gibt er uns Beschreibungen des Himmels.

Man findet dort Blumen, Paläste, Märkte und Kirchen genau so wie bei uns.

Die Engel, die früher Menschen waren, legen ihre Gedanken auf Blättern nieder, plaudern von den Dingen der Wirtschaft oder auch von geistigen Angelegenheiten, und die geistlichen Ämter gehören denjenigen, die sich in ihrem irdischen Leben mit der Heiligen Schrift befaßt haben.

Die Hölle jedoch ist mit einem stinkenden Geruch erfüllt, mit schlechten Hütten, einem Haufen Unreinigkeiten, Schmutzlöchern, schlecht gekleideten Personen.

Pécuchet zerwühlte sich den Verstand, um zu begreifen, was diese Offenbarungen Schönes enthielten. Sie erschienen Bouvard als der Wahnsinn eines Einfaltspinsels. Alles das geht über die Grenzen der Natur hinaus! Wer kennt sie indessen? Und sie gaben sich folgenden Betrachtungen hin:

Schwindler vermögen die Menge zu täuschen; ein Mann, der starke Leidenschaften hat, wird damit andere hervorrufen; doch wie vermag der bloße Wille die leblose Materie zu beeinflussen? Ein Baier, sagt man, brachte Trauben zur Reife; Herr Gervais hat ein Heliotrop wieder belebt; ein stärkerer zu Toulouse vertreibt die Wolken.

Soll man eine Zwischensubstanz zwischen der Welt und uns annehmen? Das Od, ein neuer ätherischer Stoff, eine Art Elektrizität, ist vielleicht nichts anderes. Seine Ausströmungen erklären den Schimmer, den die Magnetisierten zu sehen glauben: die Irrlichter der Friedhöfe, die Gespenstererscheinungen.

Diese Bilder waren demnach keine Täuschung, und die außerordentlichen Gaben der Besessenen, die denen der Somnambulen ähnlich sind, hätten eine physische Ursache?

Welches auch immer ihr Ursprung sei, es gibt eine Urwesenheit, ein verborgenes und allgemein wirkendes Agens. Könnten wir es fassen, so brauchte man weder Kraft noch Zeitdauer. Was Jahrhunderte erfordert, würde sich in einer Minute abwickeln; jedes Wunder wäre ausführbar, und das Weltall stände zu unserer Verfügung.

Die Magie hat ihren Ursprung in dieser ewigen Begierde des menschlichen Geistes. Man hat zweifellos ihren Wert übertrieben, aber sie ist keine Lüge. Die Orientalen, welche sie besitzen, vollführen Wunder; alle Reisenden bestätigen es, und im Palais-Royal bringt Herr Dupotet die Magnetnadel mit seinem Finger aus ihrer Richtung.

Wie Magier werden? Dieser Gedanke schien ihnen zuerst wahnsinnig, doch er kam wieder, quälte sie, und sie gaben ihm nach, während sie sich zugleich stellten, als ob sie darüber lachten.

Eine vorbereitende Lebensweise war unerläßlich.

Um besser in Ekstase zu geraten, machten sie die Nacht zum Tage, fasteten, und da sie aus Germaine ein empfindlicheres Medium machen wollten, teilten sie ihr ihre Nahrung genau zu. Sie entschädigte sich am Getränk und nahm so viel Branntwein zu sich, daß sie bald vollständig veralkoholisiert war. Wenn sie durch den Gang gingen, wurde Germaine wach. Sie verwechselte das Geräusch ihrer Schritte mit ihrem Ohrensausen und den eingebildeten Stimmen, die sie aus den Wänden hervorkommen hörte. Eines Tages, als sie morgens eine Butte in den Keller gebracht hatte, bekam sie Angst, als sie den Fisch ganz mit Feuer bedeckt sah, befand sich von da an schlechter und glaubte schließlich, sie sei verhext.

In der Hoffnung, Visionen zu bekommen, drückten sie sich gegenseitig den Nacken, machten sich Säckchen aus Belladonna, nahmen die Zauberdose in Gebrauch: eine kleine Dose, aus der ein von Nägeln starrender Pilz hervorkommt, und die man vermittels eines um die Brust befestigten Bandes auf dem Herzen trägt. Alles schlug fehl; doch sie konnten mit dem Kreis Dupotets einen Versuch machen.

Pécuchet schmierte mit Kohle eine schwarze Rundung auf den Boden, um die Lebensgeister hineinzuschließen, welchen die Luftgeister helfen sollten, und glücklich, Bouvard in seiner Gewalt zu haben, sagte er mit priesterlicher Miene zu ihm:

„Ich wette, daß du nicht hinüberkommst!“

Bouvard betrachtete diese runde Stelle. Bald klopfte sein Herz, seine Augen trübten sich.

„Ach! machen wir ein Ende!“

Und er sprang hinüber, um einem unbeschreiblichen Gefühl des Mißbehagens zu entgehen.

Pécuchet, dessen Begeisterung im Wachsen war, wollte einen Toten erscheinen lassen.

Unter dem Direktorium zeigte ein Mann, Rue de l’Echiquier, die Opfer der Schreckensherrschaft. Die Beispiele von Gespenstererscheinungen sind zahllos. Ob das ein Schein sei, was tut das! es kommt darauf an, ihn zu erzeugen.

Je näher der Verstorbene uns steht, desto leichter erscheint er bei unserem Anruf; doch besaß Pécuchet kein Andenken von seiner Familie, weder einen Ring, noch ein Miniaturbild, nicht ein Haar, während Bouvard in der Lage war, seinen Vater zu beschwören; und da er Abneigung dagegen zeigte, fragte Pécuchet ihn:

„Was fürchtest du?“

„Ich? O, gar nichts! Mach, was du willst!“

Sie erkauften sich Chamberlans Dienste, der ihnen insgeheim einen alten Totenkopf verschaffte. Ein Schneider schnitt ihnen zwei weite schwarze Priesterröcke mit einer Kapuze wie an Mönchsgewändern zu. Der Wagen von Falaise brachte ihnen eine lange Rolle in einer Umhüllung. Dann machten sie sich ans Werk, der eine begierig auf die Ausführung, der andere furchterfüllt, daran zu glauben.

Das Museum hatte Behänge wie ein Katafalk. Drei Kerzen brannten am Rande des Tisches, der gegen die Wand unter das Porträt von Bouvards Vater geschoben war, über dem man den Totenkopf erblickte. Sie hatten sogar eine Kerze ins Innere des Schädels gesteckt, und Strahlen kamen aus den beiden Augenhöhlen hervor.

In der Mitte dampfte auf einer Kohlenpfanne Weihrauch. Bouvard stand dahinter; und Pécuchet, der ihm den Rücken wandte, warf Hände voll Schwefel in die Asche.

Bevor man einen Toten anruft, bedarf man der Einwilligung der Dämonen. Da nun dieser Tag ein Freitag war, — welcher Tag Bechet gehört, — so mußte man sich in erster Linie an Bechet wenden. Nachdem Bouvard nach rechts und links gegrüßt, das Kinn gesenkt und die Arme erhoben hatte, begann er:

„Bei Ethaniel, Anazin, Ischyros...“

Er hatte das übrige vergessen.

Pécuchet flüsterte ihm schnell die Worte zu, die er auf einem Stück Pappe aufgezeichnet hatte:

„Ischyros, Athanatos, Adonaï, Sadaï, Eloy, Messiasos (die Litanei war lang), ich beschwöre dich, ich beobachte dich, ich befehle dir, o Bechet!“

Dann die Stimme dämpfend:

„Wo bist du, Bechet? Bechet! Bechet! Bechet!“

Bouvard sank in einen Sessel, und er war recht froh, Bechet nicht zu sehen, denn eine innere Stimme warnte ihn vor diesem Beginnen als vor einem Frevel. Wo war die Seele seines Vaters? Konnte sie ihn hören? Wenn sie sich plötzlich einstellte?

Die Vorhänge bewegten sich langsam in der Zugluft, die durch eine zersprungene Scheibe hereinkam, — und die Kerzen warfen schwankende Schatten über den Totenkopf und das gemalte Antlitz. Eine erdige Farbe bräunte beide in gleicher Weise. Schimmel zerfraß die Wangen, die Augen waren glanzlos; doch in den Höhlungen des Schädels flackerte ein Licht. Es schien zuweilen auf das Bild des Vaters herabzugleiten, sich auf dessen Rockkragen niederzulassen, in seinem Backenbart zu sitzen; und die halb aus dem Rahmen gelöste Leinwand schwankte, zitterte.

Allmählich glaubten sie von einem Atem gestreift zu werden und die Annäherung eines unkörperlichen Wesens zu spüren. Schweißtropfen feuchteten Pécuchets Stirn, und jetzt fingen auch Bouvards Zähne an zu klappern, ein Krampf faßte ihn an der Herzgrube; der Fußboden entwich wie eine Woge unter seinen Füßen; der Schwefel, der im Kamin brannte, schlug sich in großen Wirbeln nieder; zugleich flatterten Fledermäuse umher; ein Schrei erscholl; — was war das?

Jeder zeigte dem andern in seiner Kapuze ein so verzerrtes Gesicht, daß ihr Entsetzen sich dadurch steigerte, und während sie weder eine Bewegung zu machen noch auch zu sprechen wagten, hörten sie hinter der Tür Seufzen, wie von einer in Not befindlichen Seele.

Endlich wagten sie sich hin.

Es war ihre alte Magd, welche ihnen, durch eine Wandspalte guckend, auflauerte und den Teufel zu sehen geglaubt hatte; und im Flur kniend, schlug sie ein Kreuz nach dem andern.

Alles Zureden war nutzlos; sie verließ noch denselben Abend das Haus, da sie bei solchen Leuten nicht im Dienst bleiben wolle.

Germaine plauderte die Sache aus. Chamberlan verlor seine Stelle, und es entstand eine stumme Koalition gegen sie, die durch den Abbé Jeufroy, Frau Bordin und Foureau gebildet wurde.

Ihre Lebensweise, die nicht die der anderen war, mißfiel. Sie wurden verdächtig und flößten sogar eine unbestimmte Angst ein.

Was ihnen vollends in der Meinung der anderen den Rest gab, das war die Wahl ihres Dienstboten. In Ermangelung eines andern hatten sie Marcel ins Haus genommen.

Seine Hasenscharte, seine Häßlichkeit und sein Kauderwelsch machten ihn abstoßend. Ein Findelkind, war er auf gut Glück in der freien Natur aufgewachsen und hatte von seinem langen Elend einen unersättlichen Hunger behalten. Krepierte Tiere, verdorbener Speck, ein überfahrener Hund, alles war ihm recht, wofern nur das Stück groß war, und er war sanft wie ein Lamm, doch vollständig stumpfsinnig.

Die Dankbarkeit hatte ihn getrieben, sich den Herren Bouvard und Pécuchet als Diener anzubieten; und dann hoffte er auf außerordentlichen Gewinn, da er sie für Hexenkünstler hielt.

Gleich während der ersten Tage vertraute er ihnen ein Geheimnis an. Unter der Heide von Poligny hatte ehemals ein Mann einen Goldbarren gefunden. Die Geschichte wird bei den Historikern von Falaise erzählt; sie kennen den Schluß nicht: zwölf Brüder hatten, bevor sie auf eine Reise gingen, zwölf gleiche Barren längs der Straße von Chavignolles bis Bretteville vergraben, — und Marcel bestürmte seine Herren mit Bitten, die Nachforschungen wieder aufzunehmen. Diese Barren, so sagten sie sich, waren vielleicht zur Zeit der Auswanderung verscharrt.

Hier mußte man die Wünschelrute anwenden. Ihre Kräfte sind zweifelhaft. Jedoch studierten sie die Frage, — und sie erfuhren, daß ein gewisser Pierre Garnier sie mit wissenschaftlichen Gründen stützt: die Quellen und Metalle sollten winzige Körperchen ausströmen, die dem Holze wahlverwandt seien.

Das ist keineswegs wahrscheinlich! Doch wer weiß? Machen wir einen Versuch!

Sie schnitten sich eine Gabel aus Haselnuß, — und eines Morgens machten sie sich auf die Suche nach dem Schatz.

„Man wird ihn herausgeben müssen,“ sagte Bouvard.

„O nein! das wäre noch schöner!“

Nach einem Marsche von drei Stunden hielt ein Bedenken sie an: „Die Straße von Chavignolles nach Bretteville! — war das die alte oder die neue? Es mußte die alte sein!“

Sie rannten wieder zurück und durchliefen aufs Geratewohl die Umgegend, da die Spur der alten Straße nicht leicht zu erkennen war.

Marcel lief nach rechts und links, wie ein Jagdhund auf der Suche. Alle fünf Minuten mußte Bouvard ihn zurückrufen; Pécuchet ging schrittweise vor, die Rute an den beiden Sprossen haltend, mit der Spitze nach oben. Oft war es ihm, als ziehe eine Kraft gleichsam wie eine Klammer ihn zu Boden, und Marcel machte eiligst einen Einschnitt in den nächsten Baum, um die Stelle später wiederzufinden.

Indessen verlangsamte Pécuchet seinen Schritt. Sein Mund stand offen, seine Augen verdrehten sich. Bouvard rief ihn an, schüttelte ihn an den Schultern; er regte sich nicht und blieb regungslos, genau wie die Barbée.

Dann erzählte er, daß er um das Herz eine Art von Reißen gefühlt habe, einen sonderbaren Zustand, der ohne Zweifel von der Rute herrühre; — und er wollte sie nicht mehr anrühren.

Am folgenden Tage kehrten sie zu den mit Zeichen versehenen Bäumen zurück. Marcel grub mit einem Scheit Löcher, in keinem Falle förderte das Nachgraben etwas zutage; — und sie waren jedesmal äußerst kleinlaut. Pécuchet setzte sich an den Rand eines Grabens; und während er mit erhobenem Kopf träumte und sich dabei anstrengte, durch seinen aromatischen Rüssel die Stimme der Geister zu vernehmen, und sich sogar fragte, ob er einen besitze, heftete er seinen Blick auf den Schirm seiner Mütze; der ekstatische Zustand vom Abend vorher erfaßte ihn wieder. Er hielt lange an, wurde furchtbar.

Über den Haferfeldern erschien in der Richtung eines Fußpfades ein Filzhut: es war Herr Vaucorbeil, der auf seiner Stute dahertrabte. Bouvard und Marcel riefen ihn an.

Die Krise ging zu Ende, als der Arzt ankam. Um Pécuchet besser betrachten zu können, hob er dessen Mütze in die Höhe, — er sah nun eine mit kupferroten Stellen bedeckte Stirn und sagte:

„Aha! Fructus belli! Das ist syphilitischer Ausschlag, mein Lieber! Pflegen Sie sich! zum Teufel! Mit der Liebe ist nicht zu spaßen.“

Beschämt setzte Pécuchet seine Mütze wieder auf, eine Art flacher Kappe, die sich über einem halbmondförmigen Schirm bauschte, und zu der er das Modell in Amoros’ Illustrationen gefunden hatte.

Die Worte des Doktors machten ihn starr. Er dachte darüber nach, die Augen in der Luft, — und plötzlich erfaßte ihn der Zustand wieder.

Vaucorbeil beobachtete ihn, dann stieß er Pécuchets Mütze mit dem geschnellten Finger an, daß sie herabfiel.

Pécuchet erlangte seine volle Besinnung wieder.

„Ich dachte es mir,“ sagte der Arzt, „der lackierte Schirm hypnotisiert Sie wie ein Spiegel, und diese Erscheinung ist bei Leuten nicht selten, die einen glänzenden Körper mit zu viel Aufmerksamkeit betrachten.“

Er gab an, wie man den Versuch mit Hühnern machen könne, bestieg seinen Klepper und verschwand langsam.

Eine halbe Stunde weiter bemerkten sie einen pyramidenförmigen Gegenstand, der sich am Horizont im Hofe eines Pachtgutes erhob. Man hätte das für eine ungeheure Dolde schwarzer Trauben halten können, die hier und dort rote Punkte zeigten. Es war, normännischem Brauch folgend, ein langer Mast mit Querstäben, auf denen Puten saßen und sich in der Sonne blähten.

„Laß uns hineingehen.“ Und Pécuchet sprach den Pächter an, der in ihren Wunsch willigte.

Mit Kreide zeichneten sie eine Linie in die Kelter, fesselten einem Puter die Pfoten, legten ihn dann lang hin, den Schnabel in der Richtung des Strichs. Das Tier schloß die Augen und schien bald wie tot. Mit den anderen ging es ebenso. Bouvard langte sie behende Pécuchet hin, welcher sie nebeneinanderlegte, sobald sie starr waren. Die Leute von dem Pachthofe bekundeten Unruhe. Die Herrin schrie, ein kleines Mädchen weinte.

Bouvard befreite das ganze Geflügel. Die Tiere belebten sich nach und nach, aber man konnte nicht wissen, was für Folgen das haben würde. Bei einer etwas abweisenden Entgegnung Pécuchets faßte der Pächter seine Mistgabel.

„Schert Euch zum Teufel! Oder ich renne Euch das Ding in den Bauch.“

Sie machten sich davon.

Einerlei! Das Problem war gelöst; der Ekstase liegt eine materielle Ursache zugrunde.

Was ist denn die Materie? Was ist der Geist? Woher kommt die Wirkung des einen auf das andere; — und wechselweise?

Um sich darüber klar zu werden, suchten sie bei Voltaire, bei Bossuet, bei Fénelon, — und nahmen sogar wieder ein Abonnement auf eine Leihbibliothek.

Die alten Meister waren durch die Länge ihrer Werke oder durch die Schwierigkeit ihres Idioms für sie unzugänglich, aber Jouffroy und Damiron weihten sie in die moderne Philosophie ein, — und sie verschafften sich Bücher über die Philosophie des verflossenen Jahrhunderts.

Bouvard nahm seine Argumente aus Lamettrie, Locke, Helvetius; Pécuchet aus Herrn Cousin, Thomas Reid und Gérando. Der erstere hielt sich an die Erfahrung; das Gedankliche war alles für den letzteren. In dem einen steckte etwas von Aristoteles, der andere fühlte sich Plato verwandt, — und sie diskutierten.

„Die Seele ist unkörperlich!“ sagte der eine.

„Keineswegs!“ sagte der andere. „Wahnsinn, Chloroform, ein Aderlaß werfen sie um, und da sie nicht immer denkt, so ist sie durchaus keine Substanz, die aus reinem Denken besteht.“

„Indessen“, wandte Pécuchet ein, „habe ich in mir selbst etwas, das meinem Körper überlegen ist und ihm zuweilen widerstreitet.“

„Ein Wesen im Wesen? Der homo duplex! geh doch! Verschiedene Tendenzen zeigen entgegengesetzte Motive an. Das ist alles.“

„Doch dieses Etwas, diese Seele bleibt identisch bei allen Veränderungen im Äußeren. Also ist sie einfach, unteilbar und folglich unkörperlich.“

„Wenn die Seele einfach wäre,“ erwiderte Bouvard, „so müßte das Neugeborene Erinnerung haben, denken wie der Erwachsene. Das Denken kommt dagegen mit der Entwicklung des Gehirns. Was die Unteilbarkeit anlangt, so lassen sich der Duft einer Rose oder der Hunger eines Wolfes ebensowenig in zwei Teile zerlegen wie das Wollen oder eine Behauptung.“

„Das schadet nichts!“ sagte Pécuchet, „die Seele ist frei von den Eigenschaften der Materie!“

„Glaubst du an die Schwerkraft?“ fuhr Bouvard fort. „Wenn nun die Materie fallen kann, so kann sie auch denken. Da unsere Seele einen Anfang genommen hat, muß sie auch ein Ende nehmen und, da sie von den Organen abhängt, mit ihnen verschwinden.“

„Ich dagegen behaupte, daß sie unsterblich ist! Gott kann nicht wollen...“

„Aber wenn Gott nicht existiert?“

„Wie?“ Und Pécuchet führte die drei cartesianischen Beweisgründe an: „Primo, Gott ist in der Idee einbegriffen, die wir von ihm haben; secundo, seine Existenz ist möglich; tertio, da ich begrenzt bin, wie könnte ich eine Idee vom Unbegrenzten haben? — und da wir diese Idee haben, so kommt sie mir von Gott, also existiert Gott!“

Er ging zum Zeugnis aus dem Gewissen, zur Überlieferung der Völker, zur Notwendigkeit eines Schöpfers über.

„Wenn ich eine Uhr sehe...“

„Ja! ja! kennen wir! doch wo ist der Vater des Uhrmachers?“

„Es muß doch eine Ursache vorhanden sein!“

Bouvard setzte Zweifel in die Kausalität. „Daraus, daß eine Erscheinung auf die andere folgt, schließt man, daß sie deren Folge ist. Beweise es!“

„Doch der Anblick des Weltalls läßt eine Absicht, einen Plan erkennen.“

„Wieso? Das Übel ist gerade so vollkommen organisiert wie das Gute. Der Wurm, der im Kopfe des Hammels entsteht und seinen Tod verursacht, hat, anatomisch genommen, denselben Wert wie der Hammel. Die Monstruositäten sind den normalen Bildungen überlegen. Der menschliche Körper könnte besser eingerichtet sein. Drei Viertel des Erdballs sind unfruchtbar. Der Mond, diese große Leuchte, zeigt sich nicht immer. Glaubst du, daß der Ozean für die Schiffe und das Holz der Bäume zur Heizung unserer Häuser bestimmt sei?“

Pécuchet antwortete:

„Indessen ist der Magen zum Verdauen da, das Bein zum Gehen, das Auge zum Sehen, wenn es auch Verdauungsschwäche, Brüche und grauen Star gibt. Keine Anordnungen ohne Zweck! Die Wirkungen zeigen sich gleich oder später. Alles beruht auf Gesetzen. Also gibt es Endursachen.“

Bouvard dachte, Spinoza könne ihm vielleicht Argumente liefern, und er bat Dumouchel um die Übersetzung von Saisset.

Dumouchel schickte ihm ein Exemplar, das seinem Freunde, dem Professor Varelot gehörte, der am zweiten Dezember verbannt war.

Die Ethik mit ihren Axiomen, ihren Folgesätzen erschreckte sie. Sie lasen nur die Stellen, die mit Bleistift angestrichen waren, und sie begriffen dieses:

Substanz ist das, was aus sich selbst, durch sich selbst, ohne Ursache, ohne Ursprung ist. Diese Substanz ist Gott.

Er allein ist Ausdehnung, — und die Ausdehnung hat keine Grenzen. Wodurch sollte sie begrenzt sein?

Doch obwohl sie unbegrenzt ist, ist sie nicht das Absolut-Unendliche, denn sie enthält nur eine Art der Vollkommenheit, und das Absolute enthält sie alle.

Oft hielten sie ein, um den Gedanken fester zu fassen. Pécuchet nahm eine Prise nach der andern, und Bouvard war rot vor Aufmerksamkeit.

„Findest du das lustig?“

„Ja, gewiß! lies nur weiter!“

Gott entwickelt sich in einer Unzahl von Attributen, die jedes auf seine Weise die Unendlichkeit seines Wesens ausdrücken. Wir kennen ihrer nur zwei: die Ausdehnung und das Denken.

Vom Denken und von der Ausdehnung sind die unzähligen Modi abgeleitet, die wieder andere enthalten.

Der, welcher auf einmal alle Ausdehnung und alles Denken umfaßte, würde darin keine Zufälligkeit, nichts Grundloses, sondern eine geometrische Folge von Gliedern sehen, die untereinander durch notwendige Gesetze verbunden sind.

„Ach, das wäre schön!“ sagte Pécuchet.

Also gibt es Freiheit weder für den Menschen noch für Gott.

„Da hörst du’s!“ rief Bouvard.

Wenn Gott einen Willen, einen Zweck hätte, wenn er aus einem Grunde handelte, dann hätte er ein Bedürfnis, ermangelte er einer Vollkommenheit. Er wäre nicht Gott.

So ist unsere Welt nur ein Punkt in der Gesamtheit der Dinge, — und das unserm erkennenden Geiste verschlossene Weltall ist ein Teil einer unendlichen Zahl von Welten, die neben der unserigen unendlich viele verschiedengestaltete Welten bilden. Die Ausdehnung schließt unsere Welt in sich und wird ihrerseits von Gott umschlossen, welcher in seinem Denken alle möglichen Welten enthält, und sein eigenes Denken ist in seiner Substanz eingeschlossen.

Es war ihnen, als würden sie nächtlicherweile bei eisiger Kälte in einem Ballon in endloser Fahrt gegen eine grundlose Tiefe fortgerissen, — ohne etwas anderes als das Unfaßbare, Unbewegliche, Ewige um sich herum. Es war zu viel für sie. Sie gaben es auf.

Und von dem Wunsche nach etwas weniger Schwierigem beseelt, kauften sie den Lehrgang der Philosophie von Guesnier, der für den Schulgebrauch bestimmt ist.

Der Verfasser wirft die Frage auf, welches die beste Methode sei, die ontologische oder die psychologische.

Die erste ist der Kindheit der menschlichen Gesellschaft angemessen, als der Mensch seine Aufmerksamkeit auf die äußere Welt richtete. Doch gegenwärtig, wo er sich auf sich selbst besinnt, „halten wir die zweite für wissenschaftlicher“, und Bouvard und Pécuchet entschieden sich für diese.

Der Zweck der Psychologie ist, die Tatsachen zu studieren, die „im Busen des Ich“ vor sich gehen; man entdeckt sie durch Beobachtung.

„Beobachten wir!“ Und vierzehn Tage lang suchten sie regelmäßig nach dem Frühstück in ihrem Bewußtsein auf gut Glück, in der Hoffnung, große Entdeckungen darin zu machen, und machten keine, was sie sehr in Staunen setzte.

Ein Phänomen erfüllt das Ich, nämlich die Idee. Welcher Natur ist sie? Man hat vermutet, die Dinge spiegelten sich im Gehirn und das Gehirn schicke diese Bilder unserem Geiste, der uns die Kenntnis davon mitteilt.

Doch wenn die Idee geistig ist, wie kann man die Materie vorstellen? Daher Zweifel, was die von außen kommenden Wahrnehmungen betrifft. Wenn sie materiell ist, so würden die geistigen Dinge nicht vorgestellt werden können. Daher Zweifel in Hinsicht auf unsere inneren Wahrnehmungen.

„Übrigens gebe man acht! Diese Hypothese würde uns zum Atheismus führen.“

Denn da ein Bild ein begrenztes Ding ist, ist es ihm unmöglich, das Grenzenlose darzustellen.

„Indessen“, wandte Bouvard ein, „wenn ich an einen Wald, an eine Person, an einen Hund denke, sehe ich diesen Wald, diese Person, diesen Hund. Also stellen die Ideen diese Dinge dar.“

Und sie machten sich an den Ursprung der Ideen.

Nach Locke haben sie zwei Quellen, die sinnliche Wahrnehmung und die Reflexion, — und Condillac führt alles auf die sinnliche Wahrnehmung zurück.

Doch dann wird der Reflexion die Grundlage fehlen. Sie bedarf eines Subjektes, eines empfindenden Wesens; und sie ist unvermögend, uns die großen, fundamentalen Wahrheiten zu geben: Gott, gute und böse Werke, das Gerechte, das Schöne und so weiter, Vorstellungen, die man als angeboren bezeichnet, das heißt als solche, die den Tatsachen und der Erfahrung vorausgehen und allgemein sind.

„Wenn sie allgemein wären, würden wir sie gleich bei unserer Geburt haben.“

„Man meint mit diesem Worte Veranlagungen, und Descartes ...“

„Dein Descartes quatscht! Denn er behauptet, der Fötus sei ihrer teilhaftig und an einer anderen Stelle gibt er zu, es sei nur implicite der Fall.“

Pécuchet war erstaunt.

„Wo findet sich das?“

„Bei Gérando!“ Und Bouvard gab ihm einen leichten Schlag auf den Bauch.

„Laß mich in Ruhe!“ sagte Pécuchet. Dann sich Condillac zuwendend: „Unsere Gedanken sind nicht Metamorphosen der sinnlichen Wahrnehmung. Sie verursacht sie, setzt sie in Bewegung. Um sie in Bewegung zu setzen, ist ein Antrieb nötig. Denn die Materie kann aus sich selbst die Bewegung nicht hervorbringen, — und das habe ich in deinem Voltaire gefunden,“ fügte Pécuchet hinzu, indem er Bouvard eine tiefe Verbeugung machte.

So kauten sie dieselben Argumente wieder, — jeder voll Verachtung für die Ansicht des andern, und ohne ihn von der seinigen überzeugen zu können.

Doch die Philosophie hob sie in ihrer eigenen Achtung. Mitleidig gedachten sie ihrer Beschäftigung mit Ackerbau und Politik.

Gegenwärtig widerte das Museum sie an. Am liebsten hätten sie den alten Kram verkauft, — und sie machten sich an das zweite Kapitel: von den Fakultäten der Seele.

Man zählt ihrer drei, nicht mehr! Diejenige zu empfinden, die zu erkennen und die zu wollen.

Bei dem Empfindungsvermögen unterscheiden wir die physische und die seelische Empfindung.

Die physischen Eindrücke zerfallen naturgemäß in fünf Arten, da sie durch die Sinneswerkzeuge vermittelt werden.

Die Vorgänge bei den seelischen Eindrücken dagegen haben nichts mit dem Körper zu tun. „Was gibt es Gemeinsames zwischen der Freude eines Archimedes, als er die Gesetze der Schwere fand, und der unreinen Lust eines Apicius, als er einen Eberkopf verzehrte!“

Die seelische Empfindung hat vier Gattungen, und ihre zweite Gattung, „moralische Wünsche“, zerfällt in fünf Arten, und die Erscheinungen der vierten Gattung, „Affektion“, zerfallen wieder in zwei neue Arten, unter ihnen die Eigenliebe, „ohne Zweifel ein berechtigter Hang, der jedoch, wenn ausgeartet, den Namen Egoismus annimmt“.

In der Fähigkeit zu erkennen findet sich die rationelle Perzeption, bei der man zwei Hauptrichtungen und vier Grade unterscheiden kann.

Die Abstraktion kann für phantastische Intelligenzen Klippen bilden.

Das Gedächtnis stellt den Zusammenhang mit dem Vergangenen her wie das Voraussehen den mit dem Zukünftigen.

Die Phantasie dagegen ist eine besondere Fähigkeit sui generis.

So viel Umstände, Binsenwahrheiten zu beweisen, der pedantische Ton des Verfassers, die Eintönigkeit der Wendungen: „Wir sind bereit anzuerkennen, — Fort mit dem Gedanken. — Befragen wir unser Gewissen“, das ewig wiederkehrende Lob Dugald-Stewarts, kurz, der ganze Wortschwall ekelte sie so an, daß sie über das Willensvermögen hinweggingen und sich gleich an die Logik machten.

Und sie belehrte sie über Analyse, Synthese, Induktion, Deduktion und die hauptsächlichen Gründe unserer Irrtümer.

Fast alle rühren vom schlechten Gebrauch der Worte her.

„Die Sonne geht unter, das Wetter wird trübe, der Winter naht“, fehlerhafte Ausdrucksweisen, die den Glauben an persönliche Wesen hervorrufen müssen, wo es sich nur um ganz einfache Ereignisse handelt. „Ich erinnere mich jenes Gegenstandes, jenes Axioms, jener Wahrheit“, — Täuschung! Es sind die Ideen und nicht die Dinge, die im Ich bleiben, und ein genauer Sprachgebrauch verlangte: „Ich erinnere mich eines bestimmten Vorganges in meinem Geiste, durch welchen ich das Objekt wahrgenommen, aus welchem ich das Axiom abgeleitet habe, durch welches ich zur Annahme dieser Wahrheit gekommen bin.“

Da der Ausdruck, der einen Vorgang bezeichnet, diesen nie in allen seinen Modifikationen umfaßt, so versuchten sie, nur abstrakte Wörter zu verwenden, — so daß sie, anstatt zu sagen: „Laß uns ausgehen, — es ist Zeit zum Essen, — ich habe Koliken“, folgende Phrasen zutage förderten: „Ein Spaziergang wäre heilsam. — Die Stunde, Nahrung einzunehmen, ist da. — Ich verspüre ein Bedürfnis nach Ausleerung.“

Als sie mit der Logik vertraut geworden waren, prüften sie die verschiedenen Kriterien, zuerst dasjenige des gesunden Menschenverstandes.

Wenn der einzelne nichts wissen kann, warum sollten alle zusammen mehr wissen? Ein Irrtum, wäre er auch hundert Jahre alt, begründet deswegen, daß er alt ist, nicht eine Wahrheit! Die große Menge folgt immer dem alten Herkommen! Die Minderheit dagegen führt den Fortschritt herbei.

Soll man dem Zeugnis der Sinne Glauben schenken? Sie täuschen zuweilen, und sie belehren immer nur über den Schein. Der Kern der Dinge entgeht ihnen.

Die Vernunft bietet größere Sicherheit, da sie unwandelbar und unpersönlich ist, — doch um in Erscheinung zu treten, muß sie Fleisch werden. Da wird die Vernunft meine Vernunft; eine Regel hat wenig Bedeutung, wenn sie falsch ist. Nichts beweist, daß jene da richtig ist.

Man empfiehlt, sie durch die Sinne zu überwachen; doch die können die Finsternis verstärken. Aus einer undeutlichen Wahrnehmung wird ein mangelhaftes Gesetz gefolgert, das später die klare Anschauung von den Dingen stört.

Bleibt noch die Moral. Damit wird Gott auf die Stufe der Nützlichkeit herabgedrückt, als ob unsere Bedürfnisse der Maßstab des Absoluten wären!