»Sparen bringt ein goldnes Alter«, heißt ein altes Sprüchwort; wenn wir dies auf die Fabrikarbeiter anwenden wollten, so müßten diese in ihren alten Tagen durchwegs betteln gehen; denn sie kennen den Begriff Sparsamkeit überhaupt nicht.
Die Mädchen leben eigentlich nur für den Sonntag, sie sparen sich die ganze Woche alles Notwendige am Essen ab, um sich ein hübsches Kleid zu kaufen, sie essen lieber die ganze Woche trocknes Brot, um des Sonntags Bier zu trinken.
Trotzdem sprechen sie mit großer Begeisterung vom Sparen, sie wollen alle einmal damit anfangen, aber keine einzige führt es aus. Sie haben auch nicht den geringsten häuslichen Sinn, sie leben in den Tag hinein, unbekümmert um das, was die Zukunft ihnen bringen wird; haben sie Geld, so geben sie aus, haben sie keins, so hungern sie.
Der Sonntag ist für sie ein Tag des Geldausgebens, mit einem Spaziergang ins Feld hinaus würden sie sich in keinem Fall begnügen. So kam ich einmal zu einer sehr armen Arbeiterfamilie, von der ich genau wußte, daß sie seit Wochen kein Fleisch gekostet hatten; es war herrliches Maiwetter, ich frug den Mann erstaunt, weshalb sie nicht alle ausgingen.
»Pah,« meinte er, »wir haben kein Geld! Ehe ich mit Frau und Kindern vor einem Glase Bier sitze, bleibe ich zu Hause. Die Kinder wollen trinken, man kriegt Durst vom Weg, am Automaten wollen sie auch nicht vorüber, ohne einen Nickel hineingeworfen zu haben; wenn man nur Luft kneipen will, kann man zu Hause bleiben, da hat man 's ebenso!«
Und triumphierend ob dieser philosophischen Weisheit, sah er sich in dem engen, übelriechenden, feuchten Hof um.
Auch bei den Mädchen ist es Norm, daß sie lieber zu Hause bleiben, als nur spazieren zu gehen.
Es ist natürlich kein Wunder, daß die Mädchen, wenn sie in die Ehe treten, schlechte Hausfrauen werden; sie konnten sich als Mädchen mit ihrem Verdienst nicht genug thun, wie viel weniger erst, wenn sie für andere mitsorgen sollen!
Es ist dies ein großes, wichtiges Kapitel in der Frauenbewegung, die Mädchen jener Kreise, die am schnellsten, häufigsten und in größter Armut heiraten, zur Sparsamkeit, zur Ordnung und zur Häuslichkeit anzuhalten; hier müßten überall, nicht nur vereinzelt, Abendschulen gegründet werden, in denen die Mädchen in allen häuslichen Arbeiten unterrichtet werden und wo sie vor allem bei sparsamer Einteilung ordentlich kochen lernen; denn nirgends hängt der eheliche Frieden so sehr vom Magen des Mannes ab, als gerade in jenen Kreisen; man bedenke nur einmal, wie die verheirateten Arbeiter oft essen, lediglich durch die völlige Kochunkenntnis der Frauen, die dem Manne, der elf Stunden schwer gearbeitet hat, einen halbgaren Brei ohne Salz und Schmalz vorsetzt, den der wohlgenährte Hofhund der Fabrik verschmähen würde.
Die guten, sparsamen Familienväter rauchen Pfeifen aus Billigkeitsrücksichten; wer weniger darauf sieht, raucht Cigarren, meist zu 3 Pfennige pro Stück, was trotzdem aber die Haushaltungskasse stark in Anspruch nimmt.
Der Mann behält in den meisten Fällen 2-3 Mark vom Wochenlohn für sich zurück, d. h. er deckt damit seine Bedürfnisse an Bier und Cigarren. In diesen Kreisen ist das Rauchen ein sozialer Schaden; es hemmt zuweilen den Aufschwung einer ganzen Familie.
So unglaublich das auch klingen mag, so will ich es hier doch durch ein kleines Beispiel beweisen.
In einer Familie, wo das dritte Kind eingetroffen war, sollte für die beiden größeren ein gemeinsames Bett angeschafft werden zum Preise (Bettgestell mit allem Bettzeug) von Mk. 12. Allein die Mittel langten nicht, trotzdem der Händler wöchentliche Abzahlung von nur Mk. 3 beanspruchte. Der Mann aber rauchte auf Abzahlung Cigarren, wofür er wöchentlich Mk. 2 (!!) brauchte.
»Aber so rauchen Sie doch einmal den dritten Teil von dem, was Sie rauchen, oder Pfeifen,« riet ich dem Manne. »Dann könnten Sie ganz gut jede Woche 2 Mark abzahlen, wenn Sie obendrein nur Wasser und kein Bier trinken!«
Der Mann liebte seine Kinder, wie wenige Arbeiter, aber das Rauchen konnte er doch nicht lassen – und das Bett wurde nicht gekauft. Kurze Zeit darauf bekam das älteste Kind Diphteritis, dann das jüngste, das die Krankheit erhalten hatte, weil es in demselben Bett mit den anderen liegen mußte. Beide Kinder starben, nur das mittelste konnte erhalten bleiben; jetzt hat es sein eigenes Bettchen, das die Geschwister ihm eingeräumt, die nun unter der Erde schlafen. Der Mann aber, dem der Arzt wiederholt zum Vorwurf machte, daß die Kinder bei Isolierung hätten gerettet werden können, hat sich aus Schmerz hierüber dem Trunk ergeben; jetzt, wo es zu spät ist, raucht er nicht mehr. –
Ein anderes Mal forderte mich eine Witwe auf, ihr beim Einkauf von Kinderkleidern behülflich zu sein; sie wollte für ihre drei Kinder Tricotkleider kaufen, die ersten bunten nach der Trauer um den Vater. Sie wählte im Geschäfte hübsche, geschmackvolle Kleider zu 6 Mark pro Stück für die beiden größeren, zu 5 Mark für das kleinere Kind.
Die Frau selbst, die ich ganz flüchtig durch eine andere Arbeiterin kannte, schien mir nicht arm zu sein; sie trug ein hübsches schwarzes Kleid, Handschuhe und einen recht netten Strohhut mit schwarzer Perlengarnitur; selbstverständlich war das ihre Sonntagstoilette. Ich wußte, daß sie in einer Fabrik arbeitete, aber ich hielt sie für eine der bestangestellten Frauen.
Nachdem wir die Kleider gekauft, zählte sie ihr Geld und sagte dann: »Na, es langt gerade noch zu einem Hut für mich, am nächsten Sonntag ist Pfingsten, da will ich doch die Trauer ablegen!«
Wir kauften eine Hutform und Band und Spitzen zur Garnitur; sie bat mich (es war überall herumgekommen, daß ich Putzmacherin sei), mit ihr nach Hause zu kommen und ihr den Hut gleich zu garnieren.
Als wir daselbst angelangt waren, fanden wir das jüngste Kind heulend in seinem Bettchen, die beiden ältesten balgten sich am Fußboden herum. Das erste Begrüßungswort der Kinder war: »Mutter, eine Bemme, wir haben so Hunger!« Die Frau verteilte trockenes Kommisbrot unter die Kinder, langte dann in ihre Tasche und sagte: »Ach, ich hab' nur noch sieben Pfennige, geh', Gustel, und hole Zichorie, daß wir Kaffee machen können.«
Dann wandte sie sich an mich: »Ich hab' eben die ganze Woche wenig verdient; mein Bruder, der wohlhabend ist, schenkte mir zwanzig Mark, da mußte ich doch erst die Kinder und mich ordentlich kleiden. Die Leute reden gleich, lieber hungere ich und kleide mich und die Kinder gut.«
Sie zeigte mir den Kleidervorrat ihrer Kinder, alles hübsche Tricot- und Sommerkleider, Trauerhütchen und schwarze Mäntel. Ich hätte ihr mit der gleichen Quantität Kleider meines Töchterchens nicht aufwarten können; die ältesten, sechsjährigen Zwillingsmädchen hatten fünf noch vollkommen intakte Stoffkleider und ebenso viele aus Kattun. Das jüngste Kind war schon weniger reich bedacht, hatte aber immer noch im Ueberfluß Garderobe. Die Frau verdiente wirklich Prügel, die Kinder hatten mehr denn auf zwei Jahre hinaus Kleider, sie kaufte ihnen neue, und sie hatten nichts zu essen! Und was sah ich noch alles! Kein Fädchen Zwirn war im Hause, ich mußte erst Zwirn holen, ehe ich den Hut garnieren konnte. Die Lampe war ungefüllt, Petroleum nicht vorhanden, der Cylinder zerschlagen. Es fehlte an allem, was selbst für primitivste Verhältnisse notwendig ist, während Unnötiges reichlich vorhanden war. Dieselbe Frau saß zu Hause und häkelte kleine Kragen für die Kinder, während diese hungernd nach einem Teller Suppe lechzten. Und diese Zustände habe ich nicht einmal, sondern oft getroffen.
Eine solche Verschwendung mit dem Erworbenen, ein solches trauriges in den Tag hinein leben zeitigt mehr oder minder die Unehrlichkeit, wenn nicht gar direkten Diebstahl. Wo nichts ist, soll etwas hinkommen, die Gelegenheit ist vielleicht günstig, warum lassen, was auch andere thun – so kommt es, daß das Stehlen in kleinem Maßstabe bei den Arbeiterinnen en vogue ist, und ganz speziell bei den verheirateten Frauen.
Ein Diebstahl von solch kleinen Dingen gilt nicht als Schande, man stiehlt offen vor den anderen Mädchen, denn sie klatschen nicht und spielen nicht die Verräterin. Es wurde massenhaft Garn gestohlen, immer in kleinen Docken; die Frauen verstricken es zu Strümpfen, die sie oft in zehnerlei Farben tragen. Auch das Heftgarn und die Heftseide werden von den Hefterinnen zu Privatarbeiten verwendet, sie häkeln bunte Spitzen davon, die sie in ihre Sonntagskleider heften.
In einer der Handschuhfabriken auf dem Lande wurden sehr oft Handschuhe entwendet, bald seidene Damen- oder Ballhandschuhe, schwarze oder Tricothandschuhe, vor allem aber Militärhandschuhe; man glaube aber nicht, daß diese Handschuhe dem jeweiligen Schatze der Diebin zu gute kommen. Im Dorfe wohnt eine Frau, die den Mädchen die gestohlenen Handschuhe, gleichviel welcher Farbe, welcher Qualität und welcher Größe, zum »Honorar« von 20 Pfennig pro Paar abnimmt; sie selber fährt alle Monate einmal nach Chemnitz, wo sie die Handschuhe in Soldatenkneipen losschlägt, da die Marssöhne auch ihrer Begleiterin ein Paar dedizieren; sie verkauft sie weit unter dem Ladenpreis, macht wahrscheinlich aber doch ein gutes Geschäft dabei. Dieser »guten Geschäftsverbindung« können sich nur die Zuschneiderinnen, Sortiererinnen und solche Arbeiterinnen erfreuen, die die fertigen Handschuhe in die Hände bekommen.
Am meisten aber geben sich die Mädchen mit dem Stehlen von Eßwaren ab; sie trinken einander den Kaffee weg, sie leeren die Suppentöpfe der Nachbarin, sie entwenden ihr das Brot und sie verzehren diese gemausten Dinge meist auf der Retirade.
Eines Morgens bemerkte ich gleich beim Eintritt in den Saal, daß ich weniger liebenswürdig als sonst empfangen wurde; im Laufe des Vormittags erfuhr ich denn, daß man der einen mit unglaublicher Dreistigkeit den Topf Kartoffeln gestohlen hatte, den sie zur Mittagsmahlzeit verzehren wollte; am empörtesten war man darüber, daß die Diebin den leeren Topf nicht zurückgebracht, sondern ihn entweder vernichtet oder als Beute mitgenommen hatte. Der Verdacht hatte sich auf mich gelenkt!!! Die Diebin wurde indes noch am selben Tage entdeckt, als sie, wohl von Furcht gepeinigt, den leeren und sorgfältig gereinigten Topf wieder an Ort und Stelle brachte. Die Bestohlene machte der Diebin keinerlei Vorwürfe; allein diese wurde von den 500 Fabrikmädchen mit solchem Spott überschüttet, daß diese Strafe mich die härteste dünkte, die man ihr hätte auferlegen können. Am anderen Tag erschien die Diebin nicht mehr in der Fabrik, sie hatte an einem anderen Ort Arbeit gesucht.
Diese Art der moralischen Lynchjustiz wurde fast durchwegs ausgeführt; mir persönlich wäre sie schrecklicher gewesen, denn Knutenhiebe; sie erstreckte sich nicht auf einen Tag, sondern auf Wochen hinaus. Es ist unglaublich, wo diese ungebildeten Mädchen diese Art feinen Nadelstiche herhaben, diese moralischen Hiebe, die die Gequälte zur Raserei treiben müssen. Ich glaube, daß diese unbewußte Grausamkeit in Verbindung zu bringen ist mit dem Mutterwitz, den die meisten von ihnen besitzen.
Hinterher gestand man mir freimütig, daß man mich für die Diebin gehalten, weil ich »neu« sei und suchte mich dann durch größte Liebenswürdigkeit für das zugefügte Unrecht zu entschädigen.
Die meisten Familien hatten Schulden, die aber größtenteils am Lohntage ganz oder zur Hälfte beglichen wurden; ich habe nur sehr wenige gefunden, die in längerem Rückstand mit der Miete zum Beispiel blieben, wenn nicht Unglücksfälle in der Familie eine außergewöhnliche Not zeitigten. Wer aber in diesen Kreisen ins Schulden machen gerät, ist rettungslos verloren.
Die Mädchen haben auch untereinander eine gewaltige Scheu vor dem Geldborgen; sie thun dies nur, wie ich schon erwähnte, im Betrage bis zu 15 Pfennigen, weil sie hier allein wissen, daß sie in der Lage sind, diese Summe am Zahltag mühelos zurückzuerstatten.
Man ersieht daraus, daß die Mädchen, wenn sie durch praktischen Anschauungsunterricht von dem Muß des Sparens überzeugt würden, sehr wohl sparsame Frauen werden könnten. Wie soll aber ein ungepfropfter Baum edle Früchte tragen?
Eines habe ich unter den Arbeiterinnen mit Genugthuung bemerkt: die Enthaltsamkeit und die Gleichgültigkeit gegen alle Spirituosen; wenn ich vorher bemerkte, daß die Mädchen lieber während der ganzen Woche trockenes Brot essen, um am Sonntage Bier trinken zu können, so geschieht dies keineswegs aus Liebe zum Bier, sondern im Glauben, daß, wer nicht ganz ordinär sein will, in einem Gartenlokal Bier vor sich stehen haben müsse; so oft ich auch mit den Mädchen zusammen war, und so sehr ich sie auch zum Trinken animierte, mehr denn ein Glas Lagerbier trank keine. Schnapstrinkerinnen waren überhaupt, so lange die Anwesenden sich erinnern konnten, in der Fabrik nicht beschäftigt.
Wenn man die Ehe im allgemeinen als ein Lotteriespiel betrachtet, so muß man sie in den Kreisen der Fabrikbevölkerung ein Hazardspiel nennen.
Die Männer, die des Alleinseins müde, ihren Schatz heiraten, wagen viel; entweder, sie finden das, was sie erhofften, oder sie kommen ins Elend, aus dem es kein Entrinnen mehr giebt. Die Ehen sind größtenteils Gegensätze; entweder wird die Frau geachtet und gut behandelt, oder sie wird als Lasttier, als Arbeitssklavin, als Mittel zur Befriedigung geschlechtlicher Genüsse angesehen.
In kinderlosen und mit einem oder zwei Kindern gesegneten Ehen, herrschen gewöhnlich schlichte, aber geregelte Verhältnisse, eheliche Einigkeit. Wo viel Kinder sind, herrscht meist Unfriede, Elend, Schmutz und Not, Untreue von Seiten des Mannes ist hier viel häufiger.
Man kann dreist behaupten, daß mehr als drei Kinder in einer Familie, Schuld zum Ruin derselben sind. Leider aber, und ich werde es immer wieder tief beklagen, herrscht keinerlei Verständnis für eine geregelte, beschränkte Kindererzeugung; hier würde der Segen ein unberechenbarer sein, wenn man die Leute darauf hinführen könnte, daß nicht die Quantität, sondern die Qualität der Nachkommen für die Menschheit von Bedeutung ist, daß ein oder zwei Kinder in geistiger und körperlicher Beziehung gesund, mehr Wert haben, denn zehn elende Geschöpfe und Krüppel.
Die schwangeren Frauen arbeiten vielfach bis zum letzten Tage vor ihrer Niederkunft in der Fabrik, in entsetzlicher Luft und bei schwerer Arbeit; eine normal gesunde Frau setzt hier täglich – in Anbetracht der elenden Nahrung – einen Teil ihrer Lebenskraft zu; wo soll da eine Frau Kraft und Lebensstoff für ein zweites Wesen sammeln, das womöglich das sechste oder achte der Reihenfolge ist?
Beim ersten Kinde und auch beim zweiten, wenn die vernünftige Zeit von 3-4 Jahren dazwischen liegt, pflegen sich die Arbeiterfrauen, d. h. sie besuchen nicht die Fabrik, gehen an die Luft und bringen infolge dessen ein kräftigeres und intelligenteres Kind zur Welt; sie können ihnen die Brust reichen, sie können es pflegen und hüten und ihm wirklich Mutter sein. Beim dritten, günstigen Falls beim vierten Kinde aber tritt die Not leise in die Familien, die Arbeit des Mannes ernährt nicht mehr alle, die Frau muß mitverdienen, und erst recht, wenn ein weiteres Menschenkind zu erwarten ist. Die allgemeine Nahrung wird, je reichlicher sie sein muß, je schlechter, an Säugen des Weltbürgers kann die Frau nicht denken, sie muß, kaum genesen, von neuem in die Fabrik eilen, um zu erwerben; der Säugling liegt indessen zu Hause im Schmutz, den Lutschpfropfen im Munde, während die anderen noch nicht schulpflichtigen Kinder auf der Straße ihre »Erziehung« finden. Zwei auch drei Kinder können jene unteren Klassen pflegen und erziehen, was darüber ist, liefert in den weitaus meisten Fällen Proletariat und Dummköpfe.
Die Ärzte aber trifft hier der Vorwurf, daß sie es sind, die der vernünftigen Beschränkung der Kindererzeugung im Wege stehen. Oder halten sie es vielleicht für sittlicher, bei Geburt eines Kindes die Hoffnung auszusprechen, daß es nicht lange lebe, daß es durch erbärmliche Pflege thatsächlich bald stirbt und die Familie schädigt, als daß wenige, aber kräftige Kinder erzeugt werden, die mit Freuden begrüßt und gut gezogen werden?
Hier richte ich eine Anfrage an die Gegner unserer Bestrebungen, die da behaupten, die Frau sei zur Gattin und Mutter bestimmt und gehöre ins Haus, sie könne nur so ihre natürliche Pflichten erfüllen. Warum sorgen diese Schreier nicht dafür, daß die Arbeitergattinnen ihre »natürlichen« Pflichten auf natürliche Weise erfüllen können und in ihren vier Wänden bleiben, statt die unnatürliche, schwere Maschinenarbeit zu verrichten?
Oder haben die Frauen nur dann natürliche Pflichten als Gattin und Mutter, wenn sie befähigt sind, den Männern Konkurrenz zu machen?
Diese Frauen blieben so gern im Hause um ihre »natürlichen« Pflichten zu erfüllen, warum verhilft ihnen der Trotz jener weisen, menschenfreundlichen Gegner nicht dazu?
Und der Staat, der die Gesetze schafft, die Schmach und Unterdrückung für die Frau bedeuten, die sie zum Kindergebärapparat macht, warum hilft dieser Staat der Frau nicht bei Ausübung ihrer »natürlichen« Pflichten?
Oder teilt der Staat die Ansicht Balzacs, die zu den Gesetzen, die die Frau unterjochen, passen dürfte: »Ne vous inquiétez en rien des murmures de la femme, de ses cris, de ses douleurs; la nature l'a faite à notre usage et pour tout porter: enfants, chagrins, coups et peines de l'homme.«
Ich spreche hier mit Bebel, dem ich voll und ganz zustimme, wenn er sagt: »Der Maßstab für die Kultur eines Volkes ist die Stellung, welche die Frau daselbst einnimmt.« Wie muß aber dann der deutsche Kulturzustand sein? –
Ich habe übrigens bei vielen Mädchen in der Fabrik den Ausspruch gehört, daß sie nicht heiraten mögen, aus Angst, viel Kinder zu bekommen.
Die Sozialdemokratinnen sind unter den Arbeiterinnen die Einzigen, die vernünftigere Kinderproduktion kennen; in deren Haushaltungen herrscht auch durchwegs bessere Wohlhabenheit, Ordnung, Reinlichkeit und vor allem innigere eheliche Gemeinschaft. Am Abend stehen die Frauen mit den Männern vor den Hausthüren und unterhalten sich über politische und andere Tagesereignisse, während die nichtsozialdemokratischen Männer vielfach die Kneipen aufsuchen und die Frauen zu Hause bleiben müssen. Auch sind die Kinder der Sozialdemokraten besser erzogen, folgsamer und gesitteter. In diesen Schichten, d. h. in den guten Ehen, ist eheliche Untreue ein unbekanntes Ding, die höheren Kreise könnten sich daran ein Beispiel nehmen.
Die Kinder lieben fast alle mehr den Vater, denn die Mutter; jene sind auch liebevoller mit ihnen als die Mutter, die sie den ganzen Tag um sich hat und oft die Geduld verliert. Der Abend vereinigt gewöhnlich Vater und Kinder; das Wirtshauslaufen des Bürgerstandes z. B. wird vom Arbeiter nicht stark nachgeahmt. Es fiel mir auch auf, daß in den Chemnitzer Arbeitervierteln wenig Kneipen bestehen, und daß die wenigen am Abend schlecht besucht sind, meist von Aufsehern, Inspektoren oder ledigen Arbeitern.
Kinderlose Frauen arbeiten fast ausnahmslos in einer Fabrik; die Wohnung wird jedoch immer in der Nähe der Fabrik des Mannes, nicht der Frau gewählt.
Auch darin findet man wieder einen merkwürdigen Beweis für die »körperliche Unfähigkeit« des schwachen Geschlechtes, das in Strapazen das aushalten kann, was, wie es scheint, für den Mann zu viel wäre.
Vielfach heiraten die Leute ohne die geringsten Mittel, sie kaufen Wäsche und Möbel auf Abzahlung; stellen sich keine Kinder ein oder nur ein bis zwei, so ist die Existenz der Leute gesichert; sie zahlen die Schulden ab, fangen dann mit dem Sparen an und können einem gesicherten Alter entgegensehen. Wo natürlich jedes Jahr ein Kind in den Kauf genommen wird, vergrößern sich die Schulden, die halb bezahlten Sachen werden womöglich heimlich verkauft und der Untergang der Familie ist fertig. Ich kannte Familien, die jede in ihrer Art diese These zur Wahrheit machten. Die Mädchen sind im allgemeinen bei weitem nicht so versessen aufs Heiraten als die Töchter des Mittelstandes; sie wissen, daß es ihnen in der Ehe größtenteils schlechter, selten aber besser geht. Sie sind mit ihrem Schatz zufrieden, ihre Arbeit ist leichter, als sie als Frau werden arbeiten müssen, wo ihnen der aufmerksame, geduldige Schatz in Gestalt eines herrschsüchtigen Mannes entgegentritt.
Die Witwen dagegen brennen aufs Heiraten, sie lassen kein Mittel unversucht, je mehr Kinder sie haben; ich kannte eine, die sich das Notwendigste am Munde absparte, um allwöchentlich ein Heiratsgesuch in die Zeitung setzen zu können. Überhaupt sind die Witwen für das »Heiraten durch die Presse« sehr eingenommen.
Es kamen auch Fälle vor, wo die Frau zwei uneheliche Kinder verschiedener Väter mit in die Ehe brachte; in dieser blieb sie kinderlos. Mann und Frau pflegten die absonderlichen »Geschwister« rührend, es hätte keiner geahnt, daß der Mann von keinem der Vater war.
Entgegengesetzte Fälle sind natürlich häufiger, hauptsächlich da, wo eheliche Kinder vorhanden. –
Im ganzen genommen aber halte ich die Ehe in diesen Kreisen für sittlicher, denn diejenige der höchsten Gesellschaftskreise, wo die Frau Geldsack, Repräsentantin und Gebärerin eines Stammhalters sein muß, weiter aber auch nichts. –
Was die Stellung der Frau als Herrin im Haushalt anbelangt, so kann sie meist nach Gutdünken einkaufen, schalten und walten. Sie ist vom Manne weniger unterjocht, als die Frau des Kleinbürgers, die sich oft keinen Weg erlaubt, ohne den Mann um Rat zu fragen. Aber auch hier herrscht, wie überall in Europa den Frauen gegenüber, das Motto: Vae victis!
Merkwürdig ist noch das Vorkommnis, daß in den meisten Familien, wo mehr als sechs Kinder sind, eine Stiefmutter zu finden ist; man könnte hier beinahe die These aufstellen, daß die Frauen dieser Kreise durchschnittlich sechs Kinder auf die Welt bringen können, ehe ihre Kräfte erschöpft und sie dem Tode verfallen sind, ein Triumph für den Philosophen Eduard von Hartmann, der da behauptet, die ganze Frauenfrage sei gelöst, wenn die Frauen mehr Kinder zur Welt brächten, weil sie dann schneller sterben, und einer andern zur Ehe Platz machen würden. Er hat Recht; würden die Frauen im allgemeinen so viel Kinder zur Welt bringen, als sie, unbekümmert um die Qualität derselben, gebären könnten, so würden sie schneller sterben. – Gott sei Dank, daß es aber noch Frauen giebt, und glücklicher Weise viele, die nicht Sklavinnen, sondern Herrinnen ihres Körpers sind!
Das vielgeschmähte Fabrikmädchen ist in mancher Beziehung, verglichen mit den Töchtern des Mittelstandes, zu beneiden, denn es erfreut sich eines Gutes, das jene nicht besitzt: der Freiheit.
Die Mädchen, die sich ihr Brod seit dem 14. Jahre selbst verdienen, sind wenig von den Eltern abhängig; sie zahlen ihr regelmäßiges Kostgeld, das für die Eltern meist mit kleinem Gewinn verbunden ist, und leben im übrigen unbekümmert um diese.
Viele der Töchter helfen in den Abendstunden beim Waschen der Wäsche, beim Reinigen der Zimmer u. s. w.; allein das sind die ganz gutmütigen oder diejenigen, die in friedlichen Familienverhältnissen leben.
Ich habe auch nie gefunden, daß die Mädchen durch diese Selbständigkeit Schaden an Körper und Seele genommen hätten, wenigstens nicht mehr, als es auch unter Egide der Eltern geschehen wäre. Ich fand, daß dadurch die Energie und das ganze Bewußtsein der eigenen Persönlichkeit, die sich selbst erhält, gehoben wird, daß die Mädchen weniger unselbständig und weniger blasiert sind, als die bei der Mutter sitzenden »besseren« Mädchen, deren »Erlöser« stündlich erwartet wird.
Gott sei Dank, daß man unter jenen Arbeiterinnen nicht auch noch ein Heer von Dornröschen findet, die von Rosenduft und Morgentau zu leben glauben, deren einzige Arbeit spinnwebenartige Stickereien sind, und die da von dem Bedauernswerten, der sie in Hymens Tempel einführt, erwarten, daß er ihren Fuß auf Blumen setze und sie über alle irdischen Dinge hinwegtrage auf seinen starken »Ritterarmen«. Von solcher »Poesie« des zu erwartenden Freiers wissen jene Mädchen nichts; im Gegenteil, sie fassen die Ehe keineswegs als einen glücklichen Tausch mit ihrer Mädchenzeit auf, sie haben zu viel traurige Beispiele vor Augen. Ich kannte mehrere, deren Schätze sie jederzeit geheiratet hätten, gutgestellte, fleißige Mädchen mit 12 Mark Wochenlohn. »Ach,« sagten sie, »wir sind noch zu jung zum Heiraten, wir warten noch ein paar Jahre, in Sorgen und Krankheit kommt man früh genug.«
Ich freute mich dieser gesunden Philosophie, die so manches Mädchen vor Elend und Jammer bewahrt hat; trotzdem aber machte ich sie darauf aufmerksam, daß der Schatz ihnen auf diese Weise untreu würde.
»Na,« meinten sie, »dann ist auch nicht viel verloren, dann wäre er so wie so kein guter Mann geworden; wir finden schon wieder einen anderen.«
Thatsache aber ist es, daß die meisten dieser »Bräutigame« wirklich auf ihr Mädchen warten und 8-10 Jahre lang »verlobt« bleiben; sehr viele unserer 24jährigen Arbeiterinnen hatten schon seit ihrem 16. Jahre denselben Schatz, heiraten aber wollten sie immer noch nicht.
Viele der Mädchen sind jahrelang bleichsüchtig und unterleibsleidend; die Arbeiterinnen in sitzenden Stellungen laborieren fast durchwegs am Magen, auf fünf kommen immer vier, die am chronischen Magenkatarrh, Beschwerden, immerwährende Verstopfung und Bruststichen leiden. Es kam fast täglich vor, daß die eine oder die andere auf eine halbe Stunde entlassen wurde, um zum Arzt zu gehen.
Die Maschinenarbeiterinnen sind selten bleichsüchtig und magenkrank; dafür altern sie aber – wahrscheinlich durch die angestrengte Thätigkeit – sehr schnell, ihre Gesichtsfarbe ist schmutzig grau, ihr Gang schlaff und müde, fast durchweg sind sie sehr mager, während ich bei den Strumpf- und Handschuharbeiterinnen wahre Monstra an Beleibtheit fand.
Traurig, sehr traurig aber sieht es mit der wirtschaftlichen Ausbildung der Mädchen aus; sie haben davon meist keinen Begriff. Wenn die Mädchen heiraten, so treten sie in diesen wichtigen Lebensabschnitt ein, ohne die geringsten Vorkenntnisse der gerade in diesen Kreisen so notwendigen hauswirtschaftlichen Kenntnisse; in allen andern Schichten der Bevölkerung kann die Frau durch eine Dienstmagd ihre Unkenntnis ersetzen, oder sie braucht nicht derart mit dem Pfennige zu rechnen und kann eher einmal etwas verderben. In Arbeiterkreisen hängt das Wohl der ganzen Familie von der Frau ab, denn da wird der Vers zur vollsten Wahrheit »..... Ist der Mann auch noch so fleißig Und die Frau ist liederlich, Geht die Wirtschaft hinter sich.«
Die praktische und sittliche Forderung aber richtet sich an die vorbauende und rettende Wohlthätigkeit: Hier ist ein Feld, das die Menschenliebe nimmer fertig bebauen kann, hier gilt das Wirken nicht für die Stunde, es erhält das körperliche und sittliche Wohl Tausender, es ist eine Arbeit, die dem Staat zu gute kommt, es ist ein Wirken für die Nation.
Die Erziehung der weiblichen Jugend bringt, je nach der Art, wie sie betrieben, der Gesamtheit Vorwärtskommen oder Untergang. Wenn wir dem Arbeiterstande tüchtige Frauen und Mütter geben, so wird sich die moralische Stellung des Mannes bessern, er wird ein brauchbareres Glied der menschlichen Gesellschaft werden, als er es je an der Seite einer schlechten Frau werden könnte.
Es existiert eine große Zahl von Fortbildungs- und Haushaltungsschulen, von Arbeiterinnenheimen und Arbeiterinnenasylen; aber alle diese Einrichtungen der Menschenliebe erreichen noch nicht das Gewünschte, erfüllen noch nicht voll und ganz ihren Zweck. So lange die Mädchen zum Besuch einer solchen Anstalt gezwungen werden, können wir nicht segensreich wirken; wir müssen vorerst moralisch auf die Mädchen einwirken, wir müssen in ihnen die Überzeugung wecken, daß sie selber sich ihr Glück und ihre materielle Besserstellung schaffen durch hauswirtschaftliche Kenntnisse.
Die Frauen der höheren Stände, die gebildeten Frauen, die Kämpferinnen für Frauenrecht und Frauenwürde müssen dafür eintreten, sie sind die Berufenen, Segen zu bringen in jene Kreise.
Ich kann hier den ganzen Ernst dieser Frage nicht eingehend hervorheben, es würde mich in Gebiete drängen, die nicht hierher gehören. Aber ehe ich dies Kapitel schließe, möchte ich noch einmal die dringende Bitte an alle edlen Menschen richten: Helft diese Zustände bessern, wartet nicht ab, bis die Sozialdemokratie euch den Weg versperrt hat, denkt daran, daß die Ausbildung der weiblichen Jugend eine hohe Pflicht der Gemeinschaft ist, dazu angethan, das Familienleben der unteren Stände auf feste Grundbahnen zu lenken, die Heiligkeit des häuslichen Herdes zu sichern!
Vergeßt nicht, daß die mangelhafte häusliche Erziehung die Mädchen der Prostitution in die Arme treibt, daß ihr euch durch strenges Abschließen von jenen Kreisen versündigt. Die überhand nehmende Prostitution ist der Ruin des Familienlebens, der Ruin der Generationen, der Felsen, an dem jeder Fortschritt der Frau, an dem die Würde des ganzen Geschlechtes strandet!
Ich hatte mich bemüht, so schlecht deutsch zu sprechen als möglich; trotzdem aber hatten sie aus meinem Deutsch den Berliner »Ton« herausgehört, den ich mir angewöhnt habe.
Sobald die Arbeiterinnen vernahmen, daß ich direkt von Berlin nach Chemnitz gekommen sei, bildete ich den Mittelpunkt ihres Interesses.
Berlin! Für sie ein Eldorado, das Ziel ihrer Wünsche, und dennoch eine Stadt ohne Zucht und Sitte, von der sie glauben, man würde am hellen Tage auf offener Straße ermordet, ohne daß ein Hahn darnach kräht. Die Mädchen hatten mit großem Interesse die Chronik der in diesem Frühjahr gerade in Berlin sehr zahlreichen Morde gelesen und – schnell fertig war die Jugend mit dem Wort!
Ich wurde von allen Seiten mit Fragen bestürmt, wie es in Berlin aussehe, was man treibe, was der Kaiser mache und ob ich ihn schon gesehen. Dabei sprechen sie ausnahmslos mit nicht näher zu beschreibendem Tone absichtlich stets vom »deutschen Kaiser«, während sie ostentativ »unser König« von Sachsens Herrscher sagen. Es ließe sich hier gar vieles sagen, aber ich will mir lieber die Finger nicht verbrennen. –
Unter den soliden tüchtigen Arbeiterinnen gilt der Grundsatz: Bleibe im Land und nähre dich redlich. Unter dem »im Land bleiben« verstehen sie aber immer Sachsen, meist sogar nur Chemnitz. Der größte Teil von ihnen ist nie über Chemnitz hinausgekommen; diejenigen die in Dresden gewesen waren, erzählten mit bewundernswerter Unverschämtheit von den Beschwerden und Gefahren dieser »großen Reise«, während die minder Glücklichen, die noch keine Reise gethan, andächtig zuhörten, und sich Dinge aufbinden ließen, die ein zehnjähriges Berliner Kind nicht glauben würde. Die gewesenen Dienstmädchen hingegen hatten nur ein Ziel vor Augen: möglichst bald in Berlin eine Stellung zu erhalten. Ich mußte ihnen Berliner Stellenvermittlerinnen nennen, an die sie noch am selben Tage schrieben. In Chemnitz erhalten die Dienstmädchen sehr wenig Lohn, d. h. mit Berliner Löhnen verglichen. Gute und tüchtige Mädchen für alles bekommen 7-8 Mark pro Monat, während in Berlin 17-18jährige Mädchen schon 15 Mark pro Monat erhalten. Dieser geringe Lohn und der Umstand, daß die Mädchen häufig in den Familien wenig und schlecht zu essen bekommen, ist mit ein wesentliches Motiv, warum die Mädchen alle in die Fabrik gehen.
Ich wurde auch eingehend nach hübschen Herren gefragt, ob es weniger Mädchen als Herren in Berlin gäbe, und ob die Chancen, recht bald einen Schatz zu bekommen, gut seien. Ich habe sehr viele dieser Abenteuerlustigen im Verdacht, daß sie nicht der gute Lohn und eine gute Stellung, sondern ganz andere Dinge nach Berlin lockten.
Und das bestätigt von neuem meine Aussage im vorhergehenden Kapitel. Jene Mädchen sind jeder häuslichen Arbeit fremd, sie sprechen ein schlechtes, sächsisches Deutsch, so daß keine Berliner Familie sie als Kindermädchen engagieren würde und für andere Stellen taugen sie absolut nichts. Ihre hochgeschraubten Erwartungen veranlassen sie jedoch, keine Stelle als gewöhnliches Aushülfsmädchen zu nehmen, sie werden stellenlos in Erwartung der »prächtigen« Stelle, das ungewohnte, glänzende Berliner Leben lockt und winkt, Bekanntschaften sind schnell gemacht und nach wenigen Wochen schon zieht der größte Teil dieser Mädchen als Prostituierte durch Berlins Straßen.
Man wundert sich über die fürchterliche Menge öffentlicher Dirnen, die in Berlin leben; man wundert sich, daß die Zahl von 40.000 überschritten ist, aber man forscht nicht nach den Ursachen, man philosophiert, aber man handelt nicht.
Man denkt nicht daran, daß ein großer Teil jener Fabrikmädchen, die in Berlin Stellung suchen durch Mangel an hauswirtschaftlichen Kenntnissen der Prostitution in die Arme getrieben werden müssen. Man sehe einmal die Statistik an, die uns zeigt, daß der größte Teil der öffentlichen Mädchen aus bisherigen Näherinnen, Dienstmädchen und Fabrikmädchen besteht.
Im Anfange finden diese stellenlosen Mädchen in Berlin einen »Schatz«, irgend einen Herrn Lieutenant oder Referendar, der mit ihnen zu Kroll geht, sie frei hält – und verführt. Das Sittlichkeitsgefühl im Mädchen, das durch das Fabrikleben wohl an Sitten, nicht aber an Sittlichkeit gewöhnt ist, empört sich nicht allzusehr gegen diese Art des männlichen Schutzes; zudem ist es geblendet durch die Wunderdinge irgend eines Tingeltangels, den es gesehen, und das der schlaue Verführer je nach dem Grad der Naivität seiner Begünstigten, recht raffiniert wählt, so geblendet, daß ihm ein Leben, das täglich solche Freuden gewährt, als das Herrlichste dünkt. Der erste »Schatz« geht ein-, zwei-, auch dreimal mit ihr aus; sie findet einen andern, ihm folgt der dritte, und schließlich ist sie so abgestumpft gegen jedes Schamgefühl, daß sie sich nicht mehr suchen läßt, sie sucht.
Das sind die Resultate des heuchlerischen Satzes des männlichen Schutzes, den sie einem anständig bleibenden Mädchen nicht angedeihen lassen wollen. –
Die Fabrikarbeiterinnen sind merkwürdige Egoistinnen; sie gewähren ihrem Körper nicht das geringste an Schonung oder Kräftigung, aber sie schmücken ihn, wie einen Götzen. Dieser originelle Geiz für das Wohlbefinden der eignen Persönlichkeit äußert sich auch der Alters- und Invaliditätsversicherung gegenüber. Sie sind so naiv, zu glauben, der Fabrikbesitzer sei verpflichtet, für sie zu zahlen, da sie ja bei ihm ihre Gesundheit ruinieren; dem reichen Fabrikanten käme es nicht darauf an, meinen sie, ihnen aber thun die wenigen Pfennige jede Woche sehr weh. Sie denken nicht daran, diese wenigen Pfennige an irgend einem dummen Schmuckgegenstand oder an einem schädlichen Vergnügen abzusparen.
Nur ganz wenige waren mit der Versicherungs-Einrichtung einverstanden, sie sprachen sogar davon, wie von einer Erbschaft. Begeisterung aber fand ich bei keiner einzigen; diese Mädchen leben, wie ich schon gesagt, so sehr für den Augenblick, daß sie keine Zeit finden, an die Zukunft zu denken. In einer der Fabriken, in der ich weilte, war der Besitzer ein herzensguter, menschenfreundlicher Mann, der sich persönlich nach dem Ergehen der einzelnen Mädchen erkundigte. Mit leuchtenden Augen erzählten alle von seiner Güte, und wie sie bei ganz geringem Lohn lieber hier blieben, denn bei hohem Lohn bei anderen zu arbeiten.
Ich hörte auch später thatsächlich diese Fabrik von den andern Fabrikmädchen als eine Art Elysium nennen, mit dem Stoßseufzer: »Hätten wir's nur auch so!«
Dieser Fabrikherr borgte seinen Arbeiterinnen öfters das Geld zur Versicherung, d. h. er ließ es ihnen am Lohn abziehen oder vorausgeben, sodaß das Auszahlen der wenigen Pfennige den Mädchen weniger schwer fiel. Leider aber sind die Arbeiterinnen sich nicht bewußt, wie segensreich die Einrichtung dieser Versicherungen für sie ist; sie sehen sie als eine Art moderner staatlicher Unterdrückung an, weil sie im Glauben leben, der Staat verbrauche das Geld in der Erwartung, daß die Mädchen das Alter nicht erreichen, wo sie es ausgezahlt bekommen sollten.
»Sage mir, wo Du wohnst, und ich sage Dir, wer Du bist!« bin ich immer versucht zu rufen. Ach, aber wenn man dies auf die Arbeiterinnen anwenden würde, so dürften sie größtenteils nicht mehr Menschen genannt werden.
Bei den meisten meiner Gefährtinnen wohnte die ganze Familie in einer Stube und einer Kammer, günstigsten Falls in zwei Stuben. Die Leute ziehen bei ihrer Verheiratung in solch kleine Wohnung, die dann langen mag; kommen aber die Kinder, so scheuen sie die Kosten und Mühen des Umzugs, um eine größere Wohnung aufzusuchen, ja, meistens müssen sie wegen der Mehrausgaben für die Kinder auf Beschränkung des Mietzinses, statt auf Vergrößerung der Wohnung sehen.
Die nach Berliner Art gebauten Mietskasernen liefern ein Heer von Wohnungen, die der bescheidenste Mensch schon kaum mehr »Wohnungen« nennen würde; oft wohnen bis zu 35 Familien in solch einem Hause der Vorstadt. Die Arbeiterinnen, die in den umliegenden Dörfern wohnen, haben freundliche, bessere Wohnungen, meist im eigenen Häuschen.
Die meisten Mädchen wohnten bei ihren Eltern, die wenigsten in Schlafstellen. Ich will gleich hier bemerken, daß ich die Wohnräume meiner Genossinnen in der wärmeren Jahreszeit sah; ich glaube, daß es im Winter bei ungenügender Ventilation und Dunst der Kohlen in diesen Räumen noch viel schrecklicher sein muß.
Es ist sehr zu bedauern, daß die ärmsten Arbeiterfamilien auf eine »gute Stube« halten, daß sie lieber sechs bis acht Personen in einer Kammer schlafen, um die geräumige und luftige Stube nicht mit Betten zu verunstalten. So kommt es, daß das Mißverhältnis zwischen der Enge des Raumes und der Anzahl seiner Bewohner ein himmelschreiendes ist, daß die Kinder in diesen Räumen verkommen müssen, daß die Erwachsenen keinen erquickenden Schlaf finden und Morgens elender und geschwächter aufstehen, denn sie sich Abends niedergelegt haben.
Fast durchwegs zeigte das bessere Zimmer kleinbürgerlichen Komfort, ein Sopha, ein hübsches Nähtischchen, Spiegel mit Konsole und allerlei unnütze kleine Dinge, als da sind Deckchen, Gipsfiguren, Stehrahmen und Truhen. Die Schlafkammer dagegen sah meist einer Trödelkammer ähnlich; abgesehen von den elenden Betten mit schlechten Strohsäcken, die einen widerwärtigen Geruch verbreiteten, lag in einer Ecke die schmutzige Wäsche der ganzen Familie, Windeln der Kinder, daneben Kartoffel- und Zwiebelvorräte, Kochgeschirr, Flaschen, Besen und Lampen; auf einem Tischchen steht übrig gebliebenes Essen, Milch, Kaffee und Brot, daneben Kämme und Seife und allerlei Denkbares und Undenkbares. Ich habe bei keiner der gewöhnlichen Arbeiterfamilien eine Küche gesehen, man kocht in der Schlafkammer, wenn diese nicht ganz dunkel und zu eng ist, sonst in der Stube; aber hierzu entschließen sich die wenigsten gern.
Gewöhnlich schläft der Vater mit zwei Söhnen, die Mutter mit zwei Töchtern in einem Bett, oder Vater und Mutter mit einem Kinde und die übrigen Kinder zusammen je in einem Bett; auf die Geschlechtsangehörigkeit wird wenig Rücksicht genommen. Jungen schlafen mit Mädchen, erwachsene Schwestern mit erwachsenen Brüdern – aber natürlich, die Polizei kann nichts drein reden, denn es ist eben alles »Familie«.
Und in all' dem Elend ist dies immer noch die rosigste Seite des Bildes, selbst wenn sechs Personen in einem Raume schlafen; erst da, wo Schlafburschen oder Schlafmädchen gehalten werden, fängt die grenzenlose sittliche Verkommenheit aller Familienverhältnisse an. Wohl hat die Polizei das Halten von Schlafleuten beider Geschlechter verboten; aber dies Verbot ist dehnbar, und wenn ein lediger »Schwager« in der Familie ist, so kann man doch ruhig ein oder zwei Schlafmädchen nehmen.
Eine Witwe mit zwei Kindern z. B. bewohnte eine einzige große und ganz hübsche Stube mit Aussicht nach den Feldern; Sopha, Konsolspiegel und Wanduhr fehlten nicht. Oben im vierten Stockwerk der Mietskaserne hatte sie noch Zutritt in eine Bodenkammer mit schräg abfallendem Dach, mit Balken und einem einzigen winzigen Fensterchen. Hier schliefen die drei Personen, die Mutter in einem ordentlichen Bett, das eine der Kinder in einer langen Kiste, das andere auf dem Fußboden zwischen Kiste und Bett. Die Luft war hier entsetzlich, die Hitze unerträglich, wie in einem Photographenatelier, der Raum so eng, daß die Frau auf ihr Bett stieg, um die Kinder zu betten, und von ihrem Bette aus erst die Thür schließen konnte. Währenddem stand das geräumige Zimmer im Erdgeschoß leer, nur um eine gute Stube zu haben.
Ähnliches habe ich oft gesehen; das tollste jedoch an »Familienwohnungen«, was ich sah, war die Behausung einer Webereiarbeiterin; das Mädchen bewohnte mit einer Tante, der »Herrin des Hauses«, zwei Stuben und eine Dachkammer. In der Dachkammer, die womöglich noch fürchterlicher aussah, als die vorher beschriebene, schlief die Tante nebst 14jährigem Sohn auf einem Strohsack. Die Webereiarbeiterin schlief im hinteren Zimmer auf einem Feldbett, in einem ebensolchen lagen zwei andere Schlafmädchen, eine 60jährige Sortiererin und eine 15jährige Wäscherin. In dem Vorderzimmer, das man passieren mußte, um in die Schlafkammer der Mädchen zu kommen, schlief auf dem Sopha ein Bruder der Tante und in einer Hängematte (!!!), die vom Fenster zur Thür gespannt wurde, ein Bruder der Nichte; dieser zahlte wöchentlich 2 Mark Schlafgeld mit der Vergünstigung, seinen Koffer mit Effekten im Zimmer aufzustellen. Der Sophaschläfer zahlte 2,80 Mark, jedoch ohne Koffer; ich habe mir nie erklären können, wo diese Leute ihre Sachen lassen.
Eine alte Frau, die halb taub und lahm war, hatte eine Wohnung von Stube und Kammer inne; in letzterer, die stockdunkel war, schlief sie, in der Stube lagen nächtlich vier Personen auf Strohsäcken, zwei Dienstmänner und zwei Fabriklehrlinge. Diese vier »Herren« durften sich jedoch nicht vor ½9 Uhr abends einstellen und mußten die Schlafstelle wieder um ½6 Uhr morgens verlassen. Triumphierend erzählte mir die alte Frau, daß die Lehrlinge anfangs am Sonntage länger schliefen; da habe sie dieselben so lange gekitzelt, bis sie aufgestanden seien; für den Sonntag Vormittag vermietete sie das Vorderzimmer einer Wahrsagerin, die dafür monatlich 3 Mark bezahlt, die Alte sorgt ihr für Kundschaft und bekommt dann Tantièmen.
Einige meiner Gefährtinnen und speziell die auf dem Lande wohnten ganz hübsch; Vater und Mutter schliefen dann mit dem jüngsten Kinde in einem Zimmer, die übrigen Töchter in einer und die Söhne in der anderen Kammer.
Die Art, wie die Mädchen schliefen, zeigte sich in ihrem ganzen Wesen, im Benehmen, wie in der Kleidung. Die Schlafgängerinnen und jene, die in erbärmlichen Klausen mit anderen zusammenschliefen, waren roh, schamlos und körperlich schmutzig, oft mit Ungeziefer behaftet. Die Mädchen, die bei den Eltern oder als einzige Fremde bei einer Verwandten wohnen, sind gesitteter, manierlicher, reinlicher.
Bei ersteren findet man nicht viel von der vielbesprochenen »edlen Weiblichkeit«, von ihrer Stellung als »Hüterin der Ehre und Sitte, als Trägerin des Schönen, des Guten, der Ideale!« Es ist ein sonderbares Ding um die Logik unserer männlichen Gegner! Sie weisen die Frau zurück, wenn sie ins öffentliche Leben treten will, sie sagen ihr, um sie einzulullen gar süße Worte von Frauenanmut und Frauenberuf, von dem unvergleichlichen, schönen Wirken in der Familie, das ihr der Mann durch Verehrung und Achtung vergilt. Diese Paradoxe suche ich nicht zu widerlegen; ich sage einfach: je mehr die Frau im Hause arbeitet, je mehr sie Kinder gebiert und wäscht und kocht, je mehr isoliert sie sich vom Mann, je mehr sucht er Geselligkeiten außer dem Hause, je mehr wird sie ihm Magd und Geschlechtswerkzeug, je mehr mißachtet er sie.
Wir Anhängerinnen der Frauenbewegung sind in unserm Vorgehen konsequenter, denn unsere Gegner; wir legen uns Opfer auf, um für unsere Ideeen zu wirken; wir gründen Vereine, richten Unterrichtskurse, Schulen und Heime für alleinstehende Mädchen ein, alles aus eigenen, freiwillig gespendeten Mitteln.
Warum thun unsere Gegner nichts für ihre Bestrebungen, warum bauen sie jenen Arbeiterinnen, die da verkommen in Unweiblichkeit und Unmoral, warum bauen sie ihnen nicht gemeinsame Wohnhäuser, wo die »edle Weiblichkeit« nicht gefährdet wird, wo die Mädchen sich mit »echt weiblichen Arbeiten« beschäftigen und »mit schamhafter Sitte in ihrer Hütte« bleiben?
Warum arbeiten die Herren Gegner nur mit dem Munde, nicht mit der That? Warum sind wir unweibliche Frauen diejenigen, die Arbeiterinnenschulen und Heime gründen, die Kochkurse und Flickstunden den Armen verschaffen?
Warum suchen denn die »weiblichen« Frauen, deren größtes Vergnügen ein Kaffeeklatsch ist, warum suchen sie nicht die Wohnungen der Arbeiterinnen, der Verkommenen auf, um ihnen vorzuleuchten als Muster tugendhafter Weiblichkeit, als »verehrte und geliebte Gattin« eines sie hochschätzenden Gatten? Wir unweiblichen Geschöpfe können das doch nicht!
Warum tragen die »Pflegerinnen der Kindheit«, die »Samariterinnen«, die »sanften Gattinnen mit den Taubenaugen«, warum tragen sie nicht Hygiene, Lehren zur Erziehung der Kinder und die edle Kochkunst in die Wohnungen jener Unwissenden?
Oder ist auch solches Wirken unweiblich und in der Theorie Sache der Männer, nur in der Praxis Frauenpflicht?
Ja, ja, es ist ein eigen Ding um die Logik! –
Um das Schlafstellenunwesen gründlich zu studieren, bin ich während fünf Tagen, von Morgens bis Abends, Trepp auf, Trepp ab, in allen Teilen von Chemnitz, auf Wohnungs- resp. Schlafstellensuche gewesen.
Ich möchte hier gleich all' den Damen der Gesellschaft, die sich »mit Ekel von der häßlichen Genußsucht der Mädchen aus dem Volke abwenden«, raten, doch auch einmal solch eine Wanderung anzutreten; vielleicht daß sie ihr parfümiertes Taschentuch dann öfters gebrauchen werden, um ihren aristokratisch-weiblichen »Ekel« zu verbergen.
Ich will, um das Chaos der schrecklichen Dinge, die ich da gesehen, in meinem Kopfe zu ordnen, meine Wanderung von Anfang bis zu Ende erzählen, dabei aber nur die besten und die schlechtesten Schlafstellen berücksichtigen.
Ich hatte, um recht krasse Zustände kennen zu lernen, ein Inserat erlassen, wonach »eine arme und hier gänzlich fremde Arbeiterin eine Schlafstelle suchte«. Fast alle Offerten, die ich erhielt, trugen auf einem Fetzen Papier nur Angabe der Straße und Hausnummer; von den 17 Antworten, die auf mein Gesuch einliefen, waren nur zwei ausführlich, und die will ich hier wortgetreu wiedergeben: