Noch an demselben Tage schrieb Dostojewski einen Brief an den Bruder, in dem er diesem nur kurz die Tatsachen mitteilte[58]. „... Ich hatte noch Zeit,“ schreibt er, „Pleschtschejeff und Duroff, die neben mir standen, zu umarmen und Abschied von ihnen zu nehmen. Schließlich wurde Retraite[6] getrommelt. Die, welche bereits an die Pfähle gebunden waren, wurden zurückgeführt und man las uns vor, daß Seine Kaiserliche Majestät uns das Leben schenkte. Darauf wurden die endgiltigen Urteile verlesen. Palm allein ist begnadigt worden“ ...

Der Gedanke an die bevorstehende Zuchthausstrafe erschien ihm zunächst furchtbar. „Lieber fünfzehn Jahre in der Kasematte mit der Feder in der Hand,“ schreibt er in einem Brief, aus dem bald nach seinem Tode einzelne Stellen veröffentlicht wurden (das Original ist nachher leider verloren gegangen), und fügt hinzu: „Der Kopf, der schuf, der das höhere Leben der Kunst lebte, der sich mit den erhabenen Bedürfnissen des Geistes eingelebt hatte, der Kopf ist bereits von meinen Schultern geschlagen!“

In dem Bewußtsein Dostojewskis, des Psychologen, hat sich wohl hauptsächlich die innerliche Seite des Erlebnisses vom 22. Dezember erhalten, dagegen scheint er die Kälte von 21 Grad Réaumur, bei der sich das alles zutrug, spurlos vergessen zu haben. Nach Speschnjoffs Aussage hatten die Verurteilten ungeachtet dieser Temperatur ihre Oberkleider ablegen und während der ganzen Zeit der Verlesung des Urteils, des Anbindens an die Pfähle und dann des zweiten Verlesens der Urteilssprüche im Hemde stehen müssen. Das dauerte nach seiner Behauptung über eine halbe Stunde. (Dostojewski gibt im „Idiot“ als Zeitspanne 20 Minuten an.) „Reiben Sie die Wangen“; „reiben Sie das Kinn,“ sagten sie zu einander. Nach ihrer Rückkehr in die Festung gingen der Kommandant Nabokoff und Doktor Okel die Zellen der Reihe nach durch, um festzustellen, ob sich nicht jemand erkältet hatte. Doch erst in Tobolsk, (West-Sibirien) erkannte der Arzt der Dekabristen, Dr. Wolf, bei Speschnjoff das Anfangsstadium der Schwindsucht, von der er sich aber in der Luft der Nadel- und Laubwälder allmählich erholte.

Nach Sibirien wurden sie nicht alle zugleich verschickt, sondern täglich je zwei oder auch nur einer. Petraschewski war gleich auf dem Richtplatz in den Sträflingspelz gesteckt und nach Minussinsk verschickt worden. Bis Tobolsk hatten sie alle den gleichen Weg zurückzulegen, von dort aus aber wurden sie dann verteilt. Dostojewski hat gerade am heiligen Weihnachtsabend die Reise antreten müssen. Das war für ihn, der an der Familie und allen Kindheitserinnerungen hing, der nie aufhörte, Christ zu sein, ein Tag ganz anderer Empfindungen. Doch die Obrigkeit sah natürlich in allen Verurteilten nur geschworene Atheisten.

„Wenn ich mich nicht irre,“ schreibt A. P. Miljukoff in seinen Erinnerungen[59], „war es am dritten Tage nach der Exekution auf dem Ssemjonoffschen Platz, daß Michail Michailowitsch Dostojewski zu mir gefahren kam und mir mitteilte, sein Bruder werde noch am selben Abend verschickt und er fahre nun zu ihm, um Abschied von ihm zu nehmen“. Miljukoff schloß sich ihm natürlich an. In einem großen, nur von einer Lampe erhellten Zimmer im Erdgeschoß des Kommandanturgebäudes mußten sie ziemlich lange warten ... Zweimal verstrich eine Viertelstunde und erklang das holländische Glockenspiel mit seinen vielstimmig abgetönten Klängen vom Turme der Festungskirche. „Endlich ging die Tür auf, draußen klappten Handgriffe an Gewehren, und geleitet von einem Offizier traten Dostojewski und Duroff ins Zimmer ... beide schon in den Reisekleidern der Sträflinge, in Halbpelzen und hohen Filzstiefeln. Der Festungsoffizier setzte sich taktvoll auf einen Stuhl nicht weit vom Eingang und behinderte uns nicht im geringsten.“ Miljukoff unterhielt sich nun mit Duroff, der ihm noch sein letztes Gedicht einhändigte ... „Beim Anblick des Abschieds der Brüder von einander,“ erzählt Miljukoff, „hätte wohl ein jeder bemerkt, daß von ihnen derjenige mehr litt, der hier blieb. In den Augen des älteren Bruders standen Tränen, seine Lippen bebten, Fjodor Michailowitsch aber war ruhig und tröstete ihn noch: ... ‚Auch im Zuchthause sind nicht Tiere, sondern Menschen, vielleicht sogar bessere als ich, vielleicht würdigere als ich‘ ... Es ist möglich,“ bemerkt Miljukoff zum Schluß, „daß ihn gerade der ihm gleichsam angeborene und immer in ihm gegenwärtige Gedanke lockte, in den am tiefsten gesunkenen Verbrechern ... jenen tief unter der Asche sich versteckenden, aber doch nicht erloschenen Funken des göttlichen Feuers zu finden, jenen Funken, der, wie er immer glaubte, selbst im verstocktesten Übeltäter und dem letzten Verstoßenen lebt.“

Sie waren über eine halbe Stunde zusammen, doch die Zeit erschien ihnen kurz. Man sagte ihnen, daß sie sich nun trennen müßten. Zum letztenmal umarmten sie sich und drückten sie einander die Hände. Miljukoff und Michail Michailowitsch hörten aber, daß die Abfahrt in einer Stunde, nicht später, erfolgen werde, und so blieben sie vor dem Tor der Festung und warteten ... Die Nacht war nicht kalt und sternhell ... Wieder erklang das Glockenspiel vom Turme, es war neun Uhr, als zwei Schlitten herausfuhren, und auf jedem saß ein Sträfling mit einem Gendarmen. „Lebt wohl!“ riefen die Zurückbleibenden ihnen nach. „Auf Wiedersehen!“ wurde ihnen geantwortet.

Den einen sollte Miljukoff erst nach zehn Jahren, den anderen überhaupt nicht wiedersehen.

Das Folgende erzählt Iwan Jastrshemski:

„Man wird sich wohl kaum eine Vorstellung davon machen können, wie erfreut ich war, daß man mich mit Dostojewski und Duroff zusammen transportierte. Die Einzelhaft in diesen ganzen acht Monaten hatte mich so zermürbt und physisch vernichtet, daß Duroff, der auf dem Schafott neben mir stand, mich nicht erkannte. Nun war die Möglichkeit, in den kurzen Erholungspausen während der Reise mit ihnen wenigstens sprechen zu können, schon ein wahres Glück für mich.

„Wir kamen nach Tobolsk ... und wurden im Ostrogg (Zuchthaus) in einen großen Raum geführt, von wo aus die weitere Verteilung der Gruppen erfolgte. In diesem Raum waren an die dreihundert Männer, Frauen und Kinder von jedem Alter und von allen Rassen; die einen wurden in Ketten geschmiedet, andere an einer eisernen Stange aufgereiht, den dritten wurde das Haar vom Schädel bis zur Haut abrasiert. Dieses ganze Schaustück machte auf mich einen erschütternden Eindruck. Wir wurden dem Aufseher des Gefängnisses übergeben ... Wir waren die ganze Nacht und einen Teil des Tages bei 40° Kälte gefahren, da war es wohl erklärlich, daß ich mir unsere Ankunft in Tobolsk in Verbindung mit der Vorstellung von irgend einer warmen Unterkunft und heißem Tee gedacht hatte. Doch auf meine Frage, ob wir einen Ssamowar bekommen könnten, antwortete Iwan Gawrilowitsch (der Aufseher) mit der Gegenfrage: ‚Wie denken Sie denn die Etappenreise durch Sibirien fortzusetzen? Wir haben keinen Ssamowar.‘ Diese Worte eröffneten mir die Perspektive der Weiterreise zu Fuß vielleicht über Tausende von Werst. Und mir fiel das soeben gesehene Bild der Vorbereitung zum Weitermarsch der Gruppen ein.

„Wir kamen in die Gefängniskanzlei ... einen dunklen, schmutzigen Raum, wo mir als erstes die ‚Beamten‘ auffielen, die hier das schriftliche erledigten. Diese Individuen staken in kamelhaarenen Sträflingsröcken; die einen waren als Schwerverbrecher auf Stirn und Wangen mit den eingebrannten Buchstaben K. A. T. gestempelt, andere, denen man zur Kennzeichnung auch noch die Nüstern herausgeschnitten hatte, mit den Buchstaben W. O. R. Physiognomien à l’avenant[7] ...

„Iwan Gawrilowitsch kam auf uns zu. ‚In Ketten?‘, fragte er barsch. ‚Jawohl,‘ antworteten wir. ‚Durchsuchen,‘ kommandierte er. Und wir wurden einer Durchsuchung unterzogen, daß uns vor Scham und Empörung das Blut zu Kopfe stieg ... Hierauf wurden wir in eine Kammer geführt, in einen schmalen, dunklen, kalten, schmutzigen Raum ... In diesem Raum war eine Pritsche, auf der drei schmutzige, mit Heu gefüllte Säcke lagen und drei ebensolche Kopfkissen, sonst nichts. Vollkommene Finsternis. Hinter der Tür, im Flur, die schweren Schritte des Postens, der hin und her schritt – in einer Kälte von vierzig Grad.

„Wir setzten uns und kauerten uns zusammen – Duroff auf der Pritsche, ich neben Dostojewski auf dem Fußboden. Hinter der dünnen Wand, oder fast war es nur ein Bretterverschlag, wo, wie wir später erfuhren, Untersuchungsgefangene untergebracht waren, hörte man das Aufschlagen der kleinen Krüge und Gefäße, aus denen sie Schnaps tranken, dazu die Ausrufe der Karten- und Würfelspieler und ein solches Geschimpfe, solche Flüche ...

„Duroffs Finger und Zehen waren erfroren. Bei Dostojewski hatten sich schon in der Peter-Pauls-Festung skrophulöse Wunden im Gesicht und im Munde gebildet. Und mir war die Nasenspitze erfroren.

„Inmitten dieser ... Umgebung fiel mir mein früheres Leben ein, mein Leben in Petersburg, im Kreise junger, sympathischer, kluger Universitätskameraden ... Ich dachte, was wohl meine Schwester sagen würde, wenn sie mich hier sähe? Ich dachte, für mich gäbe es keine Rettung mehr, und beschloß, meinem Leben ein Ende zu machen, wozu ich schon in der Peter-Pauls-Festung Vorbereitungen getroffen hatte ... Ich erwähne dieses Schwere hier nur deshalb, weil es mir die Möglichkeit gab, die Persönlichkeit Dostojewskis näher kennen zu lernen. Seine angenehme und liebevolle Unterhaltung heilte mich, erlöste mich von der Verzweiflung und erweckte wieder Hoffnung in mir.

„Dank einem Zufall erhielten wir ganz unverhofft ein Talglicht, Streichhölzer und heißen Tee, der uns schöner dünkte als Nektar.“ (Auf Befehl eines Gendarmerieoffiziers, der, wie es sich herausstellte, mit Jastrshemski durch andere bekannt war.) „Dostojewski hatte noch vorzügliche Zigarren, die dem verehrten Iwan Gawrilowitsch bei der Durchsuchung zum Glück entgangen waren. In freundschaftlicher Unterhaltung verbrachten wir den größeren Teil der Nacht. Dostojewskis angenehme, liebe Stimme, die Zartheit und Weichheit seines Empfindens, ja sogar einzelne seiner – ganz weiblichen-kapriziösen Ausbrüche wirkten auf mich beruhigend. Ich sagte mich von jedem äußersten Entschluß los. Dort im Tobolskschen Ostrogg wurde ich von Dostojewski und Duroff getrennt. Wir umarmten uns unter Tränen und sahen uns nie wieder.

„Dostojewski gehörte zu jener Kategorie von Wesen,“ schließt Jastrshemski, „von denen Michelet sagt: que tout en étant le plus fort mâles, ils ont beaucoup de la nature féminine.[8][60] Durch diesen Umstand ist jener Zug in seinen Werken erklärt, in dem man die Grausamkeit des Talents und die Lust zu quälen sieht ...

„... Ich glaube nicht, etwas Paradoxes zu äußern, wenn ich sage, daß gerade diese unverdienten Leiden, die ein anscheinend blindes und taubes Schicksal ihm zudachte, seiner Begabung zum Nutzen gereichten, indem sie seine psychologische Analyse bis zur Vollendung entwickelten.“

So faßte auch Dostojewski sein Schicksal auf. Indem es sich als Stiefmutter gebärdete, erzog es ihn in Wirklichkeit wie eine strenge, doch fürsorgende Mutter.