Nebel wogten über das Elbthal und das Thal der Boitze, und der Oktobermorgen brach grau und kühl an. Hornsignale und Trommelklang gingen durch das Lager des Generals Tettenborn bei Boitzenburg, und die hier gesammelten Truppen stellten sich in Marschordnung. Jetzt setzte sich der General an die Spitze der etwa 800 Kosaken, die den Zug eröffneten, und nun ging es hinein in den grauenden Tag. Hinter den Kosaken ritt der alte Rittmeister Fischer, der ab und zu sich vergnügt den weißen Bart strich, denn wenn es zu einem frischen, waghalsigen Handstreiche ging, war er stets guter Dinge, und mit den 400 braven Reitern hinter sich, unter denen auch Schmidt und Zander sich befanden, fürchtete er sich vor dem Satan nicht; es steckte in dem Alten etwas vom Blute des wackeren Marschall Vorwärts, des prächtigen Blücher. Dann marschierten etwa vierthalbhundert Mann Lützower Infanterie unter Lieutenant Müller. Unter ihnen war Walther und die beiden Freundinnen, denn das Hohnsdorfer Kommando war teilweise abgelöst und durch andere Truppen ersetzt worden. Den beiden Mädchen aber schlug das Herz höher, denn es sollte ja gegen Bremen gehen und dieser Stützpunkt den Franzosen entrissen werden. Das Reichesche Jägerbataillon und einige reitende Geschütze vervollständigten die kleine Armee, die frohgemut, wenn auch mit großer Vorsicht ihres Weges zog gegen Bleckede, wo sie die Elbe übersetzte, und dann in Eilmärschen weiter über Bienenbüttel und Soltau nach Visselhövede.
Der Weg war nichts weniger als gut. Stundenlang ging es durch pfadlose Heide, dann wieder durch sumpfiges Moorland, und dazu kam, daß es regnerische Tage waren, so daß besonders die Geschütze nur mit den größten Schwierigkeiten weitergebracht werden konnten, und daß die von der Infanterie requirierten Wagen auf den grundlosen Wegen teilweise stecken blieben.
So hatte man Verden erreicht, aber trotz aller Ermüdung ward doch nur eine kurze Rast von drei Stunden gegönnt und noch in der Nacht sollte der Marsch gegen Bremen fortgesetzt werden. Walther sorgte in dieser kleinen Frist nicht für sich, sondern für die beiden Mädchen, um die er manche Sorge schweigend trug; er verschaffte ihnen ein gutes Abendbrot, ein bequemes Lager, während er selber mit seinem treuen Hunde selbst in diesen Raststunden den Schlaf nicht suchte. Bald erklangen auch die Signale wieder, und der Marsch ging hinein in die rauhe, nebelfeuchte Nacht.
An demselben Abend aber hatte an der Straße nach Bremen in einem Gehölz ein verwildert aussehender Bursche gelegen. Er war hinter Tettenborns Schar gekommen, die er nicht aus den Augen verlor, und war derselben auch ab und zu vorausgeeilt, sie umschwärmend wie ein Hund die ihm anvertraute Herde. Es war Bastian. In seiner gestörten, erregten Seele lebte ein wunderlicher Zug, der ihn immer wieder hindrängte zu den Lützower Reitern; es war wie Haß und Anhänglichkeit zugleich. Er konnte von den Spuren derer nicht weichen, die ihn von sich gestoßen hatten, und an denen er andererseits nach seinem Empfinden wieder gut zu machen hatte, was er ihnen angethan, indem er einen der besten ihnen raubte.
So hatte er die Truppen auch diesmal umschwärmt und war ihnen gegen Bremen zu vorausgeeilt. Es wäre ihm ein leichtes gewesen, den Anschlag dem französischen Kommandanten in jener Stadt zu verraten, aber Bastian haßte die Franzosen heißer, als er es sonst gethan, weil sie nach seinem Glauben die Ursache waren, daß Körner durch seine Kugel gefallen war, und so that er ohne Auftrag lieber Spionendienste im Interesse Tettenborns und der Lützower.
Wie er so dalag und wie in wirren Träumen die seltsamsten Bilder an sich vorübergleiten ließ, hörte er durch die Nacht Hufschlag. Er lauschte, woher er kam, stützte sich auf den Arm und spähte. Jetzt sah er den Reiter, der in der Richtung gegen Bremen sprengte, und wie er sich näherte, erkannte er auch die französische Uniform. Es war ein Chasseur, der offenbar Kurierdienst that, und in die Seele Bastians schoß mit einem Male der heiße Haß. Er wußte zunächst selbst nicht, was er wollte, aber er griff nach einem großen Feldsteine, der neben ihm lag, und seine Augen glühten unheimlich auf.
Der Kurier kam rasch daher, ohne zur Rechten oder zur Linken zu sehen. Da traf der Steinwurf sein Pferd, das bäumte sich hoch auf, warf den überraschten Reiter aus dem Sattel und jagte wild davon, in die Nacht hinein. Auf den Chasseur, der halbbetäubt am Boden lag, stürzte sich ein Mensch gleich einer wilden, zornigen Katze und umklammerte den Hals des Mannes, der vergebens sich bemühte, von seiner Waffe Gebrauch zu machen. Der Angreifer sprach nicht, aber er knirschte wie in rasender Wut mit den Zähnen, und seine Fäuste umklammerten mit Riesenkraft den Franzosen. Der fühlte, wie seine Kräfte erlahmten, wie die Sinne ihm schwanden, und als er zurücksank, riß ihm sein Gegner den Säbel aus der Scheide und bohrte ihn mit einem wollüstigen Grimme zwei-, dreimal in den Leib des Unglücklichen.
Ein triumphierendes Lächeln ging über das Gesicht Bastians; er horchte, ob der Franzose noch atme, und dann fühlte er an dessen Leibe herum, bis er die kleine Ledertasche fand, welche wohl wichtige Nachrichten bergen mochte. Er riß sie an sich, erhob sich, warf noch einen Blick nach seinem Opfer und eilte nun in die Nacht hinein in der Richtung gegen Verden.
Er mochte mehr als eine Stunde gelaufen sein, als er das Geräusch herannahender Pferde vernahm; er wußte, es waren Tettenborns Kosaken, und in einer Aufregung, die ihn fast alle Vorsicht vergessen ließ, rannte er ohne weiteres in deren Vortrab hinein.
»Wo ist der General?« schrie er deutsch und französisch und hielt dabei die Kuriertasche hoch in der Hand. Man ließ ihn durch, und so kam er bis zu Tettenborn, dem er seinen Raub übergab. Der öffnete gewaltsam die Tasche und entnahm ihr ein Schreiben, das er bei der schlechten Beleuchtung einer Wagenlaterne, die herbeigeschafft worden war, mühsam entzifferte. Es enthielt eine Mitteilung an den Oberst Thuillier, den französischen Kommandanten von Bremen, betreffs des geplanten Überfalls dieser Stadt und stammte von dem Befehlshaber eines französischen Postens in Ottersberg.
Tettenborn ließ sogleich eine Abteilung Kosaken gegen diesen Ort aufbrechen, um sich dieses Postens zu bemächtigen (was auch durch glückliche Überrumpelung gelang), dann wollte er dem Burschen, der die wichtige Botschaft in seine Hände gebracht, danken, aber Bastian war wie in die Erde versunken. An den Kosakenpferden vorbei war er in die Nacht hinausgeeilt, und bald folgte er wieder wie ein treuer Schatten dem Zuge der kleinen Armee.
Um sieben Uhr morgens kam diese vor Bremen an. In der Vorstadt vor dem Osterthore und im Dorfe Hastede waren zwei feindliche Kompagnien untergebracht. Mit lautem Hurra brachen die Lützower Reiter über dieselben herein, ehe sie noch ihre Sammelplätze erreichen konnten, und hieben die meisten nieder; nur wenige retteten sich in die Stadt und zogen hinter sich die Zugbrücke auf, welche über den ziemlich tiefen und mit Wasser gefüllten Wallgraben führte. Es war hohe Zeit, denn auch die Lützower Infanterie war zur Stelle und setzte sich in den Häusern der Vorstadt fest, von wo aus gegen die Besatzung auf dem Stadtwall ein lebhaftes Feuer eröffnet wurde, das bald auch die geschickt postierten Kanonen unterstützten. Und während die Kartätschen unter die feindlichen Truppen einschlugen, sausten in die Stadt hinein beinahe unaufhörlich die aus zwei Haubitzen geworfenen Granaten; da und dort aufleuchtender Feuerschein verkündete den Erfolg der Beschießung.
Die Bürgerschaft Bremens geriet in Aufregung; ihr Herz schlug den Belagerern entgegen, und viele waren nicht abgeneigt, dieselben durch eine Erhebung ihrerseits zu unterstützen.
Im Hause des Zimmermeisters Lühring hatte sich etwa ein Dutzend Männer zusammengefunden, darunter angesehene Leute, Patrioten von reinster Gesinnung, welche beratschlagten, was man am besten thun könne, um die Stadt schnell und sicher in die Hände der Angreifer bringen zu können. Unter den Männern befand sich auch Dr. Wendler, der nach Bremen gekommen war, um die Erbschaft seiner verstorbenen Verwandten zu regeln. Hier erst hatte er durch Lühring erfahren, daß seine Tochter mit ihrer Freundin die Stadt verlassen habe, zweifellos, um in das Heer einzutreten, aber wohin sich die beiden Mädchen gewendet, wußte auch er nicht zu sagen.
Dr. Wendler hatte die Mitteilung mit männlicher Ruhe und Festigkeit aufgenommen; war's auch nicht nach seinem Sinne, daß seine Tochter sich den Gefahren des Krieges und den mannigfachen Unannehmlichkeiten, welche das Verbergen ihres Geschlechts mit sich brachte, aussetzte, so war er doch andererseits so voll heißer Vaterlandsliebe, daß er dem patriotischen Zuge seines Kindes gegenüber nicht zürnen konnte. Der Himmel hatte ihm einen Sohn versagt, so gab er dem Vaterlande, wenn es sein mußte, seine Tochter.
Auch in dem Kreise, der sich bei Lühring zusammenfand, war er es, der den Ton angab und die andern mit seiner Begeisterung fortriß und mit seiner ruhigen Art stark machte. Eine Handvoll tapferer, braver Männer konnte nach seiner Meinung unter den gegebenen Verhältnissen viel erreichen. Wenn jeder von den Anwesenden rasch und heimlich unter den Gutgesinnten warb, so daß zu einer bestimmten Zeit, während ein Angriff von außen her erfolgte, zugleich der Kampf in den Straßen aufgenommen wurde, konnte der Erfolg nicht zweifelhaft sein.
Die Männer leisteten sich mit ineinander geschlagenen Händen den festen Eidschwur, Blut und Leben einzusetzen, um die Stadt von den Feinden zu befreien, und begannen über die Einzelheiten ihres Planes zu beraten. Spätestens am nächsten Morgen müßte die Erhebung geschehen. Zuerst mußte der Posten an der Kaserne überwältigt werden, damit es nicht an Waffen fehle, dann aber galt es sich des Osterthores zu bemächtigen, um dort die Freunde einzulassen.
Während dieser Beratungen dröhnte das dumpfe Geroll des Geschützes dazwischen und erregte die Gemüter noch mehr, so daß die Männer sich um nichts weiter kümmerten. Keiner wußte, daß bereits die Eingänge des Hauses besetzt waren, daß es auch in Bremen Verräter gab, und entsetzt fuhren sie alle auf, als mit einmal auf dem Flur vor dem Zimmer niedergesetzte Gewehrkolben klirrten und fast in dem gleichen Augenblicke die Thür geöffnet ward. Ein französischer Offizier mit gezogenem Säbel stand im Rahmen derselben, hinter ihm wurden französische Uniformen sichtbar, und er rief:
»Sie sind Gefangene! Versuchen Sie keinen Widerstand!«
Dr. Wendler hatte am raschesten seine Fassung; er trat einen Schritt vor:
»Mit welchem Rechte geschieht diese Verhaftung?« fragte er.
»Auf Verfügung des Stadtkommandanten, der einen Verrat in Bremen nicht dulden kann!« war die Antwort.
»Wir protestieren gegen diese Behandlung!«
»Das mögen Sie vor dem Obersten Thuillier thun; jetzt zwingen Sie mich nicht, Gewalt zu gebrauchen!«
Die Männer sahen einander an; in den meisten Augen leuchtete der Zorn und die Fäuste waren geballt; Dr. Wendler aber sagte:
»Meine Herren – wir sind die Unterdrückten, aber Gott wird uns helfen! Kommen Sie!«
Damit trat er hinaus in den Flur, die andern folgten stumm. Ein Kommandowort erschallte, die Soldaten nahmen von zwei Seiten ihre Gefangenen in die Mitte, und so ging es durch die Gassen. Diese waren menschenleer infolge der Beschießung, aber bleiche, angstvolle Gesichter zeigten sich überall an den Fenstern und sahen den Braven nach, die einem zweifelhaften Schicksal entgegengingen.
Man führte sie vor den Obersten. Der war ein alter, finsterer Soldat, der sie zornig empfing:
»Man wird Sie lehren, zu konspirieren! Wissen Sie, daß das Hochverrat ist? – Ich werde Sie erschießen lassen, sobald auf den Wällen wieder Platz dazu sein wird, und ich hoffe, daß dies bald ist, denn dies Häuflein da draußen nimmt uns Bremen nicht weg!«
»Das wäre der großen französischen Nation wenig würdig, mein Herr Oberst!« sagte Dr. Wendler ruhig, der Franzose aber sah ihn einen Augenblick groß an, dann erwiderte er:
»Darüber habe ich keine Zeit, mich mit Ihnen zu unterhalten, und Ihre Meinung ist weder mir noch meiner Nation maßgebend!«
Er gab Befehl, die Männer in das Gefängnis in den Kasematten abzuführen, und kaum eine Viertelstunde später wurde unter Trommelwirbel in den Straßen verkündet, daß, wer immer nur das Geringste thue, um mit dem Feinde in Beziehung zu treten oder gar ihm förderlich zu sein, dem Standrecht verfallen sei.
In finsterm Schweigen ward die Kunde entgegengenommen, aber die Herzen brannten, und als die Nachricht von dem Gewaltakt gegen ein Dutzend ehrsame und brave Mitbürger bekannt wurde, erreichte der Ingrimm seinen Höhepunkt. Von dem Walle her aber dröhnten unaufhörlich die Geschütze und das Kleingewehrfeuer, und in den Gassen explodierten noch immer Granaten.
So kam der Abend. Der eherne Mund der Kanonen verstummte, General Tettenborn ließ das Feuer einstellen. Gegen den Wall heran ritt Konrad Schmidt, den Säbel in der Scheide, ein weißes Tuch auf einem Stabe in der Linken, neben ihm ein Trompeter. Er kam, um im Auftrage des Generals zu verhandeln und Thuillier zur Übergabe aufzufordern. Der Trompeter blies, als sie beide hart an dem Graben standen, sein Signal, und Schmidt begehrte als Parlamentär sicheren Eingang in die Stadt. Zur Antwort krachten von dem Walle einige Flintenschüsse, deren einer den linken Arm des Trompeters streifte. Schmidt riß sein Pferd herum, und während er mit seinem Genossen zurückjagte, sausten ihnen die französischen Kugeln nach.
Die Nacht brach ein, Dunkelheit lag über der Stadt, nur die Wachtfeuer brannten hüben und drüben, und man hörte durch die Stille den Schritt der Posten und deren Anrufen. Da war eine Gestalt leise hinabgeglitten in den Stadtgraben. Geräuschlos mit geducktem Kopfe schlich sie gegen die Mauer und kam ungesehen bis an diese heran. Ebenso langsam kehrte sie zurück. Es war Walther, der die Tiefe des Grabens untersuchen wollte, und nun die Meldung machte, daß dieselbe höchstens 2–3 Fuß betrage. Da beschloß Tettenborn, den Sturm auf die Stadt zu wagen.
Aber er wollte den Feind erst einigermaßen sicher machen. Er ließ darum, als der Morgen angebrochen war, die Geschütze abfahren und zog die am Graben aufgestellte Tirailleurkette zurück, um die Franzosen glauben zu machen, daß er die Belagerung aufgebe. Da sich aber die Feinde auf dem Walle zeigten, so konnte es der General nicht hindern, daß beinahe plötzlich wieder ein heftiges Tirailleurfeuer begann. Unter den Franzosen erschien auch die Gestalt eines höheren Offiziers, der allerdings vorsichtig sich zurückhielt und immer eine Deckung zu suchen bemüht war, aber der scharfe Blick Walthers hatte ihn schnell gefunden, und nun ließ er ihn auch nicht mehr aus den Augen. Wie der Jäger auf seine Beute, so lauerte er auf das Aufglänzen der goldenen Tressen, und während ringsum die Schüsse krachten, hielt er mit kaltblütiger Ruhe seine Büchse bereit zur That. Jetzt erschien für einen Augenblick wieder die Gestalt des Offiziers auf dem Walle, in ziemlicher Entfernung freilich, aber sofort hatte Walther die Waffe an der Wange, der Schuß krachte, und aus der lebhaften Bewegung, die an der Stelle entstand, wo der Franzose verschwunden war, konnte der Förster wohl schließen, daß er sein Ziel nicht verfehlt habe.
Die Bestätigung dafür blieb gleichfalls nicht aus. Gegen Mittag erschien bei den Lützowern ein wassertriefender Mann, der durch den Graben geschwommen war; er brachte die Nachricht, daß der Oberst Thuillier gefallen sei und der Major de Vaillant, ein Schweizer, das Kommando in Bremen übernommen habe, der wenig geneigt sein dürfte, den Kampf fortzusetzen. Auch davon unterrichtete der Ankömmling, daß man eine Anzahl patriotischer Bürger gefangen genommen habe und in den Kasematten festhalte, und daß dieselben bedroht seien, wenn ihnen nicht bald Hilfe käme.
Tettenborn war angesichts dieser Mitteilungen zum Sturme entschlossen und wollte eben die nötigen Befehle erteilen, als ein Parlamentär aus der Stadt erschien, welcher das Anerbieten einer Übergabe zu machen beauftragt war. General Tettenborn schickte den Obersten von Pfuel zu dem Stadtkommandanten zu weiteren Verhandlungen, und in Bremen sowohl wie bei den Belagerern sah man mit Unruhe und Aufregung dem Ausgang derselben entgegen.
Der Major de Vaillant verlangte einen Aufschub von 24 Stunden, Pfuel aber die Öffnung der Thore und Unterzeichnung der Kapitulation binnen einer Stunde. Die Verhandlungen zogen sich ungebührlich in die Länge und es ward allmählich Abend, so daß Tettenborn für diesen Tag vom Stürmen absehen mußte. Aber am nächsten Morgen ließ er von mehreren Seiten die Sturmkolonnen heranrücken – die Trommeln wirbelten, die Hörner riefen …
Da erschien auf dem Stadtwalle die weiße Fahne. Eine Viertelstunde später war die Kapitulation unterzeichnet. Die Besatzung erhielt gegen die Verpflichtung, ein Jahr lang nicht gegen die Verbündeten zu kämpfen, freien Abzug mit Waffen und Fahnen, die Sieger aber gewannen bedeutende Magazine mit Munition, große Niederlagen an Tuch und Lebensmitteln, eine Kasse mit 260 000 Francs, 200 Pferde und 16 Geschütze.
Um die zehnte Morgenstunde hielt Tettenborn mit seiner kleinen Armee seinen Einzug in die Stadt. Von den Türmen läuteten die Glocken, in den Gassen drängte sich die jubelnde Bevölkerung. Aus den Fenstern wehten Tücher, und Blumen regnete es nieder auf die Einziehenden. Besonders aber waren die Lützower Gegenstand der Aufmerksamkeit und der Begeisterung. Wohl waren ihre Uniformen meist abgenützt und unansehnlich geworden, ihre Pferde sahen durch den aufreibenden Vorpostendienst heruntergekommen aus, aber aus den Gesichtern all dieser Männer leuchtete eine Freudigkeit und ein Kampfesmut, der etwas hinreißendes hatte.
Eine Abteilung der Infanterie unter Oberjäger Walther war nach den Kasematten geschickt worden, um die dort gefangen gehaltenen Bürger zu befreien. Aus den geöffneten Kerkern traten die Männer, die nahe daran waren, Märtyrer ihres Patriotismus zu werden, und streckten ihren Befreiern die Hände entgegen.
Da stand Dr. Wendler plötzlich vor einem ihm bekannten Antlitz, und er schrak wie vor einer Erscheinung davor zurück. Der junge, frische Lützower aber, dem das Gesicht gehörte, war nicht minder erschrocken.
»Vater!« stammelte er – »verrat' mich nicht!«
Wendler war nicht der Mann, der so leicht die Fassung verlor; zudem war er nicht unvorbereitet, und so reichte er seinem Kinde schweigend die Hand; das aber sank ihm, überwältigt von diesem Augenblicke, an die Brust. Erstaunt sahen das seine Kameraden, Walther aber sagte laut: »Es ist sein Vater!« und zu Elise gewendet fügte er bei:
»Schweizer, ich gebe Ihnen bis morgen früh Urlaub, um das Wiedersehen feiern zu können …«
»Und darum wage ich gleichfalls zu bitten!« sagte Eduard Krause, neben welchem mit Thränen in den Augen der Zimmermeister Lühring stand.
»Ist bewilligt!« erwiderte Walther, dann trat er an Wendler wie an Lühring heran, denn unwillkürlich hatten sich die beiden kleinen Gruppen gegenseitig genähert, und reichte den beiden Männern die Hände:
»Sie haben sich gehalten und geschlagen wie jeder andere Brave – seien Sie ihnen nicht böse. Ihr Geheimnis kennt außer mir niemand. Was Sie weiter thun wollen, steht bei Ihnen!«
Sie drückten fest die Hand des wackeren Försters, und Lühring lud ihn in sein Haus. Walther versprach auch zu kommen, wenn es der Dienst erlaube, und während die Befreiten bereits davon eilten zu ihren besorgten Familien, marschierte der Oberjäger mit seiner kleinen Schar durch die belebten Gassen, durch welche immer neue Jubelrufe erklangen, nach dem Dome.
Dort hatten sich die Sieger zu einem Dankgottesdienst zusammengefunden. Die Hallen des ehrwürdigen Gotteshauses vermochten sie kaum alle zu fassen. Vornan standen die Lützower Reiter, dann die übrigen vom Freikorps, und hinter ihnen drängten sich die bärtigen, gebräunten Gesichter der Kosaken. Die Orgel brauste in kräftigen Akkorden zu dem »Herr Gott, Dich loben wir!« und dann sprach vom Altare aus der Prediger in kräftigen und erhebenden Worten. Als er endete, traten zu seinen beiden Seiten die Rittmeister Fischer und von Petersdorff hin.
Der alte Offizier mit seinem weißen Barte und seinem wetterbraunen Gesichte mit den vielen Runzeln und Falten reckte seine Gestalt hoch empor; in seinem Antlitze zuckte es seltsam, man merkte, daß er sehr erregt war, und jetzt klang mit einmal seine Stimme, rauh, heiser und doch vernehmbar bis in den letzten Winkel der Kirche, über welcher ein tiefes Schweigen lagerte:
»Kameraden! Ich weiß zwar nicht, ob ich hier reden darf, aber das Herz ist mir zu voll, und was ich sagen will, ist auch zur Ehre Gottes. Er hat es uns vergönnt, diese gute deutsche Stadt dem Feinde abzugewinnen, und wir haben nur wenige brave Mitstreiter dabei verloren. Kameraden, laßt uns bei diesem Erfolge an unseren Anfang denken in der Dorfkirche zu Rogau, und laßt uns noch einmal vor Gott den Eid erneuern, daß wir nicht weichen wollen von der Sache des Vaterlandes, daß wir Blut und Leben daran setzen wollen, es frei zu machen. Kameraden, hebt eure Hände: Gott strafe den Schuft, der seinem Eide treulos wird!«
Der Alte hatte sein breites Schlachtschwert gezogen, der Rittmeister von Petersdorff kreuzte damit seine Waffe, und wer immer herantreten konnte, legte seine blanke Klinge darauf, die andern aber hoben ihre Hände, und in das tiefe, heilige Schweigen klang die Stimme des Predigers:
»Der Herr hat's gehört, der Herr sei mit Euch und mit Euren Waffen jetzt und immerdar, der Herr sei mit allen braven Streitern und mit dem lieben Vaterlande – Amen!«
Auch Elise und Anna Lühring waren mit ihren Vätern im Gottesdienste gewesen, dann aber waren sie nach des Zimmermeisters Hause gegangen, dessen Frau sich vor Freude kaum zu fassen wußte, wenn sie auch über das seltsame Aussehen ihres Kindes noch ganz verwundert war.
Vergnügt saß man bei Tische – man hatte sich ja so viel zu erzählen – das Mutterherz aber hing doch nur einem Gedanken nach: die Tochter wieder aus diesen unweiblichen Verhältnissen herauszubringen, und sie sprach das endlich auch in rührenden Worten aus. Ein Augenblick des Schweigens folgte, die beiden Väter mochten ja das Berechtigte und Wahre dieser mütterlichen Bitte anerkennen, aber Anna Lühring sprach mit gesenktem Haupte:
»Mutter, sollen wir fahnenflüchtig werden – heute, da wir im Gotteshause erst die Hände mit zum Schwur erhoben haben, dem Vaterlande Blut und Leben zu weihen?«
Auch Elise sagte:
»Tausend Eltern bringen ihre Kinder dem Vaterlande in diesen Tagen, sollen wir zurückstehen müssen, nur weil der Himmel es uns versagt hat, Jünglinge zu sein? Denn wenn wir das wären, würdet Ihr uns da zurückhalten wollen?«
»Der Kampf ist aber einmal nicht Sache der Frauen und Jungfrauen,« sprach die Mutter – »es giebt für diese noch ein anderes Feld, ihre Vaterlandsliebe zu zeigen; sie gehören in die Spitäler, an die Betten der Verwundeten.«
»Ihnen fehlt es nicht an Händen,« erwiderte Elise – »aber Krieger können nicht genug ins Feld gestellt werden, und wenn Gott uns den Mut zum Kampf ins Herz gelegt hat – warum sollen wir seinem Drange nicht folgen dürfen? – Vater, rede du! Du hast mich so erzogen wie ich bin, gesund an Leib und Seele, und hast's nicht beklagt, daß ich kein Sohn war, weil ich dir einen solchen stets zu ersetzen bemüht war – Vater, soll ich mit meinem heißen, begeisterten Herzen vergehen, während hunderte von Braven verbluten?«
Dr. Wendler atmete tief, dann sprach er:
»Einem jeden weist Gott sein Schicksal zu. Dich hat er auf ungewohnten, aber nicht schlechten Pfad geführt, und wenn das Vaterland in schweren Zeiten besonders große Opfer verlangt, so will ich solche bringen. Man hat eine Eleonore Prohaska nicht als unweiblich verworfen, man hat sie gefeiert als eine Heldin, drängt dich's in ihre Spuren, so geh' mit Gott, der dir auch die rechte Stunde zeigen wird, in welcher du diesen Rock ausziehen sollst.«
Schweigend lehnte sich Elise einen Augenblick an des Vaters Brust, der Zimmermeister aber sah sein Weib an, fragend und ernst. Sie verstand ihn und sagte leise:
»So mag's in Gottes Namen sein – was andere Mütter können, muß ich auch tragen lernen!«
Lühring gab ihr die Hand, dann reichte er sie seiner Tochter, und ein Augenblick heiliger Stille ging durch den Raum; da erschien Walther mit seinem treuen Hunde und ward freundlich und freudig begrüßt.
An Stoff zum Gespräch war kein Mangel, und daß gleich anfangs auch Konrads gedacht wurde, ist selbstverständlich. Er war gleichfalls mit in Bremen eingezogen und hatte bei dem Eide sein Schwert auf jenes Fischers gelegt. Walther hatte auch eben erst mit ihm gesprochen und ihn darüber klagen hören, daß er so lange nichts von seiner Braut vernehme. Alle wurden beinahe von Rührung erfaßt, daß die beiden Menschen einander so nahe waren, ohne daß Konrad das ahnte, und es wurde besprochen, daß Dr. Wendler ihn aufsuchen und ihm Grüße von seiner Braut bringen sollte, die für Schmidt freilich nach wie vor in Leipzig war. Eine Begegnung mit dieser ließ sich ziemlich sicher vermeiden, da er ja keine Ahnung hatte, in welchem Gewande er sie suchen müsse, da außerdem der Aufenthalt der Lützower in Bremen nur wenige Tage dauern konnte, und da Elise diese Zeit im Hause Lührings zu bleiben gedachte, wo jeder Verdacht leichter vermieden werden konnte, als im Hause der Großtante.
Erst gegen Abend trennte sich Walther von den lieben Menschen, um nach seinem Quartier zu gehen.
Als er hier ankam, wurde er mit der Nachricht empfangen, daß er schon seit einiger Zeit erwartet werde. Er trat in seine Stube ein und sah Konrad Schmidt und neben diesem seinen Sohn. Jakob trug die Uniform der preußischen Reiter und hatte auf der Brust das eiserne Kreuz.
»Vater, darf ich kommen?« rief er, und die Stimme zitterte ihm, der Alte aber breitete, ohne ein Wort zu sagen, seine Arme aus, preßte ihn an seine Brust, und die Thränen rollten ihm nieder in den Bart. In stummer Ergriffenheit stand Schmidt daneben, und ihm wandte sich jetzt der Förster zu; während er mit dem linken Arme den Sohn umschlungen hielt, reichte er die Rechte dem jungen Freunde.
»Konrad, siehst du, daß er das Kreuz hat? – Konrad, nicht wahr, er muß brav gewesen sein, er muß treu für sein Vaterland und seinen König gestritten haben, sonst hätte der es ihm nicht gegeben – Konrad, ich habe meinen Jungen wieder!«
Auch der treue Hund schien sich dieses glücklichen Augenblickes zu freuen; er sprang unablässig an Jakob empor, der gar nicht Zeit fand, ihn zu liebkosen, denn sein Vater zog ihn jetzt ganz nahe an das Fenster, wie um ihm recht ins Gesicht schauen zu können, und dabei redete er in einem fort:
»Wenn das deine gute Mutter noch erlebt hätte! Aber sie hat's gewußt, Jakob, sie hat's gewußt, daß du nicht schlecht warst, sie hat mir's sterbend gesagt, daß du wiederkommen würdest, und nun bist du wiedergekommen, und mit Dem da!«
Er strich mit den Fingern über das eiserne Kreuz, wie liebkosend, und redete immer fort:
»Und wie er aussieht! So frisch und stattlich und männlich, so ganz anders, als wie ich ihn zuletzt gesehen habe. Aber daran wollen wir auch nicht denken – gar nicht mehr denken – nicht wahr, Konrad, nicht wahr, Flott? – Aber so rede doch, Junge, du hast ja noch kein einziges Sterbenswort gesagt, wie du herkommst und wo du zu dem Kreuze gekommen bist …«
Er drängte ihn zu dem alten Sofa, das in einer Ecke stand, und setzte sich neben ihn, und Konrad zog er auf den Stuhl an seiner andern Seite.
»So, und nun erzähle! Aber vorher, Wein her, Wein – Konrad, thu' uns den Gefallen, wenn du auch Offizier bist … schaffe Wein, denn diese Stunde muß doch gefeiert werden – ich habe meinen Jungen wieder!«
Lächelnd und mit feuchten Blicken – denn er dachte auch an seinen eigenen Vater – erhob sich Schmidt, um das Gewünschte zu versorgen, und als er wiederkam, fand er die beiden in inniger Umarmung, und Jakob war im besten Erzählen.
»Vater, vor allem eins: Napoleon ist in einer großen dreitägigen Schlacht bei Leipzig vollständig geschlagen worden, und seine Herrschaft in Deutschland ist aus. Und ich hab' mitgefochten, und das ist mein Stolz und ich werd's mein Lebtag nicht vergessen, und ich hab' brav gefochten, Vater, und dafür hab' ich mir die Gunst ausgebeten, Kurierdienst thun zu dürfen und die Siegesbotschaft nach Norden tragen zu können, zu dir! Ich wollt' der erste sein, der die Freude dir melden würde, und das, hofft' ich, sollte mir deine Liebe wiedergewinnen.«
»Die hast du, mein Junge! Gott segne dich!«
»Und ich bin geritten Nacht und Tag, daß mir der Gaul unter den Schenkeln zuletzt zusammenbrach … und nun bin ich da – Hurra! Viktoria!«
»Hurra, Viktoria!« schrie der Förster mit dröhnender Stimme.
Der Wein war gekommen; er blinkte in den Gläsern goldhell, und es klang zusammen wie das Läuten von Glocken.
»Und nun eins nach dem andern, mein Junge! Nun erzähle ordentlich, wie sich's begeben hat!«
»Nun, Vater, als ich von dir fortging, wandte ich mich gegen Schlesien und trat unter dem General York in die Reiterei. Zunächst gab's eine müßige und abwartende Zeit, die gar nicht nach meinem Sinne war, bis der alte Marschall Vorwärts des Wartens überdrüssig wurde und nun über die Elbe vorzurücken befahl, denn alle Armeen der Verbündeten sollten sich zusammenschließen zu einem Hauptschlage. Und am 3. Oktober – es war just ein Sonntag und ich werde ihn niemals vergessen – gingen wir mit dem grauenden Morgen bei Wartenburg über die Elbe auf Pontonbrücken, und drüben in gedeckten Stellungen stand der Feind. Seine Geschütze warfen ihr Verderben in unsere Reihen, und im teilweise offenen Gelände wurden unsere braven Leute zusammengeschossen wie das Wild. Aber ein Wanken und Weichen gab es nicht. Wir haben gesungen bei der Blutarbeit: Prinz Eugen der edle Ritter! und der alte General Horn, dem das Pferd unter dem Leibe erschossen war, nahm eine Muskete und schritt an der Spitze eines Bataillons voraus, und gerade hinein in das umkämpfte Wartenburg. Da war's, wo ein paar Geschütze uns schweren Schaden anrichteten. Unser Lieutenant rief: Kinder, die holen wir uns; und, so schlecht das Terrain war, wir sausten mit verhängten Zügeln vorwärts. Da stürzt der Lieutenant, mitten durch die Brust geschossen, aber weiter ging's. Es kam manch' einer noch aus Sattel und Bügel, aber jetzt war's alles eins. Wer kümmert sich in solchen Augenblicken um Sterben und Verderben! Ich weiß nur, daß ich zuerst bei den Geschützen ankam, unverletzt, wie ein Rasender in die Bedienungsmannschaft einhieb, bis ich keinen mehr sah von derselben, dann aus dem Sattel und nun mit einigen Kameraden die Geschütze gegen die Franzosen gerichtet. Die waren nicht wenig verdutzt, und der General Bertrand schickte eilig zwei Ordonnanzoffiziere, in der Meinung, daß hier württembergische Truppen irrtümlich auf seine Leute feuerten. Der eine sah beizeiten seinen Irrtum ein und reterierte, den andern habe ich gefangen. Dafür aber habe ich mein Kreuz erhalten.«
Walther hatte beinahe atemlos zugehört; mit leuchtenden Augen saß er da und nickte nur ab und zu Konrad zu, als ob er ihm sagen wollte:
»Und das ist mein Junge!«
Jetzt schenkte er die Gläser wieder voll, aufs neue klangen sie zusammen, und der Alte sprach:
»Jetzt aber, wie war's mit Leipzig?«
»Ja, Vater, erzählen läßt sich das nicht – das muß man mit erlebt haben. Es war ein großes Kesseltreiben; die Nordarmee, die böhmische und die schlesische Armee waren richtig zur Stelle, hielten Napoleon eingeschlossen, und am 16. Oktober begann das große Schauspiel der Völkerschlacht, von dem noch Kindeskinder und Urenkel erzählen werden. Auf den Höhen von Wachau hatte der Franzosenkaiser eine starke Stellung, hundert Kanonen sandten ihren Kugelregen gegen die anstürmenden Preußen und Russen und warfen sie reihenweise nieder; in Strömen floß das Blut, aber die Höhen wurden genommen. Wir jedoch, die schlesische Armee, haben unsere Blutarbeit an einer andern Stelle gethan. Wir kamen unter dem Marschall Vorwärts von Halle her und warfen uns gegen den rechten Flügel der Franzosen. Wir Yorkschen waren in der Vorhut, und uns vor allen lag daran, den Schlüssel der feindlichen Stellung, das Dorf Möckern, zu gewinnen. Der Marschall Marmont war kein schlechter Gegner, aber unser alter braver York war ihm gewachsen. Im Sturmschritt gingen unsere wackeren Bataillone vor, doch das Geschützfeuer der Franzosen ist zu sehr überlegen. Da läßt York, der mitten im Kugelregen stand, seine eigene schwere Artillerie anfahren, und nun erhub sich ein Dröhnen und Donnern, wie es selten wohl auch von ergrauten Kriegern gehört worden sein mag. Und wieder stürmen dabei unsere braven Leute vorwärts, und um jedes Gehöft, um jedes Haus wird heiß und blutig gestritten; Pardon wird nicht gegeben, nicht genommen. Aber schon ist ein Dritteil der Mannschaft erlegen, tot oder verwundet; York bietet seine letzten Truppen auf, die wieder mit gefälltem Bajonett, mit Todesverachtung vordringen, und die abermals von dem furchtbaren Geschützfeuer zurückgeworfen werden. Noch standen wir Reiter, doch die Herzen pochten uns beinahe hörbar und wir warteten mit Aufregung aber auch mit Sehnsucht auf den Augenblick, da wir drankommen sollten. Da kommt York mit verhängten Zügeln herangeritten. «Major von Sohr, attackieren!» ruft er schon von weitem. «Trompeter, Trab!» ist die Antwort des Majors. Das Signal ertönt; fest gestemmt in den Bügeln braust das Regiment vorwärts gegen den Feind. Hurra! ruft der Major und hebt den Säbel, eine Kugel trifft ihn in den rechten Arm, er nimmt die Waffe in die Linke, und mit wildem, begeistertem Hurrarufen jagen wir hinter ihm drein, hinter uns im Laufschritt das noch übrige Fußvolk mit gefälltem Bajonett. York reitet an der Spitze der schwarzen Husaren und nun geht es – es lebe der König! – vorwärts! Uns gegenüber sehen wir die französischen Flintenläufe aufblitzen, eine Batterie rückt von der Seite heran und ist eben daran abzuprotzen – die nächsten Augenblicke brachten wohl manchem sein letztes Ende – da kracht und dröhnt es mit einmal, als ob die Erde geborsten wäre, weißer dichter Qualm steigt über den Franzosen empor, dazwischen fliegen Stücke von zertrümmerten Wagen, Glieder von Menschen und Pferden, und wir ahnen mehr die Verwirrung unter den Feinden, als wir sie sehen können. Einige Munitionswagen waren in die Luft geflogen, und besseres konnte in diesem Augenblicke für uns nicht geschehen. Jetzt brachen wir wie Gottes Wetter in die bestürzten Franzosen ein, die in wilder Auflösung zurückwichen. Hei, wie haben wir die Infanterie auseinander gesprengt, und im Augenblick hatten wir uns der Geschütze bemächtigt – es war ein voller, glänzender, freilich auch blutig erkaufter Sieg, denn das Yorksche Korps hatte etwa ein Fünftel seiner Leute verloren. Wir Überlebenden aber haben aus dem blutgetränkten Felde beim sinkenden Abend unsern Choral gesungen: Nun danket alle Gott! – Das war am 16. Oktober gewesen, der 17. war im allgemeinen ein Rasttag, nur der Vater Blücher machte eine frische Reiterattacke, der 18. Oktober aber brachte die Entscheidung beim Dorfe Probstheida, wo der französische Löwe seinen letzten Schlupfwinkel verzweiflungsvoll verteidigte. Doch all' sein Ringen war vergebens, und seine eigenen Verbündeten haben ihn im Stich gelassen. Bei Schönefeld und Paunsdorf gingen 8000 Sachsen und Württemberger mit 38 Geschützen zu uns über, nachdem beim «Heitern Blick» zuerst zwei sächsische Reiterregimenter, den Säbel in der Scheide, zu den Blücherschen hinüber getrabt waren. So hat Gott uns geholfen und unsere Kraft und Einigkeit. Mich aber hat der alte York selber belobt auf dem Schlachtfeld, hat mich zum Unteroffizier ernannt und hat mir die Gunst gewährt, um die ich ihn gebeten habe, die Siegeskunde weiter tragen zu dürfen, und so bin ich da – hurra, Viktoria!«
»Hurra, Viktoria!« riefen auch die beiden andern, und selbst der Hund bellte laut und freudig, als verstände er, um was es sich handle. Der Förster legte ihm die Hand auf den Kopf und sprach:
»Ja, bell' du auch immer dein Viktoria, wackrer Kerl! Du hast ein Recht dazu und hast deine Schuldigkeit brav gethan; sollst auch zur Feier des Tages eine große Wurst erhalten … Aber, sprich, Jakob, der General weiß doch schon –«
»Selbstverständlich, Vater – erst kam die Pflicht!«
In diesem Augenblicke begann ein tiefes Summen und Tönen; die Glocken der Stadt klangen feierlich wie zum Festgeläute, und von der Straße her vernahm man das Geräusch lebhaft bewegter Menschen; ein Rufen ging von Mund zu Munde. Die drei erhoben sich, traten an das Fenster und öffneten es. Da schrie es von unten herauf:
»Hurra! Sieg, Sieg der Verbündeten bei Leipzig!« und hundert Stimmen jubelten es nach. Nun rief auch Walther mit lauter Stimme hinab: Hurra, Viktoria! und dann schob er seinen Sohn ans Fenster dicht heran, als ob er sagen wollte: Seht ihr, der da war's, der die Kunde euch gebracht hat, der ihn selber mit erfochten hat, den glorreichen Sieg, und der da ist mein Sohn!
Konrad Schmidt duldete es nicht länger in dem Gemache. Einmal wollte er die beiden in ihrem Glücke sich allein überlassen, und dann drängte es ihn, Kameraden zu sehen und mit ihnen über das freudige Ereignis zu reden.
Wie er hinunter auf die Straße kam unter die freudig bewegte Menge, die ihm mit Hut- und Tücherschwenken zujauchzte, als müsse sie ihm den Sieg danken, da sah er sich auf einmal Dr. Wendler gegenüber. In der nächsten Sekunde hielten sich die beiden Männer in den Armen.
»Was macht Elise?« war Schmidts erste Frage.
»Sie befindet sich wohl und ist glücklich!«
»Und sie ist in diesen Tagen allein in Leipzig?«
»Sie ist ein starkes, mutiges Mädchen und solcher Situation gewachsen; seien Sie unbesorgt, Konrad!«
»Und was führt Sie hierher?«
»Die Erbschaftssache der alten Tante, die gestorben ist. Kommen Sie, lassen Sie uns in diesem Siegesjubel ein stilles Plätzchen suchen, wo wir mitsammen das Ereignis feiern. Hei, mein Leipzig hat heute einen guten Klang bekommen und wird genannt werden, so lange noch deutsche Herzen schlagen.«
Er nahm den jungen Lützower unter den Arm und führte ihn nach seiner Wohnung, und hier saßen sie, während immer noch die Glocken läuteten und die jauchzenden Menschen auf den Straßen sich drängten.
Schon zwei Tage später verließen die Lützower die Stadt, nur eine Abteilung Kosaken blieb zurück, um die Festungswerke zu schleifen und so eventuell den Feind zu hindern, sich noch einmal in Bremen festzusetzen.
Am selben Tage aber ritt auch der Kurier Jakob Walther nach herzlichem Abschiede von seinem Vater durch das Osterthor hinaus und wandte sich südwärts, um seinen Truppenteil wieder aufzusuchen.