Er trat zu mir hinein, ins Künstlerzimmer: »Ah cette voix, cette voix! Mais c'est la dernière fois que tu la fasses entendre publiquement. Dès aujourd'hui – pour le salon.«

Und er reichte mir den Arm und führte mich zum Ausgang, zurück durch den Saal, durch die Reihen des Publikums, stolz wie ein König.


Daß ich geschieden war, hatte für dieses Land der häufigsten Scheidungen nicht die geringste Bedeutung, besonders da ja aus meinen Scheidungspapieren (die er von mir verlangt hatte und verwahrte) hervorging, aus wessen Verschulden meine Ehe getrennt wurde.

Nur daß ich bei der Operette gewesen war, sollte ich verschweigen. Ich war Österreicherin, geschieden aus Verschulden des Mannes, Tochter eines Wiener Bankiers, die zu ihrem Vergnügen Musik und Gesang trieb, vielleicht auch mal zu Gunsten der Armen ihre Stimme öffentlich hören ließ, und damit basta.

Er war turcophil seiner innersten Überzeugung nach, wie es schien. Er sprach mir von den Okkupationsgelüsten aller Mächte, der Türkei gegenüber. Auf Syrien, seine Heimat, lauere Frankreich. Wenn jemals diese Absicht zur Wirklichkeit würde, würde er vorziehen, Muselman zu werden, wenn das dann nötig würde, und in den internen Dienst der nach Asien zurückgedrängten Türkei treten.

Wie mich's durchgruselte: Muselman – und ich dann seine Frau!

Aber, so wie ich damals zum erstenmal in seine Chancellerie trat, in dieses nächtliche Zimmer, mit diesem selben fast abergläubischen Gefühl, mir könne nichts »passieren«, das ich auch an jenem Silvesterabend auf dem Semmering hatte, als ich die Türe zum Nebenzimmer unverschlossen und unverschließbar fand, – wäre ich auch da hineingeschritten. Dieses starke Gefühl der Unentrinnbarkeit mancher Situationen habe ich oft gehabt. Und ich mußte dann – oder glaubte zu müssen, was ja wohl dasselbe ist, – in diese dunklen, dunklen Zimmer.


Madame Barozzi hatte sich meiner noch wärmer angenommen, seit sie wußte, daß ich mit Exzellenz Hilmi Pascha verlobt war. Ich kann nicht sagen, daß ich an ihrer Gesellschaft besonderes Vergnügen fand. Aber da Yussuff sie seine seconde mère nannte, blieb mir nichts anderes übrig, als mir ihre Bemutterung gefallen zu lassen. Sie war eine übermäßig dicke, kleine Dame, mit unnatürlich schwarzen Scheiteln und viel zu vielen Ringen an den alten, verwelkten Händen. Sie bemutterte alle jungen Leute, und Yussuff aus doppelten Gründen. Erstlich weil er ihr Landsmann (sie war geborene Türkin, aus christlich-levantinischer Familie), zweitens weil er Garçon war. Da könne man nicht genug auf ihn aufpassen. Ihr Gatte war ein hoher Funktionär, die »Regierung« seines Landes in Person, »Beschwichtiger« aller Unruhen und in großer Gunst bei seinem Monarchen.

Madame Barozzi besuchte mich eines Nachmittags und nahm den Tee bei mir. Ich wußte, daß ihre Neugier an ihrem mütterlichen Interesse einen nicht unerheblichen Anteil hatte. In einem geschickt verkleideten Kreuzverhör suchte sie mir immer wieder meine Personalien zu entlocken. Warum ich divorcée sei und warum ich keine Kinder hätte und ob mein Mann meine dot durchgebracht habe usw. Auch wollte sie wissen, ob ich als Sängerin in Wien bekannt sei. Ihre Neugier amüsierte mich, und ich hätte nicht übel Lust gehabt, ihr ein paar Enten aufzubinden. Aber Yussuff hatte gewünscht, daß ich Zurückhaltung bewahre über alle meine Verhältnisse. So stellte ich mich »dumm« und verstand nie, was sie eigentlich wissen wollte.

An diesem Nachmittag schwärmte sie in hohen Tönen von Yussuff. Sie lobte seine diplomatische Befähigung. Besondere Leistungen mußten es sein, die ihn in so jungen Jahren »sur un poste si important« gebracht hatten. Ich fand den Posten hier, an diesem unpolitischen Platz, mehr repräsentativ als important. Auch wußte ich, daß seine Abstammung einigen Anteil an dieser Karriere hatte, aber ich sagte natürlich nichts dergleichen.

Flüchtig erkundigte sich Madame Barozzi, ob Komtesse Etelka noch immer meine Freundin sei. Und sie drückte ihre Verwunderung darüber aus. »Car – la jalousie – – –.«

»Jalousie?«

Sie gab mir zu verstehen – daß – mein Gott, man hatte gemunkelt – Hilmi Pascha und die schöne Gräfin – ihr Mann, der kleine Italiener, konnte sich neben ihm nicht blicken lassen. »Dans la diplomatie – eh bien, que voulez-vous!«

Und zum Schluß gab sie eine ganz grauenhafte Geschichte zum Besten: von Hilmi Paschas – Köchin, die er schließlich entlassen mußte, mußte. »En garçon – que voulez-vous!«

Indem sie mir tiefe Diskretion auftrug, verließ mich die Holde.

Abends, als er zum Speisen kam und wir uns im Speisesaal des Hotels trafen, erzählte ich ihm von dem Besuch der Barozzi. Die Köchin würgte mich in der Kehle, aber ich schluckte sie tapfer hinunter. Aber das mit Etelka mußte angetippt werden. So ganz – leichthin: »Est – ce vrai, que vous avez été l'amant de cette femme?« Er raste und schäumte. Welch schändliche Verleumdung! »Ah cette vipère!« Damit meinte er die Barozzi.

»Mais voyons, – c'est ta seconde mère!«

»Ah ma seconde mère! Une vipère te dis-je! Méprise-la, cette vipère!«

Das mit der Köchin hätte ich nicht herausbringen können. Denn da hätte ich ihn in einem Punkt getroffen, in dem er keinen Spaß verstand. Dieser Punkt hieß »dignité!« Die männliche »Würde« lernte ich an Yussuff Hilmi Pascha in ihrer ganzen schrecklichen Wucht kennen und fürchten. Nimmermehr hätte er seine Schritte beschleunigt, um einen Zug, der abfahren wollte, zu erreichen. Nimmermehr den Gruß eines seiner Beamten so erwidert, wie den eines Kollegen. Nimmermehr einer – Frau erlaubt, in irgend etwas Kritik an ihm zu üben: dignité!


Was meine Vergangenheit betraf, so wollte er nun und nimmermehr glauben, daß ich seit meiner Scheidung – allein gelebt hatte. Unmöglich. Er verziehe mir alles, nur solle ich es ihm eingestehen. Käme er mir später auf etwas, so würde er sich betrogen fühlen. Und mein Nein wollte er durchaus nicht glauben.

Daß man ohne so einen lumpigen amant auskommen könne, schien ihm eine ganz unmögliche Sache, »Mais voyons, c'est impossible, étant separée de ton mari il y a deux ans, c'est impossible voyons!«

Und er preßte und drückte meine Hände und bohrte seine Augen in die meinen, wie Schrauben.

Zorn stieg in mir auf. Wie kam der Mann dazu, mir etwas zu »verzeihen«. Wäre es nicht mein gutes Recht gewesen, in meiner Einsamkeit mit mir zu tun, was mir beliebte? Und wenn es nicht geschehen war, – so war es wahrlich nicht um der »Verzeihung« des unbekannten Zukünftigen willen unterblieben, sondern deshalb, weil mir unter den Leuten meiner Bekanntschaft keiner begegnet war, der in meine Seele oder auch nur in mein Blut etwas hätte werfen können, was da Flammen aufschlagen machte. Wie erloschen schienen mir die meisten Männer. Man fühlte sein Geschlecht nicht in ihrer Nähe. Darum hatte er, Yussuff, auch auf mich gewirkt. Da war doch etwas, was einen erfaßte, mit der Macht eines Elementes. In dem, was mir aus seiner Werbung gekommen war, hatte ich etwas anderes gefühlt als in dem, was mir von anderen Männern kam. Seine blitzartige, schnelle Entscheidung für mich, die Kraft dieses Griffes nach mir, sie hatte mich erobert.

Und nun saß er vor mir und malmte meine Hände und wollte wissen, ob ich einen amant gehabt hätte.


Ein peinliches Ereignis verursachte mir, mehr aber noch ihm, nicht wenig Aufregung. Ein Prinz Odescalchi, den wir bei einem diplomatischen five o'clock kennen lernten, sollte sich irgendwann, irgendwo zu irgendwem geäußert haben, ob der türkische Minister zu der deutschen Sängerin »Beziehungen« habe. Die mütterliche Madame Barozzi hatte das hinterbracht.

Sofort schickte Yussuff dem Prinzen seine Zeugen. Umsonst versicherte der, diese Bemerkungen durchaus nicht in anstößigem Sinne gemeint zu haben. Schließlich sei doch eine Verlobung (von der er inzwischen erfahren hatte) tatsächlich eine »Beziehung«. Umsonst machte er sich zu jeder Art von friedlicher Satisfaktion erbötig, – »n'étant pas venu ici pour se battre«. Yussuff war nicht zu beschwichtigen.

»Mais il n'y a pas, il n'y a pas d'autre satisfaction, s'agissant de l'honneur de madame Neudorfer.« (Sprich: Nödorffère!)

Das Duell fand also statt. Es wurde dreimal in die Luft geknallt, und l'honneur de madame Nödorffère war wieder hergestellt.

Sonderbarerweise wurden wir, ich und mein Beleidiger, nach diesem famosen Duell – Freunde. Der Prinz machte mir einen Besuch. Alles sei ein Mißverständnis gewesen. Meiner Person irgendwie nahezutreten, sei ihm nie in den Sinn gekommen. Er blieb lange, und wir plauderten; nach langer Zeit konnte ich mich wieder einmal deutsch ausplaudern. Ich fand in ihm einen unterrichteten Mann von Kultur, der besonders über die Kunstschätze in den Kirchen und Privatvillen unseres Aufenthaltortes sehr gründlich unterrichtet war. Er erbot sich, mir den Führer zu machen und mir alles aus erster Hand zu zeigen. Auf diese Art wurden wir gute Freunde. Yussuff fand das unerhört. Er konnte aber nichts dagegen tun, denn sonst wäre es ja wieder zum Duell gekommen! »Mais voilà ce que je te dis pour tout l'avenir«: und er sagte mir, daß, wenn er jemals, bis ich seine Frau sei, mich außerhalb meines Jour in Konversation mit einem jeune homme finden würde, ja dann – »je suis d'une jalousie féroceFéroce: das war das Wort, das ich – gedacht hatte, als ich ihn das erstemal sah.

Und dabei rollte er die Augen, und plötzlich mußte ich denken: »Wüstensohn!«


Daß Mann und Frau immer einer Ansicht sein müssen, war für Yussuff ein Fundamentalprinzip. Auch mir schien Harmonie durchaus erwünscht. Nur meinte ich, müsse sie aus gegenseitigem Verständnis und aus einer gewissen Großzügigkeit der Natur des andern Menschen gegenüber erwachsen. Auch mußte man, meiner Meinung nach, durch freimütige Aussprachen einander kennen und erkennen zu lernen bemüht sein.

Diese blinde Zustimmung, diese »entente complette«, die er da immer verlangte, – sie hatte für mich etwas Larmoyantes. Ich bemerkte, daß er schlechterdings keinen Widerspruch vertrug. Er beharrte unbedingt auf seinem ersten Wort (wie man es eigentlich den Frauen nachsagt). Wollte man erklären, seine Meinung begründen, so nannte er das »des discussions«, und diese seien der Todfeind der Liebe, sagte er.

»Des discussions entre des amants produisent toujours des effets funestes.«

Also was tun? Schweigen? Wie ein Verrat erschien es mir, wenn man doch anderer Meinung war. Nicken und Schweigen, das kam ja einem chinesischen Götzenideal sehr nah. Nie anderer Meinung sein? Da könnten nur solche Leute sich verheiraten, die zur Welt kamen als zufammengewachsene Zwillinge verschiedenen Geschlechtes, dann mittels genialer Operation getrennt wurden und hierauf Inzest beginnen. Der gemeinsame Nabelstrang, die angeborene Einheitlichkeit ihres Verdauungsapparates, das alles garantierte einigermaßen jenes – Ideal.


Dieser rechthaberische Terrorismus erstreckte sich bis in die kleinlichsten Einzelheiten. Wenn ich eine andere Speise, ein anderes Getränk im Restaurant wählte als er, verdüsterte er sich. Wollte ich gehen, während er eine Fahrt vorgeschlagen hatte, – sofort ging er darauf ein, aber er belud mich während des ganzen Weges mit der »Verantwortlichkeit«. Erst wenn ich sagte, um diesen Nörgeleien ein Ende zu machen: »Tu a eu raison«, war er zufrieden. Ich hatte dann mein »Unrecht« eingesehen, nun war es an ihm, generös zu sein.

Sagte ich aber gar, wenn er etwas vorschlug: »Comme tu veux« – ich sagte es oft aus Gleichgültigkeit dem gegenüber, was ihm eine Streitfrage erschien, – dann kannte seine »generosité« keine Grenzen, und er tat dann sicher, was er glaubte, daß ich wollte.

Den »fil invisible«, an dem ich ihn führen konnte, sah ich schließlich ganz deutlich. Ein Kinderspiel war's, diesen Mann zu beherrschen. Ich mußte nur unbedingte Nachgiebigkeit zur Schau tragen, meine Lippen sozusagen immer ölen und salben und konnte ihn auf diese Art bugsieren, wohin ich wollte. Ja, er hatte recht. Man konnte ihn mener à un fil de soie.

Und ich sah diesen fil, brauchte ihn nur zu ergreifen!

Warum nur wurde mir so unbehaglich bei diesem Gedanken?

Trotz aller Vorsicht dem öffentlichen Gerede gegenüber, entgingen wir dem Klatsch natürlich nicht. Die Aufmerksamkeit unserer Umgebung beschäftigte sich mit unserem Verhältnis. Ich fand das ganz natürlich und hielt es für das Vornehmste, es nicht zu bemerken. Yussuff aber war, wie ich bemerkte, sehr aufgeregt über die »Meinungen« aller Leute. Ich fand mein Leben lang, daß, sich um die Meinung anderer viel zu bekümmern, eine hoffnungslose Aufgabe sei. Ich konnte meine Seelenphotographie doch nicht aller Welt präsentieren, mußte daher immer gefaßt sein, solchen Meinungen über mich zu begegnen. Konnte, sollte das etwas an meinem Leben, meinem Schicksal ändern?

Yussuff entschied schließlich, meine Mutter müsse zu mir kommen. Dann konnte die Beziehung erklärt werden und aller Klatsch hatte ein Ende.

»Il faut que tu fasses venir maman! il le faut absolument!«

Entweder müßte ich abreisen oder Mama kommen lassen. So ginge das nicht länger. Da entschloß ich mich, abzureisen, denn Mama kommen zu lassen, eigens um mich zu »gardieren«, schien mir zu ulkig. Wie verdutzt wäre meine gute Mutter über diesen aus meinem Munde so ungewohnten Wunsch gewesen! Ich rüstete also zur Abreise.

Meinen braunen Diener Abdullah hatte ich ihm dankend wieder zurückgestellt. Wo ihn unterbringen zu Hause in Wien? Meine alte Resi wäre in nicht geringer Verlegenheit gewesen, wenn sie ihr »Mädchengelaß« mit Abdullah hätte teilen sollen. Resi und Abdullah im Mädchengelaß! Als gemeinsames Gespann vor meiner Junggesellinnenwirtschaft! Göttlich!

Am Tag meiner Abreise ging ich auf seinen Wunsch mittags, während sein Personal fort war, hinüber zu ihm in die Chancellerie. Es war das erstemal, daß ich da bei Tag eintrat. Ich war erstaunt, daß er es wünschte. »En plein soleil?« – »En plein soleil.« Denn es war ja die letzte Gelegenheit, die er hatte, mich zum Abschied zu küssen. Auf dem Schiff selbst, das um fünf Uhr abging und wo er mich inmitten des ganzen Gesellschaftskreises, in dem wir verkehrt hatten, sehen würde, konnte sein Abschied nur ein offizieller sein. Und mich in meinem Hotelzimmer aufzusuchen, wagte er nicht. So ging ich hinüber, am Mittag, en plein soleil. Und er verschloß die Tür hinter uns und nahm mich in die Arme und küßte mich, ein letztes Mal, zum Abschied.


Ich fand die Gesellschaft an Bord des Schiffes, als ich da ankam, und nahm ihre Blumen und Liebenswürdigkeiten entgegen. Yussuff empfahl mich noch dem besonderen Schutz des Kapitäns, der sein Freund war.

Ich sagte ihm, daß ich durch das Fernrohr von der Kommandobrücke nach ihm blicken würde. Er war bleich und erregt und drückte immer wieder meine Hand. Abdullah hatte einen Riesenstrauß ins Hotel gebracht. Als ich nach den Blumen fragte, sagte man mir, daß sie samt meinem Gepäck in der »Fürstenkajüte« untergebracht seien.

Die hatte Yussuff, ohne mein Wissen, für mich bestellt.

Die Gesellschaft hatte sich längst von Bord begeben und stand nun auf dem Molo. Wahrscheinlich machte sie ihre letzten Bemerkungen über uns. Aber Yussuff ging erst, als der Kapitän auf ihn zutrat:

»Pardon, Excellence, nous allons partir.«


Wie er auf dem Molo stand, heroisch über alle Würdebedenken den Sieg davontragend, – er, dem »dignité« über alles ging! – ja, das war schön. Ich sah ihn durch das Fernrohr von der Kommandobrücke aus, und er blieb stehen, damit ich ihn sehen könne, obwohl er mich längst nicht mehr sehen konnte.

Pöbel und Gaffer, wie sie sich immer auf dem Molo bei der Abfahrt eines Schiffes herumtreiben, umstanden ihn und unterhielten sich auf ihre Art. Er blieb trotzdem stehen. Ich sah durchs Fernrohr, wie die Gesellschaft sich verabschiedete und auseinander ging, sah, wie Gräfin Etelka am Arm ihres Mannes, des kleinen Conte, absegelte und wie die Barozzi, die dicke vipère, wegrollte.

Und ich sah ihn stehen, bis er nur noch ein schwarzer Punkt für mein Auge war und der Hafen von C. mir entschwand.

Dann verließ ich die Kommandobrücke. Da bemerkte ich, daß neben der Schiffsflagge noch eine zweite gehißt war. Der Kapitän hatte die ottomanische Flagge hissen lassen, – eine Aufmerksamkeit für die Braut des Funktionärs einer fremden Großmacht. Die Flagge blieb auf Mast, solange ich an Bord war, – ich segelte dahin im Zeichen des Halbmonds.

 

Die Abmachung, die wir getroffen hatten, ging dahin, daß er im Sommer seinen Urlaub nehmen, in seine Heimat reisen und dann nach Wien kommen sollte, mich zu holen.

Seine Briefe waren liebevoll, aber sie strotzten von Vorschriften. Ohne Mamas »Begleitung« auszugehen, würde er durchaus unpassend finden. Theater zu besuchen, halte er für eine Verlobte, ohne ihren Bräutigam, überhaupt nicht für angezeigt. Daß er den Besuch eines Cafés, eines Restaurants u. dgl. unmöglich fand, hatte er mir schon mündlich auseinandergesetzt. Vergebens versuchte ich, ihm das Lächerliche klarzumachen, das darin lag, wenn ich, eine Frau, die jahrelang selbständig gelebt hatte, nun plötzlich auf Schritt und Tritt den »Schutz« meiner Mutter in Anspruch nehmen sollte. Er begriff nicht. Er interpellierte mich unaufhörlich über alle diese Dinge. Daß Hunger Grund genug sei, in ein Café zu treten, leuchtete ihm nicht ein.

Und immer war ich gesehen worden und immer so, wie er es nicht wünschte.

So war dieser Briefwechsel eigentlich ein fortgesetzter Streit. Und öde erschienen mir alle diese Streitfragen, die er mit solcher Wichtigkeit abhandelte.

Eine Ahnung beschlich mich, daß er als Verehrer ein Ideal war, aber als Ehemann ein böser Fall sein mußte.


Immer im Namen der ganzen Gattung wurden mir alle diese Vorschriften gemacht: der Mann ist, die Frau soll, la femme doit être usw.

Nie habe ich mich auf den »rechtlerischen« Standpunkt gestellt, am wenigsten in meinen Beziehungen zum Mann. Als Weib voll genommen zu werden, genügte meistenteils meinem Ehrgeiz. Aber ich kann auch diesen mannmännlichen Standpunkt von der anderen Seite nicht vertragen. Diesen ehernen Brustton: Pieter von der Butterseite ist ein Ehrenmann! Dieses »ich bin der Herr im Haus«. Dieses krampfhafte Überlegensein-Wollen. »La femme doit être«, – öde, wie aus einer Drommete hohl geblasen, klingt's.

Der Mann, dem seine Liebe zu einer Frau teuer ist, sollte wissen, daß es einen gefährlichen Punkt gibt, den er sorgsam behandeln muß: eben diese ihre Unbefangenheit. Dämpft oder verschreckt er ihr die, dann ist sie wie ein Vogel, der seine Melodie verloren hat, und ihres Gepiepses wird er wenig froh.

So erging es mir. Der freie Herzenston war weg. Und er wollte sich gar nicht wieder einfinden. Ich fand mein Ich nicht mehr diesem Du gegenüber, ich wußte Yussuff nichts mehr zu sagen, und was wir einander mitteilten, war ohne richtige Verbindung. Wir waren aus dem Takt gekommen miteinander.

Waren wir es denn überhaupt jemals gewesen? Hatten wir eine Sprache gesprochen? Wir hatten uns einer – Dolmetschsprache bedient. Nicht seine, nicht meine war es, in der wir uns verständigten. In der Dolmetschsprache der Verliebtheit hatten wir miteinander Konversation gemacht. Die unverbindliche, charmante Liebenswürdigkeit des gallischen Idioms hatte uns ihre Formeln geliehen. Wie schwer sagt sich's im Deutschen: ich liebe dich. Und zaghaft flüstert man da erst und stammelt: – ich – hab' dich – lieb.

Aber wie gewandt rollt es heraus: »Je t'aime! Mais je t'aime éperduement!« – »J'aime et je veux mourir, j'aime et je veux pâtir, j'aime et pour un baiser je donnerais ma vie.«

Nicht daß wir jeder eine andere Muttersprache hatten, meine ich natürlich. Nur wie ein Symbol erscheint es mir, daß wir einer uns fremden Zunge bedurften, um uns überhaupt einander verständlich zu machen. Es gibt eine Zusammengehörigkeit, die international ist und Brücken wirft über Erdteile und, was schwerer ist, über Geister. Und gleichgültig ist's dann, welcher Sprache sie sich bedient.

Hier aber war es nicht gleichgültig. Denn die Begriffe waren fremd, sowie sie das zärtliche Gehege des Eros verließen und, wie es schien, unverdolmetschbar.

»Écorcher« ist ein prächtiger Ausdruck. Écorcher une langue. Das heißt, eine Sprache radebrechen, sie zu Tode schinden. Écorcher – l'amour?


Überheblich, trotzig, anmaßend macht das Unrecht, das der Liebe zugefügt wird. Es ist ein Zeichen, daß man irgendwie miteinander aus dem Geleise gekommen ist, wenn man mit dem schwerfälligen, dräuenden Geschütz des Stolzes, der Berufung auf seine Person angefahren kommt. Es zeigt, daß man sich mißhandelt fühlt.

Ist in der Liebe alles »in Ordnung«, bleibt die Liebe der Liebe nichts schuldig, ach, wie wird man da so demütig. Nichts weiß man mehr von seinem »Ich«, trotz des gewaltigen Lebensgefühles, nichts in dem Sinn, daß man seine Person irgendwie ausspielen würde. Nur die andere geliebte Person wird gefühlt und die eigne scheint einem nur wie dazu da, sie aufzunehmen.

Ich rede von edleren Naturen. Bei gemeinen ist's umgekehrt: sie zerfließen in »Hingabe«, je mehr sie sich getreten fühlen und mißbrauchen es, wenn ihnen Liebe erwiesen wird.


Jetzt erst, wo ich ihn schriftlich und nicht mehr persönlich vor mir hatte, fiel mir auf, daß ich eigentlich nie von ihm ein Wort über mich gehört hatte, durch das ich mich irgendwie, in dankbarem Glück, erkannt hätte fühlen können. Wo blieb sie hier, die Entdeckungsreise der Liebe, die einer im andern macht, alle Sinne gespannt, das Herz hoch klopfend in Entdeckerlust? Wo blieb es, dieses stolze Gefühl: Land, Land, mein Eiland, das ich suchte, ahnte, wußte, an das ich glaubte, bevor ich noch einen Streifen seiner Küste sah! Wo war es hier, – dieses Kolumbusgefühl der Liebe?

»Was du siehst, o Don José, es ist nicht Carmen. Den Schatten Carmens siehst du nur, o Don José ...«

Er teilte mir mit, daß wir nach unserer Verheiratung wahrscheinlich versetzt würden. Das sei gebräuchlich in der Diplomatie. Sein Bruder, der Staatsrat bei der Pforte war, hatte erfahren, daß wir wahrscheinlich nach Indien kämen oder sonst auf einen asiatischen Posten.

Wir blieben also nicht an der Côte d'Azur. Nach Indien sollte ich ihm folgen.

Liebt man, über allen Zweifel, man folgt fraglos dem, den man liebt, und wäre es in ein Blockhaus auf den Nordpol. Wo die Liebe ist, ist die Heimat.

Aber mit Yussuff Hilmi Pascha nach Indien gehen? Warum, warum? Ich war dann in der Macht, oder besser gesagt in der Gewalt eines fremden Willens, fremden Gesetzen unterworfen, in fremdem Land.

Die Sorgen überfielen mich. Ich war wieder ratlos und erwartete wieder – eine Entscheidung.


Ich hatte bei einem Konzert mitgewirkt. Im letzten Moment hatte ich mich entschlossen, meine Kassenverhältnisse verlangten überdies wieder diese Tätigkeit. Ich schrieb Yussuff darüber. Vierzehn Tage erhielt ich keine Antwort.

In diesen vierzehn Tagen verbrannte ich mein Abenteuer von der Côte d'Azur.

Sein Brief kam und tat das übrige. »Je suis despote de toute ma nature«, hieß es da. Ich sah das Gesicht, sah es so, wie es bei der geringsten Meinungsverschiedenheit gewesen war, – mit dem grausamen Zug um den Mund, der sich im Bart verbarg, mit den Augen, die immer gleich »rollten«.

Daß er es wagte, mich zu »strafen« mit seinem Stillschweigen, gab den Ausschlag. Er schrieb es ganz ohne Scham: »J'ai voulu te punir.«

Es war wieder einer jener Momente, wo ich deutlich fühlte, daß ich mußte, wo ich mich geschoben fühlte, wie an einem Marionettendraht.

»Monsieur, veuillez me rendre mes papiers de divorce, mes lettres et mes photographies. Moi je m'engage de vous rendre vos lettres et votre photographie au moment où j'aurai les miens.«

Nichts weiter. Die Perlenschnur sandte ich gleich.


Als ich Hilmi Pascha diesen Brief schrieb, war mir, als hörte ich eine drohende, flehende, zwingende Stimme: Opfere mich nicht! Schütze mich dir! Mich, deine Stimme!

So endete meine Verlobung mit Yussuff Hilmi Pascha, Ministre plénipotentiaire de la Porte Sublime. Sie zerbrach mir unter den Händen. Warum, weshalb?

»Le sais-je?«

Nimmer kann eine Tintenfehde Menschen trennen, die ihrem innersten Wesen nach zusammengehören. Leicht entwickelt sich durch die Trennung, die Unvollständigkeit der schriftlichen Mitteilung, die Unberechenbarkeit der Stimmung, in der ein Brief empfangen wird, Gereiztheit und Mißverstehen auch zwischen wirklich Liebenden.

Aber unter allem Papiergeknister behält doch das Wesentliche einer Beziehung seine Stimme. Die Tinte ist ein dräuender schwarzer Mann. Macht er aber allzu gefährliche Mienen, dann wird die Stimme, die wahre Herzensstimme der Beziehung irgendwie laut und jagt ihn in die Flucht. Und alle geschriebenen Mißverständnisse müssen dann schleunigst auf ihren schwarzen Tintenfüßen das Weite suchen.

Nicht die Tinte hatte uns getrennt, den Diplomaten und mich. Das Wesen selbst, die innere Stimme dieser Beziehung war laut geworden und hatte es getan.


Ich hatte gefühlt, daß ich tun mußte, wie ich tat. Ich kann nicht sagen, daß es leicht war, und ich trug schwer daran. Es war ein Kampf um nichts weniger und nichts mehr, als sich selbst »treu zu bleiben« oder nicht. Doppelt schwer deshalb, weil man sich selbst ja noch nicht bestätigt worden war! Niemand war da gewesen, der einen ganz und gar umfaßt hätte und das, was er also umfaßte, für gut befand.

Man wußte nicht, ob nicht auf jener anderen Seite die Wahrheit liege, ob man nicht besser täte, sich nachzubilden den Forderungen, die dort gestellt wurden und sich – als das, was man im Widerspruch mit jenem anderen war, – aufzugeben.

Aber die Stimme rief mit einer Gewalt, die nicht zu übertönen war! Und wie eine mächtige Hand erfaßt es einen und schob und schob!

Ich glaube, nein, ich weiß es heute: eines starken Willens sein, heißt nicht wollen, sondern wollen müssen.


Warum hatte ich diese Werbung so ohne weiteres angenommen? Warum so zugegriffen? Neben den reizvollen Kulissen, die dieses »Stück« dekoriert hatten und eine so sympathische Stimmung hervorriefen, ist auch eines nicht zu vergessen: die Ödigkeit, die Vereinsamung, dieser schreckliche Mangel an auch nur normal »wohlgebildeten« Leuten, solchen, die nicht irgend etwas direkt Abstoßendes an sich haben. Dieser Mangel, der sich heute in allen gesellschaftlichen Kreisen so sehr fühlbar macht!

Ist das wirklich eine Naturnotwendigkeit, daß wir uns vom Menschen immer mehr entfernen? Daß es unter all den hunderttausend Leuten so wenig Menschen gibt, – so wenig Schönheit, an die man sich vertrauend und heiter anschmiegen könnte, ohne Schlimmes oder Groteskes dabei zu erleben?


Bald darauf erfuhr ich, daß er sich mit einer Tochter des Ministers der Zivilliste des Padischah vermählt habe, und daß er durch diese Karriereheirat Gesandter geworden und nach Ostasien versetzt war. Er sagte mir auch immer, daß er in der Botschafterkarriere sei. »Tu seras ambassaderesse un jour, tu le sais?«

Ambassaderesse in Ostasien! Würde ich dieses Klima vertragen haben?

Auch erzählte er mir von unseren gesellschaftlichen Verpflichtungen in dieser Stellung: vier große Diners müßten wir mindestens während des Karnevals geben. Und fast jeder Tag der Woche sei besetzt durch einen Jour bei den verschiedenen Damen. In der Diplomatie sei das nun einmal nicht anders. Darin bestehe sie ja eben (teilweise).

Jeden Tag ein Damentee? Würde ich dieses Klima vertragen haben?


Gibt es etwas wie ein »Schicksal«? Eines, das etwas anderes noch ist, als das Fazit eines unkonstruierbaren Rechenexempels, etwas anderes, als die nachgezogene Summe einer Addition? Eine voraufgestellte Summe, in die wir hineinleben, bis sie voll ist?

Woher kommt dieses Gefühl: dies mußte so sein. Warum kann ich mir nichts wegdenken, nicht anders denken in meinem Schicksal? Ist sie das Schicksal, anima? Hauch der Gottesseele? Gesetz und Nötigung, Motor geworden, in mir? Schiebend und zeugend geworden in mir, Folgen zeugend, unerbittlich, Folgen aus Gründen? Das treibende Agens, das, den Dingen innewohnend, sie zu logischer Wirkung führt, zur Entwicklung ihres eigenen Wesens und damit zur Erfüllung ihrer »Bestimmung« – Schicksal, Gott? – Gott – das logische Prinzip?

Warum kann ich mir nicht denken, daß du mich vor zehn Jahren gefunden hättest und ich allen meinen »Schicksalen« entronnen wäre? Warum das Gefühl, daß sie mir notwendig waren, wie Stationen auf einem Passionsweg?


Schicksal, Schicksal, wie es sich erfüllt, – was denke ich mir doch darunter?

Wirklich eine vorbestimmte Summe, in die hineingelebt werden muß, bis sie stimmt?

Doch, doch. Die Summe ist »vorbestimmt«, denn sie ist gegeben – durch die Ziffern, mit denen wir zur Welt kommen. Die Ziffern sind unänderbar, unauslöschbar und wollen sich bewegen und wollen sich kreuzen und wollen Resultate herausbringen, ihrem eingeborenen Drange gemäß. Und die Summe kann nicht übergriffen werden, und die Rechnung muß sich erschöpfen, immer enger und enger muß sie werden, auf die letzten gemeinsamsten Nenner will alles gebracht und Gerades durch Ungerades so lange geteilt und gebrochen werden, bis es »rein aufgeht«.

Schicksal, Gott: das bewegende, schiebende Prinzip.

Auch das denkende? Wenn rechnen – denken ist, auch das denkende.

Ziffern haben keine Absichten, und doch muß unentrinnbar aus ihnen folgen, was der Art ihrer Begegnung entspricht: Verminderung, Vermehrung, Vervielfältigung, Teilung. Und Quotient, Summe, Resultat sind aufs Haar genau »bestimmt«.

Wenn der absichtlichste Wille hinter dem Spiele stände, es könnte nicht »müssender« sein, nicht unentrinnbarer »ausgehen«, als dieses Ziffernspiel.

War nicht einmal einer, der da sagte, die Zahl sei Gott? –

Gott, Schicksal?

Braucht man noch anderes zu denken, das schicksalsvoller wäre? Einen noch lenkenderen Lenker als diesen? Noch deutlichere Marionettendrähte? Noch mehr Grund zur Frömmigkeit, Religion? Noch mehr, um in die Knie zu zwingen?

Gott, Schicksal – das logische Prinzip!

Alles Ding aber trägt das logische Prinzip seiner selbst als Motor, als Schieber seines Tuns und Erleidens in sich, trägt Gott und Schicksal unentrinnbar in sich und drückt sein Schicksal durch sich selbst aus, wie die Zahl sich selbst ausdrückt durch die Ziffer, ohne die sie nicht zu denken ist. Das den Dingen innewohnende, immanente logische Prinzip ist Gott.


Nun war ich wieder allein und einsam wie nur je.

Was uns verband, Freund, für den ich diese Blätter schreibe, du, dem ich an meinem Hochzeitstage begegnete, es waren flüchtige Grüße.

Grüße zu Neujahr, zu Ostern! Das war alles. Grüße und – Gratulationen. Von meiner Scheidung erfuhrst du erst, als ich meine zweite Verlobung einging.

»Ich gratuliere, gnädige Frau, zur Verlobung.«

»Ich danke, Herr Professor.«

Und dann – später: »Ich habe mich wieder verheiratet. Aber nicht mit dem, mit dem ich verlobt war.«

Und wieder: »Ich wünsche Ihnen Glück.«

 

Wie das so kam, diese zweite Heirat? Wenn ich dir davon sprechen will, so muß ich mitten hineinspringen in dieses Erlebnis. Ich will nicht lange erzählen von den einsamen Jahren, die zwischen jener gescheiterten Verlobung und dieser, meiner neuen Ehe lagen. Jahre waren es des schmerzlichen Kampfes um Kraft und Leben und Stimme. Nichts Lebendes erhält sich ohne Wärme. Ich aber sollte ohne diese Wärme nicht nur mein Leben behaupten, sondern noch das retten, was ein Überschuß an Lebenskraft ist: die Stimme.

Niemand begegnete mir, der mir vertraut erschienen wäre. Auch fürchtete ich mich nun beinahe vor allem, was aussah, wie eine neue Herausforderung des Schicksals. Hatte ich doch übergenug von »Abenteuern«.

Nie habe ich etwas »erzielen«, geschweige denn erzwingen wollen. Nur wenn es selbst mich zwang, erkannte ich es an als notwendig, erlaubt, – verhängt.

Während dieser Jahre erhielt ich verschiedene solide, ehrbare Anträge, wie sie ja wohl im Leben keiner Frau fehlen. Wenn ich nicht zugriff, geschah's deshalb, – weil ich nicht mußte. Nur wo ich ein Unentrinnbares fühlte, kam es mir in Betracht. Zu wem es mich nicht zuwarf, zu dem konnte ich nimmermehr gehen. Ich konnte immer nur Wege gehen, die ich geschoben wurde. Unentrinnbar mußte es sein.


Eines Tages trat mein Bruder in mein Zimmer und sagte: »Du, ich muß dir einen interessanten Menschen vorstellen.«

Ich lag auf dem Sofa und gähnte. »Ich interessiere mich nicht für ›interessante Menschen‹.«

»Seit du die Affäre mit dem Türken gehabt hast, bist du unausstehlich geworden.«

»Er war kein Türke«, sagte ich. »Er war ein Araber. Das sind die Feinde der Türken.«

»Übrigens ist er eigentlich ein Kollege von mir, – vielmehr war es.«

»Wer?«

»Nun der, von dem ich dir erzählen wollte. Er war Konzipist bei der Finanz-Landesdirektion in Slavonien.«

»Ich interessiere mich aber nicht für Konzipisten.«

Giorgio murmelte etwas, was ich zu überhören für gut fand. Schließlich sagte ich resigniert: »Also leg' los.«

Ich sah, er war zum Platzen voll. Er mußte sich Luft machen. Der Konzipist hatte ihm's angetan. Das war einmal ein Mensch! Er hatte ihn vor einigen Tagen bei einem anderen Kollegen kennen gelernt. Ein Mann, der Mut hatte. Seine Stellung hatte er aufgegeben, weil, nun weil er es unerträglich fand, als »Steuerspitzel« da unten in Slavonien zu sitzen und dem Bauer die fünf Gulden aus der Tasche zu reißen. Und dann war er ein Dichter.

»So?«

Und wollte jetzt davon leben.

»So???«

Er wagte es. Seine Frau und Kinder waren versorgt.

»Er hat eine Frau?«

Eigentlich ja. Oder eigentlich nein. Denn er war geschieden. In aller »Freundschaft« hatten sie sich getrennt. Der Vater der Frau, ein Wiener Geschäftsmann, hatte sie in sein blühendes Geschäft gerufen. Da war sie mit ihren drei Kindern aus Slavonien nach Wien gekommen und führte mit großer Tüchtigkeit das Geschäft, eine Eisenwarenfabrik, weiter. Sie und die Kinder hatten zu leben. Einverständlich hatten sie sich getrennt.

»Warum?«

»Ich weiß nicht recht, aber sie werden wohl ihre Gründe gehabt haben. Sie haben sich eben aufgebraucht.«

»So, so.«

»Übrigens verkehren sie wirklich freundschaftlich miteinander und erziehen ihre Kinder. Ich glaube, er wollte frei sein.«

»So wird es wohl sein.«

Seit kurzer Zeit war er nun auch hier, hatte ein Drama geschrieben, einen Roman begonnen und seine philosophischen Artikel erregten Sensation. »Kurzum – du mußt ihn kennen lernen.«


Nach drei Tagen gab Giorgio in seiner Junggesellenwohnung einen »Abend«. Diese Abende bei Giorgio waren philosophisch-alkoholischer Natur. Man redete immer schrecklich viel. Nach einiger Zeit schrie man. Sein Kanzlist Peterka wurde in einen schwarzen Rock gesteckt und fungierte als Diener. Peterka erschien mir an diesen Abenden immer als der einzige nüchterne Kopf. Wurde es zu arg da drin, so kochte er Lindenblütentee und reichte ihn den Gästen zur Beruhigung.

Als ich eintrat, sah ich einen fremden jungen Mann in der Mitte des Zimmers stehen und ungefähr zwanzig andere Personen »an seinen Lippen hängen«. Er sprach über Platons »Gastmahl«. Was über die Liebe zu sagen sei, sei in diesem Buche gesagt. Der Triumph des Werkes sei die Deutung der Liebe durch Diotima, die Priesterin, von Sokrates wiedererzählt: Eros ist kein Gott, er ist ein Dämon.

Es war, als wäre nun das Thema gegeben für den Abend: Dämon oder Gott.

Stimmen mischten sich. Es war kein Zusammenklang, ein Durcheinander von Stimmen war es. Man rief in die Mitte des Zimmers seine Meinung.

Dr. Gruschk saß und legte seinen blonden Kopf zurück. Ich weiß nicht, warum ich an das abgeschlagene Haupt des Jochanaan denken mußte. Es schien mir, als läge dieses Haupt flach auf einem Teller. Ich glaube, die Stirn, die stark zurückfloh, erzeugte diesen Eindruck. Die sehr hellen Haare fielen in dichten Büscheln zu beiden Seiten dieses Kopfes herab. Die blauen Augen schienen silbrig, schimmernd, grau, blitzten auf, verdunkelten sich wieder. Wie wenn ein Strom zu sehen wäre durch zwei Höhlen, unter denen er rollt. Dieser Kopf saß auf einem hochaufgeschossenen Jünglingskörper, von dem man den Eindruck hatte, er sei noch nicht »fertig«.

Schließlich übertönte die Stimme Dr. Gruschks die Gesellschaft. Er rettete das Gespräch vor Verflachung. Wollte man abbiegen ins Konkret-Gemeine, so zwang er immer wieder ins Uferlose hinein.

Es wurde geraucht. Die Luft wurde immer dicker. Die Flaschen waren leer. Die Gesichter rot. Mir schien es, als suche die Stimme Dr. Gruschks einzig mein Ohr. Aristophanes, Alkibiades waren übertrumpft. Zu Diotima drang die große Not: Priesterin, – was weißt du zu sagen? Eros – Dämon – Gott? –

Peterka kam mit dem Lindenblütentee.


Am nächsten Abend besuchte mich Dr. Gruschk. Er hatte seine Geige mitgebracht. Er spielte. Ich sang.

Spät nachts ging er nach Hause. Er erwartete mich am nächsten Abend bei sich.

Ich nahm mir vor, nicht hinzugehen, und teilte ihm das am Vormittag durch eine Rohrpostkarte mit. Am Nachmittag sandte ich eine andere, ich käme dennoch. Am Abend war ich entschlossen, auf keinen Fall hinzugehen und kleidete mich fürs Theater an. Ich ließ einen Wagen holen und fuhr zur Oper. Als der Wagen da vorfuhr, beugte ich mich aus dem Fenster und rief dem Kutscher die Adresse von Dr. Gruschks Wohnung zu.

Er erwartete mich wie einer, der lange gehungert hat. – – –

Und ich? Ich hatte Jahre hinter mir, in denen ich in einer Wüste gelebt hatte.


Das Sonderbarste war, daß Dimitri – er hieß Zdenko Dimitri, dankte diese beiden Namen einem slovenischen Vater und einer russischen Mutter und wurde von allen anderen Zdenko genannt, – das Sonderbarste war, daß er durchaus heiraten wollte. Daran hatte ich gar nicht gedacht. Auch Yussuff hatte ja kein »Abenteuer« mit mir gesucht. »Je ne veux pas te posséder, je veux t'avoir«, hatte er gesagt, als wir uns verlobten.

Auch Dimitri wollte mich »haben«. Ich sagte ihm, er täusche sich über sich selbst. Die Unbequemlichkeit des Nachhausegehens, die vielen »Sperrsechser«, das alles verlocke ihn zum Heiraten. Er gab mir recht. Aber seien das nicht die zwingendsten Gründe dazu?


Ehe ich mich recht besann, wie mir geschah, war ich zum zweitenmal verheiratet.


Es blieb bei der getrennten Menage und der doppelten Wohnung. Ich behielt die meine, er sein mehr als dürftiges Zimmer. Er wollte es nicht anders, da er weniger hatte als ich und an meinem »Sichern« nicht teilnehmen wollte. Er war ungemein stolz in diesem Punkt.

Ich sagte ihm immer: »Ich würde mich überschütten lassen, ich würde dich ausbeuten, wenn du reich wärst!«

Dann war er zufrieden und nahm leichteren Herzens die Tasse Tee bei mir. Aber wahr war's nicht; ich sagte es nur, weil er so arm war.


Dimitris erste Frau, Helene, war eine junge, ernsthafte Person.

Eine gewaltige Stirn hatte diese Frau. Eine Stirn, die sich hoch über den Augenbrauen wölbte, dann mit einem einzigen mächtigen Ruck sich zurückbog. Erfinder stelle ich mir mit einer solchen Stirn vor. Sie war, von innerstem Beruf, Naturforscherin. Hatte Physik studiert, bevor sie sich mit Dimitri verheiratet hatte. Er war zweiundzwanzig gewesen, sie achtzehn.

Dann waren sie hinuntergezogen nach Slavonien, wie in eine Verbannung. Weil er da gleich Konzipist wurde, während man hier »oben« jahrelang auf Ernennung warten mußte.

Sechs Jahre hatten sie da gelebt. Sie hatte zuviel Kinder geboren in dieser Zeit. Zwei waren nicht ausgetragen worden, drei lebten. Er hatte seine Prüfungen gemacht, um Brot gerackert und die Unruhe in seinem Kopf war von der Faust des Erwerbszwanges niedergedrückt und scheinbar niedergehalten worden. Da lag sie, geduckt, gehemmt, sprungbereit. An einander aufgerieben hatten sich diese beiden.

Dann wurden sie vom Vater der Frau nach Wien gerufen. Eine andere Existenz winkte. So kamen sie los von da unten.

Der Blick dieser Augen, unter solcher Stirn, war mir seltsam und schmerzlich: dieser arme verschreckte Blick. Doppelt bange wirkte er, da er hier an einer Frau von ganz selbständiger Persönlichkeit zu finden war, an einer Emanzipierten eigentlich, nicht etwa an einem hilflosen, schwächlichen, anlehnungsbedürftigen kleinen Frauenzimmer. Eine latente Angst vor wilden Griffen war in diesem Blick.

Als sie beide in Wien waren, hatten sie sich geschieden. »In Frieden«. Er wollte frei sein. Und sie war – weise.

Ich muß gestehen, daß mir dieses grandiose, dieses absolute Laufenlassen nicht wenig imponierte. So anscheinend tragödienlos, so ohne Szenen, Tränen, Jammer. Freilich sah ich es in dem Stadium, wo sie, Helene, eben schon da angelangt war. Vorher – mag es Szenen, Tränen und Jammer genug gegeben haben.

»Ich kann ihr nichts mehr anhaben, ihr nichts antun,« sagte Dimitri, »und das ist mir ein wunderbar angenehmer Gedanke und macht mir jetzt den Verkehr mit ihr zur reinen Seligkeit.«

Er hatte recht. Volle Berechtigung hatte er zu diesem wunderbar angenehmen Gedanken. Er konnte ihr nichts mehr anhaben. Ihr nichts mehr antun. Denn er hatte ihr schon alles angetan.

Sie nahm mich auf wie eine Freundin. Dimitri, sie nannte ihn Zdenko, war der Vater ihrer Kinder. Nun gehörten wir alle drei zusammen.

Ich wunderte mich nur über die sonderbare Verschiedenheit dieser drei Kinder: niemand hätte sie für Geschwister gehalten. (Das soll so sein, wenn die elterlichen Elemente allzu verschieden sind.) Elias war ein weißblonder Cherub, Ludo ein dicker, kleiner, brauner Bär und Zora ein schwarzes Mäuschen mit wunderbar blanken Äuglein.


Er besuchte mich täglich. Er kam gewöhnlich spät nachmittags. Bis dahin arbeitete er, oder suchte zu arbeiten. Der Abend sollte uns gehören.

Seine Art, ein Gespräch zu führen, war eine fast feindselige. Er warf Spieße, Lanzen, Keulen.

In der ersten Zeit unserer Verbindung trat das Aggressive seines Wesens zurück. Doch das dauerte nicht lange. Dann hatte er sich – gewöhnt.

Er »gewöhnte« sich gleich an alles. Obwohl Künstler durch und durch, hatte er mehr die schwebenden Elemente als die beharrenden in sich. Der Künstler gewöhnt sich nie und an nichts. Der Stephansturm – er sieht ihn immer wieder das erstemal. Er staunt und schaut und sieht. Dimitri ward alles, was ihn entzückte, erregte, entflammte, allzubald selbstverständlich. »Ich seh' nichts«, war eine seiner Lieblingsredensarten. »Ich bin leer.« Und ich »füllte« ihn. Aber, ach, alles rann blitzesgeschwind durch ihn hindurch! Man hatte immer das Gefühl, es sei zu schnell entwichen.

Voll Überschwang war er, wenn er arbeitete, und voll Haß gegen alles, wenn er es nicht konnte.

»Wenn ich unproduktiv bin, werde ich immer dich angreifen, als das, was mir trotzdem wohltut.«

Und das hat er redlich gehalten. Angefallen hat er mich oft. Zuzeiten war er wie überfüllt von gereizten Gefühlen und sagte dann am andern Tag: »Warum waren wir eigentlich gestern – im Widerstreit?«

Und ich, mit meinem Fanatismus des Gerechtwerdenwollens, nahm das alles ernst, beantwortete seine »Angriffe« – sachlich!

Mir ist, als täte ich manchmal etwas in meiner eigenen Abwesenheit, fast wie hinter meinem Rücken.


Dimitris Lieblingsworte waren so sehr charakteristisch für ihn: »Angreifen«. »Mich füllen«. »Sie leeren mich aus«. »Entwurzeln«.

Entwurzeln. Warum habe ich dieses Wort nie von dir gehört? Entwurzeln: Maulwurfsarbeit.

In jedes Menschen Wurzeln bohrte er sich wahrlich hinein. Er verachtete alles, was Menschen ersonnen haben, um dieses, ihr Wurzelhaftes, vor einander zu schützen, als »konventionell«.

Ich überließ ihn schrankenlos seiner eigenen Natur. Ich wollte ihn ja kennen lernen. Ich war hineingestürzt in diese Gemeinschaft. Nun war ich darin. Und alles, was ich tun konnte, war, – sehen, was daraus wurde.


Ist ein Liebesverhältnis das, – was der Mann daraus macht? Nein: was die Frau daraus macht. Aber das ist das, was der Mann ist. Denn die Frau kann nichts anderes daraus machen, als das, was ihm gemäß ist.


Das Sonderbare war, daß mir nach und nach meine Stimme verloren ging. Wenn ich sah, wie er dasaß, immer bereit zum »Angriff«, war mir, als würgte mich eine Hand an der Kehle. Mein Gesicht wurde eine Grimasse, die Hand, die spielen wollte, zitterte, daß sie schrille Mißgriffe beging, und ein dilettantenhaftes Geklimper, als Begleitung zum Gesang, war alles, was ich ihr abzwang. Und die Stimme verlor ihre Farbe, ihre Kraft, ihren Mut.

Dennoch zwang ich mich und versuchte es immer wieder, besonders wenn er nicht da war. Dachte ich aber auch nur an ihn, war's aus.


Dieses unaufhörliche Im-Kopf-Umherwälzen der Divergenzen, die man mit einem Menschen hat, dieses Memorieren der Reden und Gegenreden, die »gehalten« wurden, dieses Vorbereiten auf neue Angriffe, diese Sorge, Unruhe und Qual, die aus diesem Wust von Kampf und Gier erwächst, das alles verschüttet die Stimme, wie nichts sonst auf der Welt. Keinen Gedanken kann man fassen, der unbeeinflußt wäre von dieser Krankheit (so kann man es fast nennen), die einen da befallen hat, zu keinem Ding sich freien Sinnes hinwenden, keinen Ton seiner Seele entringen, der stark und rein wäre.

Das Merkzeichen eines glücklichen Verhältnisses, das Merkzeichen, daß man an den »Richtigen« gekommen ist, daß alles so ist in der Liebe, wie es ihrer Idee entspricht, ist: daß die Gedanken an ihn, den man liebt, einen nicht verschlingen. Man »stellt vor« (sich und ihn) in Anschauungen, aber man »denkt« nicht an ihn in Theorien. Er »beschäftigt« einen nicht, in dem Sinn, daß die produktiven Energien davon aufgezehrt würden. Man wendet sich, im Gegenteil, von einem feurig-freudigen Lebensgefühl durchtränkt, seiner Arbeit zu, beschäftigt sich mit ihr und trägt ihn dabei tief und fest im Gemüt. Und die »Stimmen« springen auf.

Das war meine Insel, meine Insel der irdisch Seligen, meine »Heimat«, von der ich immer träumte!

Messianisch ist das Wirken der Liebe. Und ihr Erlösertum besteht darin, daß einer dem andern die Spannung löst, diese Spannung seines eigenen isolierten Selbst. Und daran erkennt man den falschen Messias: daß der diese Spannung nicht löst.

Du bist die Ruh', du bist der Friede! – spricht die erlöste Liebe.


Er, – er »beschäftigte« mich. Er »füllte« mich. Mit Hangen, Bangen, Sorgen, Kombinationen, mit seiner ganzen Person füllte er mich, daß nichts anderes mehr in mir sich rühren und regen konnte. Immer wenn er wegging, ließ er etwas zurück, was Sorgen und Schmerzen machte und mit dessen »Erwägung«, besser gesagt Verschluckung und Verdauung ich bis zum nächsten Tag, wo er wiederkam, reichlich zu tun hatte.

Er »füllte« mich mit sich, – daß ich mir selbst abhanden kam, ob dieser »Fülle«.


Er wechselte jeden Tag die Gestalt und zwang mich, sie mit zu wechseln. Läßt es sich ermessen, das Gräßliche? Es ist dies die reine »Idee« der Zerstörung: eine Seele will Form werden, und eine andre Hand preßt sie immer wieder in eine andere Biegung. Und sie läßt sich biegen, eine Zeitlang wenigstens, bis ihre ureigenste Gravitation nicht übermächtig geworden ist. Sie hat ja Ansätze zu allem in sich, so eine Seele, Verwandlungskräfte. Die zu mißbrauchen, irrezuleiten, sie durcheinander zu brauen, in wüster Hexenküche, ist ein wahrhaftiges Teufelswerk.

Diese »Spannung«, – wie wird er heute kommen, – fraß meine ganze Zeit und meine ganze Kraft. Noch heute ist es mir in der Erinnerung.


Wie erwürgt war ich. Er ermunterte mich »sing', sing'«. Nicht einen Ton konnte ich singen, – wie ich ja auch kaum die Kraft fand, auch nur einen Brief zu schreiben. Was ich zu singen versuchte, war heiser, holprig, ein armes Gekrächze.

Anfangs, bevor ich ganz stimmlos wurde an ihm, hörte auch er meine Stimme gern.

Er beobachtete dieses ihr Verklingen und Versagen.

»Du hast keine Kraft«, sagte er.

Nein, ich hatte keine Kraft.

Etwas, irgendein vampirartig gefräßiges Etwas, fraß und sog an meiner Kraft, meiner Stimme. Wie man dies Ding zu nennen habe, erfuhr ich erst – später.


Eine gewisse Sorte von »Adelsmenschen« war es, die er als Gegensatz zu der »mondänen« Gesellschaft hoch pries.

Wenn solche Elemente auftauchten, so gab es nur ein beherrschendes Wort bei uns: »Sünde«. »Aber das verstehst du so wenig wie die Sprache des Zambesinegers«, sagte er in seiner wenig liebevollen Art. »Eine Frau fühlt sich nie schuldig, außer etwa in erotischen Dingen. Sünde, Gewissen, – was wißt ihr davon?«

»Sünde« war in solchen Zeiten, wo er mit jenen Adelsmenschen verkehrte, die jeden verachteten, der geputzte Nägel hatte, Sünde war zum Beispiel »die Art, wie du durch ein Zimmer gehst, wie du die Schleppe deiner Hauskleider über den Teppich schleifen läßt, wie du in einen Fauteuil sinkst! Sie entzückt mich ja eigentlich, diese deine Art, aber das eben ist das Schlimme: dieses mondäne, profane Element in deinem und meinem Wesen!«

Ich war da ganz Sündenpfuhl in seinen Augen: »Das korrumpiert mich!« (Korrumpieren war das zweite Zambesinegerwort.)

Zuzeiten konnte er wieder nicht genug von dem kriegen, was ihn angeblich »korrumpierte«, wenn mir auch gar nicht zumute war, es ihm zu spenden.

Heute sollte ich »Hetäre« sein, – morgen als Frau Diogenes in die Tonne ziehen.


Wenn er seinen »heiligen« Tag hatte, merkte ich ihm das schon beim Betreten meiner Wohnung an. Er sah sich dann mit grimmigen Augen um: »Du würdest in Schmach und Schande vergehen, wenn du wüßtest, wie abhängig du bist von all diesen Dingen da!«

Und er spie (innerlich!) auf meinen weichen Teppich, spie auf meinen Toilettetisch, und spie dreimal auf meine Ottomane. – – –


Nur das Notwendige sei das Erlaubte, sagte er, und betrachtete mit finsterer Miene meinen Toilettetisch.

»Nun, mir als Frau ist alles, was du da auf dem Toilettetisch siehst, eben das Notwendige.«

»Warum?«

»Weil ich nicht in der Wüste lebe, nicht allein lebe, sondern mit dir.«

»Nun und?«

»Nun und, soferne du das, was in der Ehe geschieht, überhaupt für notwendig hältst –«

»Und? Was hat das mit deinem Toilettetisch zu tun?«

»Nun, der enthält doch die Utensilien, mit denen ich meinen Körper pflege.«

»Und demnach pflegst du ihn, – um Leidenschaften zu erregen, nicht wahr?«

»Nicht allein deswegen. Aber auch.«

»Und Leidenschaften zu erregen ist notwendig?«

»Gewiß. Weil ohne sie jener Akt, der da zur Erhaltung der Gattung nicht ganz entbehrlich sein soll, einfach nicht – zustande käme.«

Er schwieg. Dann murmelte er nach einer Weile vor sich hin: »Das Weib muß reizend sein, – gewiß.«

Nur auf solchen theoretisch abstrakten Umwegen kam er zu dem, was andere, heil Geborene, im Blute haben.


Abhängigkeit! Alles was vom Wesen der Liebe war, nannte er »Abhängigkeit, hängen«. Ich bewies ihm, daß man in diesem seinem Sinne schon abhängig würde, wenn man sich einem Blumenstrauß zuwendete.

»Richtig, richtig. Wenn man hängt am Blumenstrauß, gerät man in Abhängigkeit!«

Wenn er auf diese Weise oft stundenlang in mir herumbohrte, mir Tränen des stummen Zorns in die Augen trieb und ich ein Gefühl hatte, als würde mir Gift ins Blut gespritzt, konnte ich mir sagen, – mein Gott, wohin bin ich geraten!


Seltsame und für ihn tief bezeichnende Redensarten hatte er:

»Ich weiß nicht, was es ist, – ob ich liebe oder hasse.« Oder: »Ich muß es zerschlagen, – um zu sehen, was drin ist«, wie ein Kind sein Spielzeug. »Nicht hinüberziehen!« sagte er scharf, wenn ich einen Versuch machte, einen werdenden Konflikt zu verhüten. »In alles hineinblicken, alles auseinanderlegen und dann – von frischem aufbauen!« Das war seine Maxime. Und diese Art von Verkehr entsetzte mich! Wie ein Fabelwesen kam er mir vor, das dann, wenn es alles getan hat, was es als solches tun muß und die Glocke eins schlägt, – sich umwandelt in einen liebenswürdigen Prinzen.

Oft mußte ich auch an den Golem denken, den Lehmdiener des Wunderrabbi, der zu rasen anfing, weil der Rabbi vergaß, ihm am Sabbat das heilige Gotteswort aus dem Munde zu nehmen.


Sanft, sanft, sanft! Wehe den Unsanften! Fluchbringer sind sie, die das zarte Instrument Seele zerrütten. Kein Heil kann durch grobe Worte kommen.

»Ich fange an,« sagte er, »dich zu – hassen. Für diese deine Güte. Du hast mich enttäuscht. Du erschienst mir, als ich dich kennen lernte, wie ein wunderbar wildes, gefährliches Liebestier. Aber daß du dabei das Herz eines Engels hast, das dachte ich mir nicht. Ich hoffte, du würdest mich vernichten. Aber du würdest dich eher von mir vernichten lassen, als mir auch nur ein Haar krümmen!«

»Ich – verstehe nicht. Was heißt das alles?«

Finster blickte er mich an: »Du kannst mich nicht – erlösen, du – du – Engel!«

Ich verstand ihn damals nicht. Ich zuckte nur unter diesen furchtbaren Griffen. Erst zum Schluß unserer Freundschaft – am letzten Tag – verstand ich.


Wenn er nicht hatte, was er eigentlich mochte, dann sprach er die Sprache der »Askese«. »Einsam sein, Wüste« usw. Bot sich ihm aber Gelegenheit, seine Einsamkeit und Wüste mit menschlichem Verkehr zu vertauschen, so zog ihn die fremde Natur so sehr an, daß er wieder das Beharrende vergaß.

Er nannte eine heitere Zimmereinrichtung »verdächtig«. Meine Ottomane betitelte er innerlich wahrscheinlich einen Sündenpfuhl. Meine Art zu essen fand er »mondäne«.

Und doch hatte er den ausgesprochenen Trieb zum normalen irdischen Wohlleben.

Dimitri – Du bist mir erschienen, wie ein unirdischer Halbgott!

Weib ist gleich Genuß – und Feindschaft dem Genuß! war zuzeiten seine Devise. Und dabei hatte er doch diese Neugier, – Gier nach Neuem – allem Frauenvolk gegenüber. Er hätte sie alle verspeisen mögen.

Und später, in der anderen, der »heiligen« Stimmung: der strafende Prophet mit dem Flammenschwert und dem Donnerwort.

Keine Heuchelei seinerseits lag vor. Nichts lag ihm ferner. Ein Doppelgesicht hatte er, ein Janusgesicht, vor dem mir anfing zu – grauen.


Zu grauen begann mir vor dieser in die Seele hineingewühlten Natur, die alles nur aus sich herausholte, in sich wieder zurückführte, in sich nur ging, und zu wenig im äußern Anschauen ruhte.

Erlösung: Eingehen ins Objekt. Es ist der Einzug in die Natur: erlebter Pantheismus. Ichsucht: verhängnisvollster Fetischismus. Zuviel Selbstanschauung – keine Weltanschauung, das trifft gewöhnlich zusammen.


Ich fühlte dunkel: man nahm ihn eigentlich zu ernst; ich vor allem. Man hätte über vieles hinweggehen müssen. Aber so schonungslos er in seiner Kritik anderen gegenüber war, so sehr es ihn trieb, ins Innerste hineinzuleuchten, für seine Person liebte er das nicht. Wenn ein scharfes Wort zu ihm flog, er erbleichte, wandte sich ab (für den Moment), um sich meist nachher, zu neuem »Angriff« vorzubereiten. Und immer war die Art seines »Angriffes« so – interessant, daß man gespannt hinhorchte, wenn es auch in den Nerven stach und brannte. Und wenn man nicht darauf einging, litt er drunter, »Du hast kein objektives Urteil, du verwandelst dich in eine feindliche Festung, du bist ein platter Mensch« – war dann sein Refrain. Und ich wollte ja Verständnis mit ihm, Übereinkommen, Frieden, Frieden!

Was hörte ich doch täglich von fünf Uhr nachmittags bis zwei Uhr nachts alles an! Mit erstaunlicher Geduld, erstaunlichem Interesse, erstaunlichem Ernst.

Meine gute Mutter pflegt ein Lied zu summen:

»Und der Himmel voller Huld
Hört das alles mit Geduld!«

Alles, was er sah, las, hörte, nahm er buchstäblich ernst. Wie ein Kind erschien er mir manchmal, wie ein unersättliches Kind. – Alles, dem er eben begegnete, war das Wahre. Allzu schnell gab er sich hin. Auch an ganze Kreise. Gestern noch in Wüstenstimmung und mit tiefer Verachtung für alles »Profane«, erzählte er heute, mit hartem Nachdruck mir gegenüber, von der Art des Fräulein X. Y. »Diese voraussetzungslose Art, sich hinzugeben, heute dem, morgen jenem, immer ihrem Impulse folgend und alle mit derselben Gleichgültigkeit beglückend, – die reine Seligkeit muß das für den Mann sein! Denn er geht weg und weiß, sie kann kein Teil an ihm haben wollen, da er ihr nicht mehr ist als zehn andere. Es ist schön, es ist nichts Moralinsaures darin.« Und er sah mir, – ja ich kann es nicht anders sagen, – herausfordernd ins Gesicht.

Diese seine Torheit war es, seine ewige, unheilbare Dummheit über sich selbst (denn der Ekel hätte ihn, den aufs äußerste Empfindlichen, gebeutelt bei Fräulein X. Y.), diese seine Torheit war es, die mir das Gefühl einflößte: ich müßte auch hier wieder fliehen ... aber der Schmerz ließ das noch nicht zu – – –

In vielen Stücken erinnerte er mich an Rudi. Gerade auch in puncto der Frauen. Nur war er, Dimitri, ein Ringender, ein Leidender, jener ein Genießer. Rudi Neudorfer ein Literat, – hier war hohe Gedankenkraft und tiefehrliches Streben zur Kunst. Beiderseits wurden Erlebnisse, Begierden, Triebe in endlosen Theorien ab- und ausgeschöpft. Hier bevor, dort nachdem sie Tat geworden waren. Dort platt! Hier interessant!

»Alles wird zerredet. Zerschabt und zernagt hängt es aus den Mäulern der Heutigen.« Also sprach Zarathustra.


Auf der Treppe wußte er noch nicht, – laut eigener Aussage, – ob er mich liebe oder »hasse«. Dann bei der Tür: – »wie kann einen ein Geschöpfchen, mit einem einzigen Blick, den man darauf wirft, so füllen

Später »füllten« ihn auch diese Blicke auf mich immer weniger und weniger. Was keinen Boden hat, wie könnte es wirklich jemals gefüllt werden? Und wenn der Niagara oder meinetwegen der heilige Ganges selbst hindurchflösse.

Dafür ward es ja auch als Beschäftigung für den Tartaros ersonnen, dieses Füllen eines durchlöcherten Fasses. Neunundvierzig Unselige arbeiteten daran, teilten sich darein. Ich Unseligste mußte es allein besorgen.


Als Grundzug seines unruhigen Wesens erschien mir seine Ungebärdigkeit.

Diese törichte, ungeniale Ungebärdigkeit einem sogenannten »toten Punkt« gegenüber, ob der nun bei der Gemütsfluktuation oder im geistigen Tempo zwischen ihm und anderen Menschen eintrat, ob in seinen äußeren Verhältnissen oder seiner inneren Produktivität, genug, wo und wann immer der tote Punkt auftauchte, an dem man doch nun einmal in diesem Leben nicht vorbeikommt, er fand ihn unweise, ungebärdig, machte ihn verblendet und wild.

Sein ältestes Kind war ihm am ähnlichsten.

Helene bat mich eines Tages, den Nachmittag bei den Kindern zu verbringen, da ihre Kinderfrau fort war und sie selbst ausgehen mußte, eine neue aufzutreiben. Ich sollte in ihrer Abwesenheit die Kinder beaufsichtigen. Ludo schlief und schnarchte wie ein kleiner Bär, Zora saß mit klugen Augen hinter Bausteinen, nur Elias wollte beschäftigt sein, immer ganz und gar erfüllt wollte er sein, wie sein Vater. Ich liebte dieses Kind sehr, es hatte für mein Herz irgend etwas, das mich ganz betörte.

Er horchte mit großer Aufmerksamkeit, als ich ihm aus dem Bilderbuch »Jugendland« vorlas. Als wir aber fertig waren, mußte schnell etwas Neues ersonnen werden, und das war ein sehr berechtigtes Verlangen.


Es waren aber auch schöne Tage in dieser unseren Gemeinschaft. Wir lasen zusammen die Philosophen, die alten und die neuen. Wir gingen zusammen durch Plato, Spinoza, Kant, Schopenhauer, Helmholtz, Mach. Dimitri studierte gern mit mir. Ich hatte mich, zwischen all meinen Schicksalen hindurch, doch immer mit diesen Dingen beschäftigt und vielleicht mehr davon hinter mir als er. Er hatte ja bisher in einer »Zwangsehe mit Frau Justitia« gelebt (wie Hartleben von sich erzählt), und seine wahre Geliebte, die Philosophie, nur verstohlen besuchen können. Er hatte nicht viel studiert bisher. Und wußte doch viel, erstaunlich viel.

»Ich habe alles in mir, alle Argumente, pro und kontra: die Gegengewichte aller Möglichkeiten!«

Ja, besonders die hatte er in sich. Viel, viel hatte er in sich. Tausend Wege trafen sich da, in ihm. Ströme und Straßen trafen sich, gangbare Flächen waren da, auf denen gut laufen war, und unwegsame Höhen, wo man »Jäger sein« mußte und »gemsengleich«. Und Grotten, in die wunderbar war, zu blicken, aus denen es magisch glühte. Und Schlünde, wie jene nicht schreckhafter waren, durch die die Verdammten des Inferno hindurch mußten. Eine Welt war in ihm, und ich habe hineingeblickt in sie.

Eines nur fehlte dieser Welt, damit sie eine wahrhaftige »Welt« sei: jener geheimnisvolle eingeborene Ordnungstrieb, jene Stimme, die die Elemente verteilt, beherrscht und sie in jene Verhältnisse zueinander bringt, in dem sie eines aus dem andern nehmen, wessen eines aus dem andern bedarf, bis aus den also geordneten Stoffen ein Bau ward!


In diesen philosophischen Stunden mit Dimitri konnte er sich über eines nicht genug wundern: über diese sonderbare Wirkung der Philosophie auf mich! Das Studium der Philosophie, es regte mich immer – musikalisch an. Setzte sich mir, fast sofort, in Musikerlebnis um. Je tiefer die Weisheit war, je heißer und inniger wir hineintauchten, desto mehr wurde mir's zum – Singen!


Über Weiningers großes Werk waren wir in besonderem Eifer. »Wie willst du ihn denn kontrollieren?« sagte er, indem er meine sachlichen Einwendungen abwehrte.

»Indem ich ihm dort nachgehe, wo sogar ich ihn kontrollieren kann.«

»Wo denn?«

»Am Gerippe, das seinen Bau trägt: am Tatsachengerüst, – an der Wahrheit der Tatsache an sich – der Tatsache: Weib.«

Aber wenn schon meine Argumente gegen den Weininger ihn nur ärgerten, mußte er doch zugeben, daß manches an meiner Person ihn einigermaßen ad absurdum führe.