1.

Wir haben ein logi für sie, es ist eine schöne kamer im driten stock aber nich sehr haiß, aber weil wier fünf Kinter haben und eine schlaafstehle abgeben könen möchten sie doch komen um sie anzusehn, das der preis ist 2 Mark für die Woche mit dem kafee und wäsche können sie hir waschen. Mannsleute haben wier nich in der wohnung allens für uns allein. Es grüßt sie

Frau .......

2.

Vorgestern hat meine schlafgengerin gekündigt und sie ist mit einem hern gegangen und in das Zimer gekomen was ich nicht leide, weil ich mit meine Frau und Kindern drin schlafe. Ich hab ihr gekündigt Sie können kommen, es kostet 1,50 für 7 Tage und eine kaffeschänke ist nebenan, ein früstük kostet 10 fennige.

Alexander ........
  Maschinist.

Ich suchte diese beiden »Schriftkundigen« zuerst auf, ich war wirklich gespannt, ihre Bekanntschaft zu machen. Die erste Schlafstelle befand sich im Erdgeschoß, in einer kleinen, halbzerfallenen Hütte, die jedenfalls bald abgerissen werden mußte; der kellerartige Raum hatte steinernen Fußboden und ungetünchte Wände. Unmittelbar über dem verhältnismäßig guten Bett hing ein Spinnennetz, eine große, graue Mauerspinne glotzte mich feindselig an, als fürchte sie, daß ich ihr das Bewohnerrecht des Raumes streitig machen könne. Ich sollte in dieser Behausung mit der Frau und dem 4jährigen Töchterchen schlafen, der Mann, die vier Jungen und der Vater des Mannes schliefen im Vorraum. Das Ganze war noch nicht eins der schlimmsten Logis, denn die Leute hielten keine weiteren Schlafleute, die fünf Kinder sahen nett und manierlich aus, Vater und Mutter machten einen guten, wenn auch sehr gedrückten Eindruck. Ich merkte gar bald heraus, daß ihnen 2 Mark pro Woche außerordentlich viel ausmachen würden. So mietete ich denn die Schlafstelle, die ich im voraus bezahlte; sie haben mich aber nie wiedergesehen.

Die zweite Schlafstelle war in jeder Beziehung ein Gegenstück zu der ersten. Sie befand sich im vierten Stock einer fürchterlichen Mietskaserne; aus allen Zimmern der Stockwerke, die ich passieren mußte, ertönte Kindergeschrei, Flüche und Gekeife von gellenden Weiberstimmen. Windeln und elende Frauenunterkleider hingen zum Trocknen vor jedem Fenster, ein entsetzlicher Zwiebel- und Essensgeruch erfüllte das Haus. Es war gerade Mittagszeit, die Arbeiter und Arbeiterinnen kehrten eben zurück, einer nach dem andern verschwand hinter den Thüren. Ich klopfte an die Thür, die den Namen des Briefes trug; wüstes Stimmengeschrei tönte mir entgegen, ein sechsjähriger Bengel riß die Thür auf, im Hintergrund erschien die Frau. Sie wußte gleich, was ich wollte, ich trat ein; das Gemach, in dem ich stand, war klein, viereckig, an den Wänden standen drei Betten, in der Mitte des Zimmers ein Tisch, an dem fünf Männer saßen, die aus einer gemeinsamen großen Blechschüssel löffelten. Wohin ich blickte, lagen, standen, saßen und schliefen Kinder, Kinder in allen Größen, Knaben und Mädchen, eines verlumpter als das andere.

Und in diesem Raume bot man mir an, mit Mann, Frau und zehn Kindern zu schlafen, von denen das älteste etwa acht Jahre, das jüngste ein halbes alt sein konnte; zwei Zwillingspärchen kauerten am Fußboden, das eine mit blödsinnigem Gesichtsausdruck, das andere verwachsen.

Die Männer, Kostgänger zum Mittagstisch, betrachteten mich schon als die Ihre, mit zweideutigen Witzen und dummen Redensarten suchten sie mich zu fesseln; die Frau, die wieder schwanger war, bot einen ekelerregenden Anblick, wie sie mit kurzem Rock, Nachtjacke und bloßen Füßen ein zustimmendes, freches Gejohle ausstieß, so oft einer der Männer eine recht gemeine Zote ausließ. Ich blieb etwa fünf Minuten, schien mit der Schlafstelle einverstanden zu sein, benutzte aber den ersten unbewachten Moment, um die Thür zu öffnen und hinunter zu eilen; ich hatte zum ersten Male Angst. Ich dankte Gott, als ich wohlbehalten unten bei meinem Manne anlangte, der mich überall hin in angemessener Entfernung begleitete; ich glaubte unter jenem Gesindel beinahe einer Hülfe zu bedürfen.

Ich sah in den nächsten Tagen noch eine große Anzahl Schlafstellen, teils in Bodenverschlägen, kellerartigen Räumen oder in Zimmern, bevölkert von 4-10 Personen, die mehr oder minder vertiert waren, und wo speziell die Frauen Unglaubliches an Gemeinheit und Roheit leisteten. Die Preise der Schlafstellen variierten zwischen 1-3 Mark wöchentlich, inklusive Kaffee. Manchmal fand ich auch winzig kleine Stübchen mit Tisch, Bett und Stuhl, in denen die Bewohnerin sich kaum drehen und wenden konnte, die aber reinlich und nett aussahen; blühende Blumen vor dem Fenster, weiße Vorhänge, kleine Bildchen und Statuetten verliehen diesem Stübchen etwas anmutendes. Solch ein Zimmerchen bezahlte man mit 6-8 Mark monatlich; meist wurde es von Näherinnen oder Ladenmädchen bewohnt. Die es vermieteten, waren kleine Beamten, Zug- und Lokomotivführer, Schutzleute und Aufseher; man sah dem ganzen Heim das Walten des früheren Dienstmädchens aus feinen Häusern an, das gewohnt war, Ordnung zu halten.

Auch in den Arbeiterfamilien, wo die Frau Dienstmädchen gewesen ist und nie in der Fabrik gearbeitet hat, fand ich Reinlichkeit, Ordnung, Schönheitssinn, mehr ein Nachahmen bürgerlicher Kreise; Schlafstellen vergaben diese Familien in den seltensten Fällen.

Von einer originellen Schlafstelle will ich noch berichten.

In einem der Arbeiterviertel, draußen bei der Zschopauerstraße, von wo ich mehrere Offerten erhalten hatte, zeigte mir eine Frau die zu vermietende Schlafstelle, die 1 Mark pro Woche kosten sollte.

Die Frau öffnete eine Wandthür im Korridor, deutete in den dunklen Schrank und sagte: »Das is hier!« Ich sah hinein; sobald sich meine Augen an die Dunkelheit gewöhnt hatten, sah ich, daß eine Kommode in dem Raume stand.

»Ja, was denn?« stammelte ich in höchstem Erstaunen.

»Na,« meinte die Frau, »das ist eine Bettkommode, die wird am Abend ausgezogen bis in den Korridor hinein!«

Ich war starr; bis zur Mitte der Brust lag man also im dunklen Wandschrank, die übrigen Körperteile schliefen im Korridor. Es war zu naiv köstlich, ich konnte mich des Lachens kaum erwehren.

Jeder, der den Korridor passierte, sah natürlich den Schläfer; und wenn auch vielleicht nur zwei Familien Zutritt zu diesem Gang hatten, so konnte man immerhin nicht wissen, wer da alles aus- und einging.

Als ich der Frau von vornherein meine Abneigung gegen solch einen Schlafraum kund that (ich habe die Leute niemals im Glauben gelassen, daß ich mieten wolle), sagte sie wütend spöttisch: »Ja, wenn Sie Ihren Schatz im Hotel empfangen wollen, dann müssen Sie eben nicht nach einer Schlafstelle suchen!« –

Nach allem, was ich gesehen, muß ich sagen, daß es ein Wunder zu nennen wäre, wenn die Mädchen, die in solchen Räumen wohnen und schlafen, sittlich und moralisch wären. Vom frühesten Kindesalter an wird das Schamgefühl in der jungen Seele systematisch zu grunde gerichtet, der Geschlechtsunterschied nicht mehr inne gehalten. Jung verheiratete Leute schlafen mit Burschen und Mädchen in einem Raum, Frauen bringen Kinder zur Welt im gleichen Zimmer, wo junge Lehrlinge wohnen.

Es kommen Dinge vor, die hier nicht wiederzugeben sind, Scenen, die nicht mehr gemein, sondern bestialisch zu nennen sind.

Unsere Gegner befürchten die schrecklichsten Zustände, wenn Männer und Frauen in gemeinsamen Hörsälen studieren; sie glauben, oder, was mir richtiger scheint, sie wollen glauben, daß dann jedes Schamgefühl im Mädchen ersterbe, ersterben müsse, trotz der hohen Bildung, die es erhalten, und die immer ein Schutzmantel gegen Immoralität ist; ich möchte sagen: Bildung, tiefes, reiches Wissen bedingt Sittlichkeit!

Warum aber fürchtet das Heer der Gegner nicht das ewige Zusammensein und Zusammenleben jener Kreise, wo die Bildung ein unbekannter Begriff und der Mensch eher zum Laster geneigt ist, denn bei sittlichgebildeten Menschen? Hier wird das Zusammensein der beiden Geschlechter verhängnisvoll, weil sie hier keine gemeinsamen höheren Interessen haben, weil sie hier nichts zusammenführt, denn Sinnlichkeit!

Oder ist die männliche deutsche Jugend so verkommen, daß sie mit keinem anständigen Mädchen mehr anständig verkehren kann, schützt die akademische Bildung, die Erziehung unter Ägide einer echt weiblichen Mutter die jungen Männer so wenig, daß sie im Mädchen nicht mehr die »edle Weiblichkeit« erkennen, sondern nur das Werkzeug zur Befriedigung geschlechtlicher Ausschweifungen?

Gewiss, wenn man die jungen Herren Corpsstudenten, die in Zucht und Sitte bis zum 20. Jahre zu Hause aufgewachsen sind, mit den vom 14. Jahre an oft elternlosen, immer aber ihr Brot allein verdienenden Fabrikarbeitern vergleicht, so sind diese tausendmal moralischer und tausendmal weniger verdammenswert!

Und mit den jungen Mädchen der höheren Stände, die nie von Mutters Schürze wegkommen, ist es noch viel schlimmer.

Jene Fabrikmädchen, die da in erbärmlicher Wohnung vegetieren, die sich ihr Brot bitter schwer erwerben müssen, die nichts denn Rohheit und Verkommenheit bei ihrer Umgebung sehen, denen niemand von den »hohen Zielen« der Frau »als Hüterin der Ideale« spricht, sind zu entschuldigen, wenn sie nichts Höheres kennen, als die Befriedigung tierischer Triebe, die Sucht, ihr elendes Dasein in traurigen Vergnügungen zu ertränken.

Sie kennen kaum den Begriff der sorgenden Elternliebe, des Dornröschendaseins, das alles wie durch Zauberhände, in Wirklichkeit aber durch das Portemonnaie der Eltern, vorgelegt bekommt, das die kleinen Hände nur zu feinen, niedlichen Arbeiten vulgo Spielereien hat, das von Vergnügen zu Vergnügen jagt, genau mit denselben unsittlichen Gedanken im »jungfräulichen« Herzen, wie die Arbeiterin sie – natürlicher und deswegen moralischer – dem Schatz gegenüber empfindet.

Spekulieren sie nicht ebenso auf die Sinnlichkeit der Männer, jene ehrbaren Töchter, die mit entblößten Armen, Nacken und Schultern zum Balle eilen, wie jede Straßendirne? Diese will den Mann auf Augenblicke fesseln, jene auf Lebenszeit, der Unterschied ist gering.

Die Fabrikmädchen lassen sich verführen ohne geschminkte Heuchelei, die feinen Dämchen aber verführen selber, d. h. sie reizen den Mann durch Ball- und Toilettenkünste bis zu einem gewissen Grad; wenn sie wissen, daß er ins Netz rennt, ziehen sie sich ins Schneckenhaus zurück und spielen das »keusche Gretchen«.

Sagen das die vielen »Gedankensplitter« und »Goldkörner« nicht hinreichend deutlich, die sich alle darauf beziehen, die heutige deutsche Frau in »origineller« Weise zu besingen? Ich wähle hier einige Aperçus des Dichters Georg von Schulpe, die augenblicklich in den »Salons« beliebte Ware sind.

»Die tausend feinen Fäden der Coquetterie, mit denen ein schönes Weib die Männer umgarnt, können sich leicht in eherne Fesseln verwandeln.«

»Die Sirenen der antiken Sage suchten ihre Männer durch ihren Gesang, die Zaubermacht ihrer Stimme zu bestricken, die modernen Sirenen vermögen dies durch ein beredtes Schweigen, einen vielsagenden Blick ihrer Augen zu erzielen.«

»Die Eitelkeit ist die gefährlichste Krankheit der Frauen, ihre Krisis ist die Gefallsucht, ihr Ende zumeist der sittliche Tod.«

»Ist eine Frau gefallsüchtig, so fällt sie auch in den meisten Fällen.«

»Liebe und Eitelkeit sind die Gottheiten der Frauen, doch oft opfern sie ihre Liebe der Eitelkeit zuliebe.«

»Am Weibe ist alles Zweck und Berechnung, und doch fällt es so manchmal aus seiner Rolle, und gerade diese unberechnete Berechnung ist's, die ihm den höchsten Zauber verleiht.«

»Die Frauen haben einen scharfen Blick, die Männer zu durchschauen und eine geschickte Hand, sie einzufädeln.« –

Der Dichter dieser »schönen« Sprüche hat seine Modelle dazu doch jedenfalls aus den feinen Kreisen genommen. Wie müßten jene Frauen, die bei gutem Familienleben so verkommen können, wie die modernen Dichter sie uns schildern, erst werden, wenn sie durch Schicksalsschläge in die Lage der Fabrikmädchen kämen? –

Zehntes Kapitel.
Religion.

Mit der Religion standen die Arbeiterinnen auf sehr gespanntem Fuße. Pfaffen, Kirche und Beten sind ihnen ein Gräuel, sie meinen, wer viel betet und in die Kirche läuft, muß ein schlechtes Gewissen haben. Es ist auch seltsam, daß sie den Geiz stets mit der Frömmigkeit in Zusammenhang bringen und den Wahn haben, wer fromm sei, müsse geizig und wer geizig, fromm sein. Sie glauben wohl an Gott, aber als an ein notwendiges Uebel. Es ist dasselbe Verhältnis, wie zu ihrem Schullehrer, sie fürchten Gott, aber sie glauben sich ihm entzogen, wenn sie einmal konfirmiert sind. Bis zur Konfirmation hüten sie sich vor dem Bösen, ich glaube, sie würden sich vor einem Diebstahl fürchten; nach der Konfirmation aber ist alles wie weggeweht, sie fluchen und lästern Gott und kichern im Hintergrunde: »Ha, Du wütender Gott, was willst Du thun, wir sind konfirmiert, Du hast uns nichts mehr zu sagen!«

Das Benehmen der Geistlichen selber ist aber größtenteils Schuld an diesen Zuständen. Ich habe in Familien verkehrt, wo konfirmierte und nichtkonfirmierte Töchter vorhanden waren. Wenn der Prediger die Familie besuchte, was allerdings sehr selten vorkam, so verkehrte er freundlich und »väterlich« mit den jüngeren, salbungsvoll predigend mit den großen Mädchen. Er tadelte, wenn sie noch so anständig waren, alles an ihnen, ihre Kleidung, ihre Sprache, ihr Benehmen, ja, selbst ihr Gesicht. So hörte ich ihn einmal in einer Familie, wo die 16jährige Tochter einen durchaus tadellosen Lebenswandel führte, zu derselben sagen: »Ja, mein Kind, Du bist hübsch und blühend nach außen, aber häßlich und trocken im Innern. Der Herr aber sieht nur ins Herz, ihm wäre es wohlgefälliger, wenn Du, statt Dir Stirnlocken zu drehen, Deine Seele vom Erdenschmutze rein hieltest!«

Das Mädchen war tief empört, es schmähte den Pfarrer und die Kirche und räsonnierte sehr richtig: »Der sieht auch nur den Splitter in unserm Auge, nicht aber den Balken im Auge seiner Tochter.«

Ich hörte überhaupt öfters Aussprüche, wie:

»Na, wenn Gott gütig und barmherzig ist, warum hat er dann Freude daran, daß Tausende armer Bettler leiden, daß im Winter so viele verhungern und erfrieren, daß es so viel grausig verkrüppelte Menschen giebt?«

Oder: »Wenn Christus ein uneheliches Kind der Maria war, warum schmäht man uns, wenn wir ein Kind haben, ohne verheiratet zu sein?«

Am meisten spotteten sie über das biblische »Wen der Herr lieb hat, den züchtigt er!« Sie wollten lieber von Gott gehaßt werden, denn Schicksalsschläge als Beweise der göttlichen Liebe annehmen.

Wir sprachen auch manchmal über die Bibel; ich wurde dann eifrigst befragt, ob die Berliner viel in der Bibel lesen, die wären doch so schlau, die wüßten schon, was an der Bibel sei.

Ich gab ihnen offen und ehrlich meine Anschauungen zum besten, wonach die Bibel eine alte Chronik sei, mit ebenso viel rührend schönen, als für den Menschenverstand schädlichen Stellen. Dies schien ihnen sehr zu gefallen, denn während der Mittagspause kam ich an mehreren Gruppen von Mädchen vorüber, die über das Thema diskutierten und sich zustimmend zu meiner Äußerung verhielten.

Die Gültigkeit einer Ehe hingegen hängt in ihren Augen vom Wort des Pastors ab; ich suchte die Mädchen auszuforschen, was sie von einer Ehe, nur auf dem Standesamt geschlossen, denken. Sie halten eine Ehe ohne kirchliche Weihe überhaupt für nicht legitim; einige meinten naiv: »Na, dann sind die beiden ja gar nicht verheiratet, dann können sie ja jeden Tag auseinander.« Hier spricht aber nicht Religiosität aus dem Urteil, sondern das Festhalten an althergebrachten Sitten.

Merkwürdiger Weise hegen fast alle diese Mädchen eine große Hochachtung vor barmherzigen Schwestern; sie achten sie weit höher, denn den Pfarrer, schelten jene niemals Heuchlerinnen und Scheinheilige, wie sie es diesem gegenüber thun. Ich glaube nach allem, daß die religiösen Schwestern die einzigen sind, die unbegrenzte Macht über jene Mädchen erlangen könnten.

Ich habe aber auch von Seiten der Schwestern das Gegenteil bemerkt in der Ausübung der Nächstenliebe, wie von den Geistlichen. Wo jene zur Krankenpflege oder aus anderen Motiven in Arbeiterfamilien verkehren, sind sie freundlich, gütig, geduldig; ich kannte Mädchen, die, wenn sie ein neues Kleid oder einen etwas frech aussehenden Hut trugen, mit dem Schatz am Pfarrhause vorbeizogen, recht laut lachten und lose Reden führten, um den Pfarrer zu ärgern. Von den selben weiß ich mit voller Bestimmtheit, daß sie, als eine barmherzige Schwester in ihrem Hause thätig war, ihr Haar einfacher kämmten und jeden Schmuck wegließen, um die Achtung der Schwester nicht einzubüßen.

Und auch hierin liegt ein Stück Frauenfrage, ein glücklicher Beweis, daß Frauen auf Frauen einwirken können, wo Männer nutzlos arbeiten; daß die Ansicht so vieler Gegner, wonach eine Frau vor einer andern Frau keine Achtung habe, sondern sich nur der physischen Gewalt beuge, eine irrige ist.

Elftes Kapitel.
Sozialdemokratie und Frauenfrage.

Es ist ein sonderbares Ding um die Sozialdemokratie der Arbeiterinnen!

»..... ich finde nicht die Spur
Von einem Geist, und alles ist Dressur!«

Wohl nannten sich fast alle Mädchen, mit denen ich zusammen war, »Sozialdemokratinnen«, aber wenn man der Sache auf den Grund ging, so waren sie es nur, weil ihre Väter, Brüder oder Schätze Sozialdemokraten sind, in ganz verschwindend seltenen Fällen aus Überzeugung. Diejenigen, die wirklich Kenntnis von den Lehren der Sozialdemokratie besaßen, sind die verheirateten Frauen, die durch ihre Männer in den Strudel der Agitation hineingezogen werden und auf diese Weise zuletzt selber mitwirken. Sie sind, je nachdem wie sie die sozialdemokratische Richtung auffassen, entweder umsichtig und verhältnismäßig gebildet oder roh und verkommen, aller menschlichen Gesetze spottend.

Ich brachte die Rede wiederholt auf Bebels Buch: »Die Frau und der Sozialismus«, allein die wenigsten unter ihnen kannten es, sie hatten kaum eine Ahnung von dessen Existenz. Sie wissen nichts von Verbesserung des Frauenloses, von Zukunftsstaat und Zukunftsträumen, von Liebknecht und den sozialdemokratischen Führern.

Ihre ganze Sozialdemokratie besteht darin, daß sie das Recht auf Arbeit vertreten, daß sie mehr verdienen möchten und neidisch auf alle Gutgestellten sind. Dieser »Neid auf Gutgestellte« umfaßt aber nur den Kaufmannsstand, Fabrikbesitzer, Geschäftsleute, seltener Beamten; sie sympathisieren mit Offiziersfrauen, von denen sie mit freundlichem Mitleid sprechen.

»Ach,« hieß es da, »die armen Offiziersfrauen, die haben größtenteils nur ein altes Kleid anzuziehen; das Geld langt zu nichts, sie können sich nie richtig satt essen, weil sie Gesellschaften geben müssen.«

Es war dies kein ironisches Kritisieren, sondern aufrichtige Teilnahme für jene Damen. Ich glaube, daß diese Ansicht durch Dienstmädchen verbreitet worden ist, die in armen Offiziersfamilien gedient hatten, wo allerdings Schmalhans recht oft Küchenmeister sein mag.

Die Mädchen haben auch nicht den geringsten Sinn für Tagesinteressen und öffentliche Fragen; sie lesen wohl Zeitungen, aber nur die Lokalberichte über Mordthaten; hatte die eine einen recht grausigen Mordfall in einer Zeitung entdeckt, so brachte sie das Blatt mit zur Fabrik, las es laut vor, die gräßlichsten Stellen laut betonend. Es wirkte äußerst komisch, als einmal eines der Mädchen nach Beendigung der Lektüre ausrief: »Aber war das ein schöner Mord!« Dabei standen ihr selber die Haare zu Berge.

Das Aufseherpersonal besteht durchwegs aus Sozialdemokraten; sie behandeln die Arbeiterinnen durchaus nett und freundlich. Jedoch bemerkte ich, daß mancher dieser Männer die Mädchen bevorzugte, deren Väter oder Brüder Gesinnungsgenossen von ihm waren, während er Töchter konservativ gesinnter Väter oftmals ungerecht behandelte.

Durch die bestehenden Verhältnisse werden die Mädchen zur Sozialdemokratie getrieben; der Tag wird kommen, wo eine Arbeiterin gleichbedeutend sein wird mit einer Sozialdemokratin. Manche Mutter, die in der Zeit ihrer Ehe Muße gefunden hatte, über sozialdemokratische Ideen nachzudenken, kleidete ihre Töchter mit Vorliebe in rot, oder ließ sie, wenn sie größer wurden, rote Hutgarnitur und rote Schleifen tragen; hier artete die Liebe zur Sozialdemokratie in Fanatismus aus.

Am interessantesten waren die Dinge und Meinungen, die ich über den deutschen Kaiser hörte; es wurde viel über ihn gesprochen, weil die Mädchen in der Auffassung leben, daß in Berlin ein jeder von jedem Schritt des Kaisers unterrichtet sei und ich doch »viel erzählen« könne. Selbstverständlich handelt es sich dabei nur um interne Angelegenheiten des Kaiserlichen Familienlebens; sie wollten wissen, wie das Kaiserliche Paar zusammen lebt, wie viele Kleider und Hüte die Kaiserin hat, ob die Prinzen gut erzogen seien und anderes.

Wir haben uns manche Stunde über dies Thema unterhalten, leider kann ich hier aber auf die Einzelheiten nicht eingehen. In den Wohnungen hingen allenthalben fürchterliche Öldruckbilder des sächsischen Regentenpaares, aber nur höchst selten das Bild des Kaisers, das der Kaiserin sah ich nie.

Die Mädchen scheinen auch keinen rechten Begriff von Majestätsbeleidigung zu haben; ich erschrak oft, mit welcher Kühnheit sie allerlei Dinge aussagten, die ihnen die Freiheit auf lange hätten rauben können.

Auch hier fand ich ganz konträre Punkte zu Göhres Ansicht, welcher sagt, daß die Arbeiter sich vor Majestätsbeleidigungen hüten, weil keiner dem andern traue, daß der Kaiser ihnen eine sympathische, volkstümliche Gestalt sei.

Ich fand immer, daß sie den deutschen Kaiser nicht als zu ihrer Heimath zugehörig anerkennen, daß er für sie ein fremder Herrscher ist, der ihren König unterdrücken will, daß sie den Haß gegen die Preußen auch auf den Kaiser übertragen. – Die Landarbeiterinnen sind durchwegs Sozialdemokratinnen mit bedeutend gründlicherer Kenntnis der sozialdemokratischen Lehren, als ich sie bei allen Stadtmädchen fand.

Hier üben die Frauen auch Einfluß aus auf die politische Wahl der Männer, hauptsächlich insofern, als Familienväter vieler Kinder diejenigen wählen, die gegen die Kornzölle stimmen. Ich kannte eine Arbeiterfamilie, die wöchentlich 81 Pfund Brot verzehrte; die Frau hetzte beständig ihren Mann, »ja am nächsten Wahltage einen »besseren« zu wählen, dann würde das Brot doch gewiß billiger.«

Der Hauptgroll aber richtete sich gegen die Bäcker, die, trotz Zollermäßigung in den neuen Handelsverträgen, den Preis des Brotes nicht herabsetzten. Bei Familien, die 81 Pfund Brot wöchentlich verzehren, wäre eine Herabsetzung der Brotpreise natürlicher Weise von großer Bedeutung für das Haushaltungsbudget. Sonst aber fand ich keinerlei politische Ansicht bei den Frauen, weder Interessen, noch Verständnis dafür.

Die Mädchen besuchen sehr selten sozialdemokratische Versammlungen, selbst die verheirateten Frauen sind dort nicht oft gesehene Gäste. Ich muß leider eingestehen, daß die Arbeiterinnen überhaupt sehr wenig Kenntnisse der öffentlichen Vorgänge besitzen, und auch gar kein Interesse dafür zeigen. –

Etwas besser stand es schon mit ihren Ansichten über die Frauenfrage. Nur will ich hier gleich betonen, daß sie keine Ahnung von der Agitation der Kämpferinnen für Frauenrechte haben, daß sie unsere Forderungen nicht kennen, weder von Frauenstudium noch Mädchengymnasien einen Begriff haben und auch nicht erwarten, daß die Stellung der Frau je anders würde. Aus diesen Gründen bedaure ich, daß die Sozialdemokratie unter den weiblichen Arbeitern nicht tiefer eingedrungen ist, sie allein würde den Mädchen Interesse an Bildung und Menschenrechten geben. Ebenso lebhaft bedaure ich, daß das Bebelsche Buch unter den Mädchen so wenig bekannt ist; ich sage das, trotzdem die darin vertretenen Anschauungen nicht immer die meinen sind; sie geben aber den unwissenden Arbeiterinnen wenigstens Aufklärung über die Stellung der Frau im Leben und regen sie an zu ernsterem Denken. Das wäre eine Vorarbeit zu unseren Bestrebungen.

Ich habe meine Gesinnungsgenossinnen so oft klagen hören, daß es tausend und abertausend Frauen giebt, die keine Ahnung von dem Wirken von unserer Seite haben; wir agitieren durch Wandervorträge und Zweigvereine, die wir in allen Städten zu gründen suchen, allein stets kommt der Gewinn, den uns diese Arbeit bringt, den oberen Kreisen zu gute. Ich glaube, daß die meisten Damen es geradezu lächerlich finden würden, wenn man davon spräche, den Arbeiterinnen Vorträge über die Frauenfrage zu halten. So lange man die Thätigkeit aber auf seinesgleichen, auf gebildete Kreise ausstreckt, auf Frauen, die der »guten Gesellschaft« angehören, so lange ist alles Wirken Spielerei. Jedweder Baumeister baut lieber den schlanken Turm der Kirche, denn im Schlamme des Grundwassers das Fundament zu legen; aber wenn dieses nicht gelegt wird, dann stürzt der stolze Turm zusammen.

Für die Mädchen der unteren Stände giebt es noch weniger Berufsarten, als für die Töchter des Mittelstandes.

Wollen sie nicht dienen, so erwartet sie die Fabrikarbeit, und wollen sie auch dieses nicht, dann harrt ihrer – die Prostitution! Die Prostitution ist der Ruin des Frauengeschlechtes, die Prostitution ist einer der Hauptfaktoren, durch den eine »Frauenbewegung« entstanden ist. So lange wir das immer dicker und üppiger werdende Reptil der Prostitution ruhig wachsen lassen, nützt alle Arbeit nichts, sie bleibt fruchtlos. Und um die Prostitution auf das allerniedrigste Maß zu beschränken, müssen wir in erster Linie die Mädchen haben und besser stellen, die das Heer jener Jammergeschöpfe liefern.

Ein neuerer Schriftsteller sagt uns: »Wir fehlen schlimmer und barbarischer, als jene Nationen, bei welchen dem Manne mehrere Frauen erlaubt sind und welche die Frau rein als lebende Ware betrachten; denn bei solchen Völkern werden die Frauen wenigstens mit Obdach, mit Nahrung und Kleidung versorgt, sie werden verpflegt wie das Vieh. In einem solchen System liegt Konsequenz. Allein in Deutschland werden die Frauen wie das Vieh betrachtet, ohne daß wir nur wenigstens für sie sorgen, wie für das Vieh. Wir nehmen den schlimmsten Teil der Barbarei und den schlimmsten Teil der Civilisation und verarbeiten beide zu einem heterogenen Ganzen. Wir erziehen unsere Frauen zur Abhängigkeit und lassen sie dann ohne irgend jemand, von dem sie abhängen könnten. Sie haben niemand und nichts, worauf sie sich stützen können, und so stürzen sie nieder.«

Ein anderer Schriftsteller sagt: »Darüber, daß die Löhne der weiblichen Arbeiter zur Bestreitung der Lebensbedürfnisse nicht ausreichen, herrscht nur eine Stimme. Eine große Zahl von Arbeiterinnen arbeitet vom frühesten Morgen bis in die späte Nacht hinein mit Aufopferung ihrer Gesundheit; aber sie sind dennoch nicht im stande, sich so viel zu erarbeiten, um ihre wichtigen Lebensbedürfnisse zu befriedigen. Was sollen diese beginnen, um das herbeizuschaffen, was nötig ist, um den ihre Existenz bedrohenden Abgang an ihrem Verdienst zu ersetzen? ... Wollten diese Armen tugendhaft bleiben, so müßten sie einen so hohen Grad von moralischer Kraft besitzen, der es ermöglichte, der langsamen Aufzehrung ihrer Lebenskräfte ganz apathisch zusehen zu können. Da aber die Liebe zum Leben selbst des Bettlers Brust so mächtig beseelt, daß er eher die Moral als seine Existenz hinopfert, so kann es nicht überraschen, wenn auch diese so hartbedrängten Mädchen ihre sozusagen unfreiwillige Preisgebung einer sichern materiellen Vernichtung vorziehen. Was ist mehr zu beklagen, jene sozialen Einrichtungen, durch die es so weit gekommen, daß die Löhne der Arbeiterinnen deren Bedürfnisse nicht mehr decken, oder die Charakterschwäche der Mädchen, die es nicht zuläßt, in ihren Marterkammern langsam dahinzusiechen, um als Tugendheldinnen zu sterben?«

Sicherlich das erste! Die Prostitution ist das Werk der Männer, der Gesetzesgeber, es sind ihre Prinzipien, die sich hier verkörpert finden, es sind die Opfer ihres Egoismusses, die Opfer des vae victis!

Es ist eine anerkannte Thatsache, daß von einer eigentlichen Prostitution in der Schweiz z. B. keine Rede sein kann, daß Heere von öffentlichen Frauen, die die Straßen bevölkern, dort ein unbekanntes Ding sind. Und merkwürdig, so hoch und so selbständig, wie die Schweizerin, steht keine Frau Europas da; denn von der glücklichen Amerikanerin wollen wir hier nicht reden. Aber die Herren Gegner wollen das nicht sehen, sie sehen nur das, was ihnen beliebt, das ist ihre Konsequenz.

Fördern die Herren Fabrik-Ärzte vielleicht die »edle Weiblichkeit«, sie, die die Mädchen oft in der schändlichsten Weise behandeln, und doch in Todesangst den immer zahlreicher auftretenden Ärztinnen entgegensehen?

Eine unserer Hefterinnen, ein anständiges, nettes, 16jähriges Mädchen, litt an Bleichsucht und allgemeiner Körperschwäche; sie war eines Tages zum Kassenarzt gegangen, wohin ich sie begleitete. Ich wartete vor der Hausthür auf sie; als sie zurückkam, weinte sie bitterlich, sie zitterte an allen Gliedern vor Ärger und schluchzte: »Der Lump, zu dem gehe ich nicht mehr!« Ich frug sie, was denn los sei. »Na,« meinte sie, »ich sagte ihm, ich hätte öfters Schwindelanfälle und heftiges Erbrechen, und da sagte er nur: »Na, ja, Sie sind schwanger, das wird vergehen, gehen Sie nur wieder. Haben Sie einen oder mehrere Schätze

»Ich habe keinen,« hatte sie erwidert.

»Das sagt jede,« antwortete der Arzt, »schwanger sind Sie doch, 's ist schon gut!«

Und ohne das tiefverletzte und gekränkte Mädchen zu untersuchen, entließ er sie.

Und das darf der »ritterliche Mann«, der »Beschützer des Weibes« einer Vertreterin des »Humanen«, einer »Trägerin der Sittlichkeit« sagen? Wer hilft hier dem Mädchen, wer rächt diese Beleidigung? Dem vornehmen Fräulein, das in gleicher Lage zum gleichen Arzte käme und bei dem diese Vermutung vielleicht berechtigt wäre, würde so etwas nicht geboten; da würden freundliche Ratschläge und liebevolle Teilnahme auf sie herabregnen. Weltbeherrscher, dein Name ist Geld!

Ich erzählte den Mädchen, daß in Berlin mehrere Frauenärztinnen mit außerordentlichem Erfolg praktizieren und daß überall in den großen Städten Medizinerinnen auftreten.

Von dieser Thatsache waren alle entzückt!

»Ach,« riefen mehrere, »dann würden wir uns, wenn wir nicht wohl sind, nicht noch lange herumplagen, sondern gleich zur Doktorin gehen, da brauchte man sich doch nicht Gemeinheiten sagen lassen!«

Und das sagten Mädchen, die von Frauenstudium und von der Frauenbewegung keine Ahnung haben.

Die Mädchen laufen sehr viel zur Hebamme, nur um dem peinlichen Fall zu entgehen, den Arzt zu konsultieren; für allerlei kleine Beschwerden und Übelstände holen sie den Rat der »weisen Frau« ein; diese macht vorzügliche Geschäfte, sie hilft den Kranken durch kleine Volksmittel, durch Massage und Wasser, und hat auf diese Weise immer zu thun, meist zwar für Krankheiten, die mit ihrem wahren Berufe nichts gemein haben. Natürlicher Weise entstehen sehr oft ernstliche Schäden durch diese »Behandlungsweise«, die der Arzt dann wieder gut zu machen hat.

Auch hierin liegt wieder eine tiefgehende Bestätigung, daß Frauenärztinnen ein Ding der Notwendigkeit sind, eine natürliche sittlich-notwendige Institution.

Der Bildungsgang der Mädchen ist leider ein trauriger, sie lesen alle ziemlich geläufig, allein die meisten können kaum mehr schreiben, und vor allem, nicht Geschriebenes lesen.

Ich mußte den Krankenschein der einen einmal vorlesen, nachdem er in 10-12 Händen war und keine ihn entziffern konnte. Ich warf nur einen Blick auf das Papier, auf dem in deutlichster und klarster Schrift stand: Wegen Magenbeschwerden auf zwei Tage zu entlassen.

Von der Zeit an, stand ich im Rufe großer Gelehrsamkeit, ich wurde mit allerlei Fragen behelligt, ich sollte Briefe schreiben und Briefe vorlesen; ich hätte es vielleicht noch weit gebracht, wenn nicht der Abschied vor der Thür gestanden wäre. –

Ich glaube, daß das Feld für die Ärztin unter jenen Mädchen ein leicht zu bebauendes ist, denn von Aberglauben, von Vorliebe für Besprecherinnen und Blutstillerinnen habe ich nichts gefunden; es steckt mehr natürlich-philosophische Anschauung in den Köpfen der Arbeiterinnen, als man meinen sollte.

Und deshalb warne ich hier nochmals: Rennt nicht am Veilchen vorüber, dessen Duft euch sicher ist, wenn ihr es findet, um einer Rose nachzujagen, die sich, in der Nähe betrachtet, vielleicht als Heckenrose erzeigt! Baut keine leichte Brücke über den tiefen Abgrund der Unwissenheit und Immoralität, um hinüber zu gelangen in Blumengefilde; ihr müßt über jene Brücke immer wieder zurückgehen. Füllt aber den Abgrund mit guter, fetter Erde, daß Blumen darauf sprießen und ihr darüber hinweg wandelt in die duftende Blumenpracht hinein, kaum mehr dran denkend, was einst hier für Grauen die Nacht bedeckte! –

Zwölftes Kapitel.
Vergnügungen.

Ob ich Recht daran thue, dies Kapitel »Vergnügungen« zu nennen? Nein, ich finde, daß es passender und zutreffender wäre, wenn ich sagen würde: Betäubungen, um das elende Leben der Woche zu vergessen, Betäubungen, die stark narkotisch auf Sittlichkeit und Tugend, auf Menschenwürde und Menschenehre wirken!

Ich kann ruhig behaupten, daß ich alle Chemnitzer Lokale, in denen Arbeiterinnen verkehren, besucht habe. Von eigentlichen Arbeiter-Lokalen kann jedoch keine Rede sein; man findet männliches und weibliches Fabrikpersonal in jedem Lokal, auf jedem Tanzboden, sie gehen unter in der Menge der Besucher, sie sind an nichts kenntlich.

Im allgemeinen herrscht unter den Arbeiterinnen bei weitem nicht jene Liebe zum Tanz, wie unter den Mädchen des Mittelstandes; es gab sehr viele gerade unter den Maschinenarbeiterinnen, die vom Tanz nicht viel wissen wollten, die da sagen, daß der Tanz ihnen nur auf unnütze Weise ihre Kräfte raube, ungesund sei und sie in den ersten Wochentagen bei weitem nicht die gleiche Arbeit verrichten könnten, als wenn sie Sonntags vorher nicht getanzt hatten.

Ich freute mich aufrichtig darüber und suchte ihre teilweise Abneigung gegen den Tanz nach besten Kräften zu schüren.

Ich habe alle Tanzböden von Chemnitz und Umgegend besucht, meinem Prinzip getreu aber nie getanzt; ich fand die Fabrikarbeiterinnen viel zugänglicher den Lehren gegen das Tanzen, die ich ihnen aufbaute, als alle besseren Mädchen.

Hingegen haben die Arbeiterinnen durchwegs eine große Vorliebe für Theater, Cirkus und Tingeltangel; ihr liebster Vergnügungsort ist der Schützenplatz, wo sie eine reiche Auswahl der verschiedensten Genüsse finden, Carussel, Affentheater, Würfel-, Schlangen- und Zaubererbuden, Tingeltangel und Messeresser.

Das beste Lokal, das ich kannte, war das »Colosseum« in Kappel; es war ein fein eingerichtetes Konzerthaus mit vorzüglicher Militärkapelle, und am Nachmittag nur von ganz gutem Publikum besucht. Nach Beendigung des Konzerts war Ball, bei welchem das Publikum sich bedenklich zu mischen anfing. Man sah ehrbare Beamtenfamilien mit erwachsenen Töchtern, die die Mutter lebhaft zum »Männerfang auf Lebenszeit« anhielt, allein gekommene Ladenmädchen, andere mit ihrem »Liebsten«, Lieutenants in Civil, Commis-voyageur, aber auch Dirnen in feinen Balltoiletten; ich halte das Lokal überhaupt für kein solches, in welchem Arbeiterinnen verkehren; die Mädchen, die dort allein verkehren, treiben einen ganz anderen »Beruf.«

Im grellsten Gegensatz zu diesem Etablissement steht die »Kaiserkrone«, ein Lokal, in welchem das schlimmste Gesindel verkehrt. Der Tanzsaal befindet sich im ersten Stockwerk eines düstern Gebäudes; in dem elenden Stück Hof, den man zu passieren hat, um zur Treppe zu gelangen, steht ein altes verschnapstes Weib und bietet aus einem ekelhaft aussehenden Kinderwagen, der ihr als Buffet dient, ihre zweifelhaften Speisen an. Die Treppe selber ist schmal, schmutzig und winklig, mit ausgetretenen Stufen; die Eingangsthür zum Saal niedrig und klein. Es ist kein Wunder, daß bei Keilereien, die hier des öfteren vorkommen, stets einige der Streitenden halb todt geschlagen werden, daß ein großer Teil mit Wunden »versehen« heimkehrt. Auf der engen Treppe, in dem winkligen, dunklen Gange ist ein Flüchten unmöglich, wer hier die Wut Mehrerer auf sich lenkt, ist so gut wie verloren.

Von allen meinen Mitarbeiterinnen, mit denen ich über die »Kaiserkrone« sprach, verkehrte auch nicht eine dort; sie äußerten sich durchwegs mit Ekel und Abscheu über dies Lokal, die meisten erklärten, »da gehen anständige Mädels nicht hin«.

Ich habe die »Kaiserkrone« drei Mal besucht in Gesellschaft meines als Arbeiter verkleideten Mannes. Meist befanden sich dort cirka 40-50 Mädchen, verkommene Dienstmädchen, der gemeinste Auswurf der Fabrikarbeiterinnen und zum größten Teil Soldatendirnen. Das männliche Element bestand durchwegs aus Soldaten eines Infanterie-Regiments, die wenigen Civilisten, die anwesend waren, schienen mir die Zuhälter der Dirnen zu sein.

Ich habe in meinem ganzen Leben keine so bestialisch rohen, gemeinen, jeder Menschlichkeit baren Mädchen gesehen, wie hier, Gesichter, die das Laster verzerrt hatte, schmutzige Frauenzimmer, deren oft elende Kleidung roch, mit ungekämmtem Haar und einem Benehmen, das der Wahnsinn ihnen diktieren muß. In der unglaublichsten, nicht wiederzugebenden Weise rempeln sie die Soldaten an, die sich ihrer kaum erwehren können, vollführen sie vor aller Augen die unsittlichsten Dinge.

Es lag über dem ganzen Saal eine Atmosphäre des Schmutzes, des grenzenlosen Lasters, der Bestialität, die den sittlichen Menschen zur Verzweiflung bringt. Die Frauenzimmer, die dort verkehren, sind überhaupt keine Menschen mehr, es sind Reptilien, Pestbeulen des öffentlichen Lebens. Ich sah so manchen blühenden und hübschen jungen Soldaten, den die schmutzigsten und teilweise verlumptesten Frauenzimmer, die alle zwischen 30-40 Jahre sein mochten, in ihre Mitte nahmen und so lange bearbeiteten, bis er mit ihnen verschwand.

Es ist eine Nachlässigkeit des Staates, der Militärbehörden, daß sie derartige Lokale nicht verbieten, und dem moralischen Morde Hunderter ruhig zusehen.

Was nützt es, die Soldaten am Morgen auf Kommando in die Kirche zu führen, wie eine Herde Schafe zur Tränke, um sie am Nachmittage dem erbärmlichsten Laster ruhig zu überlassen? Was nützt es, daß der Soldat zur Reinlichkeit und zur Ordnung mit militärischer »Disciplin« angehalten wird, wenn er am Nachmittage ungewarnt und unbehindert Elend, Gift und Pestilenz holen darf?

Warum sieht die allwissende Polizei den Bettler, der halb verhungert ein Almosen erbittet, aber nicht jene Lasterhöhlen, wo das Volk sich den Untergang holt, wo die Söhne des »sittlichen« Deutschlands die Seuche herholen, die sich weiter und weiter ins Volk frißt? Man fängt die arme Streichholzverkäuferin auf der Straße gar bald ab, aber man läßt jene giftigen Spinnen der menschlichen Gesellschaft ruhig weiter vegetieren in ihrem Netz, trotzdem ein jeder ihrer Stiche zur Blutvergiftung führt.

Man philosophiert, wie gesagt, über alle diese Dinge, aber man handelt nicht; man begnügt sich mit dem heuchlerischen Grundsatz: »Was mich nichts angeht, rühr' ich nicht an«, man forscht den Ursachen nicht nach, die die Vertreterinnen der »Ideale« zu den niedrigsten Geschöpfen gemacht haben! Die Prostitution ist ja immer noch das einzige Ableitungsrohr, um der Arbeitsnot und dem Mangel an weiblichen Berufsarten abzuhelfen und einzulenken in andere Wege.

Ich sprach kürzlich mit einem sehr vornehmen konservativen Herrn, der selber Vater von zwei Töchtern ist. »Das thut ja nichts,« meinte er menschenfreundlich, »daß die Löhne für weibliche Arbeiter so gering sind; die Frau findet immer Mittel und Wege, um sich durch einen Schatz das notwendigste geben zu lassen, dumm genug, wenn sie einen wählt, der nichts hat! Der Mann aber kann das nicht, darum muß er mehr verdienen als die Frau!«

Und ein anderer Menschenfreund, ein Apotheker, der nebenbei Millionär ist und seine 6 älteren Töchter mit 18 Jahren durchschnittlich verheiratet hatte, sagte mir: »Ich kann gar nicht begreifen, warum man eine Frauenfrage für nötig hält und behauptet, den Frauen stünden nicht genug Berufe offen. Ich habe sieben Töchter und habe mir nie Sorge gemacht, um für sie Berufsarten herauszufinden; ich habe sechs Mädchen verheiratet und hoffe, daß auch die jüngste einen Mann finden wird, ohne einen Beruf ergreifen zu müssen.«

Man weiß nicht, soll man darüber lachen oder empört sein, ich glaube, die Millionen haben den Mann so dumm gemacht!

Aber so ist es, die Frauenfrage ist eine Ausgeburt verrückter Köpfe und die Prostitution ein weiblicher Beruf! Man lernt immer wieder Neues! –

Ich besuchte auch öfters die »Linde«, ein großes Tanz-Etablissement anständigster Art; hier verkehrten ausschließlich Fabrikmädchen und Fabrikarbeiter, einige Unteroffiziere und geringe Kaufleute.

Der Ton war anständig, die Mädchen saßen ruhig an den Tischen und unterhielten sich, ab und zu einen Tanz machend, wozu sie ihr Kavalier unter einer Verbeugung abholte und ebenso höflich zurückführte. Die Mädchen tanzen hübsch, selbst graziös, es kam nie zu wilden Hopsereien, wie es in Bauernschenken vorkommt; es wurde sehr wenig getrunken, ich fand hier, wie auch im »Bellevue«, daß die Arbeiterinnen häufiger sogar Kaffee als Bier tranken. In beiden Lokalitäten war, wie gesagt, das Arbeiterelement stark vertreten, Militär dagegen kaum anzutreffen.

An einem der Sonntage hatte ich in der »Linde« ein neben mir sitzendes Mädchen beobachtet, das »herrenlos« hingekommen war und fremd zu sein schien. Sie sah furchtbar dumm aus, wagte kaum, um sich zu sehen und schien noch keinen Schatz besessen zu haben. Es dauerte nicht sehr lange, bis ein »Herr« sich zu ihr setzte, ihr ein Glas Bier kommen ließ und sie in den Bann seiner Beredsamkeit zog. Ich verlor sie aus den Augen und hatte nur noch bemerken können, daß sie dem Verführer schon viel freundlicher antwortete und auf dem besten Wege war, mit ihm »gut Freund« zu sein.

Am Sonntage darauf besuchte ich das »Elysium«, ich traf dort jenes Mädchen, das wieder allein an einem Tisch saß. Heute blickte sie schon viel kühner um sich, sie lachte jeden an, der sie ansah; sie trug eine Korallenkette, rosa Schleifen an der Brust und im heute gelockten Haar, das vor 8 Tagen einfach gescheitelt war. Sie hatte jedenfalls an dem einen Nachmittage viel »gelernt«, sie war auf dem besten Wege, abwärts zu kommen. An jenem Nachmittage tanzte, scherzte und sprach sie mit mehreren, ließ sich auch von verschiedenen Seiten Bier bezahlen.

Ich hatte die Geschichte schon beinahe vergessen, als ich 3 Wochen später das »Colosseum« besuchte und zu meinem größten Erstaunen jenes Mädchen am Arme eines Herrn (zweifellos ein Referendar oder Lieutenant in Civil, da er Schmisse hatte) sah, fein gekleidet, mit Talmischmuck überladen, das Haar kurz geschnitten, das Gesicht bemalt. Sapienti sat! Sie war »klug« gewesen und hatte in Folge dessen schnell Carrière gemacht, eine »dümmere« wäre nicht so schnell »gestiegen«. –

Mehrere aus der Fabrik hatten mir geraten, da ich keinen Schatz besaß, das »Elysium« aufzusuchen, es sei dies ein Lokal, in welchem man leicht und schnell Bekanntschaften machen könne. So biß ich denn in diesen sauren Apfel und begab mich ins »Elysium«; mein Mann saß an einem Nebentisch hinter einem Pfeiler. Ich hatte mich kaum niedergelassen, als ich von einem Herrn angesprochen wurde, der mich frug, ob ich auf meinen Schatz warte; ich verneinte. »Dann können wir gleich beisammen bleiben,« fuhr er fort, »ich habe Geld, ich kann was draufgehen lassen.« Er hatte eine goldene Uhr mit schwerer goldener Kette, feingepflegte weiße Hände und trug einen goldenen Zwicker. Ich hielt ihn für einen höheren Beamten, vielleicht einen Assessor, trotzdem er mir versicherte, er sei Aufseher in einer Fabrik. Wir gehörten jedenfalls beide in die gleichen Gesellschaftskreise, glücklicher Weise ahnte mein Kavalier nicht, daß ich ihn erkannte.

Auch die übrigen Herren, die mich in den Pausen behelligten, schienen keineswegs Arbeiter zu sein, sondern sogenannte »feine« Leute. Ich merkte daher bald, daß die »leicht zu machenden Bekanntschaften« sich nicht auf die Arbeiterkreise bezogen, sondern von anderer Seite zu ganz anderem Zweck gesucht wurden. – Ueberhaupt ist die »Sitte des Attakierens« unter den Arbeitern bei weitem nicht bekannt und beliebt, wie unter den Studenten und sonstigen jungen Herren. Man macht seine Bekanntschaft in der Fabrik, bei Freundinnen oder bei anderen festlichen Anlässen in einem Lokal; gewöhnlich werden die Schätzelosen von Bekannten mit Kavalieren versorgt, eine weniger gesuchte Art der Bekanntschaft.

Auf dem Schützenfest, das glücklicher Weise in die Zeit meines Chemnitzer Aufenthaltes fiel, fand ich die Arbeiterinnen aller Fabriken, in denen ich gewesen, vertreten. Sie zeigten ein besonderes Interesse für eine Tingeltangelbude, in welcher vier gemein und verkommen aussehende Frauenzimmer in kurzen Tricotkleidern die abscheulichsten Zoten sangen.

Trotz der Vorliebe für derartige Vergnügungen besprachen sie in vernünftigster Weise das Leben jener Tingeltangelsängerinnen und erklärten einmütig, mit keiner einzigen tauschen zu wollen.

Sie verspielen sehr viel Geld an den Würfelbuden; es geht ihnen wie den Hazardspielern; wenn sie für den Einsatz von 10 Pfennig einen Gegenstand zu 50 Pfennig gewonnen haben, so würfeln sie fiebernd weiter, immer in der Hoffnung, noch weiteres zu gewinnen; zuletzt haben sie ihren Gewinn doppelt so hoch bezahlt, als sie in einem Laden für den gleichen Gegenstand gegeben hätten.

Die meisten der Mädchen spielen in Lotterien, und wenn der Einsatz auch nicht hoch ist, so ist der Verlust von 2 oder 3 Mark allmonatlich für sie doch kein geringer Schaden. Sie hoffen alle auf das große Los oder wenigstens auf einen Gewinn, der es ihnen ermöglicht, von ihrem Gelde zu leben. Ich kannte alte Frauen, die angestellt waren zur Reinigung der Fabrikräume, frühere Arbeiterinnen, die seit 30 Jahren in der Lotterie spielten, die sich alles am Munde absparten und die Hoffnung auf den großen Gewinn doch nicht fahren ließen.

Wenn ich die Vergnügungen der Arbeiterinnen im Geiste resumiere und in Vergleich ziehe mit der Arbeitszeit der ganzen Woche, so muß ich betonen: daß die Vergnügungssucht der Mädchen aus dem Volk bei weitem nicht so entwickelt, blasiert und doch anspruchsvoll ist, wie bei den Mädchen der besseren Kreise, und daß diese sich absolut nicht »mit Ekel von der häßlichen Genußsucht der Mädchen aus dem Volk« abzuwenden brauchen.

Dreizehntes Kapitel.
Die Hausindustrie.

»Wenn ich überhaupt die Bedeutung der Frau für die sittlichen Aufgaben der Familie hoch anschlage, so gilt das besonders für den Arbeiterstand. Während in den höheren Ständen noch andere veredelnde Einflüsse und Motive sich geltend machen können und müssen, so ist bei dem Arbeiter die Frau fast ausschließlich die Hüterin der Sittlichkeit und des Gemütslebens

Dies ungefähr waren die Worte, die Dr. Brinkmann in seinem Vortrage in Konstanz »Die Bedeutung der Frau für die sittlichen Aufgaben der Familie« aussprach. Ich führe diese Worte hier an, weil ich die Hausindustrie mit ganz anderen Augen betrachte, als die Arbeit in der Fabrik, weil sie den Frauen die Möglichkeit giebt im Hause zu bleiben und die Kinder ständig zu bewachen.

Die Vertreterinnen der Hausindustrie sind fast durchwegs auf dem Lande zu finden, und, wie ich schon erwähnte, unter den verheirateten Frauen.

In den dürftigen, ländlichen Wohnungen herrscht Reinlichkeit, d. h. immer im Verhältnis zur Reinlichkeit der Stadtarbeiter gesprochen. Im großen Wohnraum dieser kleinen Häuser arbeiten die Frauen an ihrer Nähmaschine, die eine den ganzen Tag, andere nur am Nachmittag, wieder andere bloß in den Pausen, die ihnen das Besorgen der Haushaltung und der Kinder läßt; doch sind diese Arbeiterinnen seltener, weil die Näherinnen, die größtenteils feine Ware in Arbeit bekommen, rein gekleidet sein und mit reinen Händen die zartfarbenen Handschuhe behandeln müssen. Ein Fortspringen vom Kochtopf oder einer schmutzigen Küchenarbeit, um womöglich einen Handschuh zu steppen, ist deswegen ein Ding der Unmöglichkeit. Gewöhnlich richten sich die Frauen nach einem festen Tagesprogramm, wonach sie Morgens und Nachmittags gewisse Stunden hindurch an der Maschine und die übrige Zeit im Haushalte arbeiten.

Ich fand den Unterschied zwischen den Wohnungen der Hausarbeiterinnen und der Fabrikarbeiterinnen bedeutend, und dieser Unterschied in der Wohnlichkeit trat, je nach der Kinderzahl, mehr oder minder deutlich hervor. Die Frauen haben es hier auch leichter, Ordnung zu halten, da sie im Platz bei weitem nicht beschränkt sind, wie die Stadtfrauen. In den kleinen Arbeiterhäuschen sind die Schlafkammern hell und luftig, die Eltern schlafen mit den kleinsten Kindern in der einen, die größeren Kinder in der anderen Kammer zusammen. Der Unterschied der Geschlechter wird mehr gewahrt als in der Stadt, wo die teuren Wohnungspreise Familien zum Halten von Schlafburschen treiben. Die Kinder sind durchweg blühend und dick, sie tummeln sich von früh bis Abends auf der Wiese, laufen mit den Hunden um die Wette und balgen sich mit den Katzen herum. Sie werden auch in der Kleidung reinlicher gehalten; in großen Städten mit starkbevölkerten Mietskasernen ist der Trockenraum immer in Anspruch genommen, das Wäschewaschen wird zum Ereignis, das in regelmäßigen Pausen wiederkehren muß, und wo infolge dessen mit der Wäsche gespart wird.

Alle diese kleinen Punkte wirken jedoch äußerst intensiv auf das Familienleben; der Mann findet Mittags beim Heimkommen das einfache Mahl fertig auf dem Tisch, er kann sich ruhig noch ein halbes Stündchen legen, neu gestärkt und in guter Stimmung geht er wieder zur Fabrik zurück, um am Abend Erholung im reinlichen Heim zu finden, bei einer Frau, die sich nicht abgearbeitet und abgehetzt hat und nicht ärgerlich, aufgeregt und gereizt ist. Der Familienvater bleibt zu Hause in Mitten der Kinder, die Frau sitzt dabei an der schnurrenden Nähmaschine, – ein friedliches Familienbild, wie es sich das abgehetzte Stadtarbeiterpaar kaum denken kann.

Der Mann fühlt hier die Annehmlichkeiten des Familienlebens, er sieht in den Kindern nicht eine Last, die ihm durch die Ehe entstanden, in der Frau nicht nur ein Wesen, das er versorgen und für das er arbeiten soll, sondern er fühlt, daß er nach allen Schicksalsstürmen hier allein geborgen ist, und daß die Ehelosigkeit ein Zustand der Unvollkommenheit ist.

Dies bessere Zusammenleben wirkt nicht allein günstig auf die Kindererziehung, sein Segen fällt in erster Linie auf die Frauen selber zurück, die sich nicht als gequälte Lasttiere und Dienstmägde des Mannes fühlen, sondern als Mitarbeiterin in der Familie.

Und deswegen betonte ich zu Anfang dieses Kapitels, daß die Hausindustrie unsern Bestrebungen günstig ist, weil sie uns einen leichter zu bearbeitenden Boden verbietet.

Die Frauen tragen dergestalt viel dazu bei, daß Sittlichkeit und Familienliebe im Hause walten, sie sind es, die dem den ganzen Tag in der Fabrik arbeitenden Manne das Gemüt erhalten. Und wenn es auch tief zu beklagen ist, daß sich diese armen Frauen nicht voll und ganz ihren Pflichten als Gattin und Mutter widmen können, so ist der Vorteil, im eignen Hause arbeiten zu können, statt den ganzen Tag, fern von den Kindern zu weilen, doch ein unberechenbarer.

Vierzehntes Kapitel.
Stellenlos.

Stellenlos! Ein kleines Wort, daß das Elend so vieler kennzeichnet, das uns bange, traurige Geschichten erzählt von Not, Verzweiflung und Selbstmord! Ich habe bis dahin viel vom Elend stellenloser Lehrerinnen, Gouvernanten und ähnlichen »besseren Dienstboten« gehört, vielfach erfahren, daß stellenlose Verkäuferinnen, Näherinnen und Putzmacherinnen in die Arme des Lasters gefallen sind, ich habe vom Selbstmord stellen- und heimatloser Dienstmädchen gehört – aber sie alle repräsentieren noch nicht die Vertreterinnen des Elendes, dem die stellenlose Fabrikarbeiterin entgegensieht.

Ich habe meine Mitteilungen nicht vom Hörensagen oder aus dem Munde meiner Genossinnen erhalten; was ich mitteile, habe ich selber erlebt, es deckt sich mit dem, was mir die andern erzählten.

Eines Morgens, nachdem ich den Fabriken Lebewohl gesagt und mir so viel Kenntnisse gesammelt hatte, um mich eventuell als Arbeiterin dieser oder jener Branche auszugeben, machte ich mich auf den Weg »um Stellung zu suchen«.

Ich ging zuerst in das Nachweisbureau einer Frauen-Stiftung, der dort waltenden Vorsteherin mitteilend, ich sei Hefterin. Sie behandelte mich von oben herab, nichts weniger, denn in Menschenliebe redend, gab mir kaum Antwort und frug mich nur sofort, ob ich im Heim Obdach nehmen wolle bis ich Stellung gefunden; ich verneinte. Sie würdigte mich kaum mehr einer Antwort, wies mich in die Parterre-Lokalitäten, wo ich »Näheres« erfahren würde und rauschte durch eine Seitenthür hinaus. Etwas verblüfft setzte ich mich unten an einen der Tische; das große Lokal glich täuschend einer Wirtsstube, abgesehen davon, daß an den Wänden Sprüche standen, als da sind: »Kommet her zu mir, die ihr mühselig und beladen seid, ich will euch erquicken.«

»Selig sind die Barmherzigen, denn sie werden Barmherzigkeit erlangen.«

»Was ihr einem der Geringsten unter euch gethan, das habt ihr mir gethan.«

Ich beschwichtigte mein bang klopfendes Herz durch die Hoffnung, daß die Besitzerinnen dieser Räume nach den schönen Sprüchen handeln und mich als der »Geringsten einer« mit Rat und Hülfe unterstützen würden.

Der Saal war leer, ich erquickte mich an der wohlthuenden Kühle, die in dem Raum herrschte, ohne von den auf jeden Tisch ostentativ hingelegten Bibeln Gebrauch zu machen.

Nach ungefähr einer halben Stunde erschien eine Persönlichkeit in absurder Kleidung, halb nonnenhaft und halb der einer Pfarrköchin gleichend; sie hatte auch dasselbe Heuchlergesicht jener und frug mich sanft aber unfreundlich, was ich trinken wolle.

»Nichts,« erwiderte ich, in Vorahnung dessen, das da kommen sollte.

»Sind Sie hier in Logis?« frug sie; ich verneinte.

»Dann dürfen Sie hier nicht bleiben, ohne etwas zu nehmen,« entgegnete sie, vollständig aus der frommen Tonart fallend und ganz »Dragoner« werdend. Sie hätte mich jedenfalls aus lauter Habgier hinausgeschmissen, wenn ich nicht endlich doch Zuflucht zu einer Tasse Kaffee genommen hätte. Als ich den sehr bedenklich nach Mocca duftenden Trank schlürfte, wagte ich die schüchterne Frage, ob sie nichts von Stellen wisse, für die ich mich allenfalls melden könnte.

»Nu nee,« schnurrte sie.

»Aber die Dame oben sagte, hier unten erhielte ich Auskunft,« wagte ich schüchtern zu bemerken.

»Die Dame?« frug sie gedehnt. »Das gnädige Fräulein wollen Sie sagen! Aber jetzt haben wir nur Stellungen für Dienstmädchen, und auch die bekommen erst die Mädchen, die hier in Logis sind.«

Ich wagte darauf hinzuweisen, daß doch das Haus eine religiöse Stiftung sei, und daß über der Thür stände: »Asyl für Obdach- und Stellenlose,« oder so ähnlich.

»Na,« fuhr sie mich wütend an, »jeder, die herkommt, können wir nicht Stellung besorgen; der Herr Pfarrer muß uns Mädchen empfehlen.«

»Wo wohnt denn der Herr Pfarrer?« frug ich hartnäckig.

Sie gab mir, ärgerlich über meine Impertinenz, die Adresse zweier Geistlichen an, die ich sofort aufsuchte.

Der eine der Gottesmänner hielt Mittagruhe, das schnippische Mädchen erklärte mir, sie wisse überhaupt nicht, wann der Herr Pfarrer für »Arme« zu sprechen sei.

Der zweite war glücklicher Weise huldvoll geneigt, mich zu empfangen; er blieb gelassen würdevoll in einem Lehnstuhl sitzen, rieb sich die fetten Hände und hatte auf alle meine Bemerkungen nur ein salbungsvolles »So, so« bereit.

Als ich in meinem Bericht geendet, erklärte er mir: »Es ist eine schwere Zeit für uns Fromme gekommen, wir sollen Stellungen besorgen und können es doch nicht mit unserem Gewissen vereinbaren, Leute zu empfehlen, die wir nicht kennen. Ich kann Ihnen leider heute gar keine Auskunft über etwaige Stellungen geben; bleiben Sie aber tugendhaft, so wird der Herr Sie beschützen; der die Lilien auf dem Felde kleidet, der wird auch Sie ernähren und kleiden. Gehen Sie mit Gott, meine Tochter, und sollten Sie wieder eines guten Rates bedürftig sein, dann kommen Sie getrost zu mir, ich schicke keinen Hülfesuchenden von meiner Schwelle.«

Damit war ich entlassen. Ich weiß nicht, ist derjenige, der die Armen nicht empfangen will, oder derjenige, der sie so empfängt und unterstützt der größere Pharisäer? –

Ziemlich deprimiert suchte ich eine fürchterlich verkommen aussehende Herberge für Arbeitslose auf. Der niedrige, halbdunkle Raum, in welchem einige schmutzige Tische und ein paar wacklige Stühle standen, war von Tabaksqualm erfüllt, daß man mit den Blicken die dicke Wolkenschicht kaum durchdringen konnte. Ich setzte mich zu zwei nicht gerade sehr einladend aussehenden Frauenspersonen, deren jede aus einer Blechschüssel Suppe aß. Sie musterten mich mißtrauisch von der Seite und flüsterten leise zusammen; die ältere mochte 35, die jüngere 30 Jahre zählen. Als sie ihre Suppe ausgelöffelt und sich erhoben hatten, um fortzugehen, nahm ich meinen ganzen Mut zusammen, zupfte die eine am Ärmel und frug: »Wissen Sie nicht, wo man Arbeit bekommt?« Wider Erwarten freundlich, setzten sie sich wieder hin, und die eine meinte: »Nee, wir suchen selber Arbeit, wir wollen eben zu S.... gehen, dort sucht man Arbeiterinnen. Was sind Sie?«

»Hefterin«, war meine Antwort.

Da stellte es sich heraus, daß sie auch Hefterinnen waren; nun hatte ich leichtes Spiel. Ich ließ Bier kommen und machte ihnen dann das Anerbieten, gemeinsam auf Arbeitsuche zu gehen, worin sie einwilligten. Beide waren seit cirka 14 Tagen stellenlos, die eine, weil die Fabrik keine Arbeit mehr hatte, die andere, weil sie krank gewesen war.

Wir suchten mehrere Fabriken auf, natürlicher Weise nur solche, in denen ich noch nicht gearbeitet hatte.

In der ersten wurde uns kurz der Bescheid, daß neues Personal nicht angenommen werden könne. Im zweiten Etablissement ging es uns schlechter; wir hatten das Thor der Fabrik kaum passiert, als ein dicker Portier auf uns zuschoß und uns anfauchte: »Was wollt Ihr hier, Arbeit giebts nicht, raus, raus!« Dabei klopfte er wohlgefällig den Staub von seiner livreeartigen Kleidung.

»Na, wir wollen doch mal im Comtoir fragen«, sagte eine meiner Begleiterinnen.

»Nichts, nichts«, schrie der erboste Cerberus, »'s wär' noch schöner, wenn alles Lumpengesindel ins Comtoir rennen würde. Macht, daß Ihr fortkommt!«

Und wir gingen, die beiden Frauen niedergeschlagen und hoffnungslos, ich um eine Erfahrung reicher.

In den meisten anderen Fabriken wurde uns kurz erklärt, daß wir keine Arbeit bekommen könnten, ohne daß man uns jedoch grob behandelt hätte. Aber wo wir auch hinkamen, hörten wir die gleiche Klage, es wurden eher Arbeiterinnen entlassen, denn angenommen.

Die eine der beiden Frauen hatte zwei uneheliche Kinder, für die sie sorgen mußte, die andere wohnte in Schlafstelle, die sie schon seit einer Woche schuldig geblieben war, und wo man ihr bereits mit Zurückhaltung ihrer Effekten gedroht hatte. Ich machte beiden den Vorschlag, uns um Stellungen als Dienstmädchen zu bewerben; aber da kam ich schön an. Lieber wollten beide hungern und ihre Sachen verkaufen, denn sich in Tyrannei begeben; ich glaube, daß sie zu verkommen waren, um sich in einer geregelten Häuslichkeit wohlzufühlen. Ich verließ sie und suchte eine mir von den Mädchen empfohlene Vermieterin auf; diese Frau sollte unter der Hand Stellung, speziell in Fabriken vermitteln.

Die Frau wohnte im vierten Stock einer jammervollen Mietskaserne; auf einem Papierstreifen, der an der Zimmerthür klebte, stand: Frau Mehlig, Wittwe. Ich klopfte an; nach einigen Minuten öffnete man die Thür, in der Spalte wurde ein Frauenkopf sichtbar, eine sanfte Stimme frug: »Zu wem wollen Sie?« »Zu Ihnen«, entgegnete ich. Ich habe später erfahren, daß das die Antwort war, die man geben mußte, um Eintritt zu der Wahrsagerin – das war sie nämlich – zu erhalten; durch Zufall hatte ich die Form gewählt.

Die Stube, in die ich trat, war einfach aber gut möbliert, Heiligengebilde hingen an den Wänden, über dem Sopha prangte ein Christuskopf aus Gips. Weiße Vorhänge, mit zierlichen roten Schleifen zusammengerafft, blühende Blumen vor den Fenstern und ein Kanarienvogel im blanken Messingbauer, gaben dem Stübchen jenes Behagliche, Lauschige, wie ich es immer nur in der Behausung der vielgeschmähten alten Jungfern fand.

Die Bewohnerin dieses Raumes verriegelte von innen die Thür und holte dann ein Spiel Karten vor.

»Ich komme nicht deswegen,« sagte ich, auf die Karten deutend, »ich wollte gern eine Stellung in einer Fabrik haben.« Ihr »Ach so« klang merkwürdig verändert, daß ich mir nicht klar werden konnte, ob es Enttäuschung oder Genugthuung ausdrücken sollte. Sie sann eine Weile nach und meinte dann:

»Ja, können Sie mir auch zuerst zwei Mark »Antrittsgeld« zahlen?«

Ich holte zwei Mark aus meiner Tasche und legte sie auf den Tisch. Die »Dame« lächelte liebevoll, nahm aber schleunigst die zwei Mark zu sich! Nach einer Weile sagte sie freundlichst: »Ja, mein gutes Kind, ich wüßte schon Arbeit für Sie, aber da muß ich erst einen Brief schreiben.« Sie holte Papier heraus und malte eine halbe Stunde lang die fürchterlichsten Hieroglyphen darauf; dann couvertierte und versiegelte sie den Brief und übergab ihn mir geheimnisvoll.

»Gehen Sie damit zu Herrn M...., er ist Aufseher in der S.'schen Fabrik; geben Sie ihm den Brief ab und warten Sie auf Antwort; aber passen Sie auf, daß es keiner merkt.«

Ich hatte Tags darauf jenen Aufseher, einen verkommen und verschmitzt aussehenden rothaarigen Menschen, aufgesucht, und ihm den Brief überreicht. Er las ihn, schmunzelte, las ihn nochmals und bemusterte mich dann von Kopf zu Füßen.

»S' ist gut,« ließ er sich endlich hören, »sagen Sie der Frau M., die Stelle sei lila!«

Ich merkte sofort, daß das »lila« sich auf irgend eine Gaunerei bezog, allein ich spielte die freudig Hoffende und ging nochmals zu meiner »Stellenbesorgerin«. Auf das »lila« hin, bewirtete sie mich mit einer Tasse Kaffee und einer »Butterbemme« und rückte dann, während ich tafelte, mit ihrem famosen Anerbieten heraus. Ich sollte ihr, wenn ich die Stellung erhielt, den ganzen Wochenlohn der ersten Woche geben und dem Aufseher den der zweiten Woche. Ich ging darauf ein und bezahlte ihr vorläufig die Hälfte jenes ersten Wochenlohnes, den sie mit 3 Mark berechnete. Als ich dann zum Aufseher zurückkam und ihm sagte, daß Alles in Ordnung sei, teilte er mir das Nähere über die Art der Stellung mit. Darnach sollte ich täglich den großen Fabrikhof kehren, wofür ich wöchentlich 2 Mark erhalten sollte. Man denke sich in die Lage eines armen, alleinstehenden und im Orte vollkommen fremden Mädchens (wofür sie mich hielten), wenn es in den christlichen Hospizen solche liebevolle Unterstützung findet, wo muß es dann Rat und Hülfe suchen und finden, wenn es in die Hände von Gaunern fällt? Es verwickelt sich so tief in die Netze solcher Räuberinnen, daß es zuletzt selbst einsieht, daß es auf anständige Art und durch anständigen Erwerb nicht los kommen kann, es muß sich prostituieren. –

An jenem Tage besuchte ich noch ein »Café«, unter den Arbeiterinnen die »Ruhehalle« spottweise genannt. Dort versammelte sich gewöhnlich das arbeitscheue Gesindel und die stellenlose Armut. An dem Tage, an dem ich das Lokal besuchte, fand ich nur fünf Gäste vor, drei Frauenspersonen und zwei Männer. Der eine, ein Mann in mittleren Jahren, in hübschem, hellgrauem Anzug, hohem Filzhut und braunen Glacéhandschuhen, schien ein stellenloser Buchhalter zu sein; er aß mit Heißhunger eine Portion elenden, übelriechenden Käse.

Der andere, ein junger Arbeiter mit ausgesprochener Banditen-Erscheinung, saß vor einem Glase Schnaps und las ein sozialdemokratisches Arbeiterblatt. Dann und wann stieß er wilde Flüche gegen die Regierung und gegen die Gesetze aus, stampfte dazu mit dem Fuße und nahm einen Schluck aus seinem Schnapsglas.

Zwei der Frauenspersonen saßen zusammen in der dunkelsten Ecke des Raumes, beide arm aber sauber gekleidet, beide strickend. Sie waren jedenfalls obdachlos und hatten vor dem strömenden Regen Schutz gesucht in jenem Lokal. Man sah ihnen den Hunger am Gesicht an, und obgleich beide das dreißigste Jahr schwerlich überschritten haben mochten, waren es doch alte verblühte Frauen. Ich setzte mich zu den beiden, bestellte Kaffee und stieß ab und zu einen tiefen Seufzer aus; als dies unberücksichtigt blieb, holte ich aus meiner Tasche einige Münzen hervor, die ich vor mich auf den Tisch legte und sorgenvoll zählte. »Na«, wandte ich mich dann an die eine, »wissen Sie vielleicht, was ein Butterbrot kostet?«

»Sechs Pfennige«, murmelte sie tonlos.

»Dann langts noch«, meinte ich leichthin, »ich habe noch siebenundzwanzig Pfennige.« Die Frauen sahen habgierig nach dem Gelde. »Ja«, sagte die ältere, »wenn wir nur noch so viel hätten! Uns langts nicht mal zu 'ner trockenen Bemme!«

»Sind Sie denn arbeitslos?« frug ich.

»Vier Wochen schon«, entgegnete sie. »Eine Schlafstelle habe ich auch nicht mehr, meine Sachen hab' ich verkauft, denn ich mußte jede Nacht zwanzig Pfennige im Schlafsaal zahlen; und man muß doch auch etwas essen, wenns auch nur trockenes Brot ist, das Geld geht doch fort!«

»Was sind Sie denn«, frug ich, »und warum haben Sie keine Arbeit?«

»Wir sind Falzerinnen«, entgegnete nun die andere, »wir wurden entlassen, weils nicht genug Arbeit gab; wir laufen den ganzen Tag nach Arbeit rum, aber jetzt haben wir's aufgegeben, Arbeit finden wir doch nicht und vom Herumlaufen bekommt man nur größeren Hunger. Ich hatte eine Aufwartestelle auf acht Tage, aber dann fand der Herr eine jüngere, hübschere, da hab' ich gehen müssen. Ich hab' alles versucht, um Arbeit zu finden, aber man kommt in vier Wochen zu sehr herunter, wenn man jede Nacht in einer anderen Herberge schlafen muß; man kann die Wäsche nicht wechseln und sich kaum waschen, da will einen schließlich keiner!«

Die andere hatte einen ganz ähnlichen Roman zu erzählen, nur daß sie noch hinzufügte: »Ich wart' noch ein paar Tage, wenn's dann nicht besser wird, gehe ich zu den böhmischen Maurern, die nehmen einen mit in die Schlafstelle und geben einem noch zwanzig Pfennige! Jetzt hab' ich noch nicht den Mut dazu, denn 's ist doch nicht leicht, so »Eine« zu werden, wenn man sich immer sein Brot ordentlich verdient hat. Aber schließlich thut man's aus Verzweiflung; und ist das erste Mal überwunden, dann geht's schon leichter.« Sie stützte ihren Kopf in die Hand und schien sich durch ihre Mitteilsamkeit Mut zusprechen zu wollen zu ihrem schrecklichen Vorhaben. Ich ließ jeder eine Portion des elenden Käses kommen, so leid es mir that, ihnen nichts besseres geben zu können. Wären sie mißtrauisch geworden, so hätte die Mitteilsamkeit schnell abgenommen. Heute vielleicht treiben sich die beiden in der »Kaiserkrone« herum und spielen die frechsten, weil sie die hungrigsten sind. –

Das sind die Früchte der Humanität, die lebenden Beweise für das »segensreiche« Wirken jener »christlichen« Asyle für Obdachlose, die wohl Geld genug haben, um eine Vorsteherin in schwarzer Seidenrobe zu erhalten, aber nicht genug, um armen, verkommenen Stellenlosen einen Teller Suppe zu reichen!

Ihr Heuchler und Pharisäer, was schmäht Ihr die wenigen ideal schönen Stellen der Bibel durch Profanation, indem Ihr sie an Eure Wände schreibt?! Werft das Maskengewand von Euch und malt an Eure Wände: »Hier werden Frömmler und Heuchler aufgenommen oder solche, die uns Geld einbringen.«

Vielleicht würden dann die meisten, die sich als Ende des Liedes der Prostitution in die Arme werfen, lieber das sanfte Antlitz der scheinheiligen Frömmigkeit wählen! Die heuchlerische Frömmigkeit ist gar oft ein Kapital, das gute Zinsen trägt! So kannte ich in Berlin mehrere Fabrikarbeiterinnen, die, so oft sie stellenlos waren, mit »heiligem« Eifer die Versammlungen der Methodisten besuchten, weil die wirklich Frommen sie unterstützten und ihnen auch Arbeit verschafften; sobald die Mädchen Verdienst gefunden hatten, ließen sie die braven Methodisten brave Menschen sein.