In Leipzig herrschte ein ungewöhnlich reges Leben und Treiben. Am 17. April waren die Lützower eingezogen, und überall sah man die ernsten dunklen Uniformen, aus denen meist junge, frische Gesichter hervorleuchteten. Die Herzen der Bevölkerung schlugen ihnen entgegen, denn wenn auch der Landesherr, zumeist durch die Verhältnisse gezwungen, der Bundesgenosse Frankreichs war, man fühlte hier allenthalben deutsch, und sehnte sich wie nur irgendwo danach, das Joch der verhaßten Fremdherrschaft abzuschütteln. Darum hatte man Lützow und die Seinen freundlich und gastlich aufgenommen, und es erfolgten bald zahlreiche Meldungen zum Eintritt in das Freikorps. Dasselbe hatte bereits in Dresden – meist Dank den Bemühungen des unermüdlichen Körner – einen Zuwachs von 500 Mann erhalten, und nach Leipzig brachte der Rittmeister a. D. von Bismarck eine Eskadron Husaren, die er in der Altmark gesammelt hatte.
An einem freundlichen Nachmittage war es im »Rosenthal« ganz besonders belebt. Vor einem Kaffeehause saßen im milden Frühlingssonnenschein an den Tischen Leipziger Bürger mit ihren Familien, Studenten, und zwischen drin Lützower Jäger und Reiter.
Von dem langen Tische, welchen die Studenten besetzt hatten, klang fröhliches Gelächter, Gesang und Gläserklingen. Dort saß unter Andern auch Bastian in wilder Ausgelassenheit und schien seiner Neigung zum Trunke mehr als gut war nachzugeben, denn sein Gesicht glühte, und die Augen glänzten in unschönem Feuer, und sein rohes Lachen klang aus dem andern hervor.
An einem andern Tische saßen Konrad Schmidt und Zander mit ihrem alten Freunde Walther. Dieser war, seitdem durch Zuwachs von gelernten Büchsenschützen in Bautzen und Dresden ein zweites Jäger-Detachement unter Lieutenant Burow gebildet worden war, Oberjäger in demselben und trug zum Zeichen dessen die silberne Tresse über der Achselklappe.
»Ist's nicht eine Schande« – sprach Zander – »daß die Burschen hier lärmend beim Pokulieren sitzen, indes das Vaterland jeden Arm brauchen kann? – Und dieser Bastian, statt ihnen ins Gewissen zu reden, läßt sich von ihnen unter den Tisch saufen – ich kann's nicht ansehen mehr!«
Er stand auf und ging auf den Tisch der Studenten zu. Als Bastian ihn kommen sah, hob er ihm sein Trinkgefäß entgegen: »Prosit, alter Kumpan!«
»Auf ein Wort, Bastian!« sagte der Andere ernst, und unmutig erhob sich der Angeredete und kam unsichern Schrittes auf ihn zu.
»Was soll's denn?« fragte er unwirsch. »Setz' dich lieber zu uns – 's ist nicht die schlechteste Gesellschaft!«
»Und ich wollte dir sagen: Setz' dich zu uns – da ist bessere Gesellschaft und da gehörst du hin, nicht unter diese glatten Bursche, die über Bacchus und Gambrinus das Vaterland vergessen.«
»Ach was! Halte mir jetzt keine Moralpauke! Die Burschen sind gut und – was die Hauptsache ist – lustig; dort bei dem Duckmäuser, dem Hähnchen, und bei Eurem Waldbären behagt mir's nicht …«
»Bastian!« rief Zander ernst und drohend.
»Na, bleibt Ihr, wo Ihr wollt, und laßt mich auch ungeschoren. Mir gefällt's just in diesem Kreise.«
Die Andern riefen, und er schwankte zu ihnen zurück und ließ sich wieder mit rohem Lachen nieder, Zander aber kehrte unmutig zu seinen Freunden zurück. Hier hatte Schmidt ein Blatt Papier aus seiner Brieftasche gezogen; er sagte:
»Laß mich einmal den Burschen ins Gewissen reden. Hier hab ich unsers Körners «Männer und Buben». – Helft mir nur Ruhe schaffen, dann soll's schon seine Wirkung thun.«
Im nächsten Augenblicke hatte er sich auf den Tisch geschwungen; Zander schlug klirrend mit dem Säbel auf die Platte und rief »Silentium«, und in der That wurde es ruhig, und von allen Seiten schaute man nach dem jungen Lützower Reiter, der mit leuchtenden Augen über die Menge sah, die jetzt an seinen Tisch herandrängte.
»Ah, Hähnchen will reden!« rief eine höhnisch lachende Stimme, aber zornig und mit einem Feuerblicke nach dem Rufer gebot Zander abermals »Silentium« und Konrad Schmidt hob an:
Die anwesenden Lützower hatten sich wie ein Mann von ihren Sitzen erhoben, und stießen miteinander an, und laut erbrauste der Refrain:
Auch andere Gäste, Männer wie Frauen, waren von seltsamer Begeisterung ergriffen, nur Bastian blieb sitzen und knurrte, verständlich genug, vor sich hin: »Komödie!« Konrad aber fuhr fort:
Mit jeder Strophe steigerte sich die Begeisterung der Anwesenden, mit jeder Strophe aber schien auch Kraft und Glut des Sprechers zu wachsen. Und nun erklang tief ergreifend, mächtig packend die letzte:
Hunderte stimmten ein in die letzten Worte, die Lützower hatten die Klingen aus den Scheiden gezogen und schlugen sie klirrend aneinander, und als Konrad von dem Tische herabsprang, zog ihn stürmisch der alte Freund an die Brust, der Hund, der ruhig zu dessen Füßen gelegen, bellte laut wie in freudiger Zustimmung, und überall her streckten sich ihm Hände entgegen zu herzlichem Drucke.
Aus der Mitte der Menschen aber rang sich ein junges Mädchen los, hochgewachsen und schlank, mit dunklen Augen, die jetzt wie von heiligem Feuer brannten, und einem ungemein lieblichen und von Begeisterung gerötetem Gesichte. Sie war an den Tisch der Studenten hingeeilt, mit einer heftigen Bewegung schob sie Krüge und Becher hinweg, daß sie umstürzten und die braune Flut sich auf den Boden ergoß, und mit schöner, volltöniger Stimme rief sie den erstaunten Zechern zu:
»Und Euch brennt's nicht in den Herzen, hinzutreten und Euer Blut und Leben mit einzusetzen? – Euch lodern nicht die Wangen in verzehrender Scham darüber, daß Ihr bis jetzt vergessen habt, was Eure heilige Pflicht wäre? – O daß ich nur ein Mädchen bin! Ich wüßte, was ich für ein Los erwählte. Siegen mit dem Vaterlande, oder sterben für das Vaterland! Wer ein Mann und kein Bube hinter dem Ofen ist, hat in dieser Stunde keine Wahl, und eine bessere Gelegenheit, Euern Mut zu zeigen, findet Ihr nicht. Das sind nicht Söldner, die hier unter uns stehen, sondern freie und edle Männer, die der Kampf und die Rache zusammenführen – in ihren Reihen ist noch Platz für viele. Vorwärts mit Gott!«
»Das soll ein Wort sein!« rief einer aus dem Kreise der Studenten, ein frischer Junge mit blitzenden Augen. Dann schritt er rasch an Konrad Schmidt heran und streckte ihm die Hand entgegen:
»Hier habt Ihr mich – ich bin von Stund' an ein Lützower!«
»Auch ich! – Und ich! – Und ich!« – Und immer mehr eilten herbei, und die allgemeine Begeisterung stieg in das Unendliche. Nur Bastian saß mit einem beinahe blöden Grinsen und mit den von Trunkenheit glänzenden Augen da, ein nahezu widerwärtiges Bild in diesem Momente. Er sah nur das schöne, erregte Mädchen, aber in seine Seele fiel kein Strahl der Erhebung; und wie sie jetzt an ihm vorüberstreifte, schlang er plötzlich seinen Arm um sie und zog die Überraschte an sich heran.
»Ein ganz schönes Schätzchen!« sagte er mit schwerer Zunge; das Mädchen aber, das einen seltsamen Blick der Verachtung auf ihn geworfen, rang sich los und rief nur das Wörtchen: Pfui! ihm ins Gesicht. Das aber brannte auf demselben, als hätte der frivole Bursche einen Schlag erhalten. Er schnellte vom Sitze auf und wollte zornig nach dem Mädchen greifen, aber ein stattlicher älterer Herr stand dazwischen.
»Dr. Wendler – und hier meine Tochter! Wenn Sie etwas von ihr wünschen, wenden Sie sich an mich!« sagte er kühl und fest, und nahm das Mädchen, das jetzt ein leises Zittern überlief, an der Hand.
»Was fällt dir ein, Elise?«
Sie warf sich einen Augenblick an die Brust des Mannes: »Verzeih, Vater, ich konnte nicht anders – und es war ja auch gut so. Jetzt aber laß mich auch dem Lützower danken, der im Namen Körners gesprochen hat!«
Konrad Schmidt aber suchte auch seinerseits die patriotische Jungfrau, und so begegneten sie sich auf halbem Wege und streckten sich von selbst die Hände entgegen, und Beider Worte klangen durcheinander.
Als die allgemeine Bewegung ein wenig verflutet war, saß Dr. Wendler mit seiner Tochter an dem Tische neben Konrad, und im Gespräche stellte es sich heraus, daß er dessen Vater aus der Studentenzeit von Jena her kannte. Er bat darum den jungen Mann dringend, bei ihm Quartier zu nehmen, zumal auch Theodor Körner, dessen Vater ebenfalls ihm warm befreundet sei, bei ihm wohne. Da Konrad ohnehin mit seinen beiden Freunden nicht gemeinsam hausen konnte, nahm er das Anerbieten dankbar an, und gegen Abend ging er mit dem Doktor und seinem schönen Kinde heimwärts. Zuvor aber wurde Elisen noch eine Ovation dargebracht, deren spontane Begeisterung ihr heiße Röte in die Wangen trieb.
Der Tisch, an dem die Studenten saßen, war leer geworden, nur Bastian saß noch an demselben, das gerötete Gesicht auf die Faust gestemmt, und sah höhnisch lächelnd die Drei an sich vorübergehen. »Viel Vergnügen, Hähnchen!« rief er spöttisch, aber niemand kümmerte sich um ihn, und er griff wieder zu seinem Trunke. Dr. Wendler aber sagte:
»Wer ist der unangenehme Bursche?«
»Ein Pfahl im Fleisch unseres Korps,« erwiderte Schmidt – »wo Licht ist, ist auch Schatten, und wir haben noch mehr Elemente, angesichts derer man mit Moor sagen möchte: «Ich will unter Euch treten und fürchterlich Musterung halten.»« …
Dr. Wendler bewohnte ein freundliches Haus in einer Vorstadt, und Schmidt fand sich trefflich bei ihm aufgehoben. Daß er mit Körner unter einem Dache hauste, war ihm besonders erfreulich, und die beiden für gleiche Ziele begeisterten Jünglinge kamen sich rasch freundschaftlich nahe. Die Tage vergingen schnell und schön, und vor dem ernsten Kriegesspiel war es noch einmal wie ein freundliches Idyll, das die jungen Krieger umgab. Da ging am 23. April die Kunde, es sei der Befehl von Scharnhorst eingetroffen zum sofortigen Ausmarsch, wobei das Fußvolk sich in den Harz, in den Sölling oder in den Lippeschen Wald werfen, die Reiterei die Verbindung der einzelnen Abteilungen erhalten und den Feind in den Flanken und im Rücken belästigen sollte.
Die Nachricht brachte Erregung unter die Streiter und ihre gastlichen Wirte. Die Waffen wurden immer wieder geschärft und geputzt, Briefe an Verwandte und Freunde geschrieben, und manch' bewegter Abschied ward genommen.
In dem Garten des Dr. Wendler, auf dem in der Sonne flimmernden Kiesweg ging Konrad Schmidt neben Elise. Der Frühling hatte rings die ersten Blüten gelockt, ein Veilchenduft lag in den Lüften, und das junge Grün an Baum und Strauch lachte ins Herz. Da ging den beiden Menschen die Seele auf. Konrad hatte erzählt von seinem stillen Vaterhause und von seiner kranken, heldenmütigen Mutter, und die Augen des schönen Mädchens an seiner Seite leuchteten.
»Ja, auch das Weib kann stark sein, wenn es das Vaterland gilt!« sprach sie mit glühenden Wangen. – »O daß ich die Kraft zeigen könnte, die in mir lebte. Aber ich muß hier ruhig sitzen mit gefalteten Händen, und kann nur wünschen und beten.«
»O nein, Sie können mehr – Sie haben es bewiesen im «Rosenthal», wo Ihre Worte die Herzen entflammten, und Sie werden es beweisen, wenn unsere wunden Leiber im Lazarett liegen und der Pflege bedürfen werden. Dort wird der Schauplatz des weiblichen Heldensinnes sein.«
Das Mädchen schauderte leicht zusammen:
»O daß ich keinen, der mir lieb ist, dort finden müßte – und doch, wenn's wäre, ich wollte Nacht und Tag nicht rasten, um ihn der Genesung entgegenzuführen und dem Vaterlande zu erhalten.«
Von einer seltsamen Rührung ergriffen, streckte Konrad ihr beide Hände entgegen, und sie legte langsam, wie zu einem stummen Gelöbnis, die ihrigen hinein:
»So gern ich mein Blut und Leben dem Vaterlande opfere, so glücklich wäre ich doch, Sie im befreiten Vaterlande wiedersehen zu können; dürfte ich darauf zählen, daß Sie auch für mich ein Blatt des Lorbeers hätten, es mir auf die heiße Stirn zu legen, und daß Sie ein freundliches Willkommen mir böten?«
»Das dürfen Sie. Was soll heute thörichte Zurückhaltung? Wer dem andern einen Trost und eine Freude mitgeben kann auf seinen Weg, der mag es thun. Ja, als ich Sie im «Rosengarten» sah und hörte, wie Sie aus innerster Seele Körners Lied in heiliger Begeisterung sprachen, da hat es mich hingezogen zu Ihnen, und ich weiß seitdem, daß ich Sie lieb habe und daß mein Denken mit Ihnen geht in den herrlichen Streit!«
»Elise!« rief er mit einem mühsam verhaltenen Aufjauchzen, dann hielt er einen Augenblick nur die Jungfrau im Arm und fühlte ihren Kuß auf seinem Munde, sogleich aber wand sie sich los und sagte errötend:
»Genug! Dazu ist jetzt nicht Zeit!«
»Ja, du hast Recht, du Herrliche, aber wie ein Geweihter gehe ich nun zum Streite und fechte auch für dich. Helfe Gott uns und dem Vaterlande!«
Sie riß einen kleinen blühenden Zweig vom nächsten Strauche und reichte ihn dem Jüngling. »Zur Erinnerung an diese Stunde!« sprach sie dabei; er aber nahm die Blüten und legte sie in seine Brieftasche und barg diese an der Brust über dem Herzen.
»So geht der Zweig mit mir in Kampf und Streit – vielleicht auch in den Tod!« sagte er leise, und dann gingen sie schweigend, Hand in Hand, den umbuschten Weg entlang.
Zwei Tage später brach das Lützowsche Korps von Leipzig auf in einer Stärke von 1000 Mann Fußvolk und 340 Reitern, wozu noch 50 Kosaken stießen, die der russische General Wintzingerode beigestellt hatte. Nur eine kleine Abteilung unter dem Rittmeister Fischer blieb zunächst noch zurück.
Vielfach marschierte man die Nächte hindurch und rastete am Tage abseits von den Straßen in Gehölz oder in einem entlegenen Dorfe, wobei Streifdetachements und Patrouillen nach verschiedenen Seiten zur Rekognoszierung ausgesandt wurden. Mancher kleine glückliche Handstreich gelang, Couriere wurden aufgefangen, Kassen aufgehoben, feindliche Transporte weggenommen, aber die Sehnsucht, so recht eigentlich an den Feind zu kommen, schien sich nicht sobald erfüllen zu sollen.
Just da das Korps über die Elbe gehen wollte, kam die Nachricht von der Schlacht bei Großgörschen, die am 2. Mai geschlagen worden war. Wohl waren die Verbündeten von Napoleon zum Rückzug gezwungen worden, aber der Reiter, der die Kunde brachte und selbst mitgefochten hatte, erzählte von der Begeisterung, die Aller Herzen erfüllte, und wie keiner das Gefühl einer Niederlage habe, denn die Franzosen hätten viel Leute und auch zahlreiches Geschütz verloren, und die deutschen Truppen brennten vor Begierde nach neuem Kampf.
Lützow aber mußte unter diesen Umständen doch seine Absicht, den Harz zu gewinnen, aufgeben, und gedachte sich mit dem General Wallmoden zu vereinen, um sich mit diesem gegen den Marschall Davoust zu wenden, der Hamburg bedrohte.
Einige kleinere Abteilungen jedoch sollten in der Altmark bleiben und diese in der gewohnten Weise durchstreifen.
Bei einer derselben befanden sich Schmidt und Zander. Unter Führung des Lieutenants von Reiche trabte die kleine Schar fröhlich und unternehmungslustig in den schönen Maimorgen hinein. Sie war von Seehausen ausgeritten, um den Elbe-abwärts stehenden Feind aufzusuchen. Über Schnackenburg ging es nach Dannenberg und Dalenburg, immer mit der nötigen Vorsicht. Schmidt und Zander bildeten die Vorhut und ritten etwa ein halbes Stündchen den Andern voraus. Bei Dalenburg hielten sie vor einem einsamen Mühlengehöft einige Augenblicke an, um einen Trunk zu begehren. Der Müller war herausgetreten und sah sie einigermaßen verwundert an.
»Wo wollt Ihr denn hin? – Wenn Ihr hier die Straße weiter reitet, kommt Ihr auf Ulanen.«
»Was für Ulanen?« fragte Schmidt.
»Ja, ich meine, es sind Polen – sie schnackten so unverständlich – Preußen sind's nicht. Auch müssen wohl morgen oder übermorgen viel Franzosen nach Berge und Clenze kommen wollen, denn sie müssen dort große Lieferungen aufbringen,« sagte der Mann.
»Habt schönen Dank, Müller,« rief Schmidt, und gleich darauf stoben die beiden Lützower davon, die Straße zurück, auf welcher sie gekommen waren. Der Müller sah ihnen mit schmunzelndem Behagen nach und murmelte: »Sind frische Jungen und zu gut für 'ne Franzosenkugel!«
Die beiden hatten dem Lieutenant von Reiche ihre Meldung gemacht, dieser überzeugte sich am nächsten Tage, daß die Reklamationen in Clenze nur zum Schein gemacht worden waren und um irrezuführen, und schickte nun die beiden Freunde zu dem Lieutenant Obermann nach Seehausen zur weiteren Meldung.
Von dieser Sendung ritten die Beiden gegen Neuhaldensleben zurück, wo ihre kleine Abteilung stand. Der Abend war hereingebrochen und Schmidt fand, daß sie sich verirrt hatten. Ihre Pferde waren müde, und Roß und Reiter war einige Rast zu gönnen.
Im dämmerigen Zwielicht hatten sie einen kleinen Flecken mit einem größeren Gebäude, vielleicht einem Gutshofe, etwas seitab bemerkt, und auf diesen ritten sie zu. Der Maiabend war trübe, gegen Sonnenuntergang stand eine Wolkenwand, und der kleine Ort lag, wie sie näher kamen, wie in einen Nebelschleier gehüllt. Den Beiden war das nicht unangenehm, sie kamen so unbemerkt bis an das erste Gehöft, und unfern desselben stieg Schmidt vom Rosse und bat seinen Gefährten, mit den zwei Pferden zurückzubleiben, indes er selbst sich in den Ort schleichen und kundschaften wolle, ob alles sicher sei.
Zander ritt ein wenig seitab vom Wege mit den Rossen, Schmidt aber huschte durch den Nebel fort, bis er an einen Gartenzaun kam. Rasch und gewandt kletterte er über denselben, und geräuschlos setzte er seinen Weg fort durch den Garten, in welchen er geraten. Da vernahm er unfern ein eigentümliches Geräusch, wie das Arbeiten eines Messers in frischem Holze und dann ein Knacken. Vorsichtig eilte er näher, und nun vermochte er, gedeckt von einem kleinen Gebüsche, deutlich zu sehen, wie ein Mensch zwischen den jungen Stämmchen einer Baumschule stand und eben jetzt wieder eines derselben anschnitt. Mehrere waren schon geknickt und senkten traurig die gebrochenen Kronen mit dem junggrünen Laube.
Das war ein empörender Frevel, und ohne Überlegen sprang Konrad vor und fiel dem Menschen mit raschem Griff in den rechten Arm. In der ersten Bestürzung ließ dieser das Messer fallen, dann sah er seinen Gegner in der dunklen Uniform, deren Knöpfe deutlich blinkten, an, und da er sah, daß dieser jung und scheinbar nicht allzu kräftig sei, wollte er mit einem Fluche sich ihm entwinden. Aber Konrad war stärker als er aussah und hielt den Burschen eisern fest.
So rangen sie stumm, denn Jeder hatte ein Interesse, Lärm zu vermeiden, obwohl es dem Lützower in dem Augenblicke nicht klar war, was er mit dem Burschen wollte. Jetzt bellte ein Hund, und gleich darauf kam das Tier in langen Sätzen herbei. Der Mensch rief es halblaut an: »Sultan, Sultan – faß!« und aufs neue suchte er mit allem Kraftaufwande sich frei zu machen.
Nun war das Tier zur Stelle, aber anstatt Konrad anzugreifen, stand es bei den Ringenden und erhob ein wütendes Gebell, das notwendigerweise Aufsehen erregen mußte. Nun kannte auch Schmidt keine Rücksicht mehr, er rief laut: »Herbei, Hierher!« und schon nach wenigen Augenblicken kamen Schritte in großer Hast. Ein älterer Mann in Bauerntracht erschien, hinter ihm ein junger Bursche.
»Was giebt es da?« rief der Erstere schon von weitem.
»Einen verruchten Baumfrevler«, antwortete Konrad, der eben jetzt den verzweiflungsvoll ringenden Gegner auf das Knie niedergedrückt hatte.
Der Bauer sah im ersten Augenblicke, was geschehen war, und rief entsetzt beim Anblick der Bäumchen: »Wer hat mir das gemacht?«
»Hier ist er, ich selber traf ihn, wie er just ein Stämmchen umbrach,« war Konrads Antwort.
Gleich darauf war der Bauer ganz zur Stelle und riß den Knieenden empor, der keinen Widerstand mehr leistete.
»Du, Jakob?! – Hund, elende Bestie – was thu' ich nun mit dir?«
Er schüttelte den Verbrecher mit beiden Fäusten an den Schultern, und der jüngere Bursche, der jetzt herangetreten war, schlug auf denselben in stummer Wut ein. Der Lützower wehrte ab. »Nicht so – übergebt ihn dem Gericht!«
»Ach, wo haben wir ein Gericht!« – sprach der Alte, noch immer in heftiger Erregung. – »Seit der Schelmfranzose hier haust, giebt's für uns kein Recht, als das der Faust, und das muß der Schurke fühlen!«
Er schlug nun gleichfalls auf den Frevler ein, der mit den Armen sich vergebens bemühte, die Schläge zu parieren, und dem nun auch der Hund in die Beine fuhr, so daß die Fetzen von den Hosen herabhingen.
»Haltet ein, sag' ich – das ist nicht menschlich, das ist tierisch! Hat Euch denn die Not der Zeit so roh gemacht?« schrie jetzt entrüstet der Lützower, und die beiden andern hielten ein, ohne den Verbrecher loszulassen.
»Ja, Herr, so nehmt Ihr ihn mit – Ihr seid doch so etwas wie ein Gendarm!« sprach der Alte.
»Das bin ich nicht. Ich bin ein Reiter vom Lützowschen Korps und kann den Burschen nicht brauchen. Laßt ihn laufen mit seiner Prügel und mit seiner Schande und ruft ihm ein Pfui! hinterdrein, daß ein deutscher Bursche heute seine Kraft nicht anders als zu solcher Schlechtigkeit verwendet.«
Die drei andern sahen alle nach dem jungen Manne, der hochaufgerichtet dastand und mit von dem Ringkampf noch bewegter Stimme redete; dann sagte der Bauer:
»Ihr habt Recht, Herr … aber laufen lasse ich ihn nicht, nicht jetzt, denn er ginge doch hin und verriete Euch an die Franzosen, die wir nah' genug haben. Georg« – sprach er zu seinem Sohn – »wir sperren ihn in den Keller bis morgen – dann mag er laufen, der Hund. – Ihr aber, Herr, nehmt einen Bissen und Trunk!«
Die zwei Männer zerrten den wundgeschlagenen Menschen fort, Konrad folgte. Im Flur des Hauses brannte ein Lämpchen, dort sah er dem Frevler ins Gesicht. Es war das eines jungen Burschen, um dessen erhitztes und verzerrtes Antlitz kurz geschorenes dunkles Haar sich schmiegte, und der mit finstern, bösen und trotzigen Augen den Lützower ansah. Binnen kurzem war er im Keller untergebracht, und der Bauer war zurückgekehrt.
»Es war mein Knecht, den ich heute wegen seiner Faulheit und seines widerborstigen Wesens entlassen habe,« sagte er wie zum Verständnis der ganzen Sache, dann lud er Konrad ein, in die Stube zu treten, aus welcher eben sein Weib kam. Konrad dankte.
»Ihr seid ein wackrer Mann und habt ein deutsches Herz, das ist mir klar geworden – ich darf Euch trauen. Draußen vor dem Orte hab' ich noch einen Kameraden mit unsern Pferden, wir brauchen kurze Rast – sind wir hier sicher?«
»Ganz sicher nicht, Herr! Denn seht, das Rittergut gehört dem französischen General Sebastiani, und wenn er auch selber nicht da ist, einige von dem verdammten Schmeißzeug sind immer da, und wenn sie Euch hier witterten, könnt's bös werden, denn wir könnten nicht einmal helfen; uns sind die Hände gebunden, wenn wir nicht wollen, daß sie uns den roten Hahn aufs Dach werfen. Darf Euch doch kaum im Hause hier Jemand sehen, denn heutzutage kann man beinah Keinem mehr trauen.«
Ein kleiner Junge von etwa 12 Jahren war herangetreten, sah verwundert den fremden Soldaten an und tastete jetzt zutraulich nach seinen Waffen.
»Mein Jüngster, Herr – der wird gut. Was willst, Hannes?«
»Vater, 's sind zwei Chasseurs auf dem Gutshof – sonst keiner, die Gendarmen sind fortgeritten nach Hadmersleben.«
Über Konrad kam eine plötzliche Erregung.
»Ist das gewiß, Kleiner? – Nur zwei sind da? Und ist das Hofgut zugänglich?«
»Was habt Ihr vor?« fragte der Bauer.
»Wir wollen die Chasseurs aufheben; vielleicht findet sich auch sonst noch etwas für uns.«
Die Augen des Jungen blitzten; er rief:
»O das thut! – Ich gehe und halte Euch das Hofthor offen und sag' Euch, wo Ihr sie findet!«
Er wollte fort, aber die andern hielten ihn zurück.
»Noch nicht, Hannes!« sprach der Bauer, und legte ihm wie mit väterlichem Stolze die Hand auf den Kopf. »Ihr müßt mit Euerm Kameraden erst ein wenig rasten, die Franzosen entwischen Euch später erst recht nicht.«
Konrad war einverstanden, und nach kurzer Zeit hatte er Zander, der seinetwegen schon in Besorgnis gewesen war, herbeigeholt und beide erquickten sich an Speise und Trank, indes auch ihre Pferde ein gutes Futter erhielten. Aber sie hatten keine Ruhe, und nach einer Stunde etwa drängten sie zum Aufbruch. Sie wollten zu Fuß sich nach dem Hofe begeben, sich dort der Leute und der Pferde bemächtigen, und dann zu ihren Rossen zurückkehren, die man am Gartenzaun ihnen anbinden sollte.
Hannes war bereits vorausgeeilt, und als sie in die Nähe des Hofes kamen, sprang er ihnen entgegen und meldete, die beiden Franzosen säßen in einem Zimmer im Erdgeschoß beim Wein, und nur die alte Wirtschafterin ginge bei ihnen ab und zu; sie seien wohl auch nicht mehr nüchtern. Geräuschlos betraten die Lützower den Flur und hörten jetzt das laute Sprechen und Lachen der Chasseurs. In diesem Augenblicke erschien die alte Dienerin und mit einem Aufschrei des Schreckens taumelte sie gegen die Wand. In der nächsten Sekunde öffnete sich eine Thüre, und ein weinrotes Gesicht, das aus einem Uniformkragen herausschaute, zeigte sich. Aber wie erstarrt waren im folgenden Momente die Augen in demselben, als sie die beiden deutschen Reiter sahen; doch ehe aus der gepreßten Kehle noch ein Laut hervorkam, war schon Zander vorgesprungen, hatte die Thür aufgestoßen, so daß der Franzose zurücktaumelte, und hielt ihm sein Pistol entgegen. In der nächsten Sekunde war Schmidt an seiner Seite, und in französischer Sprache rief er den beiden zu, sich zu ergeben.
Die Chasseurs waren plötzlich nüchtern geworden, sie sahen sich um nach ihren Waffen, welche sie abgelegt hatten, aber die Drohung, daß sie bei dem Versuche, sich zu wehren, niedergeschossen würden, ließ sie widerstandslos sich in ihr Schicksal ergeben. Sie wurden einstweilen im Keller, von dessen Festigkeit und Sicherheit vorher erst genaue Kenntnis genommen war, eingesperrt, dann machten sich die Lützower daran, die Gemächer des Generals Sebastiani zu durchsuchen. Dabei fanden sie ein Schreiben, welches an ihn gerichtet und vielleicht von den Chasseurs überbracht worden war. Sie öffneten es und lasen darin von einem Anschlag, der gegen das kleine Streifkorps der Lützower unter Reiche gerichtet war, das am nächsten Tage in Neuhaldensleben durch Gendarmen und polnische Ulanen aufgehoben werden sollte.
Da galt es kein Säumen. Ohne Verzug mußte durch die Nacht weitergeritten werden, wenn möglich auf frischen Pferden. Darum begaben sich die beiden in den Stall, wo sie die Tiere der Chasseure, aber auch einige prächtige Rosse des Generals fanden. Das war gute Beute, und so verließen sie, nachdem sie die Pferde der beiden Franzosen, welche diese bestiegen hatten, zusammengekoppelt hatten, und hart vor sich hertraben ließen, den Hof und sprengten durch das Dorf.
Der Nebel hatte sich einigermaßen gelichtet, und der Mond machte einen schwachen Versuch, sich aus den Wolken herauszuringen. Am Gartenzaune des Bauern, der sie aufgenommen, standen ihre Pferde, dabei aber noch ein drittes, in dessen Sattel ein Reiter saß. Es war der Sohn des Bauern, und er sprach:
»Nehmt mich mit! Ich will ein Reiter werden wie Ihr, und dem deutschen Vaterlande dienen.«
Konrad reichte ihm die Hand.
»Weiß dein Vater drum?«
»Ja,« sprach in dem Augenblicke der Alte und trat näher – »und auch seine Mutter weiß es. Reit' mit Gott, Friedel, und hilf uns bessere Zeit erkämpfen! Trag' ihn gut, und bring' ihn wieder, Liese!« – Damit klatschte er leicht das Pferd auf den Schenkel, reichte seinem Jungen stumm die Hand, desgleichen den beiden Lützowern, und dann ritt der kleine Zug hinein in die Mainacht. Hannes aber stand am Gartenzaun und sah ihm nach, und Thränen rannen dem Jungen über die Wangen, daß er nicht mitkonnte.
Am Morgen trafen die Reiter in Neuhaldensleben ein, wo sich eben auch ein Kosakenpulk unter dem Obersten Timar eingefunden hatte. Die Lützower, die mit ihrer Beute freudig begrüßt wurden, brachten den Brief, welchen sie erlangt hatten, zu Lieutenant v. Reiche, und da Friedel, der Bauernbursche, wußte, daß sich etwa 80 Gendarmen in's Kloster Hadmersleben geworfen hatten, drängte Timar dazu, dieselben zu überrumpeln und aufzuheben.
Man war dazu um so mehr entschlossen, als gerade in den letzten Tagen manches geglückt war; durch kleine Streifpatrouillen war ein Mehltransport, eine französische Kasse und ein Trupp Pferde weggenommen und ein Courier aufgehoben worden, und das kleine Häuflein war in trefflicher Stimmung, als es von Neuhaldensleben ausritt. In der Nähe von Aschersleben hielt man Rast, da man erst gegen Abend den Überfall zu machen gedachte, und sattelte in einem Gehölz ab. So vorsichtig man dabei zu Werke ging, hatte man doch den Burschen nicht bemerkt, der, im Buschwerk versteckt, geschlafen hatte und nun erwachte. Mit finstern Blicken schaute er aus dem hohen Farnkraut hinüber nach den Reitern, die an ihm vorbeiritten, und da er Konrad Schmidt bemerkte, leuchtete es gehässig in seinen Augen auf.
Es war der Baumfrevler. Der war noch am Abend aus seinem Kellergefängnis entwischt und hatte sich trotz seines zerprügelten Leibes weitergeschleppt. Er kam von Hadmersleben, und im Augenblicke war es ihm klar, daß ein Anschlag gegen die dortigen Gendarmen geplant sei. Das wollte er verderben – das sollte seine Rache sein!
So mühselig es mit ihm auch vorwärts ging, er hastete auf Feld- und Waldwegen weiter, und sah mit dem einbrechenden Abend das Kloster in Hadmersleben, dem er nun zueilte. Zur selben Zeit aber waren die Lützower und die Kosaken ebenfalls in die Nähe gekommen und hatten mit Leichtigkeit die sorglosen französischen Sicherheitsposten aufgehoben, und hofften auch des Klosters Herr zu werden.
Als die Dämmerung niedersank, ritten sie gegen dasselbe heran, in der Erwartung, um diese Zeit, da man das Vieh hereintrieb und die Knechte mit den Pferden aus der Schwemme kamen, das Thor nicht geschlossen zu finden, aber der Verrat hatte gut gearbeitet. Lieutenant Reiche sprengte mit noch einem Gefährten über die Brücke bis an's Thor und rief mit lauter Stimme, die Bemannung solle sich ergeben. Da krachten Schüsse aus den Fenstern, und an dem Ohre Reiches sauste die Kugel pfeifend vorüber.
Die Lützower standen unschlüssig, während die Kosaken sich ängstlicher hinter eine Scheune zurückgezogen hatten. Oberst Timar aber hielt bei den Lützowern gegenüber dem Thor der Kirche und schien nicht abgeneigt zu sein, die Leute absitzen und stürmen zu lassen. Reiche hielt das für aussichtslos, und während sie noch darüber redeten, traf den Russen ein Schuß in den Unterleib und er sank vom Pferde. Die Seinen waren bestürzt, die Lützower unmutig, aber Reiche befahl den Rückzug. Den Franzosen rief man zu, daß man in der Nacht mit Verstärkung wiederkehren werde, und dann zog der kleine Trupp, den todtwunden Mann in der Mitte, ab. Ein lautes, höhnisches Lachen scholl ihnen nach, und eine Stimme rief: »Der Jakob zahlt die Prügel heim!«
Nur Konrad Schmidt und Friedel verstanden das Wort, und heißer Ingrimm erfaßte ihre Seelen. – Unmutig, schweigend ritt die Schar, nachdem Timar auf einem rasch requirierten Leiterwagen gebettet war, gegen Seehausen zurück.
Wenige Tage später hatte sich die kleine Streifschar wieder mit Lützow vereinigt, welcher über die Elbe gekommen war und einen Zug durch den Thüringer Wald zu unternehmen gedachte, um auch hier mit Hilfe der patriotischen Bevölkerung die Etappenstraßen der feindlichen Armeen zu beunruhigen bezw. eine Volkserhebung herbeizuführen. Der Marsch ging über Ermsleben und Mansfeld gegen Weimar zu, das aber, ebenso wie die Umgebung, von französischen und polnischen Truppen besetzt war, und dem man ausweichen mußte. Im Dorfe Osmanstedt, wo man die Ilmenau überschritt, lagen 300 Franzosen, die aber so wenig wachsam waren, daß die Lützower ungehindert passierten.
Auch im Thüringerlande wurden kleinere Abteilungen und Patrouillen ausgesandt, um die Stimmung zu erkunden und feindliche Bestrebungen zu vereiteln, und so sehen wir in den ersten Junitagen unsere beiden Freunde wieder zusammen durch den freundlichen Bergwald reiten. Konrad Schmidt zog es nach seinem Heimatsorte, der in wenigen Stunden zu erreichen war, und Zander war gern mit einem Besuche desselben einverstanden. Es war in den ersten Nachmittagsstunden eines freundlichen Frühlingstages, als sie von einer Höhe das anmutige Dorf mit seinem alten Kirchturme liegen sahen, so friedlich und idyllisch, als ob gar kein Krieg in der Welt wäre. Es war eingehüllt in blühende Gärten, und ein blauer Himmel lag darüber.
Konrad pochte das Herz vor Lust, und er preßte die Hand des Gefährten, der den Druck verstand und warm erwiderte. Dann ließen sie die Pferde munter ausgreifen und erreichten bald den stillen Ort. Einen Jungen, dem sie vor demselben begegneten, und der neugierig die fremden Reiter ansah, fragten sie, ob Franzosen in dem Dorfe seien, und als er es verneinte, setzten sie ihren Weg fort.
Vor dem Thore des Gutshofes, an dem sie vorüberkamen, stand ein großer, starker Mann mit gerötetem Gesicht und grauen Haaren in einer Art Jagdjoppe. Der stutzte, wie er die beiden kommen sah, und hielt die Hand über die Augen. »Das sind doch Lützower,« murmelte er, indem er sich die leichte Mütze ins Genick schob.
Da rief auch schon Schmidts Stimme: »Guten Tag, Herr Bastian!« und der Angeredete trat rasch einige Schritte vor auf die Straße.
»I, sieh da, Konrad! Na, das ist ja eine angenehme Überraschung! Was macht mein Junge?«
»Sitzt im Sattel wie wir und lauert den Franzosen die Gelegenheit ab; er ist munter,« war die Antwort, und nun parierten die beiden Reiter ihre Pferde vor dem Gutsbesitzer.
»Sie steigen doch bei mir ab und sind meine Gäste?« sagte dieser mit ehrlicher Freundlichkeit, aber Schmidt erwiderte:
»Ich muß nach dem Pfarrhofe!«
»Das versteh' ich wohl; nun, es geht dort ziemlich gut. Doch darf ich Sie nicht aufhalten, aber wenn Sie Vater und Mutter gesehen, dann rechne ich darauf, daß Sie mich auch aufsuchen. Ihr Pferd und Ihren Kameraden behalte ich gleich als Pfand da, denn die Tiere sind hier ohnehin besser untergebracht, als im Pfarrhause!«
»Das soll gelten, Herr Bastian!« rief Konrad und schwang sich, wie sein Freund, aus dem Sattel. Jetzt reichte er dem alten Herrn die Hand, stellte ihm Zander vor, den jener herzlich begrüßte, und nachdem ein lauter Pfiff einen Knecht herbeigeholt, der die Pferde übernahm, führte Bastian seinen Gast in sein Haus, wo auch seine Frau den Lützower freundlich begrüßte, Schmidt aber eilte hinter den Zäunen und den blühenden Hecken hin, wobei er freilich noch von manchem gesehen wurde, der die Kunde weiter trug: Pastors Konrad ist gekommen als Soldat.
Da lag das alte, stille Pfarrhaus in seinen grünen Gehägen, und Goldregen und Flieder blühten in dem kleinen Garten, und in der Laube saß eine bleiche ältliche Frau und ein Mann mit freundlich ernstem Gesicht. Da vermochte der Jüngling nicht an sich zu halten. Und während das Pförtchen unter seiner Hand knarrte, rief er auch schon aufjauchzend: »Vater – Mutter,« und gleich darauf hielt er die blasse Frau im Arme, der die Thränen über die Wangen liefen, und der Pfarrer faßte nach seinen Händen. Zu beiden Seiten führten sie ihn dann, wie man es Kindern thut, nach dem Hause, wo Knecht und Magd zur Begrüßung kamen, und dann saßen sie zusammen um den reinlich gedeckten Tisch, und Allen ging die Seele auf.
Auch auf dem Gutshofe war herbeigeschafft, was Küche und Keller leisten konnten, und nachdem der erste Ansturm der mütterlich besorgten Fragen erledigt war, kam die Unterhaltung in ein anderes Fahrwasser. Die Not der Zeit und die Erhebung des deutschen Volkes! Das war es ja, wovon Allen das Herz überlief, und der Gutsherr zeigte sich als ein echter und rechter Patriot, und Zander gefiel der prächtig, einigermaßen derb-landjunkerliche alte Herr weit besser als dessen Sohn. Er erfuhr, daß man hier wie an andern Orten nicht müßig war, daß man den Volksaufstand vorbereitet und in einem verborgenen Schlupfwinkel Waffen zusammengebracht hatte, und nur der rechten Stunde harrte, um sich zu erheben.
So waren mehr als zwei Stunden vergangen, und Zander dachte eben daran, nach dem Pfarrhause zu gehen, um seinen Freund aufzusuchen, als unten im Hofe Pferdegetrab laut wurde. Bastian sprang an das Fenster, fuhr aber im nächsten Augenblicke erschrocken zurück.
»Chasseurs!« rief er.
Da sprang auch der Lützower auf und griff nach seiner Waffe. Der Gutsherr aber, rasch gefaßt, zog ihn mit sich fort nach einem anderen Zimmer, dessen Fenster, nach der Rückseite gelegen, offen stand.
»Hier springen Sie hinaus – es ist nicht hoch, und unten ist ein Sandhaufen – eilen Sie zum Pfarrhaus und bleiben Sie dort mit Schmidt versteckt, ich hoffe, der Besuch bleibt nicht lange. Nur schnell fort – ich will schon die Burschen aufzuhalten suchen!«
Im nächsten Augenblicke hatte Zander den Sprung gethan und eilte nun an den Zäunen hin, während Bastian sich zu den Franzosen begab. Es waren zwölf Reiter mit einem Offizier, und dieser fluchte und wetterte in allen Tonarten. Einige von den Soldaten waren abgesessen und eben im Begriffe, ihre Pferde nach den Ställen zu führen, der Lieutenant aber verlangte Quartier und Lebensmittel für seine Leute. Wie Bastian, der sich nur unvollkommen französisch auszudrücken vermochte, noch mit ihm verhandelte und ihn mit seiner festen Würde zu beruhigen suchte, kam einer der Chasseurs hastig aus dem Stalle und brachte das Sattelzeug der Lützower.
Darüber entstand eine neue heftige Erregung, und Bastian selbst war einen Augenblick bestürzt.
»Feinde im Hause!« schrie der Franzose, – »wo sind sie – heraus damit!« Und mit dem blanken Säbel fuchtelte er dem Gutsherrn vor dem Gesichte herum. Der hatte bereits seine Fassung wieder; er sprach fest:
»In meinem Hause sind keine deutschen Soldaten, keine Preußen, und die Pferde gehören mir; das Sattelzeug habe ich vor langer Zeit gekauft.«
Der Offizier ließ sich nicht täuschen. Er gab seine Befehle, und im nächsten Augenblicke begaben sich vier der Chasseurs in das Haus, um es einer gründlichen Durchsuchung zu unterziehen, vier andere besetzten zu Pferde alle Ausgänge des Gutshofes, und die andern blieben zurück mit dem Offizier bei Bastian, der seine volle Ruhe wieder gewonnen hatte in dem Gedanken, daß man im Hause nichts finden werde.
So war es auch. Nach einiger Zeit kamen die Soldaten zurück mit ihren Meldungen, der Lieutenant begann aufs neue zu fluchen und zu wettern und wollte eben den Befehl auch für die andern geben, abzusatteln, als einer der Chasseurs, der das Haus nach der Rückseite zu umritten hatte, eilig die Mitteilung machte, daß dort ein Fenster im Obergeschoß geöffnet sei, darunter in einem Sandhaufen die deutliche Spur sich finde, daß Jemand herabgesprungen sei, und in dem weichen Boden, der von dem Regen des vorhergehenden Tages noch nicht fest geworden, die Abdrücke von schweren Stiefeln sich fänden.
Bastian wurde einigermaßen bleich; der Offizier, zorniger als zuvor, schnaubte etwas von »Verrat« und von »Füsilieren lassen« und befahl in der That, den Gutsherrn zu fesseln. Nun war auch dessen Frau herbeigekommen, die schluchzend in Thränen ausbrach, aber Bastian beruhigte sie mit festen, milden Worten. Indes ward der Gutshof neuerdings von allen Reitern besetzt, damit niemand hinaus konnte, und fünf Chasseurs unter einem ältern, bärtigen Unteroffizier folgten der Spur, die an den Gartenzäunen entlang führte.
Im Erdgeschosse des alten Pfarrhauses saßen drei glückliche Menschen, die Eltern im Anschauen des prächtigen, kernfrischen Sohnes versunken, und dieser, Herz und Augen voll Begeisterung und mit beredtem Munde, erzählte von der gewaltigen Bewegung im deutschen Lande, die nur mit leichten Wellen in diese stillen Waldwinkel hereinbrandete.
Auch hier verging die Zeit wie im Fluge, und die kranke Mutter schien von Minute zu Minute mehr aufzuleben; die bleichen Wangen hatten sich gerötet, und aus den hellen Blicken redete Stolz und Glück. Da wurde plötzlich die Thür hastig geöffnet; im Eingang stand ein hochgewachsener Lützower, dem die Erregung auf dem Antlitz stand, barhäuptig und tief atmend, und ehe noch die andern ihrer Überraschung und ihrem Erschrecken Ausdruck geben konnten, rief er:
»Verzeihung! – Konrad, es sind Chasseurs im Dorfe, auf dem Gutshofe!«
Die drei an dem Tische waren aufgesprungen, und mit raschem Griffe hatte Konrad seine Waffe an sich gerissen und den Tschako aufgesetzt.
»Hätten wir nur unsere Pferde!« rief er unmutig und wollte hinausstürzen, aber die andern hielten ihn zurück.
»Es sind ihrer zu viele,« sprach Zander, und während die Mutter besorgt und ängstlich die Hand auf den Arm des Sohnes legte, fand der Pfarrer seine Ruhe.
»Hier bleibt nichts übrig, als sich zu verbergen, und ich denke, im Pfarrhause seid ihr am sichersten. Hier suchen sie euch nicht, und wenn ihr auch gesehen worden seid, hier ist kein Verräter im Dorfe. Die Reiter fouragieren wohl auch nur und ziehen dann weiter – darum nur ruhig' Blut!«
Den beiden Lützowern war es unbehaglich, sich verbergen zu sollen, aber sie erkannten auch, daß dies unter solchen Umständen das Beste sei, und nun ward beraten, wo man sie am sichersten unterbringen könne. Der Vater war für ein Kellerversteck, die Mutter für die Räucherkammer, aber wenn die Franzosen wirklich in das Haus selbst gerieten, dann waren diese beiden Orte erfahrungsmäßig die ersten, welche man durchsuchte. Da machte der Pfarrer den Vorschlag, sie sollten Kleider von dem Knechte anziehen, und dieser, der ganz zuverlässig war, sollte ihre Uniformen im Stalle oder an einem andern geeigneten Orte verbergen.
Der Knecht war ein braver, treuer Mensch und mit Feuereifer bei der Sache. Er wußte im Stalle ein kleines Versteck, und wenn das mit Stroh und Mist bedeckt würde, mochten die Franzosen umsonst die Uniformen suchen; die beiden aber sollten sich für Freunde des Knechts ausgeben, die gekommen wären, ihn zu einer Hochzeit einzuladen. Der Bursche hatte auch Überlegung genug, die Vorder- und Hinterthür des Hauses zu verriegeln, indes die beiden in einer kleinen Kammer im Erdgeschoß ihre Umwandlung vornahmen. Sie kamen indes dabei nicht weit, denn kaum hatten sie die Röcke abgelegt, als auch der Knecht erschien mit dem Schreckensrufe:
»Sie sind da! Gebt schnell eure Röcke und zieht meine Jacken an!«
Dabei riß er die Uniformstücke an sich und eilte mit denselben wie mit den Waffen fort … er wußte freilich in diesem Augenblicke nicht recht, wohin, aber er eilte die Treppe hinauf nach den Bodenräumen. Indes donnerten fast gleichzeitig die Schläge der Franzosen an die Vorder- und Hinterthür.
»Nach der Räucherkammer!« rief die Mutter entsetzt noch den beiden zu, indes der Pfarrer, mühsam seine Aufregung bekämpfend, die Eingangsthür öffnete und den Chasseurs entgegentrat.
Zander suchte den Freund mit sich fortzuziehen, die Treppe hinauf, aber schon auf den untersten Stufen blieb derselbe stehen, um zu lauschen. Er hörte die Stimme eines Franzosen:
»Hier sind preußische Soldaten, gebt sie heraus!«
Der Pfarrer erwiderte ruhig:
»Hier sind keine preußischen Soldaten!«
»Das werden wir sehen! Allons! Wir werden das Haus durchsuchen.«
»Um Gotteswillen komm!« flüsterte Zander – »wir holen unsere Waffen, und findet man uns, so verkaufen wir uns teuer!«
Aber Konrad horchte weiter; das war die Stimme seiner Mutter.
»Ich habe einen kranken Sohn im Hause – jede Erregung, jede Störung kann ihm den Tod bringen …«
Konrad ward es seltsam zu Mute; seine Mutter, die jede Unwahrheit wie die Pest verabscheute, ließ sich zu einer solchen herbei, um ihn zu retten – welche furchtbare Überwindung mußte sie dies gekostet haben … und doch wie ungeschickt war sie im Lügen! Als ob ein solches Wort die Franzosen abhalten könnte!
»Wir werden mit aller Rücksicht suchen« – sprach der Chasseur mit einer ironisch klingenden Höflichkeit, und was jetzt geschah, vermochte Konrad nicht zu sehen. Er sah nicht, wie seine Mutter in unüberlegtem und thörichtem Widerstande die Arme vor der Thür ausbreitete, und wie der Vater, der wohl die Absicht seines Weibes erkannte, den beiden wenigstens Zeit zum Umkleiden zu verschaffen, sich vergebens bemühte, ihr durch Zeichen und Zuflüstern kundzuthun, wie sie mit ihrem Gebahren mehr schade als nütze – er hörte nur die Worte der Frau:
»Hier herein geht der Weg nur über mich!« dann die Erwiderung des Franzosen: »Wenn Sie es nicht besser wünschen,« und gleich darauf einen lauten schmerzlichen Aufschrei seiner Mutter. Da vermochte er sich nicht zu halten; gewaltsam riß er sich von dem Freunde los, und im nächsten Augenblicke stand er an der Thür. Er sah seine Mutter auf dem Boden liegen, seinen Vater über sie gebeugt, und wußte, daß der Franzose sie roh und gewaltsam niedergestoßen hatte, als sie ihm den Weg verwehren wollte. Ihm schwand auch der letzte Rest der Überlegung, und voll Wut stürzte er sich gegen den Chasseur, der eben eindringen wollte.
»Elender Bursche – das meiner Mutter?« schrie er und würgte dann mit seinen Fäusten den Franzosen, der sich bemühte, ihn abzuschütteln. Er drängte ihn hinaus in den Hof, und die übrigen Chasseurs waren im ersten Augenblick so verdutzt, daß sie wie erstarrt standen. Dann aber kam Leben in alle Beteiligten, und mit großer Schnelle spielte sich das nun Folgende ab.
Entsetzt hatte die Mutter bei dem Selbstverrat des Sohnes sich emporgerafft und wurde von dem Vater umklammert, den jetzt ein kaltes Entsetzen erfaßte, aus dem Hause war Zander herbeigesprungen, der auf jede Gefahr hin den Freund nicht im Stiche lassen mochte, trotzdem er wie dieser wehrlos war. Einer der Franzosen schrie, auf die verräterischen Beinkleider der beiden Lützower weisend: »Das sind sie!« Der Chasseur, welchen Konrad gepackt hatte, riß sich los, sprang zurück, zog in Wut und Aufregung sein Pistol, in demselben Moment aber hatte auch die Frau sich losgerissen aus dem Arme des Gatten und warf sich schützend vor den Sohn. Da krachte der Schuß, und ohne einen Laut, in's Herz getroffen, brach die opferfreudige Mutter an der Brust Konrads zusammen.
Der that einen Aufschrei wie ein zum Tode verletztes Tier, und während der Pfarrer herzusprang, sank er selber neben der teuren Toten nieder und küßte ihr die Hände und schluchzte … unbekümmert um alles andere.
Das Ereignis blieb selbst auf die Franzosen nicht ohne Eindruck. Sie standen regungslos und wagten nicht, den Sohn von der Mutter hinwegzureißen oder sich an Zander zu vergreifen, der sich zu dem Freunde niederbeugte und ihm den Arm um die Schulter legte.