Auf dem Marktplatze der kleinen Stadt Roda stand eine Abteilung von Rheinbundstruppen, die mit Napoleon verbündet waren. Sie machten sich eben zum Ausmarsch bereit, als durch die Gasse herein Hufschlag erklang und gleich darauf fünf schwarze Reiter dahergesprengt kamen, an ihrer Spitze Konrad Schmidt. Der Offizier der Rheinbündler rief ein Kommando, im nächsten Augenblick waren 200 Flintenmündungen gegen die Lützower gewendet und der Ruf erscholl:
»Ergebt Euch!«
»Halt, Herr Hauptmann!« rief Schmidt dagegen. »Lassen Sie Ihre Leute die Gewehre bei Fuß nehmen, denn wir kommen, Sie zur Ergebung aufzufordern; unmittelbar hinter uns reitet Major von Lützow mit 4 Eskadronen, ein Widerstand Ihrerseits wäre Wahnsinn – opfern Sie nicht nutzlos das Leben Ihrer Leute!«
Der Offizier ließ den gehobenen Säbel sinken.
»Verhält sich das wirklich so?«
»Ich gebe Ihnen mein Ehrenwort.«
»Dann lassen Sie uns in Waffenstillstand warten, bis der Major kommt!«
Die Lützower zogen sich ein wenig zurück, die Rheinbündler hielten sich ziemlich gleichmütig in Ruhe, und als nach einem halben Stündchen Lützow kam, befahl er ohne weiteres dem Offizier, die Gewehre strecken zu lassen, was auch mit ordnungsmäßigen Griffen ausgeführt wurde. Die gefangenen Offiziere wurden gegen ihr Ehrenwort, in diesem Kampfe die Waffen nicht mehr führen zu wollen, entlassen, den Soldaten aber redete Lützow in seiner kurzen, kräftigen Art ins Gewissen, daß sie doch deutsche Männer wären und daß es eine Schande sei, in solchem Kampfe auf der Seite der Feinde des Vaterlandes zu stehen, und schon nach kurzem erklärte eine größere Anzahl der Leute, in die Dienste Lützows treten zu wollen, der so auch hier eine kleine Infanterie-Abteilung gewann, welche er unter den Befehl des Lieutenants von Reiche stellte.
Um stärkeren feindlichen Truppen auszuweichen, ritten die Lützower im Bette des Rodaflüßchens aufwärts bis auf die Straße nach Neustadt, und hier wurde ein Rasttag gehalten, der Pferden und Reitern gleich nötig war. Hier war es, wo nach gewohntem Brauche und Recht Konrad Schmidt von seinen Kameraden zum Volontäroffizier ernannt wurde, und nur Einer hatte sich widerwillig der von Theodor Körner gemachten Anregung gefügt, Bastian.
In seiner Seele war der alte Groll mit erneuter Heftigkeit gerade in seinem Heimatorte erwacht, und dieser wurde um so erbitterter, je weniger er sich offen kundgeben durfte, wegen der allgemeinen Sympathien, welche Schmidt genoß. Bastian selbst war bei seinen Kameraden nicht beliebt wegen seiner Neigung zum Trunk und zu Roheiten, unter welchen nicht bloß sein Pferd zu leiden hatte, und er stand ziemlich vereinsamt im Korps. Das ließ die geringe Begeisterung, die er gehabt hatte, bald völlig erkalten, so daß er am liebsten den Rock wieder ausgezogen hätte, den er doch nur besonders auf Antrieb seines Vaters angelegt hatte.
Auch seinen Mut begann man, wenigstens heimlich, in Zweifel zu ziehen, wenigstens konnte man eine besondere Bethätigung desselben ihm nicht nachsagen.
Über Schleiz, wo abermals hundert Rheinbündler aufgehoben wurden, ging es ins Vogtland, und in Plauen wurde Rast gehalten, während eine Abteilung gegen Hof vorgeschoben wurde, um sich dieser Stadt zu bemächtigen.
Alles war in trefflichem Zuge, um so mehr als die Nachricht von der Schlacht bei Bautzen alle Gemüter bewegte. Zwar hatten die Verbündeten den Rückzug antreten müssen, aber es war in aller Ordnung geschehen, und der alte Blücher hatte gesagt: »Ein Schuft, wer da spricht, daß wir fliehen!« ja Napoleon selbst hatte in seinem Unmut geäußert: »Nach einer solchen Schlacht kein Resultat, keine Gefangenen, keine Kanonen, keine Fahnen? – Diese Menschen werden mir keinen Nagel zurücklassen.«
So war die Stimmung eine gehobene und kampfesfrohe. Im Biwak saßen die jungen Reiter beisammen, frische Liedesweisen erklangen, und selbst Konrad war über den Schmerz um den Tod der Mutter hinweggekommen. Er saß bei Körner, der mittlerweile Lützows Adjutant geworden, und der mit seiner sonnigen Heiterkeit ihm schon über manche trübe Stunde hinweggeholfen hatte, und der auch heute wieder, die Guitarre im Arme, die Kameraden mit seinen frischen, trefflichen Liedern ergötzte.
Da erschien mit einem Male der Major selbst in dem fröhlichen Kreise. Sein Gesicht war finster und erregt, unmutig hatte er die Enden seines blonden Schnurrbarts aufgedreht, und während sich alle zu seiner Begrüßung erhoben, rief er:
»Laßt das Quinkelieren und Jodeln, Kinder! Wir können den Säbel in die Scheide stecken – – Waffenstillstand giebt's!«
Das Wort brachte eine allgemeine Erregung hervor, alle drängten um den Sprecher, und dieser fuhr fort:
»Eben ist der Lieutenant von Kropff von Hof eingetroffen und hat's mitgebracht – wir sind lahm gelegt, und müssen wieder zurückgehen auf preußisches Gebiet!«
Die Fröhlichkeit war wie herausgewischt aus den jungen Herzen, unmutig warf Körner sein Saitenspiel auf den Tisch, bittere Worte über »die Herren am grünen Tische« gingen hin und her, und Lützow, der sich nun mit niedergelassen und ein Glas Wein angenommen hatte, war selbst in viel zu zorniger Erregung, als daß er hätte beruhigende Worte finden können.
»Ich warte nur noch ab, daß mir eine amtliche Mitteilung zugehe, denn man wird uns einer solchen doch noch für wert halten, und dann wenden wir unsern Pferden die Köpfe. Aber der Henker hole alle die Schreiberfedern, wenn aus dem Waffenstillstand ein fauler Friede werden sollte, gerade jetzt, da wir im besten Zuge waren, dem Korsen den deutschen Grund und Boden heiß zu machen.«
Während aber der Major und andere so ihrem Unmut Luft machten, und dazwischen doch wieder von neuen Plänen sprachen, hatte Körner sich in einen stillen Winkel zurückgezogen und schrieb. Dann erhob er sich mit leuchtenden Blicken und rief:
»Kameraden! Ich will euch einen Trost geben – hört mich an!«
Und stille ward's ringsum. Die ferner saßen, kamen heran, und der junge Reiter las mit warmer, aus dem Herzen kommender Stimme:
Lützow war aufgestanden und an den Dichter herangetreten:
»Körner, Sie sind ein guter Engel für unser Korps; möge der Himmel Sie uns und dem Vaterlande erhalten!«
Er drückte dem Jüngling die Hand, dann ging er schweigend, seltsam bewegt, den Tschako tief in die Stirn pressend, von dannen, und auch die andern scharten sich um ihren Tyrtäus, um ihm den Dank für seinen »Trost« zu bekunden.
Am nächsten Morgen – es war der 15. Juni – ritten die Lützower von Plauen aus gegen Gera, und von da gegen Leipzig. Als man über das Schlachtfeld von Groß-Görschen kam, hoben sich die Reiter in ihren Sätteln und durch jede Brust ging ein seltsames Empfinden. Hier war vor kurzem erst blutig gestritten worden und hoffentlich nicht vergebens, nicht für einen faulen, traurigen Frieden. Der Hörnerklang war verstummt, in Schweigen ritten die Eskadronen zwischen den zahlreichen Gräbern hin, und da Körner etwas seitab von der Straße sich hielt, sank sein Pferd mit den Vorderfüßen in eines derselben ein. Ein eigentümlicher Schauer überrieselte ihn in diesem Augenblicke, und da er an Konrad heranritt, sprach er zu diesem:
»Freund – ich fürchte, wir haben heut' noch ein Unheil zu erwarten. Wir sind überall von Feinden umgeben, und mir will's ahnen, als ob es unehrliche Feinde wären!«
Der andere lächelte:
»Wie, Körner – dich überkommt ein Bangen? Dich, den nie Verzagten? Ich meine nicht, daß du abergläubisch bist.«
»Es kommen doch Augenblicke, da man sich wie hellsehend fühlt, und ich habe eben einen solchen gehabt. Vorbei!«
Er gab seinem Pferde einen leichten Druck und sprengte an die Seite des Majors von Lützow, Konrad aber konnte gleichfalls jetzt ein Unbehagen nicht unterdrücken.
Gegen Abend kam man in das Dorf Kitzen, etwa 4 Stunden vor Leipzig. Auf dem Gutshofe stand der Amtmann, um Lützow zu begrüßen, und berichtete von zahlreichen feindlichen Truppen, die in der Nähe wären. Dabei erzählte er auch mit Schauder und Ingrimm, wie in seiner eigenen Stube zwei verwundete preußische Offiziere von den Franzosen im Schlafe erschossen worden wären, und die Hörer überkam ein heißer, heiliger Zorn.
Vor Kitzen war das Biwak aufgeschlagen worden; die Pferde waren abgesattelt, die Mannschaften lagerten, und der Friede eines freundlichen Frühlingsabends schien sich über Natur und Menschen niedersenken zu wollen. Die Wachtfeuer waren angezündet und an einem derselben saßen Konrad und Zander, zu welchen sich Friesen und Körner gesellten. Das Gespräch, das sonst so heiter hin- und herging, wollte heute nicht recht in Fluß kommen, jedem lag dieser Rückzug schwer auf der Seele und in den Gliedern, und zuletzt wurden sie ganz stumm, nur Zander pfiff halblaut eine alte Studentenweise.
Schmidt hatte hinausgeblickt auf das weite, abendstille Gelände und eben wieder an seinen einsamen Vater gedacht, da bemerkte er eine Staubwolke in der Ferne. Er machte die andern darauf aufmerksam, und Körner sprang auf, um dem Major davon Meldung zu machen. Eben als er bei diesem anlangte, traf eine Ordonnanz ein von der andern Seite des Dorfes her und meldete, daß auch von dieser Seite eine größere Truppenbewegung sich bemerkbar mache. Dem Major mußte das auffällig erscheinen, und er hatte den Eindruck, als ob man ihn zu einer Überschreitung des Waffenstillstands reizen wolle. Sofort gab er dem Rittmeister von Bornstaedt die Weisung, die Eskadronen aufsitzen zu lassen und sie gegen Altranstädt zu führen, während Körner an Schmidt den Befehl brachte, daß dieser den von Westen heranrückenden Truppen entgegenreiten und ihre Absicht erkunden sollte.
Alles geriet in lebhafte Bewegung, und während sich die Eskadronen marschmäßig reihten, sprengte Konrad fort. Aus der Staubwolke, die er bemerkt, lösten sich jetzt Abteilungen von Kavallerie und Infanterie, teils Franzosen, teils Württemberger; er hatte den Säbel in der Scheide und schwenkte sein weißes Tuch, traf auch bald auf einen Parlamentär, welcher mit dem Major von Lützow selbst sprechen wollte.
Er überbrachte diesem das Ersuchen des französischen Generals Fournier und des württembergischen Generals von Normann, sie zum Zweck einer Unterredung aufzusuchen. Lützow ritt, von Körner und Schmidt wie von zwei Trompetern begleitet, der feindlichen Kavallerie entgegen, die indes ziemlich nahe gekommen war. Seitwärts der Straße war sie auf den Wiesen in zwei Treffen aufmarschiert. Bei dem ersten traf Lützow den General von Normann und forderte ihn auf, doch während der Verhandlungen den Weitermarsch einzustellen, aber er erhielt die Antwort, er habe Befehl vorzugehen und das Dorf zu besetzen.
Unmutig und erbittert ritt der Major weiter mit seinen Begleitern, zwischen der feindlichen Kavallerie und an den Reihen des Fußvolks und an den Geschützen vorüber, bis er hinter den letzten Bagagewagen auf den General Fournier traf. Er stellte sich ihm vor und sprach die Hoffnung aus, daß, da er mit seinem Korps in jeder Weise den Bestimmungen des Waffenstillstandes gerecht geworden sei, man ihn auch ungehindert werde die Elbe passieren lassen. Er schloß mit den Worten:
»Durch das fortwährende Vorrücken Ihrer Kolonnen sehe ich mich genötigt, zu fragen, ob Sie mich angreifen wollen oder nicht.«
Der Franzose erwiderte höflich:
»Ich gebe Ihnen mein Ehrenwort, daß ich Sie nicht angreifen werde, wenn Sie ruhig auf der Straße nach Leipzig abziehen.«
Die Lützower waren indes unter dem Rittmeister von Bornstaedt auf der Altranstädter Straße aufgeritten, hielten aber im Marsche inne, da die Nachricht sich verbreitete, Lützow sei beim Hineinreiten in die feindlichen Kolonnen gestürzt. Sein Pferd war allerdings zu Fall gekommen gewesen, aber er war schnell wieder im Sattel. Da er das Halten seiner Reiterei bemerkte, schickte er Schmidt mit der Weisung, zu dreien abgebrochen auf der Straße nach Leipzig abzuziehen.
Noch sprach der Major mit Fournier, als er plötzlich wahrnahm, wie die württembergischen Dragoner das Gewehr aufnahmen, und die französischen Reiter, die im zweiten Treffen standen, sich in Trab setzten. Stutzig geworden, fragte er, was dies zu bedeuten habe, und mit einem bösen Lächeln erwiderte der Franzose:
»Der Waffenstillstand gilt für Alle, für Sie nicht.«
»Pfui!« brauste Lützow auf, im gleichen Augenblicke aber hatte er sein Pferd herumgeworfen, und gefolgt von Körner und den beiden Trompetern jagte er windschnell an den feindlichen Kolonnen vorüber, hinaus über das freie Feld, und alle erreichten ungefährdet die Spitze des Freikorps.
Die Dämmerung begann langsam niederzusinken und trug dazu bei, die feindlichen Bewegungen einigermaßen zu verhüllen, und die Lützower ritten nahezu ahnungslos in ihr Verhängnis. Den Feinden zum Trutz hatten sie ihr Lied angestimmt: »Was glänzt dort vom Walde im Sonnenschein …« und so waren sie bis an die ersten Gehöfte von Kitzen herangekommen, die rechts von der Straße lagen. In diesem Augenblick brach es von allen Seiten über sie herein. Von links her stürmte die württembergische Reiterei plötzlich gegen sie an, und von rechts her attackierten die französischen Dragoner und warfen sich mit Hurrageschrei und mit dem Rufe: »Nehmt Pardon, ihr preußischen Hunde!« auf die Überraschten.
Mit Heftigkeit wurden die Eskadronen aufeinander gestoßen und vermochten sich, beengt durch die Gehöfte und Gärten zur Seite der Straße, nicht zu entwickeln; viele glaubten wohl auch noch an ein Mißverständnis und so kam es, daß der größte Teil der Husaren und der Jäger-Eskadron, von allen Seiten umzingelt, sich ergeben mußte.
Konrad Schmidt rief den anstürmenden Feinden entgegen:
»Es ist Waffenstillstand!« Aber ihm ward die Antwort:
»Werft die Waffen weg und herunter von den Pferden!«
Schon im nächsten Augenblicke wurde ihm von einem Säbelhieb der Tschako vom Kopfe geschlagen, aber nun hieb auch er in blinder Wut um sich und bahnte sich mit einer Anzahl seiner Gefährten eine Gasse. Seitwärts der Straße sah er Lützower Ulanen im Kampfe mit französischen Dragonern. Einen Augenblick schien es ihm, als tauche im Getümmel die Gestalt des Majors von Lützow auf, und das genügte ihm, sich dahin zu wenden. Da hörte er auch Körners Zuruf: »Hierher, Lützower!« und gleich darauf war er aufs neue mitten im Gewühl.
Es war in der That Lützow, der hier eingekeilt in drangvoller Enge sich heldenhaft wehrte gegen die Übermacht. Gegen ihn wandte sich der ganze Ansturm, und man suchte lebend seiner habhaft zu werden. Als die Dragoner erst an ihn herangekommen waren, hingen sie sich auch überall an ihm fest und zerrten und rissen, so daß er zuletzt vom Pferde stürzte, und jetzt hob der Drang erst recht an. Ein kleines Häuflein Husaren mit Theodor Körner hielt mit verzweiflungsvoller Wut hier stand, eine Schar Ulanen eilte zur Unterstützung heran, und nun brach auch Schmidt mit einigen Kampfgenossen, die unbewußt sich ihm angeschlossen, den französischen Reitern in den Rücken. Jetzt ward Luft geschafft, Lützow vermochte sich aufzuraffen und in das nächste Gehöft zurückzuziehen, während seine braven Genossen ihm den Weg deckten und sich weiter mit den Dragonern herumschlugen.
Nun hörte man durch den sinkenden Abend überall Kampfesruf und Schwerterklirren, Trompeten- und Hornsignale, Wiehern und Stöhnen von Pferden und knatternde Flintenschüsse. Vereinzelt, in kleinen Gruppen suchten die braven Reiter durchzubrechen, aber manch einer stürzte, von Säbelhieben getroffen, vom Pferde, manch anderer sah keinen Ausweg und ergab sich. Es war ein schwerer Unglückstag für das wackere Korps.
Lützow hielt es nicht in dem Gehöft, in das er geflüchtet. Ohne Pferd, den Säbel in der Faust, eilte er wieder hinaus, um, wenn irgend möglich, das Gefecht zum Stehen zu bringen. Befehlend, mahnend, zornig und bittend klang seine Stimme, umsonst – die Verwirrung war zu höchst gestiegen, die Auflösung eine allgemeine, und so sah er sich genötigt, durch die Gärten nach dem Dorfe zurückzueilen, wo ein schlichter Husar, namens Gebhardt, ein braver Kerl, ihm sein eigenes Pferd aufnötigte, damit er sich für König und Vaterland rette. Mit blutendem Herzen sprengte der Major von dannen und entrann mit einer kleinen Schar von 21 Mann glücklich über die Saale.
Das ganze Korps war auseinander gesprengt.
Konrad war Seite an Seite mit Körner geritten. Die Aufforderung zur Ergebung war immer wieder an ihr Ohr gedrungen, aber ihre Antwort war ein kräftiges Dreinschlagen und das Bestreben, das freie Feld zu gewinnen. Körner war bereits verwundet, aber er hielt sich brav im Sattel. Jetzt traf ihn ein zweiter Hieb, daß er wankte, und Schmidt, der es bemerkt hatte, riß, unbekümmert um jede eigene Gefahr, das Pferd des Genossen am Zügel fort in rasender Eile. Schüsse krachten, sein eigener Brauner bäumte, so daß er das Roß Körners loslassen mußte, das jetzt mit seinem Reiter wild in die einsinkende Dunkelheit hinaussprengte.
Unmittelbar hinter ihm war ein neues Gefecht entbrannt, eine kleine Zahl versprengter freiwilliger Jäger war auf die vorstürmenden Franzosen geraten, aber Schmidt vermochte sein scheu gewordenes Pferd nicht zu halten, das wie in dämonischer Hast ihn forttrug aus dem verhallenden Gewühl, bis es mit einem Male plötzlich zusammenbrach.
Der Reiter kam glücklich genug zu Fall und vermochte sich sogleich wieder aufzuraffen. Er erkannte, daß sein braves Tier, das in Zuckungen um sich schlug, von einer Kugel getroffen und am Verenden war, aber so bitter er das empfand, er mußte es im Stiche lassen. Jetzt aber fühlte er auch erst die furchtbare Müdigkeit in den Gliedern, trotzdem schlich er weiter, um vielleicht doch eine geschützte Stelle zu erreichen. Durch die Dunkelheit sah er einen Lichtschimmer, der mußte aus dem Dorfe Groß-Zschocher kommen, und dahin beschloß er sich zu wenden, um sich einigermaßen zu erquicken.
Das Dorf war still, als er hinter demselben herkam, ein Hund schlug in der Ferne an, sonst war keine Spur eines lebenden Wesens. Da trat aus der Dämmerung einer Gartenhecke ein Mann in ländlicher Tracht. Konrad erschrak nur einen Augenblick, dann redete er ihn an und bat um Unterkommen für die Nacht.
»Ihr seid ein Lützower Reiter?« fragte der Mann.
»Ja, und bin versprengt vom Korps, das bei Kitzen verräterisch überfallen wurde.«
Der andere that einen halblauten zornigen Ruf, dann sprach er:
»Kommt, Ihr seid unter meinem Dache sicher; ich bin der Gärtner Häußer. – Freilich müßt Ihr vorsichtig sein; ich hab' einen neuen Gehilfen, dem trau ich nicht recht, und vor dem muß ich Euch verbergen. Ich bring' Euch heimlich in ein Dachstüblein, dort mögt Ihr ruhen und Euch erlaben, und wenn's nicht anders ist, morgen in Bauerkleidern weiterziehen, denn die Franzosen werden wohl auf die Versprengten jagen. Kommt!«
Der brave Mann führte ihn durch eine Hinterthür in sein Haus und in ein freundlich Stübchen; seine Tochter, ein frisches Mädchen von etwa 19 Jahren, die er ins Geheimnis zog, sorgte für Speis' und Trank, und bald lag der Ermüdete in tiefem, ruhigem Schlafe.
Als er erwachte, schien die Sonne in seine Kammer und weckte ihn auf; er erhob sich, zog die bäuerlichen Kleider an, die vor seinem Bette lagen, und trat ans Fenster. Unter ihm lag der Garten im vollen Frühlingsschmuck mit grünen Bäumen, blühendem Gesträuch und farbenleuchtenden Blumenbeeten, und drinnen hantierte ein Bursche, der eben jetzt, auf den Spaten sich stützend, ein Scherzwort der Gärtnerstochter zurief, die vorüberging. Sie hatte offenbar keine Neigung, sich weiter mit ihm einzulassen, sondern schritt ohne Antwort fort; Konrad aber erschrak, als er das Gesicht des Burschen sah: das war der Baumfrevler aus der Altmark.
Ein unbehagliches Gefühl beschlich ihn, und er trat vom Fenster zurück; der Mensch konnte diesem Hause und ihm selber nur Unheil bringen, und er wollte seinen redlichen Wirt vor ihm warnen. Häußer kam auch bald, und er wurde voll Unmut bei der Erzählung seines Gastes.
»Ich habe von vornherein kein rechtes Vertrauen zu dem Burschen gehabt,« sagte er; »es ist aber schwer, jetzt einen Gehilfen zu bekommen, denn alles junge Volk steht in den Waffen. Wenn jedoch einer, der jung und gesund ist, dabei fehlt, da hat's wohl einen Haken. Der Jakob hats auf meine Lene abgesehen – aber da mag er die Finger davon lassen! Auf die Hände will ich ihm schon sehen, und sobald es geht, muß er aus dem Hause … Ihr seht übrigens gut aus in dem bäuerlichen Anzug, und ich denke, er schützt Euch.«
In diesem Augenblicke kam Lene und brachte das Frühstück. Sie berichtete dabei eilig, daß zwei Kinder da wären, die heute früh beim Beerensuchen im Walde einen verwundeten Offizier gefunden hätten, der wie tot dagelegen wäre; er sei jung und hübsch. Sie hätten auch seine Brieftasche mitgebracht, die neben ihm gelegen wäre.
Das Mädchen zeigte dieselbe vor, und hastig nahm Konrad sie aus ihrer Hand; sie zeigte Blutflecken, und da er sie öffnete, las er auf der letzten beschriebenen Seite Verse:
»Das ist Theodor Körner! Der besten einer! O kommt ihn zu suchen! Er darf nicht verbluten, nicht sterben! Wo sind die Kinder?«
Und schon eilte Konrad hinaus und die Treppe hinab, so daß Häußer kaum zu folgen vermochte.
»Vorsicht, Vorsicht!« rief er ihm nach. – »Wartet doch! – Ich lasse den Gehilfen durch Lene fernhalten, dann gehen wir!«
Bald darauf schritten die beiden Männer, geführt von den Kindern, einem Gehölz zu, das nicht allzufern lag, und nun standen sie vor Körner. Der war vom Roß gestürzt, bewußtlos geworden, dann wieder erwacht, hatte sich bis hierher geschleppt und war immer aufs neue in Ohnmacht gesunken. In einigen Augenblicken letzter Kraft hatte er das Gedicht geschrieben, in dem er Abschied nahm vom Leben. Jetzt sah er mit großen, müden Augen den Männern entgegen, und ein Leuchten ging durch dieselben, da er den Freund erkannte.
»Konrad! Gott sei Lob!«
»Rege dich nicht auf, Theodor! Wir bringen dich fort in das Haus dieses braven Mannes, der auch mir ein Asyl gegeben hat.«
Auch Häußer sprach einige freundliche Worte und reichte Körner ein Fläschchen mit Wein, aus welchem dieser einen tiefen Zug that. Dann verband man notdürftig seine Wunden, und mehr getragen als geführt von seinen Begleitern kam er langsam vorwärts.
Den Kindern wurde strengstes Stillschweigen anbefohlen gegen Jedermann, als man an das Dorf kam, und es gelang auch, ohne daß man Jemandem begegnete, den Verwundeten in das Gehöft Häußers zu bringen. Da trat plötzlich hinter einer Hecke der Gehilfe hervor. Lene hatte ihn fortgeschickt, aber er mochte wohl irgend einen Verdacht geschöpft haben, und hatte sich verborgen gehalten. Nun stand er mit einem hämischen Lächeln da, sah Konrad stechend an und sprach nur das eine Wort: »Preußen?«
Der Gärtner war erschrocken und erblaßt, aber er faßte sich und sagte:
»Ein verwundeter Landsmann und Soldat! Ein Schurke ist's, wer ihn preisgiebt! Greif zu, daß wir ihn betten!«
Der Bursche gehorchte schweigend; sie trugen Körner nach dem Obergeschoß, und schon nach kurzem lag er auf einem weichen, guten Lager, und Konrad saß als Pfleger ihm zur Seite. Im Erdgeschoß aber stand Jakob trotzig vor seinem Herrn.
»Es sind alle beide Lützower! Ihr wißt, was es wird, wenn die Franzosen erfahren, daß Ihr sie im Hause habt!«
»Wer soll's ihnen sagen?« murrte finster der Alte. »Ich thue einfach meine Pflicht als Mensch, als Christ und als deutscher Mann, und wenn du selber einen ehrlichen braven deutschen Vater hast, so kannst du nicht so verlumpt sein in deiner Seele, daß du eines andern deutschen Vaters Sohn preisgiebst. Das halte ich für abgemacht – jetzt laß uns an die Arbeit gehen!«
Finster und schweigend ging der Bursche, und verhielt sich den ganzen Tag über seltsam still, nur wenn Lene sich zeigte, sah er sie mit heißen und lauernden Blicken an, und am Abend trat er, da sie allein im Garten war, an sie heran. Er sprach mit einer vor Erregung heiseren Stimme:
»Lene – du weißt, wie ich dir gut bin! Weiche mir nicht aus – ich möcht' ein ordentlicher Mensch werden und hab' das Wandern satt. Werd' mein Weib – dein Vater braucht einen Schwiegersohn …«
Das Mädchen machte eine abwehrende Bewegung und wandte sich zum Gehen; er hielt sie an der Rockfalte zurück, und seine Stimme wurde noch erregter:
»Laß dir eins noch sagen: Ihr habt zwei Lützower im Haus, dein Vater muß dafür büßen, wenn es rauskommt … Lene, mach' mich nicht schlecht … wenn du mich abweisest, geh' ich nach Leipzig und sage, was ich weiß, dem Herzog von Padua.«
Lene wandte sich herum – ihr Gesicht glühte, und schon wollte sie dem Burschen das Wort »Schurke« in das Gesicht werfen, als sie eines andern sich besann. Sie atmete tief und sprach mit zitternder Stimme:
»Jakob, das wirst du nicht – wenn ich nicht allen Glauben an den guten Kern in dir verlieren soll. – Sieh, ist's denn jetzt Zeit zum Freien, wenn das Vaterland in Not ist? – Laß uns wieder von solchem reden, wenn die Zeit besser geworden, und wenn ich gesehen habe, daß du ein braver Bursche bist!«
In dem jungen Menschen schienen der gute und der böse Engel um die Seele zu streiten; endlich nahm er die Hand, welche Lene ihm hingereicht, und sagte:
»Gut – ich warte!«
Das Mädchen aber huschte durchs Gesträuch davon. Sie suchte erregt den Vater und berichtete ihm alles. Dieser war empört über den frechen Burschen, und zugleich besorgt um seine beiden Gäste, denn er traute Jakob nicht. Darum hielt er noch am Abend mit den Lützowern Rücksprache, und Konrad machte den Vorschlag, er wolle am andern Morgen als Gärtnerbursche nach Leipzig gehen zu Dr. Wendler und sehen, ob dieser etwas für den Verwundeten thun könne. Ihm selber schlug das Herz höher, wenn er an diesen Besuch dachte und – an Elise.
Häußer war damit einverstanden, und in schlichter Gärtnerjacke, das Gesicht künstlich gebräunt, einen derben Stock in der Hand, wanderte Konrad am andern Morgen in die Pleißenstadt. Er kam ohne Anstand hinein und suchte das Haus des Doktors. Dieser war eben nicht daheim und Elise trat ihm entgegen. Sie erkannte ihn nicht sofort, erst als er mit wärmerem Tone ihren Namen nannte, erschrak sie freudig, und wortlos sank sie ihm an die Brust.
Dann saßen sie beisammen, und Konrad erzählte von den Fahrten und Abenteuern der Lützower und von Körner, und das Herz des begeisterten Mädchens schlug höher:
»O, warum kann ich nicht dabei sein! – Aber mein Wort löse ich: Ich will den Verwundeten pflegen, treu und unermüdlich, daß er dem Vaterlande erhalten bleibe!«
Dann aber erzählte sie von der Stimmung in Leipzig, und wie man jedem preußischen Reiter, der als Parlamentär in die Stadt käme, zujauchze trotz des Herzogs von Padua und der Franzosen, und wie eine allgemeine Erbitterung in den Herzen sei über die Behandlung, welche man den bei Kitzen gefangenen Lützowern bereite. Man behandle sie nicht als Soldaten, sondern als Räuber.
Während dessen kam Dr. Wendler und war nicht wenig erstaunt und erfreut über seinen Gast. Aber auch er war unmutig und zornig erregt:
»Denkt Euch, diese elenden Schurken haben die armen verwundeten Lützower einfach in eine alte Kirche gesperrt, und wollten ihnen sogar den ärztlichen Beistand versagen. Ich habe im Namen der Menschlichkeit dagegen protestiert beim Herzog selbst, und habe mir den Eintritt erzwungen in das seltsame Lazarett. Es ist ein Jammer, wie die Armen dort herumliegen auf elendem Stroh und nicht einmal Nahrung erhalten. Nun, ich hoffe, die Leipziger Bürger werden es für eine Ehrenpflicht halten, für solche zu sorgen. Elise, was wir thun können, muß geschehen!«
Das Mädchen sank dem trefflichen Manne an den Hals, und Konrad reichte ihm mit stummer Anerkennung die Hand.
»Ja, und Körner« – fuhr der Doktor fort –, »Körner muß herein. Die Sache muß gehen. Zu mir kommen viele Kranke vom Lande, und könnt Ihr ihn in Bauerkleider stecken und Häußer ihn auf seinem Fuhrwerk als Patienten herbringen, so hat die Sache wohl keine Not und wir flicken den prächtigen Jungen bald wieder aus!«
Dann sprachen sie vom Waffenstillstand, und wie derselbe ungelegen genug kam und gerade in Leipzig den schmerzlichsten Eindruck machte. Die Lützower Infanterie hatte eben, vom General Woronzow aufgefordert, einen Handstreich auf die Stadt unternehmen wollen, war in beschwerlichen und gefährlichen Märschen von Havelberg herangerückt, der letzte Teil des Weges war geradezu im Trabe zurückgelegt worden, so daß mehrere vor Erschöpfung zusammenbrachen, und da man hart vor den Thoren stand, kam der Waffenstillstand. Mancher brave Mann hatte Thränen des Zornes darüber geweint.
Die Zeit verging den dreien rasch und Konrad, der noch mehr als an Speise und Trank sich an dem Umgang mit den lieben Menschen gefreut, mußte an den Aufbruch denken. Ehe er ging, reichte er dem Doktor herzlich die Hand, dann Elisen, und wie er ihr so tief und warm in die Augen sah, vermochte sich das Mädchen nicht zu halten, und mit einem Aufschluchzen legte sie die Arme um seinen Nacken. Verwundert, ja verblüfft sah Wendler die beiden an, dann sprach er:
»Steht es so? – Na, dann in Gottes Namen – verlobt euch! Konrad, Sie sind brav und tüchtig, und wenn der Himmel Sie gesund wiederbringt und Sie ein Amt haben, dann holen Sie Elisen. Und nun gebt euch einen redlichen Kuß und dann genug! Macht euch das Gemüt nicht weich, das Herz nicht schwer!«
So geschah's, aber die Seele Konrads war voll Sonnenschein, als er zum Stadtthor hinausschritt, lustig pfeifend vorbei an dem französischen Wachsoldaten, der sich gar nicht um ihn kümmerte. Als er in Groß-Zschocher in den Garten Häußers kam, begegnete ihm der Gehilfe. Er trat ihm in den Weg und sagte:
»Ihr meint wohl, ich kenne Euch nicht? – Die Prügel in der Altmark sind Euch gutgeschrieben, und die Zeit kommt, da ich sie heimzahle!«
»Pfui, schämt Euch!« erwiderte Konrad. »Seid Ihr ehrlicher und braver deutscher Eltern Kind, und könnt in dieser Zeit der Not des Vaterlands Rachegedanken hegen? – Pfui!« Er schritt weiter, und der andere hielt ihn nicht auf. In seiner Seele mochte es doch einen Winkel geben, wo ein besseres Empfinden ruhte, und die Erinnerung an seine Eltern hatte vielleicht in diesen Winkel hineingeleuchtet.
Am nächsten Morgen sollte Körner nach Leipzig gebracht werden. Häußer hatte den Gehilfen nach einem andern Dorfe geschickt in einer geschäftlichen Angelegenheit, und nachdem man sich überzeugt, daß er gegangen, wurde der Verwundete sorgsam aus seiner Stube herabgeführt und auf einem leichten Korbwagen zwischen weichen Decken gebettet. Er trug ländliche Kleidung, hatte die Haare schlicht nach Bauernart gekämmt, sein Schnurrbärtchen beseitigt, und lehnte nun wie ein richtiger kranker Junge vom Lande in dem Sitze. Er hatte herzlichen Abschied von Konrad genommen und ihn brüderlich geküßt; dann sagte er:
»Tausend Dank für all deine Liebe, und laß uns beten, daß unser und unserer Brüder Blut nicht umsonst geflossen sei. Gott bewahr' uns jetzt vor einem schlechten Frieden! Drauf und drein auf die französischen Schelme und unter Lützows Reitern auf Wiedersehn!«
Schmidt fühlte, wie es ihm feucht in die Augen kam, und Häußer, der neben Körner saß und den Zügel des Pferdes hielt, strich sich mit der rauhen Hand über das Gesicht. Ein letztes Winken, der Gaul zog an, und das Gefährt rollte auf der Straße gegen Leipzig hin und kam ohne Schwierigkeiten vor das Haus Dr. Wendlers. Der Sänger von »Leyer und Schwert« war geborgen.
An demselben Vormittag verließ auch Schmidt in seiner ländlichen Kleidung, als Gärtnergehilfe, das gastliche Haus in Großzschocher, um die Reste seines Freikorps aufzusuchen, zuvor aber, wenn möglich, noch einmal seinen Vater und das Grab seiner Mutter zu sehen.
Als es in Großzschocher zu Mittag läutete, war der Gehilfe Jakob wieder zurück; er fand nur Lene daheim, die ihm das Essen vorsetzte und sich dann wieder zurückziehen wollte.
»Wo sind denn die andern?« fragte der Bursche.
»Welche andern?«
»Je nun, der Meister und die zwei Lützower« – sagte der Mensch höhnisch. – »Sie sind wohl entwischt? – Höre, Lene, auf das hin könntest du mir doch einen Kuß geben!«
Er wollte sie umarmen, aber das Mädchen stieß ihn erregt zurück.
»So weit sind wir nicht!«
»Hei!« lachte er zornig und spöttisch zugleich, und es schien, als ob er auf seinem Wege getrunken hätte – »hei! Was soll denn das Sprödethun? – Ich hab euch doch in der Hand alle beide, dich und deinen Vater, und den kranken Lützower dazu; der kann nicht weit sein, höchstens in Leipzig …«
Heiße Röte des Ingrimms und der Erregung stieg Lene ins Gesicht, aber sie würdigte den Burschen keiner Antwort, sondern ging hinaus; finster blieb er zurück, er ließ sein Essen fast unberührt, und dann machte er sich an seine Arbeit, fleißiger, als er seit langem gewesen war.
Gegen Abend kam Häußer heim und erfuhr von seiner Tochter die Äußerungen des Burschen. Auch in ihm erwachte der Zorn; er suchte ihn auf im Garten und sprach:
»Jakob, wir sind geschiedene Leute. Drohen lasse ich mir und meiner Tochter nicht. Und wenn du meinst, uns in der Hand zu haben, so geh hin und erzähle, was du weißt. Sie können mir Haus und Garten, vielleicht auch mein Leben nehmen, aber besser als braver deutscher Mann sterben und verderben, wie als Schurke und Verräter am Vaterlande leben. Das ist meine Meinung, und hier ist dein Lohn und dort die Thüre!«
Der Bursche erwiderte nichts; schweigend legte er den Spaten weg, nahm das Geld und ging ins Haus, seine Sachen zu holen. Noch an demselben Abend verließ er das Dorf. Vor demselben auf einer kleinen Anhöhe stand er eine Weile, sah den letzten Sonnenschein über die kleinen, friedlichen Hütten hinhuschen und erwog, wohin er sich wenden sollte. Hier führte die Straße nach Leipzig – zum Verrat, zu den Franzosen, dort hinaus in preußisches Land. Da kam ein Bauer vom Felde her; sein kleiner Junge lief ihm entgegen und rief jauchzend: »Vater, Vater!« Der Mann aber nahm sein Kind auf seinen Arm, schwenkte es einigemale durch die Luft und zog es dann an sich und küßte es.
Da ward es dem Burschen seltsam zu Sinne; er gab sich einen plötzlichen, heftigen Ruck und wandte sich auf die Straße, die ins Preußenland führte.