Es war zu Weihnachten 1813. Das Lützowsche Freikorps lag in Holstein gegen Dänemark zu Felde, und der Major selbst befand sich zu Poppenbüttel an der Alster. Seine letzte Verwundung machte ihm noch immer schwer zu schaffen, so daß er an Krücken einherhumpelte und seinen Leuten, wenn es not that, im Wagen nachfahren mußte. Die Stimmung des thatendurstigen Kriegsmannes war darum nicht die beste.
Und heute war er ganz aus der Fassung. Er saß in einem alten Lehnstuhl und hatte die Krücken neben sich stehen; bei ihm befand sich der Rittmeister von Petersdorff. Lützow hielt in der Linken ein Papier, allem Anschein nach ein amtliches Schreiben, und mit der Rechten zwirbelte er erregt die Enden seines Schnurrbarts.
»Na, sagt mir, Petersdorff, was das wieder für eine verd… Geschichte ist, und wer daraus klug werden soll. Da quatschen wieder einmal die Federfuchser dazwischen und machen einem ehrlichen Soldaten, der für seinen König zum Krüppel geschossen worden ist, das Leben sauer. Muß ich mir denn das gefallen lassen, Petersdorff, daß das Civil- und Militärgouvernement in Berlin mir Verfügungen betreffs des Freikorps schreibt, während ich doch angewiesen bin, meine Befehle von meinem kommandierenden General von Bülow zu erhalten?«
»Verzeihen Sie, Herr Major – ich weiß noch gar nicht, um was es sich handelt!«
»Na, da lesen Sie diesen – – aber ich darf ja nicht einmal despektierlich werden. Um was es sich handelt? – Daß alle Inländer sofort das Freikorps verlassen und in die reguläre Armee eintreten sollen, widrigenfalls sie derjenigen Benefizien verlustig sein sollen, welche die andern Unterthanen Seiner Majestät genießen. Das bedeutet doch die Auflösung des Korps, Petersdorff. Die meisten meiner Leute sind aus den abgetretenen Provinzen und erfreuen sich jetzt auch der Herrschaft unseres Königs. Wenn die aber hören, daß das Korps jetzt völlig außer dem Gesetz erklärt werden soll, so kann ich sie nicht länger im Dienste halten. Die übrigen Ausländer aber werden des bessern Teils ihrer Kameraden beraubt und werden die nächste beste Gelegenheit ergreifen, sich dem Korps zu entziehen.«
Der Rittmeister gab das Schreiben zurück; auch über sein Gesicht liefen Schatten des Unmuts, da er sagte:
»Es wird sich daran wenig ändern lassen, und wir können uns nur damit getrösten, daß, wer zur regulären Armee übergeht, immer wieder für dieselbe Sache steht und ficht, für König und Vaterland. Und wer ein braver Soldat ist, geht dahin, wo ihn sein König hinstellt!«
Der Major sah seinen Kampfgefährten groß an.
»Hol' mich der Satan, Petersdorff – Sie fassen die Sache ja recht gutmütig auf; vielleicht gewöhne ich mich auch an diese Auffassung, heute nur ist mir's noch nicht möglich.«
Eine Ordonnanz trat ein und brachte ein Schreiben. Lützow erbrach es rasch; es war von dem Befehlshaber der Nordarmee, dem schwedischen Kronprinzen Karl Johann, und lautete:
»Sobald Sie den Rhein mit Ihrer Kavallerie erreicht haben werden, wird es Ihre Aufgabe sein, das Land von Elberfeld bis Düsseldorf aufzuklären. Zu diesem Zwecke haben Sie Ihre Rekognoszierungen bis Wesel, ja womöglich bis zur Yssel auszudehnen. – Sie haben mich von allen eingegangenen Nachrichten in Kenntnis zu setzen und werden nicht verfehlen, dieselben auch dem General Wintzingerode mitzuteilen.«
»Hurra – da giebt's wieder Arbeit, Petersdorff! Aber zum Henker, ich kann doch nicht mit den Krücken zur Rekognoszierung fahren! Geht's denn ohne die Dinger nicht?«
Er erhob sich rasch von seinem Lehnstuhl, machte, freilich nicht ohne Anstrengung, einige Schritte, dann griff er nach den Krücken, schlug sie auf den Boden, daß sie splitterten, und sagte:
»Petersdorff, nun thun Sie mir den Gefallen, und werfen Sie das Zeug vor meinen Augen ins Feuer – und Sie, Ordonnanz sagen Sie mal meinem Burschen draußen, er soll mir mein Pferd satteln lassen!«
Petersdorff, der die zerbrochenen Krücken ins Feuer warf, machte eine ängstlich abwehrende Bewegung und mahnte:
»Ums Himmels willen, nicht zu früh, Herr Major!«
»Ach was! Hier wird befohlen zu reiten, und nicht zu fahren! Herr Rittmeister, treffen Sie Anstalten, daß ich morgen mit zwei Eskadronen ausreiten kann, und lassen Sie ins Kuckucks Namen auch die Ordre verkünden, daß die Inländer in die reguläre Armee eintreten sollen – wir werden ja sehen, was uns übrig bleibt.«
Der Rittmeister ging, und eine halbe Stunde später konnte man den Major im Sattel sehen, wie er gegen Langenhorn hinritt. Seine Soldaten aber, die ihn sahen, begrüßten ihn mit freudigen Zurufen, und da ihm auch die Wintersonne freundlich ins Herz schien, kam er in eine beinahe behagliche Stimmung, wenn er auch seine Wunde immer noch sehr fühlte.
Die Ordre des Civil- und Militärgouvernements war verkündet worden, und eine Anzahl Freiwilliger meldete sich, um von dem Freikorps abzugehen und in die preußische Armee einzutreten. Auch Förster Walther sah sich dazu veranlaßt. Ihm hatten die Franzosen in einem Gefechte vor Lockstedt seinen Hund erschossen, und das hatte ihn einige Tage ganz trübsinnig gemacht. In diesen Tagen hatte Elise noch mehr als vorher sich ihm angeschlossen und war bemüht gewesen, ihn aufzuheitern, was ihr zuletzt auch gelang. Aber auch ihm wuchs damit das tapfere, frische Mädchen noch mehr ans Herz, und als er jetzt daran dachte, sich in die schlesische Armee einreihen zu lassen, kam ihm der Abschied von ihr ganz besonders hart an. Er sprach es auch ihr gegenüber aus, als sie nahe bei Pinneberg lagerten, zu seiner Verwunderung und Freude aber erklärte sie:
»Nein, Herr Oberjäger, wir gehen nicht auseinander – ich trete mit bei Blücher ein. Sehen Sie, in der Nähe Konrads kann ich ja doch nicht sein, denn der reitet mit Lützow, während die Infanterie wohl niemals auf den französischen Boden kommt, und das möcht' ich doch erreichen, wenn ich schon einmal mit zu den Waffen gegriffen habe.«
»Aber Sie sind ja Sächsin?«
»Was thut das? – Ist jetzt noch die Frage, ob Sachse, ob Preuße? Alle deutschen Stämme haben jetzt ein und dasselbe Streben, ein und dasselbe Ziel: das große deutsche Vaterland zu befreien und die lange Schmach und Schande wieder gut zu machen. – Und dann sehen Sie! Anna Lühring hat hier beim Korps ihre alte mütterliche Freundin, die Marketenderin, die für sie sorgt und sich ihrer annimmt, und darum wird sie auch hier bleiben; ich habe niemanden als Sie, und in schweren und bangen Stunden war mir's ein beruhigendes Bewußtsein, Sie an meiner Seite zu haben als Tröster und Freund, und wenn es notthäte, als Beschützer. Ich könnte mich, glaube ich, hier nicht mehr wohl und sicher fühlen, wenn Sie gehen, und darum nehmen Sie mich mit und sorgen Sie dafür, daß wir beisammen bleiben!«
Sie hatte dem Alten beide Hände hingereicht, die er mit warmem Drucke umspannte.
»Aber wollen Sie nicht lieber zu Ihrem Vater zurückkehren – Sie haben mehr als nötig war fürs Vaterland gethan.«
Sie schaute ihn groß an:
»Ich habe mitgeschworen in Bremen im Dom, daß ich Blut und Leben an die Befreiung Deutschlands setzen wolle, und so lange wir nicht einen ehrenvollen Frieden haben, gilt der Eid. Soll ich wortbrüchig und fahnenflüchtig werden?«
»Nun, wenn's so steht, in Gottes Namen, so gehen wir zusammen zum alten Blücher. Was mich noch besonders hinzieht, wissen Sie wohl: Der Gedanke, meinem Jungen nahe zu sein und mit ihm in demselben Korps fechten zu können. Und ich denke, die Lützower verlieren wir dabei auch nicht aus dem Gesichte, denn der Major ist nicht der Mann, der an der Grenze stehen bleibt, wenn's erst einmal hineingeht ins welsche Land. Also, auf treue Kameradschaft unter den Fahnen des Marschall Vorwärts!«
Ein neuer warmer Händedruck besiegelte die alte Freundschaft, und zwei Tage, nachdem der Major mit zwei Reitereskadronen, unter denen sich auch Schmidt und Zander befanden, von Poppenbüttel ausgeritten war, marschierte unter Führung Walthers eine Schar bisheriger Lützower den Fahnen Blüchers zu.
Der letzte Glockenschlag des Jahres 1813 verklang von den Türmen von Koblenz über den Rhein hin, ein neues Jahr brach an, und in seiner ersten Stunde marschierten die Kolonnen des alten Marschall Vorwärts bei Caub über den ruhig fließenden Strom; die preußischen Fahnen wehten dem Boden Frankreichs zu, und auf französischer Erde rollten nun die eisernen Würfel weiter, bis der Thron des Emporkömmlings zertrümmert, seine Macht vernichtet war.
Blücher war allzeit der Mann der That, er hat auch in diesem Feldzuge die eigentliche Entscheidung gebracht, denn die andern Heere rückten, wegen der Lauheit des Hauptquartiers, wo die Diplomaten nebst unentschlossenen Kriegsmännern, wie Schwarzenberg, den Ton angaben, nur sehr langsam und ohne rechten Zusammenhang vor, wodurch die Verbündeten zum großen Teil den Vorzug ihrer Überlegenheit verloren.
Bei Brienne war der alte Marschall zum ersten Male an Napoleon geraten auf dessen eigenem Boden und hatte ohne Entscheidung sich mit ihm geschlagen. Das war am 29. Januar gewesen, und schon am 1. Februar hatte er sich bei La Rothière abermals in ihn verbissen und hatte ihn zum Rückzug gezwungen, und nun begann er, unbekümmert um die andern zögernden Streitkräfte, seinen kühnen Vormarsch gegen die Marne.
Da tauchte in der Nähe der schlesischen Armee auch der Major von Lützow mit seinen zwei Eskadronen auf, um vor allem Kundschafterdienste zu thun und um die Fühlung zwischen den Teilen der schlesischen Armee zu erhalten, und nun begann ein ebenso geschicktes als kühnes Hin- und Herpatrouillieren, das einerseits von den Wechselfällen des großen Kampfes abhängig war, andererseits aber oft genug selbständig erschien, wenn es galt, den Feind irre zu führen, oder seine geheimen Dispositionen zu durchkreuzen.
Der alte Feldmarschall hatte gegen die Mitte des Februar sein Hauptquartier in Etoges aufgeschlagen. Hier lagerten am Abend des 13. Februar an einem Wachtfeuer unsere Bekannten, Walther, sein Sohn Jakob und Elise, die auch hier unter dem Namen Gotthold Schweizer Dienste that; der Förster war froh, mit seinem Sohne, auf den er stolz war, eine Stunde zubringen zu können, und das Gespräch betraf Märsche und Kämpfe. Man hatte den Tag über Kanonendonner von Montmirail her gehört, wo die Russen unter dem General Sacken standen, und war nicht im Unklaren, daß am andern Tage auch Blücher gegen den französischen Marschall Marmont vorgehen werde. Die Nacht war kalt, in ihre Mäntel gehüllt, saßen sie dicht beim Feuer, und Vater und Sohn rauchten ihr Pfeifchen. Rings war es still, nur ab und zu hörte man den Ruf der Wachen oder das Wiehern eines Pferdes. Endlich wurden auch die drei schweigsam, und Jakob erhob sich, um zum Lagerplatz seiner Eskadron zu gehen.
»Also morgen mit Gott!« sagte der Alte – »mög' Er uns allen gnädig sein!«
Am Morgen griff Blücher an, aber er erkannte zu seiner unangenehmen Überraschung, daß er Napoleon selbst sich gegenüber habe. Der hatte eine fast übermenschliche Ausdauer bekundet. Die ganze Nacht hindurch war die alte Garde auf den schlechtesten Wegen marschiert, und von einer Blutarbeit kam sie in die andere. Aber die abgehärteten, ihrem Kaiser fanatisch ergebenen Soldaten stürzten sich mit lautem »Vive l'Empereur!« gegen Blüchers Vorhut und warfen dieselbe zurück.
Der alte Marschall hatte nicht viel Zeit, sich seine Stellung zu überlegen, auch blieb nichts übrig der Übermacht gegenüber, als der Rückzug nach dem Walde von Etoges, der allein Schutz und Deckung bieten konnte. Es war für Blücher und seine braven Soldaten ein bitterböser Tag. Seine geringe Reiterei war der französischen nicht gewachsen, und sobald diese auf freier Ebene sich erst entfalten konnte, stürmte sie wild und wütend gegen das preußische Fußvolk heran.
Das stand in enggeschlossenen Vierecken und erwartete die heranjagenden Reiter mit den blinkenden Helmen. Neben Walther befand sich Elise. Leise fragte dieser:
»Wird Ihnen bange, Schweizer?«
»Das Herz pocht mir heftiger, Furcht ist's nicht – mit Gott!«
»Feuer!« erscholl das Kommando, Schüsse krachten, eine Wolke von Pulverdampf hüllte die Scene ein, dann sah man gestürzte Rosse und Reiter, aber die andern jagten unaufhaltsam heran, hinweg über die Leiber der gefallenen Genossen. Und nun kamen Augenblicke grauenvollen Getümmels. Elise fühlte plötzlich, wie sie heftig am Arme erfaßt und fortgerissen wurde durch den betäubenden Lärm. Und abermals dröhnte die Erde von Rosseshuf; die preußische Reiterei sprengte an, um der bedrängten Infanterie Luft zu schaffen. Und während die Kavalleriegeschwader wie zu dichtem Knäuel sich ballten, zog sich das Fußvolk langsam gegen den Wald. Unaufhörlich wirbelten die Trommeln, um bei der einbrechenden Dunkelheit die Bataillone zusammenzuhalten, und das Feuer der feindlichen Geschütze brach vernichtend in die Zurückweichenden ein.
Blücher selbst war in großer Erregung. Rings um ihn schlugen die Kugeln ein, eine Ordonnanz sank, zum Tode getroffen, an seiner Seite zusammen, aber mit pulvergeschwärztem Gesicht hielt der Alte und schien wohl gar in düsterer Verzweiflung den Tod suchen zu wollen.
Schweigend und ernst blieb sein Adjutant, Graf Nostitz, neben ihm; endlich sagte er zu dem Marschall:
»Wenn Eure Excellenz sich hier, wo noch nichts verloren ist, totschießen lassen, so wird die Geschichte auch nicht viel Rühmliches davon zu sagen haben.«
Blücher sah den Treuen groß an, dann erwiderte er: »Nun so lassen Sie uns weiter reiten!«
Endlich war der Wald von Etoges erreicht; der alte Marschall fand seine Fassung wieder, und wie er so neben seinem Pferde hinschritt, sah er Gneisenau, der gleichfalls trüb und ernst dreinschaute. Da sagte er:
»Na, Gneisenau, nun es heute nicht mit mir zu Ende gegangen ist, hat's damit auch noch lange Zeit; es wird nun schon wieder gehen, und wir wollen alles noch gut machen.«
Der Unglückstag hatte von 15 000 Mann nicht weniger als 6000 gekostet und hatte den Rückzug der schlesischen Armee bis Chalons zur Folge. Aber es war kein mutloses, geschlagenes Heer, das zeigte sich auch in der Stimmung unserer Bekannten, die alle drei ohne jede Verwundung davongekommen waren.
Walther aber hatte damals zu Elise geäußert:
»Mir hat's das Herz zersprengen wollen, als ich Sie so in Gefahr sah, und ich hab' aufs neue denken müssen, daß es doch besser wäre, wenn Sie den Rock auszögen.«
»Bin ich so weit durchgekommen, so wird's wohl auch glücklich weitergehen. Die Schauer des Schlachtfeldes habe ich überwunden, und das war mir das Schlimmste. Nicht selbst zu sterben, ist das Schwerste, sondern hundert um sich her sterben sehen, – aber der Gedanke an das Vaterland hat mich stark gemacht.«
Und der Förster schwieg in Bewunderung der Heldengröße dieses jungen Weibes, das seine Schuldigkeit that wie jeder andere Soldat der schlesischen Armee. Die braven Truppen sahen zwar äußerlich nicht besonders vorteilhaft aus mit ihren abgerissenen Waffenröcken, ihrem abgeschabten Riemenzeug, ihren pulvergeschwärzten hagern Gesichtern, ihren abgehetzten magern Gäulen, aber es lebte eine Begeisterung in allen Herzen, die aller Anstrengungen und Entbehrungen spottete und die bei dem »vorwärts!« des greisen geliebten Führers Gefahr und Tod für nichts achtete.
Und Blücher drängte es, die Schlappe von Etoges wieder gut zu machen. Am 21. Februar stand er mit 53 000 Mann in Mery, um hier sich mit Schwarzenberg zu einer entscheidenden Schlacht zu verbinden, aber dieser kam nicht, und den Alten erfaßte bitterer Unmut. Der Feind stand ihm gegenüber, und er sollte nicht losschlagen.
Es war ein kalter Tag, in ihren dürftigen Mänteln standen die Vorposten, und der heftig wehende eiskalte Wind machte es unmöglich, Wachtfeuer anzuzünden. Walther hatte das Kommando über die am weitesten vorgeschobenen Posten, unter denen sich auch Elise befand, und der Alte in seiner Besorgnis wich beinahe keinen Augenblick von ihrer Seite. Sie aber war frisch und wohlgemut, und es war bewundernswert, wie ihr Körper, auf dessen gesunde Entwickelung ihr Vater von Jugend auf gehalten hatte, sich den schweren Strapazen gewachsen zeigte.
Mit raschem Schritte bewegten sich die Posten auf und ab, dann und wann fielen vereinzelte Schüsse von den gegenüberstehenden französischen Plänklern, ohne daß man sich viel darum kümmerte. Da kam der alte Marschall daher mit seinem Adjutanten und dem General Valentini, um selbst die Stellung des Feindes zu erforschen. Der alte Feldherr fror, und Walther ließ auf seinen Wunsch an einer Böschung, die gegen die Heftigkeit des Windes wenigstens einigermaßen geschützt war, ein Feuer anzünden, freilich erlaubte er sich darauf aufmerksam zu machen, daß hier wohl auch feindliche Kugeln einschlagen könnten.
Blücher sah ihn mit seinen klaren, blauen Augen durchdringend an:
»Kümmert Er sich um die französischen blauen Bohnen? – Er sieht mir nicht danach aus; nun, mich sollen sie auch nicht scheren!«
Damit ließ er sich am Feuer nieder mit seinen Begleitern und redete ruhig weiter mit ihnen, während unaufhörlich die Schüsse knatterten. Da ward es mit einmal lebendiger in der Vorpostenkette. Die französischen Plänkler, welche vielleicht die höheren Offiziere bemerkt hatten, machten einen raschen Vorstoß, Flintenkugeln schlugen in das Wachtfeuer ein, und in demselben Augenblick, da Valentini getroffen zusammensank, fühlte auch Blücher einen Schlag am Fuße. Da stand auch schon Walther vor ihm:
»Verzeihung, Excellenz, wenn ich es wage – aber Ihr Leben ist zu kostbar für Tausende und für das Vaterland, als daß es durch eine Vorpostenkugel – um Gottes willen, Excellenz sind verwundet!«
»Ruhig' Blut, Mann – das glaub' ich noch nicht; Nostitz, führen Sie mich ein wenig seitwärts, der Mann da kann helfen!«
Und gemeinsam mit dem Adjutanten führte Walther den Marschall an eine gedeckte Stelle. Dieser aber sagte:
»Es ist nichts, Kinder, ich kann schon wieder auftreten, aber einmal nachsehen können wir ja!«
Da zeigte es sich, daß die Kugel den Stiefel aufgerissen hatte, und lächelnd sagte der Alte:
»Das ist freilich schlimm, wir haben mehr Doktors als Schusters bei uns!«
Jetzt wandte er sich zu Walther, um ihm für seinen Beistand zu danken, und plötzlich erregt, sprach er:
»Er blutet ja selber, Mann!«
Der Förster merkte erst jetzt, daß an seinem linken Ärmel Blut war, aber er hob den Arm, bewegte ihn im Kreise und sagte:
»Das kann nicht schlimm sein, Excellenz – ich kann noch dreinschlagen damit!«
»Na, da schlage Er in Gottes Namen drein, an Gelegenheit wird's nicht fehlen. Wie heißt Er denn?«
»Oberjäger Walther, zu Befehl!«
»Na, mein lieber Oberjäger Walther – Gott befohlen und schön' Dank!«
Er reichte ihm die Hand, steckte sein Pfeifchen in Brand und ging mit Nostitz weiter. Der Förster aber eilte zu seinen Leuten, welche ohne Mühe, im Verein mit herbeigeeilten Russen, den Feind wieder zurückgedrängt hatten. Seine Augen suchten Elise, und sie leuchteten freudig auf, als er dieselbe unverletzt sah. Auch sie kam auf ihn zu und erschrak über das Blut an seinem Arm. Im Augenblick hatte sie mit aller Zartheit und Vorsicht den Ärmel abgestreift, die Wunde, welche unbedeutend war, untersucht und verbunden, und Walther sagte:
»'s ist doch schade, daß Sie nicht im Lazarett Ihre Dienste thun, dort fehlt es wohl an solchen Händen. Soldaten haben wir brave und geschickte, aber Pflegerinnen für unsere Verwundeten, daran fehlt's!«
Elise schwieg, aber das Wort klang ihr noch lange seltsam in der Seele nach.
Blücher rückte nun auf eigene Faust gegen Paris vor, Napoleon stets hinter ihm her, voll Begierde, »den alten tollen Husaren« zu schlagen, und dieser beschloß die Schlacht anzunehmen, die auch bei Craonne und Laon geliefert wurde.
Die Gegend war für des Marschalls Absichten günstig; auf einem hohen Berge, der ziemlich steil aus einer weiten, freien Ebene emporragt, liegt die von festen Mauern umgebene Stadt Laon, um den Fuß des Berges ziehen sich wie Außenwerke vier Dörfer hin, und durch die Ebene geht ein kleiner Bach. Alle diese Punkte hatte der alte Feldherr wohlbesetzt, und die feste Stadt bildete das Centrum seiner Stellung.
Noch ehe die Morgennebel des 10. März sich lichteten, brachen die Franzosen auf und stürmten sowohl gegen die Dörfer, als gegen Laon selbst. Blücher hatte die ganze Nacht in rheumatischen Schmerzen gelegen, und eine Augenentzündung machte ihm schwer zu schaffen, so daß er beinahe kleinlaut wurde und Gneisenau viel zu thun hatte, ihn zu trösten und zu beruhigen. Aber mehr als Worte that der beginnende Kanonendonner, der wie ein Gruß seiner braven, kämpfenden Soldaten ihm ans Ohr drang und ihm wenigstens vorübergehend Kraft und Frische wiedergab.
Gegen Mittag stand er auf der Höhe von Laon und blickte hinaus in die Ebene, wo sich die Nebel verzogen hatten, wo die Waffen heraufglänzten und aufsteigender Pulverdampf die Stellungen markierte. In drei Abteilungen rückten die Franzosen unter Napoleon selbst, unter Marmont und Mortier heran, und der alte Feldherr beschloß, um jeden Preis die Verbindung derselben zu hindern und den Hauptschlag auf seinem eigenen linken Flügel zu führen, wo seine Preußen standen unter York und Kleist.
Napoleon vermochte nicht mit dem gewünschten Nachdrucke vorzugehen, da er noch immer auf das Eintreffen Marmonts rechnete, dem er Befehl auf Befehl sandte, seinen Marsch zu beschleunigen, ohne zu wissen, daß seine Ordonnanzen samt und sonders von Kosaken abgefangen worden waren. Ärgerlich und verdrossen sah er den Abend hereindämmern, ohne einen wesentlichen Vorteil errungen zu haben, und namentlich ohne Aussicht, den festen Stützpunkt der Blücherschen Stellung, Laon, gewinnen zu können.
Er hoffte, am andern Morgen mit aller Macht angreifen und die Entscheidung zu seinen Gunsten herbeiführen zu können, aber er ahnte nicht, daß sein unermüdlicher alter Gegner noch während der Nacht einen Hauptschlag gegen ihn führen wollte.
Tiefes Schweigen lag über der Ebene von Laon, nur vereinzelt hallte da und dort ein Schuß, die Wachtfeuer brannten, und die rote Lohe des brennenden Dorfes Athies leuchtete gegen den Himmel. Die Nacht war sternklar. Da marschierten auf der Straße gegen Athies einige preußische Bataillone in tiefer Stille, ohne Trommelschlag daher und gelangten ohne Aufenthalt in das von den Feinden besetzte Dorf, in welchem eben zwei Abteilungen ihr Nachtquartier suchten. Erstaunt und erschreckt sahen diese mit einmal vor sich und neben sich feindliche Uniformen und starrende Bajonette. Ehe sie noch Widerstand leisten konnten, waren sie auch schon geworfen, und erst hinter dem Dorfe, in einem kleinen Gehölz begannen sie einigermaßen sich zu sammeln und gegen die Nachrückenden zu feuern. Die stille Nacht wurde mit einem Male laut und lebendig, von allen Seiten erklang die preußische Feldmusik, brausende Hurrarufe erschallten, und der nächtliche Kampf war in vollem Gange. Es gab für die Anstürmenden kein Halten und keinen Widerstand. Umsonst sausten die Kartätschen in ihre Reihen, in dichtgeschlossenen Gliedern drangen sie vor, sprengten mit Bajonettangriffen die feindlichen Bataillone auseinander, und hinter ihnen brausten die Reitergeschwader heran und ritten ganze französische Regimenter nieder, noch ehe diese sich zu sammeln vermochten.
Walther und Elise waren im nächtlichen Getümmel auseinander gekommen. Hinter Athies draußen befand sich die letztere mit einem Häuflein Kameraden auf der Verfolgung des flüchtigen Feindes. Wie einst Eleonore Prohaska, so hatte auch sie, als neben ihr der Tambour stürzte, dessen Trommel ergriffen und schlug unaufhörlich zur Attacke. Eine Schar preußischer Reiter kam zur Unterstützung herbeigesprengt. Aus einem kleinen Gehölz, in das sich französische Infanterie geflüchtet, blitzten Schüsse, einige Pferde überschlugen sich, aber mit dem Bajonett wurde auch das Gehölz genommen, und bald gab es keine Franzosen mehr ringsum. In eiliger Flucht wandten sich diese in der Richtung gegen Soissons, und nur die Reiterei blieb ihnen noch auf den Fersen.
Elise war todmüde; jetzt erst fühlte sie die furchtbare Abspannung nach der gewaltigen Anstrengung des letzten Tages und dieser Nacht, und sie mußte sich einige Augenblicke niedersetzen auf einem zerwühlten Feldrain. Der Mond war aufgegangen und leuchtete über das Gefilde, das einen grauenhaften Anblick bot, so daß das Mädchen ein Schauer überrieselte. In der Ferne verhallten noch Schüsse, in der Nähe aber sah man Tote und Verwundete, Menschen und Pferde bei einander.
Da hörte sie ein tiefes Stöhnen, daß sie zusammenschrak. Unfern von ihr erhob sich von der Erde der Leib eines Mannes, der wohl teilweise unter seinem Pferde lag. Das Mondlicht rieselte über das bleiche Gesicht – es war Jakob Walther. Im nächsten Augenblicke befand sich Elise an seiner Seite. Er erkannte sie:
»Herr Schweizer – Gott Lob, Sie sind's! – Haben wir gewonnen?«
»Ja, wir haben gesiegt!«
»Hurra!« schrie der offenbar Verwundete laut und jauchzend – »Hurra – und wenn's jetzt ans Sterben gehen soll.«
»So schlimm wird's nicht werden, Kamerad. Wo sind Sie denn getroffen?«
»Ach, die Wunde thut's wohl nicht – ich hab' einen Schuß im rechten Bein, aber mein braves Thier, das sie mir zusammengeschossen haben, ist auf mich gestürzt … wenn ich nur erst darunter hervor wäre – aber …«
Er sank wieder erbleichend und bewußtlos zurück, Elise jedoch sprang empor und schaute einen Augenblick ratlos umher. Sie selbst war zu schwach, um hier helfen zu können, sie mußte Kameraden herbeirufen. So eilte sie über das Blutfeld. Da sah sie eine kleine Schar im Mondlicht herankommen, vielleicht eine Sanitätskolonne. Sie eilte darauf zu und erkannte Walther. Auch der hatte sie erblickt, und sein altes, ehrliches Gesicht glänzte vor Freude.
»Dem Himmel sei Dank, Schweizer, da sind Sie! Was hab' ich mir für Sorgen gemacht – –«
»O jetzt nichts von mir! Da drüben liegt einer, um den handelt sich's!«
»Wer ist's? – Jakob!«
»Ja wohl, er liegt unter dem Pferde …«
»Tot?«
»Gott Lob, nein – aber verwundet am Beine!«
»Vorwärts, Kameraden – 's ist mein einziger Junge!« sprach er mit rührender und ergreifender Schlichtheit – »helft mir ihn retten!«
Nach kurzer Frist standen sie bei dem Bewußtlosen. Der Vater hob ihm das blasse Gesicht empor und horchte nach seinem Atem. Dann nahm er seine Feldflasche und netzte ihm daraus die Schläfe und die Lippen, die andern aber waren bereits bemüht, den Leib des getöteten Pferdes hinwegzuheben, und eben, da ihnen dies mit großer Anstrengung gelungen war, öffnete Jakob die Augen und sah groß und irr umher.
»Junge, mein guter Junge!« sagte der Alte, – »wie ist dir?«
»Hurra – wir haben gesiegt, Vater!« schrie dieser, und den Männern, die dabei standen, rieselten bei solcher Begeisterung die Thränen über die gebräunten Wangen. Das rechte Bein des Verwundeten war im Unterschenkel zerschmettert, und der Förster verhehlte sich nicht, daß sein einziger Sohn ein Krüppel geworden sei – fürs Vaterland. Aber jetzt galt kein Zaudern und Erwägen. Auf einige Musketen, über welche Mäntel gebreitet wurden, legte man den Verwundeten, und so wurde er gegen Laon getragen, wo man ihm ärztliche Hilfe verschaffen konnte.
Walther aber ging an seiner Seite, hielt ihm die Hand und führte ihm ab und zu die Feldflasche an die Lippen, so daß der Verwundete leise sagte:
»Vater, bist du nun wieder ganz gut?«
Der drückte ihm wärmer die Hand und sprach gerührt:
»Sei ruhig davon, mein braver Junge – du hast mehr gethan, als ich.«
Napoleon hatte nach der Niederlage bei Laon in Soissons seine Streitkräfte wieder geordnet und sich gegen Rheims gewendet, wo er eine russische Heeresabteilung unter St. Priest schlug. Von hier aus erließ er eine Proklamation an die Franzosen, in welcher er sich den Sieger von Laon und Rheims nannte und verkündete, daß er im Begriffe stehe, die Verbündeten über den Rhein zu werfen. Er befahl, die Nationalgarden zu versammeln, um die Trümmer des geschlagenen Feindes anzugreifen und zu vernichten, wo man sie finden würde, und dieser Befehl fand besonders in der Gegend von Rheims, wo der thatsächliche Sieg Napoleons seinen Eindruck nicht verfehlt hatte und wo die Einwohner des waldigen und gebirgigen Landes ohnehin leichter zum Aufstand neigten, weitgehenden Gehorsam.
In dieser Gegend war es, wo wir Lützow mit seinen zwei Eskadronen antreffen, der wieder die Fühlung mit der schlesischen Armee suchte. Eines Abends kam er von Somme Py her und ritt mit seinen Leuten gegen Vouziers. Es war bitter kalt und begann zu dunkeln. Die Straße in dem Orte war eng und die Reiter trabten zu zweien langsam und vorsichtig daher; Schmidt und Zander befanden sich in der Vorhut. So gelangten sie durch die stille, menschenleere Gasse bis an die Brücke, welche über die Aisne führt, und sahen mit einmal vor derselben ein Aufblitzen von Waffen und eine größere Ansammlung von Menschen. Es war kein Zweifel, daß auch hier, dem Befehl Napoleons gemäß, sich die Nationalgarden aufgestellt hatten, um den nach ihrer Meinung versprengten preußischen Reitern den Weg zu versperren.
Da galt kein Besinnen. Ein rasches Kommandowort erklang, und im nächsten Augenblicke schon sprengte die Vorhut mit verhängten Zügeln und hochgeschwungenen Waffen gegen die Franzosen. Diese warteten den Anprall nicht erst ab, sondern stoben nach allen Seiten auseinander, und die beiden Eskadronen passierten ohne Anstand die Brücke. Aber nicht weit hinter derselben war die Straße durchschnitten worden von einem ziemlich tiefen Graben, und Mann für Mann mußte seitwärts denselben durchreiten, bis man an das Ende des Durchschnitts kam.
Die Reiter waren unmutig und müde, die Pferde abgehetzt, und Lützow verkündete, daß man im nächsten Orte unter allen Umständen Rast halten werde. Es war das Dorf Chêtres, das man nach ungefähr einstündigem Ritte erreichte. Es lag auf einer Anhöhe, und in seiner Mitte befand sich ein altertümliches, von einer Mauer umgebenes Schloß. Der ganze Ort war still, und in dem Schlosse waren alle Fenster dunkel, die Jalousien herabgelassen und alle Thüren geschlossen.
Die beiden Eskadronen sattelten ab, die eine rückte auf den geräumigen Schloßhof, die andere blieb auf dem Platze außerhalb desselben. Einige Biwaksfeuer wurden angezündet und die Pferde gefüttert, Lützow aber rief einen Burschen in dunkler Blouse, der an der Mauer lehnte und unverwandt das Treiben anschaute. Derselbe kam näher. Es war ein blasses Gesicht, von wirrem Haar umgeben, mit unruhigen Augen. In französischer Sprache gebot ihm der Major, den Maire des Orts herbeizurufen. Der Bursche bejahte, trat dann aber noch näher an Lützow heran und sagte erregt:
»Herr, nehmen Sie sich in acht; das Schloß gehört dem alten General Alix; er ist drin, hat sich verbarrikadiert und wartet nur auf ein Zeichen des Angriffs von außen, um die Feindseligkeiten zu beginnen.«
Ehe der Major noch weiter fragen konnte, war der Bursche verschwunden unter den Lützowern. Als er an einem der Biwakfeuer vorüberkam, an welchem Schmidt und Zander saßen, blieb er einen Augenblick stehen und sah die beiden mit seltsamen Blicken an, im nächsten Momente aber huschte er weiter.
Zander war eilig aufgesprungen.
»Konrad, hast du das Gesicht dieses französischen Bauernburschen gesehen?«
»Jawohl und es hat mich beinahe erschreckt; es erinnerte …«
»An Bastian,« fiel der andere erregt ein.
»Ja – aber das ist doch unmöglich – wie käme Bastian hierher?«
»Du magst recht haben, aber seltsam bleibt die Ähnlichkeit.«
In diesem Augenblicke kam Lützow heran.
»Ich höre, das Schloß ist besetzt; wir müssen rekognoszieren, ob man nicht verstohlener Weise eindringen könnte.«
»Ich will's versuchen, wenn der Herr Major es gestatten,« sagte Zander.
»So thun Sie's in Gottes Namen, aber vorsichtig.«
»Ich gehe mit!« sagte Konrad, und der Major fügte bei:
»Nehmen Sie für alle Fälle noch zwei oder drei von der Mannschaft mit sich!«
Schon nach kurzem umgingen fünf Männer leise das Schloß von allen Seiten. An der hintern Front desselben trafen sie zusammen, und hier öffnete einer unbemerkt ein Fenster, das ganz im Schatten lag. Sie stiegen vorsichtig ein, schlichen sich lautlos durch einen Korridor und standen dann vor einer verschlossenen Thür. Sie rüttelten daran, aber vergebens. Da befahl Konrad, mit aller Vorsicht ein Fach der Thürfüllung auszubrechen, was mittels der Waffen bald geschehen war. Einer von den Reitern schickte sich an, durch die Öffnung hineinzukriechen, aber mit einem Aufschrei fuhr er wieder zurück:
»Ich bin gestochen!«
Eine Sekunde lang erwog Schmidt, was zu thun sei – ob man die Thür einschlage und den Kampf aufnehme, aber dazu hatte er keine Ordre, und rasch gebot er den Rückzug. Ein Schuß hallte durch den Korridor ihnen nach, aber ohne zu treffen, und glücklich kamen alle fünf wieder ins Freie. In diesem Augenblicke begann durch die Jalousieen ein heftiges Flintenfeuer und schreckte die Reiter in ihrem Biwak auf.
Lützow stand mit dem eben eingetroffenen Maire auf der Freitreppe des Schlosses und geriet in Zorn und Unmut; er befahl der Eskadron, die im Schloßhofe lag, gegen das Gebäude vorzugehen, was auch unverzüglich geschah, aber das Fenster an der Rückseite war wie alle andern jetzt fest verschlossen und die Schüsse der Verteidiger krachten unheimlich durch die Nacht, während diesen selbst nicht beizukommen war. Schon hatte Lützow befohlen, Äxte herbeizuschaffen, um das Thor einzuschlagen, als die ausgestellten Feldwachen eilig die Nachricht brachten, daß starke Nationalgardenabteilungen heranrückten. Da blieb nichts übrig, als den Platz zu räumen.
Die Eskadron vor dem Schlosse draußen war schon bei dem ersten Schusse aufgesessen, sie ließ die andere aus dem Schloßhofe jetzt an sich vorbei und folgte als Arrieregarde. Es war völlig dunkel geworden, und unheimlich blitzten aus verschiedenen Fenstern Schüsse auf, hinunter in die enge Dorfgasse und auf die in raschem Trabe hinziehenden Reiter. Da erfaßte den Major der Zorn und er gebot, einige Häuser in Brand zu stecken, was auch trotz der Bitten des Maires, den man als Führer mitgenommen hatte, geschah.
Unheimlich loderte der Feuerschein auf, aber es war nicht der einzige, der nächtlicher Weile die Gegend erhellte. Kaum hatten die Reiter das Dorf hinter sich, als sie es auf allen Höhen ringsum aufleuchten sahen und erkennen mußten, daß die Bevölkerung der ganzen Gegend sich erhoben habe, um ihnen den Fortmarsch unmöglich zu machen. Der Weg, auf dem sie ritten, war enge, rechts stieg eine steile Bergwand empor, links zogen sich dichte Hecken hin, so führte er hin nach dem Dorfe Chesnes. Am Eingange der Dorfgasse sperrte ein Verhau von gefällten Bäumen und Geröll den Pfad, und Lützow hielt einen Augenblick an, um den Maire zu fragen, ob man nicht einen andern Weg einschlagen könne. Da dieser es verneinte, so wurde mit Säbelhieben die Hecke links durchbrochen, und durch die Öffnung ritten die Reiter zu zweien, um von der Seite her wieder in die Dorfstraße zu gelangen. Man war auf weichen Wiesengrund geraten, mußte über einen morastigen tiefen Graben, über den die Brücke abgebrochen war, erst einen Übergang mit in der Nähe gefundenen Brettern herstellen, und konnte sich jetzt erst der Dorfstraße nähern.
Schon aus den ersten Häusern krachten Schüsse, und Lützow kommandierte raschen Trab, so daß er mit seiner Eskadron ziemlich gut davon kam. Schlimmer ging es der nachfolgenden, bei welcher sich unsere Freunde befanden. Es war, als hätten die ersten Schüsse nur das Signal zum Angriff gegeben, denn rascher und dichter folgte nun das Feuern, eben als diese Eskadron sich in einem mehrere Fuß tiefen Hohlwege befand. In den Häusern, die an dem Rande desselben standen, waren alle Fenster beinahe unheimlich erhellt, so daß man die Gestalten mit den Büchsen an der Wange überall sehen konnte und der Lichtschimmer auch die unten hinziehenden Reiter traf. Einige Pferde stürzten getroffen zusammen, der ohnehin enge Weg ward noch mehr verengt, die ganze Kolonne kam ins Stocken, und was noch schlimmer war, sie verlor die Fühlung mit der vorausziehenden Eskadron.
Zum Unglück teilte sich im Dorfe der Weg, und während Lützow mit seiner Abteilung nach links abgebogen war, hielt sich die nachfolgende gerade aus. So kamen beide immer mehr auseinander. Die letztere hatte endlich mit einigen Verlusten den Ausgang des Dorfes erreicht. Hier ward Halt gemacht, Signale riefen durch die Nacht, einige Patrouillen wurden vorsichtig ausgeschickt, aber in der Finsternis war alles vergebens. Da hoffte man durch starken Trab die Eskadron Lützows zu erreichen, entfernte sich aber, da man eine ganz andere Richtung eingeschlagen hatte, immer mehr von derselben.
In tiefem Schweigen ritt die kleine Schar, nur einzelne redeten halblaut, wie sie, Pferd an Pferd gedrängt, dahinzogen. Schmidt und Zander hielten sich treu beisammen. Mutlosigkeit kannten sie nicht, und der gefährliche Streifzug durch insurgiertes Land hatte für die jungen, kecken Reiterherzen gerade einen besondern Reiz. Das Gelände, durch welches man ritt, war für die Kavallerie durchaus ungünstig. Bald ging es hinein in tiefe, enge Schluchten, bald empor an bewaldeten, steilen Berglehnen, bald hemmte ein Graben, bald hohe Hecken die Pfade, und dazu kam die Dunkelheit. Den Feuerschein der angezündeten Häuser von Chêtres, der den Himmel färbte, mußte man benutzen, um sich über die einzuschlagende Richtung zu orientieren, und der Führer der Eskadron – Lieutenant Beczwarzowski – beschloß, sich gegen die Maas zurückzuziehen, um aus dem aufständischen Ardennengebiet zu entkommen.
Endlich kam der Morgen und gestattete wenigstens einen Überblick. In einer abseits der Straße gelegenen Schlucht wurde jetzt Rast gehalten und gefüttert; am Rande der letzteren wurden Wachen aufgestellt, da man beständige Beunruhigung seitens der Nationalgarden zu fürchten hatte. Plötzlich tauchte trotz der Wachsamkeit der Posten mitten unter den Lützowern wieder die Gestalt jenes Bauernburschen aus Chêtres auf, der dort bereits Schmidt und seinem Freunde aufgefallen war. Sie bemerkten ihn auch hier wieder zuerst, und unter einem und demselben Antrieb eilten sie auf ihn zu und riefen wie aus einem Munde:
»Bastian!«
Der Mann kehrte sich um und zeigte ihnen ein bleiches, entstelltes, verzerrtes Gesicht mit den Augen eines Irrsinnigen, dann rief er:
»Laßt mich – ich will ja alles gut machen – laßt mich! Alles soll vergessen sein, Hähnchen … ja alles … vergeßt auch Ihr alles! Wißt Ihr's denn nicht? Seht Ihr's nicht, daß mich der Geist Theodor Körners hinter Euch hertreibt, damit ich Euer Schutzgeist sei? – Ja, ja – das allein kann's wieder gut machen! Laßt mich – wo ist der Kommandant – ich habe Eile!«
Sie führten ihn zu dem befehlenden Lieutenant, und er trat an diesen heran und meldete in beinahe militärischer Haltung:
»Mein Herr, Sie sind versprengt und überall von Feinden umgeben. Die Richtung Ihres Marsches führt Sie auf Stenay, wo 5000 Nationalgarden Sie erwarten. Als Sie gestern Abend durch Vouziers marschierten, sind Sie nur durch ein Glück entkommen. Der Unterpräfekt hat darauf 19 reitende Boten abgeschickt, um die Nationalgarden des Bezirks aufzubieten, und alle Dörfer zu verbarrikadieren befohlen, damit der Sieg des Kaisers bei Rheims durch Ihre Gefangennahme gefeiert werde. Wenn Sie sich mir anvertrauen wollen, ich will Sie führen.«
Verwundert hörte der Lieutenant dies Anerbieten und nahm auch die Spezialkarte der Gegend, die der Mensch ihm bot, mit großem Vergnügen entgegen, aber er hatte doch ein gewisses Mißtrauen; da sagte Schmidt:
»Herr Lieutenant, ich bürge für den Mann, denn ich kenne ihn!«
Ein seltsamer, großer, aufleuchtender Blick aus den Augen Bastians traf den Sprecher, und Konrad verstand ihn, aber er schwieg.
Nicht lange danach brach die Eskadron auf und folgte nun dem eigentümlichen Führer, der sie von der großen Straße weg, durch Hohlwege und Schluchten an den Dörfern außen herum in nördlicher Richtung weiterführte. Trotzdem fast alle Defiléen von Nationalgarden besetzt waren, und selbst größere berittene Abteilungen sie verfolgten, gelang es doch, am Nachmittage eine abseits liegende Meierei zu erreichen, wo Fourage und Proviant requiriert werden konnte, obwohl auch da nicht an längere Rast zu denken war, weil sich, noch ehe fertig gefüttert war, bereits wieder bewaffnete Banden zeigten.
Die Nacht wurde in einem Walde seitwärts der Straße, die von Rocroy nach Mézières führt, einige Stunden geruht, da man aber des Morgens wieder aufbrach, war der Führer ebenso plötzlich verschwunden, wie er aufgetaucht war. Der Kommandant der Eskadron ward unruhig und teilte Schmidt seine Besorgnisse mit. Dieser aber sagte:
»Ich kann Sie völlig beruhigen. Der Mann ist kein Franzose, sondern ein Deutscher, ja noch mehr, er ist ein ehemaliger Lützower. Im Feldzug in Mecklenburg haben ihn die Kameraden als feige ausgestoßen, aber er heftete sich jetzt an unsere Fersen und tauchte da und dort auf, und man erzählte Unheimliches von ihm. Er soll sich anklagen, die mörderische Kugel auf unseren Körner abgeschossen zu haben – – wie dem auch sei, sein Geist ist nicht klar, nur eine Idee scheint hell in demselben zu leben, die, daß er an dem Korps etwas gut zu machen hat. Wie er hierher kommt, weiß Gott; daß er da ist, spricht aber dafür, daß er, wie er sich selbst nennt, der Schutzgeist der Lützower sein will.«
»Nun denn, in Gottes Namen, bis hierher hat er uns gut geführt, und die ganz genaue Karte, die er in meiner Hand ließ, setzt uns in den Stand, unsern Weg mit der nötigen Vorsicht auch selber weiter zu finden.«
Und vorwärts ging der Ritt über Omont und Mondigny, welche Orte geschickt umgangen wurden gegen Rouvroy, wo das Flüßchen Andry zu passieren war. Man gedachte nicht über die Brücke zu reiten, die vor dem Orte war, sondern bei einer nach der Karte etwa 600 Schritt oberhalb liegenden Furt den Übergang zu bewerkstelligen. Das Terrain war ungemein ungünstig für Reiterei, zerrissen von Schluchten, bedeckt mit Gehölz, sodaß ein freier Überblick nirgends möglich war. Die Eskadron rückte nur ganz langsam vorwärts, und Schmidt, der den Vortrab führte, spähte, soweit es möglich war, scharf aus.
Jetzt ging es ins Thal des Andry hinab durch einen Hohlweg, der in einigen Krümmungen sich wand, so daß der freie Ausblick nach vorn beinahe fortwährend verschlossen schien. Da tauchte plötzlich zur Linken auf einem Vorsprung eine Gestalt auf – Schmidt erkannte Bastian. Dieser winkte lebhaft einige Male, dann schrie er mit lauter Stimme:
»Zurück! Feinde! Ein Hinterhalt!«
Im nächsten Augenblicke schon krachten einige Schüsse, die Gestalt auf der Höhe griff mit den Händen in die Luft, that dann einen Sprung vorwärts, überschlug sich und stürzte schwer in den Hohlweg herab.
Nur eine Sekunde durchfuhr Schmidt ein Erschrecken; er kommandierte sofort den Rückzug auf die Eskadron, aber da tauchten von vorn bereits dicht gedrängt französische Nationalgarden auf, die den Hohlweg sperrten, und Kugeln sausten pfeifend heran gegen die Reiter. Aber auch die Nachrückenden hatten die Schüsse gehört und kamen nun herangesprengt.
»Hier ist nicht durchzukommen!« rief Schmidt ihnen entgegen.
»Eskadron halt! Kehrt!« kommandierte der führende Lieutenant, und so gut es in dem engen Passe gehen mochte, suchte man sich wieder nach der Seite hin, woher man gekommen war, emporzuarbeiten. Im Sturmschritt aber kamen die Franzosen hinterdrein und ihre Schüsse knatterten unaufhörlich. Und auch auf den Höhen zu beiden Seiten war es lebendig, auch von dort her blitzte es unheimlich auf, und die Lützower sahen mit Schrecken, daß sie hier in einen Hinterhalt geraten waren.
Die ermüdeten, halbverdursteten Pferde wurden zu wilder Eile gespornt, und so erreichten die Reiter endlich mit verhältnismäßig geringen Verlusten das Hochplateau und eine Straße, aber zu ihrem neuen Schrecken sahen sie eine Abteilung französische Reiter heransprengen, die ihnen den Weg zu verlegen gedachte. Hier galt es sich durchzuschlagen.
Es war eine verzweifelte Situation. Mit lautem »en avant!« jagten die Feinde auf ihren offenbar frischen Pferden heran, ihre Helme blitzten im Sonnenschein, und festgestemmt in den Bügeln, eng geschlossen erwartete sie die deutsche Eskadron. Der erste Ansturm mußte ausgehalten werden, sie durften sich nicht auseinander sprengen lassen. Schon hörte man das Schnauben der französischen Pferde, noch einige Augenblicke, dann war das Ganze ein wirrer, wilder, dunkler Knäuel, gleich einer schweren Gewitterwolke, aus der die zischenden Säbelblitze zuckten. Aber nun zog auch die Nationalgarde im Laufschritt heran, das Bajonett gefällt, um in den Kampf einzugreifen, als mit einmal aus einem seitwärts gelegenen Gehölz eine neue Reiterabteilung hervorbrach und sich mit voller Wucht auf die überraschten Gardisten warf und sie im Augenblick auseinander sprengte.
Es waren Kosaken, die unmittelbar darauf auch in das Reitergefecht eingriffen und mit ihren langen Lanzen manchen Franzmann aus dem Sattel holten. Sie waren von Chimay hergekommen, das in russischen Händen war, und kamen zu rechter Zeit. Zur selben Stunde aber zog auch von Montcornet, wo gleichfalls Kosaken lagen, eine größere Infanterieabteilung heran. Es waren preußische Uniformen, auf die der Nachmittagssonnenschein fiel, und gebräunte, trotzige Gesichter. Ein Transport von Verwundeten, die sich auf mehreren Wagen, in Stroh und Betten hineingelagert, befanden, sollte auf sicheres Gebiet geleitet werden. Da hörte man das Schießen. Der Befehlshaber der Abteilung ließ sofort halten, die Wagen seitwärts von der Straße fahren, und nachdem eine kleine Bedeckungsmannschaft dabei zurückgeblieben, rückte er mit den andern eilig vorwärts, um, wenn es notthäte, bedrängten Kameraden beizustehen.
Die französische Reiterei, die den vereinigten Lützowern und Kosaken nicht gewachsen war, blies ihre Rückzugssignale, aber sie eilte, verfolgt von den Lützowern, gerade den von Montcornet heranrückenden Preußen entgegen. Diese empfingen sie mit festgeschlossenen Gliedern. Das erste hatte sich auf ein Knie niedergelassen, das zweite legte die Flintenläufe auf die Schultern des ersten, das dritte auf jene des zweiten, und wie die Chasseurs heranjagten, dröhnte ihnen eine volle Salve entgegen, daß Pferde und Reiter sich wild und grauenhaft im Staube der Straße wälzten. Die ganze Kolonne war in Auflösung, und was noch standhalten wollte, wurde von den nachjagenden Lützowern und Kosaken vollends auseinander gesprengt.
Jetzt erst begrüßten sich die Sieger, und die brave Lützowsche Eskadron, die seit einigen Tagen aus Gefahr und Not nicht herausgekommen war, konnte endlich wieder frei aufatmen. Da sah Zander ein bekanntes Gesicht unter der preußischen Infanterie.
»Oberjäger Walther!« rief er freudig, und der Alte, dessen ehrliches, pulvergeschwärztes Antlitz vor Freude strahlte, reichte ihm die Hand aufs Pferd hinauf.
»Wo ist Konrad?« war des Försters erste Frage.
»Herrgott – Konrad! Schmidt! – Wo ist Lieutenant Schmidt?« rief Zander erregt.
»Den sah ich stürzen, Herr Oberjäger, bei der Reiterattacke; ich wollt' ihm helfen aus den Bügeln zu kommen, aber bei dem Getümmel war's unmöglich!« sagte einer der Reiter.
»Heiliger Himmel – dann lassen Sie uns suchen!«
Er spornte sein Pferd und jagte zurück, und so hastig als es nur gehen mochte, eilte der Förster und noch ein anderer junger Soldat ihm nach. Es war Elise, die neben Walther stehend jedes Wort gehört hatte, und der es mit einmal das Herz zusammenkrampfte. Sie lief dem Alten jetzt voraus, und mit den Augen der Liebe suchte sie.