Zweites Kapitel.
Der Sturm bricht los.

Im Gasthause »Zum goldenen Scepter« in Breslau herrschte ein lautes, fröhliches Leben und Treiben, das einen ausgesprochen kriegerischen Charakter hatte. Jüngere und ältere Leute, zumeist in einfachen aber kleidsamen Uniformen gingen aus und ein, Gruppen standen im Hofe und vor dem Hause im lebhaften Gespräche beisammen, und ab und zu wurde wohl auch auf eine oder die andere Persönlichkeit besonders aufmerksam gemacht, und dann richteten sich aller Blicke nach derselben.

Eben war ein hochgewachsener kräftiger Mann in der Mitte der fünfziger Jahre, mit glattem Gesicht und geistvollen, scharfblickenden Augen in einfachem Civilanzuge zum Thore hinausgeschritten, und obwohl er incognito hier weilte, kannte man ihn doch; es war der Freiherr Karl von Stein, der vormalige preußische Staatsminister, der durch seine kraftvollen und volkstümlichen Reformen, welche auf Erhebung des Volkes abzielten, den Zorn Napoleons geweckt hatte, so daß er von diesem geächtet ward und nach Rußland fliehen mußte. Nach der Katastrophe von Moskau war er heimlich zurückgekehrt und half jetzt die Erhebung vorzubereiten.

Im »goldenen Scepter« befand sich das Hauptquartier des Majors von Lützow, des Mannes mit der Feuerseele, dem unbeugsamen Mute, der trotzigen Todesverachtung und der glühenden Vaterlandsliebe. In der Unglücksschlacht bei Auerstädt war er durch die Hand geschossen worden, aber er hielt bei den Trümmern seines Regiments aus, das sich nach Magdeburg rettete, wußte bei der Übergabe der Stadt sich frei zu machen und nach Kolberg zu entkommen, wo er sich dem wackeren Lieutenant Schill anschloß, der eben ein Freikorps zusammenwarb. Beim Überfall von Stargard durch dasselbe wurde Lützow am linken Fuße verwundet, und weil sein rastloser Eifer nur eine notdürftige Heilung seiner Wunden zuließ, nahm er 1808 als Major seinen Abschied. Für den feurigen Reiteroffizier brachte der Frieden ohnedies kein Behagen und keine Freude.

Da kam das Jahr 1813, und wie es sich allenthalben in Deutschland zu regen begann, da konnte auch Lützow nicht müßig rasten, und so erbat er sich ein Patent zur Bildung eines Freikorps, das er auch am 1. März erhielt. Und nun war er hier in der schlesischen Hauptstadt und sammelte Leute. Treffliche Menschen strömten ihm zu, und es war eine Lust, wie das Freikorps, das Reiterei und Fußvolk umfassen sollte, wuchs.

In der großen Stube im Erdgeschoß war das Bureau. Da saß an dem Eichentisch in der einen Ecke des Raumes der Hauptmann von Helmenstreit, eine prächtige militärische Erscheinung in der Mitte der dreißiger Jahre, den die dunkle Uniform mit den gelben Knöpfen und den schwarzen Aufschlägen, die der rote Vorstoß wirksam abhob, trefflich kleidete; auf dem Kopfe trug er auch jetzt den für die Lützower üblichen schwarzen Tschako mit Agraffe, Fangschnüren und seitwärts herabfallendem Haarbusch. Neben ihm saß ein junger Mann, gleichfalls mit der Litewka aus schwarzem Tuche bekleidet, und schien als Schreiber zu amtieren.

Es ging ziemlich geräuschvoll zu in dem Gemache, denn an allen Tischen, in allen Ecken saßen und standen Lützower und solche, welche es werden wollten. Eine Gruppe mochte wohl besondere Aufmerksamkeit erregen. Da saß die prächtige Jünglingsgestalt Friedrich Friesens aus Magdeburg, stützte den blonden Kopf auf die Hände und sah mit den großen blauen Augen träumerisch vor sich hin. Jetzt sollte es ernst werden mit dem, was man am Turnplatz geübt, und mit freudiger Zuversicht war er nach Breslau gekommen, wo er mit seinem Freunde Ludwig Jahn zusammentraf. Der war Lehrer an der Plamannschen Anstalt in Berlin gewesen und hatte auf der Hasenheide draußen seine Schüler und eine Anzahl junger Männer um sich vereinigt zu körperlichen Übungen, weil er wußte, daß das Vaterland bald nach kräftigen Armen suchen werde, und daß im gesunden Körper auch ein gesunder Geist wohne.

Jetzt saß er hier neben Friesen, ein Mann in seiner Vollkraft, mit breiter Brust und breiten Schultern, mit hellen Augen unter der bedeutenden kahlen Stirn, mit am Hinterhaupte schlaff herabfallenden Haaren und dem langwallenden, rötlich blonden Vollbarte. Er trug einen kurzen, schwarzen Rock mit Schnüren, und schaute schweigend nach dem dritten Mann an dem Tische. Der war jung und lebensfrisch, hatte ein von dunklen, um die Stirn gelockten Haaren umrahmtes prächtiges Gesicht, mit einem kleinen Schnurrbärtchen über den roten Lippen, und wenn er die braunen Augen erhob, dann brach es daraus hervor, wie eine leuchtende Flut, und wer ihm einmal hineingeschaut, der vermeinte auch das brave, frische, treue Herz darin gesehen zu haben, und der konnte auch nicht von ihm lassen.

Jetzt saß er da und schrieb eifrig mit seinem Bleistifte in der Brieftasche. Das war Theodor Körner, der Dichter der Lützower, der sein Lied und sein Herzblut brachte.

Unfern der Thür hatte ein Lieutenant Platz genommen, der durch seine ganze Erscheinung besonders auffallen mußte. Seine Gestalt war groß und kräftig, sein Gesicht verwettert und gebräunt und ein langer, grauweißer Bart fiel ihm weit herab auf die breite Brust und bekundete einzig, daß der Mann auf der Schwelle des Alters stand. Aber seinem sonstigen Wesen und seinen Bewegungen hätte man das nicht angemerkt. Das war der Lieutenant Fischer, der schon im Siebenjährigen Kriege als gemeiner Reiter mitgefochten und später wieder im Rheinfeldzug gegen Frankreich als Wachtmeister sich ausgezeichnet hatte. Dann hatte er als Steuerbeamter in Schlesien gelebt, aber als der Ruf des Königs erklang, litt es den alten Soldaten mit dem Franzosenhaß in der Brust nicht mehr daheim.

Jetzt saß er da und putzte an einer seltsamen Waffe. Es war nicht der übliche Reitersäbel, denn diesen hatte er an der linken Seite hängend, zwischen den Knieen, sondern ein kurzes Schwert mit einer Klinge, die gut eine Hand breit war und einen wohl fingerdicken Rücken hatte; es war ein schier unheimlich Ding. Man erzählte sich als volle Wahrheit, daß es der alte Recke einem Scharfrichter abgenommen habe, weil ein ehrlich' Eisen viel zu gut sei für die Schelm-Franzosen. Er liebkoste beinahe die unbehagliche Waffe, und sah immer wieder, ob die Klinge blank sei, und dabei pfiff er vor sich hin, unbekümmert darum, ob andere herumstanden und ihm zusahen.

Jetzt erst schien er's zu gewahren, und sein Gesicht verzog sich zu einem ingrimmigen Grinsen, und er frug bärbeißig:

»Na, was gafft ihr denn? Habt ihr am alten Fischer oder an seinem Metzgermesser den Narren gefressen?«

»An beidem!« sagte lachend ein frischer Bursche und strich sich das Gelock von der Stirne.

»Gelbschnabel! Dich kenn' ich, Zander, und wenn du mit der Klinge so vornweg bist, wie mit der Zunge, nachher ist's gut!«

»Das wird sich bald zeigen!« lachte der Junge, »und ich wünschte mir dann wahrlich auch einen solchen Flamberg, wie Ihr in der Faust habt!«

»Warum, mein Junge?«

»Warum? – Weil man damit näher heran kann an den Gegner, und weil so ein Ding nicht so leicht splittert an Franzosenknochen!«

»Brav! Sieh, so gefällst du mir, Zander, und ich meine selbst, aus dir kann noch was Besseres werden als ein Pastor! – Bist doch wohl ein verpfuschter Theologe?«

»Ein verpfuschter just nicht! Ich hab' derweilen die Gottesgelahrtheit an den Nagel gehängt, weil's anderes zu thun giebt, und wenn ich nicht irgendwo mein Leben lasse, hoff' ich noch einmal zur Kanzel zu kommen.«

»Das werden die schlechtesten Prediger nicht, die die Bluttaufe erhalten haben.«

»Silentium!« rief in diesem Augenblicke eine laute Stimme. Jahn hatte sich erhoben, fuhr mit den gespreizten Fingern durch seinen rötlichen Bart und rief nochmals:

»Silentium für unseren Tyrtäus! Körner hat ein neues Lied gemacht!«

Ein lautes Hurrahrufen – dann war es still und Fischer legte seine Scharfrichterklinge über die Kniee. Theodor Körner aber stand auf, ließ die blitzenden Augen im Kreise umhergehen, und las dann mit kräftiger Stimme und frischem Pathos das »Lied der schwarzen Jäger«:

In's Feld, in's Feld! die Rachegeister mahnen,
Auf, deutsches Volk, zum Krieg!
In's Feld, ins Feld! Hoch flattern unsre Fahnen,
Sie führen uns zum Sieg.
Klein ist die Schar, doch groß ist das Vertrauen
Auf den gerechten Gott!
Wo seine Engel ihre Vesten bauen,
Sind Höllenkünste Spott.
Gebt kein Pardon! Könnt ihr das Schwert nicht heben,
So würgt sie ohne Scheu;
Und hoch verkauft den letzten Tropfen Leben!
Der Tod macht alle frei.
Noch trauern wir im schwarzen Rächerkleide
Um den gestorb'nen Mut;
Doch fragt man euch, was dieses Rot bedeute:
Das deutet Frankenblut.
Mit Gott! – Einst geht, hoch über Feindesleichen,
Der Stern des Friedens auf;
Dann pflanzen wir ein weißes Siegeszeichen
Am freien Rheinstrom auf!

In den lauthallenden Beifallsruf erklang die Stimme Jahns, der nach der Weise des Liedes »Am Rhein, am Rhein, da wachsen unsre Reben« jetzt anstimmte:

In's Feld, in's Feld! die Rachegeister mahnen!

und im Augenblicke stimmten die andern ein, und wer den Text der ersten Strophe vergessen hatte, sang wenigstens die Melodie, und laut schallte es durch den Flur und über den Hof:

In's Feld, in's Feld! hoch flattern unsre Fahnen,
Sie führen uns zum Sieg.

Die es draußen gehört hatten, kamen herein, und mitten unter dem Gesange jubelten sie dem jungen Dichter zu, der mit glühenden Wangen und leuchtenden Augen hochaufgerichtet dastand. Der alte Fischer aber war aufgestanden und, sein »Metzgermesser« in der Linken, an ihn herangetreten. Er legte ihm die Hand auf die Schulter und sprach:

»Vergelt's Gott für das Lied! Das können wir brauchen, so gut wie das Eisen! Solch' Lied hilft werben im deutschen Lande!«

Mitten in diese lebhafte Bewegung, in das Singen und Rufen hinein kamen zwei Gestalten, die fast verwundert an der Thüre stehen blieben und Umschau hielten – der eine war bejahrt und hatte die Büchse über dem graugrünen Jägerrocke, der andere mit Ränzel und Stecken kam frischweg aus dem Hörsaal der Hochschule – das merkte man ihm an. Hinter den Beiden aber drängte sich ein brauner Jagdhund herein, und sah mit gehobenem Kopfe sich um. Es waren der Förster Walther und Schmidt.

»Bei Lieutenant Fischers Mordwaffe – Konrad!« schrie jetzt Zander auf, und im nächsten Augenblicke hatte er den jüngern der beiden Ankömmlinge stürmisch umarmt. »Das wußt' ich, daß du kommst, altes braves Haus! Wir reiten zusammen – es soll ein frisches Leben werden – hier Körner hat's uns eben in die Seelen gesungen, um was es geht! Wen bringst du denn da mit?«

»Meinen Freund, den Förster Walther, der sich und seine gute Büchse bringt!«

»Ja, wenn meine Knochen nicht zu alt sind, soll das Vaterland sie haben!«

»Brav, alter Kamerad – du gefällst mir!« rief Lieutenant Fischer, der durch Zanders Worte aufmerksam geworden war und herantrat. »Du müßtest in meine Eskadron kommen!«

»Das wird nicht gut gehen, Herr Premierlieutenant« – sagte Walther; »ich hab' das Reiten nicht betrieben, und um es erst anzufangen, sind meine Gelenke zu steif; auch weiß ich mehr mit der Büchse als mit dem Sarraß umzugehen und vermeine als Jäger besser nützen zu können – aber den hier, meinen jungen Gefährten, mögt Ihr wohl brauchen; er sitzt gut zu Pferd, wie er versichert – –«

»Das kann ich bestätigen« – bemerkte Zander – »und auch eine Klinge schlägt er trotz der Gottesgelahrtheit – –«

»Wohl auch ein Theologe?« fragte Fischer.

»So ein verpfuschter wie ich – zu Befehl, Herr Lieutenant!« sagte Zander.

»Hm,« grunzte der alte Offizier – »die halbe Eskadron sind Pastoren!«

»Wenn sie nur was taugen!« rief der unverbesserliche Lützower, und Fischer sprach:

»Wollen sehen, ob ich ihn kriegen kann – wär' schade, wenn sie euch auseinander rissen. – Um den alten Freund thut mir's leid – 's ist kein rechtes Leben beim Fußvolk,« setzte er beinahe flüsternd hinzu. Dann führte er die neuen Ankömmlinge zu dem Tische, wo der Hauptmann und der Schreiber saßen, um sie in aller Form einzuschreiben. Die Sache war bald abgethan in der üblichen Weise, außergewöhnlich war es nur, daß Walther fragte, ob er auch seinen Hund bei sich behalten könne.

Als ob das Tier es wüßte, daß es sich um seine Beziehungen handle, trat es dicht an seinen Herrn heran und hob den feinen Kopf mit den klugen Augen und sah Hauptmann von Helmenstreit an; der lächelte:

»'s ist zwar außergewöhnlich, daß ein Vierfüßler sich meldet zu den Lützowern, aber ich will's verantworten, denn er scheint gut gezogen.«

Flott wedelte verständnisvoll mit der schönen Rute, der Förster fuhr ihm mit der Hand über den Kopf, und die Sache war abgethan. Gleich darauf saßen die beiden Neuen unter den Übrigen, und von allen Seiten streckten sich ihnen kräftige Hände zum Willkomm entgegen.

Nachdem sie noch an diesem Tage sich in Breslau ein wenig umgesehen hatten, wo die allgemeine Begeisterung die höchsten Wellen schlug, und wo die seltsamsten und herzerhebendsten Geschichten erzählt wurden von der Opferwilligkeit von Männern, Frauen und Jungfrauen, von welch letzteren manche sogar ihr Haar abgeschnitten und den Erlös für die gute Sache geschenkt hatten, während manch braves deutsches Eheweib ihren goldenen Trauring opferte und dafür einen eisernen nahm – mußten sie am nächsten Tage nach ihren Sammelquartieren.

Das war für das Fußvolk das freundlich am Fuße des Zobtenbergs gelegene Städtchen Zobten, für die Reiterei das an der Breslauer Straße liegende Dorf Rogau. So mußten sich Walther und Schmidt zwar trennen, aber das war nicht von Bedeutung, denn die beiden Orte lagen nur ein halb Stündchen voneinander entfernt, und man konnte sich häufig genug sehen.

Hier wie dort aber herrschte ungemein reges Leben. Den ganzen Tag über sah man die Freiwilligen zu Fuß und Roß exerzieren, Reit- und Schießübungen vornehmen, und in den freien Stunden saßen sie beisammen und begeisterten sich gegenseitig und sangen die Lieder von Arndt und Körner.

Im »Hirsch« in Zobten fand sich an jedem Abend eine stattliche, vergnügte Gesellschaft zusammen. Beim braunen Gerstensafte, wohl auch bei blinkendem Weine, saßen die »schwarzen Jäger«, tauschten Erlebnisse und Erinnerungen aus und sprachen von Feldzugsplänen, als ob jeder von ihnen selbst ein Korps zu befehligen hätte. Mancher skizzierte seine strategischen Anschauungen wohl auch mit Kreide auf dem Tische, und der Meinungsstreit war mitunter ein recht lebhafter.

Konrad Schmidt kam oft aus Rogau herüber, um den alten Freund zu sehen, der in dem Lützower Rocke sich ganz wohl fühlte, und für dessen Ungeduld man viel zu lange müßig lag. Nach seiner Meinung war das Korps zahlreich genug, um »losgehen« zu können. Es zählte damals etwa 900 Mann Infanterie und 250 Reiter.

Schmidt sah sehr schmuck und frisch aus in dem schwarzen Dolman, und seit er eine Mitteilung erhalten hatte, daß es mit seiner Mutter besser gehe, war er von einer sprühenden Lebenslust und Heiterkeit. Auch heute war er wieder im »Hirsch«, wo außer den jüngeren Elementen auch ältere und angesehene Leute sich eingefunden hatten, welche in das Freikorps als Volontäroffiziere eingetreten waren. An einem Tische saßen der Staatsrat Graf Dohna, der Geheime Obersteuerrat Beuth, der Landrat von Petersdorff und der Regierungsrat Schroer, und alle in der einfachen dunklen Uniform. Man hielt um dieser »Kameraden« willen den lustigen Geist einigermaßen zurück, der sonst hier zu walten pflegte, aber nachdem dieselben sich entfernt, brach er mit verdoppelter Lebhaftigkeit hervor.

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Wer ein Musikinstrument spielen konnte, brachte es herbei, und Fiedel und Flöte, Trompete und Waldhorn wurden laut.

Konrad Schmidt besaß eine prächtige Stimme und spielte die Guitarre, was auch Theodor Körner that, und nachdem das im Kreise der Genossen erst einmal bekannt geworden war, brauchte er sich nur zu zeigen, um sofort aufgefordert zu werden zu einem Liede.

So war's auch heute, und Walther, der mit seiner kurzen Pfeife im Munde, den treuen Hund zu Füßen dasaß, hatte seine helle Freude an dem frischen Jungen, wie er so dastand in seinem Reiteranzug, sein Instrument in der Linken hielt und nun frisch anstimmte:

Frisch auf, ihr Kam'raden! Wir zieh'n in das Feld,
Wir haben unser Herz auf Franzosen gestellt,
Die Wehr und der Mut sind geschliffen und blank,
Drum her mit Franzosen! Die Zeit wird uns lang,
Hurra, ihr Kam'raden! Hurra, ihr Soldaten!
Hurra ist Franzosen ein tödlicher Klang.

Es war Ernst Moritz Arndt's kräftiges »Marschlied«, das dieser im Jahre 1812 gedichtet hatte und das zumal den Studenten genug bekannt war, und darum konnten andere mit einstimmen und volltönig brausten die letzten Strophen:

Heraus alle! Rufet am lautesten Gott!
Und machet die schnöden Tyrannen zu Spott!
Mit Schwertern und Lanzen in blutiger Jagd
So jaget die Räuber bei Tag und bei Nacht;
Hurra, ihr Kam'raden! Hurra, ihr Soldaten!
Hasasa! Trarara! Die lustige Jagd!
Auf! spielet, Kanonen, zum lustigen Tanz!
Auf, blitzet, ihr Säbel, den blinkenden Glanz!
Auf, wirbelt, ihr Trommeln, in Saus und in Braus!
Auf, wehet, ihr Fahnen, zum Himmel hinaus!
Hurra, ihr Kam'raden! Hurra, ihr Soldaten!
Wir ziehen zum Sieg oder Tod heut' hinaus.

Während die letzte Strophe erklang, war ein junger Mann in der Lützowschen Reitertracht in die Thür getreten. Es war ein hagerer, sehniger Gesell mit rötlich blonden Haaren, in dessen Gesicht ein hämischer Zug stand, der an dem verzogenen Munde besonders hervortrat. Auch seine Augen hatten nichts Freies und Offenes.

Als er Konrad Schmidt erblickte, huschte über das farblose Gesicht eine plötzliche Röte, und in den Blicken zuckte es unfreundlich auf. Nachdem das Lied zu Ende war, und lautes Hurrarufen, fröhliches Zusammenklirren der Trinkgefäße erscholl, trat er, eben da Walther seinem jungen Freunde die Hand zu herzlichem Drucke reichte, auf diesen zu, sah ihm vorgeneigt, lauernd und höhnisch in's Gesicht und rief:

»Er ist's wahrhaftig! Hähnchen, wie kommst du in den Anzug für Männer? – Hier wird nicht Soldat gespielt!«

Der Ton, in welchem die Worte gesprochen wurden, zeigte, daß der Redende nicht ganz nüchtern war, und obwohl Schmidt, da er ihn ansah, sich ein wenig verfärbte, wendete er sich doch sogleich ab und ließ sich neben Walther nieder. Da legte sich die Hand des andern auf seine Schulter:

»He, Hähnchen! Merkst du nicht, daß ein anständiger Mensch dir die Ehre anthut, dich anzureden?«

Widerwillig schüttelte der Angesprochene die Hand von sich ab und ohne sich umzukehren, sprach er mit möglichster Ruhe und Festigkeit, indem er auf Walther zeigte:

»Ich rede hier mit einem anständigen Menschen!«

»Was soll das heißen?« brauste der andere auf.

»Das heißt, daß ich mit dir nichts zu thun habe,« erwiderte Konrad; jetzt aber schrie der Fremde laut:

»Aber ich mit dir! Ich will's in alle Ohren hier hineinrufen, wer du bist! Ein Ankläger, ein Verschwärzer, ein elender Denunziant! Ja hört es alle – nehmt euch vor dem da in acht, vor dem Schmidt – das kleine Hähnchen beißt hinterrücks …«

Konrad war aufgesprungen, erblaßt bis in die Lippen und stand mit geballten Fäusten. Einige waren herbeigeeilt und wußten nicht, was sie von der Sache denken sollten, aber sie sahen den Fremden doch mit etwas mißtrauischen Blicken an. Der aber lachte höhnisch:

»Seht ihn nur an, wie er käseweiß dasteht – hat das große Maul von Courage und besitzt keine!«

Wütend wollte sich Konrad auf ihn stürzen, da stand schon ein anderer dazwischen, der Förster Walther. Ihm brannte der Zorn in dem ehrlichen Gesichte und mit beiden Fäusten hatte er den Ruhestörer an den Schultern erfaßt:

»Schandmaul!« knirschte er ingrimmig, indem er den andern schüttelte, daß derselbe in allen Knochen zu schlottern schien, während gleichzeitig Flott die weißen Zähne zornig fletschte. Der Fremde wollte sich wehren und sprechen, aber unter den eisernen Händen Walthers war beides unmöglich. Wie ein Bündel Kleider zusammengerüttelt, flog er jetzt zur offenen Thüre hinaus, und ein lautes, lustiges Gelächter dröhnte ihm nach. Der Förster war von der Stunde ab eine besonders geachtete Persönlichkeit.

Jetzt drängten sich alle um Konrad Schmidt.

»Wer ist der Bursche? – Woher kommt er? – Seit wann haben wir den unter uns?«

Der Gefragte zwang sich zur Ruhe, indem er erwiderte:

»Er scheint erst seit heute in Rogau zu sein. Wer er ist? – Bastian heißt er, und ist der Sohn eines Gutsherrn in meinem Heimatdorfe.«

»Und zum Henker, was habt Ihr miteinander? Laß es klar werden, Konrad – denn daß du nicht im Unrecht bist, dafür leg' ich meine Hand ins Feuer!« rief Zander, und auch die andern drängten, daß er erzähle.

»Ach, es ist ja nicht der Rede wert, und Bastian war nicht nüchtern, sonst hätt' er nicht die Sache vom Zaune gebrochen!«

»Wir wollen's hören! – Zwischen Kameraden muß Klarheit sein! – Wir müssen wissen, mit wem wir's zu thun haben!« scholl es ringsum, alle drängten um Schmidt, und dieser berichtete endlich unter offenbarem Widerstreben:

»Wir sind in demselben Dorfe aufgewachsen und er ist etwa drei Jahre älter als ich. Sein Vater war der Patronatsherr des meinen, und ich mußte mir's schier zur Ehre rechnen, mit dem Sohn des Gutsherrn umgehen zu dürfen. Er war ein gewaltthätiger, roher Junge von früh auf und ich habe mir viel von ihm müssen gefallen lassen, weil mein Vater in seiner Stellung ängstlich war. Beim Soldatenspiel hat er mich manchmal durchgebläut, und ich nahm's hin als etwas, was so sein mußte. Aber als wir heranwuchsen, kam mir doch das Selbstbewußtsein, und ich ließ mir nicht alles mehr gefallen und brauchte wohl auch meine Fäuste, freilich meist mit wenig Erfolg, denn er war der Stärkere. So kam es, daß wir uns nicht verstanden und innerlich immer mehr verloren, je älter wir wurden, denn die Roheit seines Wesens stieß mich ab. Als ich zum erstenmal von der Hochschule heimkam, wollt' er mich wieder als das «Hähnchen» behandeln, wie er mich spottweise genannt hatte, aber das hab' ich mir sehr deutlich verbeten, und nun ging er mir aus dem Wege. Er hatte besonders einen widerwärtigen Zug, das war seine Neigung zu Tierquälereien, die er an allen Wesen bekundete, und die schon in Knabentagen oft die Ursache erbitterten Streites zwischen uns gewesen war. Die Neigung schien bei ihm mit den Jahren zu wachsen, denn gerade als ich ihn nach einiger Zeit wieder sah, mißhandelte er seinen Hund in der denkbar rohesten Weise. Ich wollte ihn davon abbringen, aber mir zum Trotze, hohnlachend, vermehrte er noch seine Mißhandlung, so daß ich mich entsetzt abwandte. Damals begegnete ich seinem Vater, einem braven, ehrenfesten Landwirt, und in meiner schweren Erregung teilte ich ihm mit, was ich eben erlebt, und bat ihn, seinem Sohne kein Tier unter die Hand zu geben! Das war meine Verschwärzung und Denunziation, wie er es nennt, und das trägt er mir um so mehr nach, als sein braver Vater damals ihn, den großen Bengel, mit seiner Hundspeitsche gezüchtigt hat wie einen elenden Buben, und wie er's verdiente. Er wollte mir die Prügel heimzahlen, aber ich war nicht mehr der schwache Pastorsjunge, das «Hähnchen» – ich habe ihm die Peitsche entrissen und zerbrochen vor die Füße geworfen. Das ist alles. Es thut mir leid, daß ich's erzählen mußte, und thut mir auch leid, daß Bastian hier ist. – Aber nun laßt mich gehen!«

Die Stimmen schwirrten durcheinander in Lauten der Entrüstung und des Beifalls, und die Gefährten drängten sich um Konrad, um ihm die Hand zu drücken. Dieser aber verließ mit einem kurzen Gruße, begleitet von Walther und von Zander, die Schenkstube.

Der Förster begleitete die beiden andern nur eine kurze Strecke, dann kehrte er um, diese aber wanderten weiter gegen Rogau. Konrad war gedrückt und verstimmt, und sein Gefährte suchte ihn aufzurichten.

»Laß dich die Unverschämtheit des Burschen nicht grämen! Du hast alle Kameraden auf deiner Seite, und du weißt, daß sie etwas auf dich halten!« sagte er.

Schmidt aber erwiderte:

»Das ist ja schön und lieb, aber bitter ist's doch, wenn zwischen die herrlichsten Gefühle der Begeisterung und der Vaterlandsliebe sich so erbärmlich kleine Gehässigkeit drängt. Es wirft mir einen Schatten in die Seele!«

»Den singen und fechten wir heraus. Laß es nur erst an ein fröhliches Streiten gehen, dann schwindet alles vor dem einen großen Gedanken, der uns zusammengeführt hat, und dein Bastian müßte ein Lump bis in die Knochen hinein sein, wenn's ihm anders ums Herz wäre.«

Sie waren bis nahe an Rogau herangekommen. Der Mond war aus den Wolken hervorgetreten und beleuchtete mit seinem milden Lichte das Dorf und die Landstraße. Auf dieser sahen sie vor sich her einen Mann in der Lützower Reiteruniform etwas unsichern Ganges sich fortbewegen, und sie erkannten Bastian. Auch dieser hatte sie bemerkt und blieb stehen. Die zwei hielten ihren Schritt nicht an, und Zander meinte, daß ihn wohl sein Auftreten in Zobten reue und daß er sich entschuldigen werde; Konrad Schmidt schüttelte den Kopf, er wußte es besser.

Als sie an Bastian herankamen, lachte dieser höhnisch auf:

»Ah, das Hähnchen braucht eine Bedeckung, weil es allein keine Courage hat!«

Da fuhr Zander auf; er trat hart an den Halbtrunkenen heran, und sagte ernst und fest:

»Schäme dich, Gesell!«

»Wer sind Sie denn, Herr, daß Sie mich so ohne weiteres duzen? – Ich wüßte nicht …«

»Ach was, rechne dir's zur Ehre, wenn ich's thue, denn es geschieht wahrlich nicht dir, sondern nur dem Rock zulieb, den du trägst, und hüte dich, ihm keine Schande zu machen! Und noch eins will ich dir sagen: Wenn du dich unterfängst, noch einmal mit einem Worte oder auch nur einer Miene meinen Freund Konrad Schmidt zu kränken, hast du's mit mir, und ich meine auch mit der halben Eskadron zu thun. Ich heiße Ludwig Zander.«

Der Sprecher sah so kräftig, stattlich und männlich fest aus, und der Ton, in welchem er sprach, war so bestimmt, daß Bastian unwillkürlich zwei Schritte zurückwich und nichts zu erwidern wagte. Konrad war seines Weges weiter gegangen und hatte sich gar nicht um ihn gekümmert, und Bastian sah nun, wie Zander dem Freunde nacheilte, seinen Arm in dessen Arm schob, und wie die beiden so verschlungen ihres Weges weiter gingen. Finster, ernüchtert, ärgerlich schritt er ihnen nach.

Die Ungeduld der Lützower wuchs; das Müßigliegen paßte den wenigsten, dem Führer selbst wahrlich auch nicht, aber mit der Ausrüstung des Korps wollte es nicht recht von statten gehen, und die Bewaffnung besonders ließ viel zu wünschen übrig. Das Fußvolk hatte die verschiedenartigsten Gewehre, mitunter recht wenig brauchbare Waffen mit Steinschloß und konischem Zündloch, die bei Regenwetter kaum verwendbar waren und eine sehr geringe Treffsicherheit hatten. Viele hatten überhaupt kein Gewehr, sondern eine Pike wie die Ulanen. Die Säbel waren gleichfalls mangelhaft und vielfach von Grobschmieden in aller Eile hergestellt. Auch das Sattelzeug für die Pferde, das meist von den Reiterregimentern als weniger brauchbar zurückgesetzt worden war, ließ viel zu wünschen: die ungarischen Böcke waren fast lauter Ausschuß, und die Decken waren elend und hart, so daß die Tiere leicht gedrückt und wund gerieben wurden.

Aber der Geist im Korps war ein ausgezeichneter, und alle Herzen schlugen in heißer Erwartung dem Ausmarsch entgegen. Da kam eines Morgens, da man nach gewohnter Weise beim Exerzieren war, Körner dahergesprengt, und wie er an die Ersten heranritt, rief er ihnen zu: »Hurra, es geht los! In den nächsten Tagen geht es gegen den Feind!«

Wie ein Lauffeuer ging das Wort weiter. Die einzelnen Abteilungen, die eben noch unter Zucht und Disciplin standen, lösten sich auf, Offiziere und Gemeine liefen durcheinander und drängten zu Körner heran, der aber verkündete es laut:

»Ich hab's vom Major selbst. Die Franzosen haben Dresden besetzt und schieben ihre Vorposten gegen Bautzen. Wir haben vom General Scharnhorst die Weisung, aufzubrechen ins Sachsenland! Hurra!«

Und jauchzend erklang der Kriegsruf aufs neue über das Feld.

Noch an demselben Tage erhielt das Korps von Lützow den Befehl, am nächsten Morgen in Paradeausrüstung sich in Zobten aufzustellen zur feierlichen, kirchlichen Einsegnung. Und so geschah es.

Es war an einem Sonnabend. Der Tag war freundlich und die Herzen gehoben. Das kleine Städtchen Zobten aber hatte wohl noch niemals eine solche Erregung gesehen. Die ganze Bevölkerung war zusammengeströmt auf dem freien Felde, wo die Lützower sich heute festlich scharten. Da standen sie stramm in Reih und Glied: Das Musketier-Bataillon mit dem Hauptmann von Helmenstreit an der Spitze, daran gereiht die 4 Kompagnien Fußvolk unter den Lieutenants von Heyligenstädt, von der Heyde, Staak und von Dittmar, und die freiwilligen Jäger zu Fuß unter dem Lieutenant Müller. Am rechten Flügel aber war die Kavallerie aufgeritten unter dem Rittmeister von Bornstaedt, und die Husaren und Ulanen mit ihren schmucken Dolmans, sowie die reitenden Jäger machten einen trefflichen Eindruck.

Jetzt kam der Major Lützow mit einigen Offizieren herangesprengt. Wie aus Erz gegossen saß er im Sattel, das Musterbild eines Reiters, und die ganze Gestalt atmete Kraft und Kühnheit. Unter seinem Reitertschako quoll das blonde Haar in Löckchen hervor, der blonde, keck gedrehte Schnurrbart und die blitzenden, blauen Augen gaben dem frischen, männlichen Gesichte einen ungemein kühnen Ausdruck, und der schwarze Pelz, den er, über der Schulter hängend, über dem verschnürten Waffenrocke trug, kleidete ihn außerordentlich vorteilhaft. Sein ganzes Wesen trug das Gepräge der Lebendigkeit und Thatkraft, zugleich aber auch der soldatischen Treuherzigkeit und Biederkeit, und es war begreiflich, daß seine Leute mit warmer Hingabe an ihm hingen.

Vor der Front der Truppen parierte er kurz sein Pferd, senkte den Säbel zum Gruße, und dann schallte sein Kommando kurz, kraftvoll und fest, und die kleine Armee setzte sich in Bewegung. Die Bevölkerung von Zobten gab ihr das Geleite hinüber nach Rogau, in dessen Kirchlein die Einsegnung stattfinden sollte, weil Zobten kein evangelisches Gotteshaus besaß und die weitaus meisten der Freiwilligen dem protestantischen Bekenntnis angehörten.

In das kleine Dorfkirchlein zogen die Männer in Wehr und Waffen, und bis zum letzten Plätzchen war es gefüllt von Andächtigen und Neugierigen. Wie der Eingang umrankt war von Guirlanden aus Eichenzweigen und Tannenreis, so war auch der einfache Altar geschmückt, und es zog wie der Duft des Waldes durch den schlichten Raum, während ein müdes Sonnenleuchten auf den schmucklosen Wänden lag und da und dort eine Waffe heller aufblitzen ließ.

Nun setzte die Orgel mit einem dünnen, schneidenden Klange ein zur Melodie des Chorals: »Ich will von meiner Missethat«, und dann erscholl es von tausend Stimmen, wie das kleine Kirchlein es niemals gehört hatte, ein Lied, das Theodor Körner zu dieser Feier besonders gedichtet hatte:

Wir treten hier im Gotteshaus
Mit frommem Mut zusammen,
Uns ruft die Pflicht zum Kampf hinaus,
Und alle Herzen flammen,
Denn was uns mahnt zu Sieg und Schlacht,
Hat Gott ja selber angefacht.
Dem Herrn allein die Ehre.

Der Herr ist unsre Zuversicht,
Wie schwer der Kampf auch werde;
Wir streiten ja für Recht und Pflicht
Und für die heil'ge Erde.
Drum, retten wir das Vaterland:
So that's der Herr durch unsre Hand.
Dem Herrn allein die Ehre.
Er weckt uns jetzt mit Siegeslust
Für die gerechte Sache;
Er rief es selbst in unsre Brust:
Auf, deutsches Volk, erwache!
Und führt uns, wär's auch durch den Tod,
Zu seiner Freiheit Morgenrot;
Dem Herrn allein die Ehre.

Als das Lied verklungen war, trat der Prediger Peters an den Altar. Schlicht und doch kraftvoll klangen seine Worte an Ohr und Herz der Hörer, wie er redete von der Not des Vaterlandes, und von der allgemeinen Begeisterung, die bis in die kleinste, fernste Hütte, bis in das letzte verlorene Herz hineinzittere, und wie er hinwies auf den gerechten Himmel, der die gerechte Sache nicht verlassen werde, und all den kampfesfrohen Gesichtern konnte man die innere Erregung ansehen.

Ganz vorn, hart vor dem Prediger, stand der Major von Lützow, und seine Fäuste waren um den Säbelgriff gepreßt, als ob er ihn zerdrücken wolle, und in seinem männlichen Antlitz, um seinen Mund zuckte es seltsam. Über all den Hunderten lag es wie eine heilige Weihe, aber manche Waffe ward an die Brust gehoben und heimlich und verstohlen ward manche Freundeshand gedrückt.

Die Stimme des Predigers aber wurde noch eindringlicher und ergreifender, als er sprach: »Und nun, ihr Männer und Jünglinge aus dem deutschen Volke, will ich euch angesichts des ewigen Gottes den Eid vorsprechen, den ihr geloben mögt hier in seinem Hause und vor seinem Altare, daß ihr siegen oder sterben wollt für die gerechte und heilige Sache des Vaterlands!«

Dann aber warf er sich, das Angesicht nach dem Kreuzbilde gewendet, auf seine Kniee nieder und betete inbrünstig:

»Du aber, Herr der Heerscharen, sei mit uns in dieser Stunde und in dieser ganzen großen Zeit! Erfülle die Herzen mit der Glut der Vaterlandsliebe, mache sie rein von allem Unrecht und aller Schuld, gieb unserem Volke starke und getreue, opferwillige und todesmutige Seelen, und sei mit unserem guten König und mit unseren Waffen. Amen! – Und nun sprechet mir nach!«

Er erhob sich von den Knieen und stand mit leuchtenden Augen da, hoch aufgerichtet, als ob der Geist des Höchsten ihn erfülle, die Offiziere aber hatten ihre Säbel gezogen, und wer nur konnte, drängte an sie heran und legte seine Finger auf die blitzenden Klingen, oder hob zum Schwur seine Rechte, und erschütternd klang es von all den Hunderten, die es dem Prediger nachsprachen:

»Wir schwören vor Gott dem Allmächtigen, daß wir bereit sind, für die Sache der Menschheit, des Vaterlandes, der Religion weder Gut noch Blut zu schonen, und daß wir dafür siegen oder sterben wollen. Wir schwören es, so wahr uns Gott helfe!« –

Dann war es einen Augenblick tiefstille in dem kleinen Gotteshause bis auf das verhaltene Schluchzen der Weiber und Kinder, aber aus manchem Mannesauge rollten heiße Thränen stumm hernieder auf Wange und Bart. Wie in Unmut wischte manche Hand über das Antlitz, und manches Gesicht verzog sich scheinbar ingrimmig, als ob sein Eigentümer sich seiner Rührung schäme; als aber nun die Orgel wieder einsetzte und überging in die machtvolle Weise des erhebenden Lutherliedes, da strömten die vollen Herzen ihr heißes Empfinden aus, und machtvoller ist wohl selten des großen Reformators Streit- und Siegeslied erklungen, als in der kleinen Dorfkirche in Rogau in jener geweihten Stunde.

Ein' feste Burg ist unser Gott,
Ein' gute Wehr und Waffen …

Das brauste und brandete an den Mauern des schlichten Gotteshauses und dröhnte hinaus in den freundlichen Frühlingstag, und die Menschen draußen stimmten mit ein in den Choral, und in der Höhe jubilierten und jauchzten die Lerchen ihr schmetterndes Lied darein. Die Männer in dem Kirchlein aber hatten ihre Waffen gezückt und schwangen sie über den Häuptern, so daß blitzende Funken wie feurige Zungen des göttlichen Geistes über ihren Häuptern hinwegflogen; da und dort klirrten sie wohl auch mutig zusammen, und als der Choral verklungen war, erklang ein dröhnendes Vivat! der deutschen Freiheit, daß die Wände zu erzittern schienen und die Herzen überwallten.

Segnend breitete der Prediger seine Hände aus, noch einmal war es still und über die gesenkten jungen und alten Häupter klang das Segenswort:

»Der Herr segne und behüte euch. – Der Herr erhebe sein Angesicht über euch und gebe euch seine Kraft und den Sieg der heiligen Sache!«

Und abermals klirrten die Waffen zusammen, dann aber sanken die Männer, überwältigt von der Macht des Augenblicks, sich an die Brust, und kräftige Hände legten sich ineinander. Friedrich Friesen und Theodor Körner hielten sich ganz nahe beim Altar umschlungen – der Achilles und der Tyrtäus der kleinen Freischar – und über ihren einander zugeneigten Häuptern spielte das Sonnengold. Keiner vermochte zu reden, durch die Seelen Beider aber zitterte wohl in jenem Augenblicke die Ahnung, daß sie ihr Leben lassen würden im heiligen Streite, aber kein Bangen und Grauen erfüllte die Herzen, sondern eine heilige Kampfes- und Sterbenslust.

Auch Konrad Schmidt und Zander hatten die Hände fest in einander gefügt wie zum Bunde auf Leben und Sterben, und nun drängte der Förster Walther heran und zog Konrad an seine Brust:

»Ich will denken, du wärst mein Sohn!« sagte er und die Sprache wollte ihm vor Rührung beinahe stocken. – »Welch eine Stunde! Hab' Dank, mein Junge, daß du mich herausgeholt hast aus meinem Walde!«

»Mein Vater, mein Freund!« stammelte der Jüngling und preßte sich fest an die breite Brust des Alten, dem die Thränen in den grauen Bart über die verwetterten braunen Wangen niederrollten. Dann riß er sich los, um andere Hände zu drücken, wie sie von allen Seiten sich ihm entgegenstreckten.

Da sah er Bastian. Er drängte auf ihn zu und reichte ihm beide Hände hin.

»Laß allen Groll begraben sein, Bastian, er ist zu klein für diese Zeit; wir wollen ehrliche Kameraden sein!«

Der Andere, überwältigt von dem Augenblicke, gab ihm stumm seine Rechte, aber sein Auge blickte dabei nicht frei dem Kampfgenossen in's Gesicht …

Am andern Morgen erfolgte der Ausmarsch gegen Sachsen. Leuchtend war die Sonne über dem Zobtenberge aufgegangen und spiegelte sich in den Waffen. Die Signalhörner bliesen, die Jäger stimmten ein frisches Marschlied an, die Pferde wieherten dem Morgen entgegen, und so ging es hinein in die sonnige Welt zu fröhlichem Reiten und Streiten und, wenn es galt, zum Heldentode.