Unser Volk, das Volk der Denker und Dichter, hat immer seiner Seele tiefstes Fühlen in feste Formen gebannt. Nicht nur in Heldenlied und Sage, sondern auch im wuchtigen Hünengrabe, im stolzen steinernen Male, um das die Vergangenheit märchenhaft rauscht und raunt, im rheinischen Dome mit der anmutigen Zier der Zwerggalerien und Säulchen, im gotischen Münster mit himmelstürmenden Türmen und zur Andacht geheimnisvoll zwingenden Hallen, schaut uns die Seele unserer Vorfahren, die ja auch unsere Seele ist, aus tiefen, mächtigen Augen an.
Manche Sitte, manches Wort aus uralter, nebelgrauer Zeit klingt noch heute in unser Kulturleben hinein, und in Volksbrauch, Festen, Aberglauben, Namen und Zeichen sehen wir die Spuren des Geistes germanischer Urahnen und mittelalterlicher Gedankenwelt.
Das gefundene Hufeisen, welches das Schulkind als glückbringend heimträgt, verbindet es wie mit einer eisernen Brücke über den Strom der Zeit und vieler Jahrhunderte hinweg mit dem blonden Germanenkinde im deutschen Urwalde, das im Sausen des Sturmes in den Wipfeln der Eichen den Götterkönig von Walhall, Wodan, auf seinem schwarzen Rosse daherbrausen sah. – Das uralte heilige germanische Zeichen des Hakenkreuzes und das Symbol des Sonnenrades kehrt in den Kunstäußerungen der ganzen deutschen Vergangenheit bis auf die neueste Zeit immer wieder.
Wie der alte Germane mit Runen und heiligem glückbringenden Zeichen das Gebälk oder die Tür seines Hauses schmückte und jedes Gerät, jede Waffe vor allem, mit seiner Hausmarke versah, wie er in seinen Schnitzereien in wundersamen Rankenzügen und Verschlingungen geheimnisvolle Dinge rätselhafter Symbolik erzählte, so ist auch in den Steinbauten des Mittelalters das Steinmetzzeichen Rune und Hausmarke zugleich, so spricht aus den alten Fachwerkbauten mit ihren eigenartigen Balkenstellungen und Holzverteilungen eine tiefe Symbolik, die allerlei menschliche und übersinnliche Beziehungen auszudrücken vermochte.
Die bunten Schnitzereien der Holzhäuser in unseren mittelalterlichen Städten sind nicht nur lustiger, sinnloser Zierrat. Nein, sie sollen auch etwas sagen und erzählen und dadurch dem Hause einen besonderen Charakter und geistiges Antlitz geben. Das geistige Leben und das, was die Erbauer besonders erfüllte und beschäftigte, wird darin offenbar und lebendig.
Sinnvolle Beziehungen zwischen dem Hause und seinen Bewohnern, zwischen Gerät und dem Besitzer fanden ihren Ausdruck und drängten sich zusammen in einem Bildwerk oder einer Tafel oder einem Hausspruch oder einem Schmuckstück eigenwilliger Art.
Persönliche Erlebnisse und Anschauungen und die großen Zeitereignisse spiegeln sich oft darin wieder, und es ist darum die Sammlung und Erforschung solcher Haussprüche und Gerätesprüche, wie sie z. B. die Vereine für Volkskunde betreiben, ein wichtiger Beitrag zum Lebens-, Kultur- und Geistesbilde unseres Volkes.
Während in früheren Zeiten der Städte wohl jedes Haus seinen besonderen Namen trug, ist dies auch in kleinen Städten heute fast nur noch bei den Wirtshäusern, Gasthöfen und Apotheken erhalten geblieben.
Wie anheimelnd klingen Namen von Bürgerhäusern wie z. B. »Das Haus zur weißen Tür«, der Löwe, der grüne Sittich, das goldene Schiffchen, zum Läubchen, der Lindwurm, usw. Ein Haus in Würzburg hieß »Zum großen Schmied Wieland«. Das Haus hatte einst wohl einem Schmied gehört, der sein Haus nach dem alten deutschen Patron der Grobschmiede nannte. Der Lindwurm und der Schmied Wieland führen uns so aus lebendiger Gegenwart zur deutschen Sagenwelt, zu den frischen Quellen der Jugend unseres Volkstums zurück, das Haus »Silberschmied zum gekrönten Hecht« an den Märchenborn sonniger Kinderträume. Manche solcher kleinen Namenskleinodien sind noch hier und da zu finden und zu erlauschen.
Die Erhaltung solcher Namen und charakteristischer Hauszeichen, wo man sie nur finden mag, ihr Schutz vor Entstellungen oder ihre künstlerische Ausgestaltung in wirksamster Weise sollte eine besondere Sorge ihrer Besitzer und aller Heimatfreunde sein.
Eine Sammlung aller Hauszeichen, Hausmarken, Spruchbilder, Innungszeichen u. dgl. würde uns manche ungeahnten Schätze deutscher Kunstübung und deutschen Wesens vor Augen führen und zeigen, woran wir lernen können, wie in früheren Jahrhunderten Reklame mit Kunst und kerniger Volksweisheit, tiefes Empfinden mit praktischem Wollen und Können Hand in Hand gingen.
Schauen wir uns nur um in den alten Städten und forschen wir in dem Erbe, welches unsere Väter in den Straßen und Plätzen, in Kirchen und Häusern, in Akten und Archiven hinterlassen haben, reicher und reicher werden die Quellen fließen. Für uns selbst und für unsere Zeit und Zukunft werden wir gewinnen! Paul Graf von Hoensbroech sagt in seiner Schrift »Wenn die Toten erwachen«:
»Nehmet die Wünschelrute deutschen Findergeistes in die Hand, durchwandert mit ihr die deutschen Städte, die deutschen Fluren, die deutschen Wälder, die deutschen Berge: und ihr werdet Quellen finden und erschließen, aus denen Tiefsinn und Schlichtheit, Schönheit, Großartigkeit und Anmut, Kraft und Milde, Erhabenheit und Einfachheit in Überfülle hervorsprudeln als segenspendende Ströme für unser Volk und für die Welt.« –
Der alten Berghauptstadt Freiberg hat in älterer Zeit nicht nur der Silberbergbau, der seine kulturfördernde Kraft für das ganze Land segensreich erwies, sondern auch die sich herausbildende Eigenart des echt deutschen Volkslebens und blühender bergmännischer Sitten und Gebräuche ein besonderes Gepräge gegeben.
Der Bergbau ist freilich zur Rüste gegangen, und die alten charaktervollen Bergmannsgestalten sind verschwunden. 1913 wurde die letzte Schicht verfahren. Aber in tausend Erinnerungen lebt sein Wesen und der Ausdruck seiner besonderen Art in Freibergs Mauern noch weiter. Versetzen wir uns einmal in die noch nicht gar lange entschwundene Zeit zurück, um manches Gewordene und Erhaltene zu verstehen, nehmen wir die Wünschelrute deutschen Findergeistes, mit welcher gerade der Bergmann so häufig nach verborgenem Erze forschte, zur Hand, und wir werden wertvolle Aufschlüsse finden.
Der Bergmann, welcher in der stummen, geheimnisvollen Tiefe seiner dunklen Schächte sein Berufsleben abgeschlossen verbringt, erhält eine ganz besondere Ausprägung des Charakters. Sein geistiges und seelisches Leben wird dort unten wunderbar berührt und angeregt. Bei den gefahrdrohenden Mächten der Tiefe, die nur spärlich sein Grubenlicht erhellt, streckt sich und sehnt sich sein Inneres zum Licht: In der Weltentrücktheit baut er sich in seinem Inneren eine neue Welt auf, in der auch bunte Kristalle der Phantasie und Silberadern geistiger, höherer Werte schimmern.
Fromm und gottesfürchtig, arbeitsam, zufrieden und genügsam, dabei auch oft voll kecken Übermutes und Freude an Scherz und Neckerei, steckt er voller Spruchweisheit. Er drückt gern sein Empfinden in Reimen und Verszeilen aus. Die Bergsänger mit ihren »Bergreyhen« erinnern an die Barden, die einst das Heldenlied pflegten, oder an die Bänkelsänger, welche von Ort zu Ort zogen. Die Bergmusikanten mit ihren Liedern und eigenartigen Instrumenten waren überall im ganzen Lande gern gesehene frohe Gäste. So ist es denn nicht wunderbar, daß gerade in Freiberg eine Fülle von Reimen und Zeilen alter Spruchweisheit erhalten und durch die Überlieferung bewahrt geblieben ist, daß auch heute noch in Freiberg so mancher ehrwürdige Hausspruch und bergmännischer Zierrat uns grüßt, und daß diese echt deutsche, uralte Sitte, durch Sinnbild und Sinnspruch zum Denken und sinniger Betrachtung anzuregen, oder durch Sprichwort oder Neckwort zu mahnen, zu reizen oder zu spotten, auch in weiteren Kreisen heimisch wurde und sich auf allerlei Geräte und Stellen ausdehnte, an denen sonst ein Spruch nicht gesucht wird.
Ein besonders reimfreudiges, verslustiges Völkchen scheinen auch die Ziegelstreichergesellen gewesen zu sein, die oft mit großem Geschick ihre Einfälle den Dachziegeln anvertrauten. Von der Rechnung des Wirtes im schwarzen Walfisch zu Askalon, die für den seßhaften Gast in Keilschrift auf sechs Ziegelsteinen eingegraben stand, war ihnen sicher nichts bekannt, denn viele Jahre später erst sang Scheffel sein feuchtfröhliches Lied. Auch die beschriebenen Tontafeln von Babylon und Ninive waren ihnen fremd, denn sie harrten noch tief unter Schutt und Lehm der Ausgrabung, Auferstehung und Deutung. Aus sich selbst heraus fanden die Ziegelstreicher den naheliegenden Zeitvertreib, sich ihre einförmige Arbeit durch eingeritzte Inschriften auf den Dachziegeln zu verkürzen. In den bildsamen, lufttrockenen, weichen Dachziegel ist mit einem spitzen Werkzeug oder eisernem Griffel die Schrift und Verzierung ziemlich tief eingegraben. Dann sind die Ziegel kräftig gebrannt und beliebig auf diesem oder jenem steilen Dache, manchmal sogar mehrere zugleich, mit den anderen weniger ausgezeichneten Ziegelgenossen verlegt worden. Der älteste dieser Ziegel trägt die Inschrift »Anno 1692. J. W.«, der jüngste stammt aus dem Jahre 1839.
Es mag für die Ziegelstreicher ein lustiger, lockender Gedanke und vielleicht manchmal nicht ohne gewisse Anzüglichkeit gewesen sein, daß ihre Einfälle und Inschriften hoch über der Straße den Augen der Menge entzogen waren, aber doch ein heimliches Dasein und Leben hatten, und zwar nur vielleicht einmal einem Essenkehrer oder Ziegeldecker, den Wolken und Vögeln sichtbar wurden, aber doch einem späteren Geschlechte von ihnen künden konnten, wenn vielleicht längst ihr Leib in Staub zerfallen war. Denn nur durch Zufall beim Umdecken alter Dächer kommen auch heute noch ab und zu solche Ziegel zum Vorschein. Auf manchen alten Dächern in Freiberg mögen noch hie und da solche bemerkenswerte Ziegel ruhen, aber die meisten mögen verwittert, zerbrochen, mit Kalk verschmiert, verrußt, unleserlich und unkenntlich geworden oder verlorengegangen sein. Einzelne dieser seltsamen Ziegel sind in Privatbesitz gelangt. Eine größere Anzahl befindet sich im Museum des Freiberger Altertumsvereins, dem König-Albert-Museum. Die Schrift ist klar und leserlich in schönem Schwunge und Verteilung meist in lateinischen Druckbuchstaben scharf in den Ziegel geritzt und am Rande des Ziegels durch Zierlinien in Bogenzügen schmückend eingerahmt und abgegrenzt. Bei manchen dieser Ziegel fühlt man es, mit welcher Freude und Stolz der Schriftkünstler sein kleines bescheidenes Meisterwerk so schön wie nur möglich gestaltete und seine Geschicklichkeit zeigte.
Was schrieben nun jene einfachen Menschen auf die Dachziegel? – Das, wovon ihr Herz gerade voll war!
Da standen z. B. ein paar Gesellen im Ziegelschuppen, hatten Frühstückspause, neckten sich, und sprachen von ihren Mädchen oder Frauen: der brummige Alte dort hatte wohl öfter über sein Hauskreuz geklagt. Ihm schreibt der Schriftkundige das steinerne Stammbuchblatt, das er selbst dann rasch in den Brennofen schafft:
Wenn nur nicht seine Alte etwas davon erfährt! Jener Schwarze dort mit den funkelnden Augen hat viel Glück bei den Mädchen. Sie laufen ihm nach, er küßt sie und lacht und sagt zu seinen Gesellen:
Er denkt natürlich von ihm selbst geweibet und meint wohl: »Da habe ich noch lange Zeit und große Auswahl für die »Heurath«, sonst gehts mir wie unserem Alten dort mit seinem Stammbuchblatt.« Flugs schreibt man dem Schwarzen sein Verschen von den »Mätchen« auf den Dachziegel und setzt den Tag, »den 9. Juni 1822« darunter.
Ob er sein Glück gefunden hat?
Es klingt nicht gar so glücksgewiß von einem Ziegel von 1834:
Ein anderer Ziegel, mit dem Datum »d. 9. Juli 1835« und einem Monogramm gezeichnet, sagt schmachtend:
Vielleicht ist der Schwarze doch noch sitzengeblieben und vertraut seine Sehnsucht, Anschluß zu finden, dem nicht gar so redseligen Ziegel an. Der steinerne Liebesruf oder Liebesbrief hoch auf dem Dache wird kaum ein weibliches Herz erweichen.
Ein anderer Ziegelstreicher, namens Oehlschlegel, hat eine höhere Auffassung von seiner Zukünftigen und vertraut seine Wünsche im Jahre 1832 in folgenden Zeilen dem Ziegel an.
Er mag sein Ideal gefunden haben.
Wir wollen ihm wenigstens die Inschrift des Ziegels gönnen, aus welcher das ersehnte und erfüllte Glück strahlt:
Das Verhältnis zu dem anderen Geschlecht behandeln die Inschriften öfter, denn offen wird eingestanden:
Das steht auf einem Firstziegel und scheint in Waltersdorf gute Tradition zu sein, denn 1838 heißt es:
Es wird auch der Weg zur Gunst der Schönen gewiesen:
Sie mögen es wohl öfter ausprobiert haben in lustigen Stunden:
Oder aus dem Jahre 1813 kurz und bündig:
Doch die leichte Ware dieser Gattung scheint doch nicht so ganz nach ihrem Geschmack zu sein:
und mit Spott singt er dann, wenn die Folgen sich herausstellen, das Verschen:
Ja, es tauchen in dieser Beziehung Verse auf so derber Art, daß man nicht bedauern kann, daß sie oben auf dem Dache so wenige, seltene Leser fanden. Vielleicht ist mancher dieser Ziegel mit heimlicher Anspielung auf einen Bewohner oder Bewohnerin auf diesem oder jenem Dache verlegt worden.
Andere Verse reden von dem, was gut schmeckt:
Von den Vögeln wird der Martinsvogel am wenigsten verachtet:
Dieser J. J. W. ist ein Arbeiter, namens Wolf, der in der »hochedlen Ratsziegelscheune« tätig war und in manchem Verslein sich verewigt, so manchen raschen Einfall nicht zu Papier, sondern zu Ziegel, Brand und Dach gebracht hat:
oder:
oder:
Eine Hasenjagd im Schneetreiben zu Pferde scheint nach heutigem weidmännischem Brauch etwas eigenartig zu sein. Oder wurde der arme Meister Lampe vor hundert Jahren gehetzt, wie man heute noch hie und da, namentlich in England, den Fuchs hetzt?
In einem inneren Zusammenhang stehen drei Ziegel, die von der Liebe und Freude des schlichten Ziegelstreichers an der Natur erzählen:
In jenem Jahre muß die Saat recht spät in den Boden gekommen sein! Aber 14 Tage später macht er einen schönen Waldspaziergang und denkt dann beim eintönigen Ziegelstreichen seiner grünen Freude:
Fünf Wochen später freut er sich des wogenden Ährenfeldes:
W. Z. bedeutet »Waltersdorffer Ziegelscheune«.
Ziegelinschriften politischer Art oder mit Anspielungen auf Zeitereignisse kommen kaum vor. Der Gesichtskreis der Leute war eng, und was außer diesem engen Kreise lag, berührte ihr Herz wenig. Nur in einer Inschrift eines Ziegels aus der Burgstraße klingt es wie ein Nachhall der napoleonischen Zeit:
Seit den fröhlichen Verslein von 1810, 1812 und 1813 waren die Befreiungskriege an unserem wackeren Wolf vorübergebraust, und da findet sein Griffel ernstere Worte. Doch eine bittere, ernste Inschrift dürfen wir unserem Ratsziegeldichter Wolf noch zuschreiben, welche auch in der heutigen Zeit von vielen Dächern als Klageschrei in unsre Ohren schallen könnte. Der Ziegel stammt bezeichnender- und sinniger Weise von einem alten, abgetragenen Grufthause des Donatsfriedhofes, als ob dort die letzte Ruhestätte für Glaube, Liebe, Treu und Recht zu finden wäre. Die Inschrift lautet:
Die Buchstaben bedeuten: Freybergische Hochedle Raths-Ziegelscheune.
Wir schauen in unsere Zeit und fühlen die Bitterkeit, den Schmerz und doch wieder Glaube und Hoffnung auf eine bessere Zukunft, wie Wolf es in seiner Inschrift ausgesprochen. Notzeit ist heute, da uns dieser Ziegel vor Augen liegt. Notzeit war, als er geschrieben wurde. Eine eigenartige Fügung will es, daß ein Ziegel mit ähnlicher Inschrift aus ähnlicher Notzeit in diesen Tagen in Mecklenburg zufällig beim Umdecken der Kirche in Lübz gefunden wurde:
Die Zeit des dreißigjährigen Krieges, in der diese Zeilen in den Ziegel gebrannt wurden, hat mit der Zeit von 1811 und mit der Gegenwart, an die der Spruch nun seine Weisheit richtet, vieles gemeinsam. Sorge jeder, daß Glaube, Liebe, Treu und Recht auferstehen mögen!
Ganz andrer Art als die Ziegelstreichersprüche, welche nicht für die breite, sondern nur für die »höchste« Öffentlichkeit bestimmt waren, sind freilich die Sprüche, welche uns von den Portalen grüßen. Verdanken die Sprüche auf den Dächern wohl meist nur einer scherzhaften oder verliebten Laune oder einem Zeitvertreib ihr Dasein, so sind die Sprüche an den Portalen Haussprüche, welche uns tief in die Seele derer schauen lassen, die sie einst anbringen ließen, Sprüche, die jedem Vorübergehenden etwas sagen sollten.
Die ältesten stammen aus einer Zeit, da das Innere der Menschen und Völker aufgewühlt war durch die Fragen der Religion, durch Glaubenskämpfe und Gewissensnot, da eine neue Weltanschauung sich Bahn brach.
In der Petersstraße, dicht am ehemaligen Peterstor, steht ein schlichtes Bürgerhaus mit gotischem, reichem Portal, einfachen Fensterwänden aus Sandstein mit Stabwerk. Im Erdgeschoß befinden sich reichgewölbte Räume mit Sterngewölben von besonderer Pracht und Wucht. Der Bürgermeister Nikolaus Monhaupt erhielt 1469 vom Papste die Erlaubnis zum Bau einer Hauskapelle. Hier baute er sich diese Kapelle in seinem Hause und überspannte sie mit diesen kunstvollen Gewölbebildungen, deren Rippen zu reichgegliederten Mustern sich zusammenschließen. 60 Jahre später, im Jahre 1529, wurde hier, der Überlieferung nach von Martin Luther persönlich, zum ersten Male das heilige Abendmahl in beiderlei Gestalt gereicht, an welchem auch die Herzogin Katharina, Herzog Heinrich des Frommen Frau Käthe, heimlich teilgenommen haben mag. Die Schauseite des Hauses ziert eine alte Schrifttafel aus Sandstein, welche auf diesen Vorgang hinweist. Die Inschrift besteht aus lauter anscheinend zusammenhanglosen einzelnen Buchstaben. Es sind die Anfangsbuchstaben der Einsetzungsworte des heiligen Abendmahles. Die Überschrift bilden die Buchstaben: V · D · M · I · Æ ·, d. h. verbum domini manet in aeternum, oder zu deutsch: Gottes Wort bleibet ewig. In der untersten Zeile findet sich die Jahreszahl 1529, aus welchem Jahre auch offenbar die Tafel stammt.
Dieser Reformationsspruch, ein Kampfruf und Wort des mutigen Bekenntnisses, findet sich und war auch noch an anderen Freiberger Häusern angebracht, sei es auch nur in Anfangsbuchstaben, sei es in der deutschen Form, wie am Hause Pfarrgasse 18: »Gottes Wort Bleibet Ewik.« mit der Jahreszahl 1528. Sechs Jahre also nach Luthers Übersetzung des neuen Testamentes wurde einer seiner Kernsprüche an einem schlichten kleinen Bürgerhause zu Freiberg in Stein gehauen.
Luthers Lehre war damals verboten, ihre Anhänger wurden verfolgt. Die Häuser mit diesem Spruch waren die Stätten, an denen sich die Bekenner der neuen Lehre trotz Not und Verfolgung zusammenfanden, um in der Gemeinschaft Kraft und neue Erkenntnis zu suchen. Ein tapferer Mut gehörte dazu und ein festes Herz, sein Haus unter dieses Zeichen zu stellen. Bald freilich schwand unter Herzog Heinrichs milder Hand die Gefahr, und er selbst ließ u. a. an besonders eigenartiger Stelle diesen Spruch anbringen: Verbum domini manet in aeternum findet sich nämlich mit der Jahreszahl 1538 und dem Sächsischen und Freiberger Wappen sogar auf einer Bronzekanone, die der Gießer Hilger in Freiberg für den Herzog goß. Die Kanone sollte als Glaubenskünderin so ihre Stimme nach seiner Meinung besonders wirksam und überzeugend zur Geltung bringen. Das ganze Denken war damals von diesen Fragen bewegt und suchte überall Ausdruck zu finden.
Auf zahlreichen Glocken des Erzgebirges aus der Gießhütte der Hilliger ist dieses Wort in Erz geprägt und ruft sein Bekenntnis mit eherner Stimme in die Enge der Herzen und Häuser und in die Weite der Welt. Auch in der Johanniskirche zu Leipzig trug die größte Glocke, welche Wolf Hilliger 1553 goß, die Bekennerinschrift: Verbum domini manet in aeternum.
Auch auf einem der »Kleinodien« der Freiberger Bergknappenschaft, auf dem silbernen Sinnbilde des Bergbaues »Schlägel und Eisen«, findet sich dieser Reformationswahlspruch in lateinischer Sprache mit der Jahreszahl 1534. Es ist dies ein Beweis, wie gerade auch die Bergleute sich mit Feuereifer der neuen Lehre annahmen und in den Mittelpunkt ihres Daseins stellten. Wird doch auch überliefert, daß die Bergleute 1517 den Ablaßmönch Tetzel vertrieben, verprügelt und um seine Gelder erleichtert hätten.
Auf einem Spruchband dieses Kleinodes von 1534 findet sich noch der Spruch: »Die Heier, die sind hochgenant, sie ritzen uf manche feste band mit ihren klugen Sinnen, darmid sie es gebinen.«
Tiefer religiöser Sinn spricht noch aus vielen anderen dieser alten Sprüche: Donatsgasse Nr. 23 schmückt das Haus eine Tafel mit dem Bilde eines Bergmannes, der einen Barren Erz trägt, und mit dem Spruche:
Das Gedächtnis der Reformation wird gefeiert im Jahre 1617 durch einen lateinischen Spruch, der an der alten Löwenapotheke angebracht ist:
D. h.: »Ein großer Teil dieser Häuser ist an dem Jubelfeste Dr. Martin Luthers errichtet worden, in dem Jahre, in welchem die Gemeinde frohe Jubellieder anstimmte.«
Zur Zeit dieser Jubellieder ahnte man nicht, daß das deutsche Land vor dem unermeßlichen Elend des dreißigjährigen Krieges stand, so wenig wie man 1913 bei der hundertjährigen Jubelfeier der Schlacht bei Leipzig ahnte, daß der Weltkrieg mit all seinem Elend und furchtbarem Ausgang vor der Türe stand.
Luthers Geist und kernige Art spricht auch aus dem kurzen Hausspruch von Burgstraße Nr. 10, der auf das stärkste Fundament für inneren und äußeren Aufbau weist:
Inniger Glaube, Gottvertrauen und Frömmigkeit klingt aus der Inschrift eines Hauses der Erbischen Straße:
Ein Haussegen ähnlicher Art ist der Spruch des Hauses Erbische Straße 9:
Dieser Gedanke, das Haus unter den Schutz der Engel Gottes zu stellen, findet auch in symbolischer Form seinen Ausdruck. Das schöne Portal am Obermarkt, welches mit seinen reichen Formen dem Meister des Georgentores in Dresden, Schickentanz zugeschrieben wird, eines der frühesten Werke der Renaissance in Sachsen, schmücken im innersten Türbogen drei Engelsköpfe. Nach dem mittelsten Kopf züngeln zwei delphinartige Ungeheuer. In künstlerischer Form sagt hier der Erbauer, daß die Engel Hüter vor den züngelnden Mächten des Bösen und des Unheils an »des Hauses Tür und Pfost« sein sollen.
Gottvertrauen und Lebensmut spricht auch aus einer Haustafel aus neuerer Zeit mit folgenden Worten:
Johann Gottfriedt Kunadt.«
Dasselbe treuherzige Gottvertrauen, wie aus diesen Versen klingt auch aus einem alten Wirtshausschild, das der ehrwürdige Gasthof zum Goldenen Löwen zugleich als Sinnbild und Haussegen an seiner Schauseite zeigt:
An einem anderen Hause Alt-Freibergs ist sogar der seltene Fall zu verzeichnen, daß sich der Bauherr und der Baumeister verewigt haben. Es ist dies das kleine freundliche Stadttheater, welches 1790 aus einem alten, stattlichen Bürgerhause, gegenüber der Nikolaikirche, und benachbarten Gebäuden zum Theater umgebaut wurde und allmählich sich zu seiner jetzigen Gestalt entwickelt hat. 1880 fand der letzte größere Umbau statt, bei dem noch schöne Schmuckteile gefunden wurden. – Dieses Bürgerhaus erbaute sich einst der ehrwürdige Magister Caspar Neander, Prediger an St. Nikolai, der dort im Anfange des 17. Jahrhunderts seines Amtes waltete. Er schmückte sein Haus mit einem reichen Renaissanceportal mit ornamentierten Tragsteinen für die profilierten Balken, mit reich gemalten Holzdecken, die er mit schönen Profilen und vergoldeten Holzknöpfen besonders verzieren ließ. – Es ist bemerkenswert, daß dieser wackere Prediger auch die Schätze dieser Welt durchaus nicht verschmähte, sondern glücklich mit Bergwerkswerten spekulierte und gute Kuxe hatte, so daß er sich davon dieses stattliche Haus bauen konnte, wie er in seiner Inschrift mit dankbarem Gemüt mitteilt:
1623, als der große Krieg schon fünf Jahre im Lande war, blühte also der Bergbau noch ruhig fort, brachte Geld und Gut, »Fähr und Haab« und ließ dieses stattliche Haus erstehen. – Vielleicht hat aber der würdige Amtsprediger Neander doch zuviel nach unwürdigem Irdischen getrachtet, denn wie überliefert wird, ist er schon 1626 seines Amtes entsetzt worden. Bei der Belagerung Freibergs durch die Schweden unter Torstensson 1643 war er aber wieder Garnisonfeldprediger und stand seinen Mann in schwerer Zeit.
Sein Baumeister, der »Mewrer« Michael Kästner ist nicht bei der Errichtung des Hauses mit der Welt so zufrieden wie Neander, denn ihm hat man beim Bau und nachher offenbar das Leben schwer gemacht, die Besserwisser und Alleskönner, die Pflastertreter und Bierbankweisen müssen ihn recht gekränkt haben, denn er läßt in den Sandstein hauen und ruft uns über 300 Jahre zu und in das bunte Marktgewühl hinein:
Michael Kästner war offenbar ein Mann mit selbstsicherem Wesen, der sich nicht das Reden und den Spott übler Zeitgenossen viel anfechten ließ.
Hier über diesen Platz am Stadttheater, den Buttermarkt, raunt noch ein anderer Spruch, freilich nicht in Stein gehauen, aber im Volksmund lebendig: »Himmel, Hölle, Teufelskapelle.« Es liegt dort nämlich dem Theater gegenüber die Nikolaikirche, und zwischen beiden am Platz die alte Gastwirtschaft »Zur Hölle!« »Es hatten drei Gesellen ein fein Kollegium.« Ein Reim oder Verslein ist auch heute noch in Freiberg sehr bald gefunden und lebendig wie in früheren Jahrhunderten.
Die ehrwürdige Freiberger Schützengilde, welche die tüchtigen Bürger zu kriegerischem, unabhängigem Geiste erzog, der sich nachmals in der Schwedenbelagerung unter Torstensson so glänzend bewährte, hatte sehr reimfrohe Mitglieder, denn ihre sogenannte Königstafel ist eine ganze Sammlung von volkstümlicher Spruchweisheit. Sie ist ein flaches bemaltes Schränkchen für Kleinodien und Urkunden der Schützengilde und enthält die Namen sämtlicher Schützenkönige vom Anfange des 16. Jahrhunderts an nebst vielen Sprüchen und Reimen. Ein Spruch aus dem Jahre 1626, d. h. also als der Dreißigjährige Krieg schon acht Jahre tobte und Wallenstein, Tilly und Mansfeld mit ihren Heerscharen durch die deutschen Lande zogen und Verwüstung und Verderben mit sich trugen, hat folgenden Wortlaut:
Das Gegenstück zu diesem bedauernswerten »man« wird in folgenden Reimen ebenda geschildert:
Der wackere Dichter dieser echt volkstümlichen Reime ist völlig im Rechte, wenn er weiter singt und sagt:
Er diente mit seiner Verskunst den anderen und ergötzte damit nicht nur seine Zeitgenossen, sondern auch die wackeren Schützenbrüder späterer Jahrhunderte.
Die Freude am Sinnspruch steckt den alten Freibergern, die ja alle mehr oder weniger mit dem Bergbau verbunden und bergmännischen Geistes voll waren, im Blute. Der Bergmann schmückt seine Geräte, insbesondere seine Barte, die aus der Streitaxt entwickelte eigenartige Ehrenwaffe, mit Bildern seiner Tätigkeit und Sprüchen von allerlei Prägung. Nur einige Proben mögen dafür zeugen:
(Abbildung vor Ort arbeitender Bergleute.)
(Abbildung einfahrender Bergleute.)
(Abbildung stellt Jesus in der Grube dar, die Hand auf die Fahrt legend. Ein Bergknappe will ihn zurückhalten. Ferner sind haspelnde Bergleute und ein Haus mit brennenden Kerzen dargestellt.)
(Abbildung von Bergbeamten und Bergleuten an der Tafel.)
steht im Eingangsflur des Revierhauses.
Auch die Kleinodien der Freiberger Bergknappschaft sind mit bergmännischen Darstellungen und Sprüchen geschmückt.
Der prächtige, kunstvoll gearbeitete Weinhumpen aus dem Jahre 1679 trägt reichen bergmännischen Bildschmuck und die Inschrift:
Nicht nur bei der täglichen Arbeit und bei fröhlichem Fest sind so die Denksprüche ein gedankenreicher Schmuck des Daseins. Auch in die Kirche begleitete den alten Freiberger die aus Beruf und innerem Erleben geschöpfte Spruchweisheit.
So hängen z. B. im Dom, den die Bergmannskanzel und noch andere Darstellungen bergmännischer Art schmücken, zwei messingene Kronleuchter aus dem 16. Jahrhundert mit der Inschrift:
und