Ungetraut und getraut

Der Referendar ging an einem schönen Frühlingstage im alten Stockholmer Hopfengarten spazieren. Er hörte aus der Rotunde Gesang und Musik klingen und sah aus den grossen Fenstern Licht strömen, das seinen Schein bis unter die Schatten der eben ausgeschlagenen Linden warf.

Er ging hinein, setzte sich an einen freien Tisch nahe der Estrade und verlangte einen Grog.

Zuerst sang ein Komiker ein trauriges Lied von der „Toten Ratte“. Dann kam ein junges Mädchen in rosenrotem Kleid und trug das dänische Lied vor: „Und nichts ist so lieblich wie eine Mondscheinfahrt“. Sie sah verhältnismässig unschuldig aus und richtete das Lied an unsern unschuldigen Referendar. Von einer solchen Auszeichnung geschmeichelt, leitete der Unterhandlungen ein, die mit einer Flasche Wein begannen und mit zwei möblierten Zimmern nebst Küche und den nötigen Bequemlichkeiten endeten.

Die Gefühle des jungen Mannes zu analysieren, gehört nicht in den Plan dieser Arbeit, ebensowenig wie eine Beschreibung des Meublements und der nötigen Bequemlichkeiten zu geben. Genug, sie waren gute Freunde.

Aber von den sozialistischen Tendenzen der Zeit angesteckt und immer sein Glück vor Augen haben wollend, beschloss der junge Mann, selber in die Wohnung zu ziehen und die Freundin als Haushälterin anzustellen. Darauf ging sie gern ein.

Aber der junge Mann hatte Familie, das heisst seine Familie zählte ihn zu ihrem Mitglied, und da er nach deren Meinung die allgemeine Moral verletzt und einen Schatten auf das Ansehen der Familie geworfen hatte, wurde er vor Eltern und Geschwister zitiert, um zurechtgewiesen zu werden. Er aber glaubte für solche Zurechtweisungen zu alt zu sein und brach Unterhandlungen und Verkehr ab.

Das machte ihm sein eigenes Heim nur noch lieber, und er wurde ein recht häuslicher Ehemann, Verzeihung, „unehelicher“ Mann. Sie waren selig, denn sie liebten einander, und keine Fessel drückte sie. Sie lebten in einer fröhlichen Unruhe, dass sie einander verlieren könnten, und taten daher alles, um einander zu behalten. Die Beiden waren eins.

Etwas aber fehlte ihnen in ihrem Leben; das war der Verkehr. Die Gesellschaft wollte nichts von ihnen, und der junge Mann wurde von der „grossen Welt“ nicht eingeladen.

Es war der Tag vor der Weihnacht, ein trauriger Tag für die, welche Familie gehabt haben. Als er morgens beim Kaffee sass, empfing er einen Brief. Der war von einer Schwester, die ihn inständig bat, am Weihnachtsabend nach Haus zu kommen. Die Saiten seiner alten Gefühle waren angeschlagen, und er wurde verstimmt. Sollte er seine Freundin an einem solchen Abend allein zu Hause sitzen lassen? Nein! Sollte sein Platz im Elternhaus zum ersten Mal am Weihnachtsabend leer bleiben? Hm! So standen die Dinge, als er aufs Gericht ging.

In der Frühstückspause trat ein Kamerad an ihn heran und fragte so vorsichtig wie möglich:

– Wirst du den Weihnachtsabend bei deiner Familie verleben?

Er flammte auf. Sollte der eingeweiht sein? Oder was meinte er?

Der andere sah, dass er auf ein Hühnerauge getreten hatte, und fuhr fort, ohne die Antwort abzuwarten.

– Ja, siehst du, wenn du allein bist, habe ich gedacht, du könntest mit mir, hm, mit uns zusammen sein. Du weisst vielleicht, hm, ich habe ein kleines Verhältnis, hm, ein nettes, prächtiges Mädchen, siehst du.

Das klang gut, und er sagte, er wolle den Vorschlag gern annehmen, wenn sie beide kommen könnten. Natürlich dürften sie das, und damit war die Weihnachtsfrage und die Verkehrsfrage gelöst.

Sie trafen sich um sechs Uhr bei dem Freunde, und die beiden „Alten“ setzten sich hin, um Portwein zu trinken, während die Frauen in die Küche gingen.

Dann halfen sie alle vier beim Decken: die beiden Alten knieten auf den Boden nieder und machten mit Keilen und Querhölzern den Tisch breiter. Die Frauen waren schon die besten Freundinnen geworden, denn sie wurden von dem recht sichtbaren Band zusammengehalten, das den grossen Namen „Urteil der Welt“ trägt. Sie achteten einander, sie waren feinfühlig gegen einander. Sie vermieden diese zweideutige Sprache, an der sich Eheleute ergötzen, wenn die Kinder sie nicht hören, als wollten sie sagen: jetzt haben wir das Recht dazu.

Bei der Torte brachte der Jurist einen Toast auf die eigene Häuslichkeit aus, in die wir vor der Welt und den Menschen fliehen, in der wir unsere besten Stunden mit unsern wirklichen Freunden verleben.

Da fing Marie-Luise an zu weinen, und als er sie fragte, warum sie betrübt sei, warum sie nicht glücklich sei, schluchzte sie, sie sehe wohl, dass er seine Schwestern und seine Mutter vermisse.

Er antwortete, er vermisse sie durchaus nicht, und sie selber würde sie sicher weit fort wünschen, wenn sie in ihre Nähe käme.

– Ja, aber warum könnten sie sich nicht verheiraten?

– Seien sie denn nicht verheiratet?

– Ja, aber nicht richtig!

– Vorm Pastor? Er glaube nicht, dass Pastoren etwas anderes seien als examinierte Studenten, und ihre Beschwörungsworte seien nur Mythologie.

– Das verstehe sie nicht, aber gut sei es nicht, das wisse sie, und die Leute im Hause zeigten mit Fingern nach ihr.

– Mögen sie doch zeigen!

Sophie fiel ein, sie wisse wohl, sie seien nicht fein genug für die Verwandten; aber daran kehre sie sich nicht. Jeder bleibe da, wo er hingehöre, und solle damit zufrieden sein.

Jedenfalls hatte man einen Verkehr, und man lebte in Eintracht, wie Familien selten tun. Das Band, das sie zusammenhielt, war immer vorhanden; dafür aber waren sie frei von andern Fesseln. Und die Gatten waren immer wie Verliebte, ohne schlechte eheliche Gewohnheiten anzunehmen, wie zum Beispiel unhöflich gegen einander zu sein.

 

Nach einigen Jahren wurde die Verbindung durch einen Sohn gesegnet. Damit war die Geliebte zu dem Rang einer Mutter gestiegen, und alles andere wurde jetzt vergessen. Das Leiden bei der Geburt und die Fürsorge für den Neugeborenen nahmen ihr die alten selbstsüchtigen Züge, immer angenehm sein zu wollen und allein die Liebe des Mannes zu beanspruchen.

Als Mutter zeigte sie sich der Freundin gegenüber etwas überlegen, und dem Mann gegenüber trat sie mit grösserer Sicherheit auf.

Eines Tages kam dieser nach Haus und verkündigte eine grosse Neuigkeit. Er habe seine älteste Schwester auf der Strasse getroffen, und sie wisse natürlich genau Bescheid. Sie sei sehr neugierig auf ihren Neffen und wolle endlich einen Besuch bei ihnen machen.

Marie-Luise war erstaunt und begann aufzuräumen und abzustauben, und ihr Mann musste ihr endlich ein neues Kleid kaufen. Und dann wartete sie acht Tage lang. Die Gardinen wurden gewaschen, die Messingtüren an den Kachelöfen geputzt, die Möbel wurden gerieben. Die Schwester sollte sehen, dass ihr Bruder an eine ordentliche Person geraten sei.

Und dann wurde Kaffee gekocht, um elf Uhr vormittags, zu welcher Zeit die Schwester kommen sollte.

Sie kam, gerade wie ein Stock, und reichte der Schwägerin eine Hand, die so steif war wie ein Waschbleuel. Sie besichtigte die Einrichtung der Schlafstube, lehnte es aber ab, Kaffee zu trinken und sah der Schwägerin nicht ins Gesicht. Doch für den Neugeborenen interessierte sie sich etwas. Dann ging sie wieder.

Aber Marie-Luise hatte ihrem Mantel Mass genommen, den Stoff ihres Kleides abgeschätzt, eine neue Idee von ihrer Haarfrisur bekommen. Auf grosse Herzlichkeit hatte sie nicht gerechnet. Für den Anfang war ihr der Besuch genug, und das Haus wusste bald, dass die Schwägerin dagewesen.

Der Junge wuchs und bald folgte ihm ein Mädchen.

Jetzt zeigte sich Marie-Luise zärtlich besorgt um die Zukunft der Kinder, und der Vater wurde täglich zu überzeugen gesucht, nur eine Trauung könne die Kinder retten.

Dazu kam die Andeutung der Schwester, eine Versöhnung mit seinen Eltern sei möglich, wenn er sich regelrecht verheirate.

Nachdem er zwei Jahre, Tag und Nacht, dagegen gekämpft hatte, beschloss er endlich, um die Zukunft seiner Kinder sicher zu stellen, die mythologische Zeremonie über sich ergehen zu lassen.

Wen aber sollte er zur Hochzeit einladen? Marie-Luise wollte die Trauung in der Kirche haben. Dann aber konnte Sophie nicht dabei sein. Das ging bestimmt nicht. Ein Mädchen wie sie! Marie-Luise konnte bereits das Wort „Mädchen“ mit einem moralischen Accent aussprechen. Ihr Mann aber erinnerte sie, dass Sophie eine gute Freundin gewesen sei und man nicht undankbar sein dürfe. Marie-Luise dagegen betonte, man müsse seiner Kinder wegen private Sympathien aufgeben; und sie drang mit ihrer Ansicht durch.

Die Hochzeit fand statt.

Die Hochzeit war vorüber. Keine Einladung von seinen Eltern. Von Sophie ein zorniger Brief, und dann vollständiger Bruch.

So war also Marie-Luise Frau. Aber einsamer als vorher war sie. Über die Enttäuschung erbittert, ihres jetzt gebundenen Mannes sicher, begann sie sich alle Freiheiten herauszunehmen, die einer Ehefrau zukommen. Was früher aus gutem Willen gegeben wurde, nahm sie jetzt als schuldigen Tribut hin. Sie verschanzte sich hinter dem Ehrentitel der Mutter seiner Kinder und machte von dort ihre Ausfälle.

Einfältig wie alle angeführten Männer, konnte er nie begreifen, was für eine Helligkeit darin lag, dass sie die Mutter seiner Kinder war. Warum seine Kinder merkwürdiger sein sollten als andere Kinder und als er selber, das begriff er nicht.

Doch beruhigt, dass seine Kinder eine gesetzliche Mutter bekommen hatten, fing er an, sich wieder in der Welt umzusehen, die er während des ersten Liebesrausches etwas vergessen und später nicht aufgesucht hatte, weil er Weib und Kind nicht allein lassen wollte.

Diese Freiheiten missfielen seiner Frau, und da sie sich jetzt nicht mehr zu genieren brauchte, auch eine aufrichtige Natur war, so sagte sie, was sie dachte.

Da er alle Schleichwege der Juristik studiert hatte, war er um die Antwort nicht verlegen.

– Findest du es anständig, fragte sie, die Mutter deines Kindes allein sitzen zu lassen, um in die Kneipe zu gehen?

– Ich glaube nicht, dass du mich vermisst hast, antwortete er vorbereitend.

– Vermisst? Wenn der Mann das Wirtschaftsgeld vertrinkt, so vermisst man manches im Hause.

– Erstens trinke ich nicht, denn ich esse nur einen Bissen und trinke nur eine Tasse Kaffee; zweitens vertrinke ich nicht das Wirtschaftsgeld, denn das hast du eingeschlossen; ich habe nämlich eine andere Art Geld, das ich „vertrinke“.

Unglücklicher Weise lieben die Frauen Ironie nicht, und die aus Scherz gemachte Schlinge wurde sofort um seinen Hals geworfen.

– Du gestehst also ein, dass du trinkst?

– Nein, ich habe nur deinen Ausdruck scherzhaft benutzt.

– Scherzhaft? So, man scherzt mit seiner Frau! Das hast du früher nicht getan!

– Du hast ja die Zeremonie selber gewünscht. Warum ist es jetzt nicht mehr so wie früher?

– Weil man verheiratet ist natürlich.

– Teils deshalb, und teils weil der Rausch die Eigenschaft hat, zu verdunsten.

– Es war also nur ein Rausch bei dir.

– Nicht nur bei mir; bei dir auch, und bei allen andern auch. Er dauert nur mehr oder weniger lang, siehst du!

– Also die Liebe ist nur ein Rausch bei den Männern.

– Nein, auch bei den Frauen!

– Sie ist jedenfalls ein Rausch!

– Ja, ja, ja! Aber man kann darum doch Freundschaft halten.

– Aber dann braucht man sich ja nicht erst zu verheiraten.

– Nein, das meinte ich ja auch.

– Du? Warst du es nicht, der wollte, dass wir uns trauen lassen sollten?

– Ja, weil du es Tag und Nacht wolltest, drei Jahre lang.

– Ja, aber du hast es doch gewollt!

– Ja, weil du es wolltest. Danke mir dafür.

– Soll ich dir dafür danken, dass du die Mutter deiner Kinder mit deinen Kindern allein lässt, während du in die Kneipe gehst?

– Nein, nicht dafür, sondern dass ich mich mit dir habe trauen lassen.

– Aber dankbar soll ich jedenfalls sein?

– Ja, das sollst du, wie jeder anständige Mensch, der seinen Willen bekommen hat.

– Nun, schön ist es nicht, so verheiratet zu sein! Wie irgend ein Mädchen, das von den Verwandten des Mannes nicht geachtet wird.

– Was hast du mit meinen Verwandten zu tun? Ich habe mich nicht mit deinen verheiratet.

– Weil sie nicht fein genug waren!

– Aber meine waren zu fein für dich. Wenn sie Schuhmacher gewesen wären, so hätte dir nicht so viel an ihnen gelegen.

– Schuhmacher? Taugen die vielleicht nichts? Sind das nicht auch Menschen?

– Doch gewiss, aber ich glaube nicht, dass du ihnen nachlaufen würdest.

– Nun, dann ist es gut!

Aber es war nicht gut, und es wurde nicht wieder gut. Ob es nun an der Trauung lag oder an etwas anderm, jedenfalls fand Marie-Luise, es sei früher besser gewesen; es sei „fideler“ gewesen, wie sie sich ausdrückte.

Er glaubte nicht, dass gerade die Trauung schuld sei, denn er hatte auch bürgerliche Ehen gesehen, die nicht glücklich waren. Und das Schlimmste von allem war: als er eines Tages wieder, wie er insgeheim zu tun pflegte, seinen alten Kameraden und Sophie besuchen wollte, erfuhr er, dass sie „ein Ende gemacht“ hatten. Und sie waren nicht getraut. Die Trauung hatte also nicht die Schuld!