Der Garten des Glückes

Der Abend liegt über dem Garten.

Der Abend, die Zeit des Abstiegs und der Höhe.

Da der Tag sich neiget mit seinem Müssen und Sollen.

Und die Seele zu ihrem Wollen gelöst ist. –

Das hohe, aus alter Schmiedearbeit gefügte Tor des Gartens öffnet sich.

Mit der Arbeitsmappe unter dem Arm tritt der Herr des Hauses über die Schwelle seines Gartens. Von der Freitreppe, die zum Hause führt, kommt leichten Fußes ihm sein Weib entgegen.

In einer heißen Umarmung leuchten ihre Augen ineinander und nehmen sich für den Rest des Tages in seligen Besitz.

Jeder von ihnen tat das Seine im lauten Lichte des Tages, was ihnen an Pflicht und Arbeit das Leben auferlegt.

Nun ist es Abend.

Die Freiheit kommt zu ihnen.

Und ihr Garten breitet sein träumendes Schweigen, sein tiefes Glück der Stille um ihre schwingenden Seelen.

Hier ist ihr Paradies.

Einsamkeit zu zweien. Zwischen Ich und Du die unauslöschliche Sehnsucht der Liebe. Der starke, unbeirrbare Glaube zueinander, das tiefe Wissen umeinander. – Die Bäume ringsum stehen im klingenden Abendschweigen. Ströme von Gold und Purpur leuchten zwischen ihrem Geäste, und die weichen Sommerschatten sinken wie sanfte Schleier über das Gelände.

– Nun haben wir uns wieder – sagt seine Stimme.

– Nun bin ich dein – antwortet die ihre.

Eng aneinander geschmiegt und ineinander verschlungen, wandeln sie in ihres Gartens Rund.

Wie fällt alles ab an Schein und bunter Lüge, die das harte Draußen jedem auferlegt. Nackt und lauter werden die Seelen in der Stille ihres Gartens, täglich neu geboren an den heiligen Quellen seiner reinen Schöne, erkennen sie sich selbst und den anderen mit tiefen Schauern der Freude und wachsen an dieser erkennenden Freude zu den fernen Höhen der Erlösung von Zwang und Schein.

Und die Bäume rauschen leise im Abendwinde.

Alles Blühen duftet heiß im letzten Atemholen des Tages. Die tausend Farben blühen noch einmal auf, und seltsam deutlich und feierlich hebt sich jede Linie umher im silbernen Leuchten des verlöschenden Abends.

Schweigen ist zwischen den beiden.

Und doch so viel lautes Sagen.

Baum und Strauch und alles Blühen und Duften umher spricht mit ihnen, spricht für sie. Jeder Weg kennt die Freude ihrer Schritte, die eng, Spur in Spur fast, zwischen ihnen klingen. Jede Schönheit hier ist der Segen ihrer liebenden Hände. Und die ganze Luft ist voll des Rausches ihrer starken Liebe, voll der Lieder ihrer überströmenden Dankbarkeit.

So schauen sie in den Abend, der still zum Meere der Vergangenheit sich senkt. Ein Tag ihres Seins geht mit ihm dahin – aber er war unser, fühlen sie und lassen ihn stille ziehen. Ist doch jeder Augenblick in diesem heiligen Kreise ihres Gartens ihnen eine so tiefe, starke Wirklichkeit und feiervolle Gegenwart, daß sie sich zwischen den schwebenden Ufern der Vergänglichkeit und des Währenden schmerzlos getragen fühlen von ihrem sicheren Willen zum Leben und Werden.

Und leise schlummert dort im schimmernden Lichte des verhängten Fensters die erwachende Stimme der Zukunft, die ihrem Wege eine Weisung ist und ihrem Tage den rauschenden Flügelschlag des Mutes gibt.

– Laß uns zu unserm Kind gehen – sagt die glücksschwere Stimme des Mannes.

Sie stehen auf der Schwelle ihres Heims.

Blicken noch einmal zurück in die dunkelnden Schatten ihres Gartens, der alle Geheimnisse ihres Glückes kennt.

Und in dem Garten des Glücks singt eine Nachtigall das tiefe Lied der Liebe.

Die Liebe, die Tag ist und Abend – die Ruhe ist und Kraft.

Die in alle Ewigkeit ewig bleibt in sich selbst, der goldene Kreis, der die Weite des Alls umschließt und das Menschenherz mit der Kraft des Alls umfängt.

Die Nachtigall streut ihre schimmernden Töne über den Garten des Glückes.

Und die beiden, die sich an ihm zu den heiligen Hainen der Schönheit zurückgefunden, die jenseits des Zwitterspiels von Wirrnis, Trug und Schein, zu dem sich das Außensein der Menschentage verfangen und verknotet hat, ihre seligen Gefilde breiten. –

Die beiden lauschen in die singende Nacht hinaus, und ihre Herzen sind voll jener Andacht, die wie ein Gebet ist.

Ein Gebet am Altare des Lebens.

Der Garten der Tränen

Diesen Garten findest du auf allen Menschenwegen.

Er gehört jedem von uns.

Er wartet unser aller.

Die trauernde Weide ist sein Symbol und Abschied das schwere Zeichen, unter dem er blüht.

Und doch ist Frühling darin. Lachender, singender Frühling mit allem Rausch und blühender Schönheit.

Alle Düfte und Farben, alles Sonnenleuchten und jede Schattenlockung ist hier vor dein Auge gebreitet, ganz wie in den andern Gärten der Freude dieser Menschenerde.

Aber über allem Leben hier steht die seltsame Dämmerung eines fernen Lichtes, das nicht von dieser Erde ist.

Ein schmerzliches Rufen, das unhörbar dem Ohre, in leisen Wellen an deine Seele rührt, wird lauter und dringlicher, je tiefer du darauf lauschest, bis es zuletzt über alle Laute der blühenden Erde ringsum nur noch allein zu deinem Wesen spricht.

Wie das Rufen von einer Ferne her, die du nicht kennst, kommt es zu dir. Wie das Brausen eines fernen Meeres, dessen Ufer du noch nicht erkannt.

Du wandelst wie trunken von den Schauern wartender Ahnungen, die dich plötzlich über die bunte Bewegung des Lebens wegtragen zu einsamen Welten, deren Stimmen dir geheimnisvoll vertraut klingen, als sprächen sie die Sprache der letzten Tiefen deiner harrenden Seele, mit der sie in seltenen Stunden der großen Stille zu dir redet. Als löse sich aus dem schweren Schweigen derer, die hier ruhen, ein seltsames Tönen, das anderer Sphären Gesetze unterworfen, in neuen, nie gehörten Rhythmen dich umdrängt und dich wie mit einem Kranze schwerduftender Blüten umhängt.

Dies Tönen und dieses Rufen, wie nah glaubst du sie zu kennen.

Aus den fernsten Erinnerungen und schmerzlichsten Sehnsüchten deiner Nächte und Träume kommt ihr Klingen und Mahnen zu dir, und du bist wie ein Vogel, schwebend zwischen Himmel und Erde und weißt nicht, welcher Schwelle du zufliegen möchtest.

Alles Endliche wird klein vor diesem Brausen der tiefen Fernen, alle Fesseln der Erdenschwere sind aufgehoben, alle Wirklichkeit wird zu fliehendem Schein, und du schaust dem Leben mitten in seine Wahrheit.

Die Wahrheit, die dich und das All trägt, die allem Sein seinen heiligen Sinn gibt. Die deine Stille mit den Schmerzen der Sehnsucht reich macht und deine Träume mit seltsamen Hoffnungen erfüllt.

So mitten durch den klingenden Frühlingsrausch der bunten Erde gehst du in diesem Garten der Tränen wie in kühler Leere und Einsamkeit, in der die Seele des Alls Zwiesprache hält mit der deinen.

Erinnerungen umschweben dich, die aus den Gräbern blühen, die das Dunkel und Licht vergangener Zeiten dir neu entzünden und alle Flammen der Liebe erwecken und dich mit dem Duft aller seligen Geheimnisse überschauern, die dein Herz an jene binden, nach denen dein Auge noch immer sucht und zu denen deiner Sehnsucht weher Drang dich immer wieder lockt und ruft.

So greifbar nahe trägt dich der Pfeil der Erinnerung zu ihnen. Du siehst das geliebte Angesicht, die geliebte Stimme tönt wie eine Glocke in dein Herz, das Lächeln des Mundes und Leuchten des Auges kommt zu dir – einen seligen Augenblick lang – und wieder ist alles in der weiten Leere und Einsamkeit verweht.

So zwischen Nähe und Ferne, zwischen dem Heute und alle Ewigkeit wandelt dein erdgebundener Fuß auf den Wegen dieses Gartens, die dunkel sind von den Leiden und Schmerzen derer, die über sie hinschritten mit der flammenden Opferschale des Todes in den bebenden Händen. –

Und so lange du hier wandelst, bist du selbst von den Schatten des Todes umhangen.

Die helle Wirklichkeit deines Tages, die ruhende Sicherheit deines Wissens, die harten Grenzen deiner kreisenden Sinne entschweben dir, als ob sie dich nie gehalten, als ob du ihrer nie bedurft. Enthoben dir selbst, vom Grenzenlosen umfangen, weißt du ein anderes Wissen, begreifst du weitere Weiten und tiefere Tiefen als bisher.

Im Garten der Tränen lernst du ein neues Lächeln und die Unrast deiner Seele entwirrt sich in dem Schweigen der Leere und Einsamkeit, das dich hier wie ein Tempel umbaut.

In diesem Garten des Schweigens erfährst du Tieferes als draußen vor seinen Toren, erfaßt du heiliger die Erkenntnisse des Lebens, das an das Gesetz des Todes gebunden ist.

Zwischen die Ufer des Lebens und des Todes ist dieser Garten mitten hineingestellt.

Wo Menschen leben, blühen seine Gräber.

Und an das eherne Schweigen seiner Tore brandet und bricht sich das Tun und Harren, das Irren und Schaffen, das Wollen und Lassen der Menschen, der tanzende Reigen und glühende Rausch des brausenden Lebens, das an der heiligen Schwelle dieses Gartens sein Angesicht in den Staub neigt.

Der wissende Mensch aber, der dem Unbegrenzten des Lebens sein tiefstes Geheimnis abgerungen und das eherne Schweigen des Seins mit seinem starken Willen zur Erkenntnis überwältigt hat – er schuf sich die Liebe.

Diese unsterbliche Flamme, die die finstern Tore des Todes sprengt und über sie hin die goldenen Brücken baut, die zu den Fernen der Ewigkeit reichen.

So wurde der Garten der Tränen zum heiligen Hain seliger Begegnungen mit denen, die du mit der Tiefe der Liebe an dich bandest.

Je mehr es derer werden, die zu den fernen, unbekannten Ufern gingen, desto mehr lockt es deinen Fuß zu den Wegen des Schmerzes, die durch den Garten der Tränen führen.

Ihre Ferne wird dir näher als deine Nähen.

Das unsichtbare Gefilde, in dem du sie weißt, wird mälig deiner Seele greifbarer als das Land, das du mit Augen schaust.

Hierher kommst du mit der Unruhe deines ermüdeten Herzens, mit den Zweifeln deines suchenden Geistes, mit allen Täuschungen und Qualen deiner erdgebundenen Tage.

Immer vertrauter wird dir diese Insel des Schmerzes, an deren Gestade die Stimmen der Dinge dich verlassen und du mit dir allein vor der bangen Unergründlichkeit des Todes stehst.

Und allgemach versiegen deine Tränen.

Bis du eines Tages in bebender Ergriffenheit dich hingebend eins werden fühlst mit allem, das ist und das war.

Im Garten der Tränen lernst du jene Schritte tun, die Welten zueinander binden, welche tief ineinander verkettet in unseres Wesens Grunde ruhen.

Der Garten des Anfangs

Im Anfang war der Garten.

Und die blühende Schönheit war ohne Ende.

Zwischen Himmel und Erde stand süß und heilig die große Stille, an der alle Töne des Seins zu schwingenden Harmonien wurden. Das Leben glühte und blühte da in überwältigender Herrlichkeit.

Farben und Düfte lagen wie Flammen über der Erde.

Tausendfach war das Grün der Haine.

Tausendfach die Form der blühenden Lust umher.

Zwischen Licht und Schatten hingebreitet schwebten alle seligen Träume des schaffenden Gottes.

Auf den singenden Wellen der Wasser schwamm das Chaos der Töne, die in den Herzen der nippenden Vögel zu tausend seligen Liedern wurden.

Heiß, in überströmender Fülle standen alle Becher des Lebens voll süßer Lust hoch bis zum Rande.

Tag und Nacht küßten einander in seligen Freuden.

Nichts wurde alt in diesem Garten.

Nichts starb darin.

Das Leben hatte den Tod noch nicht gesehen.

Und in diesen Gefilden der Seligkeit wandelte der Mensch.

In seiner gottreinen Seele ruhte alles Leben umher wie in einem Spiegel.

Alle Schönheit wurde zu strahlendem Licht in seinen Augen, und alle flammende Werdeglut brandete an sein Herz und entzündete die Fackel der Liebe darin.

So wandelte er in weißer Unschuld durch alle Farbengluten des Lebens. Und die Liebe in ihm verstand alle lohende Lebenslust umher.

Frieden war in seinem Herzen.

Er kannte nur Leben.

Die Nacht hatte keine Schrecken für ihn.

Seine Tage waren eine Unendlichkeit an Schönheit.

Sein Blut sang die seligen Melodien des Lebens mit.

Der Garten war der Kreis der Ewigkeit, in dem seines eigenen Wesens Ring selig verkettet war.

So ruhten ihm seine Tage und Nächte auf dem Wellenspiel der Freude.

Und seine Seele badete in den schwingenden Harmonien, die von der goldenen Harfe des Seins, die mitten im blühenden Garten stand, in alle Weiten strömten.

Aber der Tag kam, da er plötzlich den Tod erkannte.

Denn Schuld und Reue kam über seine Seele.

Das Licht der Schönheit erlosch.

Die Nacht wurde finster für ihn und der Tag voll Schrecken.

Und zwischen ihm und dem Garten der Seligkeit stand das Schwert des Schmerzes. Das Leben veränderte sein Angesicht gegen ihn.

Die Harmonien verstummten.

Und leer und öde war sein Herz.

In neue Fernen führte nun sein Weg.

Er selbst mußte suchen und finden, das Leben hatte alle selige Bereitschaft für ihn verloren.

Zu Kampf und Sieg zog er aus. Mit schweren Füßen und müden Händen mußte er sich jeden neuen Tag zu seinen Diensten zwingen. Und seine unruhigen Nächte waren von Traum und Tränen erfüllt. Aber im tiefsten Grunde seines Wesens trug er immerfort die Erinnerung an die singende Seligkeit jener Gefilde des Friedens, die ihm nun für immer verloren waren. Und neben dem Schweiß seiner Tage und der Unruhe seiner Nächte, neben Kampf und Siegen, Höhen und Tiefen seines bitteren Daseins sang leise die tiefe, zehrende Sehnsucht in ihm nach jenem Garten des Friedens.

Und Gott sah, wie elend und arm der Mensch geworden, da ihm die Schönheit des Friedens genommen war.

Und er erbarmte sich seiner und ließ den Traum seiner Erinnerung in ihm so stark werden und die Sehnsucht nach dem Verlorenen so schmerzhaft, daß er eines Tages anfing, sich ein Bild zu machen, das jenem Glücke ein wenig ähnlich war.

Aus der tiefen Sehnsucht seines arm gewordenen Herzens wurde dem Menschen der Garten geboren.

Und als er erst einmal diesen Traum ergriffen und in die Öde seiner Wirklichkeit gezwungen hatte, kam ihm eine so selige Beglückung aus dem Bilde, das aus Erinnerung und Sehnsucht gewoben war, und das seiner müde gewordenen Seele neue Flügel gab, daß er sich wieder in das Land der Freude schwingen konnte und Lied und Lust wieder zu seinem Herzen kamen.

In seinem Garten findet der Mensch zum Paradiese zurück. Er vergißt für Augenblicke, daß das Schwert des Schmerzes zwischen ihm und dem verlorenen Glücke steht, das ihm in jenem seligen Gefilde einst in strömender Fülle blühte.

Ja, jeder Garten ist eine sanfte und süße Erinnerung an das Paradies, das den Anfang der Menschheit sah.

Deshalb wird es dem Menschen so warm und froh im Herzen, wenn er in seinem Garten wandelt und ruht.

Vor seiner Tür läßt er alle Angst und Qual des harten Tages, und Glaube und Hoffnung kehren ihm hier wieder.

Und selig frei von Ketten und Lasten, mit denen das Leben den Alltag seiner Seele bindet und verdirbt, erkennt er sich selbst im Spiegel des Friedens, den er tief verborgen in seinem Garten findet. Eine Lüge nach der andern fällt ihm hier von seinem Wesen ab, und er wird frei zu allem Besten in ihm.

Sein Garten gibt ihm die Stille der Wahrheit und die Tiefe der Ruhe, an die alte Erkenntnis gebunden, aus der alle Reife blüht.

Alles Letzte und Tiefste in ihm erwacht ihm hier, und je länger und dringender er seinen Garten liebt, je mehr kommt jenes Neue und Ferne zu ihm heran, das er mit banger Sehnsucht so lange suchte und das die Vollendung alles dessen ist, was aus Ewigkeiten her seines Wesens Wege und Ziele sind.

Berauschender Geheimnisse voll ist sein Garten dem, der ihn mit seiner besten Liebe liebt. Hier wird ihm das Leben erst zu Leben. Und trunken von Traum und Erkenntnis wandelt er neu im Paradiese und findet allgemach die fast verloschenen Wege zu den rauschenden Quellen des Glückes zurück, von denen ihm Traum und Sehnsucht so schmerzvoll erfüllt blieben. –

Deine ruhende Welt ist dir dein Garten.

Und der Ring der Liebe zu denen, die du als die deinen erkannte, schließt sich dir hier zu einem heiligen Kreise.

Was du hier in tiefer Liebe umfassen kannst, ist wahrlich dein. In deinem Garten weicht aller Lüge und Schein und was bleibt, ist du und deine Wahrheit.

Und immer schmerzhafter wird die Sehnsucht der Menschen nach ihrem Garten werden, je mehr ihr äußeres Leben in Schein und Leere sich verliert.

Eine Türe zu wissen, die zwischen dir und dem Zwange zur Entfremdung von dir selbst steht. Eine Stille, die dich von all den falschen Tönen trennt, welche die heilige Melodie des Seins zerreißen. Eine Fülle reiner Seligkeiten, welche die traurige Armut da draußen vergessen lassen –

Das heißt ein heimlich Paradies haben, in dem du alles Göttliche in dir aufblühen und erglühen fühlst.

In jedem Garten wird die beste Sehnsucht eines Menschen zur Erfüllung. Darum gehe an keinem vorüber, der dir offen am Wege steht.

Tritt in jede Türe eines Gartens, die unverschlossen blieb, und hole dir einen Trunk aus dem Paradiese, der dir bis in die Wurzeln deines Wesens zur Labung wird.

Fühlst du, wenn du eintrittst, wie plötzlich dein Herz in dir so seltsam still wird. Wie dein Auge aufleuchtet in tiefer Ergriffenheit und ein Hauch des Friedens über die Unruhe deiner Seele geht?

Und wie alle Farben, alles Duften und Blühen umher zu dir redet, dich halten und locken will zu seiner rührenden Schönheit, zu seiner sanften Stille, zu all den heimlichen Rätseln, die aus seinem scheinbar so strengen Kreise der Einfachheit tausendfach hervorbrechen.

Und schwer wirst du zur Schwelle zurückfinden, wenn du eintratest. Denn jeder Garten hat ein ander Angesicht, in das zu schauen eine tiefe Wonne ist.

Erkennen wirst du auch den, dem er gehört.

Und oftmals wirst du dessen Seele heimlich grüßen und einen Hauch seines Wesens mit fort nehmen, auch wenn du nie sein leiblich Angesicht erblickst.

O ihr ruhenden Gärten der Erde –

Oasen der Erinnerung seid ihr an jenen seligen Garten des Anfangs, in dem alle Schönheit ohne Ende war.

Der Garten, zu dem man wallfahrtet

Die Zahl der Füße sind wohl kaum zu zählen, die über die Schwelle dieses Gartens schritten.

Und ein Meer geheimnisvoller Freuden müßte die Ufer dieses heiligen Gartens umrauschen, wenn all die heimlichen Seligkeiten derer sich zu einem Spiel der Welten verdichten könnten, die je hier die stillen Hoch-Zeiten ihrer Seelen gefeiert.

Wie eine Insel der Seligen liegt er mitten im Herzen der deutschen Lande, und von den Grenzen aller Reiche strömen die Scharen der Wissenden, wie von einem weittragenden Magnete geheimnisvoll gelockt, zu dieser weltfernen Oase des Friedens. Die Wissenden, die wie eine geheime Bruderschaft sich um die Aura des gewaltigen Geistes sammeln, der hier in der leisen Stille des schweigenden Gartens seines Wesens unlöschliche Spur aller Zeiten Dauer aufgeprägt.

Kommst du als Wissender und Liebender über die Schwelle dieser Gartenstille, so werden alle seligen Schauer der Ehrfurcht deine Seele überströmen und du fühlst, wo deine Schritte wandeln, ist heiliges Land.

Ein Geist, der aller Welten Weiten umspannte, der jeder Tiefe Geheimnisse kannte, der jedes Glaubens letzten Grund durchschaute und an den Ufern jeder Liebe landete, dem das Leben ein königlich Reich wissender Erkenntnisse war, ein Geist, in dessen unausschöpfbarer Unendlichkeit aller Weisheit Licht und Leuchten, aller Zonen Duft und Farben, aller Erde Schmerzen und Beglückungen sich zusammenfanden –

Dieses Geistes machtvolle Erinnerung ist wie in eines Tempels Schrein diesem Garten eingebaut.

Du fühlst die Ausstrahlung seiner einzigartigen Harmonien ringsumher in Licht und Schatten seiner stillen Wege. Auf Schritt und Tritt kommt es hier wie ein Rufen zu dir, wie ein Rufen und Halten von all den lockenden Ufern, die du auf den tausend Nachen seines weltumfassenden Geistes mit dem Gruße des Erkennens geschaut.

Und wenn es deiner Seele gegeben, aus der in tausendfache seelische Wirkungen aufgelösten Persönlichkeit das Bild derselben in seiner Ganzheit im tiefsten Sehwinkel deiner selbst zu erfassen – kann es dir geschehen, daß mitten im spielenden Schatten der hochragenden Baumsäulen, einen seligen Augenblick lang der Große dir begegnet, der dieses Gartens kleines Rund mit der Macht seines Wesens bis zum Rande füllte.

Sein strahlendes Auge grüßt dich.

Und alles ihm Verwandte rauscht in dir auf und mengt sich mit der lohenden Leuchte seines flammenden Geistes.

Um solch geheimen Begegnens willen suchen Millionen Füße dieser stillen Wege Spuren, verschwinden alle Fernen, rücken aller Länder Grenzen nahe zusammen, finden sich aller Sprachen wirre Melodien zu dem Orgelton des Geistes hin, der alle Strahlenbrechungen weit auseinander liegender Erkenntniswelten in die Zone seiner Ganzheit sammelte. –

Still und sanft liegt er am Wege dieser seltsame Garten. Umbrandet von der brausenden Pracht des sich weit hinstreckenden Parkes, dem auch aus dieses selben Meisters Hand Plan und Leben kam.

Unzählige Erinnerungen, unendliches Erleben, eine Fülle der Gesichte liegt hier wie eine unzerstörbare Schicht über Wegen und Stegen, über den plaudernden Wellen des silbernen Flußes, der ihn durchströmt. Traumhafte Schönheit breitet sich über seine Höhen und Tiefen, im Schatten seiner wundervollen Bäume, im Duft und Farbenspiel seiner buntleuchtenden Wiesen. Hier bringt der Alltag fort und fort ein wogendes Leben. Neugierige und Müßige, Müde und Wanderfrohe schlingen Tag und Tag den Reigen durch die grüne Unendlichkeit dieses Parkes, in dessen schützender Umarmung das andere kleine Gärtlein in heimlicher Stille und Verborgenheit ruht.

Zu diesem aber wallfahrtet die Gemeinde derer, die sich am kastalischen Quell den Rausch der Seele getrunken und an den tiefen Brunnen der Weisheit ihren Durst gestillt. Und dort und hier kredenzte ihnen dieses Meisters Hand die übervollen Becher der Freude, die ihrem Wesen Licht und Leben gab. Und so fühlen sie sich ihm unzertrennlich verbunden in unversiegbarem Dankesglück.

Und eine treibende Sehnsucht führt diese Liebenden immer wieder zu dieser geheiligten Stätte, da sein Fuß wandelte und sein Geist wie in einem Tempel aller Gottheit die höchsten Schätze des Menschentums mit neuem Wert und neuem Glanze nährte. Ja wie in einem Tempel durchschauert es dich beim Eintritt in diesen raumengen und dennoch so weltweiten Kreis dieses kleinen Gartens, in dem ein König von Geistes Gnaden sich selbst ein heilig Denkmal schuf.

Sieben Stufen führen zu ihm hinan.

Auf der Schwelle grüßt dich das mystische Zeichen des Fünfwinkels und dein zögernder Fuß fühlt die Weihe der Stätte, die du betrittst.

Wie Säulen stehen die hohen Linden. Sie werfen ihr Schattenspiel auf langgestreckte Wege zwischen grünen, ruhenden Matten, Wege wie sie der Schaffende liebt und der Träumende braucht, um ungestört dem gleitenden Fluße seiner Gedanken, dem wirbelnden Spiele seiner bilderbeladenen Seele zu folgen.

Und an allen Ecken der Windrose findest du hier Denkmale aufgerichtet, Altäre heiliger Erinnerungen, geheimnisvolle Beziehungen zu der Fülle des Glückes und den Weihen der Liebe, die das Leben der großen Schaffenden wie ein ewig brandendes Meer umwellen.

An den Wegen, wo jetzt purpurne Disteln wie hohe Kerzen stehen, blühten einst Malven, die mit ihren sanft verschleierten Farben sich mit den leisen Tönen der Dichterharfe mischten und den Frieden der Stille mit der endlosen Melodie mystischer Rhythmen füllten, wie sie den schaffenden Geist auf seinem Fluge zur Höhe begleiten.

Du fühlst dich aufgelöst in Schauen und Lauschen. In Seligkeit gefesselt an das starke Fluid der Persönlichkeit, die diesen Raum füllt und beherrscht. Was dir der Große, der hier lebte, geworden, spürst du hier mit stolzem Danke und grüßest ihn mit deiner Seele, die sich ihm nahe weiß in der Gebundenheit zu seinem Denken und der flugfrohen Freude zu den Weiten, die er dir gab.

Wie verzaubert weilst du lange Stunden in dieses Gartens magischem Kreis.

Dein traumverlorner Geist sucht nach einem Symbol der Materie, um sich zurückzufinden aus den Gefilden fernster Horizonte, zu denen die Manen des Großen dich mit hinreißender Gewalt entführten.

Und siehe – da liegt das kleine Haus, in dem er wohnte.

Ein seltsam steiles Viereck mit der kleinen Fensterreihe hoch oben unter dem jäh aufsteigenden Dach. Von kletterndem Grün umsponnen, steht es in verträumter Geschlossenheit mitten im bebenden Glanze des sommersonnenden Gartens.

Ein Traum mehr zur übrigen Versonnenheit umher, eine Erinnerung mehr in dem seltsam lebenden Bilde, das gewoben ist aus den seelischen Elementen eines längst Gestorbenen und der Liebe derer, die sein nicht vergessen können und das er mit seinem eigenen Wesen so heiß erfüllt hat, daß du Zwiesprache hältst mit ihm, der hier sein überreiches Leben lebte – ein Leben, das nicht sterben kann noch im Tode.

Und deine Seele segnet diesen stillen Winkel, der so voll Traum und Leben ist, so von tiefster Bewegung durchatmet, von heiligster Liebe derer durchglüht, die fort und fort zu ihm wallfahrten und seines Segens voll, zu ihrem eigenen Wege heimkehren.

Kommt dir da der Wunsch zu deinem Herzen, daß nicht der Zeiten Schritt je diese heilige Schwelle zerstörend überschreite –

Und ich höre deine Stimme sagen –

Rührt mir nicht an dieses Hauses Linien,
Ihr zerstörend grausamen Gewalten.
Lasset einmal euren Schritt, ihr Zeiten,
Weg von dieser teuren Schwelle halten.
All der Dank, der wie ein tiefes Beten
Zu der stillen Klause aufgestiegen,
Soll sich wie ein Schutz um seine Mauern legen,
Wie ein Sturm sie wachsam rings umfliegen.
Nicht ein Baum soll je hier traurig sterben,
Und kein Stein vermodern und verderben,
Keine Latte sich am Zaun verschieben,
Und kein Nagel rosten – denn wir lieben,
Lieben – lieben über alles diese Stätte, dieses Haus.

Der seltsame Garten
(Münchener Hofgarten)

Dieser Garten liegt nicht unter denen, die ich euch zeigte. Draußen, mitten in einer großen schönen Stadt ist er zu finden.

Viele Menschen kennen ihn.

Wenn sie hören, was ich von ihm weiß, erkennen sie ihn gewiß.

Er ist die Seele der Stadt.

Und von einer seltsamen Lockung gezogen, strömen Tag um Tag die Scharen der Menschen zu ihm hin.

Er ist nie leer und einsam.

Immer geben pochende Herzen Antwort auf die Geheimnisse, die unter seiner vornehmen Stille ruhen.

Es ist ein Garten.

Und doch keiner.

Klar und übersichtlich sind seine gradlinigen Wege.

Nirgends jene stillen, heimlichen Winkel und dichtlaubigen Verborgenheiten, die eigentlich zu einem Garten gehören.

Die gerade Linie, das Viereck ist sein Symbol.

Und doch wirkt er seltsam bezaubernd.

Wie auf einer Insel der Seligen ruhen hier die Menschen unter dem Schatten des frühlingsduftenden Grüns.

Hier und da ein grelles Blumenbeet mitten im leuchtenden Rasen, dessen weites Rund das Symbol der geraden Linie noch deutlicher macht.

Von früh bis spät wird der Garten nicht leer.

Dort wo unter dem üppigem dichten Gehänge blühender Kastanien unendliche Reihen von Stühlen und Tischen zu Traum und Umschau laden, wird es nicht leer von Kommen und Gehen.

Wie unter einem Bann sitzen sie alle da, die Müden, die Stillen, die Lauten und Ungestümen.

Wie ein hypnotisches Fluidum steht die sonnendurchgoldete grüne Laubdämmerung über ihnen und deckt alle Unruhe und Unrast, alles Suchende und Gequälte, jede Not und jede Sehnsucht, die an dieses goldene Ufer landet mit einer weichen Wolke sanfter Vergessenheit zu. Aufgelöst zu sich selbst, erlöst von sich selbst, losgelöst von Raum und Ding, versinkt Denken und Wollen in dem grüngoldenen Licht, in einer verklingenden Zeitlosigkeit, die Traum und Wirklichkeit – Ferne und Nähe – Jetzt und Dann – dich und die andern in einen Rausch seltsamer Entrücktheit mischt.

Wie ewige Jugend liegt es über diesen Menschen. –

Jugend, die Glut ist und Licht und alle Seligkeit entzündet, die an den tiefen Seen der Seele blüht.

Jugend, die alle Schatten und Finsternisse überwindet, die neben aller Schönheit ihrer Stunde warten.

So im Traum und Rausch versonnen und versponnen sitzen die Menschen Tag um Tag in diesem seltsamen Garten.

Wie auf einer Insel der Seligen.

Draußen ganz dicht und nahe brausen die Wellen der fiebernden Großstadt. Dröhnen die Schläge der Glocken, die Stunde von Stunde scheiden. Rennt, jagt, fährt und saust jedes Tempo jeder möglichen Bewegung, ist die Luft erfüllt von Ziel und Zweck.

Zu den Gestaden dieses seligen Gartens aber dringt nichts davon herein, ob er gleich nur durch weit offene Tore vom Bilde der Straße sich trennt.

Hier ist Vergessenheit und Stille.

Hunderte von Menschen und dennoch kein Lärm.

Träume wandeln auf allen Wegen.

Und die Wellen jeder Sehnsucht brechen sich an den Ufern dieses Meeres von Einsamkeit und Ferne.

Alle Wirklichkeit spricht hier eine neue Sprache. Der große Schwung der Linien, die diesen Garten umgrenzen, scheinen abgelöst von den andern Bauten umher, wie die architektonische Idee an sich im Raume zu stehen.

Das Leuchten der Blüten im schimmernden Rasengrün ist eine Symphonie von Licht und Farbe.

Und die Rhythmen der Musik, die der Mitte des Gartens entstrahlen, sind die tönenden Stimmen all der Sehnsucht, die aus den pochenden Blutwellen der träumenden Herzen umher auf- und niederfluten. –

Und daß dort auf dem breiten Baumgang unter hängendem Goldgrün geräuschlos und ohne jeden Prunk eben ein König über die stillen Wege fährt und mit milder Güte auf all diese bunte Menge blickt – das gehört so ganz zu dem Traumbilde dieses seltsamen Gartens, daß es von niemanden als etwas Besonderes empfunden wird.

Wenige gibt es, die diesen Garten nicht kennen.

Und keiner, der ihn kennt und ihn nicht liebte.

Diesen seltsamen Garten, der aus geraden Linien und hellen geheimnislosen Quadraten eine mystische Perspektive schafft, die aus den Elementen der Stille, des Rausches, der Verlorenheit des Traumes und den schäumenden Wellen der Sehnsucht sich aufbaut zu etwas tief Unvergeßlichem dem, der es mit der Seele schaut.

Der Garten der Kreatur

Ein seltsames Bild gibt dieser Garten deiner Seele zu schauen. Wie eine Vision steht es da mitten im hellwachen Tage.

Unwirklich will es dir scheinen trotz der intensivsten Realität, die dort dir Schauen und Lauschen erfüllt.

Alle Zonen der Erde haben hier ihre Tore geöffnet, und aus ihnen strömt aller Wesen Wesen vor deinen erstaunten Augen zusammen. Aller Kreatur ist hier eine Stätte bereitet.

Und alle Gedanken, die dem Schöpferwillen in der Jahrtausende Fülle sich entrangen, findest du hier in ihrer gewaltigen Stufenleiter des Lebenden vom kleinsten Amphib bis zur grotesken Übergröße tropischer Gebilde zusammengerufen, und wie im Paradiese ruhen sie einträchtig beieinander.

Aller Kreatur ist in diesem Garten eine Heimat bereitet, eine Umwelt gegeben, wie sie jedem einzelnen gerade vonnöten. Wasser und Wiesen, Hochland und Höhlen, Waldesschatten und Sandwüsten sind von Menschenhand hingebreitet und aufgerichtet, um der tausendfachen Vielheit alles Lebenden eine Stätte der Schönheit und des Friedens zu geben.

Und dein Auge schaut ergriffen über die unerhörte Weite der bunten Möglichkeiten des schaffenden Urwillens, und der Erde unendlicher Kreis fügt sich vor deinen Blicken zu einem goldenen Zauberringe, der wie ein Symbol millionenfacher Zeugungsformen dich in einer kurzen Erdenstunde alle weltenweiten Horizonte jahrmillionentiefer Vorgänge des ewigen Werdens und Vergehens überfliegen läßt.

Mit Schauern der Ewigkeit aus der Zeiten Urwelttiefe und der Unendlichkeit ihrer greiflos gewordenen Fernen grüßt es dich aus diesen unzähligen Zeichen des gewaltigen Lebenswillens wie etwas Namenloses, Entschwundenes, das mit rätselhaften Geisterhänden an die Schwelle deiner eigenen Tage rührt.

Durch die ungeheure Menge tausendfacher Bewegtheit all dieser Kreatur umher, die wie ein Chaos von Form und Farbe und Bewegung hier die endlos weiten Räume füllt, zieht es sich wie ein roter Faden zu dir hin, der den schaffenden Urwillen aus den Nächten des Anfangs leise und geheimnisvoll mit den letzten Dingen deines eignen Wesens bindet und dich in seliger Beglückung für einen hauchkurzen Augenblick mit der heiligen Glut jenes gewaltigen Weltwillens erfüllt und dich deines Daseins tiefste Verbundenheit mit aller Kreaturen Sinn und Sein begreifen macht.

Und anders schaust du plötzlich um dich.

Ein Teil von diesem Allen bist du.

Milliarden sind der Zeiten Schritte, die das Urbild der kleinsten dieser Wesen durch der Ewigkeiten Räume trugen, bis es in dir sich zur Vollendung lösen konnte.

Tausendfach sind die Ahnungen aus dieser Zeiten dunklen Hintergründen, die, seltsamen Erinnerungen gleich, sich in deiner Seele Träume grüßen, und alle Liebe zu Tier und Baum und Blume dringt durch dies Erinnern weich und warm wie der Odem der Heimat zu dir her.

Hier in diesem seltsamen Garten fühlst du es angstvoll und jubelnd zugleich, wie feurig und doch linde die Einheit des Seins das All umspannt, daß die Melodien aller Kreatur aus eines Brunnens Tiefe steigen und die überschwängliche Fülle alles Geborenen mit dem Symbol des in sich zurückkehrenden Kreises tief verkettet ist. –

In tiefster Ergriffenheit wandelst du in der bunt und laut bewegten Welt dieses seltsam fremden Gartens, an dessen Ufer alle Fernen der Erde sich grüßen und erkennen.

Des Schauens ist kein Ende zu finden.

Wesen aus tausend Welten blicken dich an aus Millionen Augen, die hier wie kleine Sonnen leuchten.

Jedes hat einen andern Reflex in seinem beweglichen Rund. Von stiller vegetativer Hingegebenheit bis zu feurigster Leidenschaft ist die ganze Skala seelischer Entwicklungen in der sicheren Sprache des Blickes ausgewirkt. Menschlich mutet dich oft die Geste und das Schauen dieser Wesen an; als könntest du leise Zwiesprache mit ihnen halten, als haben sie dir aus tiefen Vergangenheiten geheime Botschaft zu sagen.

Eine Flut von Formen und Farben und Tönen umbrandet dich.

Und alles Gewoge von Menschen, Tier und Pflanzen, das dich umkreist, wächst in deinem Bewußtsein zu der gewaltigen Melodie des Lebens zusammen, die der Weltgeist in geheimnisvoller Fugenweise auf der Harfe seines Willens spielt. –

Da plötzlich tönen von der Rampe her die rauschenden Akkorde einer brausenden Symphonie, die alles Tönen umher, das wilde Brüllen der Löwen und Tiger, das Schreien der Affen, die krächzend heiseren Rufe der bunten Vögel, den seltsam schmerzlichen Laut des Lamas und all die tausend andern großen und kleinen Stimmen der bunt umherverstreuten Kreatur in die Rhythmen ihrer weiten Harmonien aufnimmt, sie auflöst aus ihrer Gebundenheit und von ihrer Schönheit umhüllt, sie in einer jubelnden Fanfare stolzen Triumphes zu den Grenzen des Alls hinträgt, zu denen der Menschengeist aus Drang und Enge sieghaft seine Wege fand. –

Der Menschengeist, der aller Kreaturen Spuren im Ringe seines Wesens trägt.

Der Garten meiner Stadt

Nicht das allein macht meine Stadt so schön, daß sie sich wie von einem stolzen Purpurmantel historischer Erinnerungen umhüllt, im Tale hinbreitet. Daß alle Winkel ihrer alten Straßen, die stolze Burg auf der Höhe, das vornehme Schloß in ihrer Mitte, von einem schillernden Reichtum ohnegleichen zeugen und in die weiten Zeiten ihrer tief in die Geschichte reichenden Vergangenheiten hineinführen.

Auch nicht die bunte Bewegtheit ihres zur neuen Gegenwart aufblühenden Lebens ist das stärkste ihrer vielen Reize. –

Ihre feinste und tiefste Schönheit ist der weite, blühende, grünende Garten, in dem sie eingebettet liegt, von dem sie wie von einem üppigen Kranze unverwelklicher Freude rings umhangen ist.

Der Frühling jauchzt und lacht in berauschender Fülle über diesen Garten hin, erfüllt ihn mit dem Zauber und Glanz seiner sieghaften Herrlichkeit. Der zarte Duft sprossenden Laubes füllt die Luft mit neuem Traum. Ein Blütenmeer ist über Strauch und Baum und Wiesen hingebreitet und der Farben froher Reigen schlingt sich in leuchtender Glut durch das hundertfältige Grün, das von Busch und Baum und Rasen in das helle Blau des Frühlingshimmels springt.

Die Luft ist ein bebendes Meer von Tönen. Ein Ozean von Liebe durchströmt den Raum, der Liebe aller Kreatur, die mit den Wellen des Duftes, der Farben und der Lieder die goldne Harfe des jungen Lichtes erbeben läßt, daß es wie ein klingender Rausch von ihm her über die blühende Erde und über dein lauschendes Herz geht.

Leise wehen der Birken helle Schleier mit dem Spiel der Lüfte, das fallende Wasser der Brunnen mengt seine eintönige Melodie mit dem gewaltigen Rhythmus des Lebens, das neu erwachend, alles Wartende umher mit Lust und Glück und Freude überschäumt.

So wandelst du von Traum und Rausch umfangen durch diesen göttlichen Garten, der schier ohne Ende dich auf dem ganzen Umkreis der Stadt begleitet. Auf die Höhen, die rings zu Tal und Flusse grüßen, steigt er mit dir, führt dich auf tausend heimlichen Pfaden, drängt sich zu lauschigen Wegen zusammen, dehnt sich zu sonnenlachenden Wiesenweiten, dichtet sich zu schattendem Walddunkel und geht mit dir in weitschwingendem Bogen auf allen Schritten und Wegen, die dich um das reiche Bild dieser schönen Stadt führen.

Mit feiner Kunst sind dieses Gartens Linien hingebaut. Aus dem schauenden Traum eines Künstlers wurde diese tönende Symphonie des hundertfachen Grün geboren, das zueinander hingestellt, gegeneinander abgestimmt, ineinander übergehend wie ein Gebild von Meisterhand sich dir im schauenden Empfinden zu tief bewegten Melodien löst.

Eine Unendlichkeit feinster Reize strömen dir aus diesen, von künstlerischer Hand zusammengefaßten Harmonien von Raum und Licht und Farbenwerten, von bewegten Linien und sanften Kurven, von feinhörig aufeinander abgestimmten Dissonanzen und Assonanzen der schier unglaublichen Fülle der einen ewigjungen Farbe des vielfach grünenden Laubes.

Und jede Jahreszeit hat hier ihr neues Bild.

Farben schlafen ein, die jäh wach vorher im Raume standen.

Andere leuchten auf, die vorerst noch schliefen.

Tausend Töne verlieren sich ins Meer der Ferne.

Neue kommen heran und mischen sich mit den weicheren Schatten des reifenden Sonnenlichtes.

Ernster, tiefer und satter werden die Träume umher und in dir. Fruchtbarkeiten und Erfüllungen folgen dem leichtgeschürzten Tanz der Horen, die den Frühlingsreigen führten.

Und alle Noten, die licht und zart gegen die weiche, seidne Bläue des Frühlingshimmels standen, verstärken ihren Ton und Wert und singen eine neue Paraphrase des ewigen Liedes des Lebens, deren Melodie aus den tieferen Brunnen des Seins geschöpft, dir die reifen und schauenden Träume der Erkenntnis gibt. –

Noch einmal dann jauchzt das Leben auf im Jubel der Vollendung. Das Farbenfanal des Herbstes wirft seine Flammen über die, von ihrer Fruchtbarkeit erlösten Natur. Noch einmal bäumt und schäumt sie auf in vollkommener Lust. Eine andere Lust ist es als die lachende, unbeschwerte des ersten Frühlingstaumels – aber eines neuen seltsamen Rausches voll.

Vom berauschenden Glücke der Erfüllung seiner selbst getragen, von dem nahen Leide der Vergänglichkeit wie von einem heiligen Schmerze umspielt, bäumt und schäumt die ungeheure Fülle des Gewordenen sich noch einmal auf zu seiner letzten feinsten und tiefsten Freiheit und reißt alles, was Stimme, Farbe und Ton hat, noch einmal mit sich fort zu einem sinnverwirrenden Chaos gewaltiger Daseinslust und orgiastischer Freude – wie das letzte lohende Firnenglühen der Sonne, eh sie dem Abend in die Arme sinkt.

So feierst du in dieses Gartens weitumfassenden Rund alle Feste der Natur, die ein Symbol deines eigenen Seins und verkettet mit ihm sind; so siehst du dein eigen Blühen und Werden und Steigen und Ermatten in diesen heißen Bildern um dich aufgestellt.

Und es wandeln Tausende so schauend und genießend allzeit durch den herrlichen Garten meiner Stadt, in dessen sanfter Umarmung sie in all ihrer vornehmen Schönheit eingebettet liegt.

Und wer ihn einmal geschaut im Frühlingsglanze, der kann sein nimmermehr vergessen und trägt das Bild in seinem Herzen, wie den Traum eines Künstlers, der zu Leben wurde, um in tausend lebenden Herzen sich wieder in seligen Traum zu wandeln.

Mein eigener Garten

Soll ich von meinem eigenen Garten erzählen –

Ich bin verliebt in ihn – und Verliebten ist nicht zu trauen.

Sie sagen meist zu viel Schönes von dem, das sie lieben.

Aber mein Garten ist so schön, daß, wenn ich tausendmal zu viel sagte, er immer noch schöner ist, als ich sagen kann.

Ja, ich bin verliebt in meinen Garten.

Verliebt in dem höchsten Sinne, daß ich meine Seele an ihn verloren habe.

Aber er gibt sie mir wieder. Tausendfältig gibt er sie mir wieder. –

Ich öffne die Tür am Wege.

Nun kommt mit. Steigt die Stufen zwischen den überhängenden Zweigen der Tannen und Buchen hinauf, in denen die Sommersonne mit goldenen Kugeln spielt und zwischen den dunklen Ästen klettern die roten Glühlampen der Rosen hinauf. So hast du von Schattenspiel und Lichtleuchten und Purpurfarben ein seliges Willkommen schon beim Eintritt in meine Welt.

Der Garten muß uns eine Welt sein, sonst hat er keinen Sinn.

Eine Welt, an die wir uns selbst verlieren, um uns neu und ganz wiederzufinden. Weit laß ihn sein, deinen Garten, wenn es möglich ist. Nicht eng und klein, daß man von hier bis dort seine Grenzen sieht und immer zwischen Anfang und Ende hin und her geworfen wird und nie zu jenem seligen Untertauchen in die Freude kommt, das uns nur die Fülle gibt.

Ach, ich liebe auch den kleinen Garten des Nachbarn und ich wünsche jedem unter uns ein Gärtlein, sei es noch so klein – immer ist's seliger als keines. Aber mein Garten ist weit – weit –

Ins Grenzenlose und Unendliche schaue ich hier, und täglich finde ich ein Neues, Unerwartetes, eine heimliche Freude, ein neues, helles Glück in den vier Winden seiner unerschöpflichen Schönheit.

Ich habe Traurige hineingeführt, und sie wurden getröstet.

Menschen der Freude ließ ich ein, und sie tranken sich göttlichen Rausch an seinem übervollen Becher.

Leidende fanden den Willen zum Leben in ihm wieder.

So kommt und schaut, daß ihr ihn erkennt und liebt mit meiner endlosen Liebe.

Auf den schattenumhangenen Treppen stiegen wir hinauf.

Nun teilen sich die Wege.

Wo nur zuerst hin in diesem Garten ohne Ende. Grenzenlos wie eine selige Unendlichkeit.

Am Abhang, der zur Straße fällt, geht ein lauschiger Weg zwischen blütenduftigen, lachenden Rasenflächen und ernsten, hohen Tannen und Laubbäumen, die einen grünen Wall zum Wege unten hin bauen. Im leuchtenden Rasen stehen viele tragende Fruchtbäume, die ein wenig schwer und nachdenklich ihre Zweige zur Erde senken, sie arbeiten an den süßen Früchten des Herbstes – stören wir ihre Ruhe nicht.

Überall siehst du reinliche, sandbestreute Wege zwischen den großen, weiten Rasenflächen, die voll zarter, wehender Blumen sind, die wie bunte Teppiche, in tausend Farben gestickt, im Sommerwinde schaukeln. Blau, weiß und gelb flatterts drüber hin im sanften Rhythmus schwebender Schmetterlingsflügel.

In der Mitte ein Rund. Das Herz meines Gartens, zu dem alle Schönheit hinlugt, von dem aus du in all seine Geheimnisse schauen, und dich in die Tiefe seiner Welt hineinträumen kannst. Tische und Bänke stehen da. Rot im lichten Sommergrün. Ein Kranz von dunkelroten Geranien säumt das Rund. Kirschen-, Apfel- und Pfirsichbäume geben ihren spielenden Schatten über diesen Platz, von dem das Auge in trunkener Lust in eine schier überwältigende Herrlichkeit schaut. Viele hundert altersschöne Bäume jeder Art und jeden Namens fast, erblickst du von hier an den aufsteigenden Höhen, die den Garten königlich umbauen.

Und hebst du den Blick zur Höhe, siehst du dort hoch über allem die alte, ragende Burg, mit strengen edlen Linien das Bild hundertjähriger Geschichte umfassend, steigt sie in die glasklare, seidenweiche Sommerbläue des Himmels und gibt dem Garten den unsagbar berauschenden Reiz, der uns aus ferner Vergangenheit wie aus altersgoldener Weite anrührt. Und die Hügel, die zu dieser Burg führen, sind umwachsen von den adelsstolzen Reben, deren honigschwerer Saft einst in goldenen Königsbechern und auf stolzen Bischofstafeln seine Feuer und Verzauberungen spielen ließ und noch immer spielen läßt. Auf der anderen Seite ragt über den Hügeln die Kapelle auf; mit ihren runden dunklen Schieferkuppeln, aus denen spitz die Kreuze aufspringen, liegt sie, von meinen hohen Pappeln eingerahmt, wie ein Bild von Künstler Hand vor mein schwelgendes Auge hingestellt.

Und weiter zur Rechten, wenn du im Garten umschaust, liegt eine Waldhütte von Birkengeländer umhegt, hohe Tannen stehen stille Wacht davor, Akazien und Hollunder breiten weithin ihre Zweige vor ihr her und die weißen bräutlichen Blüten des Jasmins verhängen und mengen sich mit dem dunklen Tannengezweig und gießen ihren schweren Duft auf die Wege, die zu diesem stillen Winkel führen. Zur Linken sind gar viele Plätze da, die zur Ruhe und Beschaulichkeit laden. Tief eingeschnitten in einer Taxushecke kannst du sitzen und den silbernen Glockenklängen lauschen, die von der Kapelle alle Stunden den Berg herabrieseln. Unter den rätselhaften Mispelzweigen, die sich weit und schallend über eine Bank breiten, kannst du seltsame Träume erhaschen.

In allen Winkel blüht und duftet es. Ströme von Licht fallen von den Bäumen nieder, die ihren Namen von diesem goldenen Regen haben. Und purpurn und violett und weiß gießt der Flieder seinen Sommerrausch über deine Seele. Der Rotdornbaum ist von tausend rosigen Büschen übersät und blühende Ligusterhecken stehen wie weiße Mauern inmitten der tiefgrünen Rasenflächen. Himbeerrot leuchten die schweren Dolden der Weigelienbüsche. Birken wehen ihre grünen Schleier im linden Winde, der von den Wäldern her reine wohlige Luft bringt.

Im Hintergrunde leuchten rotbeerige Sträucher.

Ein weites Rund glüht von Erdbeerfrüchten und Rosen, und beider Düfte mischen sich zu einem Ton, der wie bebender Harfenklang über deine Sinne geht.

Ist das nicht Fülle und Überschwang. –

Und noch bist du nicht am Ende meines Gartens.

Sieh dort das wundervolle, große Steinbecken in dreiteiligem Rund barock gefaßt, wie der Märchenbrunnen aus Kinderland liegt er kühl unter den hügelansteigenden Bäumen, die ihn mit ihrem Laub geheimnisvoll umhängen. Maigrüne Weiden und silberstämmige Birken suchen ihr Bild in seinem dunklen Wasser, blühendes Gaisblattgewinde hängt in wehenden Guirlanden von den Bäumen nieder, gelbe Schwertlilien stehen wie goldene Kerzen um ihn her, und aus dem dunklen, ruhenden Wasser steigen in silbernen Mondnächten der Froschkönig und die Prinzessin die Stufen hinauf, die zu seinem Grunde führen.

Hier kannst du dem Märchenzauber lauschen, der seit Jahrtausenden die Nächte träumender Gärten durchwandelt. Dem Zauber ewiger Jugend, der alt ist wie die Ewigkeit des Lebens und ewig jung wie die neugeborene Stunde des Tages.

Hast du dir Rausch genug getrunken an meinem Garten?

Und glaubst nun all seine Herrlichkeit zu kennen!

Siehe aber, noch ist kein Ende.

Mehr noch wartet dein.

Steig hinauf zur Höhe. Vier Stufenwege führen hinan. Durch dichte Laubwege führen sie, von Bäumen fast aller Namen dicht umstanden. Den Abhang hinunter fließt ein grüner Sammtteppich, von blühendem Gekräut bunt durchwirkt.

Auf schmalen, tief verschatteten Wegen wandelst du in traumhaft süßer Stille, nichts stört dir dein Lauschen und Denken, weit weg von den kleinen Dingen des Alltags bringt diese Unendlichkeit der Stille umher die Höhen und Tiefen des Tages zu dir, und du verlierst dich an jenes selige Schauen, aus dem alle Erkenntnisse blühen.

Der eine der Stufenwege führt zu einem einsamen Tempel, der auf einer schönen, alten Mauer steht, eine Mauer, die roh von Steinen aufgetürmt, wie von Kyklopenfaust geworfen, stark und trotzig zur obersten Terrasse aufsteigt. Vom Tempel fällt ein dichter Vorhang üppiger Efeuranken über das Gestein und gibt ihm eine malerische Bewegtheit und ernste Anmut.

Weiter entlang führt ein anderer Aufstieg wieder auf engem laubdichten Pfade zu einem Ruheplatz, der dir einen Ausruf der Freude entlockt.

Unter einem hohen, alten, weit um sich greifenden Nußbaum steht eine Bank auf erhöhten Stufen, um den mächtigen Stamm des Baumes ist ein Tisch gezimmert. Im Schatten dieses Baumes an einem heißen Sommertage zu sitzen, ist eine unaussprechliche Entzückung. Ein Geländer von dünnen Birkenzweigen schließt den zur untersten Terrasse fallenden Abhang ab, ein wildes Gewirr hängender Waldrebe spinnt zwischen Baum und Busch und um das Geländer hin. Und durch dieses Meer sonnenflimmernden Blättergeriesels siehst du auf ein Bild unendlicher Schönheit.

Hingelagert auf weinumsponnener Höhe breit und wuchtig ausladend, siehst du hier wieder die alte Heidenburg meiner Stadt, wo Frankenherzöge in frühesten Jahrhunderten hausten, Bischöfe ihren heiligen Sitz hatten.

Auf der Ebene des Berges ist die Burg stark und edel hingebaut, mit Zinnen und Türmen, die sich gegen die Bläue des Himmels mit wundervollen, breit ausladenden Mauerprofilen abheben, die den Berg hinab zum Tal hin in scharfen Stufenlinien die Luft durchschneiden.

Zu dieser Burg hinauf geht dein Blick, wo du auch gehst und stehst im Garten und ihre alte, ehrwürdige Pracht steht wie eine königliche Krone über der stillen Schönheit meines Gartens.

Und von diesem geheimnisvoll schönen Platze wandle ich weiter durch blühendes, duftendes Strauchwerk, unter blütenschweren Bäumen durch kühle Schattengänge hin. Einige Stufen führen zur obersten Terasse. Auch da üppigblühende Bäume und Gesträuch. Unter wehendem Birken- und Weidengezweig wartet wieder eine Bank auf dich zum Stillsein und Schauen. Ein schönes Steinbecken in spielender Rokokofassung, von hohen Schwertlilien, purpurnem Fliedergebüsch und schwerhängendem Goldregen eingeschlossen, liegt in ruhendem Stimmungszauber eingebettet; in seinem dunklen Wasser baden meine Singvögel und fliegen dann froh in die blaue Ferne und nehmen ein Stück meiner Seligkeit auf ihren Flügeln mit und in ihren Liedern bringen sie diese Seligkeit zu den andern Herzen, die in andern Gärten wandeln und auf die Stimmen der Freude lauschen. –

Und wieder ein Weg zur Höhe führt zu meinem Teehäuschen. Ein liebes, weinumranktes Häuschen. Tannen stehen rechts und links neben drei runden Stufen, die zu seiner Türe führen.

Und innen –

O da ist gar traulich und einladend zu einem guten Zusammensein mit lieben Menschen.

Die eine der Wände besteht aus lauter Fenstern, durch die du ein Meer von Blättergrün und hängendem Goldregen schaust, der ganze Raum ist davon grüngolden durchdämmert. In allen Ecken und Winkeln laden Bänke, Stühle, und Tische zu Ruhen und Plaudern wenn Freunde da, zu stiller Verlorenheit an die unsägliche Fülle und Stille umher, wenn du einsam hier bei dir selbst bist.

Trittst du aus der grünen Dämmerung dieser kleinen Klause vor die Türe, hast du ein Bild vor dir, das noch jedem, der es zum erstenmale erblickte, einen Ruf seligster Überraschung und Entzückung entlockte.

Über die kleine, von einem Birkenzweiggeländer abgeschlossene und blumenumstandene Terasse siehst du hier über das wogende Grün unzähliger Baumgipfel hinweg zu meiner Stadt hin, die im Tale des silbernen Flusses, von weichlinigen, sanften Hügeln umschlossen, mit ihren vielen, vielen Kirchtürmen hingelagert, dir ein Bild unvergeßlicher Lieblichkeit in die Seele senkt, sonderlich wenn du das Glück hast, es im fallenden Abendscheine zu erschauen. Dann liegt diese prachtvolle vornehme Stadt wie umleuchtet von einem seltsamen Licht, das in seiner mystischen Goldung in alle Tiefen der weiten Zeiten zu schauen scheint, aus welchen diese altersschöne Stadt zu uns hergewachsen ist.

Und im sinkenden Abendscheine fängt die Luft plötzlich an zu klingen und zu singen. Ein Kranz feierlicher Töne senkt sich über Hügel, Fluß und Gelände. Es ist das große Aveläuten von all den ragenden Türmen, die dem Bilde meiner Stadt die starken Linien geben. Und diese Töne gehen zwischen Tal und Höhen, über Fluß und Straßen, über alle lauschenden Seelen hin und binden alles Geborene in einem heiligen Frieden zusammen.

Und in der Morgenfrühe liegt ein wunderbares Leuchten über diesem Bilde, ein starkes, junges Leuchten, das dem erwachenden Leben seine Wege weist und in alle Fernen dringt und die begrenzte Enge der Stadt zu weiten Horizonten öffnet.

Kaum kannst du dich trennen von diesem Blick in die köstliche Fülle umher.

Und doch muß ich dich noch weiterführen.

Noch mehr gibt es zu schauen und zu lieben in diesem schier unausschöpfbar schönen Garten.

Folge mir zurück zu dem herrlichen Lugaus, zurück zu dem schmalen Laubgang, durch das vielerlei Grün der Bäume, die rechts und links den Weg dicht umstehen, am Vogelbade vorüber bis da, wo die grünen Schatten ein Ende haben und auf der obersten Höhe des Gartens eine weite, lachende Wiese vor dir liegt.

O diese Wiese –

Ich glaube, sie ist mein Lieblingsplatz.

Im Hintergrunde ist sie von einer dichten Waldparzelle begrenzt, alte, ernste Bäume ragen von der Böschung auf, die hier zur unteren Terasse abfällt, zwischen dem dunklen Gehänge einiger Riesentannen steht eine Bank aus Astwerk, vom kletternden Grün der Waldrebe umflochten, da sitzest du tief im Versteck wie unter schweren Vorhängen und schaust mitten in die lachende Wiese, die auf stark ansteigender Bodenwelle hinauf zu dem Zaune des Gartens klettert.

Hinter dem Zaune ist die Straße, die zwischen Gärten und kleinen Landhäuschen immer bergan zum Gipfel der Hügel dieser Stadtseite führt.

Und so blickt mein Auge von diesem Platz über den Zaun hinaus in ein weites, wogendes, grünes Meer leiser im Winde spielender Laubmassen, die sich dicht und wohlig in die tiefe, sanfte Bläue des Sommerhimmels einschmiegen.

Und die Wiese selbst.

All das bunte Blühen in der schaukelnden Lust der spielenden Lüfte. Der berauschende Duft, der darüber weht. Das schimmernde Silber und Gold des wechselnden Lichtes. Das schwebende Tanzspiel der zarten Falterschwingen über dem wiegenden Farbengewoge. Bienen summen ihr trunkenes Lied und naschen aus all den offenen Bechern der Lust.

Dein Herz ist von trunkener Freude wie ein übervoller Brunnen, bis in seine letzten Tiefen fühlst du eine selige Ergriffenheit, in der du dich eins weißt mit dem ewigen All des Seins. –

Ich weiß nicht, wann mein Garten am schönsten ist.

Im Frühling, wenn der leuchtende Schaum der Baumblüte gegen den blauen Himmel lacht und das junge Laubgrün in der Sonne durchsichtig und golden wird, die ersten Veilchen aus verborgenen Winkeln aufbrechen, ihre keuschen, berauschenden Düfte dir wie ein Lied goldener Erinnerungen an das Herz rühren und neue, junge Träume auf allen Wegen dir entgegenkommen – o dann ist er unglaublich herrlich in seiner klingenden Lust und seiner heimlichen Süße, umtönt von den jauchzenden Liebesliedern, die zwischen Baum und Gesträuch auf und niederfliegen.

Und im Sommer –

Da strömt es in ihm von Duft und Farben, von Schatten und Licht, von Fruchtbarkeit und seliger Daseinsfülle. Dein Auge reicht nicht aus für die Millionen Leben, die hier zwischen Himmel und Erde atmen, blühen und wachsen, vom glitzernden Sandkorn am Boden bis zu den stolzen Tannen, die ihre hohen Spitzen in das tiefe sommerliche Blaugold des Himmels bohren.

Und das Flammenmeer des Herbstes.

Das lodernde Rotgelb auf Baum und Gesträuch, die wie lohende Opferschalen stehen und sich selbst verzehrend ihre letzte Schönheit dem scheidenden Sonnengotte hingeben; all die Glut, die sie von ihm nahmen, ihm wiedergeben im Scheidegruße ihrer sterbenden Seelen. –

Dann kommt das weiße Schweigen.

Der lange, tiefe Schlaf.

Alle Schönheit nahm die Sonne zurück.

Nun hat die Tiefe der Erde die Geheimnisse des Gartens zu hüten. –

Und wenn ich dich nun noch etwas weiter geleite, da wo meine lachende Wiese endet und um eine Biegung herum wir an einem kleinen Feldstück mit rankenden Bohnen und Erbsengeblühe vorüber, immer von den dichten Waldbäumen begleitet, endlich wieder zu den unteren Terrassen absteigen und dann plötzlich am grünumhangenen Treppengange sind, der zu der Türe meines Gartens führt – dann bleibst du noch einen Augenblick stehen, geblendet von dem flutenden Golde der sinkenden Sonne, das durch das dunkle Tannengezweig gleitet und dicht wie ein Gemälde der großen alten Meister mit Schauern der Ehrfurcht dich überschüttet.

Ich öffne noch nicht die Türe.

Ruhe noch einen Augenblick aus von allem Erlebten.

Denn vollendete Schönheit ist ein Erlebnis.

Und nun kennst du mein Königreich.

Und weißt, daß ich, trotzdem ich ein Verliebter bin, nicht zu viel von ihm sagte.

Du ahnst vielleicht sogar, daß es noch zu wenig war.

Daß da, wie in einem Briefe der Liebe, noch tausend köstliche Dinge zwischen den Zeilen stehen, die so zart und heimlich sind, daß man sie nicht in den Ring der Worte einfangen kann.

Aber in die Melodie des Liedes lösen sich all diese köstlichen Heimlichkeiten süß und linde auf.

Und so wirst du begreifen, daß alles Unaussprechliche meines Gartens zu seligen Liedern wurde, die alles Letzte, Tiefste und Süßeste ausschöpfen zu einem singenden Reigen seligen Glückes. Ich lege dir diese Lieder in deine Hände, in dein Herz.

Werde froh daran und reich – reich an jener zugleich traurigen und beglückenden Sehnsucht, die uns zu den Ufern der Erfüllung trägt.

An der Sehnsucht zu einem Garten, der irgendwo schon dir blüht und duftet und dir dein heimlich Königreich werden will.

Diese selig traurige und dennoch beglückende Sehnsucht will ich in deine Seele pflanzen mit meinen Liedern, die in meinem Garten blühten.