Achtes Kapitel.
Frauenmut.

Die Franzosen hatten ihre Stellung bei Schwerin aufgegeben und sich über Gadebusch nach der Stecknitz zurückgezogen. Lützow war ihnen gefolgt, war am 4. September früh über das Schaalflüßchen gegangen und hatte in einem raschen und kühnen Angriff sie gegen Mölln zurückgedrängt.

Dann nahm er festere Fühlung mit dem Korps des Generals Wallmoden, und erhielt den Auftrag, mit diesem über die Elbe zu gehen. So rückten die Lützower – etwa 500 Mann Infanterie und 500 Reiter – über Lübtheen und Dömitz bis Dannenberg, wo sie in der Nacht des 15. September den Strom übersetzten. Es war ein angestrengter Marsch gewesen, so daß nur ein kleiner Teil der Infanterie mit fortgekommen und am Morgen beim Biwak war. Unter ihnen war auch Walther, der sich kräftig und gehoben fühlte, wie seit langem nicht. Er sehnte sich nach Kampf und Streit, und wenn er heute an die Franzosen kam, dann gnade ihnen Gott.

Neben ihm beim Biwakfeuer lagerte August Renz mit seinem frischen, blanken Gesicht, und die Augen fielen ihm beinahe zu.

»Armer Junge!« sagte der Alte, und reichte ihm seine Feldflasche. »Es war ein bischen viel diese Nacht, und Stärkere als Sie haben's nicht ausgehalten.«

Renz wies die Flasche zurück und lächelte.

»Alles fürs Vaterland!« sagte er mit seiner merkwürdig weichen und sanften Stimme – »aber wenn ich ein halb Stündchen jetzt schlafen könnte, Herr Oberjäger, sollt' mir's gut thun.«

»Schlafen Sie, Kamerad – so eilig werden's die Franzosen wohl nicht haben, an uns heran zu kommen!«

Und der Junge legte sich auf die Seite und war auch vor Ermüdung im nächsten Augenblick eingeschlafen. Den Förster aber trugen seine Gedanken fort zu seinem Sohne. Erst da er ihn wieder hatte von sich gehen lassen, fühlte er, wie seine ganze Liebe zu ihm aufs neue erwachte, und während rings um ihn reges Leben war, saß er in sich gekehrt und still.

Da rief ihn eine Stimme an: »Was träumt Ihr denn, Kamerad?«

Als er aufblickte, sah er einen Offizier, den Lieutenant Staak, vor sich stehen, und wollte sich erheben. Der andere aber ließ sich bei ihm nieder:

»Sitzen bleiben, Kamerad, ein klein wenig Ruhe thut uns allen not!«

Damit saß er breit und behäbig beim Feuer, den Säbel zwischen den Beinen. Er war eine kräftige, starkknochige Erscheinung, von derbem Wesen, aber trefflicher Art.

»Wißt Ihr, Oberjäger Walther, Ihr gefallt mir! Ihr habt so etwas Ehrliches und Grades, wie ich selber, und – hol mich der … – es war mir schon lange, als wenn ich mich um Eure Freundschaft bemühen müßte.«

»Sehr schmeichelhaft, Herr Lieutenant!«

»Ach, laßt den Lieutenant beiseite; ich hab' als Tambour noch im siebenjährigen Krieg angefangen und war dann lange genug ein braver, altpreußischer Unteroffizier. Ich habe unter Schill und Gneisenau mitgefochten in Kolberg, und die Franzosen haben mir dort auch eins ausgewischt, daß ich vermeinte, ich müßte draufgehen, aber der Feldscher hat mich wieder zusammengeflickt, und nun bin ich zu Euch gekommen. Ein braves Korps, die Lützower, und so recht nach meinem Herzen. Kein groß' Überlegen, ein frisches, resolutes Dreinschlagen – – na, was ich noch an Rippen habe, will ich gerne unter unserm braven Major mit dransetzen.«

»Ist's denn wahr, Herr Lieutenant, was man so sagt, Sie hätten anstatt Fleisch und Knochen eine Metallplatte auf der linken Brustseite?«

»Das ist so, Freund, und wenn's Euch Spaß macht, mögt Ihr's sehen!«

Er öffnete Rock und Hemd und zeigte das blanke Metall oberhalb des Herzens, und Walther überlief ein gelinder Schauer.

»Ja« – sagte Staak – »ein Spaß war's just nicht, als mir die Kartätsche die Rippen über dem Herzen wegriß, und ich mußte ganz besonders kunstreich wieder zusammengeleimt werden, aber – wie gesagt – ich hab' noch mehr Rippen für's Vaterland! – Was habt Ihr denn da für einen Milchbart liegen?«

Er zeigte auf den schlafenden Renz und Walther sagte:

»Das ist ein kreuzbraves, junges Blut, sieht schwach aus, ist aber von einer heldenhaften Ausdauer.«

»Ja, die Zeit macht Kinder schnell zu Männern – – aber holla, was giebt's schon wieder?«

Die Hörner bliesen Alarm, mit raschem kräftigen Händedruck eilte Staak fort, und Walther weckte Renz. Es that ihm leid um den müden Jungen. Der aber war sofort auf den Beinen, und binnen kurzem stand er wieder in Reih und Glied mit den andern.

Es war Befehl gekommen vom General Wallmoden, vorzurücken gegen den französischen General Pecheux, der von Lauenburg aus herankam, und um Mittag war das Gefecht im Gange.

In einem Gehölz lagen französische Tirailleurs, und ihre Schüsse knatterten den Anrückenden entgegen. Lieutenant Staak war nicht der Mann, sich vor einigen blauen Bohnen zu fürchten.

»Vorwärts Kinder« – rief er – »wenn's auch ein Loch in die Haut giebt!« und mit zornig begeistertem Hurra brach seine kleine Schar, unter welcher auch Walther und Renz sich befanden, vor. Nach kurzem Kampfe waren die Franzosen aus dem Gehölze hinausgedrängt, aber jenseit desselben formierten sie sich aufs neue, und nun griff zu ihrer Deckung auch Artillerie ein. »Die Sache wird unbehaglich, wenn erst diese Baßstimmen zu brummen anfangen. Es hilft aber nichts – immer vorwärts, Kinder!« mahnte Staak, und trotz des fußhohen Heidekrautes, welches das Fortkommen ungemein erschwerte und die ohnedies Erschöpften noch mehr ermattete, ging es weiter. Immer lebhafter wurde das Feuer der Feinde, bis man endlich einen Graben erreichte, der wenigstens einigermaßen Deckung gab.

Hier zu rasten war dem unermüdlichen Staak zuwider. Er erhob sich aus seiner gebückten Stellung, in demselben Augenblicke aber fühlte er einen heftigen Schlag an seiner Schulter, und da er hinfaßte, spürte er das quellende Blut. Walther, der in seiner Nähe war, sah ihn wanken und sprang hinzu, der Lieutenant aber sagte beinahe barsch:

»Scheren Sie sich zum T… und machen Sie keine Umstände – ich will mich ein wenig verbinden lassen. Nur immer vorwärts« – schrie er lauter – »wir sehen uns bald wieder.«

Dann biß er die Zähne zusammen, mehr noch vor Zorn als vor Schmerz, doch wie er nach dem Walde zurückging, hörte er noch das laute Hurra der Seinen, und ein Lächeln ging über das verwetterte Gesicht.

Nun aber begann erst das eigentliche Gefecht. Unaufhaltsam drang die brave Infanterie vor, stürmte mit dem Bajonett einige Hügel, die der Feind besetzt hatte, nahm diesem eine tapfer verteidigte Haubitze, und brach nun in die Ebene vor auf die in Karrees hier aufgestellten Franzosen.

Gegen diese hatte Wallmoden seine Reiterei geworfen, und es war ein wildes, zorniges Durcheinander. Die Schüsse knatterten unheimlich, durch Staub und Dunst sah man sie aufblitzen, und vom Rosseshuf ging ein Dröhnen durch den Erdboden.

Der Major Lützow, bei dem sich Schmidt und Zander befanden, war gegen die französische Kavallerie, die auf der Straße gegen Lüneburg Stellung genommen hatte, mit seinen Reitern angestürmt, und hatte die Feinde auf ihre Infanterie geworfen. Gegen diese jagten die Lützower jetzt heran. Aber fester schloß sich deren Karree hinter den eben durchgejagten Reitern, und mit unheimlicher Entschlossenheit standen die Soldaten; die vorderste Reihe kniete und drohend starrten die Flintenläufe den Heranstürmenden entgegen. Aber da gab es kein Halten. Lützow selbst ritt seinen Leuten voran; seine Augen flammten, sein hochgeschwungener Säbel blitzte, und die Sporen in den Weichen seines Tieres, sprengte er vorwärts. Eine Kugel verwundete ihn am Schenkel, er spürte es nicht; schon war er hart heran an das feindliche Karree, da traf ihn ein zweiter Schuß am Unterleibe, so daß er im Sattel wankte.

»Ich bin verwundet – aber vorwärts, drauf und drein!« rief er. Einige seiner Reiter, auch Konrad, griffen zu und suchten ihn aus dem Gefecht zu bringen, aber es ließ sich nicht hindern, daß dadurch auch eine kleine Verwirrung entstand, und daß die Lützower, gefolgt vom feindlichen Feuer, wieder zurückjagen mußten.

Lützow war außer sich. Er wollte sofort zu neuem Angriff übergehen und schwur, daß er den Tod suchen wolle, wenn seine Reiter ihn im Stiche ließen. Mit Mühe war er zu beruhigen, und Rittmeister von Bornstedt erhielt Befehl, sofort aufs neue zu attackieren.

Wiederum brach mit zornigem Hurra das Reitergeschwader gegen den Feind; gleichzeitig aber stürmte auch vom rechten Flügel die Kavallerie Wallmodens heran. Wieder krachten und knatterten die Salven, Mann und Roß wälzten sich durcheinander, verwundet sank Bornstedt vom Pferde, aber diesmal gab es kein Weichen. Über die Köpfe der entsetzten Feinde sprangen die Rosse hinein in das Karree, vom Rücken der Franzosen heraus hieben die braven Reiter sich Bahn, bis sie den Gegner völlig in Verwirrung gebracht und seine Reihen zersprengt hatten. Der alte Rittmeister Fischer hatte das Kommando übernommen; mit seinem breiten Henkerschwerte mähte er die Feinde nieder und schlug sich Bahn in ihre dichtesten Kolonnen.

Wohl war die Niederlage der Franzosen entschieden, aber es ward noch gekämpft um den Rückzug. Die Dämmerung brach herein und ihre ersten Schatten legten sich über das zerstampfte Gefilde. Walther drang bei Verfolgung des Feindes noch energisch vor, Renz folgte ihm auf dem Fuße. Die Augen des Jünglings leuchteten, seine Wangen brannten. Er hatte die Trommel eines gefallenen französischen Tambours ergriffen und schlug, immer vorwärts eilend, ununterbrochen zur Attacke. Da brach er plötzlich zusammen. Eine Kugel hatte ihn in die Brust getroffen. Erschrocken beugte sich der Förster zu ihm nieder, dann hob er den Leblosen auf und in seinem Arm trug er ihn heraus aus dem langsam verhallenden Gefechte. An einem Feldrain legte er ihn nieder und rief nach einem Arzte, inzwischen wollte er selbst nach der Wunde sehen und öffnete den Waffenrock. Da prallte er zurück, erschreckt, erstaunt – ihm blieb kein Zweifel: August Renz war ein Weib.

Sie selbst berichtete das, als sie aus ihrer Bewußtlosigkeit erwachte, in kurzen, matten Worten. Sie hieß Eleonore Prohaska und war die Tochter eines Musiklehrers aus Potsdam, welche die Begeisterung für die Sache des Vaterlands in die Reihen der Lützower geführt hatte, und – zum Heldentode.

Sie wurde nach Dannenberg gebracht, und zwei Tage später starb sie mit der Festigkeit und Fassung des tapfern Mannes unter unsäglichen Leiden. Man begrub sie mit militärischen Ehren, und Walther war es, als hätte er ein Kind verloren. So griff es dem alten Manne an das Herz, daß selbst ein Weib ihres Geschlechts vergaß und an Mühsal, Entbehrung und Ausdauer die Männer übertraf. Durch das ganze Freikorps ging ein Hauch der Bewunderung und der Ergriffenheit, und der Heldentod des Mädchens steigerte noch mehr die vaterländische Begeisterung: Hier durfte keiner zurückbleiben und ärmer erscheinen an heiliger Glut, als die Jungfrau.

Die Kunde aber davon, daß ein Weib im Kampfe bei Göhrde mitgefochten habe und gefallen sei, ging durch ganz Deutschland und ward gefeiert als ein würdiges Zeichen einer großen Zeit.

In jenen Tagen war es, daß in einem freundlichen Hause in der alten Hansestadt Bremen Elise Wendler an dem Totenbette ihrer Großtante stand. Sie hatte ihr die letzten Tage erheitert und ihr Siechtum erleichtert, und die alte Frau, die ihre Schmerzen mit großer Geduld ertrug, war glücklich in ihrem Umgange. Jetzt lag sie im Sarge und das gute, alte Gesicht sah so freundlich aus, als ob sie schliefe. In ihren letzten Stunden noch hatte sie von der Not des Vaterlandes geredet und beklagt, daß sie keinen Sohn und keinen Enkel habe, der mit hinausziehe in den heiligen Streit, und dann war die Nachricht von dem Heldentode der Eleonore Prohaska eingetroffen.

Da hatten ihre Augen aufgeleuchtet, in die welken Lippen schoß ein helles Rot, und sie hatte gesagt:

»Kind, wenn ich jung wäre, ich thäte desgleichen.«

Dabei hatte sie Elisens beide Hände gehalten und gedrückt, so daß ein seltsam heißes Empfinden das Mädchen mit einmal durchzuckte … und nun war sie so still, die alte Frau.

Elise weinte nicht, obwohl sie den Tod der Guten schmerzlich empfand, aber sie wollte etwas thun, was der Verblichenen würdig wäre und ihr noch im Jenseits Freude machen könnte. So saß sie, als die alte Dienerin, die mit ihr sich in die treue Pflege der Verstorbenen geteilt hatte, sich entfernte, allein am Sarge. Durch das offene Fenster spielte ein lauer Hauch, und müde Sonnenstrahlen vergoldeten das Gemach.

So traf sie ihre Freundin Anna Lühring, die Tochter des angesehenen und wackeren Zimmermeisters. Sie war jeden Tag gekommen, und die alte Dame hatte an dem frischen Mädchen jederzeit ihre Freude gehabt und gestern noch ihr freundlich zugelacht. Anna umarmte schweigend die Freundin, setzte sich dann neben sie und einige Zeit blieben sie beide stumm. Dann sprachen sie von den letzten Stunden der Entschlafenen, und nun ging Elise das Herz auf und sie redete von der warmen Vaterlandsliebe der alten Frau, und fügte wie unter einem plötzlichen Impulse hinzu:

»Und weißt du auch, Anna, was ich nun thue? – Wenn eine Eleonore Prohaska ihr Blut fürs Vaterland geben konnte, kann ich's auch. Die Lücke, die durch ihren Tod in Lützow's Freischaren geworden ist, will ich ausfüllen.«

Sie war mit leuchtenden Augen aufgestanden und sah prächtig aus, wie sie den feinen Kopf in den Nacken zurücklegte und sich stolz emporrichtete. Auch die Freundin erhob sich und reichte ihr jetzt beide Hände hin:

»Das soll ein Wort sein! Und ich gehe mit. Mich zieht es lange schon hinaus aus der Enge des Vaterhauses, jetzt, da alle Hände gebraucht werden gegen den Feind. Ja, Elise, laß uns zusammen gehen!«

»Und laß uns das geloben hier am Totenbette unserer alten, lieben Freundin, die uns hört und segnet!«

Die Mädchen traten zu beiden Seiten des Sarges und reichten sich über demselben die Hände; Elise aber sprach mit flammenden Wangen:

»So helf uns Gott, daß wir brave Streiter werden für Gott und Vaterland!«

»Amen!« sprach ernst die andere, dann küßten sie sich stumm über die Tote hinweg, und nun setzten sie sich wieder nebeneinander, Schulter an Schulter gedrängt, und flüsternd und mit hastigen Worten redeten sie von ihrem Plane. Heimlich mußten sie gehen, das war klar, denn weder der ehrsame Zimmermeister Lühring, noch Dr. Wendler würden ohne weiteres einverstanden sein mit diesem Entschlusse ihrer Töchter, und die Uniform mußten sie sich in einer andern Stadt unverfänglich erwerben. Anna wußte auch noch weitern Rat. Eine ehemalige Magd ihres Hauses war an einen Hornisten verheiratet und als Marketenderin bei den Lützowern. An die wollten sie sich wenden und vor allem auch sich anschließen. Eintreten wollten sie beide bei den Fußjägern, denn da hoffte Elise ihrem Verlobten nicht zu begegnen, der vielleicht ihr Vorhaben mißbilligt hätte. Auch andere Namen mußten sie wählen, und sie kamen überein, daß Anna als Eduard Krause und Elise als Gotthold Schweizer eintreten sollte; beide wollten vorgeben, Studenten zu sein.

Immer mehr redeten sie sich in die Einzelheiten ihres Vorhabens hinein, und ehe sie auseinander gingen, wiederholten sie noch einmal angesichts der Toten ihren Schwur. Mit freudiger, stolzer Seele blieb Elise zurück, und die Dienerin, welche sie am Abend noch immer zur Seite des Sarges fand, wunderte sich über ihre Ruhe und Seelenstärke. Sie aber wußte, daß sie bald andere, minder friedliche Bilder des Todes schauen werde.

Am andern Tage wurde die alte Frau begraben. Dr. Wendler konnte der Entfernung wegen und da er außerdem sich nicht ganz wohl fühlte, der Beerdigung nicht beiwohnen, und Elise war die einzige Verwandte, welche eine Handvoll Erde in die Gruft fallen ließ.

Wiederum zwei Tage später verließen die zwei Mädchen die Stadt, als ob sie einen Spaziergang unternähmen, aber sie kehrten nicht zurück. Die besorgten Eltern Annas, sowie die alte Dienerin waren in größter Erregung, bis letztere ein Briefchen Elisens entdeckte, welches mitteilte, daß sie mit ihrer Freundin ausgezogen sei in den Dienst des Vaterlands, und daß man sie beide nicht hindern möge in ihrem patriotischen Vorhaben.

Der wackere Zimmermeister war sich zwar nicht ganz klar über die Bedeutung der Worte, aber er kannte sein Kind, das nichts schlechtes thun konnte; ihm schlug selbst das Herz warm für die deutsche Sache, und so beruhigte er sein weinendes Weib – – die Zeit war eben groß und außergewöhnlich, und man faßte Außergewöhnliches auch ruhiger und verständiger auf, als in andern Tagen. Die beiden Mädchen aber erreichten Rotenburg, wo sie einige Uniformstücke sich zu verschaffen wußten, und wanderten nun weiter gegen Lauenburg.

Sie mußten mit Vorsicht wandern, um streifenden Franzosenpatrouillen nicht in den Weg zu kommen, aber der Mut verließ sie niemals, und beim Volke fanden sie überall freundliche und fördernde Aufnahme.

Sie hatten in der Schenke eines abgelegenen Dorfes Rast gehalten. Der gutmütig-geschwätzige Wirt setzte sich zu ihnen und frug nach dem und jenem, woher sie kämen und wohin sie zu gehen gedächten. Sie erzählten ihm, daß sie Lützow aufsuchen wollten, den sie in der Nähe von Lauenburg zu finden hofften. Da erhob sich in einem dunkeln Winkel der Stube ein Mensch, der bis jetzt ruhig dort gesessen und um den sie sich gar nicht gekümmert hatten. Er hatte ein geleertes Branntweinglas neben sich stehen.

Nun kam er an den Tisch heran. Seine ländliche Kleidung war schmutzig und verlottert, sein Gesicht blaß, nur die Augen brannten in unheimlichem, unruhigem Feuer und die Haare lagen verworren um seine Stirne. Er begann mit erregtem Pathos zu deklamieren:

Was glänzt dort vom Walde im Sonnenschein?
Hör's näher und näher brausen.
Es zieht sich herunter in düsteren Reih'n
Und gellende Hörner schallen darein
Und erfüllen die Seele mit Grausen.
Und wenn ihr die schwarzen Gesellen fragt:
Das ist Lützow's wilde, verwegene Jagd!

»Es ist gut, Bastian!« unterbrach ihn der Wirt, der andere aber stand jetzt ganz an dem Tische, stützte seine schmutzigen Fäuste darauf, sah den beiden mit seinen unstät flackernden Augen ins Gesicht und sagte heiser, erregt:

»Zu den Lützowern wollt ihr, ihr Gelbschnäbel? Können euch nicht brauchen, sag' ich euch – ich weiß – sie haben mich auch nicht brauchen können. Laßt's bleiben, rat' ich euch. 's war auch nur einer darunter, der war etwas wert – die andern sind Hähnchen, Hähnchen … und der eine liegt bei Wöbbelin unter einer Eiche. Ich wollt', ich könnt' ihn herausscharren mit diesen Nägeln da … und ich scharre ihn noch heraus, denn ich – ich war's …«

Der Mensch fing plötzlich an zu schluchzen, schlug beide Hände vors Gesicht und rannte hinaus. Verdutzt und aufgeregt sahen die beiden Freundinnen ihm nach, der Wirt aber sprach:

»Er ist verrückt und erzählt, er habe Theodor Körner bei Gadebusch erschossen. Es wird berichtet, daß er zur Nachtzeit immer auf dessen Grabe sitze, und am Morgen war die Erde wirklich öfters aufgewühlt. Er ist ein unheimlicher Geselle, ein versoffener Bursche …«

Den beiden grauste es, und bald brachen sie auf. Vor dem Dorfe draußen, an einem Waldrande im Graben lag der Bursche, mit seinen irren Augen starrte er ihnen entgegen, so daß sie beinahe sich gefürchtet hätten, und da sie herankamen, stand er auf, zog die Mütze ab und trat ihnen in den Weg.

»Sagt's keinem, daß ich ihn erschossen habe« – sagte er flüsternd – »ich hab's auch nicht gewollt, die Kugel ging daneben … schenkt mir etwas, schenkt mir etwas!«

Sie gaben ihm einige Münzen; er sah dieselben an, nickte wie zum Danke, dann schwenkte er seine Mütze, schrie jauchzend: »Branntwein! Branntwein!« und rannte spornstreichs wieder dem Dorfe zu.

Die beiden ergriff ein Gefühl des Ekels, stumm faßten sie einander an der Hand und setzten ihren Weg fort. Als sie näher gegen Lauenburg herankamen, erfuhren sie, daß die Stadt von Franzosen besetzt sei, während zwei Meilen davon, um Lüneburg, der General Tettenborn lagerte, bei dessen Korps sich die Lützower befanden, daß aber eine Infanterieabteilung der letzteren bei dem Fährplatz Hohnsdorf, Lauenburg gegenüber, am andern Elbufer liege in einer befestigten Schanze, um den Feind zu beobachten.

Dahin wendeten sie sich und meldeten sich bei dem Kommandierenden, dem Grafen Nostitz, der sie sofort annahm und die weitere Meldung an das Oberkommando veranlaßte. So waren die beiden Mädchen Lützower geworden und sahen sich freundlich und herzlich von ihren Kameraden begrüßt. Im Anfange war es ihnen seltsam unter den fremden Männern, aber das war rasch genug überwunden, und wie sie sich in ihre männliche Tracht und ihre männlichen Namen gefunden, fanden sie sich auch bald in das neue Leben und Treiben. Waren es doch zumeist nicht ungebildete Leute, die hier beisammen waren und die trotz des Kriegslärms nicht die Künste und die Heiterkeit des Friedens vergaßen. In müßigen Stunden konnte man es sehen, wie der eine sein Tagebuch führte, der andere zur Laute sang, ein dritter wohl gar Verse machte, und mitunter geschah es auch, daß, wenn die Mädchen aus dem Orte sich sehen ließen, ein heiterer Tanz auf einer Tenne improvisiert wurde.

Dann gab es freilich wieder Stunden, in welchen das Pfeifen der französischen Flintenkugeln die unheimliche Musik machte, denn zwischen Lauenburg und Hohnsdorf war die Elbe nur auf Fähren zu passieren, und diese Fähren waren in der Hand des Feindes, der mehrmals Versuche machte, den Posten der Lützower zu vertreiben. Als zum ersten Male die Schüsse um die beiden Mädchen knatterten, war es ihnen doch etwas bange und wunderlich zu Mute, aber sie sahen einander ermutigend an, bissen die Zähne aufeinander und Gotthold Schweizer sprach zu Eduard Krause: »Denk' an Eleonore Prohaska!«

Da traf eines Tages eine Verstärkung von etwa 20 Mann ein, geführt von dem Oberjäger Walther, der wie immer seinen Hund zur Seite hatte, und Flott hatte sich sein Ansehen im ganzen Korps erworben. Als Elise – oder Gotthold Schweizer – ihn sah, erschrak sie, denn sie erkannte sofort den Freund ihres Bräutigams, den sie im Rosenthal in Leipzig an seiner Seite gesehen hatte. Auch er schaute sie lange an und sagte dann:

»Ich weiß nicht, an wen Sie mich erinnern, aber Ihr Gesicht muß ich schon einmal gesehen haben. Na, Gott willkommen, so junges, frisches Blut können wir wohl brauchen!«

Der Alte hatte von der ersten Stunde ab ein seltsames Interesse für die beiden Neulinge gewonnen, die er in der Führung der Waffe unterwies, und mit denen er in müßigen Stunden gern plauderte. Dabei sah er Schweizer immer wieder an und schien in seinem Gedächtnisse zu wühlen, daß es dem jungen Blute dabei manchmal unbehaglich wurde.

So war der 9. Oktober gekommen. In der Nacht zum 10. sollten die beiden Neulinge zum ersten Male auf Vorposten stehen und waren hinausgerückt an die Elbe. Die Nacht war schwül und dunkel gewesen und Wetterwolken deckten den Himmel, so daß kein Sternlein sich herauswinden konnte aus dem düstern Mantel. Gegen Morgen begann es zu blitzen und grollende Donner dröhnten. Da standen die zwei jungen Menschenkinder und fühlten sich von einem heimlichen Grausen erfaßt. Über ihnen der Aufruhr des Himmels, dem sie stand halten mußten, und jenseits der Elbe der Feind. Wie, wenn derselbe die Wetternacht benutzte zu einem Überfalle? Der Wind fauchte, die Wellen der Elbe rauschten, sonst war nichts zu vernehmen, und die Augen vermochten nicht die Dunkelheit zu durchdringen.

Da flammte ein Blitz auf, und in seinem Lichte stand beinahe hart vor ihnen eine hohe Gestalt. Die beiden schraken zusammen, aber im nächsten Augenblicke standen sie mit erhobener Waffe und riefen die Erscheinung an.

Eine ernste Stimme sagte das Paßwort und fügte bei:

»Oberjäger Walther! Alles in Ordnung auf Vorposten?«

»Jawohl, Herr Oberjäger, nichts neues vor dem Feinde!« erwiderte Elise, der Alte aber sagte:

»Das ist ein unheimliches Wetter, solch' Stürmen und Blitzen und Donnern und dabei kein Tropfen Regen! In solchen Stunden stumm und müßig hart vor dem Feind zu liegen, ist unbehaglich, und ein Mann mehr in solcher Lage nicht zu verachten. Ich will euch ein wenig Gesellschaft leisten, Kinder.«

Den beiden konnte es recht sein, und während sie alle drei nun unverwandt in das Dunkel hinaus spähten, gegen Lauenburg hinüber, gingen leise Worte hin und her. Es waren indes einige Regentropfen gefallen, und dann schien es, als ob die schweren Wolken weiter zögen nach Süden zu. Die Posten vermochten wieder freier Ausschau zu halten, und der Oktobermorgen graute.

Walther mit seinem scharfen Jägerauge schien Befremdliches zu bemerken. Er ging bis hart an das Ufer des Flusses vor, kehrte dann rasch zurück und sagte:

»Wenn nicht alles trügt, so fahren die Schelme auf der Höhe da drüben Geschütze auf, und dann dürfen wir eines harten Angriffs gewärtig sein. Krause, eilen Sie nach der Schanze und machen Sie dem Grafen Nostiz Meldung; ich will indes mit Schweizer hier bleiben.«

Anna Lühring eilte von dannen, der Förster aber trat jetzt dichter an seinen jungen Gefährten heran und sagte, indes ihm die Stimme vor Erregung bebte:

»Nun weiß ich, wer Sie sind. Als der Blitz vorhin aufzuckte und Ihr Gesicht erhellte, da hat er mich einen Augenblick erinnert an Eleonore Prohaska, und ich wußte, daß auch Sie ein Weib sind – Elise Wendler.«

Die so Angeredete griff nach der Hand des Alten:

»Um Gottes willen, schweigen Sie! Lüften Sie nicht den Schleier von dem, was verborgen bleiben soll, wahren Sie mein Geheimnis!«

»Ja, aber ich habe die Verantwortung für Sie und für Ihr Leben gegen Konrad Schmidt, er würde mir's niemals verzeihen, wenn Ihnen ein Unglück passierte, nachdem ich weiß, wer Sie sind. Kind, Kind – alle Achtung vor Ihrem Mute, aber Weibersache ist's eigentlich nicht, sich herumzuschießen und herumzuschlagen, und daß ich mit Angst und Bangen einem Kampfe entgegensehe, solange Sie neben mir in diesem Rocke stecken, das dürfen Sie mir glauben.«

»Ist denn unser Blut zu schlecht fürs Vaterland?« sagte lauter, in aufwallender Begeisterung das Mädchen.

»Herrgott, nein – aber so lang' es noch Männer giebt, bedarf es nicht der Weiber im Streite!« erwiderte beinahe unwirsch der Alte, indes er unausgesetzt nach den Lauenburger Höhen hinüberschaute.

»So denken Sie, der August Renz, die Eleonore Prohaska, wär' noch neben Ihnen, und was Sie der gegönnt haben, das gönnen Sie mir auch. Sie schweigen und lassen mich gewähren, ja?«

Sie hielt ihm die Hand hin, und grollend beinahe sprach er:

»Was will ich machen? – 's ist auch jetzt nicht Zeit, weiter davon zu reden. Da drüben wird's unheimlich munter. Sehen Sie?«

Am andern Elbufer zeigten sich im Dämmerlicht des Morgens Truppen, und wenn nicht alles täuschte, lagen einige große Fähren bereit. Walther überlegte nicht lange; er riß sein Gewehr von der Schulter und gleich darauf krachte ein Schuß durch den stillen Morgen.

»Das wird unsere Leute schneller munter machen, und die Schelme da drüben sollen wissen, daß wir nicht unvorbereitet sind. Knallen Sie auch los!«

Elise folgte dem Geheiß; ihre Wangen brannten, ihr Herz schlug rascher, und eine merkwürdige Kampfesfreudigkeit überkam sie. Noch zweimal hatte sie, dem Beispiele ihres Gefährten folgend, geladen, noch vier Schüsse waren nach der Elbe zu gefallen, von der Schanze her aber wurde es lebendig. Im Laufschritt kam es heran und bald war Graf Nostiz bei den zweien und übersah die Lage der Dinge. Es war kein Zweifel, daß die Franzosen einen stärkeren Angriff gegen Hohnsdorf unternehmen wollten. Am jenseitigen Ufer setzten sich jetzt einige Fähren in Bewegung, und gleichzeitig dröhnten die dumpfen Grüße der aufgestellten Geschütze.

Das Wetter hatte sich völlig verzogen, es war klar geworden, und man erkannte beinahe die Gesichter der Feinde, als sie in der Mitte des Flusses waren. Hinter kleinen Erdwällen, die schon vordem aufgeworfen waren, flach auf dem Boden, lagen die Lützower Jäger, und die feindlichen Geschosse sausten im Bogen über sie hin, wühlten sich in die Erde und sprangen meist, ohne einen Schaden zu thun. Als die erste Fähre in den Schußbereich kam, eröffneten die Lützower ihr Feuer, und nun krachte und knatterte es unheimlich durch den Oktobermorgen.

Der ersten Fähre folgte eine zweite und eine dritte, und es mochten wohl gegen 400 Mann sein, die gegen das kleine Häuflein in Hohnsdorf heranrückten. Die erste Fähre kam dem Ufer unaufhaltsam näher. Auch ihre Besatzung lag flach auf dem Boden des Fahrzeuges, aber da sie landen wollte, und ihre Mannschaft sich erhob, schlugen die Kugeln der Lützower so dicht und sicher ein, daß eine Verwirrung entstand, ein Drängen und Stoßen, wobei mancher hinabstürzte in die Fluten. Die erste Fähre war unschädlich gemacht, und indem sie zurückwich, wurden auch die andern zurückgedrängt. Am Lauenburger Ufer ordneten sich die Franzosen aufs neue und hatten zweifellos die Absicht, den Angriff zu wiederholen. Wiederum donnerten ihre Geschütze, Granatsplitter flogen umher und verletzten einige Leute, darunter den Grafen Nostiz, das aber entflammte erst recht den Mut des kleinen Haufens.

Nur Walther war es nicht behaglich; nicht um seinetwillen, sondern des jungen Blutes wegen, das er nicht von seiner Seite ließ und mit seinem eigenen Leibe zu decken bemüht war. Manchmal warf er einen Blick auf Elise, aber er schaute in leuchtende Augen und auf heiße Wangen, und zuletzt zog es doch beinahe wie Freude und Begeisterung in sein eigenes Herz ein, wenn er sah, wie furchtlos und mutig die Vaterlandsliebe auch ein schwaches Weib machen konnte. Gott würde sie schon in seinen Schutz nehmen – das war's, womit er zuletzt sich getröstete, als eben wieder die französischen Fähren herannahten und das Geschützfeuer heftiger wurde.

Wiederum krachten die unermüdlichen Büchsen der Lützower, aber trotz alledem hatte die erste Fähre beinahe das Hohnsdorfer Ufer erreicht, da erkannte Walther auf dieser die Abzeichen eines höheren Offiziers. Er behielt sie scharf im Auge, und wie der Träger derselben sich bewegte und das Haupt ein wenig hob, krachte der sichere Schuß des Försters. Der Erfolg zeigte sich beinahe augenblicklich. Der Getroffene sprang auf, that einen Satz zur Seite, überschlug sich und stürzte in die Wellen. Mit seinem Falle kam Entsetzen über die andern. Wie in einem aufgescheuchten Ameisenschwarme wimmelte es auf der Fähre durcheinander, alle stießen und drängten, und in den dichteren Knäuel schlugen die Kugeln vom Ufer her ein. Die meisten Franzosen sprangen in das Wasser und suchten schwimmend die nächste Fähre zu erreichen, aber sie trugen auch dorthin Erregung und Verwirrung, und zum zweiten Male wendete man sich zurück gegen Lauenburg.

Ein fröhliches, begeistertes Aufjauchzen, ein lautes, helles Hurra klang den Franzosen nach, die trotz alledem noch einen dritten Angriff versuchten, aber auch dieser ward durch das wirksame Feuer der Angegriffenen zurückgeschlagen. Da verstummten endlich auch die Geschütze von der Lauenburger Höhe; die Sonne, welche sich aus dem zerstreuten Gewölk herausgewunden, leuchtete milde über die Hohnsdorfer Schanze, hinter der sich die tapfern Verteidiger jetzt behaglich gelagert hatten und ihres Sieges sich freuten.

»Nun, hab' ich's brav gemacht, Herr Oberjäger?« frug Elise den Förster, der mit Wohlgefallen ihr frisches Gesicht betrachtete.

»Ja, das haben Sie, und Gott erhalte Ihnen Kraft und Mut und – Glück,« sagte beinahe wehmütig der Alte.

»Aber nun versprechen Sie mir auch eins: Daß Sie gegen jedermann schweigen wollen von dem, was Sie wissen – hören Sie, gegen jedermann? – Ja?«

Sie reichte ihm die schmale Hand hin, die er zwischen seine beiden braunen Hände nahm:

»Was will ich denn machen? – Ich hab' die Prohaska sterben sehen, und es war ein schöner, glücklicher Tod, und ich hab' dabei vergessen, daß es ein Weib war. Ich will's auch diesmal vergessen und will eben meinen, ich hätt' einen braven, jungen Kameraden, den ich freilich nicht von meiner Seite lassen darf, denn seit ich ihn kenne, bin ich für ihn verantwortlich, und wenn etwas schief geht, habe ich's mit Konrad Schmidt zu thun.«

»Er vor allem soll keine Ahnung haben davon, daß seine Braut ihr Blut nicht höher achtet, als er das seine. Also abgemacht, Herr Oberjäger!«

»Nun, in Gottes Namen – abgemacht. Aber sagen Sie mir – der andere, mit dem Sie gekommen sind, der … der Krause – ist wohl auch eigentlich kein Student?«

»Nein! Sie sollen auch das noch wissen; es ist meine Freundin Anna Lühring aus Bremen, und was für mich gilt, das gilt auch für sie.«

Der Förster brummte etwas vor sich hin, aber zu antworten fand er eigentlich nicht Zeit, denn eben kam eine kleine Schar von Reitern von Bleckede her angesprengt. Walther und Elise hatten sich etwas seitab von den andern gelagert und mußten sie zuerst kommen sehen. Es waren Lützower, daran konnte kein Zweifel sein, und als der Förster schärfer hinsah, sprang er mit einmal auf.

»Das ist Konrad Schmidt! Nun sehen Sie, daß Sie weiter kommen, sonst stehe ich für nichts, und drehen Sie ihm hübsch den Rücken, wenn er vorüberkommt – das heißt, wenn Sie's übers Herz bringen.«

Elise fühlte, wie das Herz ihr erregter schlug, aber ohne eine Erwiderung huschte sie fort und hielt nicht eher an, als bis sie unter einer abseits lagernden Gruppe von Kameraden sich befand. Walther aber war den Reitern entgegengetreten, und Konrad schwang sich, als er ihn erkannte, aus dem Sattel. Gleich darauf drückten sich beide Männer herzlich die Hände.

»Was führt dich denn her, Konrad?« fragte der Förster, indem er neben dem Freunde, der sein Pferd am Zügel führte, herging.

»Ein Rekognoszierungsritt. Wir kommen von Boitzenburg, sind bei Bleckede über die Elbe gegangen, und da wir hier schießen hörten, wollten wir sehen, was es gegeben hat.«

»Eine kleine Morgenarbeit. Die Franzosen haben uns einen Besuch machen wollen auf einigen Fähren, aber wir haben dankend abgelehnt. Wie steht's bei dem Korps?«

»Soweit gut, und müßig sind wir auch nicht; man munkelt jetzt von einem Plane des Generals Tettenborn, an die Weser vorzudringen und den Marschall Davoust von seinen Verbindungen mit Bremen abzuschneiden, ja eventuell einen Handstreich gegen letztere Stadt zu unternehmen – freilich geht das alles ja im Geheimen. – Nun, und Ihr?«

»Ja, wir und die Franzosen gucken einander, so zu sagen, in die Fenster – 's ist mitunter etwas langweilig, und eine kleine Abwechslung, wie heute morgen, thut ordentlich wohl. Aber wenn man uns eine Handvoll Leute zur Verstärkung schicken wollte, könnten wir sie brauchen, das kannst du wohl an gelegenem Orte anbringen!«

»Das soll geschehen! – Aber weißt du, alter Freund, daß du frischer und vergnügter aussiehst? … Hast du von Jakob Nachricht?«

»Bis jetzt keine, aber ich habe eine Ahnung, daß er's ernst meint und mir fürder keine Schande machen will, wie dieser Kerl, der Bastian, seinem braven Vater thut!«

»Ja, der Bastian! … Weißt du auch, daß er sich noch immer in der Gegend aufhält und sich benimmt wie ein Verrückter? Er ist bald da, bald dort gesehen worden, am meisten bei Wöbbelin, und soll wunderliche Reden führen, so daß man meinen könnte, er habe die Kugel gegen unsern Körner abgeschossen …«

»Um Gottes willen – so weit wird's mit ihm doch nicht gekommen sein?«

Konrad senkte den Kopf und schwieg. Sie waren auch bei den andern angekommen, die einigermaßen verwundert die Reiter anschauten, und Schmidt kommandierte seine Leute zum Absitzen und zur Rast. Dann meldete er sich bei dem Befehlshaber der Hohnsdorfer Schanze, und nachdem dies geschehen, suchte er wieder den alten Freund auf, an dessen Seite zu traulichem Plaudern er sich niederließ. Auch von Elise sprach er, und wie er schon längere Zeit nichts von ihr gehört habe; er nahm ein vertrocknetes Zweiglein aus seiner Brieftasche, schaute es an mit Wehmut und Freude, ahnte aber nicht, daß zur selben Zeit ein leuchtendes Augenpaar glücklich und sehnsüchtig an ihm haftete.

Im Laufe des Nachmittags kam noch eine andere Reiterschar von Artlenburg her. Die Leute waren nur teilweise uniformiert, aber sämtlich bewaffnet, und an ihrer Spitze auf einem starkknochigen Pferde ritt ein grauhaariger Mann. Es hatte nichts Befremdliches, und jeder wußte, daß es Freiwillige waren, oder Leute, die ein vermögender Mann, ein Grundbesitzer, für seinen König auf eigene Faust angeworben hatte. Als die Reiter an Walther und Schmidt vorüberkamen, sprang der Letztere plötzlich auf, und ein Erbleichen flog über sein gebräuntes Gesicht:

»Herr Bastian!« schrie er auf; der andere aber hielt seinen Gaul an, und da er Konrad erkannte, rief er:

»Gott zum Gruß, Herr Lieutenant, und da komm' ich selber mit meinen alten Knochen und bringe meinem König noch ein Dutzend brave Burschen mit; ich denke, daß man uns wird brauchen können. Ich hab's daheim nicht mehr ausgehalten, zumal ich von meinem Jungen nichts mehr gehört habe. Er lebt doch … oder ist ihm etwas Menschliches passiert?«

Der alte Herr war im nächsten Augenblicke von seinem Gaul gestiegen, und sein frisches Antlitz war fahl geworden.

»Walther, bringe die Leute einstweilen unter!« bat Konrad, und der Förster verstand ihn. Er selber nahm die Zügel von Bastian's Pferde und forderte die andern auf, ihm zu folgen, Schmidt aber stand einige Sekunden schweigend vor dem Gutsherrn. Dieser stieß jetzt erregt hervor:

»Er ist tot! Sagen Sie mir's ruhig, Konrad, und Sie sollen sehen, daß ich's wie ein Mann trage – ich hab' ihn ja fürs Vaterland gegeben und für meinen König. Freilich die Alte – die Mutter – wie sie's tragen wird! – Nun, wo ist er geblieben?«

Schmidt griff tiefbewegt nach den Händen des alten Herrn und zog ihn sachte beiseite unter einen dichten überhängenden Strauch; dort sprach er dumpf und schweratmend:

»Ihr Sohn lebt!«

»Er lebt? – Aber was ist's mit ihm? – Um Gottes willen, was ist's? – Denn es muß etwas sein – es muß etwas Schreckliches sein, was Ihnen nicht über die Zunge will. Hat er eine Schlechtigkeit begangen?«

»Fassen Sie sich, Herr Bastian. Man hat ihm Feigheit vorgeworfen im Gefechte bei Göhrde, und die Kameraden haben nicht mehr mit ihm dienen wollen.«

Der Gutsherr wankte und Konrad mußte ihn stützen; sein Atem ging keuchend:

»Als Feigling ausgestoßen? – Tierschinder – Feigling – mein Sohn!«

Er ließ das Haupt sinken, und Thränen rollten ihm jetzt über die Wangen. Konrad that der Jammer des braven Mannes in tiefster Seele weh, und er suchte ihn zu beruhigen. Jener aber sprach:

»Sie meinen es gut, recht gut – aber was nützt das mir? – Sehen Sie, ich kam her mit der Freudigkeit eines Jünglings und wollte nun Seite an Seite mit meinem Jungen kämpfen und, wenn es sein müßte, bluten, und mein Weib hat mich gehen lassen mit schwerem Herzen, aber doch als ein echtes, braves, deutsches Weib – und nun darf ich nicht eintreten in ein ehrliches Korps, denn mein Name ist beschimpft, und jeder von den wackern Burschen, die ich mitgebracht habe, kann mich über die Achsel ansehen … o mir bleibt nichts übrig, als eine Kugel in den Schädel, denn so kann ich nicht heimkehren … ich müßte mich schämen mein Leben lang.«

In seiner Erregung riß er ein Pistol heraus und wendete es gegen sich, aber Schmidt fiel ihm in den Arm.

»Da sei Gott vor! So liegen die Dinge nicht, und daß Sie ein Ehrenmann sind, daran hat keiner ein Recht zu zweifeln. Aber auch Ihr Sohn ist nicht verloren. Wir haben's erlebt in diesen Tagen, daß der Sohn eines braven Kameraden, der noch viel tiefer gesunken war, als der Ihrige, sich wiederfand und nun im treuen Dienste des Vaterlandes steht … und man darf in unsern Tagen an keinem verzweifeln, so lang er noch lebt.«

Bastian steckte das Pistol beiseite, und kleinlaut fragte er:

»Und wo ist der Junge?« –

»Ihn zieht's, wie es scheint, zu seinem alten Korps. Er ist wiederholt gesehen worden in der Gegend, verstört und krank …«

Da erfaßte den alten Mann ein anderes Gefühl, das der Vaterangst und der Vaterliebe.

»Krank, sagen Sie? – Wäre es möglich, daß die Krankheit ihn ängstlich, feige gemacht hätte? – Glauben Sie das, daß es möglich sei – dann könnte ja alles noch gut werden.«

Schmidt wollte dem erregten Vater nicht das letzte Fünkchen eines freundlichen Hoffens rauben; er bestätigte gern die Frage, und nun litt es Bastian nicht länger mehr, er wollte fortreiten und überall fragen nach seinem Jungen und ihn überall suchen. Seine Gefährten sollte Konrad mitnehmen und sie dem Major von Lützow zuführen. Nur mit Mühe konnte der Gutsherr bewogen werden, sich an einem einfachen Imbiß zu beteiligen. Dann stieg er in den Sattel, reichte mit stummer Innigkeit Konrad die Hand und trabte davon.

Er ritt die Nacht beinahe bis an den Morgen, dann gönnte er sich erst einige Stunden Rast, aber bald begann er auf's neue seine Nachforschungen. Ja, man hatte seinen Sohn da und dort gesehen, überall hatte er verwirrte, sonderbare Reden geführt, überall getrunken und – gebettelt: Dem Vater wollte es das Herz zerreißen bei solcher Nachricht, und das Mitleid überwog bei ihm noch den Abscheu. Die letzten Nachrichten, die er in Kraak erhielt, deuteten darauf, daß er gegen Wöbbelin sich gewendet habe, und dahin wandte sich auch der Gutsherr.

Der Abend war bereits hereingebrochen und der Mond war aufgegangen, der mit seinem milden Lichte die Gegend überflutete, als er an Wöbbelin herankam. Er sah den Ort drüben an der Straße liegen, still und friedlich, aber seitwärts von seinem Wege erblickte er auch zwei einsame Eichen, und er wußte, daß dort in deren Schatten sich einige Heldengräber befanden. In einer beinahe wehmütigen Stimmung ritt er darauf zu. Als er fast ganz herangekommen war, sah er, wie es sich im Schatten bei einem der Hügel regte, und er vermochte jetzt einen Menschen zu erkennen, der an einem Grabe wühlte und arbeitete. Eine seltsame Aufregung überkam Bastian, zumal jener, der auf dem weichen Grunde den Hufschlag des Pferdes nicht hören konnte, sich gar nicht stören ließ. Er stieg ab, schlang den Zügel seines Pferdes um einen Strauch, kam noch näher, und plötzlich, wie von einer schlimmen Ahnung ergriffen, rief er den Namen seines Sohnes. Da schreckte der Mensch auf dem Hügel auf, that einen lauten Schrei und wandte sein Gesicht her; dann sank er auf die Kniee und rief mit aufgehobenen Händen:

»Vater!«

Bastian war tief erschüttert.

»Hermann, du? – Was machst du hier?« fragte er, indem er ganz nahe an den Knieenden herantrat. Dieser aber zeigte auf den zerwühlten Hügel und sagte irr und hastig:

»Den da wieder herausholen! Weißt du, wer hier schläft? – Theodor Körner, der die schönen Lieder gemacht hat – – Das ist Lützow's wilde, verwegene Jagd … ja, er war unser Stolz, er war ein prächtiger Junge … und – aber sprich's nicht weiter, hörst du! – und ich bin's gewesen, der ihn erschossen hat!«

Und der Unselige heulte auf wie in tiefen Schmerzen, der Alte aber wurde von Grauen und Mitleid durchschüttert.

»Steh auf, Hermann, du bist krank … komm, das alles ist ja nicht wahr, was du sprichst – komm zu deiner Mutter!«

Unheimlich lachte der Bursche auf:

»Nicht wahr? – O, es ist wahr – bei Gadebusch ist's geschehen, aber ich hab's nicht gewollt, bei Gott, das hab' ich nicht gewollt! Warum haben sie mich weggestoßen wie einen Hund – warum? – Das Hähnchen, ja, das Hähnchen … ihn hat's treffen sollen … aber der Teufel hat die Kugel gelenkt … der Teufel!«

Den Gutsherrn überrieselte ein kalter Schauer; daß etwas Fürchterliches geschehen sein mußte, war ihm ebenso klar, als daß sein Sohn krank war, und das stand fest, er mußte ihn mit sich nehmen, er durfte ihn hier nicht verkommen lassen in Irrwahn und Elend. So erfaßte er ihn am Arme, aber der Bursche riß sich los, und mit dem Schrei: »Ich lasse mich nicht fangen!« rannte er in wilden Sätzen davon.

Der Vater eilte hinterdrein, fortwährend rufend und bittend. Da erst erinnerte er sich seines Pferdes; mit keuchender Brust lief er zurück, schwang sich in den Sattel und jagte dem Flüchtigen nach. Er hatte nur seinen Schatten noch gesehen, aber bald schien er ihn erreichen zu können. Da durchschnitt ein breiter, steil abfallender Graben das Gelände. In demselben verschwand Hermann, aber bald darauf kletterte er an der andern Seite empor und rannte mit wildem Hohngelächter einem nahen Walde zu. Der alte Herr jedoch erkannte, daß er hier die Verfolgung aufgeben müsse, und todestraurig ritt er langsam wieder zurück.

Bei den zwei Eichen hielt er an. Er stieg ab und trat an den Hügel Theodor Körners. Der Mondschein sickerte durch die Zweige und streute silberne Flocken über das Grab des jungen Helden, und Bastian wurde es wehmütig zu Sinne. Warum konnte sein Sohn nicht dieses Schicksal haben? – Er hätte um ihn geweint, aber Thränen des Schmerzes und des Stolzes zugleich! Er stand lange in tiefer Bewegung, dann brach er einen Eichenzweig und legte ihn auf den Hügel nieder, auf dem er die Erde wieder geglättet hatte, schwang sich auf das Pferd und ritt nach Wöbbelin, um dort Nachtrast zu halten.

Am andern Morgen begann er wieder die Nachforschungen nach seinem Sohne, aber er vermochte seine Spur nicht mehr zu finden.