Das Herz erfüllt von Zorn und Scham und Rachbegier hatte Bastian mit eiligen Schritten sich entfernt, und schlug einen Feldweg ein, der nach dem Orte Zarensdorf führte. Auf einer kleinen Erhöhung, wo zwei Bäume standen, hielt er an, warf sich in den Schatten und starrte mit finsteren Blicken hinüber gegen Gresse, wo er die lagernden Lützower schauen konnte. Hätte er sie jetzt alle vernichten können, die dort unten, es wäre ihm eine teuflische Freude gewesen. Was sollte nun mit ihm werden?
Das war die Frage, welche er vor allem erwog. Nach Hause konnte er nicht zurückkehren; Scham und Furcht vor seinem Vater machten ihm das unmöglich; sich eine Stellung suchen, sich verdingen als Arbeiter … dazu konnte er sich nicht entschließen, wer hätte auch in diesen Zeitläufen ihn annehmen mögen? – Würde nicht jeder ihm ins Gesicht gesagt haben, ein Bursche wie er gehöre jetzt unter die Fahnen seines Königs?
Er war augenblicklich noch nicht ganz ohne Mittel, freilich lange konnte er damit nicht aushalten, und was dann? Er schüttelte sich, als wollte er die unmutigen und unangenehmen Gedanken los werden, und wandte den Kopf von dem Lager der Lützower da unten weg nach der andern Seite, wo unter ihm Zarensdorf und weiter nach Osten Vellahn mit ihren friedlichen kleinen Häusern aus der grünen Landschaft winkten. Fürs erste wollte er einen Anzug, wie ihn das Landvolk trug, kaufen und sich in eine bessere Stimmung hinein essen und trinken. Langsam erhob er sich, und ohne den Kopf noch einmal zurückzuwenden, schritt er hinab gegen Zarensdorf.
Bei der Schenke hielt er an und sah durch die Fenster hinein. Einige Bauern saßen an dem rohen Tische und rauchten und tranken. Er trat ein und setzte sich zu ihnen. Sie schauten ihn mit einiger Verwunderung an, und einer fragte ihn beinahe mißtrauisch, wo er seinen Rock gelassen habe.
Er erzählte, daß er der Wärme wegen denselben ausgezogen und neben sich gelegt habe in dem kleinen Gehölz, wo er Rast hielt. Dort sei er eingeschlafen und währenddessen habe man ihm das Kleidungsstück gestohlen, ebenso seine Mütze. Es klang nicht besonders glaubhaft, aber in jenen Tagen passierten absonderliche Sachen, und man hatte sich daran gewöhnen müssen, noch ganz andere Geschichten für wahr zu halten. Die Bauern redeten darüber auch nicht weiter, und der Wirt verkaufte ihm eine getragene Jacke und eine Mütze um einen geringen Preis, und da er unmittelbar vor dem Orte auch von seinen Beinkleidern die wenigen militärischen Abzeichen losgetrennt hatte, mochte er jetzt wohl für einen Bauernburschen gehen.
Er erzählte, daß er nach Schwerin wolle, wo er Verwandte habe, und erfuhr dabei, daß dort der französische Marschall Davoust sich befinde, der sich entweder gegen Berlin oder gegen Stralsund wenden werde. Auch die Bauern waren erbittert gegen das fremde Volk und sprachen in ihrer Weise warm von dem heldenhaften Kampfe des Lützower Häufleins bei Lauenburg. Bastian redete nichts dazu, aber es überkam ihn einmal, als müsse er in einer Anwandlung von Stolz erklären, er sei auch dabei gewesen, doch er unterdrückte die Regung; er hätte ja nicht gewußt, was er sagen solle, weshalb er die Fahne verlassen.
So verhielt er sich im Ganzen schweigsam, aß, was der Wirt ihm vorgesetzt hatte und begann, nach seiner Art, viel zu trinken. Das stimmte ihn lustiger, und als erst am Abende noch mehr Bauern in die Schenke kamen, begann er Schnurren zu erzählen und Possen zu treiben, so daß sich alle über ihn ergötzten und er selbst sich behaglich fühlte, wie seit langem nicht, denn er war einmal der Mittelpunkt, um den sich alles drehte, ja dem eine Art naiver Bewunderung nicht fehlte.
Am andern Morgen hatte er einen schweren Kopf wie nach einer wüsten Nacht, und die ganze Welt sah ihn so grau an, zumal ein leichter Regen niederging. Trotzdem zog er weiter, denn die leere Schenke mit ihrem muffigen Tabaksdunst widerte ihn an. Er wanderte gegen Kammin und von da gegen Wittenburg. Da traf er lustige Genossen und blieb drei Tage. Allgemach aber ging sein Geld zur Neige, und in Wittenburg verkaufte er um einen Spottpreis seine wertvolle Uhr und verlebte nun noch zwei lustige Tage in einem nahen Dorfe. Es war, als ob der Grundsatz des Königs Jerôme von Westfalen auch ihm in Fleisch und Blut übergegangen wäre.
Aber die Ernüchterung konnte nicht ausbleiben, und als erst sein Säckel wieder leer war, überkam ihn beinahe die Verzweiflung. Er hatte sich gegen Schwerin zu gewendet, und wie er durch einen Wald hinschritt, überfiel ihn ein entsetzliches Gefühl seiner Verlumptheit, eine innerliche Öde, ein Widerwillen vor sich selbst, und er hielt Umschau unter den Bäumen, welcher wohl am besten geeignet sein könnte, um sich daran zu erhängen. Unter einem Eichbaum hielt er Rast; er legte sich platt auf den Boden und sah empor nach dem grünen Geäst und ließ sein Leben an sich vorübergehen. Da ward er sich selber zum Ekel. Was waren seine Lützower Kameraden für Burschen ihm gegenüber! Die Eichenzweige, die über ihm rauschten, erinnerten ihn daran, daß es der deutsche Baum Wodans sei, mit dessen Laub sich die deutschen Streiter schmückten, die ihn ausgestoßen aus ihrer Mitte, sie erinnerten ihn an den Schwur in Rogau in dem kleinen Dorfkirchlein, wo auch er das grüne Symbol an seinen Tschako gesteckt und etwas von dem Wehen des guten deutschen Geistes gefühlt hatte.
Er suchte in seinen Taschen; er wußte, daß er einen Strick in einer derselben gehabt hatte, und nun zog er ihn hervor. Mit seltsamen Blicken sah er ihn an, da er ihn durch seine Finger gleiten ließ, und dann begann er eine Schlinge zu knüpfen. Er legte sie um den Hals und zog sie zusammen, aber da sie ihm die Kehle leicht schnürte, überlief ihn ein Schauer und er befreite sich wieder von derselben. Abermals lag er jetzt eine Weile träumerisch, und Erinnerungen aus seinen Jugendtagen gingen ihm durch die Seele. Als aber unter diesen auch die Gestalt Konrad Schmidts erschien, und als er an die Züchtigung dachte, die er einst um dessenwillen erhalten, da erfaßte ihn Haß und Ingrimm gegen den Jugendgenossen, gegen seinen Vater, gegen alle Welt, und mit einem raschen Entschlusse riß er sich empor, kletterte an dem Stamme des Baumes hinan und wand das Ende des Strickes um einen Ast. Dann zog er die Schlinge heran, um den Kopf hindurchzustecken, da hörte er plötzlich eine Stimme:
»Halloh, Geselle, was für Dummheiten treibst du denn da?«
Bastian erschrak, daß er von dem Aste herabtaumelte auf die Erde, und dabei kollerte er zwei Soldaten vor die Füße, welche die westfälische Uniform trugen und völlig ausgerüstet waren.
»Eine wunderliche Frucht, die da von dem Eichbaume fällt,« spottete der eine, und der andere stieß ihn mit dem Fuße an und sagte:
»Steh' auf, Bursche! Wenn dir dein Leben so feil ist, so besorgt das eine Kugel viel sauberer, als der Strick. Schäm' dich – in solchen Zeitläufen sich aufhängen wollen! Tritt unter die Fahnen des Königs Jerôme – da lebt sich's alleweil lustick!«
Die Leute sprachen deutsch trotz der fremden Uniform; sie sahen auch ganz gutmütig aus, und Bastian überwand rasch seinen Schrecken und seine Verlegenheit. Vielleicht war's just gut so, daß er die da traf in seiner größten Not, da er nicht wußte wo aus noch ein, und rasch erklärte er, er sei König Jerômes Mann, wenn sie ihn brauchen könnten. Da forderten ihn die Soldaten auf, bei ihnen zu bleiben, bis sie abgelöst würden; sie seien hier als vorgeschobener Posten einer kleinen Infanterieabteilung in den Büschen versteckt. Der eine reichte Bastian seine Feldflasche, und dieser stieß an auf gute Kameradschaft.
Nach etwa einer halben Stunde kamen zwei andere Soldaten, um ohne viele Formalitäten die ersten abzulösen, und diese schritten nun mit Bastian durch den sinkenden Augustabend im Walde hin. Am Waldsaume, seitwärts der Straße, lagerten etwa 100 Mann Infanterie, Franzosen und Westfalen, um eine Anzahl schwerbepackter Wagen her. Ihre Wachtfeuer leuchteten gastlich in der Dämmerung, und ihre Pferde grasten friedlich auf dem Anger.
Bastian wurde vor einen Offizier geführt, dem er ein Märchen vorlog und der ihn gegen Handgeld aufnahm unter die Truppen, auch Sorge tragen ließ, daß er einige Uniformstücke und ein Gewehr erhielt. So saß er am Abend unter seinen neuen Kameraden, wie Tags zuvor unter den Bauern, und da es nicht an guter Atzung und einem Trunke fehlte, fühlte er sich bald wieder wohl. Doch galt es bei Zeiten zur Ruhe zu gehen, da der Transport am frühen Morgen gegen Gadebusch aufbrechen sollte. – –
An demselben Abend aber lagerten südwärts von der Straße, die von Schwerin gegen Gadebusch führt, in einem Gehölze bei Rosenhagen Lützowsche Reiter und Kosaken unter Führung des Majors selbst. Sie hatten ihre Abendmahlzeit in einem Orte eingenommen, wo für eine französische Einquartierung gedeckt worden war, und saßen nun vergnügt um die Wachtfeuer. An einem derselben lagerten Theodor Körner, Konrad Schmidt, Zander, Erich und ein junger Graf Hardenberg. Sie plauderten von der Zukunft und von den Tagen der Freiheit, nur Körner zeigte sich schweigsamer als es sonst seine Gewohnheit war.
»Er ist in Wien bei seiner Braut Toni,« sagte gutmütig spottend Hardenberg, und der junge Dichter fuhr auf:
»Das ist's wahrhaftig gewesen, Kameraden, und ich weiß nicht, warum ich heute gerade mit so vieler Wärme und gar so lebhaft an meine Lieben denken muß! Sollte das auch eine Ahnung sein? Weißt du noch, Schmidt, wie ich bei Großgörschen mit dem Pferde in ein Grab einsank, und dann kam die dumme Geschichte von Kitzen?«
»Aber Körner,« – riefen die andern – »das sind ja thörichte Anwandlungen, Zufälligkeiten, und daß es Stunden geben kann, da wir im Geiste lebhafter bei den Unsrigen sind, das wissen wir alle.«
»Und das sind gute Stunden!« sagte Zander.
»Ganz gewiß,« erwiderte Körner, »und mir ist's auch, als sei ich vom Hauche der Liebe umweht, und ich fühle mich ja wohl und gewiß nicht bange. Ihr wißt es alle, daß ich mich nicht vor dem Tode fürchte, wenn auch das Leben noch manches Schöne für mich in hoffnungsvoller Ferne zeigt. Ich bin müde und will meinen Traum weiter träumen. Gute Nacht, Kameraden!«
Er hüllte sich in seinen Mantel, schob einen Tornister unter den Kopf und wandte sich mit dem Rücken gegen das verflackernde Feuer. Die andern erwiderten seinen Nachtgruß; eine Weile ging noch ihr Flüstern hin und her, dann legten auch sie sich auf das Moos und den Rasen, und allgemach ward es ringsum stille, und nur die ausgestellten Posten und die ewigen Sterne hielten ihre Wacht.
Am frühen Morgen begann wieder ein geschäftiges Leben. An den Feuern wurde das frugale Frühmahl bereitet, einzelne Reiter machten ihre Morgentoilette, andere putzten an ihren Waffen, andere versorgten die Pferde, und Major von Lützow ging durch das kleine Lager, überall hin freundlich winkend und grüßend.
Theodor Körner aber saß etwas abseits, mit dem Rücken an eine stattliche Föhre gelehnt, und schrieb eifrig mit dem Bleistifte in seinem Notizbuche. Als ihn der Major erblickte, wollte er seitwärts treten, um ihn nicht zu stören, aber schon hatte der junge Dichter ihn gesehen und sprang auf, ihn militärisch zu grüßen.
»Guten Morgen, lieber Körner! Sie haben wohl schon in aller Herrgottsfrühe die Muse bei sich zu Gaste?«
»Bin eben in Gnaden von ihr entlassen worden, Herr Major!«
»Na und was für ein Gastgeschenk hat sie denn Ihnen und uns gespendet? Geheimnis ist's doch keins und ganz gewiß für die «Schwarzen» in erster Reihe bestimmt.«
»Es ist ein Schwertlied!«
»Bravo! – Das können wir brauchen, und ein prächtigeres Frühstück giebt's nicht, als wenn Sie uns das zum besten geben. Kommen Sie, Kamerad! Die dort drüben wittern lange schon etwas und sind nicht minder begierig wie ich – Kommen Sie!«
Er nahm seinen jungen Adjutanten jovial unter den Arm und zog ihn mit fort zu dem nächsten Feuer, um das sich beinahe augenblicklich eine größere Zahl von Lützows Reitern scharte.
»Körner hat etwas neues!« rief der Major, und während noch mehr heran eilten, stand der jugendliche Tyrtäus mit seinen leuchtenden Augen da, und seine frische, tönende Stimme klang in den hellen Augustmorgen:
Die Begeisterung, die aus den Worten des Dichters glühte, übertrug sich in das Herz der Hörer; mutig blitzten die Augen in den gebräunten Gesichtern, die Schwerter klirrten bei jedem Hurra!, und als Körner geendet, mußte der Major mit aller Energie einer lauten Ovation wehren, die angesichts der Nähe der Feinde hätte nicht unbedenklich sein können. Aber er selbst umarmte den jungen Dichter und sprach:
»Wer das kann, ist mehr wert, als wir andern alle. Wir geben jeder sein bischen Blut für König und Vaterland, Sie aber begeistern Tausende. Gott erhalte Sie, Körner!«
Dann schritt er langsam weiter … die Reiter aber lagerten sich wieder und saßen in gehobener Stimmung bei ihrem einfachen Frühmahl.
Um die siebente Stunde sprengten einige Kosaken heran, die dem Major eine Meldung brachten, und gleich darauf kam der Befehl zum Aufsitzen. Es war die Kunde gekommen, daß ein französischer Wagentransport, von Infanterie begleitet, auf der Straße herankomme, und Lützow sah darin eine gute Beute. Er verfügte sofort, daß die Kosaken denselben an der Spitze und an den Flanken angreifen sollten, während er selbst mit 50 Reitern in den Rücken der Kolonne einbrechen wollte und die anderen 50 im Gehölze bleiben sollten als Nachhut und für den Fall, daß dem Wagentransport noch eine Reiterabteilung folge.
Es regte sich nichts; keine Waffe klirrte, auch kein Pferd wieherte, und mit beinahe nachlässiger Sicherheit rückten die Feinde heran: Hochbeladene Wagen, und ihnen voran und zur Seite französische und westfälische Soldaten. Lützow ließ sie ruhig näher kommen, dann erklang ein Trompetensignal und mit lautem Hurra brachen die Reiter hervor. Hei, Lützow's wilde, verwegene Jagd! Das war sie wieder, rasch und kraftvoll, zusammenwirkend und sicher war der Anprall. Aber auch die Lenker der Transportwagen peitschten auf ihre Pferde ein, so daß diese wild auf der Straße hinjagten, ihnen zur Seite die Kosaken, die infolgedessen nicht rasch genug die Spitze der Kolonne zu erreichen vermochten.
Einige von den Wagen gewannen den Wald, der zu beiden Seiten der Straße sich hinzog, die Bedeckung sprang von diesen herab und schwärmte am Rande des Gehölzes aus. Schüsse krachten, Geschrei, Fluchen, Aufstöhnen klang durcheinander, und während ein Teil der feindlichen Infanterie die Waffen wegwarf, flüchtete oder sich ergab, versuchten andere noch einen vergeblichen Widerstand zu leisten. In dem kleinen lichten Gehölze waren mit diesen eine Anzahl Reiter in einen kurzen erbitterten Kampf geraten.
Mit hochgeschwungenem Säbel war Erich herangesprengt gegen einen feindlichen Offizier, aber wie er die Klinge gegen ihn hob, erkannten sich beide: Es war sein Bruder Karl! Gleichzeitig ließen beide die Waffen sinken, in diesem Augenblicke aber traf ein wuchtiger Säbelhieb die Stirn des westfälischen Offiziers, so daß er zusammenbrach. Erich jedoch sprang, unbekümmert um alles andere, aus dem Sattel und kniete bei dem Bewußtlosen nieder.
Ringsum knatterten die Schüsse weiter, die Eisenbräute jauchzten und klirrten und frohes »Hurra!« erschallte. Hinter einem Gebüsche lag Bastian. Ihm war es unheimlich, und am liebsten wäre er entflohen, denn in die Hände der Lützower durfte er nicht fallen im Rocke des Königs von Westfalen. Der Elende zitterte und bebte, und doch wagte er nicht aus seinem Versteck zu gehen. Da sah er seine früheren Kameraden in das Strauchwerk und Gebüsch hineinsprengen. Er sah allen voran Theodor Körner, die herrliche Jünglingsgestalt, auf seinem Schimmel, und gleich neben ihm Konrad Schmidt. Da faßte ihn eine blinde, unaussprechliche Wut. Er war zunächst sich selbst nicht klar über sein Thun; er riß seine Flinte an die Backe, um den Verhaßten zu töten; der Schuß krachte, aber in demselben Augenblicke hatte Körners Roß einen Seitensprung gemacht, so daß dieser Schmidt verdeckte und die Kugel ihn traf. Bastian sah noch, wie er im Sattel wankte und augenblicklich zurücksank – dann warf er sein Gewehr fort, schleuderte den Rock von sich, welchen er trug, und wie von den Furien gejagt floh er waldeinwärts.
Die Lützower Trompeter riefen zum Appell, der kurze Kampf war vorbei, aber um Körner mühten sich noch die treuen Genossen. Sie machten ihm die Füße frei aus den Bügeln, sie hoben ihn vom Pferde und betteten ihn auf den Rasen, sie öffneten ihm den Waffenrock, um nach der Wunde zu sehen, und erkannten zu ihrem Schmerze, daß der Tod augenblicklich eingetreten war. Ernsten, festen Männern liefen die Thränen über die Wangen, und der Major von Lützow drückte, stumm in seinem Schmerze, die Hand des lieben Toten. Der kurze Kampf hatte noch mehr Opfer verlangt, auch der junge Graf Hardenberg war gefallen.
Erich hatte den Ruf zum Sammeln wohl gehört, aber er vermochte den todwunden Bruder nicht im Stiche zu lassen, und bat, daß man ihm erlaube, für denselben zu sorgen. Kameraden waren ihm zur Hand, und als nach kurzer Frist einige Wagen beschafft waren, um die Toten wegzuführen, wurde auf einen derselben auch Karl gehoben, dem seine schwere Wunde notdürftig verbunden worden war, und neben ihm auf dem Stroh saß sein Bruder und hielt den wunden Kopf des Bewußtlosen auf seinem Schoße. In dem ersten Wagen aber, weich gebettet, lag die Leiche Theodor Körners, und mit andern ritt auch Konrad ihr zur Seite.
Es war ein unendlich trauriger Zug, der sich da gegen Wöbbelin hin bewegte. Dorthin ging auch der gewonnene Wagentransport und die Gefangenen. Zu deren Begleitung war unter andern auch Zander kommandiert. Er war von dem Tode Körners gleichfalls tief erschüttert und saß, teilnahmlos gegen alles andere, im Sattel. Nur einmal ließ er gleichgültig seinen Blick über die Reihen der Gefangenen gleiten, die meist stumpf und ruhig, teilweise sogar lustig einhertrotteten, was namentlich bei den Westfalen der Fall war. Da zuckte Zander plötzlich auf – – da war ein Gesicht, das er kannte! Das war ja der erbärmliche Bursche, der damals im Hause von Erichs Vater ihn und seinen Freund verraten hatte, den wollte er im Auge behalten: Der Schurke sollte nicht, wie es sonst Brauch war, entlassen werden, sondern der Strafe für seine Gemeinheit nicht entgehen.
Der Zug kam gegen Wöbbelin heran. Auf freier Feldflur draußen sah man zwei einzelne hohe, stattliche Eichen stehen, und einer sprach zu dem andern:
»Dort müßten wir ihn begraben! Er hat die Eiche so oft besungen und das schöne Wort gesprochen:
Daraufhin ritten einige hinüber, um die letzte Ruhestätte für Theodor Körner auszuwählen, und einer von ihnen schnitt seinen Namen ein in den Stamm des Eichbaumes. Indes war der Leichnam in ein Trauerhaus gebracht worden in der Nähe der Landstraße. Man hatte einen Arzt gerufen, der freilich nichts weiter als den freundlichen Trost geben konnte: »Es war ein selig Sterben!« Unter der Herzgrube war die Kugel ihm in das Rückenmark gedrungen.
Nun wurde er aufgebahrt, und neben ihm die andern Gefallenen.
Ein einfacher Sarg war rasch beschafft worden, der ward auf Stühlen aufgestellt und Eichenlaub ward rings umwunden.
Auch um die Stirne des edlen Toten lag ein Eichenkranz.
So fand ihn Zander, der jetzt an Konrad Schmidt herantrat, dem die Thränen aus den Augen rannen und dem er stumm und herzlich die Hand drückte. Ein wunderbarer Friede ruhte auf den Zügen des Entschlafenen, dessen Antlitz kräftig und jugendlich-schön aus dem Eichenlaub hervorsah, als ob er schliefe.
In demselben Gemache hatte man vorübergehend auch den bewußtlosen westfälischen Offizier untergebracht, und der Arzt hatte seine Wunde untersucht. Er mußte dem tieferregten Bruder mitteilen, daß sie tödlich sei, und daß er sich wundere, daß das matte Lebensflämmchen noch so lange geflackert habe. Da raffte sich mit einem Male der Todwunde empor auf seinem Strohlager. Mit großen Augen sah er umher, dann ließ er die Blicke auf dem eichenlaubumkränzten Paradebette haften und sah das bleiche Antlitz mit dem Kranz um die Stirne. »Fürs Vaterland gestorben!« stammelten die bleichen Lippen, und die Hände faßten nach jenen des Bruders:
»Vergebt mir – auch der Vater …«
Mehr konnte er nicht sprechen, ein Blutstrom brach aus seinem Munde, und wie er die Arme des Bruders um seinen Nacken fühlte, ging ein milder Glanz über sein Gesicht, er sank zurück, und in dem niedrigen Bauerngemache war ein Toter mehr.
Zander aber zog den Freund mit sich hinaus, hinüber, wo man die Gefangenen einstweilen untergebracht hatte, und zeigte ihm Jakob. Schmidt zuckte zusammen und erblaßte.
»Ludwig, weißt du, wer das ist? – Bis heute hab' ich dir's verschwiegen, um seines Vaters willen, der hier im Lager bei Wöbbelin liegt – –«
»Walther?!« schrie der andere auf, und Konrad nickte.
»Ja, Walther, unser alter Freund! Jetzt ist die Stunde gekommen, um ihn vielleicht zu gewinnen. Laß uns zuerst sorgen, daß er dem Begräbnis Körners beiwohnt und sieht, wie man treue und brave Helden ehrt. Vielleicht klopft das an sein Herz … und dann will ich ihn zu seinem Vater führen – ich hoffe, der Major hat nichts dagegen.«
Zander war von dieser Neuigkeit erschüttert und drückte zustimmend des Freundes Hand.
Am andern Tage wurden die Gefallenen beerdigt. Auf Bahren von Baumstämmen und Wagenleitern lagen sie, geschmückt mit grünen Reisern und Eichenkränzen, und so trug man sie bei gedämpftem Trommelschall hinüber nach den beiden Eichen, wo die Gräber bereit waren.
In ruhiger, stummer Trauer standen ringsum die schwarzen Gesellen; in jedem Auge schimmerte es feucht. Eine Ehrensalve konnte nicht abgegeben werden wegen der Nähe der Feinde, aber stärker, dumpfer wirbelten die Trommeln, als der Sarg Körners niedergesenkt ward. Dann trat Friesen hervor aus der Schar, die herrliche Siegfriedsgestalt mit dem blonden Gelock um das edle Gesicht, und laut und feierlich sprach er Körners schönes »Gebet vor der Schlacht«:
Dann sprach einer das Gebet des Herrn – wiederum wirbelten die Trommeln, und dabei fielen die Schollen nieder auf den Sarg. Gar mancher Kamerad aber warf ein Eichenzweiglein hinab und ließ dabei eine Thräne mit hineinfallen in die Grube. Als jedoch der Hügel sich gewölbt hatte, da standen sie alle, die braven Reiter, fest und ruhig, und manche Hände vereinigten sich wie zu stillem Gelöbnis. Dann aber erklang es wie zum Abschiedsgruße:
Seitwärts stand ein kleines Häuflein gefangener Westfalen. Sie sahen mit ernsten Gesichtern drein, denn sie waren von deutschem Blute, und mit Absicht hatte man sie zu dieser Totenfeier herangeführt, und nicht ohne Erfolg. Als das letzte Lied der Lützower verklungen war, riß einer von ihnen, ein älterer Mann und Sergeant, den westfälischen Rock von seinem Leibe und rief:
»Strafe mich Gott, wenn ich noch eine Stunde länger in welschem Solde bleibe! Ich bin ein Deutscher und will es zeigen, nehmt mich auf bei Euch!«
Die anderen alle folgten dem erhebenden Beispiele. Sie hoben ihre Hände wie zum Schwure auf gegen das Grab Theodor Körners und schrieen: »Laßt uns mit Euch ziehen!« Nur einer war stehen geblieben; er schlug die Hände vor das Gesicht und schluchzte, daß es seinen Körper erschütterte. Ihm rief Schmidt zu:
»Nun, Jakob Walther, und du bleibst zurück?«
Da ließ der Bursche, erschrocken darüber, daß er seinen Namen aus dem Munde eines Lützowers hörte, seine Hände sinken und starrte mit fassungslosen Augen umher. Jetzt erkannte er Konrad, und eine tiefe Blässe flog über sein Gesicht, dann schrie er plötzlich auf:
»Laßt mich erschießen, denn ich bin ein Schuft! Die alle hier dürfen noch den deutschen Ehrenrock anziehen, ich darf's nicht – ich habe Verrat um Verrat auf meine Seele geladen – hier, nehmt mich hin – erschießt mich!«
Er riß sich Rock und Hemde auf und zeigte seine nackte Brust, und alle, die ihn hörten, standen tief erschüttert. Konrad aber trat auf ihn zu und erfaßte ihn am Arme.
»Komm Jakob – ich will dich zu deinem Vater führen!« sagte er ruhig und ernst. Da lief ein Zittern durch die Glieder des Burschen, und er senkte tief den Kopf. So zog ihn Konrad mit sich fort durch die schweigenden und verwunderten Kampfgefährten, vorbei an dem mit Eichenlaub bedeckten Grabhügel des jungen Helden und Dichters. Willenlos folgte Jakob, aber auf der Landstraße drüben, die gegen Wöbbelin führte, blieb er plötzlich stehen und sagte:
»Herr, ich hab' Ihnen Schlimmes angethan und bin elend bis in den Grund meiner Seele hinein, wie ich jedoch die begeisterten Gesichter und die leuchtenden Augen Ihrer Kameraden sah bei dem Grabe da drüben, da hat es mein verlottertes Herz zusammengeschüttelt, ich weiß aber auch, daß ich ein Auswurf bin und bei ehrlichen Leuten nichts zu suchen habe. Herr, ich kann meinem Vater nicht unter seine braven Augen treten! Und wie kommt er hierher aus seinem Walde? Hat auch er etwa …«
»Ja, er trägt den Rock seines Königs und bringt sein graues Haar und sein Herzblut dem Vaterlande!«
Da schlug der Bursche wieder die Hände vors Gesicht und schluchzte:
»Und ich bringe ihm solche Schande – – nein, nein, ich kann ihn nicht sehen – lassen Sie mich erschießen, Herr!«
»Auch dein Blut gehört dem Vaterlande, und wenn dein Vater deine Reue sieht, wird er glücklich sein. Von dem, was hinter dir liegt, soll er nichts erfahren. Komm!«
Jakob atmete tief und schwer.
»Ja, kommen Sie! – Ich will ihn wenigstens sehen, den alten Mann, dann wird geschehen, was sein muß!«
Sie gingen schweigend weiter; da kam ihnen bei einer Biegung des Weges ein ergrauter Kriegsmann entgegen und ihm zur Seite trottete ein Hund. Das Tier hob jetzt den Kopf und gleich darauf kam es in langen Sprüngen heran und strebte an Konrad herauf. Da lief ein Zittern dem Burschen durch den Leib.
»Flott!« sagte er halblaut, der Hund stutzte einen Augenblick, dann wedelte er mit dem Schweife und drückte den Kopf an das Bein des Burschen, der ihn streichelte, indes ihm dabei die hellen Thränen über die Wangen liefen. Walther – denn er war es – kam rasch näher; plötzlich blieb er stehen, sein Gesicht wurde fahl und fast zornig rief er:
»Flott, herein! – Der dort ist nicht wert, daß ein braver Hund ihn anwedelt!«
Das Tier folgte beinahe traurig, mit gesenktem Schweife, dem Befehl, der Förster wollte sich umwenden, aber schon war Konrad neben ihm und hielt ihn am Arme:
»Nicht so, Freund! Er kommt als Reuiger, als Gebesserter, er bringt sich dem Vaterlande!«
»In diesem Rocke?« sagte verächtlich und finster der alte Mann, und nun erst dachten die beiden andern selbst daran, daß Jakob noch in der westfälischen Uniform steckte, und mit einem hastigen Rucke riß dieser sie ab und warf sie weit von sich, dann sank er auf der Straße auf die Knie und rief flehend:
»Vater – laß mich an deiner Seite kämpfen und sterben!«
»Mit ehrlichen, unbescholtenen Männern? – Daß mir's jeden Tag aufs neue die Schamröte ins Gesicht jagte –« sagte zornig der Alte, dann übermannte ihn ein anderes Gefühl und schmerzlich stöhnte er:
»Habe ich denn noch einen Sohn?«
Schmidt hielt ihn noch immer am Arme fest, und mit inniger Wärme sprach er:
»Ja, Freund, du hast einen! Vom Grabe des bravsten Kameraden, unseres Theodor Körner, bringe ich ihn dir, er hat ihn im Tode noch geworben für unsere Sache! Stoße Jakob nicht zurück, ich bin überzeugt, daß er's ehrlich meint; willst du's auf dich laden, daß das Vaterland diesen Arm und dieses Herz, das sich ihm mit verdoppelter, reuiger Wärme zuwendet, wieder verliert?«
»Vater!« stöhnte Jakob, der sich langsam erhob und einige Schritte näher trat, und mit einem langen, tiefen Blicke sah ihn der Förster an.
»Die Hand kann ich dir heute noch nicht geben – aber ich will versuchen, ob ich noch einmal glauben kann, ich hätte einen Sohn. Und deine Mutter ist hingegangen und hat daran geglaubt!«
»Meine Mutter ist – tot?« schrie Jakob auf, und nun schluchzte er wortlos wie ein Kind. Erschüttert stand Konrad neben ihm, und nach einer Weile sprach der Alte wieder:
»Diese Thränen sollen dir gutgeschrieben sein. Ganz schlecht bist du nicht, wenn du noch um deine Mutter weinen kannst … Aber den Rock, welchen ich trage, kannst du nicht anziehen. Suche dir einen andern Fleck in Deutschland, wo du dein Blut für's Vaterland verspritzen kannst, neben mir kann dein Platz nicht sein. Erst muß ich sehen, daß dir's ernst ist. – Geh!«
Langsam, mit gesenktem Kopfe schritt der Bursche dahin, der Förster aber trat an Konrad dicht heran, und indes ihm die Augen feucht wurden, fragte er bewegt:
»Hab' ich's so recht gemacht?«
Stumm drückte ihm der Gefragte die Hand, dann ging er dem Burschen nach, um ihm mit Rat und That weiter zu helfen.
Der Alte jedoch stand mit seinem Hunde noch lange auf derselben Stelle und schaute den beiden nach. Als sie hinter einem Gehölz verschwanden, atmete er auf und blickte mit gefalteten Händen zum Himmel empor.
»Ich habe noch einen Sohn!« sprach er leise, innig, dann wendete er sich zu seinem Hunde:
»Flott, braver Kerl! Wir haben ihn wieder, wir haben ihn wieder, den Jungen! Allons, Flott, freue dich!«
Und das treue Tier sprang lustig in die Höhe und bellte jauchzend seinen Herrn an.
Da riefen Trompeten und Hörner – das Signal Alarm! Und raschen Schrittes, hoch aufgerichtet ging der Förster hinüber, wo seine Kompagnie stand, um mit einem seltsam freudigen Bewußtsein in der Seele wieder dem Feinde entgegen zu ziehen.