Die verbrecherische Natur

Der Kutter ging vor halbem Wind durch die letzten Schären des Stockholmer Inselmeeres, und das Meer öffnete sich in Nachmittagsbeleuchtung.

Der Doktor suchte nach Worten, um sein Entzücken darüber auszudrücken, denn er war im Innern des Landes geboren und hatte das Meer nur einige Male von dem Deck eines Dampfers gesehen.

Nachdem der Leutnant das Steuerruder umgelegt und Kurs auf den Leuchtturm von Landsort genommen, befahl er Punsch und Zigarren.

Die Einsamkeit, die Stille, der Mangel an Gegenständen, auf denen das Auge haften konnte, stimmte den Sinn mitteilsam, und trotzdem die beiden Jugendfreunde bereits drei Stunden von alten und neuen Dingen gesprochen, fand sich immer wieder neuer Stoff zu neuen Gesprächen.

– Es muss doch herrlich sein, auf dem Meer leben zu können, sagte der Doktor und liess das Auge rings um den Horizont schweifen.

– Ja, in guter Gesellschaft, wenn man sein eigener Herr ist, sagte der Leutnant. Aber im Dienst an Bord, das ist etwas anderes! Erstens ist man eingeschlossen; das Schiff ist ein Käfig, merk dir das, und der Horizont wird eng, wenn du dich an ihn gewöhnt hast; der blaue Rand, hinter dem man etwas träumt, wenn man jung ist, wird eine graue Steinmauer. Denke dir, du seist in einem Käfig auf dem eingeschlossenen Hof eines Gefängnisses. Und noch eins: hast du einen Unfreund an Bord, so merkst du, dass du lebst.

– Es ist doch jedenfalls ein gesundes Leben.

– Gesund? Das sieht so aus, aber die Gedanken werden nicht gesund, wenn das Gehirn keine Eindrücke von aussen empfängt; und immer auf das blosse Nichts sehen, macht auf die Dauer stumpfsinnig. Aber es gibt noch andere Schattenseiten im Leben des Seemannes, die durchaus nicht gesund sind.

Das Gesicht des Leutnants wurde finster, und er sah erst nach, ob die Leute auch so weit entfernt waren, dass sie nicht lauschen konnten.

– Bedenke doch, es ist das vom andern Geschlecht abgesonderte Leben des Mönches und des Gefangenen.

– Ihr lebt schön abgesondert, wenn ihr an Land kommt, fiel der Doktor ein.

– Aber ehe man an Land kommt! Einen Monat, zwei Monate auf See! In halber Untätigkeit. Die Gedanken suchen ihre eigenen Wege, der Wille herrscht auf eigene Faust, kriecht über Rechtsgefühl, springt über Begriffe von Moral, Ehre und dergleichen. Man hat schon recht seltsame Dinge auf See gesehen.

– Ich habe allerdings gehört, dass die Mannschaft es toll treiben kann, sagte der Doktor.

– Es ist schade um die Verheirateten! Dieses Gedicht von der Gattin des Seemanns, die trauernd am Fenster sitzt, ist nur ein Gedicht. Aber der Mann, der verheiratete Mann, der beschmutzt sich nicht gern, wenn er an Land geht; ein Vergnügen hat er nicht für sein Geld! Gewöhnlich ist die Frau längst getröstet, wenn der Mann heimkehrt! Aber es gibt andere Seiten, Nachtseiten, wie man sie nennt, diese Ausbrüche der sich rächenden Natur, die uns unheimlich vorkommen, weil wir sie zuerst nicht erklären können; für die der Mensch bestraft wird, trotzdem er nur das Opfer ist.

– So, ihr habt das auch an Bord? Man erfährt so wenig davon, trotzdem es eine der merkwürdigsten Erscheinungen ist, die es zu allen Zeiten gegeben hat.

– Du hältst es also nicht für ein Verbrechen, fragte der Leutnant mit einem gewissen Eifer und zog an seiner Zigarre.

– Ein Verbrechen? Was ist ein Verbrechen? Was vor Staatsanwalt und Gericht kommt. Von der Natur kann es ein Verbrechen sein, wie in den Fällen, in denen das Geschlecht bis lange nach der Geburt unentschieden bleibt; das kann man aus den Anzeigen über Namensänderungen sehen, die zuweilen in den Zeitungen stehen. Die Natur hat Launen und die Kultur hilft dabei, aber die Menschen sollten heute so aufgeklärt sein, dass sie Gebrechen nicht bestrafen.

– So, das sagst du? Es freut mich, einmal ein wahres Wort in dem allgemeinen Geheul zu hören.

– In Frankreich hat man schon in der Kammer beantragt, den Paragraph, der das vermeintliche Verbrechen bestraft, zu streichen.

– Wirklich? Und hier laufen sie wie Aussätzige herum, werden von einer ewigen Unruhe verzehrt, dass sie verdächtigt oder entdeckt werden. Ich will einen Fall erzählen, den ich mit eigenen Augen gesehen habe. Dann magst du urteilen, ob es ein Laster, eine Entartung oder ganz einfach eine Erscheinung ist, deren Gründe wir nicht kennen.

– Es ist mir gleichgültig, wie man es nennt; eine Berufskrankheit bei Mönchen und Seeleuten; die Erscheinung ist ebenso interessant wie eine menschliche Frucht, welche die Natur mit einem Kalbskopf oder drei Armen ausgestattet hat.

– Etwas merkwürdiger ist es doch wohl, besonders wenn sie in seelischer Form auftritt und alle Symptome zeigt, die bei einer unschuldigen Schwärmerei zwischen Mann und Weib vorkommen.

– Bei einer unschuldigen? Hm!

– Ja, du, unschuldig, betonte der Leutnant. Ich weiss, dass ein solches Verhältnis unschuldig sein kann.

– Ja, eine Zeit lang! Du darfst nicht, und sie wagt nicht! Das kennen wir! Aber erzähle deine Geschichte.

Sie nippten am Punsch und steckten neue Zigarren an.

– Weisst du, was der Chef einer Fregatte ist? begann der Leutnant und legte die Ruderpinne ins Hackbrett. Das ist ein Porzellangott. Er ist da, aber er zeigt sich nicht. Er hat nicht den höchsten Befehl, denn den hat der Sekond, aber er steht über dem höchsten Befehl. Seeleute pflegen den Schiffer den „Alten“ zu nennen, ganz wie die Bauern vom Donner sprechen und „Gevatter“ sagen. Der Sekond ist der „Alte“ auf einem Kriegsschiff; für den Chef hat man keinen Namen. Er sitzt eingeschlossen in seiner Kajüte, spricht nur mit dem Sekond; isst allein, bis auf einen Tag in der Woche, an dem er die Offiziere an seinen Tisch ladet, und einen zweiten Tag, an dem er sich von den Offizieren einladen lässt. Er tadelt nie, belohnt nie, kommandiert nie. Was er tut, weiss nur der Sekond. Kommt er auf Deck, so geht er nie über den Besan hinaus.

Das Schiff ist die vollkommenste aller Gemeinden, die in der Organisation tausend Jahre hinter der Zeit zurückbleibt! Sie würde unvollkommen sein, wenn Frauen dabei wären.

Meine erste Fahrt machte ich als Kadett auf der Fregatte Thor.

Das Leben war nicht so, wie es sich der Schüler geträumt, als er voll Neid auf die kokette Jacke und das hübsche Seitengewehr der Seekadetten sah. Es war etwas ganz anderes; etwas sehr Rohes und sehr Hässliches; vor allem sehr Unpoetisches.

Eines Tages hatte ich die Wache und stand am Steuerrad, also auf einem sehr verantwortungsvollen Posten; ich sah starr voraus durch Taue und Takelung über die Mannschaft auf Deck hinweg; versuchte die Gedanken zusammen zu halten, indem ich sie nur auf den Kurs richtete. Aber teils unruhig über die wichtige Aufgabe, da ich die ganze Bevölkerung des Schiffes in meiner Hand hatte, teils nervös infolge eines unbestimmten Gefühls, dass jemand seine Augen auf mich richte, vergass ich mich. Die Talje knirschte, das Bugspriet gierte und es begann im Jager lebendig zu werden. Da rief der Flaggschiffer, der an meiner Seite stand:

– Festhalten!

Ich fühlte, wie das Rad meinen Händen entrissen wurde, während ich zugleich einen Stoss bekam, dass ich aufs Deck flog.

Ich taumelte zur Seite wie ein hingeworfener Handschuh und stand zu meiner grossen Bestürzung unmittelbar vor den Zehen keines Geringeren als meines Chefs. Ich sah in ein gelbgraues Gesicht, das dem eines reichen Grosshändlers glich. Der Mund war scharf geschnitten und von zwei schrägen Zügen eingefasst, die ihm einen boshaften Ausdruck gaben, der jedoch von einem hellen Backenbart gemildert wurde. Er sah aus, als wolle er mich in die See werfen, aber er schwieg. Er schien sich zu fragen, ob er sich so weit herablassen könne, dass er mich Würmchen ansprach.

Schliesslich erweichten sich die strengen Züge, und er sah mich an, als sei ich ein kleines Kind.

– Wie heissest du, Kadett? fragte er.

Ich nannte meinen Namen.

– Und dein Vater ist?

– Tot, antwortete ich. Aber er war Oberstleutnant bei den Pionieren.

– Ich habe deinen Vater gekannt; wir waren Jugendfreunde, und ich schätzte ihn sehr. Geh auf deinen Posten zurück und halt die Gedanken beisammen.

Ich trat wieder ans Rad und tat mein Äusserstes, um aufmerksam zu sein. Aber der Chef ging auf und ab, und ich fühlte, wie er mich ansah.

Als die Wache zu Ende war und ich in die Kadettenmesse hinunter kam, wurde ich von den Kameraden umringt und gefragt, was der Chef gesagt habe.

Als sie hörten, dass er meinen Vater gekannt habe, sahen die Jüngeren mit einer gewissen Achtung zu mir auf; aber die Älteren sahen arglistig aus, ich konnte nicht verstehen, warum.

Einige Tage später sassen wir, einige Kameraden und ich, auf Halbdeck und splissten Taue. Wir schwatzten über alles Mögliche. Ich aber, der ich immer ein sehr nervöses Temperament gehabt habe, so empfindlich wie eine Kompassnadel, empfand eine gewisse Unruhe, als ob jemand mich fixiere. Ich drehte mich mehrere Male um, um nachzusehen, wessen Augen mich so eigensinnig und energisch verfolgen könnten. Schliesslich blieben meine Blicke auf einem kleinen runden Fenster haften, das zu der äusseren Kajüte des Chefs gehörte, und da sah ich die beiden schrägen Falten um seinen Mund, nicht mehr, die Augen hatte er hinter der Gardine verborgen. Das beunruhigte mich, ohne dass ich hätte sagen können, warum.

Zwei Tage später erhielt ich abends den Befehl, mich in der Kajüte des Chefs einzufinden. Es war ein elegant möblierter Raum mit Büchergestellen, Gemälden, Photographien und einem Orgelharmonium. Drinnen beim Chef sass der Sekond. Er hielt seine Mütze in der Hand und sah verlegen aus.

– Herr Korvettenkapitän, begann der Chef mit einem unnatürlich geläufigen Ton; dieser junge Mann ist der Sohn meines verstorbenen Jugendfreundes, der mir einmal einen unschätzbaren Dienst geleistet hat. Ich fühle mich dem edlen Mann verpflichtet und will deshalb seinen Jungen etwas in die Hand nehmen. Ich werde seine Erziehung leiten, solange er mit mir an Bord ist.

– Willst du mein Schüler werden? wendete er sich zu mir.

Ich war von dieser grossen Gunst, die mir der Freund meines verstorbenen Vaters anbot, so verwirrt, dass ich nur einige unverständliche Worte der Dankbarkeit stammeln konnte.

Er lud mich zum Sitzen ein, und der Sekond bekam einen Wink, dass die Audienz aus sei.

Wir waren allein. Ich weiss nicht, was in seiner Art war, das mich bange machte. Es war nicht der Chef, das Götzenbild, sondern es war ein anderer. Sein Benehmen war verlegen und seine Sprache gezwungen. Auch begegnete er meinen Blicken anfangs nicht.

– Bist du für Mathematik begabt, mein Junge? begann er.

– Nicht besonders, antwortete ich.

– Aber du kannst Gleichungen zweiten Grades lösen?

– Ja, das kann ich ganz gut.

– Dann wollen wir zu den Logarithmen übergehen. Siehst du, ein Seemann ohne Logarithmen, das ist ein Fahrzeug ohne Kompass.

Er stand auf und holte die Logarithmentafel. Schob einen Stuhl an den Tisch heran und griff zu Papier und Feder.

Nachdem er eine Weile über Charakteristik und Mantisse, die er, wie ich später sah, verwechselte, gesprochen hatte, legte er die Feder fort.

– Nun, wie gefällt es dir an Bord?

– Gut, Herr Admiral, antwortete ich.

– Und die Kameraden?

– Von denen spricht man nicht, entschlüpfte es mir, ehe ich hatte einsehen können, welche Zurechtweisung die Antwort enthielt.

– Das ist gut geantwortet, mein Junge, sagte er und sah mich an mit einer Miene, die ältere Leute jüngeren zeigen, wenn die sich eine Freiheit herausnehmen.

– Willst du ein Glas Punsch haben? fragte er; es ist hier etwas feucht.

Nein zu antworten, war nicht möglich, da ich nicht Temperenzler bin. Aber im selben Augenblick überfiel mich ein Gefühl der Furcht: Wenn nun jemand hereinkommt und den Chef mit dem Kadetten trinken sieht! Die Situation war peinlich. Hast du schon empfunden, wie man sich für einen andern schämt? Um ihn war mir bange!

Er öffnete eine Klappe und holte Gläser und eine Karaffe hervor, die er in seine Kabine trug.

– Tritt näher, sagte er.

Meine Unruhe stieg noch mehr; die ganze Situation war so falsch, und der Abgott fiel, fiel unrettbar.

In der Kabine setzte er sich mir gegenüber und sah mich an, wie der Riese, ehe er den Däumling fressen wollte.

– Du bist ein guter Junge, sagte er, indem er (jedoch ohne anzustossen) sein Glas austrank, und dein Aussehen wird dir in deiner Laufbahn weiterhelfen. Weisst du, dass du gut aussiehst?

Ich errötete, das fühlte ich, und wusste nicht, wo er hinaus wollte. Ich sah nur in seinem Gesicht einen neuen seltsamen Ausdruck, und seine Augen flackerten wie Gasflammen.

– Hast du schon Liebesabenteuer gehabt? fragte er von neuem, und seine Augen begannen zu glühen.

Ich wusste nicht, was ich antworten sollte, denn ich hatte Respekt vor dem Freund meines Vaters.

Er stand auf und begann auf und ab zu gehen.

– Du hättest mein Sohn sein sollen, sagte er schliesslich; das hättest du!

Er war nicht verheiratet, das wusste ich, und ich verstand, dass das ganze Einsamkeitsgefühl des alten Junggesellen in diesem Ausruf lag.

Jetzt wurde zum Essen geblasen, und ich musste gehen.

– Morgen Abend um dieselbe Zeit, sagte er!

Ich machte Honneur und ging.

Meine Abendstunden wurden eine Zeit lang fortgesetzt. Seine Art wurde immer intimer. Zuweilen belästigte sie mich unbeschreiblich. Kam ich absichtlich zu spät, sah er betrübt aus.

– Du wirst meiner überdrüssig, sagte er. Ich bin alt und langweilig.

Dann wurde ich von Mitleid ergriffen mit dem armen Einsamen, dessen hohe Stellung ihm verbot, sich Verkehr zu suchen.

Wir liefen schliesslich Havana an; ich erhielt Erlaubnis, an Land zu gehen, musste dem Chef aber versprechen, nicht mit den Kameraden schlechte Häuser zu besuchen. Er nahm mir förmlich ein Gelübde ab.

Als ich wieder an Bord kam, fragte er mich, ob ich bei einem Mädchen gewesen sei. Ich antwortete nein, der Wahrheit gemäss.

– Das ist recht, mein Junge, sagte er. Nimm dich vor den Weibern in Acht! Hörst du!

Und dann segelten wir wieder.

Eines Abends, ich vergesse ihn nie, es war auf der Höhe von Madeira, die Luft war heiss wie in einem Gewächshaus, wir trugen nur Hemd und Hosen, und die Windstille hatte vier Tage gedauert.

Um acht Uhr betrat ich die Kajüte des Chefs, vollständig bekleidet. Er war sehr erregt. Konnte kaum sprechen.

– Das ist eine furchtbare Hitze, seufzte er; zieh den Spenzer aus.

Dagegen hatte ich nichts einzuwenden, obwohl es im höchsten Grad gegen Reglement und gute Sitte verstiess.

Er setzte sich neben mich, halb hinter mich. Ich fühlte seinen heissen Atem in meinem Nacken und empfand eine Bangigkeit und Beklommenheit, wie ich sie nicht beschreiben kann.

Wir waren mit Trigonometrie beschäftigt und ich beugte mich über das Papier. Mein Kopf wurde schwer, und um mich zu wecken, machte ich den Rumpf gerade und warf den Kopf zurück. In diesem Augenblick fielen meine Blicke auf den Spiegel mir gegenüber. Was ich da sah, flösste mir ein solches Entsetzen ein, als habe ich plötzlich gesehen, wie die Natur sich umkehrt und ihre Kehrseite zeigt. Als ob die Sonne blau und der Himmel gelb und die Bäume rot geworden seien, oder als ob der Mond Blitze schiesse. Sein Gesicht lag über meiner Schulter und seine Augen suchten unter den Aufschlägen meines Hemdes. Ich schrie, glaube ich, und wollte aufspringen, wurde aber von zwei Armen festgehalten und fühlte einen Kuss auf meinen Lippen, einen Kuss wie von der scharfen Zunge eines Stiers, und es schnaubte über mein Gesicht, als hätte ein Seehund mich geleckt.

Als ich aufs Deck hinauskam, musste ich mich an der Verschanzung halten, um nicht zu fallen, denn meine Beine zitterten. Es war für mich eine Offenbarung des Widrigen, ein Erscheinen des Bösen.

– Und damit war die Bekanntschaft zu Ende! sagte der Doktor kalt und trank sein Glas aus.

– Nicht ganz! Weisst du, was er jetzt tat? Er schrieb Briefe an mich. Ich las nur einen! Es war ein Liebesbrief. Er liebte mich!

– Wie Sokrates Alcibiades liebte! Glaubst du, du hast eine Entdeckung gemacht? Und glaubst du, dass nur Absonderung oder Überkultur diese Erscheinung hervorrufen. Sie kommen auch bei wilden Volksstämmen vor, ja bei Tieren. Ich meine, man müsse bei solchen Launen der Natur ein Auge zudrücken, wenigstens den Unschuldigen nicht bestrafen, wie ich schon sagte. Willst du eine Geschichte im selben Genre hören?

– Ja, aber lass uns erst etwas essen; ich sehe, drinnen ist gedeckt.

Er rief einem der Gäste zu, das Ruder zu übernehmen, und sie gingen in die Kajüte.

Sie versuchten von etwas anderem zu sprechen, immer aber kamen sie auf das erste Thema zurück.

– Erinnerst du dich, fing der Doktor an, wie du als Schüler mit Kameraden gleichen Alters befreundet warst? Ihr kamet immer zusammen aus der Schule, suchtet einander in freien Stunden auf, teiltet Ansichten und Kasse. Ja, du konntest sogar eifersüchtig auf deinen Freund sein, wenn er andere dir vorzog. Nicht wahr?

– Ja, aber das war Freundschaft!

– Ja, das war es! Aber so beginnt ja auch die Liebe zwischen den verschiedenen Geschlechtern. Es muss weit kommen, ehe einer von Beiden sich eine körperliche Berührung in einem Kuss oder einer Liebkosung erlaubt oder überhaupt ein Bedürfnis danach empfindet. Bei Mädchen dagegen äussert sich diese Freundschaft in Umarmungen und Küssen. Das ist ganz unschuldig natürlich, aber die Symptome gleichen sehr dem, was man Liebe nennt. Es ist ebenso unschuldig wie das Gefühl, das Eltern dazu treibt, ihre Kinder in die Arme zu nehmen und zu küssen. Kannst du sagen, was rein und unrein ist, körperlich oder geistig? Das ist schwer, denn die Liebe der Eltern zu den Kindern hat ein unwiderstehliches Bedürfnis, sich in körperlicher Berührung zu äussern und steht doch über jeden Verdacht, sinnlich zu sein. Haust aber eine arme Familie zusammen in einem Zimmer, schlafen Vater und Töchter zusammen, während die Mädchen heranwachsen, dann kann es geschehen, dass die Gefühle ihre Natur ändern. Die äusseren Umstände sind es, die da wirken, wie man auch nur bei Hirten und Reitern Fälle von Bestialität trifft. Sag nicht, das ist ein neues, unnatürliches Element, sondern das ist dieselbe Natur, die aber aus Mangel an Gelegenheit sich andere Auswege sucht, wie sich die Gewebe des Körpers einem Fistelgang öffnen, wenn die natürlichen Kanäle von einer Krankheit geschlossen werden.

Jetzt sollst du meine Geschichte hören.

Er war klein und unbedeutend und wurde von den Mädchen übersehen, denn sie fanden, er sei weder als Liebhaber noch als Beschützer vielversprechend. Das flösste ihm Misstrauen zu sich selber und Abneigung gegen das andere Geschlecht ein. Als er älter wurde und Dirnen besuchte, fiel es ihm auf, was wir andern ganz natürlich fanden, dass sie sich bezahlen liessen. Das chokierte ihn. Warum sollte nur der eine Teil bezahlt nehmen und nicht der andere, wenn alle beide das Vergnügen genossen.

Dann ging er ein Verhältnis mit einer Näherin ein. Sie hatte ihn lieb und sie nahm nicht bezahlt. Aber sie wurde von seltsamen Träumen beunruhigt, die auch ihn zu beunruhigen anfingen. Das eine Mal träumte sie, er lade sie ins Theater ein; das zweite Mal, er schenke ihr Handschuhe; das dritte Mal, er bezahle ihre Miete. Mein Freund war nicht stark darin, Träume zu deuten, weil er arm war, und dem Mädchen wurden ihre Träume nicht erfüllt. Der Freund dachte, ich habe alle Soupers bezahlt und sie keins; aber das sagte er nicht. Doch sie ward es müde, ein Traumleben zu leben, und schenkte ihre Liebe bald einem Buchhalter, der die Mittel hatte, ihre Träume zu erfüllen. Mein Freund wurde sehr bitter gegen die Frauen: das seien Materialisten, da sie nicht aus reiner Liebe lieben könnten.

Später verliebte er sich wieder. Als er ans Heiraten denken konnte, ging er zum Vater; der fragte ihn natürlich, ob er Geld habe.

– So, man muss auch das Heiraten bezahlen, dachte er. Nur bezahlen, immer und überall!

Aber er war verliebt, und er entschloss sich zu dem Handel. Er war Turn- und Schwimmlehrer. Jetzt fängst du an zu verstehen. Er verheiratete sich. Entdeckte nach dem ersten Kind, dass seine Frau Anlage für „höhere Aufgaben“ besitze und nicht mehr Kinder haben wolle. Sturm und Gewitter! Und dann halbe Ruhe. Oft fand er es hart, für nichts bezahlen zu müssen; aber es war nicht mehr zu ändern.

Fünfzehn Jahre dauerte das Zölibat und seine Frau wusste ihre Stellung gut zu verteidigen.

– Ich bin die Mutter deines Kindes, und in dieser Eigenschaft bin ich im Haus.

Aber sie war nicht die Mutter seines Kindes, denn sie besuchte fromme Sitzungen und hatte andere höhere Zwecke, die nicht gerade der Aufklärung dienten, aber sie vergass, dass sie seine Gattin war.

Nach fünfzehn Jahren gab es einen Skandal in der Schwimmschule. Mein Freund hatte sich dem ausgesetzt, was Darwin einen Generationswechsel genannt hätte. Aus der Analyse der fünfzehn Jahre Zölibatleben kannst du einen russischen Roman machen; ich vermag es nicht! Das Resultat war eine geheime Untersuchung. Er wurde freigesprochen und – zeugte ein neues Kind in der Ehe. Damit war der Sache abgeholfen.

Da hast du zwei Faktoren, die zusammen wirkten: Berufskrankheit oder günstige Gelegenheit und auf der anderen Seite fehlende Versorgung.

– Noch ein dritter Faktor war vorhanden, fiel der Leutnant ein.

– Welcher denn?

– Dass er schon als junger Mann darben musste.

– Dann kannst du auch einen vierten nehmen!

– Welchen?

– Den hohen Arbeitslohn.

– Nein jetzt gehen wir auf Deck, sagte der Leutnant; das fängt an unheimlich zu werden, wenn man sich darin vertieft.

– Ja, das wird es, aber Alles zu seiner Zeit. Weisst du, dass die Akademie von Dijon im vorigen Jahr einen Preis von zehntausend Franken ausgesetzt hat für den, der befriedigend die Frage beantwortet: Warum darf man nicht schreiben, wie man spricht?

– Nun, wer hat den Preis gewonnen?

– Der Beschäler von Växjö. Er fand, die Ursache liege darin: wenn er schreiben würde, wie er spreche, dann käme er ins Gefängnis.

– Du bist verrückt!

– Nein, sieh, der Mond ist aufgegangen, rief der Doktor aus, als sie auf Deck kamen.

– Bei uns ist der Mond ein Maskulinum, aber in Griechenland ist er ein Femininum!

– Die Griechen haben ja nie die Geschlechter auseinander gehalten. Weisst du, warum nicht?

– Nein!

– Es lag wohl in ihrer religiösen Überzeugung. Zeus liebte ja Ganymedes! Und es war ein grosses und gebildetes Volk, das die religiöse Überzeugung achtete!