Fünftes Kapitel.
Im Königreiche Westfalen.

Es war ein milder Sommerabend, als Konrad Schmidt in seiner bäuerlichen Tracht in das Thal herabstieg, in dem sein Heimatsdorf lag. Der Kirchturm hatte ihn schon von ferne begrüßt und die große Linde auf dem Friedhof, und das Herz schlug ihm erregter. Seiner Mutter, die für ihn gestorben war, galt zumeist sein Denken, ihren Hügel wollte er zuerst aufsuchen. Auf einem Feldwege schritt er dahin, ließ den Gutshof zur Seite liegen und kam hinter der Kirche her. Durch die offene hölzerne Pforte betrat er die Ruhestätte der Toten, deren heiliges Schweigen nur durch den Gesang der Vögel aus den Lindenzweigen her unterbrochen ward. Ein leichter Blumenduft lag über den schlichten Gräbern, und auf manch einem von ihnen blühten die Rosen.

Nahe an der Kirchenwand war das Grab seiner Mutter, und Konrad sah schon von weitem, daß auch hier der Schmuck des Frühlings nicht fehlte. Ein einfaches Holzkreuz stand zwischen den Rosenbüschen, das trug auf einer Blechtafel den Namen der Toten und darunter die Worte: »Sie starb für das Vaterland und für ihren Sohn.«

Eine unendliche Wehmut erfaßte den Jüngling; er lehnte den Kopf gegen den Querbalken des Kreuzes, umklammerte dies mit beiden Armen, als wäre es die Teure, die hier schlief, selbst, und die Thränen rannen ihm aus den Augen. Er war so versunken in seinem Schmerze, daß er nicht die Schritte vernahm, welche von der Kirchenecke herkamen und durch den weichen Boden allerdings gedämpft wurden.

Zwei bejahrte Männer traten heran, und der eine mit dem weißen Haar und dem dunklen, langen Gehrock legte ihm jetzt sanft die Hand auf die Schulter. Da wendete er sich um und im nächsten Augenblicke lagen die beiden einander in den Armen, und der dritte stand seltsam ergriffen dabei.

Es waren Pfarrer Schmidt und der Gutsherr Bastian.

»Hier sind wir auseinander gegangen, hier finden wir uns wieder,« sagte der Pfarrer – »gelobt sei Gott, daß du lebst.«

Auch Bastian trat herzu und grüßte ihn mit herzlichem Händedruck.

»Wir haben schwere Sorge gehabt um Sie und um meinen Jungen, als wir die schmachvolle Geschichte von Kitzen gehört haben,« sagte er, »aber es wird wohl wieder ins Gleis gebracht werden, wenn nur erst dieser gottverlassene Waffenstillstand zu Ende sein wird. Heute Abend aber, denk' ich, kommt ihr beiden zu uns, mein Weib wird auch etwas hören wollen.«

Sie standen noch einige Augenblicke schweigend an dem Grabe, dann verließen sie den Friedhof. Am selben Abend aber saßen vier Menschen um den reichlich gedeckten Herrentisch des Gutshofs, und Konrad, der sein eigenes Gewand wieder angelegt, erzählte von dem empörenden Bruche des Waffenstillstands und von dem Schicksale Theodor Körners. Er dagegen erfuhr erst jetzt, welche Verluste das Freikorps gehabt, und wie über 300 brave Reiter teils tot, teils gefangen waren.

Erst heute war eine Kunde eingetroffen von Bastians Sohne, der glücklich mit entkommen war und der nun flüchtig mitteilte, wie Lützow selbst durch die Opferwilligkeit des braven Husaren Gebhardt gerettet wurde, bei Merseburg mit einem kleinen Häuflein von Reitern die Saale überschritten und dann in einem Walde bei Sangerhausen kurze Rast gehalten habe. Der wackere Amtsrat Breymann bei Bernburg habe Lebensmittel und Fourage beschafft, auch für Kähne gesorgt zum Elbübergang, und am 21. habe man unter guter Führung den Marsch angetreten gegen Sandersleben und Plötzkau, um die Elbe zu überschreiten und nach Havelberg zu gelangen, wo der übrige Teil des Freikorps, zumal die Infanterie, ihr Lager aufgeschlagen hatte.

Diese Nachrichten erfüllten Konrad mit Freudigkeit und Mut, und schon am nächsten Tage gedachte er aufzubrechen und seinen Kampfgefährten nachzueilen. Bastian aber mahnte ihn, einige Tage zu rasten, und da es doch Waffenstillstand sei, dem vereinsamten Vater seine Gegenwart länger zu schenken. Eben hatte man die Gläser erhoben, um darauf anzustoßen, als eine Magd erschien und meldete, es sei ein fremder Herr da, welcher die Herrschaft zu begrüßen wünsche.

»Hat er seinen Namen genannt?«

»Zander, und er wär' schon einmal dagewesen.«

Der Gutsherr und Konrad sprangen gleichzeitig auf, aber ehe sie noch die Thür erreichten, stand in derselben schon ein städtisch gekleideter junger Mann mit einem kleinen Koffer in der Linken.

»Ludwig Zander, Geschäftsreisender – in Firma Lützow und Kompagnie; mache in Stahl und Eisen und Franzosenblut! Hurra … ist das nicht Konrad Schmidt?«

Er hatte jetzt erst den Freund erkannt, ließ seinen Koffer fallen und riß Jenen in seine Arme.

»Herzensjunge – du lebst – du bist hier? Und wir haben dich schon beweint. – Hurra, Herr Bastian, die Lützower sind noch da – Gott zum Gruß, Herr Pastor – Verzeihung, verehrte Frau, daß ich so ohne weiteres hereinschneie.«

Es folgte ein allseitiges Begrüßen, und bald darauf saß der Neuangekommene mit an dem Tische und hob sein Glas.

»Auf einen frischen, fröhlichen Krieg und den Sieg der deutschen Waffen!« rief er und die Gläser läuteten hell zusammen. Dann ward gefragt nach dem und jenem von den alten Gefährten, und Zander sagte wieder:

»Gott Lob, daß Körner wieder zusammengeflickt werden kann, um den prächtigen Burschen wär's besonders schade.«

»Und wie bist du selber bei Kitzen davon gekommen?« fragte Schmidt.

»Da ist nicht viel zu erzählen, «Unkraut verdirbt nicht», würde der alte Fischer zu mir sagen, und ein Verdienst habe ich ebensowenig wie Bastian jun. dabei, daß ich davon gekommen bin. Ich hatte mich an einen Trupp Ulanen unter dem braven Beczwarzowski angeschlossen, und wir suchten auf dem Wiesengrunde links von der Straße uns zu sammeln, wobei wir uns mühsam durch die Lücken einer Hecke durcharbeiten mußten. Da stürmten französische Dragoner auf uns ein, wir aber wandten uns, und ehe sie noch durch die Hecke kommen konnten, hatten wir sie zurückgeschlagen und jagten nun querfeldein gegen Norden zu. Wir überschritten glücklich die Straße nach Merseburg, setzten über die Luppe und bei Schkeuditz über die Elster, und ritten dann weiter auf der Halle-Leipziger Straße. In Großkugel hab' ich einen Vetter, bei dem hielt ich an, denn ich wollte den Waffenstillstand ausnützen. In seinen Kleidern und mit seinem Passe – er heißt Ludwig Zander, wie ich – streife ich jetzt als Kaufmann durchs Land und betreibe die Geschäfte der Lützower, d. h. ich werbe, wo immer es geht, denn unsere Lücken müssen ausgefüllt werden, ehe der Waffenstillstand zu Ende ist. Auf ein gut' Geschäft!«

Der prächtige, muntere Mensch hob sein Glas und wieder klangen die Gläser zusammen, Konrad aber sagte:

»Dann laß uns ein Kompagniegeschäft machen!«

»Abgemacht! Wir haben in der schwarzen Jägertracht gemeinsam unsere Streifen unternommen und wollen es in Gottes Namen wieder einmal anders versuchen. Aber ohne Paß geht's nicht, denn wir werden manchmal mitten unter die Franzosen gehen und unsere Leute suchen müssen, denn wo die Welschen am dicksten in Deutschland beisammen sitzen, da gedeiht auch der deutsche Haß am besten, und der ist unser Bundesgenosse.«

»Den Paß verschaffe ich!« sagte Bastian. »Konrad Schmidt, Ökonom, auf der Reise, um für den Gutsbesitzer Bastian Geschäfte abzuschließen – was?«

Der Pfarrer hatte schweigend dabei gesessen und die Hand seines Sohnes gehalten; er schüttelte das ergraute Haupt und sagte wehmütig:

»Daß selbst die Unwahrheit herhalten muß als Mittel zum guten Zweck!«

»Ja, fragt denn der Schelmfranzos um Moral?« fragte Zander, und Bastian fügte hinzu:

»Wenn im Kriege schon einmal Mord und Totschlag gelten, da ist ein falscher Paß eine Harmlosigkeit, und viel falsches ist ja nicht dran. Denn wenn Konrad unterwegs meine Hammelzucht verkaufen kann, die ich aufgeben will, so soll er's thun und sein Gewissen ist gerettet.«

Bis in die Nacht hinein saßen die fünf Menschen plaudernd beisammen, dann ging Konrad mit seinem Vater nach dem Pfarrhofe, Zander aber blieb bei Bastian.

Zwei Tage später wanderten die beiden Lützower aus dem Dorfe hinaus, nachdem beide noch einmal am Grabe der Pastorin gestanden hatten. Konrad hatte eine Rosenknospe von demselben abgepflückt und barg sie neben dem Zweiglein, das er von Elise erhalten, an seiner Brust.

Sie gingen zunächst durch Thüringen und fanden zu ihrer Freude überall einen guten patriotischen Geist, Ingrimm gegen den fremden Dränger, und Bereitwilligkeit, im Dienste des Vaterlandes Gut und Blut zu opfern. Sie hielten zumeist auf Gutshöfen Einkehr, um hier Einblicke in die Verhältnisse zu gewinnen, und durften über die Aufnahme, die sie fanden, fast allenthalben höchlich zufrieden sein. Auch für ihr Freikorps hatten sie manchen gewonnen, der gegen die Elbe aufbrach, um Lützower Jäger zu werden, und das Herz schlug ihnen wärmer bei den Erfolgen, welche sie errangen. Auch war ihnen zunächst nichts Widerwärtiges widerfahren, und das ließ sie den kecken Entschluß fassen, unmittelbar unter dem Wappen und der Herrschaft Frankreichs für ihre Sache zu werben.

In dieser Absicht betraten sie den Boden des Königreichs Westfalen, das Napoleon auf deutschem Grunde errichtet und über das er seinen Bruder Jerôme als Herrscher gesetzt hatte. Der gesunde, deutsche Stamm, der hier saß, hatte sich mit Zähneknirschen gefügt, aber wie man spottete über den König »Alleweil lustick!« der in Kassel saß und in schwelgerischen Hoffesten das Mark des Landes verpraßte, so brannte man vor Sehnsucht, daß die deutschen Waffen dem unwürdigen Treiben ein Ende bereiten würden.

Den beiden Lützowern war es wunderlich, am Grenzpfahl das fremde Wappen zu sehen, und auf deutschem Boden von französisch redenden Gendarmen nach ihren Pässen befragt zu werden. Aber die letzteren waren in Ordnung, und ob man auch da und dort sie mißtrauisch betrachtete, man vermochte von Rechtswegen ihnen nichts anzuhaben. Vorsicht bei ihrem »Geschäft« galt es freilich zu üben, denn es gab auch feiles Volk, das dem neuen Regimente sich verkaufte, und die Stimmung mußte peinlich sondiert werden, um so größer aber war die Freude, wenn es auch hier gelang, Streiter für die deutsche Sache und das Freikorps zu werben.

Solche Erfolge machten sie kühner, so daß sie fast unter den Augen der westfälischen Gendarmen ihre agitatorische Thätigkeit übten und nicht mehr bloß auf dem Lande, sondern auch in den Städten auftraten.

So waren sie eines Tages in eine freundliche Landstadt gekommen und hatten in einem Gasthause ihr Quartier aufgeschlagen. Schon als sie zum Thore herein passiert waren, hatten sie gemerkt, daß hier eine größere Garnison lag und daß sie darum besonders vorsichtig sein müßten. Der Wirt des Gasthauses hatte sich auch sogleich nach ihren Pässen erkundigt und schien, nachdem er Einblick in dieselben genommen, durchaus befriedigt zu sein. Er setzte sich selbst zu ihnen in der Gaststube, wo sie Speise und Trank sich bestellt hatten, und ließ sich mit ihnen in ein Gespräch ein, nachdem er vorsichtig sich nach allen Seiten umgeblickt.

»Was meinen die Herren mit dem Waffenstillstand? Wird ein Friede draus werden?«

»Der Himmel weiß es – nun, der Friede thäte endlich einmal not,« sprach Zander, der Wirt aber sagte hastig und leise:

»Nur kein schimpflicher Friede, nur ein Friede, der uns wieder deutsch sein läßt!«

Die beiden sahen verwundert und beinahe mißtrauisch den grauhaarigen Mann an, aber aus seinen Augen leuchtete ein warmes Feuer, und seine Stimme klang bewegt, da er fortfuhr:

»Ja, ja, 's ist mein voller, heiliger Ernst. Sie sind Preußen, Sie verstehen mich, und mir thut's wohl, einmal darüber reden zu können. Die Verhältnisse hier sind jetzt schmachvoll und erbärmlich, und die Wirtschaft in Kassel und auf der Wilhelmshöhe zerreißt jedem ehrlichen Manne, der an seinem angestammten Landesherrn hängt, das Herz. Das Schlimmste aber ist, daß die Landeskinder selber sich herandrängen in den fremden Dienst und mit dem welschen Anzuge prunken und zusammengehen mit dem verlaufenen Gesindel, das sonstwo ausgeworfen worden und das der reichliche Lohn und das lustige Leben hier lockt. Meine Herren, ich habe zwei Söhne, Zwillinge, die ich selber manchmal nicht recht unterscheiden konnte; heute kann ich's, denn der eine trägt die königl. Westfälische Offiziersuniform, und hat sich ködern lassen, daß mir das Herz darüber blutet, der andere aber vergeht vor Sehnsucht nach der Befreiung Deutschlands. Er hat schon einige Male einen Anlauf genommen, unter die Lützower zu treten, und ich glaube, wenn es wieder losgeht, kann ich ihn nicht mehr halten, und ich will's auch nicht!«

Die beiden sahen einander verständnisvoll an, dann sprach Konrad:

»Wenn's so liegt in Ihrem Hause, haben wir nicht Ursache, unser wahres Gesicht zu verstecken. Wir sind beide Lützower, und suchen Leute für unsere Schar zu werben. Lassen Sie Ihren Sohn seinem Herzen folgen!«

Überrascht sah der Mann seine beiden jungen Gäste an, dann griff er rechts und links nach ihren Händen, umspannte sie mit warmem Drucke und sagte:

»Das soll ein Fingerzeig des Himmels sein – ich will ihn rufen!«

Er stand auf, und ehe noch die beiden Freunde halblaut ihre Meinung über den Vorfall ausgetauscht, kehrte er mit einem hochgewachsenen jungen Mann mit frischen Zügen und leuchtenden Augen zurück.

»Hier ist er« – sprach er –, »Erich, das Lützowsche Freikorps grüßt dich in den beiden Herren!«

Zweifelnd, fragend sah der Angesprochene nach seinem Vater, dann nach den Fremden. Diese aber erhoben sich, und Zander sprach halblaut:

»Das Vaterland braucht Arme, und die deutsche Freiheit warme Herzen und starke Hände!«

»Und ihr seid wahrhaftig Lützower?« fragte der andere erregt.

»Wir sind's,« erwiderte Konrad.

»Hier habt ihr mich!« sagte Erich fest und reichte den beiden seine Hände, dann aber jubelte er auf in freudiger Begeisterung: »das ist Lützow's wilde, verwegene Jagd,« so daß der Vater ihn erschrocken am Arme faßte und ein warnendes Pst! hören ließ, dem er sofort beifügte: »Und nun wollen wir anstoßen auf das freie Vaterland und auf seine ehrlichen Streiter!«

Gleich darauf saßen die vier Menschen um den Tisch in der stillen, leeren, schwülen Gaststube, und der beste Wein, den der Keller bot, perlte in den Gläsern; die beiden Lützower aber erzählten von ihren Kämpfen und ihren Fahrten, und Erichs Augen leuchteten dabei in mutigem Glanze auf.

Da klang das Klirren eines Säbels auf dem Flur, und schon im nächsten Augenblicke trat ein junger Offizier in der westfälischen Uniform ein, der dem Wirtssohne am Tische außerordentlich ähnlich sah.

Über das Gesicht des Hausherrn flog ein Schatten, als der Lieutenant näher trat und, nachdem er einigermaßen verwundert die kleine Tafelrunde betrachtet hatte, grüßte und sprach:

»Ist's erlaubt, hier Platz zu nehmen?«

Der Wirt stellte ihn als seinen Sohn Karl vor und nannte die Namen der Fremden, dann fügte er bei:

»Die Herren haben ein gut Stück Deutschland gesehen und wir hören auch gern, was jenseits des neuen Staats Westfalen geschieht.«

Das Gespräch nahm eine völlig harmlose Wendung, aber das eigentliche Behagen fehlte dem Kreise; ein fremder, kühler Hauch war über die patriotischen Herzen hingehuscht, und die beiden Lützower hatten mit einem Anfluge der Verachtung zu kämpfen gegen den jungen stattlichen Offizier, der in seiner Seele vergaß, wohin er gehörte.

Nach einiger Zeit erschien in der Thür ein Soldat, der, wie es schien, eine dienstliche Meldung zu machen hatte. Er ließ seine Blicke über den Tisch fliegen, und da er Konrad erblickte, der das Gesicht, hell beleuchtet, ihm voll zuwendete, zuckte er leicht zusammen, und faßte auch Zander schärfer ins Auge. Die am Tische Sitzenden kümmerten sich nicht weiter um ihn, nur der Wirt hatte seinen Sohn aufmerksam gemacht, und dieser erhob sich und kam nach dem Soldaten heran, um dessen Meldung entgegenzunehmen. Dieser hatte sich indes so gestellt, daß er dem Tische halb den Rücken kehrte, und nun, nachdem er seinen eigentlichen Auftrag erfüllt hatte, stieß er leise flüsternd hervor:

»Herr Lieutenant, ich möchte Ihnen noch eine heimliche, dringende Mitteilung machen.«

Der Offizier stutzte, dann winkte er dem Burschen hinauszugehen und folgte ihm nach. Im Hausflur aber sprach der erstere hastig:

»Herr Lieutenant, die beiden, die da drin sitzen, sind Spione; ich kenne sie alle zwei. Es sind Lützower Reiter; der eine ist mir ganz gut bekannt, und auch den zweiten hab' ich in der Uniform gesehen.«

Auch der Offizier wurde erregt.

»Täuschest du dich nicht, Jakob?«

»Nein, Herr Lieutenant; ich habe gute Ursache, mir besonders den einen zu merken, und es thät mir leid, wenn sie entwischten.«

Der Offizier kannte seinen Vater und seinen Bruder; ihr Zusammensitzen mit den beiden erschien ihm mit einem Mal bedeutsam. Einen Augenblick schwankte er, denn er sah sich in die Wahl gestellt vor dem Zorne, ja der Verachtung seiner Angehörigen, und andererseits vor einer Anerkennung und vielleicht einer Beförderung, und der Ehrgeiz, den er in seinem Gewissen mit dem Pflichtgefühl maskierte, siegte. Er befahl dem Soldaten, sofort nach der Wache zu eilen und eine bewaffnete Patrouille herbeizuholen, dann kehrte er in das Wirtszimmer zurück und setzte sich mit möglichster Ruhe wieder an den Tisch, wo das Gespräch sich noch immer um ganz gleichgültige Dinge drehte.

Es währte indes nicht lange, als man auf dem Flur das Geräusch von Waffen vernahm, und als die Thür sich öffnete, sah man vor derselben vier Soldaten, die Gewehre bei Fuß, während ein Unteroffizier eintrat, begleitet von Jakob, und dem Offizier die Meldung machte, daß er zur Stelle sei. Dieser war mit einem Male bleich geworden, aber er erhob sich und sprach, zu den beiden Lützowern gewendet:

»Meine Herren, darf ich um Ihre Pässe ersuchen?«

Wie ein Blitzstrahl fuhr das Wort in die am Tische Sitzenden. Der Wirt und Erich waren aufgesprungen und machten eine Bewegung, als wollten sie schützend sich vor die beiden Gäste stellen, diese aber hatten rasch ihre Fassung wieder und überreichten die gewünschten Papiere. Der Lieutenant durchflog dieselben.

»Die Pässe sind formell in Ordnung,« sagte er – »aber Sie sind nicht, was hier angegeben ist.«

»Wie können Sie das behaupten?« fragte Konrad – »mein Name ist Konrad Schmidt, der meines Gefährten Ludwig Zander –«

»Und wir reisen in Geschäften,« fügte dieser bei. Da rief der Offizier den Soldaten heran, der sie verraten hatte.

»Kennen Sie den Mann?«

Jetzt erst betrachteten die Lützower denselben und Schmidt erkannte nun in der westfälischen Uniform den Gärtnergehilfen aus Großzschocher, den Baumfrevler aus der Altmark. Ihn überkam Zorn und Entrüstung, so daß er, jede Vorsicht vergessend, rief:

»Der Mann ist ein Schurke, dem jeder ehrliche Deutsche ausweichen muß wie dem Aussatz.«

Jakob zuckte wie unter einem Schlage, der Offizier aber sprach:

»Dann hat es wohl seine Richtigkeit, daß Sie dem Lützowschen Freikorps angehören?«

»Sie sehen ja, daß wir in Civilkleidung sind,« brauste Zander auf.

»Das schließt nicht aus, daß Sie dem erwähnten Korps angehören und für dasselbe Spion- oder andere Dienste thun. Jedenfalls erachte ich es für meine Pflicht, Sie zu verhaften.«

Mit Blicken unaussprechlicher Verachtung sahen die beiden den Offizier an, der jetzt seine Augen niederschlug, indes sein Bruder in zorniger Aufwallung an ihn herantrat und ihm zuraunte: »Das ist ein Schurkenstreich!«

Wie von einem Peitschenhiebe getroffen fuhr der Lieutenant auf, aber er sah in das von einem heiligen Zorne lodernde Gesicht Erichs, sowie in das tiefblasse seines Vaters, der erregt sprach:

»Und das in deinem Elternhause? – Fühlst du denn nicht, daß von dieser Stunde an eine Schmach auf diesem Dache, in diesen Räumen ruht, die uns alle erdrücken muß? Entarteter – verhafte doch auch mich und deinen Bruder, wenn du schon überhaupt den traurigen Mut hast, auf die Denunziation eines Schurken hin brave Männer ins Elend zu bringen!«

Der Offizier war totenblaß geworden, dann preßte er hervor: »Ich thue nur meine Pflicht!«

»Pflicht!« sagte der Wirt und seine Stimme klang heiser vor Erregung. »Weißt du, was deine Pflicht wäre? – O daß du es wüßtest, aber die Stunde wird kommen, wo du in Scham erröten und vergehen wirst, weil du nicht gethan hast, was deine Pflicht war. Von diesem Augenblicke habe ich nur noch einen Sohn!«

Der tief erschütterte Mann trat zu den beiden Lützowern:

»Meine Herren, rechnen Sie mir nicht an, was dieser Verlorene thut, der sein Mutterhaus entehrt!«

Sie reichten dem braven Manne die Hand, ebenso Erich, der kein Wort zu sprechen vermochte. Der Unteroffizier stand dabei und in dem Gesichte des alten Kriegers arbeitete es seltsam, aber er hatte zu schweigen, der Blick jedoch, den er dem Verräter zuwarf, der jetzt den Kopf gesenkt hatte, redete seine deutliche Sprache.

»Komm!« sagte Konrad zu dem Freunde – »ich hoffe, man wird uns nicht richten ohne eine Untersuchung.«

»Pah, französische Gerechtigkeit!« lachte Zander bitter – »ich gratuliere zur Beförderung, Herr Lieutenant!«

Da bäumte sich Erich wild auf – er sprang gegen seinen Bruder vor, erfaßte ihn am Halse und begann ihn zu würgen, stumm, wortlos – der Vater aber trat dazwischen und riß die beiden Brüder auseinander.

»Ruhig, Erich, – der ist nicht wert, daß eine deutsche Hand ihn berührt!« sprach er – dann schritten die Lützower hinaus, gefolgt von dem Unteroffizier und Jakob; der Offizier aber wankte wie ein Trunkener hinterdrein.

Der Zug ging durch die Gasse; hochaufgerichtet und stolz schritten die beiden Freunde daher inmitten der Soldaten, der Offizier aber hielt sich seitwärts hinter ihnen, als ob er den Schein vermeiden wollte, daß er zu der Eskorte gehöre. An allen Thüren und Fenstern erschienen Leute, und die Kinder liefen dem Zuge nach. Manches ehrliche Mannesgesicht verfinsterte sich, und manche Faust ward geballt, denn es konnte niemandem unklar sein, um was es sich handle – um verratenes, preisgegebenes deutsches Blut. Als der Zug an einer Schmiede vorüberkam, aus deren dunklem Hintergrunde der rote Feuerschein leuchtete, trat der Meister heraus, der noch ein glühend Eisen in der berußten Hand hielt. Auch er wußte, was es hier gebe, und als der Lieutenant an ihm vorüberkam, spuckte der brave Handwerksmann mit einem lauten Pfui auf das glühende Metall, daß es zischte, und trat in seine Schmiede zurück; der junge Offizier aber biß die Zähne zusammen vor Unmut und Scham.

Die beiden Lützower wurden vor den Obersten des in dem Städtchen garnisonierenden Militärs gebracht. Auch er war ein Westfale. Der Lieutenant rapportierte, und mit finsterem Blicke durchflog der Oberst die Pässe.

»Die Pässe sind in Ordnung,« sprach er, da fiel sein Blick auf den Soldaten, der mit dem Lieutenant gekommen war, und der ihn seltsam lauernd ansah. Er wendete sich zu diesem.

»Was hast du zu melden?«

»Zu Befehl, Herr Oberst – die beiden sind Lützower Reiter. Den einen, Konrad Schmidt, habe ich in der Altmark getroffen, wo er im Schlosse des Generals Sebastiani zwei Chasseurs niedermachte …«

»Das ist eine infame Lüge!« brauste Zander auf.

»Sind Sie Konrad Schmidt?« fragte der Oberst.

»Nein, Ludwig Zander!«

»Wie kommen Sie dazu, die Anschuldigung zurückzuweisen?«

»Weil ich dabei war, Herr Oberst! – Konrad, was wollen wir hier Versteckens spielen und uns wie Verbrecher inquirieren lassen? – Wir sind ehrliche Leute und verbergen unser deutsches Herz nicht und verkaufen es nicht, brauchen auch vor niemandem schamrot zu werden …«

Auch Schmidt wurde von den Worten des Freundes fortgerissen; er unterbrach ihn:

»So ist's, Herr Oberst, und mein Freund und ich, wir haben auf dem Schlosse des Generals Sebastiani als Lützower Reiter zwei Chasseurs gefangen genommen. Das war im ehrlichen Kriege, und den Gefangenen ist kein Übel widerfahren; wir haben auch bei Kitzen mitgefochten, wo man uns verräterisch trotz des Waffenstillstands überfiel, und da ich mich gerettet in das Haus eines braven Mannes, der mich und einen verwundeten Kameraden aufnahm, sah uns dieser Bursche dort, der als Gärtnergehilfe im Hause lebte, und der mir in der Altmark eine wohlverdiente Tracht Prügel verdankt, weil ich ihn bei einem empörenden Baumfrevel festnahm. Das Königreich Westfalen mag stolz auf diesen Lumpen sein, für das deutsche Volk ist er ein Schandfleck.«

Der Oberst hatte den erregten jungen Mann sprechen lassen; er stand da, mit gekreuzten Armen, das Gesicht bleich, und nagte an seinem Schnurrbart; ein Blick unsäglicher Verachtung traf den Soldaten, der anfangs mit wilder Wut nach Konrad geblickt, dann aber plötzlich die Augen niedergeschlagen hatte.

Zander hatte seinem Freunde die Hand gereicht und so standen die beiden Lützower fest und ruhig da. Es herrschte einige Augenblicke eine peinliche Stille in dem Gemache, nur der Säbel in der Hand des Lieutenants, der in dienstlicher Haltung dastand, klirrte leise und zeugte von der Erregung des jungen Offiziers.

Nun sagte der Oberst:

»Und was führt Sie jetzt auf westfälisches Gebiet?«

»Unsere Pässe besagen das: wir reisen in Geschäften!« sagte Zander rasch.

»Hm! Und Sie gehören dem Freikorps Lützows nicht mehr an?«

Einige Sekunden schwiegen die Freunde, sie tauschten einen Blick des Einverständnisses und jedem war es klar, wenn es auch mehr ehrlich als klug schien, die Fahne nicht zu verleugnen, der sie angehörten. Konrad Schmidt sprach:

»Wir haben Waffenstillstand, und da man meint, daß der Friede darauf folgen werde, haben wir Urlaub genommen, um die Geschäfte des Friedens zu betreiben. Spione sind wir nicht.«

»Und wenn kein Friede wird?« fragte der Oberst.

»So kehren wir zu Lützow zurück als ehrliche Soldaten und sind dann Ihre ehrlichen Gegner.«

»Und glauben Sie, daß der Friede kommt?«

»Wir wünschen nur einen solchen, der uns Deutsche nicht schamrot werden läßt, einen Frieden, der ehrenvoll ist für unser Vaterland und es frei macht von jedem fremden Fuße,« sprach Konrad – »und ich meine das sagen zu dürfen, weil in diesem Raume Keiner ist, den nicht eine deutsche Mutter geboren.«

Der Oberst und der Lieutenant wechselten einen seltsamen scheuen Blick, dann folgte wieder ein kurzes Schweigen, bis der erstere sagte:

»Solche Äußerungen darf ich hier nicht hören … In Ihrer Sache aber mag ich nicht entscheiden. Herr Lieutenant, Sie werden selbst morgen früh die beiden Gefangenen nach … (er nannte den Namen der nächsten größeren Stadt) geleiten und dem General Garnier rapportieren; den Mann dort – er zeigte auf Jakob – mögen Sie mitnehmen; ich will niemanden um eine Anerkennung oder Belohnung bringen.«

Es lag ein kalter Ton der Verachtung in diesen Worten, das fühlte zumal der junge Offizier, der mit blutleerem Angesicht dastand, und nachdem er eine Bewegung, als wollte er abwehren, unterdrückt hatte, hervorpreßte:

»Zu Befehl!«

Der Oberst aber trat an die beiden Lützower.

»Meine Herren, denken Sie nicht zu schlimm von uns; die Verhältnisse sind oft stärker als wir! Ich wünsche Ihnen glückliche Heimkehr!«

Er wollte ihnen die Hände reichen, aber keiner von den beiden nahm sie an; sie wendeten sich schweigend ab; der Oberst aber biß die Zähne aufeinander und winkte stumm, sich zu entfernen.

Am andern Morgen ging ein ähnlicher Zug, wie er Tags vorher durch die Gasse gekommen, zum Thor des Städtchens hinaus und auf der Straße nach der Kreisstadt. Die zwei Lützower schritten ungefesselt zwischen den Soldaten, und einige Schritte hinterdrein kam der Lieutenant. Der ganze Auftrag hatte etwas Beschämendes und Demütigendes für ihn, dessen war er sich wohl bewußt, und wo man durch ein Dorf kam, ging er auf einem andern Wege als die Soldaten und die Gefangenen.

Die Kreisstadt war nur etwa zwei Stunden entfernt. Daselbst angelangt, meldete sich der junge Offizier bei dem General Garnier und führte die zwei Lützower zu ihm. Der General empfing ihn mit einer unangenehmen Herablassung und redete in gebrochenem Deutsch – er war offenbar Vollblutfranzose. Sobald er hörte, daß die beiden jungen Männer dem Lützowschen Freikorps angehörten, rötete sich sein Gesicht:

»Ah ces brigands!« sprach er höhnisch.

»Wir sind keine Räuber, sondern ehrliche Soldaten,« sagte Schmidt fest.

»Silence!« schrie der Franzose. – »L'armistice est pour tout le monde, excepté pour vous.« (Der Waffenstillstand gilt für Alle, für euch aber nicht.)

Das waren dieselben Worte, welche der französische General dem Major von Lützow bei Kitzen zugerufen hatte, und die beiden Freunde faßte heiße Entrüstung.

»Das ist eine Schmach und ein Wort, das einer gebildeten großen Nation unwürdig ist!« rief Zander, der General aber brauste von neuem auf, gebot in seinem geradebrechten Idiom Schweigen, bis er fragen würde, und fügte dann bei, daß er sie als Spione vor das Kriegsgericht stellen werde. Er befahl dem Lieutenant barsch, sie abzuführen und in den prison zu bringen.

Das geschah auch, und das Gefängnis, das man ihnen anwies, war nicht besonders freundlich; nur den einen Trost hatten sie, daß man sie nicht trennte. Der Lieutenant hatte beim Abschied noch ein entschuldigendes Wort sprechen wollen, aber sie hatten ihm den Rücken gewendet und waren froh, als sie allein waren. Sie setzten sich nebeneinander auf die harte Pritsche und suchten sich gegenseitig Mut einzureden, obwohl jeder von ihnen darüber klar war, daß ihre Sache schlimm und bedenklich stehe, bis endlich Konrad ruhig sprach:

»Was quälen wir uns mit gegenseitiger Tröstung, Freund! Fassen wir die Sache wie sie ist; das Schlimmste, was uns geschehen kann, ist, daß sie uns erschießen, und dann sind wir ja auch fürs Vaterland gestorben.«

Fest drückte ihn Zander an die Brust.

»Du bist ein excellenter Junge, Konrad! Sieh, das ist meine Meinung auch, und da wir uns darüber erst klar sind, laß uns mit der Resignation des guten deutschen Gewissens abwarten, was nun kommen wird. Laß uns zuvörderst einmal Umschau halten von unserm Tuskulum!«

Ein einziges, kleines, hochliegendes und vergittertes Fenster gab dem Raume ein spärliches Licht; unter dasselbe rückten sie die Holzpritsche, und wenn sie sich darauf stellten und die Köpfe dicht nebeneinander legten, konnten sie hinausblicken ins Freie. Da lag die Welt im lachenden Sommersonnenschein: Zunächst vor ihnen die Stadt mit weißen Häusern und grünen Gärten und über dieselbe hinaus ein freundliches Gelände, Felder und Wiesen, durchschnitten von dem glitzernden Bande eines Flüßchens, und im Hintergrunde blauten Berge; es mochte wohl das Rhöngebirge oder der Thüringerwald sein. Den beiden ward es wunderlich ums Herz, und es wollte sie doch etwas wie Wehmut erfassen, daß sie vielleicht von alle dem für immer scheiden oder mindestens nicht auf freier deutscher Erde einen frischen Reitertod finden sollten. Konrad dachte auch an Elise und sandte über Thal und Höhen hinweg seinen Herzensgruß der fernen Braut. Sollte auch hier sein schönstes Hoffen zu nichte werden?

Um die Mittagszeit kam ein graubärtiger Schließer und brachte ihnen das einfache Mahl und frisches Trinkwasser. Er sah bärbeißig aus, aber aus seinen Augen leuchtete doch ein Schein von Gutmütigkeit; er war ein Deutscher und gab auf einige ihrer Fragen kurze, nicht unfreundliche Antworten. Als sie fragten, was er wohl wegen ihres Schicksals meine, zuckte er die Achseln, sah sich dann um, als ob er unberufene Ohren fürchtete, und knurrte:

»Die Gerechtigkeit arbeitet hier manchmal rasch, und der General ist Franzose!«

Dann ging er schnell, als ob er schon zu viel gesprochen, und die Thüre schlug hinter ihm zu.

Die beiden Freunde schliefen diese Nacht mit der Ruhe des guten Gewissens und sahen am nächsten Morgen wieder in das sonnige Land hinaus, als es draußen von Waffen klirrte. Sie stiegen von der Holzbank. Die Thür aber öffnete sich und ein junger Offizier kam, gefolgt von einigen Soldaten, um sie vor das Kriegsgericht zu führen. Ja der alte Schließer, der ihnen ernst nachsah, hatte recht: die Justiz ging sehr schnell.

Sie wurden über die Straße nach einem andern Gebäude geführt und dort in einen kleinen Saal gebracht, wo an einem länglichen Tische einige höhere Offiziere und der General Garnier saßen. Ein Auditeur, welcher der deutschen Sprache mächtig war, führte das Verhör, das öfters durch barsche Zwischenrufe des Generals unterbrochen wurde. Es währte nicht lange, und da die beiden Gefangenen nicht in Abrede stellen konnten noch wollten, daß sie unter Lützow gefochten, lautete die allgemeine Entscheidung dahin, daß sie als Spione und Aufwiegler ins Land gekommen, und demgemäß wurde auch das Urteil gefällt, das am nächsten Tage bereits vollzogen werden sollte: Tod durch Pulver und Blei.

Ein leises Erbleichen huschte eine Sekunde über die Züge der Freunde, aber keinen Augenblick verloren sie ihre würdige Fassung, und Konrad sagte ruhig und in französischer Sprache:

»Wir protestieren im Namen des Völkerrechts und des allgemeinen Menschenrechts gegen dieses Urteil, indem wir auf Ehrenwort erklären, daß wir nicht Spione sind.«

Schweigen folgte den Worten, einige der französischen Offiziere sahen zu Boden, der General aber befahl barsch die Gefangenen abzuführen. In ihrer Zelle sanken sich beide in die Arme, hielten sich schweigend umfaßt und Zander sprach dann:

»Konrad, sie sollen uns nicht schwach noch feige finden!«

»Bei Gott nicht!« erwiderte dieser, und wieder stiegen sie auf ihre Warte, um noch einmal die Welt zu sehen. Am Mittag brachte der Schließer ihnen Wein und eine reichlichere Mahlzeit, und sie aßen mit ruhiger Heiterkeit und dachten an Sokrates, wie er mit seinen Jüngern sich unterhielt, ehe er den Giftbecher trank.

Langsam verging der Nachmittag und doch schnell für die beiden, die jeder Pendelschlag rascher dem frühen Ende entgegenführte. Langsam dämmerte der Abend, und in ihre enge, kleine Zelle kam er früher noch, ehe er sich auf die Welt draußen niedersenkte. Der Schließer hatte das Abendbrot gebracht, hatte sie auch mit unverkennbarer Teilnahme gefragt, ob er ihnen noch irgend etwas zu Gefallen thun könne, und da sie ihn baten, einige Grüße, die sie auf Blätter ihrer Taschenbücher an ihre Angehörigen und Freunde geschrieben, zu bestellen, war er dazu bereit, und jeder händigte ihm zugleich den Rest seines Geldes ein.

Es kam die Nacht, die letzte, und sie hatten sich nebeneinander gebettet, unausgekleidet … da ging noch einmal die Thür auf. Der Schließer, der eine Laterne trug, öffnete einem Offizier in westfälischer Uniform und hieß ihn eintreten. Die Lützower erhoben sich und erkannten bei dem müden Lichtschimmer den Lieutenant Karl …, der sie hierher eskortiert hatte. Er sagte mit einer seltsam bewegten Stimme, die einen ganz andern Klang als vorher hatte:

»Meine Herren, Ihre Unschuld hat sich herausgestellt, und ich komme im Auftrage des Generals, um Sie noch einmal zu ihm zu führen und Ihnen die Freiheit zu verkünden.«

Überrascht, erstaunt sahen die Freunde erst den Sprecher, dann sich selbst an; der erste aber sprach:

»Ich bitte ohne Verzug mir zu folgen.«

Aber auch der alte Schließer trat jetzt heran:

»Verzeihen Sie, Herr Lieutenant! Die Herren hatten mir Grüße zu bestellen gegeben; soll ich das noch besorgen?«

»Nein, braver Alter!« sagte Zander – »ich hoffe, das können wir nun selbst besorgen.«

»Aber das Geld?« sprach verlegen der Mann.

»Ach so! – Ja, etwas davon werden wir wohl nun brauchen. Wir haben dem wackern Mann unsere Barschaft gegeben!« fügte Konrad erläuternd bei.

»Mag er es behalten!« sprach der Lieutenant; »für Ihre Weiterreise wird gesorgt werden. Doch nun rasch. Der General wartet.«

Die beiden reichten dem Schließer die Hand, dann gingen sie mit dem Offizier durch den Korridor, vorbei an den salutierenden Wachen, und traten hinaus in die Nacht. Der Offizier wendete sich schweigend nach einer engen, dunklen Gasse, und hier erst sagte er halblaut, rasch:

»Kennen Sie mich wirklich nicht? – Ich bin nicht Karl …, sondern Erich …«

Überrascht sahen ihn die Freunde an und wollten sprechen, er aber fuhr fort:

»Still, um Gotteswillen! Sehen wir, daß wir die Stadt hinter uns lassen, dann sollen Sie alles erfahren. Wir sind bald am Thore, und die Offiziere sind heute beim General geladen, so daß wir wohl ohne Gefahr entkommen!«

Schweigend, mit rascheren Schritten eilten sie fort. Der Wache, die am Stadtthore stand, gab Erich das Paßwort, und nach wenigen Augenblicken waren sie im Freien. Noch immer schwiegen sie, bis sie nach etwa zehn Minuten langem Wandern einen Wagen fanden, in welchen Erich sie einzusteigen einlud. Sie folgten der Aufforderung, die Pferde zogen an, und in raschem Trabe ging es die Straße entlang, hinein in die Sommernacht.

Jetzt reichte Erich den Freunden seine Hände.

»Gott Lob, wir kommen hoffentlich in Sicherheit und über die Grenze, ehe der Morgen tagt.«

»Aber sprechen Sie um Himmelswillen – das ist ja wie ein Wunder, daß Sie uns das Gefängnis öffnen, hart bevor es zu Ende gehen sollte,« sagte Konrad, und Zander fügte bei: »Und noch dazu in diesem Aufzuge.«

»Das alles geht ganz natürlich zu; ein wenig Mut und ein wenig mehr Glück – das ist alles. Als Sie verhaftet wurden, stand es bei meinem Vater und bei mir fest, daß wir alles daran setzen wollten, Sie zu retten. Daß Sie am nächsten Morgen und zwar durch meinen Bruder hierher eskortiert würden, war in der kleinen Stadt, wo man alles sieht und wo außerdem ein gesunder Haß gegen die Fremden vorhanden ist, bald bekannt; was Ihnen hier von Garnier drohte, konnte nicht zweifelhaft sein. Mein Plan war jetzt rasch gefaßt. Ich wußte von dem Burschen meines Bruders, einem gutmütigen beschränkten Menschen, mir unter dem Vorwande einer Reparatur eine Uniform des Letzteren zu verschaffen, und habe mich niemals so gefreut, daß wir beide einander täuschend ähnlich sahen. Dieselbe führte ich wohl verpackt bei mir, als ich hierher fuhr, und bei einem Freunde meines Vaters, der nahe dem Thor wohnt, das auf die Straße nach meinem Heimatsorte führt, abstieg. Ihn weihte ich in die ganze Sache ein, und er hat auch den Wagen beschafft. In seinem Hause lagen wir ununterbrochen auf der Lauer, bis wir sahen, daß mein Bruder heute früh die Stadt verließ. Nun zog ich seine Uniform an, fest überzeugt, daß der Schließer, an welchen er Sie gestern übergeben hat, mich für ihn ansehen werde. Ich ließ es Abend werden, begab mich dann zu ihm, meldete ihm, daß der General Sie zu sehen wünsche, weil Ihre Sache sich anders herausgestellt habe, und der alte gutmütige Bursche, dem jedenfalls nichts Schlimmes widerfahren wird, war nicht schwer zu täuschen. Das heutige Paßwort erfuhr ich durch meinen Wirt, der Beziehungen zu Offizieren hat, die nicht besonders dem König von Westfalen gewogen sind und es darum mit ihrer Pflicht ihm gegenüber nicht ernst nehmen, und so sind wir glücklich heraus aus den gefährlichen Mauern. Und nun fahren wir zu Lützow – denn ich bin der Eure!«

Kräftig fügten sich die Hände der jungen Männer ineinander. In herzlichen Worten dankten die beiden Lützower dem prächtigen Menschen, der seinerseits glücklich war über ihre Befreiung, und den sie warm als einen der Ihrigen begrüßten.

Mild und weich lag die Sommernacht über dem Lande, der Mond glänzte, und die Bäume, unter denen sie hinfuhren, rauschten leise – den drei Menschen aber war es zu Mute als wären sie nie so selig gewesen. Als sie gegen Morgen in die Nähe der Grenze kamen, verließen sie den Wagen, um nicht am Grenzpfahl angehalten zu werden, und dieser fuhr leer weiter nach dem nächsten preußischen Städtchen, wo er sie wieder erwarten sollte. Erich aber, der die Gegend kannte, führte die Freunde auf geheimen Wegen glücklich hinüber auf sicheres Gebiet, und als der Morgenschimmer die verjüngte Erde küßte, waren alle drei im Hause eines Vetters Erichs auf preußischem Boden geborgen. Hier legte dieser seine Uniform ab und schickte sie mit einigen Worten an seinen Bruder, dem er mitteilte, daß er seinen schlechten Streich wieder gut gemacht habe in seinen Kleidern und daß er um deswillen ihm selbst vergeben wolle.

Der Kutscher sollte Wagen und Pferde auf anderem Wege zurückbringen, aber der brave Bursche wollte nichts wissen vom König »Alleweil lustick!« sondern wollte auch unter die Waffen des Königs von Preußen treten, und gern nahmen ihn die andern mit sich, um ihn gleichfalls Lützow zuzuführen. Wagen und Pferde brachte Erichs Vetter selbst an Ort und Stelle und berichtete dabei sowohl dem wackern Eigentümer wie dem erfreuten Vater Erichs, daß die Flucht wohlgeglückt war.

Zu viert setzten die jungen Männer ihren Weg fort, und Erich, der wohl mit Geldmitteln versehen war, machte den Zahlmeister. »Er lieh es den Freunden und dem Vaterlande,« wie er sagte.

In Brandenburg hielten sie einen Tag Rast, und da sie eben in ihrem Gasthause beim Mittagessen saßen, fuhr ein Reisewagen vor. In unbewußter Neugier schauten sie zum Fenster hinaus und sahen einen älteren Herrn und eine junge Dame aussteigen. Im nächsten Augenblicke aber war auch Schmidt aufgesprungen und hinaus geeilt. Gleich darauf sahen die Zurückgebliebenen, wie er den beiden Reisenden die Hand reichte und wie das schöne Mädchen auf freier Straße ihn küßte.

Jetzt erkannte Zander die beiden: Es waren Dr. Wendler und seine Tochter. Sie traten ein, und das Gesicht Konrad Schmidts strahlte vor Glück und Freude.

»Meine Braut – Dr. Wendler!« und dann stellte er die andern vor, auch den braven Kutscher, den man nicht aus der Gesellschaft lassen wollte, und dann saßen alle sechs um den runden Tisch, und da niemand sonst in der Stube war, mochten sie frei und nach Herzenslust erzählen. Auf die Frage, wie Dr. Wendler mit seiner Tochter hierhergekommen, berichtete dieser, daß er im Begriffe sei, Elise zu einer Großtante nach Bremen zu bringen, die sehr an dem Mädchen hänge, zur Zeit schwer krank sei und dasselbe vor ihrem Ende dringend zu sehen verlange. Die Familie schulde der alten braven Dame viel, und so seien sie ihr auch diesmal zu Willen gewesen trotz der Beschwerden der Reise und der unruhigen Zeit. In Potsdam bei einem Oheim hätten sie zuvor Rast gemacht, und dadurch seien sie auch zu dem Umwege über Brandenburg veranlaßt worden.

Dr. Wendler wußte auch zu erzählen von dem immer lebhafter werdenden Herzenswunsche des deutschen Volkes, daß der Waffenstillstand, der bis Anfang August geschlossen war, kein Frieden werden möge, und wie zu einem solchen, allem Anscheine nach, auch keine Aussicht vorhanden sei. Mit Freuden nahmen die jungen Männer diese Mitteilung auf, und die Sehnsucht nach den lieben »schwarzen Genossen« wurde zumal bei den beiden Lützowern noch lebhafter.

So wurde der Tag in schöner Gemeinschaft verlebt, und Konrad war vor allen glücklich. In Elisens Seele aber loderte eine Begeisterung, die eines Mannes wert gewesen wäre, und am liebsten wäre sie selbst mitgegangen, um ihr Herzblut der Sache des Vaterlands zu weihen. Schmidt war stolz auf seine Braut.

Am andern Morgen schied man nach herzlichem Abschiede und mit beiderseitigen Segenswünschen. Dann wendete sich der Reisewagen, aus dem noch lange das weiße Tüchlein Elisens grüßend wehte, auf die Straße gegen Magdeburg, während die vier Genossen den Weg nach Rathenow einschlugen. Vor der Stadt draußen in einem Eichenhaine rissen sie kleine Zweige von den Bäumen und schmückten sich damit, und hell in den sonnigen Morgen hinein klang es: