Doch dabei verwickelte ich mich mit einem Fuße in das Kleid einer anderen Tänzerin, strauchelte und würde Margarethe um ein Haar mit mir zu Boden gerissen haben, hätte nicht Theodor, der, weiß Gott wie, in diesem Augenblicke neben uns auftauchte, sie aufgefangen, wobei er mir einen Blick zuwarf – einen Blick so voll lächelnder, fröhlicher Geringschätzung, daß ich mich völlig vernichtet fühlte.
Mit einer Empfindung, als wollte ich unter den Boden versinken, stotterte ich vor Margarethe meine Entschuldigung. Sie tröstete mich gütig, indem sie meinte, solch ein Malheur passire allzu leicht. Ich aber fühlte mich vor Margarethe und Theodor schmählich blamirt und dachte im Stillen, ob dies etwa eine Vorbedeutung wäre, daß ich mich vor den Beiden auch in meinem Rettungswerke blamiren sollte?
Unbemerkt drückte ich mich aus dem Salon, denn ich schämte mich meiner Niederlage viel zu sehr, um eine der Damen, die sie ja alle gesehen, noch zum Tanze aufzufordern. Ich zog es vor, im Speisezimmer, wo das Buffet aufgestellt war, eine Cigarre zu rauchen und das schmerzliche Gefühl meiner Demüthigung mit ein paar Gläsern Rheinwein hinabzuspülen.
Zwischen dem Speisezimmer und dem Salon, in dem getanzt wurde, lag ein zweiter, etwas kleinerer Salon mit einem Altan nach dem Garten. Die Verbindungsthür dieses Gemaches mit dem Tanzsaale war entfernt worden, und manches der tanzenden Paare benützte diesen Raum, um seine Touren zu verlängern.
Die Nacht war milde; ich trat auf den Balcon, dessen Glasthür offen stand, und labte mich an der freien, frischen, vom balsamischen Duft zahlloser Rosen und blühender Nachtschatten gewürzten Luft. In stillem, erhabenem Frieden lag die schlummernde Natur vor mir ausgebreitet; die Sterne glänzten über meinem Haupte, ein leises Wehen flüsterte durch das Laub der Bäume, und mir ward zu Muthe, als ob eine weiche, schmeichelnde Hand allen Groll, alle Verstimmung, alle Kränkung meiner tiefsten Gefühle, welche die Eindrücke des heutigen Tages in meinem Inneren hervorgerufen, hinwegstreichelte, und wohlige Ruhe zog in meine Seele. Die Musik, die aus dem Saale zu mir herübertönte, das gedämpfte Geräusch der Tanzenden, das Schleifen der Schritte, das Murmeln der entfernten Stimmen störte mich nicht, es erhöhte noch die Empfindung des stillen, wonnigen Friedens, der sich wie ein süßer Traum über mein innerstes Wesen breitete.
Der Laut eines munteren Lachens weckte mich plötzlich aus meinen Träumereien. Ich brauchte mich nicht umzusehen, um zu wissen, wer es sei, der wenige Schritte vor mir an der offenen Thür stand. Ich kannte dieses silberhelle, perlende Lachen. Nur Margarethe lachte so.
Und jetzt ließ sich auch Theodor's schmelzender Bariton vernehmen:
»Nein, noch gebe ich Sie nicht frei! Warum wollen Sie grausam mir die köstlichen Minuten kürzen, da ich Sie in meinen Armen halten, Ihr Herz an dem meinen pochen fühlen darf! Solchen Augenblick, zu dem ich wie Faust spreche: Verweile doch, Du bist so schön!«
»Wunderbar gesprochen!« scherzte Margarethe. »Doch sagen Sie mir ehrlich, ist es zählbar, auf wie viel Bällen, wie vielen Damen Sie diese Tirade schon wiederholt haben?«
»Es scheint Ihnen Vergnügen zu gewähren, mich zu quälen,« flötete Theodor. »Sie müssen doch erkennen, daß es nur widerwillig geschieht, wenn ich meine Huldigungen scheinbar Anderen zuwende, daß ich dieses Opfer nur zu dem Zwecke bringe, um meine wahren Empfindungen zu verbergen.«
Weiter hörte ich nichts mehr. Die unfreiwillig Belauschten hatten wieder in den Saal zurück getanzt.
Bald darauf ging die Gesellschaft auseinander. Einige der Gäste kehrten nach ihren benachbarten Landsitzen heim, andere fuhren nach der Bahnstation, um nach der Hauptstadt zurückzukehren. Theodor und ich begaben uns auf unsere Zimmer.
»Nun, hast Du Dich von Deiner Niederlage schon erholt? Keine Beulen davongetragen? Du trägst ja eine Jammermiene zur Schau, als ob Du große Schmerzen fühltest?« spottete Theodor, nachdem der uns führende Diener sich entfernt hatte.
»Immer noch besser, eine Jammermiene, als die Rolle eines Polichinells,« versetzte ich gereizt.
»Ah – wen meinst Du mit dem Polichinell?« frug Theodor sanft, während er sich seiner Handschuhe und Halsbinde entledigte.
»Niemand Anderen als Dich,« antwortete ich, an der offenen Thür meines Zimmers stehend.
»Ei wirklich, und warum denn das?«
»Darum, weil ich es für einen Mann lächerlich finde, wie ein kokettes Salondämchen keinen anderen Ehrgeiz zu kennen, als den, Eroberungen zu machen.«
»So, so! Nun, wenn es Dich lächert, zu sehen, daß die Damen sich mit mir lebhafter unterhalten und lieber tanzen als mit Anderen, so will ich Dir das Vergnügen nicht wehren, Dich über diesen Anblick zu belustigen. Uebrigens kenne ich ein altes Sprichwort: Wer zuletzt lacht und so weiter.«
»Wer zuletzt lacht,« wiederholte ich. »Wer dies sein wird, muß sich erst zeigen.«
Ich war in mein Zimmer gegangen. Einige Minuten später – Theodor kroch gerade unter die Decke – trat ich wieder unter die Thür.
»Ich habe mich vorhin schlecht ausgedrückt,« begann ich neuerdings. »Nicht nur lächerlich, unrecht finde ich es, seine persönlichen Vorzüge dazu auszunützen, zur Befriedigung seiner Eitelkeit den Frieden und das Glück der Menschen zu zerstören.«
Theodor erhob sich ein wenig. Den Ellbogen auf das Kopfkissen, das Kinn in die hohle Hand gestützt, sah er mich lächelnd an.
»Lieber Freund,« sagte er nach einer kleinen Weile, »Du hast entschieden Deinen Beruf verfehlt. Du hättest Mönch werden sollen, um von der Kanzel herab gegen die Verderbtheit der Welt zu donnern. Wer sagt Dir denn, daß ich dem Frieden und dem Glücke der Menschen Eintrag thue? Man unterhält sich, man – nun, man liebäugelt ein wenig und man trennt sich wieder, ohne Gram und Kummer. Und bedenke auch, daß Du selbst es bist, der mich dazu herausgefordert hat, in Betreff dieser Frau, um deren Herzensruhe Du jetzt so besorgt zu sein scheinst, die Stichhältigkeit Deiner Theorien meinen Ueberzeugungen gegenüber auf die Probe zu stellen. Entweder – oder. Ein drittes giebt es nicht. Entweder Deine Anschauungen sind die richtigen, dann ist ja doch für sie keine Gefahr vorhanden; ihre Treu erweist sich als echt, meine Ansichten finden Widerlegung. Oder die letzteren bestätigen sich: dann ist das Unglück auch nicht gar so groß. Denn die Wahrung einer Treue, die nur ein Werk des Zufalles – ist wahrlich von keinem großen Werthe. Uebrigens verspreche ich Dir, daß ich, wenn es mir nicht gelingt, binnen der drei Tage meiner Anwesenheit hier – denn in drei Tagen muß ich wieder zu Hause eintreffen – von Margarethens holden Lippen das Geständniß ihrer Liebe zu hören, die Feuerprobe nicht länger fortsetze und mich vor Dir feierlich als besiegt erkläre. Bist Du nun zufrieden?«
Ich zögerte nicht, mich einverstanden zu erklären. Theodor's Hoffnungen für eitle Vermessenheit haltend, glaubte ich, davon überzeugt sein zu dürfen, daß es dem selbstgefälligen Gecken niemals, zum mindesten aber nicht binnen einer so kurzen Frist, gelingen werde, Margarethens Herz in Banden zu schlagen und ihr ein Liebesgeständniß zu entreißen. Ja, ich freute mich im voraus der heilsamen Lection, welche Theodor's Eitelkeit zutheil werden, des Widerstandes, der dem »Unwiderstehlichen« doch endlich entgegengesetzt werden sollte.
Völlig beruhigt schlief ich ein – um am anderen Tage, als ich die Beiden wieder beisammen sah, dennoch wieder von neuen Zweifeln gequält zu werden. Es schien mir, als sähe ich aus den zwischen ihnen verstohlen getauschten Blicken zarte Fäden sich hin und wieder spinnen, die sich zu einem dichten Netze verschlangen. Kein Wort wurde, wenigstens in meinem Beisein – und ich verließ sie selten – von ihnen gewechselt, das nicht auch zu jedem Anderen gesprochen werden könnte, und dennoch glaubte ich aus dem Klange der Stimme, womit alles gesagt wurde, einen ganz besonderen Ton herauszuhören, einen Ton, der beileibe nicht derselbe war, als wenn sie ihre Rede an Andere richteten, und der meine peinvolle Sorge von Stunde zu Stunde steigerte. Ich versuchte es wohl, mich mit dem Gedanken zu beruhigen, es sei unmöglich, daß Margarethen an der Seite eines von ihr geliebten Gatten, der – in meinen Augen wenigstens – weit liebenswerthere Herzens- und Geisteseigenschaften besaß als Theodor, dessen Verführungskünste sollten gefährlich werden. Dann aber fiel mir wieder ein, welch große Macht dem Reiz des Wechsels gegeben sei. Es gehört zu den schmerzlichsten Geheimnissen der Liebe, wie es manchen Menschen möglich ist, in der Vereinigung mit den ausgezeichnetsten Wesen, welchen sich ihr Herz in tiefster Neigung erschlossen hatte – bloß durch den Reiz der Abwechslung verlockt – sich wieder einem Anderen zuzuwenden. Sonst wäre es nicht möglich, daß, wie so viele Beispiele zeigen, die liebenswürdigsten, edelsten Männer und Frauen oftmals um der schalsten Persönlichkeiten willen, die den Vergleich mit jenen in keiner Weise auszuhalten vermögen, betrogen werden.
So von den widersprechendsten Gefühlen hin und her bewegt, bald von heiterer Zuversicht gehoben, bald gedrückt von quälender Sorge, verbrachte ich die nächsten beiden Tage in denkbar unbehaglichster Gemüthsstimmung. Unsere Gastfreunde boten alles auf, um uns Vergnügungen zu bereiten. Ausflüge zu Fuß und zu Wagen, Kahnfahrten auf dem nahen Flusse, Pistolenschießen, Musik oder ein Spielchen des Abends, dazu bei den von heiterster Laune der Theilnehmer gewürzten Mahlzeiten das Beste, was Küche und Keller zu bieten vermögen – ein solches Leben hätte das Gemüth des düstersten Griesgrams aufheitern müssen. Ich aber konnte nicht froh werden. Auf jedes Wort, jeden Blick, auf jede Miene und Bewegung Margarethens und Theodor's lauernd, war mir alle Freude verdorben. Am meisten mußte ich mich über Arthur ärgern. War er denn mit Blindheit geschlagen, daß er es nicht wahrnahm, mit welch verwegener Unverfrorenheit Theodor seiner Frau den Hof machte und mit welcher Befriedigung sie es sich gefallen ließ? So gut wie ich mußte doch auch er es bemerken, wie Theodor's Hand jene Margarethens drückte, wenn er ihr beim Scheibenschießen die für sie geladene Pistole reichte; wie sein Arm ihre Schultern streifte, wenn er die Fröstelnde in den wärmenden Shawl einhüllte; wie sein Knie das ihrige berührte, wenn er ihr gegenüber im Wagen saß, und welche Blicke sie tauschten, wenn sie sich unbeachtet wähnten.
Aber Arthur schien von allem nichts zu sehen. Ja, manchmal däuchte es mir geradezu, als ob seine stets frohgemuthe Laune um so fröhlicher würde, je kühner Theodor's seiner Frau dargebrachten Huldigungen sich äußerten.
In völlige Verblüffung versetzte es mich, als unser Wirth am Abend des zweiten Tages uns mittheilte, daß er eines Brandes wegen, durch den eine zu seiner Besitzung gehörende Sägemühle zerstört worden, behufs Besichtigung des Schadens und zu treffender Anordnungen hinsichtlich des Neubaues, sich am folgenden Morgen an Ort und Stelle begeben und nicht vor Abend zurückkehren werde.
Das fehlte gerade noch, die Beiden einen ganzen Tag allein zu lassen – denn meiner unbequemen Nähe würden sie sich, wenn es ihnen so genehm, wohl zu entziehen wissen.
Ich versuchte es, Arthur zu einem Aufschub seiner geschäftlichen Excursion zu bestimmen. Ich bat ihn, dieselbe am zweitnächsten Tage anzutreten, an welchem Theodor und ich nach der Hauptstadt zurückkehren würden. Arthur meinte aber, daß dies gerade der Grund sei, warum er die Ordnung dieser Angelegenheit nicht verzögern wolle, denn so lange wir hier seien, wisse er, daß seine Margarethe sich nicht langweilen würde, und trotz meiner verschiedensten Einwendungen blieb er bei seinem Entschlusse.
Theodor strahlte und auch in Margarethens Augen blitzte ein Freudenschimmer, der mich fast rasend machte vor Grimm, und ich beschloß, meine letzte Karte auszuspielen, um Arthur von seinem Vorhaben zurückzuhalten.
Nach dem Thee, während Margarethe uns einige Lieder sang, zu welchen sie Theodor, wie gewöhnlich auf dem Clavier begleitete, brach ich die Gelegenheit vom Zaune, um meinem Freunde, mit Ausnahme des auf Margarethe bezüglichen Details, mein ganzes mit Theodor während der Bahnfahrt geführtes Gespräch zu erzählen. Mit wahrer Wonne verbreitete ich mich über die eines Don Juan's würdigen Anschauungen des »Unwiderstehlichen« über Liebe und Treue und entblödete mich nicht, auch seines, wie er behauptete, aus seinen intimen Erfahrungen geschöpften Wahl- und Wahrspruches: Veni, vidi, vici! Erwähnung zu thun. Wer beschreibt jedoch meine Fassungslosigkeit, als ich sah, daß auch dieses Mittel nicht verfing!
Mit ruhigem Lächeln hörte Arthur mir zu, und als ich schwieg, sagte er ganz unbefangen:
»Ja, ja, ich kenne das. Solche Ansichten sind bei den Männern gang und gäbe, namentlich bei den Junggesellen.«
Ich war wie vor den Kopf geschlagen und starrte ihn an, als hätte er plötzlich angefangen, chaldäisch zu sprechen. Auch muß ich in meinem grenzenlosen Staunen ein etwas dummes Gesicht gemacht haben, denn er lachte geradezu, als er mich ansah. Ich wurde so erbittert über ihn, daß ich ihm sicherlich etwas Grobes gesagt hätte, wenn nicht in diesem Augenblicke ein von Margarethe vorgetragenes Gounod'sches Lied beendigt und sie zu uns herangetreten wäre, wodurch unser Gespräch abgeschnitten war.
So zwang ich mich denn, gegen Margarethe gewendet, zu ein paar artigen Floskeln über ihren Gesang – von dem ich diesmal freilich wenig gehört hatte – während ich innerlich Arthur mit Molière apostrophirte: Tu l'as voulu, George Dandin! Am anderen Morgen, als Arthur, seinem Vorhaben gemäß, fort fuhr, stand Margarethe, so zeitlich früh es auch war, am Wagen, um ihm Adieu zu sagen. Am offenen Fenster stehend, sah ich, wie sie sich zärtlich umarmten und küßten und hörte Margarethe sagen:
»Also pünktlich, Arthur, keine Verspätung!«
»Pünktlich, wie eine Sonnenuhr!« rief er zurück, während er lachend in den Wagen sprang.
Ich aber dachte: »Sei Du nur pünktlich, mein Lieber, so pünktlich kannst Du doch nicht sein, um Deinem Unheil zuvorzukommen, dem Du kopfüber entgegen rennst!«
Der Vormittag verging wie die anderen, ohne daß etwas Besonderes vorfiel. Nur glaubte ich an Theodor sowohl wie an Margarethe eine gewisse nervöse Unruhe zu bemerken, als ob sie irgend etwas mit Spannung erwarteten.
Bei Tische – das Dessert war eben aufgetragen worden – griff Theodor nach seinem mit edlem Wein gefüllten Glase und es emporhaltend, sprach er zu Margarethe gewendet:
»Es verstößt zwar gegen die gute Lebensart, sich selbst zum Hauptgegenstande des Gespräches zu machen. Dennoch kann ich es mir nicht versagen, zu bemerken, daß ich heute mein Geburtsfest feiere. Gestatten Sie mir, gnädige Frau, mein Glas auf Ihr Wohl zu leeren, indem ich Ihrer Güte und Ihrer liebenswürdigen Einladung, in Ihrem Hause zu weilen, es danke, daß der heutige sich zu dem schönsten und reizvollsten Geburtstag meines Lebens gestaltet.«
Margarethe schlug sich in die Hände.
»Ihr Geburtstag ist heute!« rief sie heiter. »Das trifft sich ja köstlich! Schade, daß Sie es nicht früher gesagt, dann hätten wir ein kleines Fest veranstaltet. Never mind, noch ist es ja nicht zu spät dazu.«
Ein schelmisches Lächeln flog über ihr Gesicht. Sie erhob ihr Glas und die Becher klangen aneinander.
Mich aber faßte es wie ein Taumel. Indem ich mit dem Rande meines Glases dasjenige Margarethens berührte, rief ich lustig:
»Evviva, Theodor! Ein Hoch dem Unwiderstehlichen und seiner Siegesbahn!«
Theodor blickte mich betroffen an. Margarethe lachte.
»Das gilt nicht,« rief sie. »Darauf stoße ich nicht an.«
»Mein Freund hat sich falsch ausgedrückt,« fiel Theodor ein. »Manche Spötter geben mir allerdings diesen Namen. Dies beruht jedoch auf einer Verwechslung der Begriffe. Kein einzelner Mensch ist unwiderstehlich, nur die siegreiche Allmacht der Liebe ist es. Wollen Sie auf die Macht der Liebe trinken, gnädige Frau?«
Während Theodor sprach, hatte Margarethe den Blick gesenkt. Jetzt sah sie wieder auf.
»Es lebe die Liebe!« sagte sie.
Nochmals erklangen die Gläser und Theodor's und Margarethens Blicke begegneten sich in stummer und doch beredter Sprache.
Nach Tische zog Margarethe sich für kurze Zeit zurück, um, wie sie mir zuflüsterte, für Theodor's Geburtstag eine kleine Ueberraschung vorzubereiten.
»Du wolltest mir mit Deinem Toast eine kleine Grube graben,« sagte Theodor, als Margarethe uns verlassen hatte. »Ich fürchte jedoch, daß sich wieder einmal das Sprichwort von solchem Gebaren bewähren werde. Nicht ich werde es sein, der hineinstürzt. Deine Theorien werden mit einem großen Plumps hineinfallen.«
»Morgen geht die Frist zu Ende,« versetzte ich.
»Allerdings. Aber zweifelst Du wirklich noch daran, daß meine Anschauungen Recht erhalten werden?«
Ich zuckte mit den Achseln und gab keine Antwort.
Eine halbe Stunde später vereinigten wir uns im kühlen Billardzimmer zu einer kleinen Partie, denn noch war es zu heiß, um ins Freie zu gehen. Später sollte eine Kahnfahrt und nach derselben ein Spaziergang in den Wald unternommen werden. Margarethe wollte uns zu dem an ihrem Lieblingsplätzchen erbauten Pavillon führen, den sie uns noch nicht gezeigt hatte.
Alles verlief ganz programmgemäß. Aber während ich ruderte, bemerkte ich wiederholt, wie Theodor, der am Steuer saß, mit Margarethen leise Worte tauschte. Auch schien es mir, daß sich die von mir schon früher wahrgenommene erregte Spannung ihres Wesens sichtlich steigerte.
Schon neigte sich die Sonne ihrem Untergange zu, ihre schräg auffallenden Strahlen glitzerten und glänzten auf den Wellen wie flüssiges Gold. Die Abendkühle senkte sich erfrischend hernieder.
An einer buchtähnlichen Biegung des Flusses, an dessen Ufer eine Bank stand, landeten wir, um von dort aus den Weg durch den Forst nach dem Pavillon einzuschlagen. Wir hatten jedoch erst einige Schritte zurückgelegt, als Margarethe erklärte, vorher noch nach Hause gehen zu wollen, um sich einen Shawl zu holen. Der Abend sei plötzlich so kühl geworden.
Theodor meinte jedoch, wir sollten vorangehen, er würde nach Hause eilen, um das Gewünschte zu bringen.
Er setzte sich in Schnellschritt – doch nur, um nach zwei Minuten einen kleinen Schrei auszustoßen und, indem er hinkend zu uns zurückkehrte, die Erklärung abzugeben, er sei gestrauchelt, habe sich den Fuß verletzt und bäte daher mich, die Mission zu übernehmen, da er unmöglich so rasch zu gehen vermöchte. Sie Beide würden hier auf der Bank meine Rückkehr abwarten.
Ich verstand – und vermochte es nicht, ein spöttisches Lächeln zu unterdrücken. Fragend blickte ich auf Margarethe, doch als sie mit freundlicher Bitte sich Theodor's Anordnung anschloß, sah ich, daß es ihr Wunsch sei, daß ich sie verlasse, und begab mich auf den Weg.
»Das also haben sie mitsammen abgekartet, als ich sie flüstern sah,« dachte ich, während ich beinahe laufend dem Hause zustürmte. Dort ließ ich mir von einem Diener irgend einen Shawl Margarethens geben und kehrte wieder zurück. Etwa zwanzig Minuten mochten verflossen sein, so war ich wieder zur Stelle. Doch die Bank war leer. Weder von Margarethe noch von Theodor eine Spur.
Ich rief, aber keine Antwort tönte zurück.
Da lachte ich laut auf – doch that mir dieses Lachen so wehe, als ob ich weinte.
Dann überlegte ich, was ich thun sollte. Hier warten? – Wozu! Hierher kamen sie gewiß nicht mehr. Nach Hause zurückkehren, allein? – Damit riskirte ich, Margarethe zu compromittiren, deren Escapade mit Theodor dadurch bekannt wurde. Den Beiden auf dem Wege nach dem Pavillon folgen? – Das war unmöglich, denn ich kannte den Weg nicht, der eine Steinwurfweite von der Bank entfernt sich in drei verschiedenen Richtungen nach dem Walde hin trennte. Also was thun –?
Plötzlich schoß mit ein Gedanke durch den Kopf. Spornstreichs eilte ich wieder zur Villa zurück und rief Pluto heran, Margarethens prächtige dänische Dogge, deren specielle Freundschaft ich mir bereits erworben hatte und die mir ohne Widerstreben folgte. Zum viertenmale legte ich, jetzt von Pluto begleitet, den Weg zur Bank am Flußufer zurück. Dort angelangt, rief ich dem Hunde zu:
»Such' die Frau, such' Deine Herrin, Pluto! Such', such'!« und ich hielt ihm Margarethens Tuch an die Nase, auf daß er besser verstehe, wen er suchen sollte. Und das kluge, schöne Thier verstand mich vortrefflich.
Erst hob es den Kopf empor und schnupperte in die Lüfte, dann den Weg entlang. Und ein leises, kurzes Gebell anschlagend, sprang es in weiten Sätzen auf einem der sich kreuzenden Fußpfade dem Walde zu.
»Langsam, Pluto, langsam!« rief ich ihm zu, da ich ihm kaum zu folgen vermochte.
Der Hund mäßigte seinen Lauf und nun ging es, von ihm geleitet, in den Wald hinein.
Es dämmerte bereits und im Forste lag schon tiefes Dunkel. Mit den Füßen über Wurzeln stolpernd, mit dem Kopfe an Bäume stoßend, das Gesicht gepeitscht von den niederhängenden Zweigen, folgte ich im Laufschritte meinem wackeren Führer.
Plötzlich sah ich eine Lichtung vor mir und in demselben Augenblicke hörte ich Pluto, der mir in den letzten Minuten vorangeeilt war, laut und freudig aufbellen. Dann ließ sich Margarethens Stimme vernehmen:
»Pluto, Du hier! Wie kommst Du hierher, mein Braver?«
Und darauf Theodor:
»Er wird aus dem Garten entkommen und Ihrer Spur gefolgt sein.«
Da waren sie also! – Tief aufathmend blieb ich stehen. In diesem Zustande, athemlos, keines Wortes mächtig, mit zerzaustem Haar, die Kleider in Unordnung vom wilden Lauf, konnte ich unmöglich vor die Beiden hintreten. Was würden sie von mir denken! Auch mußte ich mich erst besinnen, was ich ihnen zur Erklärung meiner seltsamen Parforcejagd sagen wollte.
Behutsam, um meine Nähe durch kein Geräusch zu verrathen, drang ich bis an den Saum des Waldes vor. Nur der dämmernde Lichtschein, der von dort in das Dickicht fiel, leitete mich jetzt. Denn die Stimmen der Gesuchten waren verstummt. Am Rande der Lichtung, vom tiefen Schatten der Bäume gedeckt, hielt ich nochmals inne. Und jetzt erblickte ich die Beiden.
Inmitten der kleinen Waldwiese, nahe dem im Stile eines Miniaturschweizerhäuschens gebauten Pavillon, stand Margarethe, das Haupt zu Theodor herabgeneigt, der vor ihr auf den Knien lag –
Und mit bebender Stimme sprach er:
»Zürne mir nicht, Margarethe, daß ich es wage, Dir das Geheimniß meines Herzens zu entdecken. Ich liebe Dich, liebe Dich unsäglich!«
Margarethe trat einen Schritt zurück.
»Wie unvorsichtig!« flüsterte sie hastig. »Wissen Sie denn nicht, daß nicht nur Wände, zuweilen auch die Bäume Ohren haben? – So stehen Sie doch auf!«
Theodor erhob sich. Und die Hand nach dem Pavillon ausstreckend, bat er:
»Margarethe –?!«
Die Thür öffnete sich und Beide verschwanden im Inneren des Häuschens.
In einer Secunde stürmte blitzartig eine Fluth von Gedanken und Gefühlen durch mein Inneres.
Ein Schmerz durchzuckte mich, wie er heftiger nicht hätte sein können, wäre ich Margarethens Gatte oder Bruder gewesen. Einen Augenblick fühlte ich mich versucht, ihnen nachzustürzen und Theodor zu Boden zu schlagen. Aber hatte ich etwa ein Recht dazu? Wahrlich nicht! Dann ergriff mich Scham, als ob ich es wäre, der einen Frevel begangen, und eine wilde Qual, meinen Glauben an Tugend, an die Unwandelbarkeit treuer Liebe so schmählich und auf so lächerliche Weise zerstört zu sehen. Und alle diese Gedanken und Empfindungen waren in wenigen Augenblicken zusammengedrängt, denn als ich mich wieder zusammenraffte, fiel hinter den Beiden erst die Thür ins Schloß.
Doch was war dies? – In dem Häuschen blitzte plötzlich ein Lichtschein auf und ein schwacher Schrei ertönte.
Ich schritt vorwärts, und durch ein Fenster in den Pavillon spähend, bot sich mir der überraschendste Anblick.
In der mir gegenüber liegenden Fensteröffnung las ich die durch ein glänzendes Transparent gebildeten Worte:
»Veni, vidi – non vici.«
Und nun wurde es hell im Pavillon. Unter Margarethens Händen flammte eine Lampe auf. Und ich sah auf einem Tischchen allerlei kostbare Gegenstände zierlich geordnet: einen eleganten Briefbeschwerer, eine prachtvolle türkische Pfeife, ein Cigarrenetui und noch manches andere, dessen ich mich nicht mehr entsinne.
Neben dem Tischchen aber stand Margarethe – an Arthur's Schulter gelehnt und Beide blickten lächelnd auf Theodor, der starr wie eine Bildsäule an der Thür stand.
Jetzt trat Margarethe auf ihn zu.
»Hab' ich mein Wort gehalten?« fragte sie. »Ich sagte doch, Ihr Geburtstag treffe sich köstlich. Schade, daß unser Freund, den wir so schmählich im Stiche gelassen, nicht anwesend ist, sich auch an der Ueberraschung zu laben.«
»Ihr Wunsch ist erfüllt, gnädige Frau,« fiel ich ein, lachend durch die Thür tretend. »Freund Pluto hat mich hierher geführt.« Und gegen Theodor gewendet, flüsterte ich: »Wer zuletzt lacht –«
Theodor hatte endlich seine Fassung wieder gewonnen und mit der Gewandtheit des Weltmannes gute Miene zum bösen Spiele machend, dankte er mit erzwungener Heiterkeit für die allerliebsten Geburtstagsgeschenke und – leise zu Margarethe – für die heilsame Lehre.
Ob diese Radicalcur ihn von dem Wahne seiner Unwiderstehlichkeit und von jenem, daß es keine echte Treue gebe, gründlich geheilt hat? – Ich weiß es nicht. Mir gegenüber vermeidet er es ängstlich, auf dieses Thema zurückzukommen.
Der Wanderer, der von dem in den südwestlichen Ausläufern der Allgäuer Alpen, inmitten eines üppigen Tannen- und Eichenwaldes malerisch gelegenen und durch seine heilkräftigen Mineralquellen auch als Curort bekannten Weiler Adelholzen gegen das etwa eine halbe deutsche Meile davon entfernte, knapp an die östlichen Ufer des freundlichen Chiemsees geschmiegte Dörfchen Uebersee hinabsteigt, kommt, wo der Weg aus dem Walde hervortritt und sich tiefer gegen die Thalebene senkt, an einem massiven Eisengitter vorüber, das einen schattigen Garten gegen die daran vorbeiführende Bergstraße abschließt. Wer in der Schwüle eines heißen Sommertages hier vorüberschreitet, mag wohl einen Augenblick stillstehen, um durch die Eisenstäbe des Gitters einen begehrlichen Blick auf dieses reizende Heim zu werfen, welches das zwischen dem dunklen Grün der Bäume und über den bunten Flor eines mächtigen, den ganzen Vorplatz des Gebäudes einnehmenden Rosenrondeaus hell und heiter hervorblickende Landhaus seinen Bewohnern bieten mag.
Auch heute sandte die Augustsonne ihre gluttragenden Strahlen versengend heiß von dem wolkenlosen, durchsichtig klaren Himmel in das Thal hernieder. Aber hier, in dem an breitästigen dichtbelaubten Bäumen reichen Garten, in welchem aus dem unmittelbar angrenzenden Nadelholzwalde die Luft frisch und würzig herabstrich, war die unten im Thalkessel drückende Hitze wohlthuend gemildert.
Die Besitzer des anmuthigen Landhauses, Doctor Richard Wilnau – den man, seit eine Krankheit ihn des Augenlichtes beraubt, in der ganzen Umgegend nicht anders als schlechtweg den »blinden Doctor« nannte – und seine junge, hübsche Gattin, in der Oeffentlichkeit durch ihre vortrefflichen Gemälde, im Kreise der Näherstehenden aber auch durch ihre hohe Geistesbildung und persönliche Liebenswürdigkeit bekannt, befanden sich plaudernd auf der kühlen Veranda.
Die junge Frau hatte soeben die Lectüre der Tagesblätter beendet, die sie nach eingenommenem Mittagsmahle dem Doctor täglich vorzulesen pflegte. Aber im Begriffe, zu ihrer Arbeit wiederkehrend, in ihr Atelier sich zu begeben, war sie, schon auf der Schwelle, von ihrem Gatten zurückgerufen worden.
»Unverbesserlich, ganz unverbesserlich,« sagte der Blinde, indem er, heiter lächelnd, sein Haupt an die Rücklehne des Schaukelstuhles drückte, in dem er sich behaglich auf und nieder wiegte. »Was wirst Du mir für eine Strafe dictiren, Malwinchen, wenn ich bekenne – und beinahe hätte ich gar nicht mehr daran gedacht – daß ich Dein strictes Gebot, zum Mittags- oder Abendtische niemand einzuladen, ohne Dich vorher hiervon zu verständigen, abermals freventlich übertreten habe?«
»Unerhört!« rief Malwine lachend. »Gestern erst gelobst Du reuig Besserung – heute sündigst Du aufs neue. – Und wer ist es denn, dessen anziehende Gesellschaft Dich zu so schnödem Wortbruche verführt?«
»Rathe nur!«
»Natürlich, der dicke Major, der sein tausend und erstes Jagdabenteuer noch nicht oft genug zum Besten gegeben.«
»Fehlgeschossen!«
»Dann ist es der Badearzt, von dem Du Berichte interessanter Krankheitsfälle erwartest.«
»Keineswegs!«
»Also vielleicht Baronin X., von der Du kürzlich sagtest, daß niemand Dich zur Violine so gut auf dem Klavier zu accompagniren verstände als sie?«
»Ebenfalls nicht. Doch ich sehe schon, Du erräthst es ja nicht. Wie solltest Du auch?«
»Nun denn?«
»Universitätsprofessor – ja, mein Gott, wie hieß er denn nur gleich? Professor –«
»Du weißt den Namen desjenigen nicht, den Du eingeladen?« lachte Malwine.
»Doch, doch, er wird mir gleich in den Sinn kommen. Heute Vormittag, während Deiner Abwesenheit, wurde ich durch den Besuch dieses Herrn überrascht, der allerdings nicht so sehr mir, als vielmehr Dir galt. Er erzählte, er sei ein Jugendfreund Deiner Familie und Schulcollege Deines verstorbenen Bruders gewesen, aber seit vielen Jahren – Du warst damals noch nahezu ein Kind – habe er Dich nicht gesehen. Jetzt befindet er sich auf seiner Ferienreise, und da er zufällig von Deinem Aufenthalte hier gehört, wollte er die Gelegenheit nicht ungenützt lassen, Dich aufzusuchen. Ja, nun fällt mir auch schon sein Name ein. Halt – Hellwig nannte er sich!«
»Hellwig!« wiederholte Malwine, während ihr erbleichendes Antlitz Schrecken, Freude und Schmerz in raschem Wechsel wiederspiegelte.
Der Doctor plauderte weiter, berichtete, was der Gast von seiner Reise in diesem schönen Alpengebiete, das er jetzt zum erstenmal betrete, erzählt, und schilderte, mit welch freudiger Bewunderung er von Malwinens Bildern gesprochen, die er in mehreren Kunstausstellungen gesehen.
Aber seine Frau hörte von all dem nichts. Der eben vernommene Name schwirrte ihr im Ohre, so laut, daß er die Stimme ihres blinden Gatten weit übertönte.
Wenige Stunden später sprang Malwine ungeduldig von ihrem Sitze vor der Staffelei empor, Pinsel und Palette mißmuthig in eine Ecke schleudernd. Sie grollte mit sich selbst, denn trotz aller Anstrengung vermochte sie nicht zu arbeiten. Ihre Hand zitterte, unklar sah ihr Auge und unablässig irrten ihre Gedanken von dem seiner Vollendung harrenden Gemälde fort, weit fort nach ihrer Kindheit trautem Heim. Sie sah sich selbst als glückliches Kind, als aufblühendes Mädchen, dessen übersprudelnder Frohsinn selbst von des stets kränkelnden Vaters Stirn die trüben Schatten hinwegzuscherzen wußte. Sie schaute an ihrer Seite die stille, ernste, unvergeßlich theuere Frau, deren sanfte Hand und wachsames Auge mit jener treuen Fürsorge, die nur Mutterliebe zu üben im Stande ist, ihre Erziehung leitete. Sie erinnerte sich ihrer Professoren, besonders des grämlichen Zeichnenlehrers, der für seine Schüler selten ein freundliches Wort hatte, für sie aber die sonst stereotype unwirsche Miene zumeist ablegte, und die eine oder andere ihrer Zeichnungen ihren Eltern vorweisend, mit geheimnißvollem Lächeln und bedeutungsvollem Kopfschütteln bemerkte: »In dem Kinde steckt etwas.«
Sie gedachte ihres frühverstorbenen Bruders, und neben ihm tauchte die Gestalt eines anderen frischen munteren Knaben immer deutlicher in ihrer Erinnerung auf, des Jugendfreundes, der als Dritter im Bunde alle kleinen Leiden und Freuden der Geschwister getheilt. Sie hatte ihn einst geliebt. Mit ahnungsloser, schwesterlicher Neigung zuerst und dann mit der ganzen Glut des erwachenden Mädchenherzens. Als sie es aber wahrnahm, oder doch wahrzunehmen glaubte, daß sie seine Gegenliebe nicht besaß, daß er in ihr nichts sah als die Gefährtin aus der Kindheit, da hatte sie stolz und trotzig ihre thörichte, hoffungslose Liebe bezwungen, dem rebellischen Wünschen und Sehnen Schweigen geboten.
So waren Jahre hinüber gegangen. Sie hatte nichts mehr von ihm gehört und kaum mehr seiner gedacht. Da lernte Doctor Wilnau sie kennen und warb um ihre Hand. Wohl war es nicht jene tiefe, heiße Leidenschaft, die ihr Herz zu seinem Herzen zwang, von welcher die Dichter singen und sagen, daß sie nur einmal entflamme die Menschenseele und dann nie, niemals wieder, aber sie war dem trefflichen Manne in inniger Freundschaft geneigt, der süße Zauber des Bewußtseins, geliebt zu sein, that das Uebrige, und so ward sie seine Frau. Sie hatte es nie bereut. Jetzt aber beschlich sie leise ein seltsames Gefühl – sie wußte es selbst nicht gleich zu deuten – wie ein heimliches Bedauern, nicht frei zu sein. Sie strich sich mit der Hand über die Stirn, als wollte sie die Gedanken wegwischen, die da drinnen gegen ihren Willen sich regten.
Plötzlich aber trat sie an einen Schrank, in dem sie einen Theil ihrer Arbeiten aufzubewahren pflegte. Sie wählte lange in der Menge der hier aufgestapelten Skizzen, Studienblätter, Kreide- und Federzeichnungen, bis sie das Gesuchte fand. Ein freudiges Lächeln glitt über ihr Gesicht, als sie das Gemälde vor sich auf die Staffelei stellte. Es war ein reizendes Bild. Kenner, die es gesehen, hatten es einstimmig für eine von Malwinens besten Arbeiten erklärt. Aber trotz der bedeutenden Summen, die ihr dafür geboten worden, hatte sie sich nie zu entschließen vermocht, sich von ihm zu trennen. Es war ja nicht nur ihr bestes, sondern auch ihr liebstes Bild. Zwei Kinder stellte es vor, einen Knaben und ein Mädchen, die auf weichem Waldesrasen von ihrer Beschäftigung ausruhend, auf welche das bis an den Rand mit rothglänzenden Erdbeeren gefüllte Körbchen hinwies, das zwischen ihnen und der zu ihren Füßen Wache haltenden prächtigen Dogge stand, eingeschlummert waren. Des Mädchens blondumlockter Kopf war an die Schulter des kräftigen Jungen gelehnt, während dieser zum Schutze seinen Arm um dessen Nacken geschlungen hielt.
Lange weilte Malwinens Auge auf dem Bilde. Aber allmählich verdüsterte sich ihr Blick. Nicht mehr mit träumerischer Wehmuth, sondern mit feindseligem Trotze starrte sie jetzt auf das Abbild desjenigen, der ihre Gedanken abermals mit unwiderstehlicher Gewalt gefangen genommen. Sie zürnte ihm. Warum kam er, den schwer errungenen Frieden ihres Herzens zu stören? Hatte sie nicht genug durch und um ihn schon gelitten? Wer gab ihm das Recht, sich bei ihr einzudrängen und übermüthig die heißen, qualvollen Kämpfe ihrer Seele zu erneuern? Nein, das wollte sie nicht dulden! Sie wollte ihn nicht wiedersehen!
Rasch entschlossen, trat sie an den Glockenzug, um durch die herbeigerufene Dienerin ihren Gatten bitten zu lassen, den heute zu erwartenden Gast allein zu unterhalten, da sie in Folge plötzlichen Unwohlseins gezwungen, sich zur Ruhe zu begeben, an der Gesellschaft nicht theilnehmen könne.
Aber als sie die Hand ausstreckte, um die Klingelschnur zu ziehen, ward an die Thür geklopft, und im nächsten Augenblicke stand Hellwig vor Malwinen – nicht als der frohsinnsprühende, kecke Junge, der Gefährte ihrer Kindheit, nicht als großaufgeschossener, schlanker Jüngling, das Herz voll Jugendlust, den Kopf voll hochfliegender Pläne, das Ideal ihrer ersten Liebe, sondern in der Vollkraft reifer, aber frischer, ungebrochener Männlichkeit. Wohl hatte die Zeit in die breite, gewölbte Stirn zwei tiefe Furchen eingeschnitten, die von schwerer Gedankenarbeit oder auch von erlittenem Gram erzählten, und der mächtige, dichte Vollbart kam Malwinen ungemein fremd vor; aber als das seelenvolle, tiefblaue Auge mit seinem warmen Strahl ihr Auge traf, da erkannte sie ihn wieder, den wohlbekannten Blick des Freundes. Und so sonderbar ist das Menschengemüth! Während sie vor wenig Augenblicken noch fest entschlossen war Alfred nicht zu sehen, freute sie sich jetzt von ganzem Herzen seines Wiedersehens. Auch die bange Beklommenheit, die sie bei seinem unerwarteten Eintreten ergriffen hatte, wich allmählich vor dem kameradschaftlich treuherzigen Tone, den der einstige Spielgenosse in altgewohnter Weise anschlug.
Er wußte so anmuthig zu plaudern. Zuerst berichtete er von den Reisen, die er nach Vollendung seiner Universitätsstudien unternommen, in lebhafter, fesselnder Darstellung die Eindrücke schildernd, die das Gesehene und Erlebte auf ihn geübt. Dann erzählte er, von welch hoher Freude er erfüllt ward, als er von den Erfolgen hörte, die Malwine auf ihrer künstlerischen Laufbahn erntete. Und schließlich kehrte er zu ihrer Kinderzeit zurück, der Jugendfreundin tausend kleine, gemeinschaftlich durchgemachte Erlebnisse ins Gedächtniß rufend, die ihnen damals als große, wichtige Abenteuer erschienen waren.
Ob sie sich noch erinnere, fragte er sie, wie sie einst im Walde, von einem heftigen Gewitter überrascht, in einer auf der an den Wald grenzenden Wiese zur Aufbewahrung des Heues errichteten Bretterhütte Schutz gesucht, und in Folge der überstandenen Angst und der Ermüdung des raschen Laufes und wohl auch vom starken Duft des frischen Heues betäubt, in so tiefen Schlaf gesunken waren, daß sie den Abend und die ganze Nacht ununterbrochen schliefen, bis sie am anderen Morgen ein sich mächtig regender Appetit erweckte, worauf sie sich etwas kleinlaut und bange vor dem Schelten der beunruhigten Eltern, die sie mit Angst und Sorge vergeblich gesucht, nach Hause schlichen?
Und ob Malwine daran noch denke, wie sie einmal auf einer ihrer häufigen Excursionen nach der auf einem nahen Hügel gelegenen Burgruine, mit einer Laterne versehen, in den unterirdischen Gängen und Gewölben des Ritterschlosses herumstöberten, fest überzeugt, daß sie entweder einen verborgenen Schatz, oder aber das Knochengerippe irgend eines in dem Verließe verschmachteten Gefangenen entdecken müßten?
»Ah,« rief Alfred lachend, »ich that damals gar muthig und verwegen, ich versichere Dich aber, als uns das Licht in der Laterne plötzlich verlöschte und wir rathlos in dem finsteren, von dumpfem Modergeruch erfüllten Kellerraum standen, da war mir ganz abscheulich grausig zu Muthe, und hätte nicht der Gedanke, daß Furcht für einen Mann eine Schande sei, mir Kraft gegeben, so hätte ich sicherlich vor Angst geweint.«
Und so plauderte er weiter, an dieses und jenes Begebniß aus ihrer Jugendzeit erinnernd, nach dem einen oder anderen Bekannten jener Epoche sich erkundigend, und dazwischen verflocht er die Erzählung späterer Ereignisse.
Malwine hörte ihm schweigend zu. Selten unterbrach sie seine Rede durch eine Frage oder durch eine eingestreute Bemerkung. Ihr war es, als sei die sie umgebende Wirklichkeit, alles, was sie sah und hörte, nicht Wahrheit, sondern ein Traumgebilde. Und im Traume sah sie sich ins Elternhaus zurückversetzt – als Mädchen – und Alfred, den zu lieben sie nie aufgehört, sei heimgekehrt, um – sie dachte den Gedanken nicht zu Ende.
Allmählich veränderte Alfred sein Gesprächsthema. Von seinen eigenen Erlebnissen ging er auf jene Malwinens über, sprach von ihren Gemälden, dann von ihren Eltern, von ihrem Gatten und von dem schweren Unglücke, das durch dessen Erblindung ihn und sie getroffen, augenscheinlich bemüht, Malwine zu Mittheilungen über sie selbst und ihr Leben zu veranlassen. Aber ihre Antworten waren kurz und ausweichend, und so war er genöthigt, die Unterhaltung selbst weiterzuführen.
Plötzlich unterbrach er sich. Sein über das scheinbare Chaos von Gemälden, Sculpturwerken, Alterthümern, Decorationsstücken und den sonstigen unzählbaren im Atelier zerstreuten verschiedenen Gegenständen schweifender Blick war auf das Bild mit den beiden Kindern gefallen, und mit einem Ausrufe lebhafter Ueberraschung war er aufgesprungen, um es näher zu betrachten.
»So hattest Du des wilden Jungen doch nicht gänzlich vergessen,« sagte er dann. »Dieses Bild giebt Zeugniß, daß Du manchmal seiner gedacht.«
Ein feines Incarnat überzog Malwinens Wangen.
»Wer würde seiner Kindheit vergessen,« entgegnete sie, »zumal wenn dieselbe eine glückliche war?«
Alfred antwortete nicht. Er war an das offene Fenster getreten, von welchem aus sich ein herrlicher Fernblick darbot über das weite Thal, den stillen See mit seinem stolzen Königsschlosse und den himmelanstrebenden Bergen im Hintergrunde. Die sinkende Sonne sendete ihren letzten Strahlengruß und die pittoresken Formen der blaugrünen Gebirge zeichneten sich scharfkantig auf dem in leuchtenden Farbentönen von dunklem Violett bis hellem Rosa erglühenden Firmamente ab. Munter und behende glitt ein kleines Dampfschiff über den See, und die sich hinter demselben hinziehende Wasserfurche glitzerte und glänzte wie flüssiges Gold. Ein sanfter Lufthauch strich durch die Blätter der Bäume, wiegte die Spitzen der schlanken, grünen Grashalme und die Kelche der Blumen und tändelte mit dem Strahle des Springbrunnens im Garten. Aus dem Zimmer des Blinden klangen leise, wie aus ferner Welt, weiche, innige Geigentöne.
»Malwine,« unterbrach Alfred plötzlich das eingetretene Schweigen, indem er mit fast brüsker Raschheit sich vom Fenster weg zu ihr wendete, »Du weißt die eigentliche Ursache meines Hierherkommens noch nicht.«
Erstaunt und fragend blickte Malwine in das heftig erregte Antlitz des Freundes.
»Die eigentliche Ursache Deines Kommens –?«
»Ja, die weißt Du noch nicht,« wiederholte Alfred. »Ich bin gekommen, Dich zu fragen, ob Du glücklich bist? Ob Deine Ehe eine glückliche ist, ob Dein Gatte nicht nur Deine Hand, sondern auch Dein Herz besitzt?«
»Und ich,« erwiderte Malwine kalt, »muß Deine Frage mit einer Gegenfrage beantworten, wer Dir das Recht giebt, derartige Erklärungen von mir zu fordern?«
»Wer mir das Recht giebt?« stieß Alfred mit gepreßter Stimme hervor. »Meine Liebe giebt mir das Recht hierzu. Ja, Malwine, ich liebe Dich, ich habe Dich immer geliebt. Aber als kindischer Junge an Deiner Seite hinlebend, da wußte ich es selbst nicht, daß meine Liebe eine tiefere, mächtigere sei als die brüderliche Zuneigung zur Jugendfreundin. Als ich fern von Dir weilte in weitem, fremdem Lande, da wurde es mir freilich klar, daß ich Dich liebte mit der ganzen Kraft meines Herzens, aber brieflich um Dich werben, Dir brieflich das Geständniß ablegen, das wollte ich nicht. Du solltest frei sein, die Jahre unserer Trennung, so dachte ich, würden auch Dich die Klarheit über Dich selbst gewinnen lassen, ob Du in mir nur den Kameraden sahst, oder ob Du mich so liebtest, wie mir manchmal die sinnbethörende Hoffnung meines Herzens vorspiegelte. – Heimgekehrt, erfuhr ich, Du seiest verlobt. – Ich habe in diesen Jahren redlich mit mir gerungen, Malwine, ich hab' es versucht, meine Neigung zu bekämpfen, Dich zu vergessen. Ich kann es nicht. Ein Dämon des Zweifels flüstert mir unablässig zu, daß Du vielleicht mir doch nicht unwiederbringlich verloren seiest, daß Du diese Ehe vielleicht ohne Liebe eingegangen, daß nicht Doctor Wilnau es ist, der Dein Herz besitzt, sondern –«
»Halt ein!« rief Malwine, deren Wangen Todesblässe überdeckte.
Aber Alfred gehorchte nicht.
»Nein, erst soll mir Gewißheit werden,« fuhr er fort, indem er ihre beiden Hände erfaßte und gegen sich hinzog. »Sprich nur das eine Wort, sprich es aus, Malwine, ob Du ihn liebst! Wenn es so ist, wenn es ihm gelungen, Dein Herz zu gewinnen und Dich zu beglücken, ich schwöre es Dir, dann will ich schweigend dieses Haus verlassen und Du sollst niemals wieder von mir hören. Wenn aber Deine Ehe ein Irrthum war, wenn sie Dir das Glück nicht bietet, das Du von ihr erhofft, wenn Du mich liebst – dann, o dann wird keine Macht der Erde Dich in diesen Fesseln zurückhalten, ich werde sie zu sprengen wissen und vor Gott und der Welt wirst Du mein Weib werden!«
Malwine schwieg. Sie hatte die Augen geschlossen und ihr Athem drang schwer und zitternd aus ihrer hochwogenden Brust.
Tief und tiefer beugte sich Alfred's Angesicht auf ihr Haupt hernieder. Seine Lippen berührten die ihrigen, und ihm ward die Gewißheit, nach der er sich gesehnt –
Ein heller Glockenton weckte die Beiden aus der seligen Trunkenheit des ersten Kusses der Liebe. Es war das Zeichen zum Abendtisch.
Auf der Veranda fanden sie Gesellschaft. Einige Herren aus der Umgebung waren zum Besuche des Doctors eingetroffen und der gastfreundliche Hausherr hatte sie zum Abendbrot gebeten. Malwine war froh, nicht mit Richard und Alfred allein zu sein. Die Rolle, die sie jetzt zwischen beiden Männern hätte spielen müssen, wäre ihr als Lüge erschienen, und ihrer geraden, offenen Natur war Lüge unerträglich. Die Gegenwart der Fremden enthob sie des trügerischen Spieles, indem sie allen Anwesenden die gleiche freundliche Aufmerksamkeit schenkte. Aber während sie über des einen mehr oder weniger geistreichem Wortspiele höflich lächelte, von einem Anderen sich den Unterschied zwischen der englischen und russischen Art der Bereitung des Thees erklären ließ, oder mit einem dritten über die realistische Richtung in der dichtenden und bildenden Kunst discutirte, war ihr Gedanke doch nur bei dem, der ihr gegenüber saß, aus dessen Auge ihr unermeßliche Liebe und unermeßliche Freude entgegenleuchtete, und bei ihrer nächsten Zukunft, die ihr ein neues, bis jetzt noch nicht gekanntes Glück bringen sollte.
Die Abendstunden gingen vorüber und die Gäste kehrten heim. Mit einem flüchtigen »Schlafe wohl!« und einem raschen Händedruck verabschiedete Malwine sich von ihrem Gatten, um sich in ihr Schlafzimmer zurückzuziehen. Sie bedurfte der Einsamkeit, um über das Geschehene und noch zu Geschehende nachzudenken, sich auf sich selbst zu besinnen. Denn alles war ja so plötzlich, so unvorbereitet über sie hereingebrochen.
»Morgen komme ich wieder, um mit Dir alles Nöthige zu besprechen,« hatte Alfred ihr beim Weggehen zugeflüstert.
Ja morgen, morgen!
Verwundert schaute Malwine um sich, als sie die Thür zu ihrem neben dem Schlafzimmer gelegenen Boudoir öffnete. Ein starker, süß betäubender Wohlgeruch drang ihr entgegen. Und nun erblickte sie einen mächtigen Heliotropenstrauß – ihre Lieblingsblumen – und vor demselben ein kleines Etui aus dunklem Leder. Es enthielt einen goldenen Armreif, dessen Innenseite das Datum zweier Tage trug, des morgigen und desselben Tages vor fünf Jahren.
Was sollte all dies bedeuten?
Ach, jetzt fiel es ihr ein. Morgen war der fünfte Jahrestag ihrer Vermählung. Und diese Geschenke kamen von Richard, der ihr damit ein Zeichen geben wollte, daß er dieses Tages mit Freude gedenke.
»Richard, Richard!« stammelte sie, und einer mächtigen Sturmfluth gleich überwältigte sie die Erinnerung an den, dessen Frau sie war, der sie liebte und dessen sie, im heißen Drange ihrer eigenen wieder erwachten und jetzt erwiderten Liebe, nimmer gedachte.
Mit einem halb unterdrückten Wehruf sank Malwine auf die Kissen des Divans und preßte die Hände vor ihr zuckendes Gesicht. Ihr Denken drehte sich wirr im Kreise und ein wilder, brennender Schmerz umschnürte wie mit eisernen Klammern ihre Brust.
Doch allmählich glätteten sich die Wogen ihrer vom Grunde aufgewühlten Seele und ihr Geist gewann die Klarheit wieder, welche die aufgewiegelte Leidenschaft auf Augenblicke zu trüben vermocht. Sie überdachte die fünf Jahre ihrer Ehe, fünf Jahre der treuesten, innigsten Liebe ihres Mannes. Sie gedachte jenes entsetzlichen Tages, als seine dauernde, unheilbare Erblindung zur unzweifelhaften Gewißheit geworden. Sie selbst war die, wenn auch schuldlose Ursache dieses Unglückes. Als sie an schwerer und ansteckender Krankheit daniedergelegen, war Richard, als ihr Arzt und Pfleger, nicht von ihrem Lager gewichen. So hatte er das Gift der mörderischen Krankheit eingesogen. Malwine genas – er erblindete. Und als er ihr Schluchzen hörte, das sie, von heißem Mitleid ergriffen, nicht zurückzudrängen vermochte, da versuchte er es, sie zu trösten.
»Weine nicht!« sprach er, »denn ich bin nicht bedauernswerth. Ich fühle mich unvergleichlich glücklicher – wenn auch blind – an Deiner Seite, als mit gesunden, sehenden Augen ohne Dich.«
Und von diesem Manne, dessen einziges Glück in der düsteren Nacht seines Lebens sie war, sollte sie sich abwenden? Dieses Herz sollte sie von sich stoßen, das warm und liebend nur für sie schlug? O, sie wußte es wohl, wenn sie es ihm sagte, daß ein Anderer ihre Liebe besitze, er würde der Trennung ihrer Ehe und ihrer Verbindung mit dem, den sie liebte, nicht entgegen treten. Er war zu groß und edel, um ein Wesen mit Gewalt an sich gekettet zu halten, das nicht in freier Wahl und Neigung sein eigen war. Aber konnte sie es denn? Vermochte sie es, auf den Trümmern des durch ihre Hand vernichteten Lebensglückes der großmüthigsten Seele ihr eigenes selbstsüchtiges Glück zu erbauen?
Schwer und mühsam erhob Malwine sich von ihrem Sitze. Sie trat auf die Terrasse. »Er schläft,« dachte sie. »Kein Traumgott flüstert es ihm zu, daß ich hier stehe, eines Anderen gedenkend; daß ich, seine Frau, die Hand erhoben, um sein Lebensglück zu zerstören. Schlummere ruhig, Du Guter, Edler, möge auch mein eigenes Herz darüber brechen, Deine Liebe werde ich nicht verrathen –!«
Da tönten leise, wie eine Antwort auf ihrer Seele Ruf, süße Klänge durch die stille Nacht. Richard stand am offenen Fenster und spielte. Er spielte für sie, spielte ihr liebstes Lied.
Plötzlich legte sich ein weicher Arm um seinen Nacken und ein treues Haupt an seine Brust. Er ließ die Geige sinken und drückte einen Kuß auf das lockige Haar. Ein heißer Tropfen fiel auf seine Hand.
»Du weinst, Geliebte?«
»O lasse mich weinen, Richard! Sollte ich ungerührt bleiben ob Deiner unendlichen Güte, Deiner unendlichen Liebe?«
Lächelnd zog Richard seine Frau fester an sich.
»Du weinst, weil ich Dich liebe! Ich aber weine nicht, ich bin so glücklich, und doch liebst ja Du auch mich?«
»Ich liebe Dich!«
»Und wirst mich ewig lieben?«
»Ewig!«
Am anderen Tage um die Mittagsstunde trat Alfred durch das Gitterthor des Gartens auf die Straße. Malwine hatte ihm für immer Lebewohl gesagt.
Als Pfand ihrer Freundschaft nahm er das Bild der beiden Kinder auf dem Waldesrasen mit sich. Es hing fortan über seinem Arbeitstische. Und in schweren Stunden des Kampfes zwischen Pflicht und Neigung, wenn der ungestüme, leidenschaftliche Drang der Natur recht zu behalten drohte gegen die leise mahnende Stimme höherer Geisteserkenntniß, da blickte er zu dem Bilde auf, und im Gedanken an sie, die ihn geliebt und ihre Liebe der Pflicht geopfert, fand er, gleich ihr, die Kraft zum schwersten Siege, zum Siege über das eigene Herz!
Irgendwo las ich einmal vor langer, langer Zeit ein Volkslied. Ich vergaß es wieder, nur eine Verszeile daraus ist in meiner Erinnerung haften geblieben:
»Es fiel ein Reif in der Frühlingsnacht –«
Und diese Zeile summt mir im Kopfe, wenn ich meines jungen Freundes Erwin gedenke –
Kaum dreijährig hatte er seine Mutter verloren. Und da er auch keine Geschwister besaß, hängte er sich mit der ganzen Liebesfähigkeit seines kleinen Kinderherzens an seinen Vater, der ihm der Inbegriff alles Herrlichen, Guten und Edlen, kurz sein Abgott war. Und mit Recht. Denn außer diesem Manne gab es wohl kaum einen zweiten, der mit solch opfervoller Liebe für sein Kind sorgte. Mutter und Geschwister, Erzieher und Kameraden wußte er ihm zu ersetzen. Außer den Stunden, die den Knaben in der Schule, den Vater im Amte festhielten, sah man die Beiden unzertrennlich beisammen. Der Vater repetirte mit dem Jungen dessen Schulaufgaben, las ihm vor, theilte seine Spiele, nahm ihn auf den Spaziergängen mit. So schmiegte sich die junge Seele immer inniger an den väterlichen Freund und Berather an, und nichts spielte sich in des Sohnes Leben ab, was er dem Vater nicht in kindlicher Hingebung vertraut hätte.
Nur einmal ereignete sich etwas, was er ihm verschwieg.
Eines Tages, als die Schule zu Ende war und das Jungvolk sich lachend und plaudernd auf den Heimweg begab, trat einer der Knaben plötzlich an Erwin heran und gab ihm einen Schlag ins Gesicht.
Erwin war über diesen unerwarteten Angriff so überrascht, daß er erst gar nicht daran dachte, sich zu vertheidigen.
Der Andere aber lachte höhnisch auf und rief: »Das hast Du für Deinen Vater bekommen, gieb es weiter an ihn, er verdient es!«
Da stürzte sich Erwin, außer sich vor Zorn, Schmerz und Entrüstung auf den Burschen und bläute ihn so durch, daß dieser, obgleich größer und stärker als Erwin, sich dessen Schläge, die ihm auf Schulter, Rücken und Gesicht nur so niederhagelten, nicht erwehren konnte.
»Nimm es zurück, was Du gesagt hast, nimm es zurück. Sonst – sonst –« rief er, stammelnd vor Wuth, während seine kleinen Fäuste den Beleidiger bearbeiteten.
Der Andere versuchte Kopf und Gesicht mit seinen Armen zu decken, aber die Raserei der Empörung seiner Gefühle verlieh Erwin solche Kraft, daß sein Gegner, die Nutzlosigkeit jeder Vertheidigung bald einsehend, heulend schrie: »Hör' auf! Ich will es nicht wieder sagen, gewiß nicht! Hör' auf, hör' auf!«
Da hielt Erwin in der Züchtigung des Buben inne. Er hob seine Schultasche, die er, um die Arme frei zu bekommen, von sich geworfen, vom Boden auf, und ohne sich um den Gemaßregelten, noch auch um die anderen Schulkameraden, die dem wilden Auftritte theils erschreckt, theils lachend zugeschaut hatten, weiter zu kümmern, verließ er raschen Schrittes, noch schwer athmend und mit von der Erregung und Anstrengung gerötheten Wangen und blitzenden Augen den Kampfplatz.
Er ging nicht gleich nach Hause. Es war ihm beklommen zu Muthe. Er mochte dem Vater das Erlebte nicht mittheilen, ihm die abscheulichen Worte nicht wiedererzählen, die der freche Bursche ihm zugeschrien. Nein, das mochte er nicht. Er hätte, sie nicht über die Lippen gebracht, so sehr schämte er sich, sie gehört zu haben. Darum mußte er sich erst Zeit gönnen, um sich zu beruhigen und dem Vater unbefangen gegenüber treten zu können.
Er machte einen weiten Umweg und als er, nothgedrungen, endlich doch seinem Heim zuschritt, fühlte er es als eine willkommene Erleichterung, von der ihm die Wohnungsthür aufschließenden alten Dienerin zu hören, daß sein Vater eben einen Boten mit der Nachricht geschickt habe, Erwin möge mit dem gewohnten abendlichen Spaziergang nicht auf ihn warten, da er dienstlich verhindert sei, zur üblichen Stunde nach Hause zu kommen. Sonst war Erwin solches ihm aufgedrungenes Alleinsein ein unerfreulicher Zwischenfall, heute empfand er es als eine Wohlthat.
Er setzte sich an seinen Arbeitstisch, und so schwer es ihm anfänglich auch fiel, seine Gedanken bei seinen Schulaufgaben festzuhalten, gelang es seinem angestrengten Willen doch, die flüchtigen zu bannen. Allmählich übte die Arbeit ihre segensreiche Wirkung, sein erregtes Gemüth Ruhe finden zu lassen, und als der Vater, ihn begrüßend, Abends in sein Zimmer trat, lag kein Schatten von Verstimmung mehr im klaren Blicke seines Sohnes.
Die Tage rollten wieder dahin im altgewohnten Geleise. Wohl tauchte hin und wieder die Erinnerung an den ängstlich verschwiegenen Vorfall mit peinlicher Lebendigkeit in Erwin's Seele auf, und zuweilen schien es ihm, als könnte er den Stachel, den er in seinem Herzen zurückgelassen, ausreißen, wenn er ihn seinem Vater erzählte. Aber so oft der Gedanke an Mittheilung des Geschehenen näher an ihn herantrat, fühlte er zugleich das innerliche Unvermögen hierzu – und so schwieg er und vergaß es allmählich selbst.
Eine Reihe von Jahren war verflossen, der Knabe zum Jüngling gereift. – An dem innigen Verhältniß zwischen Vater und Sohn hatte die Zeit aber nichts geändert, die Beiden schienen unter einem Himmel friedlichen, wolkenlosen Glückes zu wandeln.
Doch als der Vater einmal von einer mehrwöchentlichen Dienstreise heimkehrte, fand er Erwin, den linken Arm in der Schlinge tragend.
»Eine Bagatelle – ein leichter Säbelhieb, in einer Studentenpaukerei davongetragen – weiter nichts« – so beruhigte Erwin den besorgten Vater. Und auf sein näheres Befragen erzählte er ihm, wie sich aus einem ganz unbedeutenden Vorfall ein Wortwechsel zwischen ihm und einem seiner Collegen entwickelt und ein Duell zur Folge gehabt habe.
Es war eine Lüge, was Erwin berichtete – die erste Lüge seines Lebens. Die Ursache des Zweikampfes war eine ganz andere als jene, die er dem Vater erzählte.
Eines Abends, als Erwin im Kaffeehause einer Billardpartie seiner Collegen zuschaute, hörte er im Laufe eines von zwei in seiner Nähe an einem Tischchen sitzenden Herren mit leiser Stimme geführten Gespräches den Namen seines Vaters fallen. Erwin trat unauffällig näher an sie heran und horchte auf. Der ältere der beiden Herren erzählte dem jüngeren, daß er um Verleihung der Stelle als Bahnarzt bei der St.'schen Eisenbahngesellschaft eingekommen sei, nachdem dieselbe durch den Tod eines gewissen Doctor Berger, der sie zuletzt bekleidet, frei geworden. Er warte nur auf Herrn K...'s – dies der Name von Erwin's Vater – Rückkehr, dessen Stimme, wie er wisse, bei der Besetzung der Stelle maßgebend sei, um sich persönlich vorzustellen und ihn um Berücksichtigung seines Gesuches zu bitten. Seine langjährige und, wie er glaube, nicht verdienstlose Praxis berechtigte ihn wohl, auf Erlangung der betreffenden Stelle zu hoffen.
Da lachte der Jüngere, und indem er Erwin mit herausforderndem Blicke maß, wobei dieser in ihm den ehemaligen Schulkameraden erkannte, dessen beleidigenden Ueberfall er mit seinen wackeren, kleinen Fäusten gezüchtigt, sagte er:
»Ihre Verdienste werden Ihnen wenig nützen. Darauf dürfen Sie nicht hoffen. Auch das Gesuch meines Vaters wurde eben um jenes Doctor Berger willen, eines ganz unfähigen Arztes, abgewiesen. Wenn Sie reussiren wollen, geben Sie Herrn K... einige hundert Franken, und Sie werden die Stelle erhalten.«
Diese Worte waren die Ursache von Erwin's Zweikampf mit dem, der sie gesprochen, gewesen. Zum zweitenmale hatte er seinen Arm erhoben zur Abwehr einer Beschimpfung seines Vaters. Doch wie einst als Knabe, schwieg er auch jetzt als Mann. Wie damals hätte er auch heute die schmachvollen Worte nicht zu wiederholen vermocht, die der freche Verleumder auszusprechen gewagt. Wozu auch? Wußte er doch, daß an der Ehrenhaftigkeit seines Vaters kein Flecken haftete, und lag es doch klar am Tage, daß nur der Grimm ob der sicherlich berechtigten Zurücksetzung zu Gunsten eines verdienstvolleren Mannes es war, was den verwegenen Buben gegen ihn und seinen Vater zu Haß und Verleumdung aufstachelte.
Mit lächelnder Ergebung nahm Erwin die väterlichen Ermahnungen vor einer Wiederholung ähnlicher, thörichter Schlägereien entgegen und freute sich im Stillen, daß ihm die Täuschung seines Vaters, die seinem wahrheitsliebenden Herzen gar nicht leicht fiel, so gut gelungen war.
Die Wunde heilte rasch, und wieder glitt das Leben der Beiden in seiner altgewohnten, friedlichen Weise dahin. Doch da kam ein Tag, da Erwin am Krankenlager seines Vaters stand, und ein anderer, da er schluchzend an seinem frischen Grabe kniete. Und dann kam eine Stunde –
Monate waren seit seines Vaters Hinscheiden verflossen, als Erwin es endlich über sich gewann, ordnende Hand an dessen hinterlassene Papiere zu legen. Das heiße Weh seines unersetzlichen Verlustes packte ihn mit erneuter Gewalt, als er mit zitternden Fingern unter den vergilbten Blättern wühlte – sterbende Spuren des erstorbenen Lebens. Briefe, Zeichnungen, amtliche und Geschäftspapiere glitten durch seine Hand. Wichtiges wurde zur Seite gelegt, anderes dem Feuer übergeben. Ganze Stöße lohten bereits leise flüsternd und knisternd im Kamin. Erwin trennte sich schwer von diesen Blättern. Allein, er hielt es für gut so. Wußte er denn, wenn auch für ihn der Augenblick kommen würde, der in der Vernichtung waltenden Naturkraft seinen Tribut zu zahlen? Und kein fremdes Auge sollte mit kalter Neugier das ihm theuerste Vermächtniß entweihen. Immer neue und neue Schriftenbündel wanderten in den Kamin, der vom Papierfeuer rasch erhitzt, milde Wärmeströme in das Gemach ausstrahlte, in welches vom Garten her durch das halbgeöffnete Fenster kalte Nachtluft drang.
Es war im Frühling. Das lockende Lächeln sonniger Tage hatte das schlummernde Leben der Natur wachgeküßt – um ihr Vertrauen grausam zu enttäuschen. Ein heftiges Gewitter hatte neuen Schnee auf die nahen Berge gebracht, und jetzt, als der nächtliche Himmel klar und sternhell über der blühenden Erde sich wölbte, lauerte der Frost, um den segenspendenden Thau in lebenmordendes Eis zu verwandeln.
Hier in der stillen Kammer flatterte Blatt um Blatt, von der geliebten, liebenden Hand beschrieben, in die züngelnden Flammen, um auf dem Hügel des grauen Aschengrabes den vorangegangenen Brüdern sich zuzugesellen. Da, Briefe der Mutter, die er nie gekannt, dort von Freunden des Vaters, dazwischen Rechnungen, Quittungen, geschäftliche Aufzeichnungen. Und hier ein Notizbuch, ganz von der Hand des Vaters ausgefüllt. Erwin schlägt es auf und blättert darin. Sein Auge feuchtet sich. Es sind nur Zahlen, die das Büchlein enthält. Und doch, wie rütteln diese nüchternen, trockenen Zahlen an seiner Seele, den unermeßlichen Verlust, den sie erlitten, neu verschärfend! Es enthält die Einnahmen und Auslagen seines Vaters durch eine lange Reihe von Jahren mit pünktlichster Genauigkeit verzeichnet. Auf der einen Seite die Einnahmen, sie bleiben sich stetig gleich: die Rente des winzigen Vermögens und das langsam aufsteigende Gehalt des Vaters. Auf der gegenüberstehenden Seite die Auslagen: Wohnung, Kost, Kleider – außer der Bestreitung der gemeinschaftlichen Bedürfnisse größtentheils Auslagen für ihn, Erwin, sein Schulgeld, Bücher und so weiter. Der gute Vater, wie wenig hatte er sich gegönnt, um dem Sohne Genügendes zu bieten!
Schon ist Erwin im Begriffe, das Büchlein zur Seite zu legen. Mit lässigem Finger schlägt er noch ein Blatt zurück.
Da verfärben sich plötzlich seine Wangen, weit öffnet sich sein Auge, sein erstarrender Blick heftet sich auf ein kleines Wörtchen. Auf der Seite der Einnahmen, dicht unter dem Monatsgehalt, steht geschrieben:
»Von Doctor Berger tausend Franken.«
Welk und todt senkten die vom nächtlichen Frost gemordeten Blüthen und Blumen ihre Häupter, als Erwin am nächsten Morgen auf dem Wege nach dem Amte sein Gärtchen durchschritt. Ohne ihrer zu achten, ging er an ihnen vorüber.
Die Freunde und Bekannten aber, die ihm begegneten, blickten ihm betroffen nach. Kaum erkannten sie ihn wieder, so verändert schien er. Er war nicht krank gewesen – und doch sah er um viele Jahre gealtert aus –
»Es fiel ein Reif in der Frühlingsnacht –«