Dies irae, dies illa!

Und auf einmal – die Stimme des Teufels, die Arie des Teufels. Er ist unsichtbar, nur eine Stimme klingt nebenher, klingt mit den Hymnen, fällt mit ihnen zusammen, löst sich in ihnen auf, und ist dabei doch etwas ganz anderes – so irgendwie müßte das gemacht werden. Eine lange, unendliche Arie für Tenor, unbedingt für Tenor. Sie beginnt leise, zärtlich: ‚Wie anders, Gretchen, war dir’s, als du noch voll Unschuld hier zum Altar tratst, ... halb Kinderspiele, halb Gott im Herzen?‘ Und die Arie wird immer stärker, immer leidenschaftlicher; die Töne werden immer höher: Tränen sind in ihnen, Schmerz, unaufhörlicher, unentrinnbarer Schmerz, und zuletzt die Verzweiflung: ‚Keine Vergebung für dich, keine Vergebung!‘ Gretchen will beten, doch ihrer Brust entringen sich nur Schreie – wissen Sie, wenn die Brust sich zusammenkrampft, vom Schluchzen – aber die Stimme des Satans verstummt nicht, immer tiefer bohrt sie sich wie ein Dolch in ihre Seele, immer höher schwingt sich ihr Ton – und plötzlich bricht sie ab mit dem Schrei: ‚Es ist aus, du bist verdammt!‘ Gretchen fällt auf die Knie, ringt die Hände – und dann beginnt ihr Gebet, ein kurzes Halbrezitativ, ganz naiv, ganz ohne Künstelei, etwas im höchsten Grade Mittelalterliches, vier Verse, im ganzen nur vier Verse – bei Stradella gibt es so ein Motiv – und nach dem letzten Ton fällt sie in Ohnmacht! Allgemeine Verwirrung. Sie wird aufgehoben, hinausgetragen – und da setzt auf einmal ein gewaltiger Chor ein. Der müßte wie ein Orkan von Stimmen sein, ein begeisterter, rauschender Chor, wie eine gewaltige Hymne von der Art unseres Dorinossima Tschinmi, daß alles bis in die Grundfesten erbebt, bis schließlich alles in den begeisterten, jauchzenden Aufschrei ‚Hosianna!‘ ausklingt. Wie ein Schrei des ganzen Weltalls müßte es sein, sie aber wird weiter und weiter getragen, und dann fällt der Vorhang. Nein, wissen Sie, wenn ich das nur machen könnte! Nur kann ich jetzt schon gar nichts mehr – außer träumen. Ich träume und träume in einem fort; mein ganzes Leben verwandelt sich in einen Traum, auch nachts. Ach, Dolgoruki, haben Sie den ‚Antiquitätenhändler‘ von Dickens gelesen?“

„Ja, ich habe ihn gelesen; was ist denn damit?“

„Erinnern Sie sich ... Warten Sie, ich trinke noch ein Glas – erinnern Sie sich noch der einen Stelle ganz zum Schluß, wie die beiden – der wahnsinnige Greis und dieses reizende dreizehnjährige Mädchen, seine Enkelin – nach ihren Irrfahrten endlich irgendwo ganz hinten in England ein Unterkommen finden, dort bei einer mittelalterlichen gotischen Kirche, wo das Mädchen noch ein Amt erhält: den Besuchern die Kirche zu zeigen ... Und einmal, bei Sonnenuntergang, steht dieses Kind vor dem Kirchenportal, ganz umflutet von den letzten Sonnenstrahlen, steht und sieht in den Sonnenuntergang, mit stiller, nachdenklicher Betrachtung in der erstaunten Kinderseele, als stünde es vor einem Rätsel, denn das eine wie das andere scheint wie ein Rätsel – dort die Sonne als ein Gedanke Gottes, hier der Dom als ein Menschengedanke ... nicht wahr? Oh, ich kann das nicht so ausdrücken, aber Gott liebt die ersten Gedanken solcher Kinder ... Und neben ihr, auf den Stufen des Domes, sitzt der wahnsinnige Alte, ihr Großvater, und sieht sie starr an ... Wissen Sie, da ist ja gar nichts Besonderes in diesem Dickensschen Bilde, ja, eigentlich nichts Besonderes, und doch werden Sie es in Ewigkeit nicht vergessen, und so ist es auch in der Erinnerung von ganz Europa geblieben – warum? Weil das Schönheit ist! Das ist Unschuld! Oder ich weiß selbst nicht, was das ist: aber es ist schön! Ich habe die ganze Zeit auf dem Gymnasium nur Romane gelesen. Wissen Sie, ich habe eine Schwester auf dem Gut, die ist nur ein Jahr älter als ich ... Oh, jetzt ist dort alles schon verkauft, und auch das Gut haben wir nicht mehr! Ich hab’ mit ihr auf der Terrasse gesessen, unter unseren alten Linden, und hab’ mit ihr zusammen diesen Roman gelesen, und die Sonne ging da auch gerade unter, und plötzlich hörten wir auf, zu lesen, und gaben uns gegenseitig das Versprechen, von nun an auch so gut zu sein und immer edel zu handeln – ich bereitete mich damals gerade für die Universität vor, und ... Ach, wissen Sie, Dolgoruki, ein jeder hat seine Erinnerungen! ...“

Und plötzlich lehnte er seinen hübschen Kopf an meine Schulter und – weinte. Er tat mir sehr, sehr leid. Freilich hatte er viel Wein getrunken, aber er sprach so aufrichtig und brüderlich zu mir und mit so echtem Gefühl ...

In diesem Augenblick hörten wir plötzlich von der Straße her Geschrei, und starke Finger trommelten an unser Fenster (es waren große Glasscheiben zur Straße hin, im Erdgeschoß, so daß man sie vom Fußsteig aus erreichen konnte). Das war der vor die Tür gesetzte Andrejeff.

Ohé, Lambert! Où est Lambert! As-tu vu Lambert?[98] scholl seine wilde Stimme von draußen.

„Ah, so ist er noch da! Er ist also noch nicht fortgegangen?“ rief mein Junge und sprang auf.

„Zahlen!“ wandte sich Lambert an den Kellner. Seine Hände zitterten vor Wut, als er das Geld herausholte, doch siehe da, der Pockennarbige ließ es nicht zu, daß er auch für ihn bezahlte.

„Warum denn nicht? Ich habe Sie doch aufgefordert, und Sie haben die Aufforderung angenommen?“

„Nein, Sie müssen schon gestatten ...“ Der Pockennarbige nahm seine Börse, berechnete seinen Anteil und bezahlte für sich.

„Sie beleidigen mich, Ssemjon Ssidorowitsch!“

„Ich wünsche es aber so,“ schnitt ihm Ssemjon Ssidorowitsch das Wort ab, nahm seinen Hut und verließ, ohne sich von jemandem zu verabschieden, allein das Lokal. Lambert warf dem Kellner das Geld hin und stürzte ihm eilig nach, wobei er in seiner Erregung mich ganz vergaß. Trischatoff und ich folgten als die Letzten. Andrejeff stand wie eine Schildwache vor der Tür und wartete auf Trischatoff.

„Du Lump!“ konnte sich Lambert nicht enthalten, ihn anzufahren.

No, no!“ brüllte Andrejeff auf ihn los und schlug ihm mit einer Handbewegung den runden Hut vom Kopf, der über den Fußsteig rollte. Lambert lief mit erniedrigendem Eifer hinter ihm her, um ihn aufzuheben.

Vingt-cinq roubles![99] sagte Andrejeff und zeigte Trischatoff den Geldschein, den er Lambert vorhin abgeknöpft hatte.

„So laß doch,“ rief Trischatoff geärgert. „Warum benimmst du dich immer so ... Und wofür hast du ihm ganze fünfundzwanzig abgenommen? Du hattest doch nur sieben zu bekommen.“

„Wofür ich sie ihm abgenommen? Er hatte uns doch ein Diner im chambre séparée[100] versprochen; mit olympischen Weibern; aber statt der Weiber hat er uns nur einen Pockennarbigen serviert; und außerdem habe ich mich nicht satt essen können und habe hier in der Kälte wenigstens für achtzehn Rubel gefroren. Sieben Rubel hatte ich noch von ihm zu bekommen – macht zusammen genau fünfundzwanzig Rubel aus.“

„Schert euch alle beide zum Teufel!“ brüllte Lambert. „Ich werfe euch beide hinaus und werd’ euch schon Mores lehren ...“

„Lambert, nicht Sie, sondern ich werfe Sie hinaus und werde Sie schon Mores lehren!“ schrie seinerseits Andrejeff. „Adieu, mon prince,[101] trinken Sie nicht zuviel Wein! Petjä, komm, marsch! Ohé, Lambert! Où est Lambert? As-tu vu Lambert?[98] gröhlte er noch zum letztenmal und entfernte sich schon mit seinen langen Schritten.

„Ich werde also zu Ihnen kommen, darf ich?“ flüsterte mir Trischatoff noch schnell zu und eilte seinem Freunde nach.

Ich blieb allein mit Lambert.

„Na ... gehen wir!“ sagte Lambert, der mühsam Atem holte und noch ganz betäubt zu sein schien.

„Wohin gehen? Mit dir gehe ich nirgendwohin,“ beeilte ich mich, ihn herausfordernd anzuschreien.

„Wie, du willst nicht mitgehen!“ fuhr er erschrocken aus seiner Betäubung auf. „Ich habe ja nur darauf gewartet, daß wir endlich allein blieben!“

„Ja, wohin denn gehen?“ Ich muß gestehen, daß mir von den drei Gläsern Champagner und von zwei Gläsern Sherry der Kopf schon ein wenig benommen war.

„Hierherein, siehst du, hierherein!“

„Da steht doch ‚Frische Austern‘ auf dem Plakat. Dort riecht es so scheußlich ...“

„Das scheint dir nur, weil du vom Essen kommst, das ist die Miljutinsche Delikateßhandlung; Austern brauchen wir ja nicht zu essen, aber ich werde dir Champagner bestellen ...“

„Ich will nicht! Ich weiß, du willst mich betrunken machen.“

„Das haben dir diese Schufte eingeredet; aber sie haben sich doch nur über dich lustig machen wollen. Und du glaubst diesen Schurken!“

„Nein, Trischatoff ist kein Schurke. Und ich verstehe mich auch selbst in acht zu nehmen – verstanden?“

„Was, du glaubst, einen eigenen Willen zu haben?“

„Ja, ich habe mehr Charakter als du, denn du bist Sklave jedes ersten besten. Du hast uns blamiert, wie ein Lakai hast du die Polen um Entschuldigung gebeten. Du mußt wohl in Restaurants schon oft Prügel gekriegt haben?“

„Wir müssen uns doch aussprechen, Dummkopf!“ rief er mit jener verachtenden Ungeduld, die beinahe sagte: „Tu doch nicht, als ob du was Besseres wärest!“ Aber er sagte nur: „Du hast wohl Angst, was? Bist du mein Freund oder bist du nicht mein Freund?“

„Ich bin nicht dein Freund und kann es auch gar nicht sein, denn ich weiß, daß du ein Schuft bist. Doch gehen wir, nur um dir zu zeigen, daß ich dich nicht fürchte! Puh, wie es hier stinkt! Nach Käse! Was für eine Schweinerei!“