Eine besondere Verachtung hatte Dimitri für Frauenbücher. Er analysierte sie mir im Detail. Er legte sie vor uns hin, auf den Tisch, nahm sie vor und zerfaserte die Worte, die Sätze, die Begriffe.
»Sie haben nicht Ehrfurcht vor der Majestät des Wortes. Sie wissen nicht, was für ein furchtbares Ding das ist: das Wort. Sie gehen damit um, wie ein Kind, das ahnungslos mit einem Rasiermesser herumspielt. Und, was das Schlimmste ist: sie haben kein Wissen. Und man merkt's ihren Büchern an! Wie das alles im Leeren tappt! Und kleine, niedliche Motive haben sie. Aber gibt es ein Frauenbuch, um ein Problem herum, um ein ewiges und doch bisher geheimnisvolles Problem? Und so, daß man doch das Zeitliche rauschen hörte darin? Und Gestalten sähe? Gestalten und Gesichte? Fleisch und Geist? Wo ist es, dieses Frauenbuch? Ein Frauenbuch, empfangen in einem besonderen Rhythmus? In einem Rhythmus, der nicht geplant werden kann, der »kommen« muß? Ein durchaus originäres Frauenbuch? Ein Frauenbuch, wie es kein zweites gibt?!
Männerbücher kann ich dir genug nennen, wie nur eine einzige Person sie schaffen konnte, keine zweite. Was Nietzsche gab, was Wagner gab! Ja, was Frenßen gibt, was Altenberg gibt, was Wilde im Dorian Gray gab! Das sind Mußbücher, wie es keine zweiten ›ähnlichen‹ gibt. Wo wäre solch ein Frauenbuch? Über Frauen ›kommt‹ es nicht.«
»Du vergißt, Dimitri, daß doch Frauen – Priesterinnen waren! Es ›kam‹ über Pythia, es ›kam‹ über Diotima, da sie einen Sokrates belehren konnte über das Wesen des Eros.«
»Das ist wahr«, sagte er nachdenklich. »Aber seit damals ist es eben nicht mehr über sie gekommen.«
Ich nannte einen Namen: Lagerlöf.
»Visionen. Wunderbare, unerschöpfliche Visionen. Aber neben Gesichten, die nur einem Einzigen werden, will ich Gestalten sehen, die der Zeit gehören. Ein Frauenbuch, das hineinträfe mitten ins Herz der Zeit, daß sie, die Zeit, auflachen und aufweinen müßte darüber, – wo wäre es, solch ein Frauenbuch?«
So oder ähnlich, – ich habe mir die Worte nicht genau gemerkt, – sprach Dimitri über Frauenbücher. Ich glaube, es war viel Wahres an dieser seiner Kritik. Und eine Schriftstellerin, die bisher vielleicht, ehrfurchtslos wie wilde Kinder, ihre Gefühle explodieren ließ, ohne abzuwarten, bis das, was aus ihnen stürzte, aus seinem »Henidenstadium« (o Weininger!) sich zu reinen Begriffen erlöst hatte, solch eine Schriftstellerin hätte durch Dimitris schonungslose Kritik aufgerüttelt werden müssen.
Und dann – dann hätte sie entweder für immer verstummen müssen, – oder –
Schade, daß ich keine Schriftstellerin bin!
Er, er hatte das Wort! Das einzelne Wort! Jedes einzelne: ein bewußt herbeigeholter und behauener Quader. Jedes einzelne! Aber – als ganze Masse wirkten diese Quader dunkel und lastend, schier dräuend. Und wuchteten nieder, wie ein Bau, den keine Kuppel, keine Wölbung, keine Weitung von der Erde erlöst, der sich selbst in den Boden zu drücken scheint. Das schwerte in Grund und Boden hinein. Auch fehlten diesen Bauten oft die – Fenster. Innen war alles solid, gediegen, durchaus anständig und komplett eingerichtet. Aber die – Fenster, durch die man hätte herausblicken können ins Unbegrenzte, ins Freie, ins andere, die, ja die fehlten meistens, wie weiland im Rathause zu Schilda. Dafür waren Versenkungen da, die sich plötzlich zu den Füßen des ahnungslosen Besuchers auftaten und ihn angähnten in undurchdringlicher Abgründigkeit.
Beinahe vollendet in ihrer Art waren seine Gedichte Was war es, daß sie trotzdem bei denen, die für uns in Frage kamen, nicht eine volle Würdigung finden ließ? Es war, ich glaube, es war der Geist, aus dem diese Dichtungen kamen. Dieser Geist, der verfallen schien, jenen Mächten verfallen, die wir in der Fünften Symphonie gehört hatten, gleich in den Eingangsakten, wo »das Schicksal an die Tür klopft«, wie Beethoven selbst es nannte. In vier Noten klopft da das Schicksal an die Tür:
Musiknoten
Dunkle Mächte sprechen durch diese Noten, Mächte, die die lichte Lebensstimme, die beschwörend, beschwichtigend hineinsingt in sie, – so süß, ach, so süß, –
Musiknoten
immer wieder überdröhnen.
Ihnen gehörte er, – er konnte nicht anders.
Ich brachte ihm ein Buch von Fiona Macleod: Schottische Balladen.
Kein Werk, das uns irgendwie durch seinen Gedanken hätte interessieren können, aber »geschrieben« war es! Die Kraft der Anschauung, die reinliche Durchführung der Bilder, neuer, originärer und doch wie notwendig sich ergebender Bilder, die er an Frauenbüchern immer vermißte, hier waren sie.
Er las und – staunte. »Allerdings,« sagte er, »das hätte ich einer Frau nicht zugetraut! Allerdings.«
Kurze Zeit darauf saßen wir in einem Café. Beide hinter Zeitungen vergraben. Plötzlich fährt Dimitri, »wie von einer Tarantel gestochen« (warum soll ich mich nach einem neuen, originäreren Bilde umsehen, da dieses alte von so anschaulicher Kraft ist?) empor.
»Da, da«, und er reicht mir ein illustriertes Blatt in einem Tempo über den Tisch, daß ein Wasserglas davor herunterfliegt. »Da, da!«
Was war da?
Da war ein schönes Männerporträt, mit hoher Stirn, klugen Augen und stattlichem Vollbart und darunter stand: Fiona Macleod.
So etwas von Triumphgeheul habe ich in meinem ganzen Leben nicht gehört!
»Deine Fehler kann ich dir nicht verzeihen!« sagte er. Ja, welche Fehler waren denn das?
Ich sinne darüber und kann sie jetzt in mir nicht auffinden, und dennoch weiß ich, daß er nicht ganz unrecht hatte, daß sie wirklich da waren. Es war, glaube ich, so, daß sein Wesen viel Auflehnung in mir hervorrief. Und nicht nur indem ich ihm entgegen war, sondern auch, indem ich – schmiegsam war, schadete ich mir vor ihm, und wir kamen nicht zu dem gewünschten Austausch in Harmonie. Daß er selbst jeden Tag ein anderer war, wirkte auf mich zerstörend und erschütterte den Ausgleich. Fehler war, was ich gestern gewesen war, um seinem Wesen von gestern zu entsprechen. Als zerwühlend empfand ich es schon damals triebhaft, – diesen verwirrenden Wirbeltanz mitgemacht zu haben.
Warum tat ich's? Wie war es mir denn nur möglich? Ja, warum war es mir, da ich mit ihm war, nicht anders möglich, als eben so?
Seine »Freundschaft« für Helene wurde nun wieder besonders kräftig. Dieses Hinschwingen zu ihr, von der er sich doch zu wenden beschlossen hatte, noch bevor er mich kannte, – es zeigte so recht seine Not über die verwirrenden Geschehnisse, sein Leiden an dem unerhörten Vorgang: eine neue Liebe im Gemüt zu einen – mit der unterdrückten Liebe zur eigenen Frau.
Er hatte dort die Kinder, und das mußte tiefe Schmerzen erzeugen – diese Trennung von den Kindern und von ihr.
Es hing mit seinem Mangel an Gedächtnis zusammen, Gefühlsgedächtnis (denn für abstrakte Gedankenketten war sein Gedächtnis sehr stark). Der Sich-Merkende ist immer der Beherrschende. Der Vergessende – der Ausgelieferte.
Gefühlsgedächtnis, eine ganz besondere Sache das. Eng verknüpft mit Treue. Treue – eine Kraft der Seele, wie Gedächtnis eine Kraft des Gehirns. Alles Kraft, Kräfte. Die Seele produziert Treue, lagert sie ab, als Überschuß eines Gefühles. Überschuß aber setzt Fülle voraus, Fülle und Sammlung, die festhält, ökonomisch anlegt, nichts verschüttet und nichts verrieseln läßt. Treue ist Abgrenzung im Gefühl, und hier waren die Grenzen seiner Kraft. Er lebte zu sehr von Theorien.
Ich fand so oft, daß der Intellektualismus die Leute rein blöde mache. Sie fanden sich nicht mehr zurecht im Theoriengestrüpp. Der Verlorenste der, der von Theorien lebt. Der in sie hineinlebt! Ein Intellektueller, bei dem durch den Intellektualismus der »innerste Sinn« nicht gelitten hätte, dieser Sinn, der von der hohen Instanz der Gefühle dirigiert wird, ein Intellektueller, der doch vernünftig wäre, – das war mein »Ideal«, das ich seit Jahren suchte!
Eines Abends, während er bei mir war, nannte ich – deinen Namen. Ich hatte am Vormittag ein Oratorium von dir in der Augustinerkirche gehört. Und ich erzählte ihm von dir und unserer Bekanntschaft an meinem Hochzeitstag.
»Ich bin bei dir, ich begehre dich und du – nennst einen fremden Namen, einen fremden Männernamen, du – du! – – –«
Er nannte sich oft einen »Lieblosen«. Er irrte sich. Er war kein Liebloser. Nur ein Ungebärdiger war er. Aber aus dieser seiner erschreckenden Ungebärdigkeit kam all dieses Zerstörende. Er war ungebärdig, selbst der Schönheit, dem Glück gegenüber. Wenn etwas einmal, zweimal, dreimal schön gewesen war, zum Beispiel unser Zusammensein, nun mußte es anders sein! Er hätte es nicht ertragen, wenn es heute wieder schön gewesen wäre!
Ach, und man wußte, daß, da es zweimal, dreimal schön gewesen war, es heute anders sein – mußte. Ein Ungebärdiger. Seine Unweisheit, seine Lieblosigkeit, seine Wildheit, alles aus dieser Quelle.
Es hätte so mit mir kommen müssen wie mit – Helene. Mit mir?
Etwas über drei Monate war ich mit ihm. Vom ersten Bekanntwerden bis zum letzten Fallen des Vorhangs – hundert Tage. Und welch' eine Fülle war in dieser Zuversicht, schon nach drei Wochen. Wie war sie da schon ganz und gar gewährt.
Waren es denn nicht drei, nein dreißig, nein dreimal dreißig – Jahre?
Hundert Jahre fühlte ich über mir!
O mein Elba!
Seit wann sind wir hier zusammen? Über ein halbes Jahr ist seit deinem ersten Besuch verflossen. War es gestern? Es muß gestern gewesen sein. Ein erster betauter Tag! Und doch: als wäre es immer so gewesen. Hold und zeitlos ist das, was zwischen uns.
Nur in »wirbelnden Blättern« wahrlich kann ich dir von Dimitri und meinem Leben mit ihm sprechen, Freund. Keine »Erzählung«, die chronisch herunterfließt. Unendlich ferne liegt es hinter mir und zittert doch noch nach ...
Wie ich mich veränderte, sagten mir andere. »Du wirst alt an diesem Mann«, sagte meine Mutter.
Mein Mund, den er immer »ein wenig geöffnet«, dessen Winkel er immer »schwebend« sehen wollte, ach, er preßte sich zusammen unter dem, was aus seinem Munde kam. Und die Mundwinkel, die »schweben« sollten, sanken – traurig und vergrämt.
Aufgewühlt von tausend Unsicherheiten, bot er mir nicht genügend Sicherheit für mein Frauenbedürfen und zu wenig Gewähr. Unsicher in seinem Inhalt, in allen seinen Ansichten, die sich niemals bis zu Überzeugungen festigten, unsicher in der Beobachtung, unsicher in seinen verschiedenen einander so widersprechenden Anschauungen, mischten sich doch diese verschiedenen Elemente in ihm zu einer Persönlichkeit von unerhörter Tragik und Gewalt, der niemand die Erkennung versagte und niemand den Gruß am Weg und die doch noch nicht begnaden konnte, weil sie noch nicht die ausgleichenden Kräfte der Reife hatte und daher im augenblicklichen Gefühl zerstob ...
Auch in der äußern Form entbehrte er manches, auch sie entnahm er zu sehr dem Augenblick, ohne ihre Bedeutung genügend zu würdigen.
Mangel an Sicherheit am Manne ist beängstigend für die Frau. Er hätte mich mehr beschützen müssen, aber er war zu sehr mit sich selbst beschäftigt. Und so fühlte ich mich preisgegeben neben ihm und schutzlos.
Er verriet und vergaß seine eigenen Ideale von gestern zu heut. Thmyan, die Hetäre, Rebekka, die Adelsbezwungene, oder das »süße, kleine, schlanke Mädchen«, sie waren wütende Rivalinnen um seine, ach so wenig verläßliche Gunst.
Und ich? Ich hätte mich nachbilden müssen, jedem Tag einem anderen Idol.
Ich gab es auf, die Zahl dieser Rivalinnen zu mehren, um das was – ich war.
Eine »Herrin«, die sich nicht von ihm zerstören ließe, so sagte er einmal, wäre sein Ideal.
Ach, ich fürchte, die wird er nicht finden. Wenn eine selbst die Schönheit einer Venus und das Temperament einer Bajadere hätte – und die Heiligkeit einer Büßerin ihr fehlte, so würde er gerade nach dem fehlenden begehren.
Er war wie bloßliegend allem gegenüber. Was immer er sah, hörte, las, erfuhr, er war's, den es betraf, ihn ging es an, und unser Verhältnis wurde daran gemessen. Er sah »Cyprienne«. Und das tänzelnde, leichtgeschürzte weibliche Element war drei Tage lang sein Ideal. So etwas, was man »bewachen« müßte.
Er sah Rosmersholm. »Siehst du nicht, daß das wir sind, die da oben?« fragte er mich im Zwischenakt, und sein »strenges« Gesicht verhieß mir nichts Gutes. Er, der Adelsmensch, ich, was davon bezwungen werden müßte!
»Siehst du nicht, daß das wir sind?«
Nein ich sah es nicht.
Und er war es wirklich, der das alles war. Alles und – nichts? Nein. Etwas immerhin. Viel! Aber – ohne harte, abgegrenzte, sich behauptende Form. Er zerfloß nach allen Seiten. »Charakterlos« pflegte er selbst von sich zu sagen. Nein. Aber gestaltlos, ganz »Inhalt«, ganz »Fülle«, ohne den geheimnisvollen, eingeborenen, unerwerbbaren Willen zur Form.
Wie ohne Hülle war er. Diaphane Seele – in unendlichen Ausstrahlungen. Andre wollen umgekehrt: sammeln, begrenzen, abschließen, bergen, festigen. Und so wollten wir Entgegengesetztes und begegneten uns nur selten.
Was am wenigsten zu ihm zu stimmen schien, war doch da in ihm: sentimental war er zu Zeiten, pathetisch im Empfinden (nicht im Ausdruck, niemals), und unbewußt spießerhaft; er, der »Anarchist«. Daß er seine erste Ehe gelöst hatte, schien ihm eine ungeheuerliche »Tat«. Nicht um alles in der Welt hätte er sie nicht getan haben mögen, diese Tat. Dennoch legte er sie tagtäglich auf den immer geheizten Rost seines Gewissens. Er wurde aber nie fertig mit dem Rösten. Wäre er bei Helene geblieben, mit der zusammen er schlecht gelebt hatte, mit der er erst einen freundlichen, erträglichen Ton fand, seit er von ihr fort war und die er in dieser Ehe zerstört hatte bis an die engsten Wälle ihrer Jugend heran, – wäre er bei ihr geblieben, er hätte sein Bleiben nicht minder geröstet wie sein Gehen.
Ich warf ihm seinen Mangel an Courtoisie vor. Etwas wie eine geheime Gehässigkeit lag zwischen uns. Wenn er fremde Weiber begutachtete, in meiner Gegenwart, sagte ich: »Das ist mauvais genre, lieber Dimitri,« ich sagte es sehr sanft, »durchaus mauvais genre.«
Ich wußte, es konnte ihn nichts mehr ärgern, als wenn ich ihm auf diese Weise weltlich kam. Und nicht genug daran, fügte ich hinzu: »Giorgio, zum Beispiel, würde das in meiner Gegenwart nie tun. Obwohl er mein Bruder ist. Es zeigt, nun wie soll ich sagen, es zeigt eben, daß, daß man nicht von – Familie ist, ich meine, so etwas, diese Art von Courtoisie, sitzt eben im Blut.«
Er warf mir einen Blick zu, – wenn Blicke töten könnten! Aber, suggestibel wie er war, hatte er von Stund an Respekt vor meinem – Geblüt.
Immer »angreifen« mußte er. Was ein Ding nicht war, wußte er am ehesten davon auszusagen. »Nichts behält neben ihm den eigenen, unbedingten Wert«, sagt Möricke vom »Sehrmann«. Und immer, immer wollte und brauchte er »Auseinandersetzungen«. »Intensiv« sein, nannte er dieses Herumwühlen in dem – Innersten der Seele. In Wahrheit war es eine, wie ich glaube, übermäßige Gereiztheit, die alle diese Szenen entlud.
Er bohrte in der Seele, daß keine Faser darin heil blieb.
Er kannte kein anderes Thema, als den »Abgrund des Subjektes« (Goethe). Jene Gegend, die, meiner Meinung nach, der Künstler beschützen muß vor sich selbst, will er nicht erleben, was jener dreiste Jüngling zu Sais erlebte, was Faust bei den »Müttern« erlebte!
Im Abgrund des Subjektes wohnt, was das Symbol zerstört. »Alles Vergängliche ist nur Gleichnis.« Ist aber die Macht zum Symbol gebrochen, dann fahr' wohl, Kunst!
»Alle Kunst ist Oberfläche, Symbol!« sprach ein anderer, Wilde. Ein tiefes Wahrwort. Darin, daß wir jede Erscheinung nur durch die Kraft eines Gleichnisses, eines Bildes (also immer wieder nur durch Vergleich mit einem anderen Ding) dichterisch sinnfällig, anschaulich gestalten können, darin liegt ein Hinweis, daß wir dem Ding selbst nur durch Spiegelung seiner Oberfläche, von allen ihren zahlreichen Seiten, nahekommen können.
Darum wird alle Kunst und alle Weltanschauung, die »tiefer« dringen will, als zum Symbol, im Irrsinn scheitern. Der Mensch muß sein Selbst schützen vor sich selbst!
Das wollte er nimmermehr begreifen. Das heißt, theoretisch begriff er es wohl. Aber praktisch ging es ihm nicht ein. Der Abgrund des Subjektes war sein täglicher Hausspaziergang und ich auf diesem anstrengenden Pfad seine Begleiterin.
Ich weiß von Straßenszenen sogar, wo er bohrte und wühlte und ich laut schluchzend neben ihm ging.
Und es ging weiter, unbeschreiblich, unfaßbar für solche, die so etwas nicht erlebt haben.
Zu Hause angelangt, fiel ich dann erschöpft aufs Sofa. Er deckte mich mit einer Decke zu, legte mir einen Polster unter den Kopf und bereitete Tee, den er mir aufnötigte. Dann setzte er sich neben mich und spielte ganz leise, pianissimo, oft auch nur mit zupfenden Griffen (ohne Bogen, wie Mandoline), auf der Fiedel. Blaß und schmerzverwühlt war sein Gesicht. Seine blauen Augen schienen unnatürlich groß und flackerten dunkel.
Keiner von uns beiden hätte das Substrat des »Streites«, der aufwühlenden Szene, zu sagen gewußt.
Ich lag wortlos und stöhnte nur manchmal leise. Er saß und zupfte die Fiedel, pianissimo.
Solches haben wir erlebt miteinander, Dimitri Gruschk und ich.
Stunden vergingen so ...
Eines Tages kam er: »Sprich nicht, – deine Worte sind umsonst! Schau nicht, – deine Blicke sind umsonst! Ich bin leer, leer.«
Ich saß verzweifelt. Das Unglück, das über uns geschwebt hatte, war also richtig hereingebrochen: Er war »leer«. Wie sollte ich ihn »füllen«? Unmöglichkeit.
Um diese Zeit erhielt Dimitri einen Brief von seiner Schwester, die in Zürich Medizin studierte. Eine Kollegin von ihr, eine Russin, kam auf der Durchreise nach der Heimat nach Wien und hatte hier eine Erbschaftsangelegenheit zu ordnen. Dimitri sollte ihr mit Rat und Tat beistehen.
Die Dame kam und nahm Dimitri so sehr in Anspruch, daß er manchmal nur auf einen Sprung zu mir kommen konnte. Als Jurist konnte er ihr in ihrer Angelegenheit sehr dienlich sein. Aber auch »als Mensch« brauchte sie ihn, wie er mir sagte.
So oft ich ihn in diesen Tagen traf, fand ich die russische Studentin in lebhafter Konferenz mit Dimitri.
Er hatte ihr Unterkunft besorgt und kümmerte sich überhaupt sehr freundschaftlich um sie. Er habe eine wahre Verehrung für dieses Mädchen, sagte er mir. Er hätte nie gedacht, daß eine Frau ein so »moralisch leidender« Mensch sein könne. Ihr intellektueller Horizont sei begrenzt. Aber die »Moral« sei ihr »Problem geworden«, wie er dies nur bei Männern für möglich gehalten. Sie verstehe, was es heiße, »an sich selbst schuldig werden«. Sie war ein »Adelsmensch«.
Ich konnte dieser Meinung gegenüber keinerlei Kritik üben, denn mir gegenüber gab sie sich ja nicht zu erkennen.
Wie er mir zuzeiten die »Hetäre« als das wahre Idol für die Sehnsucht des Mannes hinstellte, so nun, seit diese Dame aufgetaucht war, das im Weibe verkörperte »ethische« Prinzip.
Er erzählte mir ihre Aussprüche. Nur ein »hochstehender« Mann könnte für sie in Frage kommen, hätte sie gesagt. Und gleichzeitig hätte sie hinzugefügt: ob sie einem solchen Mann wohl intellektuell und moralisch genügen könnte? Sie habe sich darauf gefaßt gemacht, »einsam« zu bleiben, weil sie nicht »besser« sei!
Und Dimitri sagte: »Hast du dich jemals gefragt, ob du einem solchen Manne genügen könntest?! Hast du dich jemals bemüht, besser zu sein?!«
Er sagte es, sagte es wörtlich, Johannes, du, für den ich diese Blätter schreibe!
Er sagte es wörtlich, Johannes!
Der Schweiß bricht mir aus, da ich diese Zeilen schreibe. Mein Gesicht ist über und über bedeckt davon. Meine Hand zittert, – ich kann nicht weiterschreiben für heute.
Unter meinen Freunden befand sich auch ein Schauspieler, der von Zeit zu Zeit öffentliche Vortragsabende veranstaltete, an denen man sicher sein konnte, eine edle Auswahl dichterischer Produkte vorgeführt zu erhalten. In dem Geschäfts- und Snobgetriebe der Literaturhyänen der Großstadt bildeten diese Abende eine Insel. Besonders für Verbreitung und Verständnis der Lyrik tat dieser Künstler viel. Er sprach auch oft mit Dimitri und mir über das Wesen der Lyrik, dieser, nach der Musik unmittelbarsten Ausdrucksform des geheimnisvollen Vorgangs der künstlerischen Exstase, – der Stimme.
Er lehrte uns, eine gereimte Mache von wirklicher und notwendiger Poesie unterscheiden. Und an solchen echten Produkten nicht vorüberzugehen, wie jene Sorte von Lesern zu tun pflegt, die ein Kunstwerk zu sich nimmt wie ein Glas Bier und weiterhastet. Verweilen, erkennen heißt erst genießen.
In der echten Lyrik sei von absichtlicher Reimerei nichts zu verspüren. Frei und doch notwendig finden sich die Verse zueinander, ohne daß Umstellungen, Inversionen, Gewalttaten am Satzbau dem Reim zuliebe notwendig wären. Es fließt dahin wie edle Prosa und doch nicht Prosa. Neue starke, seltsame Bilder tauchen auf, der Begriff ist aufgelöst in lauter Anschauung. Ein bloßes Wortgebimmel, und bimmelte es noch so glatt, macht aber noch kein Gedicht: der tiefe Gedanke erst läßt es berechtigt erscheinen. So scheinbar frei die Form, so eisern doch die gedankliche Logik jedes Satzes, jeder Strophe, des Ganzen. Erst diese Logik verleiht jedem Bilde Macht. Die Harmonie der Form strömt aus der des Inhaltes, es »bimmelt« nicht nur, es hat auch Sinn, hat tiefen, klaren Sinn und bimmelt doch leicht und lieblich – und geheimnisvoll. Und er demonstrierte diese Analyse an klassischen lyrischen Produkten.
Diese lyrische Bewußtheit suchte er dem Publikum zu vermitteln. Erst dann könne es ermessen, was ein Gedicht bedeutet, was der, der es erschuf, darin niedergelegt hat. Wissend trinken, das ist der Genuß.
Dieser Künstler interessierte sich sehr für Dimitris Gedichte. Ich selbst hatte niemals ein Gedicht gemacht.
Wir hatten zwei Billette zu einem solchen lyrischen Abend erhalten. Dimitri kam, mich abzuholen. Er teilte mir mit, er habe sein Billett der Russin abgetreten, er selbst werde sich ein anderes an der Kasse besorgen. Im Saale würden wir sie treffen. Ich fragte, warum sie nicht mit ihm gekommen sei, mich abzuholen.
»Sie – sie findet keinen Kontakt mit dir.«
»So.«
Ich sah im Spiegel meine Augen und fand in ihnen den Blick, den Helene hatte.
In der Pause, nach der ersten Hälfte des Abends, sprachen wir den Vortragenden im Künstlerzimmer. Wir hatten einander mehrere Wochen nicht gesehen. Er erkannte mich im ersten Augenblick nicht. Er sah mich schweigend an, dann sagte er: »Wenn man wissen will, was Zerstörung ist, so braucht man nur Sie anzusehen.« Und er warf einen zornigen Blick auf Dimitri.
Peinliches Schweigen. Der sonst so höfliche Mann war unhöflich gewesen. Endlich fand man einige Worte zum Thema des Abends.
Ich verlor, glaube ich, seine Freundschaft, weil er mich zerstört sah. Wie kann man sich so nur blicken lassen, – mag er sich wohl gedacht haben.
Ein Symphoniekonzert wollten wir am kommenden Sonntag besuchen. Die »Fünfte« war zu hören. Das durfte nicht versäumt werden. Dimitri hatte Karten besorgt, für mich, sich, Giorgio, Helene. Wir sollten uns vor dem Musikvereinssaal treffen. Giorgio, Helene und ich warteten vergeblich auf Dimitri. Er kam nicht. Das war uns ungewohnt an ihm, er war sonst verläßlich in solchen Dingen. Wir hatten unsere Karten und gingen hinein. Eine mir selbst nicht erklärliche Unruhe bemächtigte sich meiner. Was war vorgefallen, warum war er nicht da?
»Zdenko wird vergessen haben«, sagte Helene.
»Dimitri vergißt so etwas nicht«, sagte ich.
Die »Fünfte« durchbrauste den Saal. Der Schicksalsruf setzte ein. Hoffnung blitzt auf in dem wilden Getümmel. Die Violinen tragen sie durch zwei Oktaven und geben sie weiter an die Hörner. Die Zweifel mischen sich hinein, Flöte, Klarinett und Fagott. Bässe und Celli begleiten sie bang. Aber die Lebensmelodie, die lichte, ringt sich aus all der Bedrückung immer wieder heraus, sprengt und durchbricht ihre Gruft: Triumphlied der Posaunen.
Noch vor dem Allegro verließ ich den Saal. Ich war überzeugt, ein Unglück müsse geschehen sein. Ich verschwieg Helene, was ich eigentlich meinte: einem der Kinder mußte etwas zugestoßen sein. Sie waren allein zu Hause, mit dem Mädchen. Wer weiß, was da geschehen war.
Ich fuhr zu Helenes Wohnung, flog die Treppen hinauf, rüttelte an der Glocke.
Das Mädchen öffnete. Da lagen die Kinder friedlich schlafend in ihren Bettchen.
Ich weinte vor Freude und küßte leise und vorsichtig die rosigen Füßchen, die der kleine Elias unter der Bettdecke hervorstreckte.
Ich fragte in seiner Wohnung an.
Die Frage war überflüssig, denn ich sah seinen Hut und Mantel im Vorzimmer hängen.
»Nicht zu Haus, nicht zu Haus«, sagte die Wirtin und stellte sich breit vor mich hin.
Ich sah sie erstaunt an. Dann schob ich sie beiseite und ging direkt auf Dimitris Türe zu, klopfte und drückte die Klinke nieder.
Aber die Türe gab nicht nach, – sie war versperrt. Drinnen aufgescheuchte Stimmen, erschrecktes Geflüster, – Dimitri und die ethische Dame aus Rußland.
Ich kam ganz gut nach Hause. Ich ging langsam und beinahe heiter durch die Straßen. Ich weiß nicht, warum das so war. Zu Hause angelangt, heizte ich mein Feuer im Ofen. Ich legte soviel Kohlen nach, als darin Platz fanden. Mich fror sehr. Der Herbst war naßkalt und neblig.
Es wurde warm im Zimmer, wenn auch nicht warm genug für mich. Schließlich hüllte ich mich in Decken und legte mich aufs Sofa, stellte die Lampe neben mich und las ein Buch: den Briefwechsel Wilhelm von Humboldts mit seiner Braut und Frau – – –
Gegen elf Uhr läutete es. Ich kannte dieses Läuten: Dimitri. Das hatte ich nicht erwartet.
Ich öffnete, ohne im Vorzimmer Licht zu machen, klinkte die Türe auf und ging zurück in mein Zimmer. Er folgte.
Er sah verwüstet aus. Wie jemand, der sich obdachlos herumgetrieben, kam er mir vor. Seine Augen waren weit aufgerissen, die Pupille tanzte im Weißen. Er sank in einen Sessel. Plötzlich brach er in Schluchzen aus. Als wollte er sein Gesicht verbergen, warf er es in meinen Schoß.
Ich streichelte seinen Kopf und beruhigte ihn mit den besten Worten, die ich fand.
Er blieb lange so, dann gestand er alles.
Dieses Erlebnis ging wie ein Riß durch seine empfindliche Natur; für sensible Menschen gibt es in dieser Sphäre keine Bedeutungslosigkeit. Es ist immer ein Einbruch in die innerste Natur, eine Kraftausgabe. Geschieht sie zu Unrecht, so bleibt ein Riß, ein Chock, eine Verwundung des innersten Wesens zurück.
Auch zwischen uns wollte es nicht gut werden. Ich hatte verziehen und ohne merken zu lassen, daß ich verzieh, er aber konnte nicht verzeihen, daß ich etwas zu verzeihen hatte. Lauernd und mißtrauisch zerfaserte er jede meiner Äußerungen. Überall vermutete er Scheu und Überwindung.
Ich suchte mit allen Mitteln auf dieses zerstörte Gemüt zu »wirken«, mit allen Mitteln, ach! »Wozu sonst bist du gut, – Stimmlose,« dachte ich bei mir, »sei wenigstens zu etwas nütze!«
»Du – du Frau, – ich weiß nicht, – ich werde immer verwirrter. Wenn ich von dir bin, – habe ich so böse, böse Gefühle! Ich weiß nicht, warum. Und wenn ich dann da bin, mit dir, es ist dann einfach Glück. Ich weiß nichts mehr, ich weiß nichts mehr.«
Ich saß in einem Sessel am Klavier. Ich sah ihn an, voller Weh: »Dimitrino!« Lange, lange hatte ich ihn nicht mehr so genannt.
Er stürzte nieder, umschlang meine Füße, vergrub seinen Kopf in meinem Schoß und weinte da bitterlich.
Immer habe ich ein Wehgefühl für ihn im Herzen gehabt. Oft geschah es, daß ich nachts erwachte, in Tränen gebadet, mit einem dumpfen, schweren Druck im Herzen.
Dann war mir, als spräche ich zu ihm: über seine Leiden. Er war sehr zart, disponierte zu Lungenkrankheiten, und ich lebte in ewiger Angst darüber.
Wenn du diese Blätter manchmal an die Lippen führen solltest, wie Liebe tut, – es wird dir oft salzig schmecken. Aber die Liebe trinkt auch dies.
Meine Liebe zu ihm, sie war, glaube ich, von der Art, die Schopenhauer mit dem Welschwort benennt, dem tiefen, unübersetzbaren Welschwort: Pietà.
Leid, Mitleid, hohes Mitleid, überpersönliches Leid, das schier alle Kreatur zu umfassen sich sehnt, ist in solcher Liebe: Pietà.
Das Mitleid, das hohe Mitleid war in dieser meiner Liebe zu ihm.
Aber die Freude, die hohe Freude fehlte in dieser meiner Liebe zu ihm.
Immer fremder, immer unheimlicher wurde es zwischen uns. Ein Dunkles war da, ungreifbar. Dieses Unheimliche, es ging mit uns auch in jene Stunden, – wo Menschen sonst alles vergessen. Er nahm mir die Unbefangenheit – auch da! Das Schlimmste, das Unheimlichste, was von einem Mann gesagt werden, was von ihm einer Frau geschehen kann.
In den letzten Tagen vor meiner Abreise, – wie sie zustande kam, wirst du erst später erfahren, – in diesen letzten Tagen (ach, die Tage hatten ja hier das Maß von Wochen, Monaten!) kam nichts Gutes mehr von Dimitris Munde. Seine Arbeit lag brach. Ein toter Punkt wäre es gewesen in seiner Entwicklung, der überflutet worden wäre, wie jeder andere auch. Aber wo fand ihn ein toter Punkt je weise?
Und es war noch anderes. Es war eine verschlagene Sinnlichkeit in ihm. Schöne Frauen und hübsche Mädchen, die er auf der Gasse sah, – er begehrte sie alle! Er hätte sie angehalten am liebsten. Und er erzählte es mir, er schilderte mir diese Begierden. Wehe, wenn ich nicht gelassen, »objektiv« blieb! Gleich war ich ein »platter Mensch«.
Und ich blieb – objektiv. Hörte das alles, entgegnete darauf ganz »sachlich« und nahm es alles – ernst.
Er, der innerlich Abhängige, wie hätte er sie ertragen, diese Art »Abhängigkeit« die die Liebe bedeutet. Nur Unabhängige ertragen diese Abhängigkeit und vergöttern sie! Nur Freie reichen dem Weibe lächelnd beide Hände: Binde mich, du!
Goethe schrieb an die Stein: »Kniefällig bitte ich dich, lasse mich wieder einwohnen in der Heimat deines Herzens!«
Wagner an Mathilde: »Wie sehr ich von dir abhänge, du Geliebte! Das habe ich in dieser Zeit wieder so recht inniglich empfunden.« Und als sie ihn auf den Trost durch sein Schaffen verwies: »Mein wahrer Ernst ist nicht dabei! – – – O glaube! glaube mir, daß nur du mein Ernst bist!«
Lenau an Sophie: »Ich bin dir ganz verfallen. Wohl mir, daß ich es bin!«
Herwegh an seine Braut: »Ohne dich, merk' es, ist es zu Ende mit mir und mein Licht ist ausgeblasen.«
Sie knirschten nicht, diese Leute, da sie in »Abhängigkeit« geraten waren, sondern, die Sonderbaren, alle Throne der Welt hätten sie ausgeschlagen gegen diese Hörigkeit. Ja, ihr Werk, ihr Lebenswerk selbst, es erschien ihnen nichtig gegen diesen anderen Lebenswert. Ein Wagner nannte sein Werk – sein Werk! – unernsthaft gegen diesen Ernst seiner Liebe.
Sie knirschten nicht, diese Leute. Denn sie fühlten nicht nur diesen Lebenswert, sie wußten ihn. Deutlich!
Er aber wußte nicht. Daß vielleicht eine andere als ich ihm diese Bewußtheit und Seligkeit und darum Erlösung wird geben können? Ich glaube es nicht. Denn sein Ideal war ja eben das Unbewußte. Die Sphinx mit der Tatze sollte kommen und sein Bewußtsein betäuben. (So wünschte er sich's: Untergang in diesem Erlebnis!) So wäre seine Erlösung zusammengefallen mit Vernichtung. Die Melodie der dunkeln Mächte behielt die führende Stimme in ihm, nichts konnte sie übertönen.
Sein Kampf ums Brot, dieser rastlose, täglich neue Wurf ins Ungewisse, war mit Schuld an seinen tiefen, schweren Depressionen. Ein Dichter, ein Singender (oder doch ein Singen-Sollender), dem die bleiche Brotangst die Kehle zuschnürt, – ein Unding ist's, ein grausames, widersinniges Unding! Denn das Material, das kostbare, geht dahin in diesem verzweifelten Ringen mit ihr, der bleichen, der schlottrigen, der würgenden Brotfurcht. Wenn der Tischler, der Schuster oder wer sonst immer Sorgen hat, so wird ihm doch nicht sein Holz oder sein Leder davon ruiniert! Der Dichter, der Sänger ist der Einzige, dem diese gemeinste, fürchterlichste Sorge sein Material zerstört, das kostbare, das unersetzliche Material: die Stimme. Das Zarteste im Menschen, das Tönen seiner Seele, – anima, die Stimme wird gebrochen von der Not.
Warum laßt ihr sie verfliegen, verwehen, verdorren diese Stimmen? Warum duldet ihr, daß sie in Notrufen sich heiser gellen? Warum verwendet ihr sie als Ausschreier für Jahrmarktsbuden?
Sorget, sorget für diese Stimmen, wo immer Not und Jammer sie zu ersticken und zu erwürgen drohen: eine nationale Pflicht, so lange Nationen überhaupt bestehen und nicht eine einzige Weltbürgerschaft!
Sorget! Denn sind es nicht die deutlichsten, die vernehmbarsten Stimmen der Nation?
Dieser gemeine Kampf machte Dimitri irre. Irre an seiner Bestimmung, an seiner Berufung. Irr und wirr wurde ihm alles, was er tat und wollte. Sünde und Wahnsinn griffen nach ihm mit gekrallten Fingern.
Nie dachte ich mir: »Warum habe ich mein Schicksal mit diesem Elend verknüpft?« Meine Sache war es, mit ihm zu tragen, was hereinbrechen mochte über ihn, – von außen und aus ihm selbst. Tragen, tragen.
Aber das erstemal kam ich auf den Grund des Begriffes »Irrsinn«.
Irr – irr – ich wußte nichts mehr. Nichts mehr von mir vor allem. Zerpflückt und zernagt war ich in hunderttausend Fetzen. Was war Ernst? Was war Faselei? Wo war eine Wahrheit?
Und keine Stimme war da, das war das Schlimmste. Die Stimme, die Stimme, sie schwieg mir, – die Stimme meiner selbst. Ein Fremdes besaß mich, es hatte mir die Stimme gewürgt. Ich war in Besitz von etwas anderem, – Dunklem, Fremdem, Grauenhaftem, Unerklärlichem, – ich hatte mich nicht mehr, es besaß mich, und konnte mit mir machen, was es wollte.
Irrsinn – Besessenheit ...
Ich muß es tragen, – so hatte ich mir gedacht. Aber es kam anders.
Eines Abends hatten wir einen Wortwechsel. Es gab ja keine Stunde des Friedens mehr. Ich war nun auch nicht mehr bei klaren Sinnen. Ich weiß, daß ich aufschrie und meine Hände ballte gegen ihn.
»Warum, warum«, rief er mir zu. »Ich kann nicht aufkommen für dein Elend. Ich richte Unheil an, wohin ich greife. Rette dich! Sieh dich an« – und er riß mich beinahe zum Spiegel –, »du bist nicht wiederzuerkennen. Ist das die Frau, die ich vor drei Monaten sah? Warum läßt du dich denn zerstören, du! Dafür hasse ich dich, daß du dich zerstören läßt, du, wie die andern, an die ich gerührt habe, dafür verachte ich euch alle zusammen.
Und was habe ich denn davon. Furcht habe ich vor dir –«
Es blieb totenstill.
Plötzlich fühlte ich, wie er mir den Kopf hob.
Ich sah ihn über mich gebeugt in dem verschwimmenden Halbdunkel und hörte, wie er mit rauher, keuchender Stimme und doch, wie beschwörend, mit der ganzen Kraft der alten, wilden Liebe mir zurief: »Maja, rette dich vor mir!«
Und er sah mich an, mit ekstatischen Augen, die mir rieten, zu fliehen.
Die Koffer wurden wieder einmal vom Boden geholt. Aber nicht gepackt wie sonst, wo sorgliche Mutterhand das besorgte. Nicht hineingelegt, hineingeworfen wurde das Notwendigste. Nur schnell, nur schnell. In drei Stunden war ich reisefertig.
Und als mir, während der Zug an der Donau dahinbrauste, die Türme von Wien verschwanden, da holte ich erst Atem. Lebewohl, Wien, du strahlendes, schönes, üppiges! Lebewohl, du Stadt der Gesicherten, aber nicht der Werdenden!
Und ich fuhr dahin – in ein härteres Klima.
Ich kam hier an. Ich schrieb einen Brief an Dimitri. »Da es aus sein soll, soll es ganz aus sein. Gib mir keine Nachricht und verlange keine von mir.« – Er ist frei, wie er es im Grunde sein wollte und wohl auch sein muß. Unser »Eheband« wird keinen von beiden stören. Braucht einer von uns beiden auch formal seine Freiheit wieder, so wird er keiner Schwierigkeit beim anderen begegnen. Auch die Grimasse der »Freundschaft« wollen wir nicht schneiden. Freundschaft entsteht nicht, wenn die Liebe geflohen ist. Lieber begnüge ich mich mit Zwerghaftem, das in seiner Art ganz und heil ist – dem konventionellen Verkehr mit »Bekannten« –, als daß ich den Torso von etwas, das größer war, als dieses Zwerghafte, mit mir weiterschleppe. Auf den Scheiterhaufen damit! Ein reinlicher Brand – eine Handvoll Asche – Einsamkeit.
Keine Nachricht von Dimitri. Gottlob er hält sich an meinen Wunsch. Auch ich gebe keine. Wozu Erörterungen, Polemiken? Wir wissen genug. Wir wissen alles. Wir wissen, daß wir sehen müssen, uns wiederzufinden, – nicht einander wiederzufinden, nimmermehr! – sondern jeder sich selbst wiederzufinden, frei vom andern.
Gute Genien waren um mich in dieser Stadt. Große, stolze, gleichgültige Stadt. Gibt Raum dem Individuum. In meiner Heimat, dem schönen Wien, da fehlt einem manchmal dieser Raum. Ich verstand es nicht, dieses Wien, da ich darin festsaß. Ich litt an ihm, aber ich wußte nicht, woran es lag.
Wer hatte Wohlwollen für mich? Wohlwollen, – Himmelsmanna der werdenden Seele, die »gläubiger und schützender Kräfte bedarf«, wie Altenberg sagt. Wo waren diese gläubigen, schützenden, zärtlichen Kräfte, derer die Zarte, anima, bedarf?
Von niemandem habe ich jemals in einer schwierigen äußeren Lage meines Lebens, jemals in innerer Verwirrung einen Rat bekommen (einen, den ich hätte brauchen können, nämlich). Wie verschüttet war meine Situation zeitweilig, innerlich und äußerlich. Ich glaubte kaum je wieder herauszukommen aus solchem Zusammenbruch.
Keine Seele gab mir einen Wink. Geschweige denn, daß eine Hand sich mir entgegengestreckt hätte. Nichts, nichts. Und ich sah, die Sache lag so: komme herauf durch dich selbst, auferstehe durch deine eigene, innere Gewalt, sprenge Grüfte und Grabsteine und erlöse dich selbst, o messianische Seele, oder – bleibe unten und vermodere.
Und meine Seele wurde stark, da sie so erkannte.
Irgendwo müßte es doch jemanden geben, dachte ich mir immer, von dem es einen nicht fortschleuderte, bei dem man gern und willig bliebe. »Hinauskommen« lautet ja das moderne Wort für dieses Fortwollen, Fortmüssen.
Ich ersehnte nichts sehnlicher mein Lebenlang, als den zu finden, über den ich nicht »hinauskäme«. Von dem ich nicht hätte – wegreisen wollen.
Aber was ich an Menschen erlebte, schleuderte mich fort von ihnen. Wo wäre ein Mensch, zu dem man sagen könnte, was jener Magier zum Augenblicke sagen wollte: »Verweile doch! Du bist so schön!«
Einmal einem solchen »Menschen« begegnen und mit ihm verbunden sein, einmal nichts Häßliches erleben an einem Menschen, und gefeit wäre ich gegen alle Gefahr, – gegen alle Versuchung, auf falsche Geleise zu geraten, wenn ich es einmal nur erlebte!
An einem einzigen Tage bin ich immer mit Menschen fertig geworden. An einem einzigen, resoluten und resignierenden Schlußtag habe ich mich immer abwenden und weitergehen müssen – in Einsamkeit. Und meine Treue blieb unbelohnt.
Diese Versuchung, ja diese wahrhaftige Versuchung überkam mich öfters. Diese Versuchung – abzuschwören den Glauben, mit dem ich geboren war. Zur wahrhaftigen Renegatin zu werden, aufzuhören zu glauben an mein – Eiland. Zu kapitulieren, bevor alle Meere durchkreuzt waren.
Ich war nahe daran abzuschwören, diesen meinen Glauben daran. Und meine Abschwörungsformel hätte so gelautet: Begnüge Dich mit Oberfläche, damit du nicht ganz und gar verhungerst. Gib auf Deinen Traum von einem Eiland irdischer Seeligkeit! Es gibt nicht das, was du dir vorstellst. Nimm ein bißchen Schönheit, ein bißchen Wärme, wo du sie findest, und erwarte nichts weiter von denen, denen du in diesem Sinne begegnest.
Was' hab ich Tage, Monate und Jahre verbracht, von denen ich die meisten verrinnen lassen mußte, sie, die das Leben mit sich führen und es mir zuströmen sollten, die ich wartend am Ufer stand. Sie verrannen mir, sie verrieselten im Sand, im Nichts. Und eilig, eilig geht es mit solchen verschütteten, verrinnenden, versandenden Tagen!
Er strömt dahin auf dem Boden, der kostbare Lebenssaft, der Lebenstropfen, der Tag, und nichts wird durch ihn!
Die traurigsten Zeiten waren das, wo ich die Tage so verströmen sah und doch nichts, nichts daran ändern konnte! Denn ausgewartet will das sein. Es gab nichts anderes, als – warten. Man mußte sich hineinsetzen, die Hände im Schoß, und warten, warten, ob nicht doch angespült würde von ihnen, den Tagen, angeschwemmt würde ans Ufer das Erwartete, – Leben.
Tage gibt es wahrlich, die uns schleifen, wie ich es auf dem ersten dieser Blätter sagte. Schleifen und verschütten und begraben unter sich selbst. Sie wälzen sich auf uns und türmen sich da zu Wochen, Monaten, so lange, bis jene Kraft, welche Grüfte sprengt, auch diese Leichenhaufen toter Tage, unter denen sie, ein Lebendes, verschüttet ist, abwälzt und aus ihnen heraufdrängt, in engen Spalten erst, dann immer breiter und breiter, bis sie nicht mehr zu verdrängen und zu verschütten ist und, erlöst, sich über den Tag schwingt und ihn zwingt, ihr zu dienen.
Und Jahre vergingen mit dem Sichumsehen. Ich wußte, daß vieles zu erfahren sei. Aber niemand konnte es mir sagen, übermitteln. Es mußte eben selbst – erfahren werden. Man mußte es selbst herausbekommen, das Geheimnis: Wo der Fuß eigentlich hinzusetzen sei, auf daß man schön und sicher stehe. Und endlose Gehübungen zu diesem Zwecke! Zickzackwege, von denen keiner ein Ziel hatte, als das, wieder zurückzuführen auf die – Linie. Aber die Linie verlängerte sich doch. Und es wurde eine Straße und man kam doch weiter und weiter auf ihr.
Wanderjahre!
Und allmählich wurde die Linie glatter, direkter.
Wohl denen, die mit dem Ziele zu sich, mit den Wegweisern zu sich geboren sind! Das Ideal ihrer Linie führt sie, trotz allen Zickzackgeschlängels, immer wieder – zu sich.
Aber es gibt solche, deren Wege keine notwendige Biegung zu einer Hauptlinie haben. Deren Wege in Sackgassen einlaufen, aus denen es kein Zurück mehr gibt und an deren Mauern sich jene die Köpfe zerschellen. Oder in die Runde führen, ohne auffindbare, ruhende Ausgangsstelle, ein narreteiendes Ringelspiel. Oder in Gestrüppe, Klüfte und Höhlen münden. Oder sich verschlingen und kreuzen, lockend und den armen Läufer zu Tode hetzend. Betörend und problematisch, ihn immer tiefer verwirrend, – wie jener fünffach verschlungene Kreuzweg, den, nach buddhistischer Vorstellung, alle die durchirren müssen, die dem Sakyasohne nicht nachwandeln – – – oder zu Christus nicht finden.
Wie wild mein Leben doch eigentlich aussieht! Und dabei bin ich eine so treue, kleine Klette. Immer wenn ich mich zu einer Bindung entschloß, hatte ich den ehrlichen Wunsch, es möchte für ewig sein. Und ich hielt ja auch aus, – ach – so ewig wie möglich!
Nun habe ich soviel, soviel geplaudert in diesen Blättern.
»Für wen aber führt sie diese Blätter?« Ja, das ist das Geheimnis. »Wo ist der Freund, von dem sie immer spricht?«
Wo steckt er? Vexierbild. Dreht einmal das Buch um, dreht es nach allen Seiten, und vielleicht merkt ihr dann, wo er steckt. Vexierbild.
Der Freund kam in das Buch, der Freund kam in das Leben, – während ich plauderte. Er trat ein bei mir, und ich merkte es selbst nicht, daß er es sein sollte. Wie hätte ich es denn in diesen Blättern merken lassen sollen, früher, da ich es doch selbst so spät merkte.
Er trat eines Tages ein und sagte: »Daß ich Sie nun wiedersehe, nach so vielen Jahren! Wie kommen Sie in diese Stadt? Wie ist es Ihnen ergangen seit damals, wo ich Sie das erste- und letztemal sah, – an Ihrem Hochzeitstage?«
Und ich erzählte ihm, wie es mir ergangen.
Auch daß ich meine Stimme verloren hätte, erzählte ich ihm. Aber das wollte er nicht glauben.
Und da er ein Musiker ist und ein Meister – nahm er sich meiner Stimme an. Musik kam mir von ihm. Und er rief und lockte die Stimme.
Und eines Tages, als mir viel Musik von ihm gekommen war, – da schien mir's, als wäre ein Schweres von meiner Brust gewälzt und ein Scharfes und Stechendes aus meiner Kehle genommen.
Frei und rein erklang der Ton.
Und da sagte er: »Siehst du –«, und aus seinen Augen floß in mich, was nur mir gehörte, mir ganz allein.
Und dann bat er mich, ein Buch zu führen, und von meinem Leben zu erzählen. Ihm sollte ich es erzählen, damit meine Stimme ein Ziel hätte.
Bis zu dem Augenblick, wo Chronik und Gegenwart sich berühren, sollte ich ihm das Buch führen.
Der Augenblick ist da.
So sicher bin ich meines Wortes, wenn ich es an dich richte. Darum bist auch du es, an den ich alles schreibe, sage, denke, – singe. Ohne diese Richtung zu Dir hätte ich das, was ich da schreibe, nie schreiben können. Ich hätte den Rhythmus nicht gefunden. Du, du gibst mir Rhythmus und Ton. Indem mir an dir die Seele mächtig wurde, kam mir die Stimme. Die in der Kehle und jene andere. Sind sie denn nicht eines?
Dimitri hemmte mir den Ausdruck in der Kehle. Es war sein Unglaube, verstehst du? Er hat zuviel gezweifelt. Und die Seele wurde in dieser Mühle des Zweifels formlos.
Du, du gibst ihr – Form. Form und Ton.
Und das, gerade das will die Seele: Form werden. Das ist ihre Erlösung, wie der Stimme Erlösung ist, zu tönen, Melodie zu werden.
Form und Ton gibst du mir, ihr!
Dimitris Bildnis nahm ich aus dem Rahmen. In einem Fach des Schreibtisches hatte ich es liegen, das Bild im Rahmen. Ich wollte ein anderes Bild, ein Frauenporträt in den Rahmen geben. Aber wie es darin war, schien es mir ganz trüb und befleckt. Ich putzte und hauchte. Aber es half nichts, das Glas blieb fleckig, trüb.
Du kamst dazu, als ich es eben putzte. Dimitris Bild lag daneben auf dem Tisch.
Du kamst dazu.
»Du weinst?«
»Ja, – es will nicht blank werden, das – das Glas.«
Und du hast mir geholfen, – hast den Rahmen angehaucht und das Glas geputzt.
»Er – hat es – getrübt«, sagte ich.
»Ach nein, – dafür mußt du ihn nicht verantwortlich machen«, sagtest du mit deiner lieben, deutschen Ernsthaftigkeit.
Und dann putzten wir und hauchten wir – zusammen.
Du hast mir ja noch ganz anderes getan: Du hast mir ja die Tränen von den Augen geküßt, die ich um Dimitri geweint.
Als ich dieses Glas putzte am Rahmen und dieses Bild herausnahm, – da hatte ich etwas wie Furcht. Hatte er immer Furcht vor mir, jetzt habe ich sie vor ihm. Dieses schmerzdurchwühlte Gesicht, ich kann es nicht ertragen, es benimmt mir den Atem und erregt mir Beklommenheit.
Das ist ja ein Gedicht?
Ich möchte gerne wissen, wann es so begonnen hat zwischen uns. Den Tag möchte ich wissen. Und kann ihn nicht herausbekommen. So wenig wie jenen, an dem ich begonnen habe mit diesen Blättern.
Wann begann es doch eigentlich? Dieses mit den Blättern und – jenes andere? Geheimnisvoll verbunden beides.
Aber ich kann es nicht herausbekommen. Wie man den Augenblick nicht feststellen kann, in dem ein Schiff in See sticht. Man spürt die Stöße der Maschine, man hört, wie die Schraube sich wühlend in die Tiefe bohrt, schäumend und brausend wallt es auf ringsum, – liegt man noch, fährt man schon?
Plötzlich ist man draußen auf See.
Was ist es, das uns so verbindet?
Sind wir denn so »gleich«? Nein. Oder so verschieden? Noch viel weniger. So wenig gleich und so wenig verschieden wie – Verse, die sich reimen.
Wie lauteten doch jene klugen Definitionen vom Wesen der Lyrik, die jener Künstler und Kenner gab? Wie sollen sich doch die Verse zueinander finden? »Frei und doch notwendig.« Und wie ist's mit uns? Ich glaube, ich glaube ganz wie in der echten Lyrik: »Ohne Umstellungen, Inversionen, Gewalttaten, Kompromisse. Es fließt dahin wie edle Prosa und doch nicht Prosa«, ganz wie in der echten Lyrik. Und der Gedanke, der Gedanke in dem Gedicht »Wir« ist auch nicht schlecht! »Die Harmonie der Form strömt aus der des Inhaltes, es bimmelt nicht nur, es hat auch Sinn, hat tiefen, klaren Sinn und bimmelt doch, leicht, lieblich und – geheimnisvoll!«
Stimmt! Stimmt alles!
Damals als ich mit Dimitri war und stimmlos wurde an ihm, hatte jener Künstler mir gesagt: »In diesem Katarakt ist Ihre Stimme untergegangen.«
Ja, sie war in einen Katarakt geraten.
Aber gibt es nicht Bäche, Quellen, Ströme, die so einen Katarakt durchfließen? Für verloren gehalten werden, so lange sie da drinnen sind, – bis sie dann plötzlich heraustreten aus dem Getöse und ihres Weges ziehen. Solche Gewässer, die ihre Form bewahren, auch wenn sie in andere Gewässer geraten, ihre Aggregate zusammenhalten, wie der Golfstrom, der ja bekanntlich so stark, so breit, so heiß wie er in seinem Flußbett dahinzieht, auch andere Gewässer durchfließt.
Diese Blätter lassen mich nicht! Von früh sieben Uhr, wenn ich die Augen aufschlage, bis Mitternacht und oft noch länger bin ich mit ihnen. Ich gehe nirgends hin, ich kann nicht fort von den Blättern. Ich denke, denke, auch da ich nicht denken will. Die Stimmen überfallen mich. Und ich halte krampfhaft zurück, was wie ein Strom aus der Feder stürzen will, ich halte sie zurück, diese verschiedenen Gewässer, bis zu dem Augenblick, wo sie münden dürfen, jedes einzelne dort, wo es soll.
Schaffen – Kraftfrage? Ja. Aber mehr noch als die Frage einer Kraft des Schöpfens, die des Eindämmenkönnens, und doch nicht Verströmen = Versickernlassens dessen, was tausendquellig zutage bricht!
Seltsam, seltsam geht es mir mit diesen Blättern!
Du sagst mir oft, ich sei schön. Es erscheint dir so, Lieber! Denn was ist denn schön an mir. Es kommt nur manchmal etwas wie ein Licht, daß alles das, was da ist, schön scheinen läßt. Auch Dimitri kannte dieses Licht – anfangs. Er sagte dann: Lux in dentibus, Lux in oculi, Lux in Maja. Das ist meine ganze Schönheit, diese Lux. Und daß du mich immer schön findest, kommt eben daher, daß dieses »Licht« nun dauert; von einer großen, stillen Flamme kommt es, die du entzündest hast und sie speisest, priesterlich, mit kostbaren Stoffen, daß sie Tag und Nacht brennt und nimmer erlöschen kann.
Darum siehst du die Lux in Maja, und Maja ist – schön.
Und wäre ich hundert Jahre in dieser deiner geliebten Gegenwart, – die Lux verhuschte mir nicht!
»Vierzehnjährig«, pflegte Dimitri zu sagen, wenn ich meine »guten Momente« hatte. Aber er vergaß, vergaß sofort, daß er sich eben noch entzündet hatte an jener Lux, vergaß es vollständig, wenn sie unter seinen wilden Worten verschwand, verhuschte.
Er vergaß. Gedächtnis, Treue und Ethik, ein Zusammenhang, den Weininger in einer jener Partien seines Buches, aus denen es quillt wie Licht aus dunkeln Höhlen, scharfsinnig dargetan hat.
Und ich wurde älter und älter an ihm, – uralt in rasendem Tempo, in dieser wilden, allzu wilden Gemeinschaft. Und als er mich damals, an jenem letzten Tag, vor den Spiegel schleppte: »Ist das die Frau, die ich vor drei Monaten (o mein Elba!) kennen lernte, warum läßt du dich denn zerstören, du?«, da, da war ich hundertjährig geworden.
Jetzt? »In seiner Liebe leucht' ich und lach' ich nun auf!«
Als er, Dimitri, mich das letztemal sah, da war ich ein grauer Schatten, ein zerstörtes Weib. Mit meiner Stimme hatte ich meinen Körper verloren!
»Hundertjährig war sie! Und was sie doch grünt und blüht! Die reine Rose von Jericho!«
»Bin aber auch schön in warmes Wasser gelegt worden! Da streckt und dehnt sie die zusammengerollten Blätter, die Rose von Jericho, bis sie wieder blühend und duftend auf dem Teller schwimmen.«
O Rose von Jericho! Und da warst du auch schon am Klavier, und wir sangen in Duo:
| »Wie riecht sie süß, – nach Zimmet und Zymmanen, |
| Die Rose, |
| Die Rose, |
| Die Rose von Jericho!« – – – |
Ein Spiel ist die Liebe. Ein Spiel um den Ernst. Wenn nur beide in fröhlicher Spielkraft bleiben! Sonderbare Figuren entstehen, Konstellationen sind plötzlich da, – man weiß nicht woher, wie Gestalten auftauchen im Dunkeln, im Dämmern, die sich bei Licht als gewöhnliche Gegenstände entpuppen. Nur Mut, nur näher hingesehen, nur unbeirrbar bleiben! Es wird heller werden! Es sind nur Spielgespenster, soferne ihr wollt.
Aber, so wie der Spuk beginnt, werden die meisten ungebärdig. Und furchtsam. Und werfen die Flinte ins Korn. Der Spieltrieb fehlt ihnen, dieser der Kunst so nahe verwandte.
Dimitri wußte Kränkungen einzuspritzen wie eine Seruminjektion. Mit einer feinen Nadel unter die Haut gezogen, die Nadel rasch heraus, und das Gift bleibt drinnen, geht ins Blut, wirkt, wirkt! Und wie eine solche Kränkungs-Seruminjektion gleich wirkte, auf der Stelle! Wirkte auf die Seele und auf das Aussehen.
Dann kam er, schaute mich an, schüttelte den Kopf und sagte: »Sonderbar, wie du dich verändert hast!«
Ich habe einmal irgendwo eine ganz eigenartige Definition von Glück gelesen: »Was ist Glück? – Einen langen Spaziergang in engen Lackstiefeletten gemacht zu haben und die dann auszuziehen.«
Oder: Drei Monate mit Dimitri in »Liebe« gelebt zu haben, – und dann nicht mehr mit ihm in »Liebe« zu leben.
Das ist Glück!
Dimitri, der Jüngling! Auch in seinem Körper. Nicht etwa der eines schwachen Mannes war es, – der eines Jünglings.
Jüngling auch in seinem Suchen, Stürmen und Irren.
Weißt du, diese Blätter da, – in denen bin ich drin. Mit ganzer Person, ganzer Stimme, mit meinem Lachen und Weinen. Und dieses letztere ist auch in dem Sinne zu verstehen, daß ich dieses Lachen und Weinen nicht nur hineingeschrieben habe in diese Blätter, sondern auch wirklich hineingelacht und hineingeweint, während ich schrieb.
Bei »richtigen Schriftstellern« kommt so was wohl nicht vor, beim Schreiben, – wie?
»Heulsäckchen, Lachsäckchen«, sagst du ja immer. Und »komm, komm an meine Brust! Schütte da alles aus! Alles, was vom Heulsäckchen, Lachsäckchen kommt, gehört hierher.«
Ja hier an dieser Brust: hier kann ich lachen, hier kann ich weinen. Hier kann ich alles hineinplaudern, hineinplätschern, hineinsingen. Hier kann ich alles klagen, fragen, sagen. Und hier kann ich – schweigen, schweigen und ruhen!
»Frowelin« nennst du mich immer. Weil ich dir nicht so erscheine wie eine Frau, so eine richtige, verheiratete, oder doch verheiratet gewesene »Ehefrau«, – eher wie ein Fräulein, »so ein kleines, unversehrbares Frovelin«. Früher schriebst du's: Frouvelin. Dann mit modernisierter Orthographie: Frowelin.
»Eine neue Änderung der Orthographie erscheint geboten«, sagtest du mir heute mit gründlichem Professorenernst.
»Nun?«
»Fro-welin, Froh-wellin! Froh-Welle, du, frohe Welle, Frohwelle, Frowelle!«
Und da kam es auch schon unter deinen Händen aus dem Klavier, – das Rheintöchterlied:
»Wigala weia, woge, du Welle –«
Und – »Frohwelle du, Frowelle du« wurde hineinparaphrasiert.
| »Herzeliebez Frouwelin |
| Kunt ich baz gedenk dîn«, |
so singt unser vieltrauter Vogelweid.
»Herzeliebez Frouwelîn – – – –«
Diese Blätter, diese Blätter! Ein halbes Dutzend gespitzter, gezückter Kohinore, die ich mir selbst schenkte (ich habe früher immer nur einen traurigen Bleistift besessen, und mein Ideal war, einmal welche in Hülle und Fülle zu haben), – sechs Kohinore schreibe ich täglich ein paarmal stumpf, bloß um meine wichtigsten »Einfälle« loszuwerden als Notizen. Diese Einfälle, sie fallen wahrhaftig in mich ein, über mich her, lassen mich nicht, jagen mich, bis ich sie – habe. Ich »denke und dichte« in einer halben Stunde mehr, als ich in drei Tagen niederschreiben kann.
Ja, wenn man nur schreiben müßte! Aber man muß ja auch denken! Ja, wenn man nur denken müßte! Aber man muß ja auch schreiben!
Seine Gedanken mit Jagdhundgeschwindigkeit apportieren und sie mit Jägertüchtigkeit erlegen und sie alle, alle zur Strecke bringen, gerade das ist hier die Frage.
Es ist schauderhaft. Wenn ich morgens, oft vor sechs Uhr schon, erwache (ich Langschläferin schlief sonst immer bis gegen elf Uhr vormittags so tief und fest, wie andere Leute angeblich vor Mitternacht) –, wenn »es« mich also schon mit dem frühesten Morgen weckt und mir den Schlaf aus den Augen scheucht, ist mein erster Griff nach dem Heft, das auf dem Tische neben meinem Bett liegt, und einem der immer gezückten Stifte. Und ich schreibe, schreibe im Bett, – eine Figur für die Meggendorfer. Fast täglich wird solch ein Heft vollgeschrieben, dann heißt's, ein neues nähen. Eine böse Sache, denn nähen war mir immer beschwerlich. Aber fertige Hefte kaufen? Das »tragt's nicht« bei einer – Sängerin, die ihre Stimme bisher nicht zum richtigen Klingen brachte.
Ich nähe also die Hefte selbst. Noch während ich nähe, schreibe ich schon in die halbgehefteten Bogen, – schreibe, während die Nadel am Faden baumelt!
Wäre ich eine – Schriftstellerin, man könnte von einer »produktiven Epoche« sprechen!
Dann würde ich aber sagen: so lange ihr nicht eine Schreibmaschine erfindet, die direkt mit den Gehirnganglien (so heißen doch die Tiere?) in Verbindung gebracht werden kann, während das Schreibpapier sich baldachinartig über dem »denkenden Haupte« wölbt, so daß, sowie »es« dadrinnen denkt, die Maschine das Gedachte auch schon aufs Papier tippt, – so lange ist die ganze Schreiberei eine Art Tortur.
Aber – eine wollüstige Pönitenz!
»Ich möchte Sie zu Pferde sehen«, sagte mir einmal Günther von Werfeld, einer meiner Freunde, ein junger Offizier. »Zu Pferde und auf der Jagd!«
»Warum?« fragte ich. »Sie meinen wohl, daß das Reitkleid mich kleiden müßte, weil es die kleine Figur streckt, und der Sitz zu Roß, weil er sie hebt?«
»Nicht an die Figur dachte ich. Ich dachte an Ihr Gesicht, zu Pferde, auf der Jagd, an dies Gesicht, wie es sein müßte, wenn Sie – jagen.«
Jagen, verfolgen, erlegen!
Ich hatte bisher nicht Gelegenheit, das wirklich auszuprobieren. Denn ich habe nicht Roß noch Jagd. Und nur die grünen Wälder meiner Phantasie.
Holla hopp! Vorwärts, hussa, hussa!
Hier ein paar Hasen, dort ein paar Enten, aufgescheucht wirbeln sie empor – Wildenten! –, und hier ein fliehendes Reh, vorwärts, hussa, hussa! Zur Strecke damit! Und da, was bricht da aus dem Gestrüpp? Ein Sechzehnender!
»Mädel, gehst du auf die Birsch, schieße nicht auf Hasen, aber kommt ein Edelhirsch –«, sang ich einst in der Operette.
Holla hopp! Ihm nach! Treibt mir nur alles zusammen – von allen Seiten, ihr Treiber, ihr Helfenden!
Und – was begegnet mir da? Ungetüme, die man in Europa längst ausgestorben glaubte, – Urochsen, Höhlenbären! Wie werde ich mit ihnen fertig? Soll ich sie erschießen oder erspießen? (Denn für alle Fälle habe ich auch eine Lanze mit.) Aber bei meinem bloßen jagdlichen Anblick tun sie, was die Sphinx tat, da sie den Ödipus erblickte: sie tötete sich selbst. Diese da? Ich jage auf sie zu, – holla, holla, nur Mut, blast mir das Jagdhorn dazu, halali, – ich bin in der Nähe, schon hören sie das Keuchen meines Rosses, die Lanze ist gezückt, – da trifft sie mein Blick! Und siehe: die Urochsen, die Höhlenbären, die man längst ausgestorben glaubte in Europa, – sie fallen hin vor meinem bloßen schrecklichen Anblick, sie strecken sich aus und sind dann wirklich »dod«, mausetot!
Ganz wie der selige Cuvier es seiner Zeit in seiner Katastrophaltheorie auseinandersetzte: