Eines Tages kam »die« Katastrophe, die alte Fauna wurde von ihr »hingerafft«, streckte sich aus und war »dod«. Bekam dann später, viel später, ein Kreuzel neben dem lateinischen Namen. Das bedeutet in der Zoologie: ausgestorben. Am Tage nach der »Katastrophe« war dann die Erde mit funkelnagelneuen Lebewesen frisch angefüllt.

Aber weiter, weiter, mein Roß! Holla! Hussa! Hussa! Vorwärts durch die grünen, die immergrünen Wälder!

»Ein Luftroß jagt
Im Laufe daher,
Auf der Wolke fährt es
Wetternd zum Fels!
Hussa, hussa!«

O Günther, könntest du mein Gesicht sehen: du wärest nicht enttäuscht!


Man sagt, wenn ein geborener Maler zur Welt käme, ohne Arme, er würde doch ein Maler. Wie? Womit? Seine Sache. Er würde sich sein Instrument schaffen und gälte es, den Pinsel an die Nase zu binden.

Und wenn ein Mensch zur Welt käme, in dem alles Musik ist, der in Rhythmen denkt, in Melodien fühlt, dem alles Erleben schon Takt und Tempo in sich trägt, der jenem unmittelbarsten Ausdrucksmittel der singenden Stimme, jenem, das dem Geheimnis am nächsten ist, – der Musik, – angehört, wie seiner wahrhaftigen Heimat, und der doch so zur Welt kam, daß er kein Musikinstrument meistern konnte?!

Dessen ungeschickte, nervöse Finger niemals ordentlich Klavierspielen erlernten, trotz – sagen wir – zwölfjähriger Lehrzeit?

Der nicht fünf Takte zu singen vermag, ohne daß ihm »mit einem Finger« zumindest, die Melodie zur Begleitung mitgespielt wird?

Und der doch schier birst vor Musik in sich?

Was würde er beginnen? Wie sich helfen? Wie? Womit?

Er würde sich das Instrument, das ihm zur Melodie verhilft, schaffen, und gälte es, mit der Nasenspitze in die Klaviatur zu tupfen, oder etwa gar mit der – Feder zu musizieren.


Ein Lied klingt in mir. Soll ich's halten, – soll ich's verklingen lassen?

Einen Rhythmus, der dir durch die Seele klingt, nicht festzuhalten, ihm nicht nachzugehen, – eine Todsünde. Etwas will geboren werden, und du achtest es nicht?

Empfang.
 
 Königliche Gäste kommen!
Den Weg gekehrt
Und das Haus geblankt,
Die Pfosten umrankt
Und den Störern gewehrt!
Königliche Gäste kommen,
Die Botschaft hab' ich vernommen,
Du Bote sei mir bedankt!
 
 Verlassen lag mir das Haus,
Von ihnen gemieden,
Von ihnen geschieden.
Freudlos wohnt' ich im Haus.
Schatten kamen und Schatten gingen
Zu dumpfen Gespensterfesten,
Doch nach den Gästen, den Königsgästen,
Sah ich das Herze mir aus.
 
 Königliche Gäste kommen!
Die Botschaft hab' ich vernommen,
Dem Boten will ich es danken.
Um die Pfosten soll es sich ranken,
Festlich stehe das Haus!
Denn sie kommen, die Gäste, die lange mich mieden,
Von denen die Störer mich frevelnd geschieden, –
Meine blühenden, jungen Gedanken!

Du sagtest mir gestern, Johannes: »Es müßte einmal ein Dichter etwas schreiben, woraus man entnimmt, wie es in diesem Kessel aussieht, während er, – hier muß man es wohl anwenden, das verdächtige Wort, – schafft. Wie es in ihn hineinkam, in den Kessel oder den Dichter, wie es nun ist in ihm, wie es wird und wie es herausquillt – Tropfen für Tropfen.«

Das Schaffen selbst, – ersichtlich aus dem Geschaffenen?

Als Hauptprodukt des ganzen Treibens – das Treiben selbst? Und das eigentliche Produkt – nur Nebenprodukt?

Eine geheimnisvolle Doppelgeschichte!

Die Stimme beobachten, die Stimme selbst, – während sie quillt?

Ist es denn – möglich?

Das Lied und die »Stimme«?

Eine geheimnisvolle Doppelgeschichte ...


Und jener Spruch von Goethe? »Die Frage: woher hat's der Dichter? geht auch nur aufs Was, vom Wie erfährt dabei niemand etwas.«

Er, Goethe, kann doch nicht eine Theorie des künstlerischen Schaffens gemeint haben. Die kann jeder fertigbringen, der den Mechanismus zerlegt und das Spielwerk darin untersucht.

Nicht dieses kann der Goethesche Spruch vermeinen und vermissen. Geheimnisvolleres: im Gesange selbst soll es sich offenbaren.

Das Schaffen selbst – ersichtlich aus dem Geschaffenen?

Als Hauptprodukt des ganzen Treibens – das Treiben selbst?

Das Lied und die »Stimme«?

War es denn noch nie?

Das wäre – das Buch der Inspiration.

Wäre es denn möglich? ...


Bei jeder Intimität, die ich bisher mit Menschen hatte, war mir, als stieße nur eine Seite meines Wesens, irgendeine schmale Kante, nachbarlich an sie. Der Rest blieb frei. Aber hier, hier bei dir, da bin ich ganz und gar hineingeschwommen in dich, wie so ein Fischlein in einen tiefen See. Da kann es herumplätschern wie es mag, die gewagtesten Voltigen aufführen, das Gewässer nach allen Seiten durchkreuzen, ohne doch auf irgendwelche Klippen zu stoßen, an die es wild angeworfen werden könnte. Und wenn es hinunterspäht, neugierig, in die blaue Tiefe, wie solche kecke Fischlein schon sind, da sieht es den Grund des Gewässers heraufleuchten, – wunderbar licht, wunderbar friedlich, wunderbar ruhend.

Es belästigt dich doch nicht, das Fischlein? Ach, ich weiß ja! Der See mag ja das Fischlein so gern!


Ich kann nichts von dem, was mir im Kopf herumspukt, vor dir bei mir behalten, nicht einmal, was ich von gestern auf heute in diese Blätter schreibe, – wenn du sie auch nicht zu sehen bekommst, bevor sie fertig sind. (Fertig? Wie? Wann? – Ach!)

Ich muß mir gewissermaßen immer eine Bestätigung holen, mir alles saldieren lassen von dir. So plauderte ich dir vor, daß ich in diesen unsterblichen Blättern von dir »ausgesagt« hätte, du seiest ein See und ich das, was darin plätschert.

Und du sagtest ganz nachdenklich: »Weißt du, kleine Maja, es gibt verschiedene Fische. Solche, die sich lustig und flink an der Oberfläche der Gewässer tummeln und manchmal sogar darüber hinaus einen Satz in die Luft machen. Andere wieder, die sich hinunterwälzen, in gewundenen, spiralartigen Bewegungen, in die Tiefe: aber langsam und in lauter breiten Umwegen, in lauter Serpentinen. Und dann gibt's noch andere Fischlein,« – und du sahst mich so lieb und so froh an, – »die pflegen blitzesgeschwind direkt auf den Grund der Dinge, – der Gewässer will ich sagen, – hinunterzuschnellen.«

Und du sahst mich wieder an, wie – nun, »wie ein edler Papa sein vergöttertes Baby« (nach Peter Altenberg das Merkmal echter Liebespaare), und lachtest, dein gutes, gutes Lachen! »O du schnelles, schnellendes Fischlein!« Sehr viel Vatergefühl oder umgekehrt: sehr viel Mütterlichkeit soll in jeder echten Liebe sein.

Und dann gab's natürlich viele, viele Küsse, mit denen alle unsere Diskussionen schön mosaikartig durchsprenkelt sind.


»Des discussions entre des amants produisent toujours des effets funestes.« Ich halte dieses erkenntnistheoretische Wort Yussuffs – Friede sei mit ihm! – an unsere: Diskussionen.


Unsere Zusammenkünfte sind lauter Picknicks. Jeder bringt was mit. Du besorgst die Weisheit, ich gebe meine Stimme dazu und Musik wir beide!


Picknicks sind auch unsere wahrhaft ambrosischen Mahlzeiten. Ich meine die wirklichen, diese lieben, lieben kleinen Soupers in meinem Zimmer. Ich entwickle Hausfrauenehrgeiz, du bringst »etwas fürs Leckermäulchen«. Das hast du schon glücklich herausbekommen, diese Achillesferse. Und dann, – ach, es ist so einzig! Wie du mich fütterst und wie du mir zusiehst, wenn ich esse! Es ist alles so voll Güte und Liebe und herzensfroh dabei.


Erscheinst du im Türrahmen, so gibt's mir immer »an Rucker« (ein wienerisches Wort, das du zum Glück nicht verstehst, – sonst würdest du sagen: du Racker!). Unter den männlichen Typen, denen ich in dieser degenerierten Welt begegnet bin, waren einige nicht üble Exemplare. Rudi, mein erster Mann, war ein hübscher Mensch, mehr läßt sich von ihm nicht sagen. Yussuff hatte seinen adligen Gang. Er schritt dahin, wie ein morgenländischer König. Sollte ich ihn recht deutlich machen, so möchte ich mich auf das Bild von Kainz als König Kandaules in »Gyges und sein Ring« berufen. Ihm glich er. Es mag auch bei dieser für mich so frappierenden Ähnlichkeit mit dieser Kainzschen Maske viel an der Barttracht gelegen sein. Gewiß ist, daß Kainz in dieser Maske des Kandaules den Typus des orientalischen Fürsten, intuitiv wahrscheinlich, vollendet getroffen hat. Dimitri, – er hatte den Körper eines Hinduknaben, die Mähne Beethovens, Augen eines Dämons. Aber eine Stirn, ach, eine furchtbare Stirn! Schreckhaft war auch der Mund, so prachtvoll auch das Gebiß daraus strahlte, wohl nur weil ich es so empfand.

Du – bist anders als sie alle: einwandfreier.

Mehr sage ich aber nicht! Wozu auch? Dich schildern? Fällt mir gar nicht ein. (Oder, wie man hier sagt, – ich denke gar nicht daran.) Die andern habe ich »geschildert«, weil ich sie dir zeigen wollte. Dich – will ich niemandem zeigen. Bleibe du mir nur hübsch in der Tarnkappe, mein lieber »Held«! Vielleicht habe ich dich nur in der Phantasie erzeugt, oder du warst einst für eine kurz bemessene Frist – mein Gast.


Ein mysteriöses Märchen ist es. Märchenhafter, mysteriöser als Märchen sind. Die Märchen haben immer mich geliebt. Aber ich wußte immer, wenn ich im Märchen stand, daß es nicht wirklich sei, nicht das wirkliche Feenland, nach dem ich ausgezogen war. Und daß ich vorsichtig sein müsse, – sehr vorsichtig, um mich nicht, aufwachend, im wilden Wald zu finden. Ach, und ich wachte immer auf, und immer so, wie ich es gefürchtet hatte.

Dies aber ist, ist. Ich zupfe mich an der Nase, ich schüttele und rüttele mich, – und wache nicht auf! Es ist, ist.


Was immer ich darüber sage, dem holden Wunder dieses Dinges kann ich mit dem Verstand nicht beikommen. Und was immer ich schreibe, – in diese Blätter, – das, was wir zusammen erleben, ist noch viel, viel wunderbarer. Es ist, nun es ist einfach so, daß ich mich, wenn ich allein bin und der Gedanke daran mich überfällt, aufs Sofa werfen muß und den Kopf in die Polster vergrabe.

Das »Wunderbare«, es kann sich offenbaren, nicht sich deuten lassen.

Nur niederstürzen – beten, beten!


Mir ist, als hätten mich früher fremde, dämonische Mächte in Händen gehabt und mir die Stimme in der Kehle – und in der Seele – erwürgt und erstickt. Was war es denn? Dunkel, dunkel liegt es hinter mir. Und kam doch – aus mir?

Dämonen.
 
 Was war es denn,
Daß mich mir selbst so ganz und gar entrückt?
Es brach aus mir heraus und stieß an mich zurück,
Daß ich in tausend Trümmer wollt zerschellen.
Schon hört' ich's schrill mir in die Seele gellen,
Schon kam es näher mit dem Eisesblick
Und drängte sich heran in dunkeln Wellen.
 
 So blickt der Tod.
Das ist die ewige Öde,
Die mich mir selber will begraben.
So bin ich dem verfallen, der nichts mehr läßt,
Du in mir, du, du Gott, o halt mich fest!
Wer sind sie, die mich da in gnadenlosen Händen haben,
Die mich mir selbst erpreßt?!
 
 Was war es denn?
Es flieht, es scheut das Licht!
Die Seele glüht in Scham und wächst aus dunkeln Nöten
Dem Tage zu.
Was war es denn?
O frage nicht, – Vermessenheit des lauten Wortes.
Nur niederstürzen: beten, beten!

 

Du sagst: »Das, was mir dieses Einzige mit dir von allen anderen früheren Schicksalen mit Frauen unterscheidet«, – du hast ja gleich mir Schicksale hinter dir –, »ist diese vollendete Zweifellosigkeit. Gegen dich gibt es keine Stimme, auch nicht die leiseste Flüsterstimme eines Zweifels in mir: sie war nie da, ist nicht da und wird nie da sein. Alles ist Gewißheit.«

O diese deine Worte! Und dennoch: gemeinsame Bahn zu gehen, für Zeit und Ewigkeit – Freund, wir wissen nicht, ob es beschlossen ist – aber bewahren wir uns: unsterbliche Güte!


Eigentlich hätte dieses Buch für dich schließen sollen, in dem Augenblick, »wo Chronik und Gegenwart sich berühren«. Bis dahin, sagtest du ja, solle ich es dir führen. Meine Reise wolltest du sehen, deutlich sehen, ach, meine Festlandsreise!

Aber: wir sind dann abgestoßen zusammen. Und: wir sind jetzt auf hoher See. Wer kann da sagen: Halt! Es fährt, nicht ich und du.

Wir, wir stehen beide auf der Brücke, fassen uns an den bebenden Händen und blicken hinaus, mit den seligen, treugläubigen Blicken, die nur die Märtyrer haben und die – Entdecker.

Halten werde ich, bis das Land, das ganze Eiland vor uns liegt, das wir beide dort drüben wissen, weil wir mit dem Glauben daran geboren wurden. Halten werde ich, bis wir anlegen an jener Küste, die wir schon ahnten, da nichts sie uns bestätigte, da wir schier unüberklimmbare Gebirge um uns fühlten, da es sich türmte mit hundertfachen Wällen und wir uns rettungslos eingeschlossen glaubten, tief, tief drinnen im Binnenland.


Ich schaudere beinahe, wie diese Blätter sich häufen, sich aufstapeln. Wie wieder eins und wieder eins, über das diese meine geheimnisvoll geschobene Hand dahinfuhr und es füllte mit Zeichen, Zeichen, zu Boden gleitet, und wie wieder ein neues weißes Blatt vor mir liegt, sich wieder füllend mit diesen seltsamen Zeichen, gespensterhaft, mir selbst unheimlich, und dahingleitet zu den anderen, hinab, mir zu Füßen, – weil die Blätter zu fassen und wegzulegen keine Zeit ist! Und wie sie da rascheln, wenn der Fuß sie berührt! Ich lasse sie gleiten, ich lasse sie stürzen, ich lasse sie rascheln. Und sie wachsen, wachsen, sie türmen sich, sie häufen sich, – ein Opferstoß!

Wer ist in mir, wer ist in mir, daß es also über mich kommt, zu – opfern?

»Nur ein ekstatischer Zustand ermöglicht ihm die Melodie.« – – –

An ein Wort Lenaus muß ich denken, aus jenen seinen geliebten Briefen an Sophie: »Genie, wer hat es? Kann es das Weib haben? Törichte Frage. Mann und Weib haben es zusammen.«


»Freude,« sagtest du, »hohe Freude kommt mir von dir! Jeder Blick auf dich, Freude. Die Worte von deinen geliebten Lippen, Freude. Jede Berührung mit diesem deinem Körper und dieser deiner Seele, eine einzige Freude. Ich habe keinen Augenblick noch neben dir verlebt, ohne diese Freude in mir zu fühlen.«

»Also eine Art Freuden-Frowelin?« sagte ich.

»Pfui doch!« und du klopftest mich böse.

»Nein du, du brauchst nicht böse zu sein,« sagte ich, da ich meine Schläge weg hatte, »es ist was dran: ich hatte immer das Gefühl, daß, wie soll ich sagen, hinter diesem häßlichen Schandwort ›Freudenmädchen‹ ein wunderbarer, transzendenter Gedanke verborgen sei: das Weib als einziger Freudenborn des Mannes, aus dem er sich Ekstase antrinkt, um seiner ihm aufgetragenen Melodie mächtig zu werden.«

»Und das Weib? Ist ihm keine Melodie aufgetragen? Besonders wenn es mit einer Singvogelkehle zur Welt kam?«

»Freilich. Darum müssen sie einander gegenseitig die Freudespendenden sein, soll ein edles Konzert zustande kommen. Man müßte sie erziehen zur Freude.«

»Erziehen?« Du sahst mich an mit diesem deinem tiefen deutschen Blick. »Erziehen zur Freude? Nein, Maja, das kann man nicht. Der schöne, das ist der freudige Mensch, wird geboren. Glaube mir, Maja, hier liegt's. Aber daß er schön geboren werde und daß der also Geborene dauern könne, – das ist die Frage: die Frage der Gelehrten, der Künstler und der Gesetzgeber.«


Zarathustra spricht: »Woher kommen die höchsten Berge? so fragte ich einst. Da lernte ich, daß sie aus dem Meere kommen. Dies Zeugnis ist in ihr Gestein geschrieben und in die Wände ihrer Gipfel. Aus dem Tiefsten muß das Höchste zu seiner Höhe kommen!«

So aus dem Tiefsten zum Höchsten lieben die Eingeborenen der Liebe, die echten Grands Amoureux.


Mann und Weib – ungeheuere, unerschöpfliche Gütespender für einander! Einander »zugewiesen«, um ihr Pfund an einander zu verdoppeln, zu verhundertfachen, mit Wucher auszubeuten, unerschöpfbar sich auseinander zu speisen! Und um die gesuchte eigene Melodie einer aus dem andern klingen zu hören, während dieser Ernte, in all der holden Üppigkeit.

Nur wenn diese Ernte sich einstellt, wenn es wuchert, das Pfund, wenn es sich verdoppelt, verhundertfacht und wenn es fröhlich klingt dabei, – horch: Erntemotiv! – dann »stimmt's«.


Laune, Laune, Menschenlaune, Wundervollbringerin! Menschenlaune, die sich über Dinge ergießt, horcht ihnen ihre Geheimnisse ab.

Wenn sich Bekannte nach dem Fortgange meiner Gesangsstudien erkundigten, pflegte meine Mutter zu erwidern: »Ja, wenn sie bei Laune ist!«

Und ich dachte mir immer: Könnte ich sie nur einmal durchhalten, diese wunderbare, göttliche Laune, die irgend etwas, mir selbst Unbegreifliches über mich herabschüttelte und -rüttelte, wie das Bäumlein im Aschenputtelmärchen. Aber immer kamen die »Störer«, und aus war's mit dem Segen.

Dauerlaune! Dauerekstase! Ein voller Gesang, ein richtiges Menschenlied, in dem es lacht und weint, wie wir Menschlein eben tun, soll mir vom Baum fallen! Daß ihr mich nicht stört bei dem Hokuspokus!

Bin hingelaufen zum verwunschenen Bäumlein, ein trauriges Puttel bin ich zum Bäumlein der göttlichen Laune gelaufen und halte mich da versteckt vor euch, bis ich alles heruntergeholt habe.

»Bäumlein rüttle und schüttle dich,
Wirf Gold und Silber über mich!«

Und das traurige Puttel kommt als Prinzessin wieder, paßt nur auf, als ganz waschechte Prinzessin, – ihr werdet es gar nicht wiedererkennen.


Ich habe in meinem Leben viel über die »Menna« geweint. Ja, ja, wie ich sie hasse! »Die Menna muaß ma kenna, die Menna, die san schlecht, so sagt die Mahm und nacha schimpft's af die Menna recht!« Ja, ja, wie ich sie hasse. Aber fast noch mehr habe ich über sie, durch sie, »mit sie« – gelacht. Und das stimmte mich immer wieder – versöhnlich.

Überhaupt: was habe ich nicht gelacht in diesem Leben – über dieses Leben! Mich ausgeschüttet vor Lachen über diese Pantomime. Selbst wenn ich selbst darin am wildesten zappelte und tanzte. Ich stand immer noch, außerdem, irgendwie über oder neben der Szene, in der ich agierte. Neben der Szene, in den Kulissen des Theaters stand eine zweite Person, die der »Heldin« darin aufs Haar ähnlich sah, – und wollte sich ausschütten. Oft an den verhängnisvollsten »Peripethien« des Dramas wollte jene sich darüber erheitern – oder sich gelassen darein ergeben.

Mein starker, tapferer, unzerbrechlicher Wille war es, der mich aus Schutt und Flammen immer wieder herausrettete. Mein Wille zu mir. Mir selbst unbewußt – als Wille! Sich kündend wie eine gewaltige, starke, schiebende Hand. Ein Wollenmüssen war es mehr, denn ein Wollenwollen. Ihm, diesem Willen zu mir, danke ich – mich. Er auch führte mich weiter, ja über mich selbst hinaus, ein gut Stück.

Dank dir, mein Wille! Mein strahlender, diamantharter, strenger, schöner Wille!


Mein Wille zu mir. Er hat nichts gemein, dieser mein Wille zu mir, mit jener Ichsucht, die den von ihr Befallenen in sich hinein bannt, ihn vom Objekte trennt. Jener Wille ist, so denke ich, der Wille zur Bewußtheit. Zur Deutlichkeit! Deutlichkeit meines Selbst, in allen seinen Elementen, ist sein Ziel. Selbstbewußtsein also, Selbstgefühl, wenn man will. Der Wille ist es, meiner wahren Gestalt auf die Spur zu kommen und diese meine Gestalt nicht zu verlieren an der Welt! Selbstgefühl, wenn man will. Ja, man heiße es meinetwegen Egoismus. Ich behaupte: nur Egoisten (in diesem Sinne), nur Menschen von dieser Art Selbstgefühl können lieben. Denn Liebe bedeutet Hingabe. Aber nur wer ein deutliches, bewußtes Selbst hat, vermag es hinzugeben. Nur der vermag auch abzuschätzen, was er empfängt. Die Lauen, die Dämmrigen, – man hänge ihnen einen Purpurmantel um die Schultern und sie werden nur bemerken, daß da etwas ist, was wärmt. Sie werden sich behaglich einrichten – im Purpurmantel! Und sie werden von Liebe zu sprechen wagen, wenn sie ein bißchen Gekribbel empfinden in den dicken Nervensträngen, ein bißchen Rührung vielleicht in der Kehle oder ein bißchen Erhitzung im lauen Blut. Verhaßt sind mir die Laublütigen, die Purpurmäntel benutzen, wie Schafpelze, die von Liebe sprechen, wenn's behaglich wird, von Hingabe, wenn sie Liebe über sich – ergehen lassen.

Nur die Egoisten, in diesem meinem Sinne, sind fähig, um der Liebe willen sich hinzugeben.


»Johannes, – wenn du mich enttäuschest, singe ich keinen Ton mehr«, sagte ich gestern.

»So.«

»Johannes, – ich habe Beweise, daß du mich nicht liebst.«

»Ei was! Wie hast du denn das so schnell gemerkt?«

»Das kam so. Ich schaute gestern nach dir aus, von meinem Balkon, gegen Westen, wo du ja wohnst, du feiner Herr. Es war gegen Mitternacht.«

»Da hast du mich doch wohl nicht erwartet, Maja, Maja!«

»Das nicht. Aber dein Antlitz hätte ich in der – Luft finden müssen, wenn du mich wahrhaft liebtest!«

»Ei, das ist wahr! Ich sehe, ich bin erkannt. Aber behalte mich trotzdem noch ein Weilchen, ja?«

»Johannes – ich hab' da was.«

»Was denn? – Der Tausend! Laß sehn! Ein Gedicht? ein Gedicht! Ja wahrhaftig – ein Gedicht – ein Lied. – – –

Du liebst mich nicht,
Da solang mir fernzubleiben dir gelingt.
Du liebst mich nicht!
Du liebst mich nicht,
Da meiner Sehnsucht stummes Rufen
Nicht bis zu dir in jeder Stunde dringt!
Du liebst mich nicht!
 
 Du liebst mich nicht,
Da meinem Blick du nicht begegnet,
Wenn über Meilen er zu dir gesandt,
Du liebst mich nicht,
Da ich mein Antlitz hin nach West gewandt
Und in der Luft das deine nicht erkannt!
Du liebst mich nicht!
 
 Du liebst –
Was hör' ich an der Tür,
Wer pocht, als wollt' er sprengen,
Was ihm verstellt den Weg zu mir?
Weit fliegt sie auf, da stehst du, bleich und rot.
Du liebst mich nicht! sprach's dieser Mund, der sich dem deinen,
Du liebst mich nicht? – auf Tod und Leben bot!

»Du – wo hast du diesen Ton her, diesen einfältigen Ton?«

Ja, das weiß Gott allein!

Und dann, – dann setzest du dich ans Klavier. Ein paar Griffe, ein weniges, kurzes Tasten und Suchen, – und eine Melodie war da. Kindische Jubelrufe stiegen aus dem Klavier auf. Und ich, – ich sang ganz keck in die werdende Komposition hinein und schmetterte es aus dem offenen Fenster über alle Dächer: »Du liebst mich nicht – du liebst mich nicht!«

Als wir einander dann in die Arme fielen, sagtest du in dieser deiner ernsthaften und doch lachenden Art, die ich vergöttere: »Dieses unser Lied ›Du liebst mich nicht‹ wird ein Volkslied werden, kleine Maja!«


Was mir so lieb ist an dir, ist – ist auch, denn was ist mir nicht lieb an dir? – daß dir die ironische Note so vollkommen fehlt. Du lieber, ernsthafter Deutscher. Ernst bist du, durchaus. Alles ist ernst an dir. Aber nicht bitterer, – süßer Ernst! Sonnig ernsthaft bist du. Ironie und alles, was ihres Wesens ist, – Hohn, Witz, – ist dir fern. Und das ist gut für mich. Denn es macht mich mir deutlich. Und hast doch ein so gutes Lachen: Humor.

Dimitri hatte so gar keinen Humor. Humor ist gute Sonne, die wohlwill, da sie lacht. Dimitri hatte keinen Humor. Sarkasmus hatte er. Und er konnte »ausgelassen« sein. Von tobender »Lustigkeit«. Er verschonte dann niemanden mit dieser Stimmung, in welchen Kreis immer er auch geraten mochte, und verlangte, man solle »mitvibrieren«. Diese – Lustigkeit ergoß sich in einer Flut von »Späßen«, die wie Distelköpfe auf die Leute geschleudert wurden. Aber anstatt »mitzuvibrieren«, wurden die Leute immer einsilbiger, eisiger, ablehnender. Bis Dimitri das plötzlich bemerkte und seine Lustigkeit mit einem Ruck stoppte.

Ich muß an ein Wort denken, das ein Freund Dimitris, ein Knabe von achtzehn Jahren, ein Jüngelchen von dürftigem Körper, aber mit den Augen Wolfgang Goethes, – auch ein Ernsthafter, aber ein ernsthafter Jude, – gesagt hat: »Nicht über die Unordnung lachen, der Ordnung zulachen!«

Ja, der Ordnung lachst du zu, Johannes!

 

Wenn ich manchmal mit Gott Zwiesprach hielt und ihm meine Wünsche vortrug (was vorzukommen pflegt!), so bat ich früher immer hübsch detailliert. Ich wünschte mir das und das und das. Gott, – ich will een Ding haben, – wat forn Ding, min Herzenskind, – Ding, Ding, Ding. Wilscht vielleicht een Püppche ha'n, nee, Gott, – nee – – –

Dann kam eine Zeit, da wußte ich nichts zu bitten. Da wußte ich nur zu blicken. Und der Blick bat Gott, seinerseits einen Blick in mich zu tun und mich zu durchblicken. Ich hatte auch Angst schließlich vor dem Wünschen. Wünsche pflegen in Erfüllung zu gehen! Das eben ist ja die Wirkung des Gebets: das Gebet ist der Wille, der sich sammelt und zusammenrafft. Drum Vorsicht mit dem Wünschen. Denk an die Frau, die sich mit ihren begierlichen Wünschen die Wurst an die Nase wünschte, du Wunschmaid, Maja Hertz!

Ach, was hat man zu tun, sich so eine Wurst wieder von der Nase zu wünschen! Die Normalnase wird dann für eine Zeit zum wahren Idol.

Schließlich bekam ich heraus, was zu wünschen sei: frohe Gefühle. Oder sagen wir, gute Gefühle. Meine Gebetformel lautete dann: lieber Gott, gib mir gute Gefühle und womöglich Grund dazu. Läßt sich aber der Grund gar zu schwer aufbringen, dann laß ihn meinetwegen fort! (Ich ließ mit mir handeln in diesem Punkt.) Nur die Gefühle sollen da sein! Besser die frohen Gefühle ohne besondern Grund als haufenweise Grund, glücklich zu sein, und stumpfe Bewußtlosigkeit für sein Glück. Gefühle sind alles! Gottes Segen sind gute Gefühle. Hätte ich jemanden zu segnen, ich würde ihm sagen, Gott gebe dir alles Gute und das Bewußtsein hierfür. Fluch: Gott gebe dir alles Böse und das Bewußtsein hierfür. Das Bewußtsein macht erst Glück und Unglück. Und aus dem Gefühle kommt es! Aus dem Herzen speist sich der Gedanke, aus dem Herzen die Stimmung, Stimme. »Seele ist Stimmung«, klang es um Sokrates an seinem Sterbetag. Aus dem Herzen kommt sie, und im Blute reist sie von da zum Gehirn, bevor sie als Überschuß an Lebenskraft schmetternd der Kehle entströmt.

Gute Gefühle.


Ich bin ein froher Vogel von Natur. Du weißt, Johannes, wie ich bade im Glück, wie die Vögel im Äther. Und wie ich dankbar und andächtig das Lied hinausschmettere aus der übervollen Seele. Aber selbst der gelassene Sokrates räumt ein, daß kein Vogel singen kann, wenn ihn hungert oder friert, oder ihm sonst etwas fehlt. Nicht die jubilierende Lerche, die doch sicher eine frohe Seele hat, nicht die Nachtigall, noch der Wiedehopf, von dem die Menschen lügen, er sänge aus Leid, während er, auch in Todesnähe, singt aus erhabenen, seligen Gefühlen, weil er, »wie alle, die dem Apollo angehören, wahrsagerisch« (!) Gutes ahnt.

Dunkle Fäuste aber hielten mich manchmal in meinem Leben umklammert. Und das war schlimm für einen Vogel wie mich.

Mich ihnen zu entwinden, verbrauchte ich alle meine Kraft, mühsam diese zerschmetterte, zerrissene Kraft sammelnd zu dem Werke der Rettung. Ein Überschuß blieb da nicht! Verbraucht wurde, was da war, zum bloßen Weiterfristen, zum Herausheben, Herauslösen aus dieser dunkeln, dräuenden Enge.

Verrat stieß mich in Verödung. Ich fror, fror entsetzlich. Rette dich, trotz dieser Erstarrung. Dann Not, die mir drohte, mich aus dem Wagen, in dem ich meinen Zielen zufuhr, immer wieder herauszuschleudern, daß ich unter die Räder käme. Gefangenschaft, Frost, Hunger, – die schlimmsten Dinge, die so ein Vogel mitmachen kann.

Von diesen Dingen allen ist mir etwas zurückgeblieben: Angstgefühle, die in einer Ecke des Herzens sitzen und herausschleichen, zu Zeiten, zu Zeiten. Das preßt und drückt und zieht und krampft zusammen. Das schleicht in die Adern. Das wandelt sich da in lauter Gift und jagt und erjagt die Seele und schlägt sie nieder und versenkt sie in Ohnmacht. Wie tot liegt sie dann da. Wie ohne Seele muß ich weiterschleichen, ein Stück Weges.

Sonderbare Krankheit das: an Gefühlen leiden. Ein »Angstherz« haben, wie andere ein Fettherz. Und wie andere sagen: »Ich bin bei Stimmung«, muß ich, in den glücklichen, gesegneten Zeiten, wo diese Angstgefühle nicht herausgetrieben werden von den Peitschen des Schicksals (nur dann regen sie sich), sagen: »Ich bin bei Seele.«

Gute Gefühle, Gott!


Das Schlimmste, das waren diese Frostgefühle. Wie es über mich kroch, kalt, kalt. Wie Schauer des Todes jagte es mir über den Rücken. Und drang ein, brennend, stechend, wie Eisnadeln im Schneesturm. Und Vereisung rings um mich her und fahle Öde. Und dann stieg es in mir auf, todeskalt, wie von den Füßen herauf, immer näher zum Herzen, nahe, nahe zum Herzen. Und das Herz – wie ein einziger brennender Punkt in dieser Vereisung, ein deutliches anderes, wie das Schwarze in der Scheibe, das auf die Kugel wartet.

Nur die Kugel, die Kugel da hinein, das war die Sehnsucht.

Eisige Verödung – jüngster Tag. Und das Schaurigste: Leben um mich herum und nur ich – wie ausgeschaltet aus der Kette des Lebens.

Ohne »Sinn« mein Sein. Ohne den Sinn, an den ich geglaubt hatte, als an das schiebende, logische Prinzip, das die Dinge in sich tragen und das sie zu ihrer »Bestimmung« schiebt.

Frost – Todesöde.


Verödung, Vereisung.

Nicht, daß man noch liebt, daß man nicht mehr liebt ist das Vereisende. Und wo ist der, den man liebte, wo, wo? Wo ist er denn hin? Hat ihn die Erde verschlungen? Denn der da, den man nicht liebt, eher haßt, verabscheut, ist denn das der, den man liebte? Wo ist er hin?

Und wo ist das, was ihm hingab all die warme Lebensfreude? Fort. Aus den Adern genommen und nichts kam dafür wieder. Leer, verblutet, verödet.

Alle Kraft, Lebenskraft aber kommt aus dieser flutenden Lebenswärme, die von Mensch zu Mensch strömt. Wird sie zu Unrecht vergeben und nichts kommt dafür wieder, dann nimmt sie die Kraft mit sich.

Ibsen hat die wandelnde Liebesleiche auf die Bretter gebracht, in »Wenn wir Toten erwachen«.

Vermessen wird an Schicksale gerührt. Und nicht aus Tücke, Schlechtigkeit werden Schicksale zerstört: aus Kraftlosigkeit geschieht es meistens. Sich kraftlos entgleiten lassen, was man eben noch begehrte, ist das typische Verbrechen der Heutigen. Und was da entgleitet, versickert, in Schutt und Sand zerrinnt, ist die Lebenskraft, die Lebensfreude, das Lebensblut eines andern.

In dieser Verödung, Verzweiflung war alles versiegt. Alle Kraft der Stimme. Alle Kraft kommt ja aus Lebenswärme. Ein Frierender ist kraftlos. Und ich mußte an den erfrorenen Vogel denken, von dem die Désiré im »Grafen von Charolais« erzählt: – »Das war etwas, das lebte, noch hätte leben können, unendlich Jubel in seiner Kehle barg und doch in Not und bitterem Frost verging.«

Wie Heimat fühle ich es nun um mich, Johannes. So ganz, als ginge ich meinen Weg, meinen wahrhaftigen, mir bestimmten Weg, ist mir's zumute. Meine bangen Fragen? Gelöst werden sie mir an die Lippen gedrückt. Gute, frische Höhenluft – und dabei Erde, Erde unter den Füßen, meine geliebte, braune, ernteschwangere Erde!


Heimatlich war's mir zuweilen auch bei den anderen, die ich lieb hatte. Dafür hatte ich sie ja lieb: für dies bißchen minutenlange Heimatsgefühl. Es kam, wenn ich mich von Verheißungen betäuben ließ. Mit wachen, klaren, frischen Augen kam es, neben jenen, nicht. Nur wenn ich mich einhüllen ließ von der Liebe, wie von Dämpfen, dann kam dieses Gefühl, und wie war ich jenen dann so gut dafür! Nahm es doch dieses Furchtbare von mir, das mich mein Lebenlang begleitet hat, dieses Gefühl der Verschollenheit, der Heimatlosigkeit und des verzehrenden Heimwehs. Ein Heimweh nach Herzensheimat! Wie eine Art seelischer Platzfurcht überfiel es mich oft. Dann kamen – jene, streichelten mich ein bißchen und vertrieben mir mit diesem Streicheln für kurze Minuten das Furchtbare, das Unerträgliche. Ans Ende der Welt wäre ich ihnen dafür gefolgt! Mein Seelenheil hätte ich verkauft für das bißchen – »weiches Gezottel«.

»Aber so warst du immer: immer kamst du vertraulich zu allem Furchtbaren. Jedes Ungetüm wolltest du noch streicheln. Ein Hauch warmen Atems, ein wenig weiches Gezottel an der Tatze –: und gleich warst du bereit, es zu lieben und zu locken.

Die Liebe ist die Gefahr des Einsamsten, die Liebe zu allem, wenn es nur lebt! Zum Lachen ist wahrlich meine Narrheit und meine Bescheidenheit in der Liebe! – Also sprach Zarathustra und lachte dabei zum andern Male.«*)

 *) Nietzsche.

 

Dein erster Kuß – ich weiß ihn. Wenn ich auch nicht weiß, – wie er so kam. Er erreichte mich. Er ward mir – angehaucht. Auf meine Lippen mir gehaucht. Ich glaube, es war, – ich glaube, wir saßen nebeneinander und sprachen. Sprachen wir nicht, als es geschah? Oder war da eine Pause? Oder kam die Pause erst nachher? Oder sprachen wir weiter? Ich weiß es nicht, Johannes, und möchte es so gern doch wissen. Ich weiß nur, er kam mir – angehaucht – auf meine Lippen. Und zweier Augen Licht sah ich in mich hineinfließen, wie einen goldenen Strom, von dem nie noch früher eine Welle mich traf. Nie noch!

Golden war, ja golden, was da in mich floß, und lange dauerte es an, der zitternde Hauch auf den Lippen, und das Goldene, das da in mich floß.

Was – war es doch, – Johannes?

Und du hältst mich in den Armen und fragst: »Was ist dir? Warum zitterst du so?« Und deine eigene Stimme ist schwer und mühsam, da sie so fragt. Und deine eigenen Arme, die mich umschlungen halten, ich fühle, – wie sie selbst – zittern. Du Ruhiger, – was bist du nicht ruhig?

Und ich, ich?

Was ist das mit mir?

Du, – deine Hand berührt die meine, dein Blick ruht auf meinen Fingerspitzen, und ich fange an zu zittern. Bis du erbleichend fragst: »Was ist dir?«

Was ist das, Johannes?

Was ist es?

Ist es das – Mysterium?

Wäre es – da?

Geoffenbart – das – Mysterium?

Was – was geschah doch – dort in den Tempeln – zu Eleusis?

Was war es doch?

Mir ist, als sollte ich mich – erinnern, was dort geschah, zu Eleusis ....


Ich dachte oft: Wird er dahin gehen, dahin sich wenden, auf dieser unserer Wanderung, – wohin ich es meine? Keinen Wink gab ich, nicht den Finger rührte ich. Und du, du gingst, gingst immer voraus, gingst lachend und ganz, ganz schwindelfrei! Und ich, ich folgte, ließ mich führen – meinen, meinen Weg!

Schwindelfrei!


Dimitris Schwanken zwischen »Heiligkeit« und »Übermenschentum« – es ist nur das typische Kampferlebnis des edleren Mannes. Nur freilich bei ihm zu dem geworden, was es gemäß seinem von Affekten durchwühltem Wesen werden mußte. Ein Ringender stand er an dem Scheideweg, an dem jeder Edle steht. Diesem Scheideweg des Herkules: Genuß oder Tugend. In früheren Zeiten hieß die Markierung: Schönheit oder Geist, Tugend. Heute wissen wir, daß die Schönheit als Fackel voranleuchtet dem Weg der Tugend, des Geistes, der einzig zum Glücke führt. Und daß jener andere Weg – Üppigkeit heißt, Ästhetentum, Verrat der Idee an die Materie. Aber nicht: Schönheit. Schönheit leuchtet zum Geist, der die Tugend ist; der Weg ist nicht minder bedrohlich und beschwerlich, als er damals war. Vielleicht noch schwieriger: gilt es doch, die Fackel nicht zu verlieren! Gilt es doch, nicht nur in die Dornen zu greifen, sondern die Rose zu erringen, die umdornte!

Du suchtest diesen Weg, wie Dimitri. In deiner Art du, in seiner er. Beide suchtet ihr ihn, ihr Verschiedenen. Die verschiedensten Gestalten gehen diesen Weg. »Heilige« von der Art jenes Nietzscheschen wunderlichen Heiligen, den er den »Erhabenen« nennt: »– o wie lachte meine Seele ob seiner Häßlichkeit .... Noch lernte er das Lachen nicht und die Schönheit. Finster kam dieser Jäger zurück aus dem Walde der Erkenntnis.«

Finsterlinge gehen ihn wie Lichthelden, solche, deren Haupt umschwirrt ist von dunkelm Flügelschlag und andere, um deren Kopf es leuchtet. Laute und Leise gehen ihn, vergrübelte Wanderer und fröhliche Ritter, Ritter der überpersönlichen Tat, die ihn überfliegen, wie jubilierende »eiserne Lerchen«.

Ein edles Suchen, das sie alle vereint auf demselben Weg, auf dem sie wandeln, jeder als ein anderer, jeder gemäß seiner selbst, jeder unter eigener Fahne.

Und doch ein Weg!

Auch – Frauen gehen mitunter diesen Weg. Auch sie stehen mitunter am Kreuzweg vor der Wahl.

Wahl? Wird man denn nicht geboren für den einen oder anderen Weg?

Wahl? Freiheit? Schicksal?

 

Verstört vermochte meine Seele niemals zu singen! Sie war dann nicht – Stimme.

Die mir die Seele, die Stimme verstörten, anima, die Zarte, die vom Herzen lebt, sie waren die wahren, furchtbaren Störer, die Verstörer, die Dämonen, vor denen ich zitterte mein Lebenlang!


In welcher Verödung habe ich doch gelebt. Ich, deren Herz die Freude und die Güte braucht, um nicht zu verenden, wie so ein Fisch im Sande.

Ihr, die ihr in Verödung lebt, – betet, betet zur Sonne! Und wendet den Kopf nur immer wieder fromm nach ihr. Bis sie euch gnädig mit ihren goldenen Feuernetzen erreicht hat, ihr armen Fische, und euch aus Sand und Schutt und Staub heraus- und in ihr Element hinüberzieht, indem ihr so leicht und frei werdet wie Seelen, die eine arme, schwere, schuppige Fischhaut losgeworden sind und frei, – frei und erlöst im Äther schweben.


Dunkle Zeiten habe ich in meinem Leben hinter mir. Verzweiflungen, aus denen ich mich zusammenklauben mußte, Stück für Stück. Das war, da sie, die Mächte, mir den Willen brechen wollten. Den Willen zu mir. Schwer rangen sie miteinander, er und jene. Nahe, nahe war er dem Untergang. Aber die Stimme, seine Stimme, rief ihn und trieb ihn und jagte ihn empor. Von ihr hing immer alles ab, das wußte ich! Entfloh sie mir, war er verloren und ich mit ihm und das Leben verwettet.

Ihr nach! Sie festhalten: das war die Aufgabe, das war die Frage.

O, wie ich meiner Seele nachjagte, da sie mich verlassen wollte! Wie ich sie, die flüchtige, die verzweifelte, immer noch gerade an einem Zipfelchen erwischte, wenn sie schon im Begriffe war, – sich aus mir zu stürzen. Halt!


Ich hatte heute nacht einen seltsamen Traum. Auf einer Bahre lag ein Leichnam, ein Frauenleichnam. Eine junge Selbstmörderin war es. Ich war es selber. In tiefer Not hatte ich ein Ende gemacht, hatte getan, wovor ich wachend immer zurückgebebt.

Aber, nicht doch, das war nicht ich. Eine andere war es. Wo hatte ich dieses Gesicht schon gesehen? Diesen langen, schmalen Fanatikerkopf? Eine Nacht tauchte auf, – ein Bild, – jetzt weiß ich es: jenes Mädchen ist es, das van Haer liebte. Sie ist seine Frau geworden, wie ich später erfuhr. Und sie hat ihr Leben selbst geendet, um seinetwillen, wie man sagte. Aus den Fenstern ihres Landhauses in Schottland ist sie in die See gesprungen.

Und wie ich mich über die Bahre beuge, verändern sich die Züge, es sind wieder die meinen. Ist sie es, bin ich es?

Die Tür fliegt auf, weit und geräuschlos. Und herein kommt, – nein wallt, – eine Schar schöner Mädchen. Unhörbar gleiten sie, schweben sie näher zur Bahre, auf der diese Fremde liegt, von eigener Hand getötet, und sie dennoch sieht, hört und erkennt: die Genien der Freude sind es. Glühende Gewänder tragen sie in bunten, strahlenden Farben. Aber ihre Gesichter, die holdseligen, sind weiß und todesernst.

Die Genien der Freude sind's, – die Seligkeiten, die ich nun mit dir erlebe, Johannes!

Und sie treten an die Bahre und singen mir – ihr – ein Lied.


Da ich erwachte, suchte ich Sinn und Rhythmus dieses Liedes wieder, das ich im Traum gehört.


Hast du zersprengt, was sich vollenden wollte,
War dies dein Sinn?
Daß ab vom Wege, jäh zerschmettert, rollte,
Was dich dir barg, zur Tiefe hin?
Zerschmettert den Becher, den übervollen,
Ach, du hättest nicht sollen, – ach, du hättest nicht sollen!
 
Trinken und warten und trinken
Und warten, von gestern zu heut,
Wie jenes zugrunde will sinken,
Wie dieses sich ewig erneut.
Ein »Morgen« hatte dir kommen wollen,
Ach, du hättest nicht sollen, – ach, du hättest nicht sollen!
 
Nun blieb von dem deinen, was immer geblieben,
Was aus den versenkten Särgen,
In jugendlich ewigem Grün getrieben,
Was die strandzerschmetterten Wellen bergen,
Wenn sie, eins mit dem Einen, neu wieder rollen,
Ach, du hättest nicht sollen, – ach, du hättest nicht sollen!

Was hinter mir liegt an Leid, Leiden und Leidenschaffendem, es genügte, um tausend andere tausend Tode sterben zu lassen. Aber, mir will scheinen, daß, wenn ein Einziger tausendfach leidet, er tausend andere – erlöse. Denn dieses tausendfache Leiden muß irgendwie aus ihm bluten. Und dieses Blut ist der wahre Balsam für die Leiden der tausend andern. Und wenn einer hohe Lust seliger erlebt, denn die andern, er beseligt sie mit dieser seiner Lust. Vertausendfachte Freude und vertausendfachtes Leiden einzelner – Erlösung, Messiastum.

Und wer sind diese Erlöser? Wie heißen sie, diese Opfer, die alle Tode sterben und alle Himmel bewahren, in ihrer einzigen Menschenbrust? Wie heißen sie, diese lebendigen Flammen? Nennt man sie nicht – Sänger, Dichter, diese Messiasherzen?

Wenn einer litt, wie der, der der größte aller Dichter war, der zu Golgatha am Kreuze verstarb, mußte es nicht balsamisch über die Welt tropfen, sein Blut?

Zuckende, strömende, tönende Herzen, – Dichterherzen, flammende Erlöserherzen!

 

Flaubert sagt: »Was für ein Künstler wäre man, wenn man nie etwas anderes als Schönes gesehen, Schönes gelesen, Schönes geliebt hätte!« (An anderer Stelle sagt er freilich wieder: »Begreift man, wieviel betrachteter Niedrigkeit es bedarf, damit sich die Größe der Seele bilde, alle die widerwärtigen Miasmen, die man verschlucken, den Gram, den man erleiden, die Qualen, die man ertragen mußte, bevor man eine gute Seite zu schreiben imstande war.« – Beides ist wahr.)

Seit ich mit dir bin, lebe ich in lauter Schönheit. Und, ich Frevlerin, immer hatte ich mir diesen Zustand als den natürlichen vorgestellt, und was anders war, Leid, Elend als Unnatur empfunden.

Unnatürlich ist, daß der Mensch schlecht lebt. Denn die Erde ist gut. Und reich. Die Sonne nicht erloschen. Sie wärmt, hellt und bebrütet. Läßt wachsen und reifen. Unnatürlich ist, daß Menschen schlecht leben. Als Schande wird es einmal empfunden werden, gleich Krankheit. Armut – Schande. Krankheit – Schande. Häßlichkeit – Schande.

Solange es nicht Privatschande ist, all dieses, ist es Gesellschaftsschande. Denn die Erde ist gut. Und reich. Und die Sonne glüht.

Nicht um da zu sein, erträgt man das Leben, sondern um schön da zu sein.


Ich habe gestern bis gegen Mitternacht in diesen Blättern geschrieben. Dann bin ich hinausgetreten auf den Balkon und habe, wie so oft schon, »mein Antlitz hin nach West gewandt«. Und da, da glaubte ich wirklich in der Luft das deine zu erkennen und deinem Blick in der Dunkelheit zu begegnen. Wunderbar strömte mir die Nachtluft entgegen und mir war's, als hörte ich aus ihr deine liebe, tiefe, innige Stimme ganz dicht an meinem Ohr flüstern, – jenen Gruß Lenaus an Sophie: »Gute Nacht, du Heißverlangte!«


April! Ich liebe diesen Monat. Und nicht nur um des Geruches von Geburtstagskuchen willen, der mir mit ihm verknüpft ist. Ich liebe ihn, weil er der Frühling ist. Im Mai ist's immer schon schwül und schwer in der Stadt. Hold und verheißend ist der April.


Aprilmorgen.
 
Ich sehe auf einen Friedhofsgarten
Von meinem Fenster herab.
Ich höre die Särge knarren
Und sehe, wie sie verscharren,
Worauf die Gruben warten.
Und doch: so friedlich wird mir's Gemüte, –
Der Friedhof steht in Blüte.
 
Im Ostermorgen zerfließen
Schwere Gewitterdünste,
Die der eilige Frühling hineingeweht
In den wunderzarten April.
Und Tränen den Friedhof gießen:
Daß er treu das Geliehene hüte!
Der Friedhof steht in Blüte.

Gestern war mein Geburtstag. Ein Bild kam mir, ein teures Bild: von der Mutter. Ja, das sind ihre Augen. Und mein Lachen und Weinen, – ich finde es in diesen Augen wieder! (Wenn sie ganz stillhält, und das tut sie ja nur auf dem Bild.) Wieviel müssen die geweint haben, diese Augen! Und wie blinken sie doch so lustig, so lieb, so unverwüstlich, trotz alledem. Seid gesegnet, liebe Augen!

Und dann, dann bekam ich einen Brief: deinen Brief!

Welch ein Brief! Welch ein Geburtstag.

Du kamst. Du brachtest mir ein Buch: »Also sprach Zarathustra«. Und meine Lieblingsblumen brachtest du mir, weiße Gardenien. Wo hattest du sie her, hierzulande?

Und ich erzählte dir, wo ich diese geliebte, wunderbare Blume das erstemal gesehen habe. In Genua war es. Da kam ich auf der Durchreise hin, als ich nach jener – azurenen Küste fuhr. Allein war ich. Und saß am Strand von Nervi. Im Schoß lagen mir die Gardenien. Und üppig und süß empfand ich damals, von ihrem Atem angeweht, meine Einsamkeit. Beinahe wie Glück war es, damals, eine kurze Stunde lang.

»Siehe,« sagte ich, – »ihre Blätter, der Gardenia weiße Blätter, sie beben, wie in Ekstase! Und sind doch so fest gewachsen im Kelch! Das ist das Wunderbarste an der Gardenia: du kannst sie rütteln und schütteln, soviel du willst, der Wind mag sie an ihrer weißen, samtenen Krone zausen, soviel er mag, sie entblättert nicht wie andere Blumen, wie die »stolze Rose«, Tulpe und wie sie alle heißen. Nicht eines ihrer sphärenhellen, frohen Blütenblätter entfällt ihr. Sie hält sie fest in ihrem wunderbaren Kelch. So, so müßte man sein: so unverwehbar!«

Und ich begann, sie zu einem Kranz zu flechten. Als er fertig war, setztest du mir ihn aufs Haar. Und Andacht war in deinem Blick bei dieser Handlung.

Und dann sahest du mich lange, lange an, und unsere Blicke flossen zusammen. Und endlich sagtest du, schweratmend flüsternd: »Was bist du schön! Wie blühst du mir jungfräulich, meine süße kleine Maja!«

Ich blieb still, mit erschüttertem Herzen. Aber in diesem meinem Herzen habe ich für dies Wort einen Altar errichtet, dir und mir.


Geheimnisvoll entringt, enthaucht sich mir, was ich mit dir erlebe. Alles wird Stimme. Der Blumen Stimme, ihr Gemüt, ihr Hauch, anima, – ihr Duft, – ihrer Seele Seele kann nicht leichter, nicht freier, nicht notwendiger ihrem Kelch entsteigen, als mir diese Stimme quillt. Und ich höre auch Stimmen, Stimmen, die ich nie vernommen, und die Seele meiner Seele, die Stimme selbst, nimmt sie auf und trägt sie in sich, bis sie ihr Eigen werden und dann meiner genesenen Brust entströmen.


Weiße Gardenia.
 
Weiße Gardenia:
Von allen Blumen du die Blume,
Ein frommes Lied klingt auf zu deinem Ruhme.
 
So wohnt das Licht auf himmelsnaher Stirn,
So erdenferne ruht der ewige Schnee am Firn,
Wie deiner Sammetblüte Glanz erglüht
In weißer Glut.
Und das Geheimnis, das im Kelch dir ruht,
Enthaucht ihm, da er sonnensehnend blüht,
Die Seele, deiner Seele: dein Gemüt.
 
So Wahrheit wie Geheimnis schließt sich rätselvoll in dir,
Weiße Gardenia, du.
So sphärenhell, geborgt von fremdem Stern, dein froher Glanz,
So irdisch süß, wie lust- und leiddurchbebt, dein Blätterkranz.
So unverwehbar deine keusche Krone!
Wie einst du dies zu solcher holden Ruh,
Weiße Gardenia, du?
 
Einst saß ich, still durchglüht, an einem fernen Strand,
Blau lag das Meer vor mir.
Da hielt ich dich in schwerem Strauß im Schoß,
Weiße Gardenia, du.
Gesegnet war die Seele mir.
Und, Seele deiner Seele, hauchst du mir
Den süßen Atem zu.
 
Und wieder strahlst du, in demüt'gem Ruhme,
Im Schoße mir, ein reicher Kranz.
Und anders ist die Seele mir gesegnet,
Kam mir das Glück aus deinem Hauch geweht?
Ein frommes Lied klingt auf, wie ein Gebet:
Daß ich dir gliche je, in meinem Frauentume,
Weiße Gardenia, du, du aller Blumen Blume!

Von dir kam mir dies Lied! Musik aus dir, Stimme geworden in mir!

Ich lege es nieder auf dem Altar in meinem Herzen, dein und meinem Altar, vor dem ich jungfräulich stehe, neben dir, jungfräulich, – Frouvelin.


Wenn ich auf den Balkon hinaustrete, – so fühle ich, wie die Luft mich streichelt. Und wenn ich meinen Blumen frisches Wasser gebe, – sie nicken mir zu! Alles liebt mich! Woher kommt mir, woher kommt mir dieser Segen?


Ein Gewitter zog auf, da du gestern bei mir warst.

Und wir saßen auf dem Balkon, eigentlich einer überdachten Loggia, eng aneinandergeschmiegt, und blickten hinein in diesen gelben, schweren Glast, der sich immer dunkler und dunkler am Himmel zusammenballte. Und wir blickten uns in die Augen. Von dir zu mir ging es wie ein Strom, ein Strom, in dem wir untergehen wollten.

Und draußen entlud sich das Aprilgewitter. Es flammte auf, in dem gelben Glast und rollte und brauste über unsern Köpfen dahin. Und dann war es vorbeigezogen, und kühl und wundersam umwehte es uns. April!


Und daß du nichts – wagst, es ist das Süßeste, das Schönste.


»Du sehnst dich nach mir?« Ich sagte es.

Ich weiß nicht, wie es mir so über die Lippen kam.

Und ich sah dich erbleichen.

»Wann wirst du mich – erdulden?«

So sagtest du es.

»Es darf kein Opfer sein.«

Ich legte dir die Hand auf die Lippen.

Du vergrubst den Kopf an meiner Brust.

So demütig sind nur die Freien!


»Es darf kein Opfer sein.« Doch. Es ist ein Opfer. Aber nicht: »Ich opfere mich«, sondern: »Ich opfere.« Ich trage einen Kelch, einen geweihten Kelch: opfernd trage ich ihn dir entgegen und halte ihn an deine frommen Lippen. Trinke, du! Und zu der heiligen Handlung – eine frohe, heidnische Melodie: Evoë!

Heidnisch bewußt und doch mystisch geheimnisvoll sei dir dieser Trunk – wie jener andere Trunk, der auf Mont Salvatsch den Frommen und Frohen wurde.


Evoë!
 
 Wie ein geweihter Kelch, wie eine Vase,
In der die Blume deiner Liebe blüht,
Scheint mir mein eigner Leib, durchglüht
Von dieser irdisch heiligen Ekstase.
 
 Wie Kelch gewordner weißer Stein von Laase,
Wenn ihm der Gott einhauchte sein Gemüt,
Daß er Gefäß sei seinem Schöpferlied,
Damit es becherlos ihm nicht im Busen rase.
 
 Geheimnisvoller Becher, der beim Mahle
Auf Mont Salvatsch sich frommen Lippen bot
Und sie entsühnt von allem Fluch der Erde!
 
 Wie jener rätselvolle Trunk vom Grale
Den, der ihn wissend tat, entwunden aller Not,
So dir der Trunk von diesem Kelche werde!

Ich erwartete dich. Drei Tage hatten wir uns nicht gesehen. Unsere Pflichten da draußen, abseits von der »Insel«, trennen uns oft für Tage. Ach, und auch das ist wunderbar. Denn was häuft sich nicht an in solchen drei Tagen!

Ich erwartete dich. Und ich schmückte mich.

Wie schön wird ein Weib, das sich schmückt für den Geliebten! Selbst wenn es so wenig schön ist, wie ich. Wie wellte es sich mir unter der Hand, dieses weiche, allzu feine Haar, das man zusammendrücken kann in nichts. Wie strömte es frühlingshaft aus jeder Pore meines Leibes, da ich ihn mit Wohlgerüchen wusch. Und wie leuchtet die »Lux« in ihm auf, alle Fenster der Seele erhellend, – eine einzige, aufflammende Illumination.

Und dann das Kleid. Ich wühlte in meinen Schränken. Welch grelle, bunte Lappen hatte ich da getragen. Fort! Ein weißes Kleid, ein strahlend ernstes, weißes Kleid!

Und weiß, weiß bis zu den Füßen herunter.

Und du kamst. Und ich ging dir entgegen. Und du sahest, wie ich ging. Du sahest, daß ich etwas dir zutrug, – opfernd, – diesen Kelch, von dem du trinken solltest.

Du hattest mir Blumen gebracht: rote, bräutliche, brennende Blüten.

Brennende Blüten fielen in meinen Schoß.

Heilige Bewußtheit: Sphärenhelle, von der die Gestirne leben! – – –


Du gingest von mir. Ich trat auf den Balkon hinaus und blickte dir nach. Sternfunkelnd war die Aprilnacht. Licht erschien sie mir, so licht, – wie ein Weib, von dem eben der Geliebte gegangen.


Daß ich mein Lied so hinausschmettern kann in alle Winde? In dieses Offene, Grenzenlose, wo es weiter und weitergetragen wird? Daß meine Stimme nicht zurückbebt vor dieser Verkündung ihrer geheimsten Melodie?

Ward sie mir denn nicht, die Melodie, damit ich sie sänge? Nicht vielleicht einzig deswegen mir »ermöglicht«?

Singen muß ich mein Lied, weil diese Ekstase über mich kam, aus der die großen, die bekennenden Gesänge quellen, die Psalmen, die Hohenlieder.

Ein Lied unterschlagen, das Gott selbst mir auftrug, hineinhauchte mit dem Schöpferhauch seiner eigenen Stimme in diese meine Menschenkehle, solch ein Lied unterschlagen?!

Ein Lied, das mir aufgetragen wurde, damit ein Wiederklang davon bleibe, wenn ich selbst nicht mehr bin, von mir zurückbleibe, als Stoff für weiteres, – Stoff und Wiederklang geheimnisvoll eines! – als ein rettender Rhythmus vielleicht, eine führende Melodie für jene, die auf die Stimme warten, die sie auf ihren Weg rufen soll, wenn sie, unbestätigten Glaubens, irregeworden, melodielos, steuerlos geworden, umherfahren auf hoher See.

Darum klinge, du Lied, so weit immer die Winde dich tragen mögen! Und wenn ich, dich aushauchend, mein Leben mit aushauchen sollte, dafür, daß ich dich sang, dich singen durfte, singen mußte!


Ein hohes und lachendes Lied der seufzenden Welt zu singen, dazu, so will es mir scheinen, mußte ich alle meine Leiden trinken. Und, da ich sie trank: nach einem Trunk aus der Sonne selbst mich verzehren! In meinem mir nun einmal »eingeborenen« überheblichen Frevelwahn schien es mir immer, als ob er mir gebührte, dieser unwahrscheinliche Trunk, als ob uns Menschen, die wir ja nach dem Ebenbild dessen – gedacht sind, der über allen Sonnen – denkt, als ob uns Menschen die Freude gebühre, die Sonne, die Ekstase! Gebühre – jawohl, gebühre! Ich hörte immer, »es müsse nun einmal so sein«, um uns und in uns, wie es meistens eben ist: so staubig, so dämmrig, so melodielos, und schlimmer. So sollte sein müssen, dachte ich immer hinter dieser meiner »Empörerstirn«. So sollte es gedacht sein, als Gesetz, von dem, der über allen Sonnen – denkt, so gedacht für uns, die nach ihm – Gedachten? Dies der Gedanke, im Stoff und in der Melodie, von der er ja nur wiederklingt, der Stoff?

Dies die – Stimme?

Mein überheblicher Frevlerwahn wollte sich nicht zufrieden geben.

Ich wollte nicht demütig werden im Leide, so tief mir auch die Stirn in den Staub gedrückt wurde. Nicht demütig werden: das ist schlimm. Es mußte erst das Glück kommen, um mich demütig zu machen, und fromm.

In diese meine Hand, diese kleine Rebellenhand, wie du sie nennst, mußte ich »richtig« – die Sonne selbst bekommen! Und aus ihr trinken, o, einen Trunk tun, den nur die innerlich ganz »Feuerfesten« vertragen.

Und siehe: ich wurde fromm an dem gefährlichen, lodernden Trunke. Und ich fing an zu beten. Zu ihr: zur Sonne!


Betet, betet zur Sonne! Betet zur Gnade! Und glaubet nicht, daß sie euch nicht erhöre! Der Kult wirkt zurück, und das ist die Wirkung des Gebetes.


Wer besser könnte in Staub verwühlte Stirnen zärtlich vom Staube heben, in die sie, – die Gottähnlichen! – gedrückt wurden, wer besser aufrichten das tief gedemütigte Haupt und es zart und zärtlich zur Sonne wenden, wer besser könnte es, wer einzig dürfte es, als wer selbst im Staube verwühlt und tief, tief gedemütigt gewesen? Und zu dem dann die Macht trat, das Haupt ihm hebend und es zart und zärtlich ihm zur Sonne wendend?

Ein hohes und lachendes Lied der seufzenden, gedemütigten Welt zu singen, ward mir – aufgetragen. Darum die Melodie mir »ermöglicht«. Damit dieser Glaube an die Gnade sie alle ergreife, die nach dem, der über allen Sonnen denkt, gedacht sind! Damit sie verlernen, am Unheil zu verzagen und glauben lernen an die Gnade der Liebe, die sie einstmals erreichen muß, wenn sie selbst liebten! – – –

So bezahle ich, was ich schuldig wurde, schuldig, da mir hohe Freude ward, da mir Rhythmus, Melodie und Stimme ward, – während Millionen in tiefster Verwühlung seufzen, stöhnen.

Ich bezahle mit diesem lachenden, weinenden, demütig-frommen Lied, das mir aufgetragen wurde, damit ich es sänge, und sollt' ich, es aushauchend, mein Geschick erfüllen.