In der Nähe von Havelberg, da wo die Havel in die Elbe läuft, stand das Lützowsche Freikorps in den Julitagen des Jahres 1813. In den Kantonierungen herrschte ein reges Leben und Treiben, und über die Muße des Waffenstillstandes suchte man sich, so gut es irgend gehen mochte, wegzuhelfen. Die nach der Affaire von Kitzen gedrückte Stimmung war allmählich gewichen, und zumal die Lücken wieder ergänzt waren, wuchs auch die Kampfesfreudigkeit und der Thatendrang.
An einem schwülen Nachmittage, just als im Westen ein Wetter aufzuziehen schien, kamen unsere vier Genossen bei den äußersten Kantonierungen an, und Schmidt und Zander schlugen die Herzen höher, als sie von weitem schon die ersten dunklen Uniformen sahen. Es war Infanterie, welche hier lagerte und deren Lagerwache sie anhielt, aber sogleich passieren ließ, als Schmidt berichtete, wer sie seien. So gingen sie mitten durch die im Sonnenschein sich tummelnden Leute. Eine kleine Gruppe derselben erweckte ihre besondere Aufmerksamkeit. Sie kamen näher an diese heran und sahen, wie ein kräftiger älterer Mann, die Pfeife im Munde, die Uniform mit den Oberjägerschnüren aufgeknöpft, damit beschäftigt war, einen Rehbock auszuweiden. Er kniete bei dem Wilde, und andere waren ihm behilflich oder sahen behaglich zu in angenehmer Erwartung des Schmauses, der hier winkte. Ein schöner Jagdhund stand zwischen den Männern, deren heiteres Plaudern man schon weithin hörte.
Über Konrad kam eine seltsam-freudige Erregung. »Flott!« rief er laut, und das schöne Tier wendete den Kopf und spähte nach der Richtung, woher der Ruf kam. Als dieser zum zweiten Male näher klang, machte der Hund einige Schritte vorwärts, dann aber kam er in langen Sätzen heran, lustig bellend, mit dem Schweife schlagend, und sprang hoch an Konrad hinan, der ihn freudig und freundlich liebkoste, aber nun rascher noch der Gruppe zuschritt.
»Holla, Kameraden, fällt da auch etwas für uns ab?« rief er, da er nahe kam, und bei diesem Worte ließ der Oberjäger sein Weidmesser fallen und sprang auf.
»Konrad!« – »Walther!«
Und wie Vater und Sohn hielten die beiden sich umschlungen, dann gab der wackere Förster Zander die Hand und begrüßte auch die beiden andern.
Bald waren die vier Ankömmlinge im Mittelpunkte des Interesses; man drängte sich um sie, sie mußten erzählen und sich manches erzählen lassen, und als erst das Wetter mit Blitz und Donner niederging, und man genötigt war, ein schützendes Dach zu suchen, da rückte man noch näher zusammen, ein frischer Trunk ging im Kreise, und Erich und der brave Kutscher Barthel fühlten sich binnen kurzem hier völlig heimisch. Da klang die allgemeine Begeisterung, in die man allgemach sich hineingeredet hatte, aus in Theodor Körners prächtigem Reiterliede:
Da stand mitten unter den Singenden die Gestalt des Majors von Lützow, ohne daß er sogleich beachtet wurde. Erst als er den regentriefenden Mantel abnahm und näher trat, brach das Singen ab und die Leute erhoben sich, er aber rief:
»Bleibt sitzen, Kinder, laßt euch nicht stören, und reicht auch mir einen Trunk und laßt mich ein wenig trocken werden!«
Jetzt traten Schmidt und Zander in militärischer Haltung vor ihn hin:
»Volontäroffizier Schmidt und Oberjäger Zander melden sich gehorsamst wieder zum Dienst!«
Lützow fuhr überrascht zurück:
»Heidenelement – ihr Schwerenöter, seid ihr endlich wieder da? – Na, brav gehalten habt ihr euch, und das Freikorps ist euch Dank schuldig, habt auch manchen braven Burschen geworben, aber am meisten freut mich's, daß ich euch selber wieder habe.«
»Wären aber beinahe nicht wieder gekommen, Herr Major!« sagte Zander.
»Donnerwetter – habt doch nicht desertieren wollen?«
»Behüte Gott, aber die Welschen wollten uns füsilieren und hätten's auch besorgt, wenn der da nicht war!«
Schmidt zog Erich herbei und stellte ihn vor; dann erzählte er, wie es ihnen ergangen. Lützow hatte sich mittlerweile mit an einen der Tische gesetzt, und als es Abend ward und er von Walther zu frischem Rehbraten eingeladen wurde, nahm er gern an, und der ganze Verkehr zeigte, wie sehr der Führer und sein Freikorps miteinander verwachsen waren.
Das Wetter war lange verrauscht, eine angenehme Kühle lag über Feld und Flur, da schritt der Major, von Schmidt, Zander und Erich begleitet, gegen Havelberg; Barthel war zurückgeblieben bei dem Förster, um in die Infanterie eingereiht zu werden. Noch am Abend aber suchten die Zurückgekehrten ihre eigentlichen Genossen auf, die sie mit großer Freude begrüßten; Friesen stellte ihnen auch eine Anzahl neue vor, darunter manchen, den sie selbst geworben, und in allen Herzen loderte dieselbe Begeisterung, die gleiche Kampfesfreudigkeit.
Als man schon auseinander gehen wollte, kam Bastian. Er sah, daß Konrad der Mittelpunkt war, um welchen alles sich drehte, und die alte Gehässigkeit schoß ihm ins Blut; auch schien er nach seiner Gewohnheit nicht ganz nüchtern zu sein.
»He, Hähnchen, haben dich die Welschen nicht gebraten? – Na, du verstehst ja, dich zu salvieren!«
So rief er, und der Ton war so hämisch und spöttisch bitter, daß Konrad seine gewohnte Ruhe vergaß, von seinem Sitze aufsprang, den andern an der Brust packte und erregt sagte:
»Was willst du damit behaupten? Ich verbitte mir alle gehässigen Anzüglichkeiten.«
»Oho, das Hähnchen will hacken – gieb acht, daß du nicht eins auf den Schnabel erhältst!«
Konrad versetzte dem andern einen Stoß vor die Brust, daß er taumelte, aber im nächsten Augenblicke hatte dieser seine Waffe blank gezogen und drang auf den Wehrlosen ein, ehe jedoch noch die andern zuspringen konnten, war schon Zander dem Erregten in den Arm gefallen und hatte mit raschem, kräftigem Griff ihm den Säbel entwunden.
Es herrschte allgemeine Aufregung, keiner war auf seinem Sitze, alle schrieen durcheinander, die beiden Gegner aber standen jetzt wie festgebannt. Zanders laute, zornig erregte Stimme klang durch den Lärm:
»Soll ich ihm die Waffe zerbrechen, nachdem er sie so unehrlich gezogen hat?«
Er stemmte bereits den Fuß gegen die Klinge, während Bastian todbleich und regungslos darauf hinstarrte, da sprang Konrad vor:
»Halt ein! – ich bin die Veranlassung gewesen zu der häßlichen Scene! Ich mußte Bastians Worte nehmen für das, was sie sein sollten – für Scherz! Gieb ihm die Waffe wieder, Zander!«
Schweigend, unmutig reichte sie dieser Bastian, der finsteren Blicks und schnell danach griff; Schmidt aber trat an diesen heran und sagte:
»Entschuldige, wenn ich heftig war – mir liegt wahrlich nicht daran, den Frieden und die gute Kameradschaft zu stören, noch weniger aber, den neuen Kameraden zu zeigen, daß wir hier nicht eins sind!«
Er reichte dem andern die Hand, der aber nahm sie nicht und schritt finster und wortlos hinaus. Konrad stand bleich vor Erregung, Zander aber, Friesen und andere traten auf ihn zu und faßten nach seinen Händen.
»Bist ein braver Kerl – ein goldiger Junge – ein famoses Haus!« klang es durcheinander, und Zander fügte bei:
»Laß dich's nicht grämen, Konrad! Wir wissen's alle: der Bursche, der da gegangen, ist eine Eiterbeule an unserem gesunden Leibe, die, sobald es gehen wird, weggeschnitten werden muß. Wär's ein anderer Kerl, so würd' ich sagen: Nimm ihn vor die Klinge, weil's gerade Waffenstillstand ist, und ich wollte das Gleiche thun, obgleich zwei Gegner viel zu viel für ihn sind, aber solch' Gelichter straft man mit stiller Verachtung. Schad' drum, und der Kerl hat einen so braven Vater. Prosit, Konrad!«
Alle drängten heran, um mit Schmidt anzustoßen, und von der Thür her rief eine gröhlende Stimme:
»Heiliger Fridolin! – Was feiert ihr denn da für ein Jubiläum – bin auch dabei!«
»Rittmeister Fischer – hurra!« schrie Zander, und während die andern vorschriftsmäßig grüßten, trotzdem der alte Offizier energisch abwinkte, sprang er schon auf ihn zu.
»Ach, mein verpfuschter Theologe – na Gott Lob, daß Ihr da seid!« sprach der Rittmeister jovial, indes er ihm die Hand drückte.
»Ja, 's wär doch schade um mich gewesen, wenn ich bei Kitzen hätte daran glauben sollen.«
»Redet mir nicht von der verfl… Affaire! Wenn ich dran denke, krieg' ich das Gliederreißen – – ah, da ist ja auch Schmidt … na, ich konnt' mir's denken – ihr seid doch wie – – na, wie die beiden ollen Griechen …«
»Philemon und Baucis,« rief einer.
»Das müssen wieder andere sein« – sagte Fischer gutmütig; »na, egal, weil ihr nur wieder da seid, denn los geht's doch wieder. Ich hab' heut so ein Vöglein pfeifen hören. Der Major hat eben jetzt eine Allerhöchste Kabinetsordre erhalten, daß wir an das 3. Armeekorps attachiert werden und unter dem Generallieutenant von Bülow stehen werden. Das ist ein ganzer Mann, Gott schütz' ihn! Und das Faullenzerleben hier bei Havelberg hört auf, wir marschieren gegen Nauen und gehen ins Mecklenburgische. Also, hübsch die Klingen gepflegt. Der Waffenstillstand geht bald zu Ende und dann hurra, mit Gott für König und Vaterland! So, jetzt hat euch der alte Fischer eine Rede gehalten, und jetzt gebt mir was zu trinken!«
Laute Hurrarufe durchbrausten den Raum und die Gläser klangen.
Schon in den nächsten Tagen steckten sie in der lieben schwarzen Uniform; auch Erich fühlte sich in derselben außerordentlich wohl und glücklich. Sie tummelten sich zu Roß unter den treuen Gefährten, die frisch darauflos exerzierten, als ob es jeden Tag wieder angehen müßte. Nur einer war darunter, dem man die Verdrossenheit und das Unbehagen anmerkte – Bastian. Seit jenem Abend wichen ihm die meisten seiner Kameraden aus, wo es möglich war, und er verkehrte nur mit einigen wenigen, die nicht viel anders geartet waren als er, und die der Umstand bei ihm hielt, daß er ihnen stets eine reich gefüllte und offene Hand zeigte und sie am Wirtshaustische freihielt.
In ihrem Kreise machte er auch kein Hehl aus seinem blinden Hasse gegen Schmidt und that Äußerungen, die Schlimmes fürchten ließen. Zander hatte durch Zufall davon gehört und seinem Freunde gesagt:
»Nimm dich in acht vor der Canaille, Konrad, daß sie dir nicht einmal heimtückisch und meuchlerisch kommt. Ich will mit aufpassen, und Gnade ihm Gott, wenn ich ihn bei Unrechtem erwische; ich zertrete ihn wie einen Wurm.«
Schmidt hatte den Aufgeregten beruhigt und war an demselben Nachmittag nach dem Lagerplatze der Infanterie gegangen, um seinen Freund Walther aufzusuchen. Er traf denselben, wie er eben sein Gewehr putzte. Es war im Freien, im Schatten einer Buche, und neben dem Alten beschäftigte sich in gleicher Weise ein junger Jäger, ein hübsches, frisches Blut mit einem weichen, beinahe mädchenhaften Gesicht.
»Kamerad August Renz,« stellte ihn der Alte vor, und Konrad reichte ihm die Hand. Da die beiden Freunde bald in ein wärmeres Gespräch gerieten, entfernte sich der junge Mann mit freundlichem Gruße, und der Förster sagte:
»Das ist ein prächtiger Mensch, Konrad, so ruhig und so brav. Er liebt nicht die Gesellschaft, aber wenn's gilt, steht er seinen Mann. An mich hat er sich besonders angeschlossen, und ich hab' ihn auch herzlich lieb gewonnen. O daß mein Junge so wäre!«
Ein tiefer Seufzer schwellte dem Alten die Brust und Flott kam heran und leckte ihm die Hand. Der Förster lehnte seine Büchse an den Baumstamm und sagte wieder:
»Komm, laß uns sitzen! Hier ist's ruhig – und ich sehne mich nicht nach Gesellschaft, zumal seit ich weiß, daß mein Junge nicht da steht, wo er sein müßte, und ich hier so viele herrliche Menschen um mich sehe.«
»Hast du denn irgend eine Nachricht von ihm?«
»Ja – aber nichts schönes. Da ist aus der Altmark ein Bursche bei den Husaren, ein Bauernsohn. Ich weiß nicht, wie ich ins Gespräch mit ihm gekommen … genug, er hat mir erzählt, daß ein Jakob Walther als Knecht im Hause seines Vaters gewesen und von ihm davongejagt worden sei. Aus Rache habe er einen verruchten Baumfrevel verübt, wobei ein Lützower Reiter ihn festgenommen habe. Aus dem Keller, in welchen man ihn eingesperrt hatte, war er entwischt – wohin? wer weiß es!«
Konrad fühlte, wie das Blut aus seinen Wangen wich, und er rang mit Mühe nach Fassung: Der verlotterte Bursche, der erbärmlich schuftige Verräter, der jetzt noch dazu die Uniform des Königs Jerôme trug, sollte der Sohn dieses grundbraven, herrlichen Alten sein – es war kaum glaublich! Er wagte nicht zu sagen, daß er selbst jener Lützower war, den der junge Bauer erwähnt hatte, und suchte den wackern Förster zu beruhigen mit dem Hinweis, daß ja eine Täuschung vorliegen könne, daß die Namensgleichheit noch nichts beweise, aber mit gesenktem Haupte sprach der Alte:
»Der ganzen Beschreibung nach ist er's – und er kann's wohl sein!«
Dann raffte er sich auf, schüttelte sich, als ob er eine Last von sich werfen wolle, streichelte den Kopf seines Hundes, der sich neben ihn gelagert hatte, und sagte:
»Ich hab' ja dich, Konrad, und manchen braven Jungen – Gott erhalt' euch!«
Dann begann er von anderem zu reden, von der verunglückten Expedition gegen Leipzig und von dem Leben im Feldlager.
Wie die zwei so beisammen saßen, kam ein Husar den Feldweg her; sie achteten wenig auf ihn, bis er nahe war und nun grüßte. Da erkannte ihn Konrad Schmidt – das war der Bauernbursche aus der Altmark, Friedel. Dieser stutzte einen Augenblick, dann kam er voll freudiger Erregung ganz heran:
»Sind Sie's, Herr Lieutenant? – Ach Gott, wie oft ich schon nach Ihnen gefragt habe … und mein Vater läßt auch grüßen!«
Konrad war aufgestanden und hatte ihn unterbrechen wollen, aber nun war das verräterische Wort heraus, und Walther, der sich gleichfalls erhoben hatte, stand bleich und tief atmend da.
»Der ist's wohl, der damals den Burschen – den – den Jakob faßte?« stammelte er.
»Jawohl, Herr Oberjäger …«
»Walther!« rief Konrad, dann umschlang er mit beiden Armen den alten Mann, während Friedel verdutzt dabeistand und nicht recht wußte, wie er sich verhalten sollte. Der Förster schluchzte, und wie er jetzt sein Gesicht hob, rannen ihm die hellen Thränen in den Bart.
»Du hast's thun müssen? – Und doch, es war brav von dir, ich hätt's auch gethan!«
»Ruhe, Ruhe, alter Freund!« tröstete Konrad, zu Friedel aber sprach er: »Der Oberjäger ist nicht wohl – laß uns jetzt – ich suche dich demnächst auf!«
Der Bursche salutierte und ging dann kopfschüttelnd weiter, die zwei andern aber hielten sich noch eine Weile schweigend umschlungen. Dann riß sich Walther los:
»Sieh – das ist mir altem Bären nicht passiert, seit ich ein Junge war – 's ist aber auch unendlich bitter. Aber nun ist's mir, als hätt' ich an seinem Grabe gestanden und mein letztes Restchen Liebe ihm nachgeweint. Wenn er mir vor Augen kommt in diesem Leben – ich kenne ihn nicht! So – aus ist's – nun bin ich fertig!«
Mit einer heftigen Gebärde fuhr er sich über die nassen Augen, nahm dann seine Büchse, warf sie nach Jägerart über die Schulter und sprach:
»Komm, laß uns ein wenig gehen – damit ich mir die dumme Weichmütigkeit verlaufe – hinüber dort nach dem Walde! 's ist zwar kein rechter Wald wie daheim bei mir, aber es sind doch Bäume! Nach meinem Walde sehn' ich mich manchmal, Konrad, und einmal möcht' ich ihn auch noch wiedersehen. Am liebsten wär' ich darin begraben, wenn mich nicht eine Franzosenkugel mitnimmt! Komm!«
Sie gingen langsam durch den sinkenden Nachmittag und lustig sprang der Hund hinterdrein. Die Kühle des Waldes, das leise Rauschen in demselben that dem alten Förster wohl. Ein Rehbock brach an ihnen vorbei, er lachte hinter ihm drein: »Bist heute sicher, Braunrock – wir sind noch versehen!« – Er rief auch den Hund, dem die Jagdlust aus den braunen Augen leuchtete, und der nur widerstrebend ruhig hinter den beiden herschritt.
Ein wunderbarer Friede kam in die Seele des alten Mannes; er träumte sich hinein, als ginge er durch sein Revier und hätte seinen eigenen Jungen bei sich, und erst als es anfing, dämmerig zu werden, suchten sie den Rückweg. Sie hatten schon beinahe die Grenze des Waldes erreicht, als ein Schuß krachte und eine Kugel hart an beiden Gesichtern vorüber fuhr, so daß sie das Pfeifen derselben hören konnten. Im nächsten Augenblicke rauschte es seitwärts in dem von Abendgrauen umhüllten Buschwerk, und auch der Förster hatte sein Gewehr an die Wange gerissen. Aber schon war der Hund vorgesprungen in wilden, zornigen Sätzen, laut bellend, und nach wenigen Augenblicken folgte ein Aufschrei. Die beiden Männer eilten heran und sahen, wie Flott auf einem mit dem Gesicht zur Erde gestürzten Manne stand und ihm die Zähne in den Nacken schlug. Der Mann aber trug die Uniform der freiwilligen Jäger.
Walther rief den Hund zurück, und nun hob sich ein bleiches, verzerrtes Gesicht aus dem Farnkraut – das Bastians. Konrad Schmidt war tieferschüttert, der Förster empört und erregt.
»Sie sind's?« fragte er grollend und voll zorniger Verachtung. »So weit sind Sie gesunken? Zum Meuchelmord an einem Kameraden? Mit dem Gewehrkolben wie einen tollen Hund müßt' ich Sie niederschlagen – –«
»Ruhig, Freund!« sagte Konrad, der sich mit größter Mühe bezwang. »Bastian hat jagen wollen und aus Versehen geschossen. Dessen ist er nicht fähig, was du aussprichst!«
»Jagen, wo nichts zu jagen ist? – Ich alter Waidmann hätt' wohl auch das Wild gespürt, und Flott wäre der elendeste Köter und wert erschossen zu werden, wenn er's nicht gewittert hätte – nein, die Giftkröte hat das Verderben nach dir spritzen wollen. Sieh ihn an, den Jammerkerl – dem ist's eine Wohlthat, wenn seine Schande nicht erst an die große Glocke und vor's Kriegsgericht kommt.«
»Das soll's auch nicht, Walther! – Bastian, sprich: Es war so, wie ich sage: Du hast geschossen in übereilter Jägerhitze …«
Der Mensch stand bleich da, und sein Verbrechen stand in seinen Zügen; er stotterte hervor:
»Gewiß – ja, so ist's!«
»Dann ist die Geschichte abgethan! – Walther, du versprichst mir, davon zu schweigen!«
»Herrgott in deinem Reich! Was bist du für ein guter Junge, Konrad. Gut, ich will's für mich behalten bis auf weiteres, aber ein Auge will ich haben auf ihn, und dir rat' ich's auch. – Geh, Schuft, und sieh dich nicht mehr um – es könnt' mich doch gelüsten, dir eine Kugel nachzuschicken. Dein Gewehr laß hier – denn einem Meuchelmörder trau' ich nicht – morgen soll's einer von den Unsrigen dir wiederbringen.«
Wie ein gepeitschter Hund schlich Bastian davon durch die Büsche, und heftig spuckte der Förster aus.
»Pfui – und so ein verlumpter Gesell darf noch den Rock des Vaterlandes tragen? Mir wendet sich die Seele um vor Gift und Galle, und das ganze bischen Frieden, das mir der Wald ins Herz gebracht hat, ist wieder heraus. O wenn's doch bald mit dem Waffenstillstand aus wär' – daß man auf andere Gedanken käme! – Konrad, du bist ein … nein, du bist zu gut für all' das Lumpenpack auf der Welt, und gerade du mußt mit allen zusammentreffen, wie's scheint!«
Der Alte war in fürchterlicher Laune, und Konrad bemühte sich vergebens, dieselbe zu verbessern. Freilich war auch ihm das Herz schwer. Da kannte er nun zwei brave, tüchtige deutsche Väter, und von beiden die bis ins Mark verlotterten Söhne. Woher nur kam es, daß der Apfel so weit vom Stamme fiel?
Zuletzt waren beide schweigsam geworden und schritten in Gedanken nebeneinander hin, bis sie an die Kantonierungen kamen. Da wurden sie mit dem Rufe empfangen: »Morgen marschieren wir aus!« und überall zeigte sich ein so munteres, frisches Treiben, überall Zurüstungen, als ob es morgen schon zum Kampfe gehen sollte, daß es auch den beiden Freunden wieder freier ums Herz und wohler ward.
Es war in der That der Befehl gekommen, daß das Freikorps sofort nach Schwerin zu marschieren und dort und in der Umgebung Kantonnements zu beziehen habe. Dort sollte es weitere Befehle des Generals von Vegesack erwarten, der eine Division des Armeekorps des Generals von Wallmoden befehligte.
Am nächsten Morgen klangen die Hörner, die Trommeln rasselten, Marschlieder erschollen, und frohgemut rückten die Schwarzen aus ihren bisherigen Kantonierungen und zogen über Kyritz, Pritzwalk und Neustadt gegen Schwerin, wo sie am 9. August eintrafen. Kurz vorher aber war ein Reiter bei den freiwilligen Jägern eingeritten, dessen Ankunft allgemeine Freude und Begeisterung hervorrief – Theodor Körner. An einem Mittag war er da gewesen, frisch und kräftig, und alle hatten sich um ihn gedrängt. Er aber rief immer wieder: »Kameraden – aus ist's mit dem Waffenstillstand! Krieg wird's wieder, und Österreich geht mit uns! Noch in diesen Tagen werdet ihr die Feuerzeichen von den Bergen leuchten sehen! Hurra!«
»Hurra, hurra!« brauste es, wohin er kam, und er konnte nicht genug der Hände drücken. Lützow war hocherfreut, da er seinen Adjutanten wieder hatte, und noch begeisterter, gleichwie eine Ovation für den Dichter, erklangen jetzt seine herrlichen Lieder sowohl des Tags über beim Marschieren, als am Abende um die Wachtfeuer.
Körner aber hatte besonders herzlich Schmidt begrüßt, und in Neustadt hatte der Kreis der Besten wieder einmal beisammen gesessen und der junge Dichter hatte berichtet, wie er in geschickter Verkleidung aus Leipzig und aus dem gastlichen Hause Wendlers entkommen und glücklich nach Karlsbad gekommen war. Die Heilquellen Böhmens hatten das Ihrige gethan, aber die Sehnsucht nach seiner lieben »wilden Jagd« hatte ihn dabei beinahe verzehrt. Nun brachte er heile Knochen wieder und frisches Blut, das er, wie vordem, bereit war für das Vaterland zu opfern.
Und die Feuerzeichen stiegen auf von den Bergen, zuerst von jenen an der böhmischen Grenze, dann loderten sie empor überall in Deutschland, und alle patriotischen Herzen schlugen höher, und alle wußten, was das zu bedeuten habe: Krieg, Krieg bis zum Äußersten und Letzten für die heiligsten Güter des deutschen Volkes. Im Lager der Lützower war ein Freuen, ein Umarmen und Händedrücken, und der Major, der an den Fronten seiner Leute hingeritten war und dem überall die Begeisterung in stürmischen Zurufen entgegenbrauste, rief mit aufleuchtenden Blicken, immer wieder im Sattel sich hebend: »Kinder – diesmal gilt's! Siegen oder sterben fürs Vaterland!«
»Siegen oder sterben!« riefen sie alle, und als erst einige die letzte Strophe von Körners Reiterlied angestimmt hatten, da brauste es von tausend Stimmen:
Am 16. August um Mitternacht ging der Waffenstillstand zu Ende. Zu dieser Zeit standen zwei Bataillone Lützower Fußvolk bereits in Lauenburg, mit ihnen ein Häuflein Reiter, Lützower und Kosaken. Unter der Infanterie befand sich Walther, bei den Reitern Konrad Schmidt, Zander und Bastian. Die kleine Schar hatte Befehl, gegen die vordringenden Truppen des französischen Generals Davoust Lauenburg so lange zu halten, als es die Klugheit erlaube, dann das Flüßchen Stecknitz zu passieren und sich auf Gresse zurückzuziehen.
Lauenburg liegt an der Straße, die von Hamburg ins Mecklenburgische führt, und baut sich in freundlichen Terrassen auf in dem Winkel zwischen dem rechten Ufer der Elbe und zwischen der Stecknitz. Schon während des Waffenstillstandes waren westwärts von der Stadt zwei Redouten errichtet worden, die eine an der Elbe, und zwischen ihnen lief die Landstraße. Sie waren beide schwach und unvollendet. Über sie hinaus senkt sich das Terrain, das von Gräben und Hecken durchzogen ist, bis es allmählich wieder zu mäßigen, von Wald bekränzten Höhen emporsteigt. Aus dem Walde aber mußten die Franzosen kommen, wenn sie sich Lauenburgs bemächtigen wollten.
Auf der Straße gegen Hamburg waren 50 Mann Infanterie vorgeschoben. Die lagerten Artlenburg gegenüber und hatten einige bespannte Wagen bei sich, um sich im Notfalle rascher zurückziehen zu können. Noch weiter vorgeschoben auf der Straße war eine kleine Reiterabteilung, meist Kosaken, dazwischen einige Lützower unter Führung Schmidts.
Es war um Mittag des 17. August. Der Tag war wenig freundlich, und auf den Gemütern der Soldaten lag eine bange, erwartungsvolle Schwüle. Man wußte, daß die Franzosen sofort nach Ende des Waffenstillstands die Feindseligkeiten wieder aufnehmen und von Hamburg her anrücken würden. Man hatte bei Zeiten abgekocht und die Reiter standen bei ihren Pferden, schweigend und erwartungsvoll. Jetzt kamen zwei Kosaken, die als Posten aufgestellt waren, herangejagt. Durch Zeichen gaben sie schon von weitem zu verstehen, daß Truppen hinter ihnen herzogen. Im nächsten Augenblicke folgte ein Kommando, und die Reiter saßen in den Sätteln und zogen sich in ein kleines Gehölz an der Straße, während einer weiter jagte, um das Infanteriepiket zu verständigen.
Die Vorhut eines französischen Regiments erschien. Man sah sie deutlich, jeden einzelnen Mann, da auf der feuchten Straße kein Staub von ihren Tritten aufwirbelte.
»Wir halten sie auf, um der Infanterie Zeit zu schaffen,« sagte Konrad zu Zander. Gleich darauf rückte die kleine Schar dichter aneinander, alle Säbel waren gezückt, alle Herzen pochten. Die Franzosen kamen näher, und nun brach es über sie herein wie Gottes Wetter. Aber sie waren nicht unvorsichtig und unvorbereitet. Im Laufschritt rückten schon die nächsten nach, starrende Bajonette streckten sich den Reitern entgegen, Schüsse krachten und zornige Rufe erklangen. Aber die ersten Reihen der Vorhut wurden doch zersprengt und eine kleine Verwirrung unter die Nachrückenden gebracht, die auf der Straße sich nicht frei entfalten konnten, und ehe die Ordnung wieder hergestellt war, stoben die Reiter bereits windschnell davon, verfolgt von den nachsausenden Kugeln.
Da auch die Infanterieabteilung sich mittels ihrer Wagen eilig zurückgezogen hatte, besetzten die Franzosen den Wald und warfen auch die Tirailleurkette zurück, welche den trockenen Abzuggraben, der durch das Gelände lief, innegehabt hatte. Aber schon rückten die Schwarzen aufs neue vor. Sie schossen nicht, sondern im Sturmlauf kamen sie heran an den Graben mit zornigem, jauchzendem Hurra! und ob ihnen auch die Schüsse der Franzosen entgegenknatterten und mancher Brave getroffen zusammenbrach, sie griffen mit blanker Waffe, mit dem Kolben des Gewehres die Feinde an und jagten sie heraus aus dem Rinnsal. Sie flüchteten die Höhen hinan und nahmen dort Stellung, aber der Mut der Lützower wagte sich auch an diese Position.
»Wollen wir denn müßig zusehen, wie unsere brave Infanterie streitet?« rief Zander, und schon im nächsten Augenblicke kommandierte Schmidt: »Abgesessen! Vorwärts zur Attacke!«
Das kleine Häuflein Lützower Reiter kam sofort dem Befehl nach, nur die Kosaken blieben zu Rosse, und flüchtigen Fußes jagten sie über das Wiesengelände hin durch den Graben. Da sah Zander, wie hart neben ihm Bastian niedersank. Eine Kugel konnte den Burschen nicht getroffen haben, denn man war noch nicht so nahe an die Feinde heran, darum kehrte er sich um zu dem Gefallenen:
»Was ist dir?«
»Ich bin verwundet! Laßt mich liegen!« stöhnte dieser, Zander aber riß ihn empor.
»Wo ist die Wunde?« schrie er – und da der andere in seiner Verlegenheit keine Antwort gab und sich nur dem Griffe Zanders zu entwinden suchte, rief dieser:
»Verlogener Bube! Feiger Schuft! Wer ists, der sich salvieren will? – Vorwärts mit dir, oder ich trete dich mit den Füßen zusammen, Niedertracht! Vorwärts mit dir, und wenn du nicht deine Schuldigkeit thust, schieße ich selber dir die Kugel durch den Kopf!«
Er riß den schlotternden Gesellen mit sich fort in rasendem Laufe und erreichte rasch die Gefährten.
»Thu deine Schuldigkeit, wenn ich schweigen soll!« raunte er Bastian zu, dann knatterten die Schüsse und die Eisen klirrten im wütenden Handgemenge zusammen. Der Anprall der Lützower war so heftig, daß die Franzosen geworfen wurden, aber am Rande des Waldes entwickelten dieselben eine sehr bedeutende Streitmacht – 5 Bataillone und 5 Eskadronen – und auf der Straße fuhren Geschütze auf, die es unmöglich erscheinen ließen, die Höhen zu halten. So gingen die Lützower zurück, um neuerdings den Abzugsgraben zu besetzen. Aber auf der Höhe, der linken Redoute gegenüber, fuhren jetzt zwei Kanonen und zwei Haubitzen auf, und während aufs neue um den Graben gestritten wurde, griffen auch zwei eiserne Kanonen der Lützower in den Kampf ein.
Das Gefecht wogte den ganzen Nachmittag, und als die Dämmerung einsank, war es noch nicht entschieden. Aber die Schwarzen hatten den umstrittenen Abzugsgraben behauptet.
Am Abend saßen sie um die Wachtfeuer, still, aber nicht mutlos. Draußen am Graben standen die Vorposten, hier aber zählte man die Toten und Verwundeten; man hatte deren mehr als 40. Man hörte durch die Nacht das Wiehern von Pferden und sah den Schein der feindlichen Biwakfeuer. Schlaf kam auf wenige Augen, da man eines Überfalls gewärtig sein mußte. Die Lützower Reiter saßen beisammen, auch sie hatten ihre Verluste, aber das Gespräch war ruhig und mutig. Bastian lag in seinen Mantel gehüllt da – er schlief oder schien zu schlafen.
»Er thut doch seine Schuldigkeit!« sagte Konrad zu Zander, »und ist im Kern besser als er scheint!«
Der Angeredete spuckte seitwärts in die Glut des Feuers, daß es aufzischte, und antwortete nicht; erst nach einer Weile sprach er:
»Wenn ich seinem Vater nicht zu Dank verpflichtet wäre und der Mann mir nicht leid thäte – –«
Bastian regte sich im Schlafe, und Zander brach ab.
Die Nacht war still, dunkel und kühl; ab und zu rieselte gegen Morgen ein dünner, nebelartiger Regen nieder. Da knatterten Schüsse. Die Vorposten waren angegriffen und geworfen worden, und nun begann der Streit um den Graben aufs neue. Wiederum dröhnten die tiefen Stimmen der Geschütze, denn auch die dritte eiserne Kanone war in die linke Redoute gebracht worden, und der Feuerwerker Gärtner übernahm die umsichtige und wirksame Bedienung. Abermals drangen die Lützower vor, warfen den Feind aus dem Graben, und trotz des Geschützfeuers ging es stürmend die Höhen hinan. Zander hatte Bastian am Morgen wieder beiseite genommen und ihn im Namen seines Vaters beschworen, sich und dem Korps keine Schande zu machen; stumm, mit verbissenem Groll hatte dieser ihn angehört, dann war er, bleich wie ein Toter, von Zander mit fortgerissen worden. Im Vorwärtsstürmen traf Schmidt auf den Förster; der Alte rief ihm zu: »So gefällt mir's! Vorwärts mit Gott!« Dann trabte er weiter und mitten im Gewühle jagte auch der Hund einher, bellend, als habe er die Pflicht, die Säumigen anzufeuern.
Es war ein hartnäckiges Handgemenge auf der flachen Höhe, die ganze Mannschaft der Lützower stand im Kampfe, und wie auch die Franzosen sich wehren mochten, sie wurden endlich doch geworfen, nachdem sie ihre Geschütze noch auf eine weiter rückwärts liegende Höhe gerettet hatten. Aber auch dahin stürmte ein Teil der Lützower nach, voran der Hund, der die Gegner wütend niederriß, ob er selbst auch blutete, hinterdrein Walther mit dem wackern Oberjäger Stargardt, mit Schmidt und Zander und August Renz. Bastian war nicht unter ihnen. Zander hatte ihn im Gewühl verloren. Ein leichter Streifschuß an der Stirn, nicht mehr als ein Hautritz, ließ ihn niedersinken und dann zurückkriechen, bis er die Redoute erreichte. Mit verbundenem Kopfe blieb er hier liegen, während es oben auf der Höhe heiß und blutig herging. Schwer getroffen sank Stargardt nieder, und Walther und Schmidt übernahmen die Führung der kleinen mutigen Schar, in welcher jeder ein Held war. Aber sie standen gegen die gewaltige Übermacht, und ihr Bemühen, diese zurückzudrängen, war umsonst. Da fühlte Schmidt plötzlich, wie es vor seinen Augen dunkelte und wie die Kräfte ihn verließen.
»Ich falle!« rief er, und der Förster, der das Wort hörte, wendete sich ihm zu. Er sah ihn wanken, und im Augenblicke hatte er auch schon den Arm um ihn geschlungen, um ihn zu stützen, und dabei fühlte seine Hand etwas Feuchtes. Das war Blut, das den linken Ärmel bedeckte, welcher ausgerissen war wie von einem Säbelschnitt. Da galt es kein Überlegen. Der Kampf war nicht zu halten; Walther befahl das Signal zum Rückzug zu geben, und während er selbst den Verwundeten schleppte, drängten sich die andern Genossen um die beiden, wie um sie besonders zu schützen, und so kamen sie wieder zurück bis an den Abzuggraben, den die Lützower besetzt hielten. Der letzte war der Hund, welcher verwundet, aber mit hochgetragenem Kopfe herankam. Das Geschützfeuer der Feinde verstummte; sie nahmen auch nicht mehr den vorliegenden flachen Höhenzug ein, und um die Mittagszeit war eine Unterbrechung des Kampfes eingetreten. Freilich an einen Rückzug der Franzosen war nicht zu denken, man konnte sie höchstens im Vormarsch gegen Berlin um einige Tage aufhalten.
In der Redoute lag noch immer Bastian mit verbundenem Kopfe, als man Konrad brachte und neben ihn niederlegte. Unter den Bemühungen Walthers und Zanders schlug dieser jetzt die Augen auf und schaute verwundert umher. »Was ist's denn mit mir?« fragte er.
»Du hast eins abbekommen, armer Junge!« sagte Zander.
»Ach Thorheit! Das ist ja nicht möglich!«
»Na, das ist doch Blut, und ein ganz tüchtiger Aderlaß!« erwiderte Zander.
»Aber mir ist schon wieder wohl – und ich schäme mich wahrhaftig, daß ich schwach geworden. Bindet mir irgend einen Lappen um den Arm – seht ihr, wie ich ihn heben kann, da ist nichts zerschmettert und zerbrochen …«
Er machte eine Bewegung, aber sein Gesicht wurde doch wieder fahl und vom Ärmel tropfte das Blut, so daß Walther sagte:
»Jetzt hältst du Ruhe, Konrad! Und wenn's auch wohl nichts gefährliches ist, so hast du doch viel Blut verloren, brauchst einen richtigen Verband und ein paar Stunden volle Rast. Wir bringen dich nach Lauenburg hinein zu einem Chirurgus, und du ruhst dich bis morgen wenigstens aus. – Rede nicht erst, so ist's am besten!«
Schmidt fühlte doch wohl seine Schwäche und fügte sich. Während ihm aber Walther einen Notverband anlegte, wobei es sich zeigte, daß es sich doch wohl nur um eine Fleischwunde von einem Säbelhieb handelte, wandte sich einer der andern Lützower Reiter zu Bastian:
»Was ist denn dir passiert, Kamerad? – Eine kleine Trepanation des Schädels? – Siehst mir nicht aus, als wenn du viel von dem «ganz besondern Saft» verloren hättest. Zeig' mal her!«
Er riß dem Überraschten die Binde ab, welche um seine Stirne lag, und rief lachend:
»Was, und wegen des kleinen Ritzes kriechst du hinter die Verschanzung? Ist kein altes Weib da, das den hier mit einem Sympathiespruche kuriert? – Pfui Teufel … und das nennt sich einen von Lützow's wilder, verwegener Jagd?«
Spott und Verachtung stand auf allen Gesichtern, und keiner kümmerte sich mehr um Bastian, der mit verbissenem Ingrimm, mit Scham und Zorn zugleich in einem Winkel lag, während Konrad in Begleitung Zanders sich gegen Lauenburg aufmachte, und Walther seinen braven Hund verband.
Die Kämpfe um den Graben nahmen nachmittags wieder ihren Anfang, aber es gelang den Franzosen nicht, die wackeren Lützower zum Weichen zu bringen, und selbst ein noch am Abend von ihnen unternommener heftiger Bajonettangriff hatte keinen Erfolg.
Wieder senkte die Nacht ihren Mantel über das Kampfgefilde, eine dunkle, unfreundliche Regennacht, die mitunter selbst die Biwakfeuer verlöschte. Die Leute waren müde und mancher sank in tiefen Schlaf, aus dem er nur mühsam aufgeweckt werden konnte. Aber es war keine Spur von Mutlosigkeit in den Herzen. Zander lag neben Walther, zwischen beiden der Hund, den ein Streifschuß nicht bedeutend verletzt hatte, der aber doch ab und zu im Schlafe stöhnte, und Zander erzählte, wie er Konrad gleich bei einem Arzte untergebracht habe und wie dessen Wunde durchaus nicht bedenklich sei. Er berichtete aber auch weiter, daß der Major von Lützow und der General von Tettenborn wohl von Boitzenburg her eingeritten seien, daß der erstere ihn an sein Pferd herangewinkt und den Bericht wegen Schmidt sehr teilnahmsvoll entgegengenommen habe.
Während sie noch plauderten, kam an Walther der Befehl, mit 20 Mann aufzubrechen und eine rechts von der Landstraße in ziemlicher Entfernung postierte Abteilung abzulösen.
Unverzüglich brach der Wackere auf, verabschiedete sich mit warmem Händedruck von Zander, dem er auch den Hund zurücklassen wollte, aber dieser hatte sich schon erhoben und schritt hinter seinem Herrn drein in die Nacht.
Und immer noch rann der Regen, und man hörte sein Rieseln durch die fast unheimliche Stille. Da meldeten die Vorposten das Heranrücken des Feindes, und der Kommandant der ganzen Abteilung, Premierlieutenant von Heyde, ging sogleich mit einer Kompagnie des 1. Bataillons vor, um den an dem Graben gelagerten Tirailleuren zu Hilfe zu kommen. Daß er einer beträchtlichen Übermacht gegenüber stand, konnte ihm nicht zweifelhaft sein, doch suchte er die Franzosen wenigstens so lange aufzuhalten, bis der mittlerweile eingetroffene Befehl zum Rückzug über die sogenannte Palmschleuse oder bei Lanz von den andern Abteilungen ausgeführt wäre. So entbrannte hier aufs neue ein nächtlicher Kampf, der mit um so größerer Erbitterung geführt wurde, als infolge der Nässe die meisten Gewehre versagten und nur mit der blanken Waffe und dem Kolben gearbeitet wurde.
Indes stand weit vorgeschoben seitwärts der Straße Walther mit seinem kleinen Pikett. Durch das nächtliche Dunkel war nichts zu erkennen, aber das Ohr vernahm doch den Marschschritt, das Klirren von Waffen und endlich auch Schüsse. Dem Förster war es klar, daß ein neuer Angriff der Franzosen stattfand, daß es aber nicht möglich sein werde, länger demselben standzuhalten. Er hatte seine Posten vorsichtig ausgestellt, und schweigend harrte das kleine Häuflein dessen, was nun kommen werde. Das dumpfe Knattern der Schüsse in der Nacht hatte etwas Unheimliches, das schien selbst der Hund zu empfinden, der leise winselte. Da kam ein Reiter heran – es war eine Ordonnanz, die den Befehl brachte, sich bei der Palmschleuse über die Stecknitz zurückzuziehen, und die sogleich weiter jagte, um die Ordre auch andern Abteilungen zu überbringen.
Eben wollte das Pikett abmarschieren, als noch ein zweiter Reiter kam; es war Bastian. Er trug noch immer die Binde um die Stirne, aber man schien seiner Verwundung wenig genug zu achten und gebrauchte ihn als Ordonnanz.
»Befehl des Herrn Lieutenants von Heyde, die Stellung hier auf das Äußerste zu behaupten, bis zur Gegenordre!« sagte er, und Walther sah ihn einigermaßen verdutzt an, auch die andern Soldaten standen erregt in Marschordnung.
»Herr Bastian – ist das kein Irrtum?« rief Walther, und jener erwiderte: »So war mein Auftrag!«
»Nun denn, Kameraden – so bleibt nichts übrig, als ehrlich auszuhalten!«
In diesem Augenblicke machte das Pferd Bastians eine kurze heftige Bewegung, und der Reiter rutschte dabei aus dem Sattel.
»Was ist Ihnen?« fragte der Förster besorgt, aber einer der Leute, welcher hinzugesprungen war, sagte beinahe verächtlich: »Er ist betrunken!«
So war es auch, und dem Eindruck konnte sich auch Walther jetzt nicht verschließen; zugleich war es ihm klar, daß von den beiden Ordonnanzen Bastian zuerst abgeschickt worden war, aber infolge seines Zustands sich verspätet hatte, so daß der zuerst erhaltene Befehl zum Rückzuge zweifellos der richtige war. Er sprach das auch dem Elenden gegenüber aus, dem man wieder in den Sattel half und der in seinem unwürdigen Zustande sich gar nicht bemühte, zu leugnen. Er ritt, so eilig er konnte, von dannen, die kleine Abteilung aber marschierte jetzt im Geschwindschritt, um, während die braven Genossen von der 2. Kompagnie sich noch mit dem Feinde schlugen, die Palmschleuse zu erreichen, was ihnen auch glücklich gelang. Von allen Seiten kamen die auf dem Rückzug befindlichen Lützower, um den Übergang über die Stecknitz zu gewinnen, und nachdem auch die letzte Kompagnie über die Brücke sich zurückgezogen hatte, wurde dieselbe in Brand gesteckt.
Nun rückten die Franzosen in Lauenburg ein, eben als der Augustmorgen erwachte. Konrad Schmidt hatte davon keine Ahnung. Er lag im Obergeschoß eines Hauses, das einem Arzte gehörte, einem alten braven Junggesellen, der sich seiner warm und herzlich angenommen hatte, und schlief, da der Blutverlust ihn doch geschwächt und sich zudem ein leichtes Fieber am Abend eingestellt hatte.
Da kam sein freundlicher Wirt in das Gemach. Er sah einige Augenblicke besorgt den Schlafenden an und wollte sich eben wieder entfernen, als von der Straße herauf Trommelwirbel und Marschschritt klang. Konrad wachte auf, sah einen Augenblick starr und verdutzt umher, und indem er sich aufrichtete, fragte er den Arzt: »Was bedeutet das?«
»Die Franzosen rücken in Lauenburg ein,« sagte dieser. Da sprang Schmidt mit einem raschen Satze aus dem Bette und griff nach seinen Kleidern.
»Bleiben Sie ruhig liegen, es ist das Beste – Ihre Uniform verstecken wir – ein Entkommen ist auch unmöglich,« – mahnte eindringlich der brave Mann und suchte ihn auf das Lager zurückzudrängen, aber Konrad stieß ihn in seiner Erregung zurück:
»Wie, ich sollte nicht wenigstens versuchen, zu meinen braven Kameraden zu kommen? Soll ich mir nachsagen lassen, daß ich ein Feigling bin und mich wegen des kleinen Hautritzes da versteckt habe, wie ein altes Weib? – Nein – nein!«
Und hastiger noch warf er sich in die Kleider, indes er einen Blick durch das Fenster that. Unten zog eben eine Kolonne französischer Infanterie vorbei. Die Leute sahen abgemüdet aus und kümmerten sich nicht um die Neugierigen, die überall an Fenstern und Thüren sich zeigten. Da beschloß er mit kaltblütiger Kühnheit, sich ihnen anzuschließen. Er drückte den Tschako auf den Kopf, nahm den blanken Säbel unter den Arm, reichte seinem entsetzten Wirte, der noch einmal nach dem Verbande gefühlt hatte, mit einem herzlichen Dankesworte die Hand, und eilte die Treppe hinab. Der erschrockene Arzt sprang an das Fenster und blickte hinaus. Er sah Schmidt zur Thüre heraustreten und wie er kaltblütig jetzt neben den Franzosen hermarschierte, als ob er dazu gehöre. Ihm schlug das Herz vor Angst und Erregung, und unwillkürlich hatte er seine Hände gefaltet wie zu einem stillen Gebet.
Konrad pochte freilich das Herz nicht minder, und ihm erschien es beinahe wunderbar, daß die französischen Soldaten sich um ihn nicht kümmerten. Er mochte so hundert Schritte hart neben ihnen einhermarschiert sein, als eine enge, stille Seitengasse abbog. Mit schnellem Entschlusse trat er beim Vorüberkommen in dieselbe ein, die Leute, die auch hier sich angesammelt hatten, machten ihm Platz, ohne wohl im Augenblicke auch sich darüber klar zu sein, daß dies kein Franzose, sondern ein Lützower sei, hinter ihm schloß sich wieder ihre Reihe, und unaufgehalten ging er nun weiter. Das ganze Städtchen war mit Ausnahme der Straße, durch welche die Truppen marschierten, wie ausgestorben, und so kam er bis an das Thor, das gegen Boitzenburg hinführte.
Da stand ein französischer Posten – die Feinde waren also durchaus vorsichtig – aber nur eine Sekunde schwankte Konrad, ob er umkehren solle. Er faßte nach dem Griff seines Säbels, den er unter dem Arme trug, und schritt ruhig weiter. Der Franzose sah ihn kommen und war zunächst, als er die preußische Uniform erkannte, ganz verblüfft, so daß Konrad völlig an ihn herankam.
Nun klang ihm erst das »Qui vive!« des Postens entgegen, aber im nächsten Augenblicke hatte er denselben, der wohl einen Angriff nicht erwartet haben mochte, niedergeschlagen und eilte nun, so schnell es seine Kräfte erlaubten, zum Thore hinaus. Ihm war's, als höre er hinter sich Geschrei, aber er sah sich nicht um, er blickte nur vorwärts, wo er auf der Straße einige Reiter merkte; das waren wohl die Kosaken und seine Kameraden, die mit vor Lauenburg gefochten hatten, und er rief sie an. Jetzt wendete sich einer um, und Konrad erkannte Bastian. Auch dieser schien ihn zu erkennen, und ohne ihm zu Hilfe zu eilen, drängte er sein Pferd vorwärts. Aber schon ritt ein anderer eilig heran. Es war Zander.
»Gelobt sei Gott – Konrad!« rief er. – »Dich hielten wir schon für verloren. – Rasch zu mir aufs Pferd!«
Nach wenigen Augenblicken war Schmidt neben dem treuen Gefährten, dessen Roß sie beide trug. So kamen sie mit den andern an die Palmschleuse. Einige versprengte Infanteristen halfen sich, da die Brücke schon zerstört war, hinüber an langen Stangen, welche je zwei auf ihren Schultern über dem Bette des Flüßchens hielten und an denen die andern mit den Händen sich fortgriffen. Die Reiter aber gingen mit den Rossen durch das Gewässer.
Zwischen Boitzenburg und Gresse fand sich die ganze Abteilung wieder zusammen und hielt hier Rast. Hier erst kam manche brave, tapfere That ans Licht und weckte Beifall und Begeisterung, aber hier zeigte sich auch der strenge, ehrenfeste Geist, der in dem Korps waltete und der auch über die Feigheit Gericht hielt. Zwei Soldaten von der 3. Kompagnie des 1. Bataillons wurden von ihren Kameraden ausgestoßen aus ihren Reihen, weil sie ohne ihre Gewehre sich eingestellt hatten. Vergebens erklärten dieselben, daß ihre Waffen in dem sumpfigen Boden an der Stecknitz stecken geblieben seien, umsonst verwendete sich selbst ihr Offizier für sie, die Kompagnie litt nicht, daß sie länger den schwarzen Rock trügen, den sie nach der Meinung der Kameraden entehrt hatten.
In finsterem Schweigen gingen die beiden von dannen, unter den Truppen aber herrschte nach ihrem Abgange noch eine heftige Erregung. Vor allem aber stand die kleine Reiterabteilung, die Konrad geführt hatte, beisammen, und Stimmen wurden allmählich laut, die da riefen:
»Sind wir schlechter als die Infanterie? – Ist unsere Ehre geringer? – Fort mit Bastian!«
Konrad war die Angelegenheit peinlich – er suchte zu beschwichtigen, aber er goß damit Öl ins Feuer.
Einer der Reiter sagte:
»Verzeihen Sie, Herr Lieutenant, das ist nicht mehr Ihre, sondern unsere Sache. Wenn Sie ihm all das vergeben, was er Ihnen angethan, so mag es dabei sein Bewenden haben, obwohl auch das dem Korps nicht zur Ehre ist. Hier liegt die Sache aber doch noch anders. Wir wissen alle, daß Bastian ein erbärmlicher Feigling ist, der mit einem kleinen Hautritz hinter die Front lief – wir wissen aber noch mehr. Es wird überall davon gesprochen, daß er diese Nacht betrunken gewesen und eine Ordre unrichtig hinterbracht habe, so daß ein ganzes Pikett darüber Gefahr lief, vom Feinde abgeschnitten zu werden, wenn nicht der kommandierende Oberjäger nach besserem Ermessen gehandelt hätte!«
»Ruhig Blut, Kameraden – und keine Übereilung!« mahnte Schmidt abermals; »wo ist der betreffende Oberjäger?«
»Der Förster Walther!« riefen einige Stimmen, und in diesem Augenblicke kam der Genannte, als ob er gerufen worden, herbei.
»Walther!« rief Konrad ihn an – »du sollst Zeugnis geben! Bastian ist angeklagt der Trunkenheit und der Fahrlässigkeit!«
»Daran ist nichts zu deuteln! – Meine ganze Abteilung giebt Zeugnis dafür und keiner ist's, der nicht empört wäre über den Menschen, der schon lange kein ehrlicher Reiter mehr ist!«
»Walther!« rief Schmidt mahnend und bittend; der Alte aber war in Erregung und sagte mit grollender Stimme:
»Nein Konrad – Herr Lieutenant – das ist das ganze Korps sich schuldig, daß es den Burschen nicht mehr unter sich duldet, der selbst vor …«
»Walther!« schrie heftiger Schmidt, aber Zander nahm jetzt das Wort:
»Hier hilft kein Vertuschen und Verbergen! das Maß ist voll, und wenn die Infanterie zwei Männer ausschließt um eines geringen Vergehens, dürfen wir nicht zögern. Ein Feigling ist Bastian …«
»Und ein Schurke dazu!« rief Walther, und derjenige, welcher vorhin schon den Sprecher der Lützower Reiter gemacht, sagte ernst:
»Herr Lieutenant, ich habe in unser aller Namen zu erklären, daß wir sämtlich diesen Rock, den wir bisher für ein Ehrenkleid gehalten haben, ausziehen, wenn Bastian ihn auch nur eine Viertelstunde länger trägt. Wir wissen genug, und der Oberjäger Walther nennt ihn nicht bloß einen Feigling, sondern auch einen Schurken dazu, und wir haben nicht Ursache, an der Wahrheit des Wortes zu zweifeln – mit einem Schurken aber sind wir alle verschimpfiert.«
Auch die andern stimmten mit lautem Rufe bei und Konrad sagte:
»Es ist nicht Brauch, zu urteilen ohne zu hören. Laßt Bastian in den Ring treten!«
Schweigend waren die andern einverstanden und schlossen einen Kreis. Der Angeschuldigte, der mit bleichem Gesicht fern gestanden, wurde herbeigerufen, und Konrad, selbst bleich, hielt ihm ruhig vor, wessen man ihn beschuldige, dann schloß er:
»Bastian, hast du zu deiner Verteidigung, zur Beruhigung der Kameraden etwas zu sagen?«
Einige Augenblicke schwieg der Angeredete; er ließ die Augen ängstlich und scheu im Kreise herumgehen und begegnete lauter kalten, verachtungsvollen Gesichtern, nur in jenem Konrads stand stille Teilnahme und Mitleid. Gerade das aber reizte ihn. Er wollte von diesem einen gerade kein Mitleid. Eine heiße Blutwelle schoß ihm jetzt ins Gesicht, zornig bäumte er sich auf, dann aber riß er mit einem plötzlichen Ruck sich den Rock vom Leibe, warf ihn vor Konrads Füße und schrie:
»Ich selber will nichts mehr von euch – verflucht sei die Gemeinschaft, die ich mit euch gehabt, die ihr den Menschen nur nach schönen Worten meßt! dafür ist der Predigerjunge euch gut …«
Er wollte noch mehr sagen, aber mit erhobenen Fäusten drangen einige auf ihn ein, und während Konrad »um der Ehre des Standes willen« bat, ruhig zu bleiben, entfernte sich Bastian schimpfend und höhnend. Noch fern auf der Landstraße sahen sie ihn, wie er die geballten Fäuste drohend hob nach den Zurückgebliebenen.
Konrad blieb ernst und stumm, Zander aber, der seine Hand ergriffen hatte, sagte:
»Mir ekelt vor dem Gesellen – eine widerwärtige Bestie! Gräme dich nicht – ich weiß, was in dir vorgeht – und sieh dich um. Hier sind lauter brave Burschen, und alle hängen an dir, ist das nicht ein reicher Ersatz?«
Und die andern kamen, und jeder wollte ihm stumm die Hand drücken, auch Walther trat heran und sagte:
»Er war mehr als ein Feigling – er war heruntergekommen bis zum Meuchelmörder …«
»Walther, um seines ehrlichen Vaters willen!« rief Schmidt und legte dem Förster die Hand auf den Arm; der ließ plötzlich den Kopf sinken und murmelte müde vor sich hin:
»Er hat einen ehrlichen Vater!«
Dann seufzte er tief auf und ging langsam, von seinem Hunde gefolgt, von dannen.