»Sonderbare du, mit den vielen Gesichtern. Wenn du mir plaudernd und lachend zuhörst, – was bist du da doch, du weißt, das vergötterte Baby –«
»Ich weiß: – mit dem edlen Papa!«
»Dann, am Flügel, oder im Gespräch, in ernsthaftem Gespräch, da empfinde ich dich, nun, als was ich bisher eine Frau noch nie empfand.«
»Antifeministische Bemerkungen sind in meiner Gegenwart zu unterdrücken.«
»Da ist dein Gesicht ja ganz unzweifelhaft, jenes Jünglingsgesicht aus dem Uffizien, das des Philosophenschülers – du weißt!«
»Von Padua. Ich weiß. Aber was denn sonst noch? Habe ich denn noch mehr Verwandte, Ahnen, Doppelgänger oder Vorstadien meiner jetzigen Inkarnation?«
»Wenn deine Lider so schwer werden – –«
»Dann?«
»In diesem deinem Blick unter den schweren Lidern, – es ist dann etwas – etwas wie Urmüttertum darin, in diesem deinem Blick. Diana von Ephesus – du weißt?«
»Diana – eine Diana, der ich gliche? Nichts weiß ich von solcher Diana.«
»Es ist eine Diana im Tempel zu Ephesus. Sie wurde verehrt als eine Fruchtbare. Mit vielen Brüsten ist sie gebildet, so wie du mit vielen – Gesichtern. Diana von Ephesus – eine andere Ceres. Ceres – das ist die naive Fruchtbarkeit, die Gebärerin dessen, was bleibt oder nicht bleibt, erhalten wird oder ausgerottet. Diana von Ephesus ist eine andere Fruchtbare. Eine Erdgeheimnisse-Wissende ist sie. Eine Opfernde!
Und sie müßte dein Antlitz haben, das – mit den schweren Lidern. – – –
Welch ein Glück, daß ich dich sehe, du mir immer Vertraute!«
Der Trunk vom Weibe: Unwissende stehen sie davor. »Thumpe«, wenn auch nicht »Klare«, »Vale«, wenn auch nicht »Parsi«. Thumpe Toren. Aber nur dem Wissenden, dem immer Bewußten, dem immer vom Staub in den Geist Entrückbaren und Entrückenden, nur ihm, dem Ekstatischen, wird der Trunk vom Weibe das, was »jener rätselvolle Trunk vom Grale« dem, »der ihn wissend tat«.
Dieses dein entzücktes Lächeln! Dieses strahlende, in mich eindringende Lächeln, wenn du mit mir bist. Nie noch sah ich, soviel wir auch zusammen waren, dein Auge auf mich gerichtet, ohne daß dieses Lächeln dagewesen wäre in deinem Blick, um deine frohen Lippen, auf deiner lichten, freudigen Stirn.
Und wie trinke ich es, dieses Lächeln! Wie wandelt es sich in mir in freudige, feurige Säfte, in Kräfte, die die Seele mächtig werden lassen, – lebensmächtig und sangesmächtig.
Johannes, Johannes, es treibt mich, es versucht mich sehr, dir – für ein weniges nur, ich verspreche es, ein ganz klein weniges nur, – die Tarnkappe vom Kopfe zu stoßen! Dich sehen zu lassen! Einen einzigen, kurzen, blitzgeschwinden Augenblick.
Ja? Ja?
Daß du mir sichtbar wirst, – einen einzigen kleinen Augenblick. Das geschah ja auch andern, vermummten Helden. Plötzlich »rutschte« ihnen (vielleicht stießen sie mit dem Kopfe an eine niedrige Decke), – die Tarnkappe herunter, und die Leute im Gemach sahen erstaunt eine Erscheinung, die gleich wieder verschwand, versteht sich, da sie ja die heruntergeglittene Tarnkappe schnell erwischte.
Ähnlich war's ja auch in jenem Gemach, wo Rhodope plötzlich den Gyges sah: einen kurzen Augenblick lang. Hier war's der Ring, der sich verschob.
Ähnlich geht's auch bei der geheimnisvollen Laterna magica zu. Plötzlich sieht man auf einer weißen Fläche – ein Bild. Ein farbiges, bewegliches Bild. Das kommt von der magischen Laterne, die irgendwo versteckt ist im Hintergrund. Und die Person an der Laterne kann das Glas, das den Zauber wirkt, beliebig einschieben und wieder herausziehen.
Also – schieben wir's hinein.
Jetzt schnell, ein Bild.
Ihr schaut – eine Küstenlandschaft.
Einen Küstenstrich an der Nordsee erschaut ihr auf der magisch beleuchteten Fläche – dieser Blätter.
Über das frühlingsstürmende graue Meer strahlt die Sonne. In diesem Sturm und Sonnengefunkel zugleich (es ist das alles herstellbar bei der modernen Filmtechnik) nähert sich das Schiff der Küste.
Fröhlich und gewaltig fährt es dahin. Und in den Segeln braust's! Und jetzt – jetzt seht ihr – jetzt könnt ihr ihn erkennen: ihn, – den Steuermann. Er versteht sich aufs Seefahren, das werdet ihr gleich merken, wenn er an die Küste herankommt. Denn es ist gefährlich und schwer anzulegen an dieser Küste. Aber – Wikinger waren ja seine Leute! Und die verstanden das doch. Jetzt – jetzt seht ihr ihn in voller Figur. Und zwei Köpfe zumindest überragt er, was ihr drinnen im Binnenland an Leuten zu sehen gewohnt seid. Denn die von – oben – es ist eben ein anderer Menschenschlag da.
Dies Gesicht: das, was die Stirne sucht, – die Augen beleuchten dazu den Weg. Denn ein ordentliches Licht muß leuchten zu dem, was der Stirne Sache.
Die im Binnenland, sie verkneifen gewöhnlich die Augen und verfurchen die Stirn, wenn hinter ihr (angeblich) etwas vorgeht. An ein paar Gedanken verlieren sie gleich ihr Gesicht.
Hier? Je schwerer die Sache, desto heller das Leuchten!
Und sehet den Mund, den gefahrfrohen Mund!
Und sehet die Hand! Sie ist das Greifende, das Unbeirrbare. Wie liegt sie am Steuer, greift und lenkt.
Wegbeleuchtend, gefahrfroh, unbeirrbar.
Seht ihr's, – seht ihr's deutlich?
Das Schiff kommt ganz nah, ganz nah an die Küste heran.
Aber – das Glas heraus, aus der Laterna Magica.
Einen Augenblick nur, versprach ich ja euch!
Von dir Geschaffenes lebt in deiner Musik. In dem, was du bautest, in dir erst bautest, bis es klingend ward, – Musik. Und dann aus dir herausbauen konntest, was also geworden war. Werk deiner Stimme, es wird leben – deine Tat.
Aber – die Gestalt!
Daß ich diese deine Gestalt, als solche, in diese Blätter tragen, sie hier hereinretten durfte, – es macht mir die Blätter teuer.
Diese deine Gestalt »erhalten«, sie in diese Blätter eingezeichnet zu haben – trotz der Tarnkappe! – meine Tat!
Trotz der Tarnkappe! Denn der in der Tarnkappe steckt, – er wirft doch einen Schatten, wie? Die Tarnkappe macht doch nicht auch den Schatten unsichtbar, wie? Und wenn nun die Sonne recht voll auf ihn fällt, (auf den in der Tarnkappe), dann wird sein Schatten, in der Sonne, recht deutlich. Fast so deutlich wie die Gestalt, die vertarnkappte, die ihn wirft.
Und den Schatten, den Schatten durft ich zeichnen! Einzeichnen in diese darum so teueren Blätter.
Und nicht nur die »Gestalt«. Daß ich »es« einzeichnen darf, das – Wunderbare – unabhängig davon, was mit uns geschieht! Gerettet ist's, geborgen, hier, hier in den Blättern.
Was ich in diesen Blättern den Göttern entzünden will, wie ich es nannte, es verläßt mich keinen Augenblick. Ich muß es tragen, wo immer ich gehe und stehe. Auf die Vollendung der Konzeption eines Werkes bis ins kleinste, darauf kommt es, nach Goethe, einzig an. Ausgetragen muß sein, was geboren werden soll.
Und nicht einmal, nicht bloß auf eine einzige Art kann ich sagen und schreiben, was ich hier schreibe, – auf zehnerlei Arten könnte ich es und tue ich es oft. Ist es Übermut oder Überfülle, oder ist es mir selbst kaum bewußte Strebung nach möglichster Vollendung der Gestalt, – morphologische Strebung des Stoffes, möchte ich es nennen, (sein Wille zur Form, der ihm innewohnt!) – daß ich die einzelnen »Stellen«, ohne es recht zu wollen, manchmal wieder und wieder schreibe, bis ich mir unter zehn Blättern eines erkiese, welches ich da niederlege?!
Schrieb ich sonst etwas (Aufzeichnungen etwa, oder Briefe) in der einen armselig herausgedrückten Art, in der ich es einmal herausgebracht hatte, blieb es stehen und es durfte so wenig daran gerührt werden, wie etwa ein wackliges Häuschen angeblasen werden darf.
Jetzt, – ich bücke mich und die Wellen meiner Quelle bleiben mir als schimmernde feste Kugeln in der Hand (wie es jener Brahminenfrau am Ganges erging, solange sie sündlos war), und ich werfe sie in die Luft und spiele mit ihnen und werfe sie wieder hinein in die Quelle und fange sie wieder und forme sie wieder, wieder, wieder.
Ich glaube, ich glaube, das kommt, weil der Stoff, das Element, aus dem ich diese Wellen greife, von so besonderer Art ist. Er hat den Zauber wohl in sich. Der Stoff.
Oder – sollte es an mir liegen? Hat ein Zauber meine Hand berührt?
Daß Kunst ohne Herz gemacht werden kann, ist eine von den Narreteien, die jetzt gerade im Kurs sind und durch geschickte Konstrukteure illustriert werden. Wie merkt man es einem noch so »geschickt« verfertigten Machwerk an, daß es eine fingierte Gestalt des Lebens ist, gleich jener Olympia in »Hoffmanns Erzählungen«. Ein Apparat bleibt ein Apparat, und sei es selbst eine noch so flott arbeitende Denkmaschine.
Der Dichter, unter allen Künstlern insbesondere, ist ganz »Herz«. Alles muß ihn »angehen«. Er lebt hunderttausendfach. Wie der Bäcker für andere backt, der Schuster schustert, der Zimmermann baut, der Maler sieht, der Musiker hört, so – lebt der Dichter für alle andern. Er lebt ihnen etwas vor, erlebt es bis an die Grenze der Erlebnismöglichkeit und läßt so die andern das Leben durch und durch leben, wie sie es allein nie könnten.
Ich denke in »Stellen«, seit ich diese Blätter führe. Das will sagen, in besonderer Form. Nicht nur ein Gedanke »fällt« mir ein, der sich dann eine Gestalt sucht, sondern die Gestalt selbst kommt mir plötzlich daher, in ihrer Besonderheit, ihn, den Gedanken, den Gott in sich tragend. Sie fällt mir in den Schoß, wie vom Himmel. Wie der Goldregen plötzlich fiel in der Danaë Schoß. Blüten regnet es, wie aus dem Füllhorn der Mythe, Blüten, die den Gott verbergen. Und die Gestalt, in der er erscheint, ist sehr wesentlich. Auf die Bereitschaft zur Empfängnis kommt es dann einzig an. Zur Empfängnis gerade dieser Gestalt. Denn wäre der Goldregen nicht gerade in der Danaë brünstigen Schoß gefallen, die kostbare Begierde des Zeus wäre verloren gewesen.
Mir ist, als hätte ich bisher Volapük gesprochen. Oder meinetwegen Esperanto. Irgendeiner allgemeinen Verständigungssprache mich bedient, bedienen müssen. Aber meine Sprache, die dieser Blätter, hatte ich sie jemals früher gefunden? Wer hat sie je von mir gehört, diese meine Sprache? Ähnlich klang's, Esperanto ähnelt ja allem.
Zu dir nur konnte ich meine Sprache, mein Deutsch reden. An dir nur es finden.
Ungeheuerlich, »exotisch« möchte anderen vielleicht erscheinen, was ich zu sagen habe und wie ich es sage. Dir, dir ist's – was mir dein Wort ist: heimlich, heimatlich traut. O nimmer könnte ich sie missen, diese meine Heimat. Und verlöre ich Dich, so würde mein Herz doch immer die Heimat begehren – im Herzen eines Menschen.
Mir ist, als hätte ich sie – dich – nur wiedergefunden.
Vorher – wo war es doch?
War es zu Eleusis – Priester? Oder zu Padua – Meister? Oder zu Ephesus – Opfernder?
Träumereien wagen sich zu dir.
Oft scheint es mir auch, als wären wir – einst, einst – zusammengesessen, ich, deine Frouve, und du, mein lieber Herr, und hätten uns damals schon, »am stillen Herd, zur Winterszeit«, süßen Trunk kredenzen lassen von ihm, der auch jetzt unser liebster Mundschenk ist, – mein Landsmann Vogelweid, Freund Walthahari. Er saß uns gegenüber, ein teurer Hausgast, ein schwerer Winterabend war's und »eingeschneit« war uns Haus und Hof. Und wir saßen alle drei auf der Bank um den Ofen herum und brieten da Äpfel.
»Saget mir ieman, waz ist minne«, sprach Freund Walther.
Und wir beide, du und ich, sahen uns an und schwiegen und lösten dann die Blicke voneinander und lächelten ihm zu, dem lieben Dritten.
»Liebe Frouve,« sagtest du, »Freund Walthahari fragt uns um Minne.«
»Geh' er hin und seh' er selbst«, sagte ich.
»Weiset mich zurecht, warum sie schmerzet so sehr?« fragte er und horchte gespannt.
»Minn' ist Minne, tut sie wohl«, sagte ich.
»Tut sie weh, so ist es nicht die rechte Minne«, sprachst du, mein lieber Herr, – »ich weiß nicht, wie man sie dann nennen soll.« Und zogest dabei, umsichtig und aufmerksam, wie es deine liebe Art ist, die Äpfel aus der Ofenröhre, die sich da zischend gemeldet hatten.
»Wenn ich richtig deute, was der Minne Wesen sei –«
»– so sprecht ja!« unterbrach die Frouve den Freund. »Sprecht ja! Minn' ist zweier Herzen Freude! Sprechet ja!«
»Teilen beide gleich, so ist die Minne da«, sprach mein lieber Herr und schob uns die Äpfel, die er fürsorglich geschält hatte, auf den blitzenden zinnernen Tellern zu, daß uns ihr süßer Dampf gar lieblich in die Nase stieg.
»Ihr wohnet manche Tugend bei, und dabei Heiterkeit«, meinte nachdenklich Freund Walther.
»Ihr folget große Treu' und dazu Seligkeit«, sprach mein Herr und blickte mich an.
»Minn' ist zweier Herzen Freude! Da spracht ihr recht, vieledle Frouve«, sagte Walther.
Ich lächelte arg. »Und tut sie weh, wie nennt ihr sie dann?«
»Die könnt' Unminne heißen ehr«, sagte mein Herr.
»Die will ich immer hassen sehr.« Walter sprach's treuherzig, kreuzte Bein auf Bein und biß herzhaft in seinen leckern Bratapfel.
»Es wär' uns allen eines Heiles wieder not«, meinte er, da wir alle drei speisten.
»Welcher saelden waere uns nôt?« fragte mein Herr.
»Daß man rechter Freude wie früher hätte acht! Nicht kann gefallen mir, zu meiner Freude Tod, daß die Freud' den Jungen jetzt fast Schmerzen macht!«
»Des spracht Ihr wahr und recht!« sagte mein Herr.
Und dann bat er: »Frouve, spielt uns ein Lied! Wolltet Ihr Eure Laute holen? Wir sängen dann alle, zum süßen Spiel.«
Langsam schritt ich durch das Gemach, die Laute zu holen, die fremdartig, seltsam an der Wand hing. Da hörte ich flüstern: »Wo holtet Ihr sie?«
»Vom Kreuzzug bracht' ich mir sie. Und was klingt sie mir deutsch!«
»Die Laute?«
»Die Frouve, die traute!«
Da kam ich wieder. Und wir sangen, am deutschen Herd, ein Lied von der heiligen Minne! – –
Und Freund Walthahari schrieb, was wir ihm sangen und rieten, am selbigen Abend noch nieder, mit gar zierlichen Zeichen.
Und überreichte mir, da am anderen Morgen sein Roß gesattelt stand und ihn uns entführte, ein Röllchen. »Nehmet ein armes Gastgeschenk, vieltraute Frouve!«
Und ich entrollte es, und da stand:
»Minn' ist zweier Herzen Freude.«
Da galoppierte er schon ferne durch den Schnee und winkte uns, die wir unter dem Tore standen, grüßend mit dem Hute zurück. – – –
Pietà war meine Liebe zu ihm.
Freude, hohe Freude ist meine Liebe zu dir! »In jede hohe Freude mischt sich ein Gefühl der Dankbarkeit«, schrieb Wagner an Mathilde. Und jede solche demütige, hohe Freude ist, so will es mir scheinen, religiös. Fromm macht diese Freudigkeit.
Johannes, du herzlicher Mensch! Die anderen, die küßten mich um ihretwillen. Du aber küssest mich um meinetwillen. So deutlich, so sichtbarlich, so unverkennbar ist dieses. Heiß und doch zart, wie samtene, rote Blüten, so fallen sie auf mich, deine Küsse, so werden sie über mich gestreut, wie Blüten, die aus unerschöpfbarem Füllhorn quellen und niederfallen und immer wieder neu sprießen und fallen, fallen auf das, dem der Segen bestimmt ist, und was Erwartung wurde, von den Füßen bis zu Lippen und Augen und Haaren.
Und um meinetwillen!
Denn dein Blick wird nicht dunkel, nicht abseitig, nicht von mir fort entführt zu jenen Mächten, die den Mann erschüttern, wie das Rollen der Lava den Krater.
Nicht ihnen gehört die Gewalt über dich. Sie lenken mir ihn keinen Augenblick fort aus seinem Bette, meinen goldenen Strom, der aus der Quelle deiner Augen stürzt und fließt, fließt in mich, sein williges Bett.
Um meinetwillen fließt er. Und um meinetwillen regnet es Blüten, rote, samtene Blüten.
Voll von Sehnsucht war Dimitri. Voll von Sehnsucht, – Süchten, mehr ein Süchtiger, denn ein Sehnender. Nicht wie man sich Sehnsucht vorzustellen liebt, kann man sich die seine denken: nicht die vom Morgen Umwobene, zum Tage Ahnende – die Schwebende, Lockende, – die die Seele in den Garten der Ekstase geleitet. Nicht solcher Art war seine Sehnsucht. Er, der doch ein Dichter war, hatte keinen Träumerblick. Und den des Wissenden, den hatte er noch weniger. Wie der Strom dahinrollt, so empfand ich seinen Blick, silbern, rollend, wohin? woher? Rollend, ohne Möglichkeit, innezuhalten.
Seine Sehnsucht hatte ihn, wie eine wilde Reiterin ihr Roß. Sie saß auf ihm – und peitschte und jagte und peitschte; keuchend, mit geblähten Nüstern, rollenden Auges, fliegender Mähne, jagt es dahin, unter den Hieben und Sporen der Furchtbaren, die seine Meisterin ist, das Roß, – das edle.
Und seine Reiterin und Meisterin drückt ihm die Sporen ins Fleisch. Wohin sie will, muß der Weg führen, nicht wohin, er, der Jagende, selbst will. Ein Geknechteter, rast er dahin. Und die ihn jagt, seine Sehnsucht, peitscht ihn – mit Begierde, spornt ihn, mit schneidenden Eisen der Not, die tief in sein Fleisch dringen. Und wo sie vorbeikommen, die beiden, diese Sehnsucht und dieser ihr Träger, da lassen sie hinter sich – Zerstampfung, Zerstörung, Schrecken.
Und doch, und doch – ein edles Roß, das also gejagte, ein unfreies, gehetztes, geknechtetes, und doch ein edles!
Johannes, wie ist deine Sehnsucht eine andere. Eine mütterliche, im Schoße tragende, wohnt sie dort, wo Harmonien aufklingen aus der Masse erstickter, verröchelnder, verzweifelnder, lästernder und betender Stimmen! Wo Stimmenvielklang sich entwirrt, löst, ordnet nach geheimem Gesetz. Nach den geheimen Vorgängen der Vermählung. Und sie, die Sehnsucht, empfängt und trägt und birgt, – daß etwas werde! Ordnung werde! So trägt sie – die Schönheit. Denn Ordnung ist Schönheit.
Und auf verbindende, aufklingende Töne horchend, ahnend, ihnen entgegenlauschend, gehst du, suchst du, sammelst du: Töne, – Töne zur Ordnung! Und mit dieser tönenden Beute beladen, schreitest du, ein Lauschender, ein Wegebahnender, von deutlicher Melodie geführt, dorthin, wo es klingt, wo sie wohnt – Sehnsucht.
Der von der Sehnsucht Gejagte und der von der Sehnsucht Geführte – es ist zweierlei.
Nie sah ich Ruhe wie die deine: feurige Ruhe, – »bezähmt, bewacht«.
Dieses ist die Ruhe, die die Unruhigen erlöst. Dieses die Ruhe, die die Darbenden speiset und die Gehetzten erquickt, wie der Schatten des festwurzelnden, blühenden, belaubten Baumes. Dieses die Ruhe, die die Griechen – träumten, in Marmor, durch dessen Geäder man die Leidenschaften fließen sah, ohne daß sie das Marmorgeäder zersprengten!
Dieses, was das Weib sucht, an des Mannes Brust.
Wie klingt es doch im Hohenlied:
»Wer ist die, die herauffährt von der Wüste und lehnet sich an ihren Freund?«
Fürwahr – aus einer Wüste fuhr ich herauf. Nichts war da, woran ich mich hätte lehnen können, mein Lebenlang, in dieser meiner traurigen Wüstenfahrt. Nun aber kann ich mich lehnen. Nun ich heraufgefahren bin. An meinen Freund mich lehnen.
»Wie ein Apfelbaum unter den wilden Bäumen, so ist mein Freund unter den Söhnen. Ich sitze unter dem Schatten, deß ich begehre, und seine Frucht ist meiner Kehle süße.«
»Stehe auf, Nordwind, und komm, Südwind, – und wehe durch meinen Garten, daß seine Würze triefen!«
Auch Dimitri wünschte, was jeder Mann wünscht: das Weib möge sich an ihn lehnen. Und ich wollte es so gern und tat es auch, und siehe – es bog ihn, verbog ihn. Denn kein starker Baum, ein tausendästiger Busch war er, mit seltsamen, üppigen Blüten und Beeren an seinen Zweigen, seinen tausendfältigen Zweigen. Der Stamm aber fehlte. Ein Gebüsch, dessen Gezweig sich schier undurchdringlich ineinander schlingt. Und lehnte man sich da hinein, so gab es nach und bog sich und verbog sich. Eine Schwächere könnte auch wohl an den Busch sich lehnen. Kleine Vögelchen auch auf diesen Zweigen sich wiegen und Schatten da suchen und finden. Und gar wohl wäre dem Busch dabei, denn er sehnte sich zu geben, nach Art der starken, festverwurzelten, hoch in den Stamm geschossenen, dichtbelaubten und befruchteten Bäume. Freilich von den Beeren des Busches dürfte kein Vögelchen naschen, es stürbe daran.
Wohl könnte dann dem Busche sein. Wäre da nicht eine Menschenseele in ihm, die von Sehnsucht gejagt, von Begierde gepeitscht, von Not gespornt ist und begehrt und ergiert, was nicht ihr zugedacht war. Eine Seele, deren eigene Ideale sie verwirren und verraten. Die heute vermeint, ein paar Vögelchen, hüpfend in ihrem Gezweige, wären das, was Freude brächte. Und die morgen das gefiederte Getier am liebsten hinauswürfe und von einer Herrin träumet – die sich neiget – und seine Blüten bricht, – daß die verwundeten Zweige – bluten.
Alles sah er am Anfang, was er, balde, ach balde, nicht mehr sah.
»Wie sie sitzen kann!« Und ich mußte mich vorsetzen.
»Wie sie sich lehnt!« – »Lehn' dich, bitte, lehn' dich da an die Portiere!«
Und ich »lehnte« mich. »So!« Und er stand verzückt und schaute.
Er diktierte mir auch oft. Ich saß am Schreibtisch, der in der Zimmerecke stand. An der anderen Wand, gegen die ich den Rücken kehrte, stand die Ottomane. Da lag er gewöhnlich, während er mir diktierte. Er hatte es gern, wenn ich für ihn schrieb. Und ich schrieb gern für ihn, ich, die ich meine eigenen »Skripten«, – wenn ich eine Schriftstellerin wäre, – niemals selbst abschreiben könnte. – –
Und er lag und diktierte, und ich saß und schrieb.
»Du – bitte!«
»Was denn?«
»Stütze dich mit dem linken Arm auf, nicht so, nein, nicht an die Wange, mehr in den Nacken die Hand, so, ans Haar!«
»Warum denn?«
»Damit ich doch deine kleinen süßen Finger sehen kann.«
Oder er trat an den Schreibtisch, während ich schrieb, und legte seine Hand, leicht, ganz leicht, auf meine schreibende Hand.
Liebende sollten sich eines als Merkmal dienen lassen: wenn nicht jeder von ihnen ununterbrochen die Berührung mit dem andern sucht, dann ist »es« nicht, oder nicht mehr, dann hat sie das »Wunderbare« verlassen – die Liebe.
Vergessen hatte ich diese Dinge mit Dimitri. Tot und vergraben waren sie, längst. Wie kamen sie herauf?
In meinem Herzen ist es lebendig geworden durch die große Sonnenflut, die hineinbrach. So lebendig, daß selbst – Gräber darin zu blühen beginnen.
Erinnerung: Grabblume du, wunderbar üppige, üppiger denn alle anderen Blumen, die auf gemeinem Boden sprießen. Erinnerung, Grabblume du, du aus Verwestem blühende, du stolzestes Lebenssymbol!
Ganz Anspruch, ganz Forderung war Dimitris Art in der Liebe.
Das Wunderbare: das ist die rastlose Forderung an sich selbst, »zu Liebe« dem andern.
Und was anders ist, denn das »Wunderbare«, verdient nicht den Namen Liebe.
Wie umklammert halten wir uns, immer.
Stunden vergehen, – wir lösen uns nicht. Das Abendbrot steht bereit, vor uns auf dem Tisch. Du füllst die Tassen, über mich hinweg. Du nimmst die Bissen auf die Gabel, für mich, für dich. Und es ist, als wären wir versunken in einander.
»Du ißt ja nichts«, sagst du. Und die Bissen werden mir in den Mund hineingedrängt. Ich kann schwer essen jetzt. Und dann auch vor Glück kann ich nur schwer essen.
»Jetzt wirst du den Kakao trinken«, sagst du.
Ich sitze und rühre mich nicht. Habe ja auch keine Hand frei, habe beide Hände um deinen Hals, und da gehen sie nicht fort.
Und du nimmst die Tasse in die eine und den Löffel in die andere Hand, und Löffel für Löffel wird mir an die Lippen geführt. Bis die Tasse leer ist.
Ohne daß dieses Geschehen dir und mir wie ein absonderliches erschiene.
Dieses ist das Wunderbare. Und was anders ist, was weniger ist, verdient nicht den Namen des – Geheimnisses. Nur das Wunderbare ist das Geheimnis.
Sommer ist es geworden über alledem.
Lieben heißt, sich ein Geschöpf ganz zu eigen machen. Es ganz und gar begreifen, das, was man also begriffen hat, begreifen wollen und sich freudig erfüllt (»gefüllt«) fühlen von dem Begriffenen. Jeder gleicht wahrlich dem Geist, den er begreift. Nun herrscht aber diese Gefühlsimpotenz unter den Heutigen. Diese »Schwäche«. Diese Bröckligkeit der Gefühle. Wie kann man da »begreifen«? Begreifen heißt ja eingreifen in ein anderes und es dann halten, umfassen. Um einzugreifen, muß aber erst eingedrungen worden sein in das, was begriffen werden soll. Eindringen aber kann nicht der – seelisch Geschwächte. Ganz und gar eindringen. Gibt es Halbjungfrauen, so gibt es auch Halbentjungferer. Die letzten Hemmnisse zwischen ich und du bringen sie nicht zum Fallen. Nicht vollständig werden sie mit ihrer Aufgabe fertig. Nicht gänzlich vermögen sie, sich des Weibes zu bemächtigen. Das Liebesverhältnis wird nicht komplett »konsumiert«. Die Präliminarien der Liebe und die ersten Präludien bewältigen sie, aber was dann kommt, der schönste, aber auch der schwerste Teil, er bleibt ungenossen, unbewältigt, unkonsumiert.
Physiologisch – da reicht es bis zur Orgie. Nicht solche Schwäche ist natürlich hier gemeint. Nein, nein, diese viel ärgere, diese Gefühlsimpotenz, die den Eintritt in die tiefsten Erlebnisse der Liebe den an ihr Leidenden für ewig verwehrt. Nur starke Menschen sind fähig, Liebesgefühle für ein anderes Geschöpf emporwachsen zu lassen, »aus der Tiefe zur Höhe«, sie durchzuhalten, sie zu behaupten.
Schwächlinge »versuchen« am liebsten immer wieder, fangen am liebsten immer wieder neu an. Don Juan ist der banalste aller Bösewichter. So sehr man ihn auch »dämonisch« machen will. Mir scheint er banal, dieser Liebhaber in die flache Breite. In die Tiefe lieben, das ist die Frage, die Kraftfrage.
Wissend trinken, das ist die Liebe. Synthese! Schwächlinge sind aber nicht synthetisch. Entweder sie trinken, dann vergessen sie das »Wissen«. Oder sie wissen, und dann verfurchen sie die Stirn und kommen vor lauter Gegrübel nicht zum Trunk.
»Wirken, füllen, fesseln.« Ich kann nicht »wirken«, und »fesseln« liegt mir so wenig, vorsätzlich zumindest, wie manchem Mann »erobern«. Nicht dieses aufs immer frische »Füllen« berechnete Wirken, nicht »Behandeln« ist meine Sache. Nur sein kann ich.
Von dir, Johannes, habe ich das liebe Wort gehört, daß du mich lieb hast, weil ich bin. Nie habe ich ausgeschaut, ob ich auf dich wohl »wirke«.
Heroische Menschen sind selten in diesem Zeitalter. Das sind die Menschen der starken Lebensgefühle. Gäbe es starke Freundschaft, so gäbe es auch mehr starke, unverbrennbare Liebe. Aber die Gefühlskraft gehört der Antike an. Anarchronistisch, wie ein Koloß der Antike, ragt heute ein Mensch solcher Art in diese Zeit. Vereinsamt steht er gewöhnlich.
Auch die heroischen Gruppen gehören der Antike an. Solche, die verbunden waren durch überpersönliche Gefühle, – Gefühle, die der Idee »Mensch« gehörten. Jene Gruppen meine ich, deren Historie die Renaissance ausgrub und unter deren Studium sie Humanismus wurde.
Brüderlichkeit – diesen Gedanken habe ich tief im Herzen! Liebe war meine Lebensquelle immer. Sah ich Freude über mich in den Augen anderer, so wurden sie hell davon, meine dunklen Augen. Und ich glaubte so gern an Geneigtheit, Freundlichkeit, an die Idee der Vertraulichkeit, des Wohlwollens von Mensch zu Mensch, der Brüderlichkeit.
O meine Brüder und Schwestern, – möchte doch dieser Glaube über euch alle kommen!
Aber wenig Wohlwollen erfuhr ich. Niemand sprach zu mir, wenn ich litt: »Sei geduldig! Sei friedlich! Sie wird dir wiederkommen, deine Seele. Denn du mußt wissen, sie ist nicht immer in voller Bewußtheit da, so eine Seele. Sie verläßt einen – scheinbar – manchesmal. Aber sie wird dir wiederkommen. Und dann mußt du sie in beide Hände fassen und sie tief und fest verankern. Und zu ihr sprechen: Bleibe da, sei ruhig!«
Niemand sprach zu mir, wenn ich froh war: »Menschenskind! deine hellen Augen freuen mich!«
Und doch und doch, – mein Glaube blieb leben und sprach zu mir, da ich tief daniedergedrückt war: »Einer wird kommen einmal, der deine Blicke trinkt. Einer wird vor dir stehen einmal und wird dich nehmen, imstande sein, dich zu nehmen, so wie du bist. Der Freund wird es sein, der Freund! Und lehnen wirst du dich an deinen Freund, die du heraufgefahren bist aus der Wüste, die du dich dein Lebenlang an niemanden ungestraft lehnen durftest, auf dieser deiner traurigen Fahrt. An ihn wirst du dich lehnen. Denn stark und ragend wird er sein und »auserwählt seine Gestalt, wie Zedern auf Libanon«.
Wenn ich sie auch an dir erlebte diese – Gefühlsverbröckelung? Was dann? Würde das Herz es ertragen? Dieses wehe, strömende, singende Herz?
Und du kommst und fragst: »Hast du mich auch noch lieb, Frowelin?« Und ich erwidere Dir: »Freund! Wenn Du mich auch verlässest – so bleibt mir – Gott!« – – –
Die Liebe, die Liebe! Was ist sie närrisch, was ist sie zweifelsüchtig! Die süße, die närrische, die furchtbare!
Ob ich diese Blätter unvernichtet ließe, wenn du mich enttäuschtest, Johannes? Mich aus allen Himmeln meines Glaubens rissest? Mein holdes Wunder, unser Wunderbares, verneintest, vernichtetest?
Was heißt enttäuschen? Wenn ein Mensch etwas begeht, was man ihm durchaus und niemals zugemutet hätte. Enttäuschen heißt vernichten.
Wenn du nun begingest, was ich dir niemals zumute, ja mit aller Phantasie mir nicht vorstellen kann, wenn du Lieblosigkeit an mir begingest? Wenn du die Todsünde begingest, den Mord an der heiligen Liebe?
Ließ ich die Blätter, die Blätter, die an dieser Liebe wurden, unvernichtet?
Lange habe ich darüber gerungen. Mir schien es, als zwänge mich eine Stimme, mich zu entscheiden. Als lebte ich in beständiger Einsturzgefahr, bevor ich mich nicht deutlich entschieden hätte in dieser unwahrscheinlichen Frage.
Und die Stimme, sie sprach zu mir, wie sie schon öfter mir aus dunkler Bewußtlosigkeit hell heraustönte: »Was immer geschehen mag mit dir, – rette mich, deine Stimme!«
Und die Stimme, die Stimme – sie ist in den Blättern!
Ich rette die Blätter, was immer geschehen mag mit – mir.
Wäre das, was sie entstehen ließ, nicht ein Wirkliches, ein Seiendes, wie ich dachte und wähnte, so wäre es doch so wirklich, so seiend, wie die Idee davon, die göttliche, die mir eingeborene, Eidea, gegen die das »Ding« selbst zum nichtigen Schemen wird, gegen die es erbleicht, wie ein fahles Abbild des einzigen wahrhaft Seienden.
Um der Eidea willen, der hohen, der ewigen, um jener »Idee« willen, die vernehmbar und sichtbar ward durch mich, – rettete ich die Blätter, was immer geschehen möge mit mir.
Es könnte ja geschehen. Wie, warum, weshalb – ich weiß es nicht. Aber geschehen könnte es, sicherlich. Es könnte geschehen, daß ich an Johannes erlebte, was ich an Dimitri erlebte, nur in milderem Tempo, sicherlich, und in sanfterer Tonart, sicherlich. Und tausendmal schlimmer, sicherlich. Denn dort war ein Wildes und Banges, was zusammen erlebt wurde, von Anfang an, hier ein frommer, seliger Glaube, an dem meine Seele klingend wurde. Es könnte dennoch geschehen.
Und daß ich mich hingab an das, was ich mit Johannes erlebte, nicht nur mit meiner weiblichen Person (das wäre keine so große Sache, das), aber mit meinem innigsten Glauben, mit dem Glauben des Stroms an seine Mündung, daß ich das ganze wunderholde Erleben für gültig nahm, über den Augenblick hinaus, der es entstehen ließ, daß ich mir alle Zweifelei so gern und so willig verscheuchen ließ, es wäre – eine maßlose Überhebung von mir gewesen. Überhebung eben das, was das ganze Glück war! Hybris wäre das gewesen, tief verhaßt den Göttern und von ihnen mit Vernichtung bestraft.
Das Wunderbare, das Wunderbare – es wäre aber doch. Hier in den Blättern. Würden sie mich denn nicht erdrücken, in Scham und Schmerz begraben, gerade diese Blätter?
Das Wunderbare – das war ja diese Hybris! Das war ja der bestätigte Glaube, der holde Glaube. Und seine Gestalt, des Freundes Gestalt, war es, die das alles trug. Was wäre es dann mit dieser Gestalt, mit diesem Glauben, mit diesem Wunderbaren?
Wie könnte ich es verantworten, die Blätter leben zu lassen?
Johannes, der Freund, der eins war mit der Gestalt, die ich liebte, – er, er löste sich dann von der Gestalt. Und mein Johannes, der, den ich in diese Blätter trug, näher wäre er der Göttlichen, der Idee, ihr, die uns wachsen macht über uns selbst hinaus, näher ihr wäre er dann, denn ihm, dem – andern.
Nicht mehr eins wären dann die beiden. Was sie in eins verschmolz war dies Herz, dies Herz. Menschenherz, das denkende, – dessen pochen kein Sphärengedonner übertönt. Mein Menschenherz, das bei jenem Auseinanderriß der beiden, die eins waren, wohl zerrissen würde, mitten durch.
Und das Wunderbare dieser Blätter? Es wäre dann für – Spätere. Um Spätere, Bessere, Stärkere, Schönere als wir, näher zu ihr zu bringen, zur Idee – dessen, was meine Hybris mir zuteil geworden wähnte.
Johannes, mein Freund, an dessen Gestalt ich mich tiefatmend lehnte, da ich heraufgefahren kam aus meiner Wüste, du, woher kommen diese Noten in mein Lied? Wirst du wohl über den von dir fort und der »Idee« dafür näher rückenden, über den also »idealisierten« Johannes dein Lachen finden, – dein gutes, gutes Lachen?
Ein Glaube, dem ich einen – Opferstoß entzündete.
Und dem ich einen Tempel baute.
Wenn sie mich trotzdem erreichte, die – Verödung? Und da ich in diesem Erleben gewesen, wär's eine, wie noch keine war. »Die ungeheure Zone der Finsternis, des Schweigens und des Eises.« So nennt es Maeterlinck.
Sie wäre es, die mich erwartete.
Den Gott verjagen und den Tempel – lassen?
Und – aus ihm heraustreten – und meine Straße gehen – und führte sie – – –
Du tadeltest einmal, scherzend, daß deine kleine Welle nicht genug an den großen Ozean denke, dem sie angehört. Doch, doch. Unrecht tatest du der kleinen Welle. Mit hunderten weißer Schaumfüßchen krabbelt so eine Welle ihrer Küste zu. Wichtig, eifrig und unbeirrbar tut sie das. Solange sie Welle ist, solange sie diese ihre Wellengestalt nicht verloren hat, an eine andere größere Gestalt, solange sie nicht aufgelöst wurde, in einer größeren Einheit, muß sie, gerade gemäß ihrer Rolle im großen Ozean, die Rolle ihrer winzigen Einheit mit großem Eifer und großer Wichtigkeit durchführen. Würden nicht Milliarden Wellen mit hunderten weißer Füßchen ihr kleines Ich eifrig dahin tragen, wohin es will (oder muß?), keinen Ozean gäbe es dann.
Du weißt, du verstehst, was deine Welle meint?
Tief unter ihrer wilden Brandung trägt sie, die Welle, ihre Kraft. Ihre Kraft – zu fließen. Sich aufzulösen, zu vergehen, wenn es sein soll. Ihres Elementes ist sie. Das weiß die Welle, glaub' es! Tief unter ihrer Brandung, unter ihrem Schaumgekräusel, das ihr Fuß wird und sie zu ihrer Küste trägt, weiß sie sich ihres Elementes.
Du verstehst, Johannes?
Erinnerst du dich der Worte Lenaus, aus jenem Buch, das seine Briefe an Sophie sammelt?
Sie fragte ihn, was mit ihm würde, wenn sie ihn nicht mehr liebte. Und er suchte und antwortete:
| »O still – ich könnte sonst erschrecken, |
| Könnt' ich den Winkel nicht entdecken, |
| Der unzerstört für Gott verbliebe, |
| Beim Tode deiner Liebe.« |
Unter der Brandung – weiß sich die Welle ihres Elementes.
O still – ich könnte sonst erschrecken ...
In einer Ode von Walt Whitman heißt es: »Kommt dir, Träumer, denn kein Gedanke, daß dies alles nur Maja sein könnte und Täuschung?« Maja ... Nicht anders konnte die heißen, von der diese Blätter erzählen. Aber die lebende Maja weiß von keiner Täuschung dessen, – der ihrem Herzen Treue hält! Und bist nicht Du es, so ist es der Geliebte ihrer Sehnsucht und sie gehört ihm – für Zeit und Ewigkeit.
Warum, warum sind diese Gefühle über mich gekommen? Woher? Was fiel mir da ins Herz und wuchs und trieb darin, bis es herausquoll mit seltsamen, düsteren Tönen?
Wie ein Saitenspiel ist dieses mein Herz. Und mit lebenbebenden Händen greife ich selbst hinein, mitten hinein. Und was mir da unter diesen bebenden Händen, die nicht ruhen können, die nicht los mehr kommen vom Instrument, geheimnisvoll gezwungen zum Spiel, erbraust, – o großer Gott, es ist ein volles Lied. Ich fühl's an der Bewegung der Saiten dieser meiner wunderbaren Laute. Die Symphonie erbraust.
Warum geschah es mir, – daß dieses Dunkle mir hineinklingen mußte in mein Lied? War es vielleicht, damit das Lied – ein echtes Menschenlied? Ward es deswegen über mich verhängt?
Sym – phonie! Phoné – die Stimme, der Ruf. Stimmenzusammenklang!
War es, daß kein Ruf, keine Stimme fehle, die dem Leben gehört?
Und in die jubelnden Passagen der Violinen und in das Geschmetter der Hörner mußte es hineintönen – wie die Stimme der Dunkelheit:
»So klopft das Schicksal an die Tür.«
Und ich greife und greife die Saiten. Und sie zucken und schwingen und tönen.
Und das Blut rieselt unter meinen spielenden Händen und strömt dahin, mir zu Füßen.
Fließe, fließe über die Erde, die braune, die geliebte, laß dich trinken von ihr und wachse auf aus ihr in glühender Glorie. Verströme mein Blut, und verströmte mein Leben darob.
Du bliebst bei mir, die Nacht. Sommerlich war sie. Verstrich und verblich so schnell. Wir merkten es kaum, da dämmerte es schon. Da drang es in sie, in die Nacht, lichter und immer lichter. Und es kündete ihn, den Tag, bevor er sich selbst noch deutlich war, wie mit Flötenton, kündete es ihn, – horch!
Heller als er selbst noch war, der Tag, drang es in ihn: tirillili.
Da liegt es vor mir, – ein Lied. Ich finde es hier und mich dabei, eine Feder liegt daneben und die Blätter, die Blätter vor mir. Es wird wohl so sein, daß ich es schrieb. Aber wie, wie geschah es?
Wie drang in das, was dämmerhaft, – »die heller war, die Melodie?«
»Es drang in sie.« Das Eindringende: das Bewältigende, das Stärkere. Der Tag, das männliche Prinzip, dringt in sie, die Nacht. Aber stärker und heller noch als er, ist, was der »Stimme«, des Vogels Stimme, da nach Melodie sie ringt, entquillt. Sie, die Melodie, überklingt den Tag.
Aber heller noch als diese Melodie, um die der Vogel rang, ist jene andere: die aus den Augen bricht als Licht! Menschenbewußtheit, deutlichste Melodie der Menschenstimme, – anima.
Sie überdringt, überklingt, überwältigt alles, alles, was dämmerhaft. Und dringt ein, zeugend.
Und siehe, – ein Paar auf dem Lager, ein Menschenpaar: Ursymbol des Gesanges von der Begattung des Dämmernden durch das Lichtere.
Näher, näher ist das Weib dem Dunkel, denn der Mann. Näher dem Kreißenden, aus dem – Welt ward, da die Stimme hineindrang, die das Licht befahl.
Es drang in sie, die Nacht, da sie als Chaos kreißte, – die heller war: die Melodie, – der Logos. Da ward sie Form und – Welt.
»Es drang in sie.« Wie drang es in mich, das Licht, das zeugende?
Woher?
Es klang in mir, und ich sang. Woher aber drang es in mich, so licht, so zeugend?
Mich schaudert.
Nicht wußt' ich, Johannes, da ich die Weise, die sich schlingende, in sich selbst eindringende, niederschrieb, nicht wußt' ich da, Johannes, – ihren Sinn.
Verstehe, verstehe, – Geheimnisvolles, Unsagbares: ich wußt' ihn nicht, den Sinn, der aus mir brach und sonnenklar jetzt niederliegt im Lied!
| »Es drang in sie, |
| die heller war, – die Melodie.« |
| Es drang, woher? |
| Und wer ist – er? |
Und sonnenklar darniederliegt – ein Sinn: Urgeheimnisse nahe. Und sonnenklar, schuf er, der Sinn, sich selbst die Form. Die Form, die wieder durch sich selbst schon – deutet, auf ihn, der sich sie schuf.
O sonderbares Geschehen. Ich schrieb das Lied nicht einmal, ich schrieb es mehrere Male. Und immer als ein anderes und doch dasselbe. Der Stoff, der Gedanke, der Gott kam in mehrfacher Gestalt. Ich hatte es hingeschrieben und dachte damit fertig zu sein. Aber siehe: der Vogel im Kopf sang weiter. Wie ohne mein Zutun. Er sang und sang dasselbe Lied, in anderer Tonart, und ich mußte ihnen nach, diesen Tönen.
O meine Lieder, ihr meine beschwingten! Werdet flügge, ihr Füße, werdet erbeutend ihr Hände, ihnen nach, meinen Liedern, ihnen nach!
Als ich mit Dimitri war, sagte er oft: »Singe doch! singe!« Und ich würgte und preßte an meiner Stimme, und nichts kam mir aus der Kehle, es sei denn ein Gekrächze. »Du hast keine Kraft«, sagte Dimitri. So war es. Unminne zerfraß meine Kraft!
Nun habe ich Kraft. Stark ist meine Stimme. Voll klingt mein Lied. Und das Lied, das Lied, das ist ja gerade – das Lied von dem Gesange! Was ich an ihr, der Stimme, erlebte, künde ich mit ihr! Und die vielen Lieder, die mir aufspringen, – ein einziger Gesang sind sie nur, tief in sich verbunden: der Gesang, den alle Singenden noch schuldig blieben, bis zum heutigen Tag.
Ich – bezahle. Für mich bezahle ich und alle die, die jemals sangen, denen Verkündigung ward, gleich mir. Für alle die, denen Gesang gegeben, bezahle ich, mit diesem Lied von der Stimme, meiner Stimme!
Ich weiß, ich weiß: eine Hand kann fallen auf mich, eine schwere Hand. Ein eisiger Hauch kann mich anwehen, plötzlich, von irgendwo, aus dem Geheimnis. Ein dunkler Blick kann mich treffen, aus einem Auge, das mir unsichtbar.
Und Anima, die tönende, verstummt, verfällt, versinkt mir, mit einem Schlag.
Es kann geschehen.
Aber ich will geopfert haben. Will entzündet haben den Stoß, für die hohe Zeit, da mir die Stimme, die eigene, einzige, mir selbst gehörende Stimme, – klang, ohne Unterlaß, vom frühen Morgen bis in den Schlaf der Nacht, da sie mir keine Stunde schwieg! Da ich außer mir war, außer dem Staube, ekstatisch, tönend, schauend. Fromm will ich mich dem Gott überlassen.
»Die Frage: Woher hat's der Dichter? geht auch nur aufs Was, vom Wie erfährt dabei niemand etwas.« Goethe.
Und wenn es doch gelänge, dieses zu künden? Dieses »Wie«?
Doch vielleicht einem Dichter gelänge?
»Gelänge« ist falsch. Es kann nicht »gelingen«. Geschehen muß es, mit ihm geschehen.
Und wenn es mit einer – Frau geschähe?
Aus dem Geschaffenen selbst, sich offenbarend – das Schaffen. Aus dem Gesange selbst – die Stimme!
Wenn es – geschähe?
Eine Antwort dann für Goethes fragenden Ruf?
| Wenn ihr klänge Amselflöte, |
| Hell ins Dämmergrau, |
| Wenn ihr sprühte Morgenröte, |
| Flammend aus dem Tau, |
| Wenn sie, opfernd, im Gebete |
| Ein Gesicht erschau', |
| Eine Antwort dann für Goethe |
| Fände eine – Frau? |
Eine Traumgestalt trat zum Sokrates und sprach zu ihm: »Mach und treibe Musik!«
Er aber deutete den Traum dahin, daß die Philosophie die vortrefflichste Musik sei.
Viel – Musik kommt mir von dir, du Musiker!
Von Unendlichkeit sprachst du mir. Ein Begriff ist's, über Menschenmaß. Diese Erde – eine Winzigkeit, gegen die ein Stecknadelkopf ein Kosmos erscheint.
Und ich, und ich?
Welten über Welten, Milchstraßen, Sphären, Sonnensysteme mit ihren Trabanten, unendlich, unermeßlich, unvergänglich.
Und ich, und ich?
Ich – denke sie. Ich bin das denkende Prinzip. Und nicht nur dies: Ich bin die Wärme. Die einzige Wärme im All – ist mein Menschenherz.
Kalt ist die Welt, kalt die Sphären, kalt die brennende Sonne. Allein das Menschenherz hat Wärme.
Das Herz ist die Wärme. Und die Wärme ist Helle. Und Helle ist der Gedanke. Und der Gedanke ist die Stimme, die rufende!
Und die Stimme ist Gott.
Das Herz ist Gott!
Und ich, ich Kreatur dieser Erde, gegen die, gemessen an der Unendlichkeit, ein Stecknadelknopf ein Kosmos ist, – ich trage es in mir, das Wärmende, Hellende, Rufende! Durch das die Sphären gedacht werden und die Milchstraßen – und der Amselschlag, am jüngsten Morgen.
Hörtest du das Tirillili?
Unser war es. Dein und mein. Unser Herz dachte es, wie es die Sphären denkt. Kein Gott nimmt uns das Tirillili. Kein Sphärengedonner übertönt's.
Und weh tut es oft, ob seiner großen Macht, mein – Herz. Es preßt und zieht sich oft so sonderbar zusammen – Johannes?
Wir wollen ja reisen. Es wird gut sein, wenn wir reisen. Das Herz –
Warum zittere ich so, wenn ich an die Blätter denke? Wenn wir reisen, ende ich die Blätter. Dann – singe ich nur noch, mit jener Kehlenstimme.
Zwei? Eine?
Ich schaudere, wie sie sich kündet, wie mir geschieht durch sie, anima mea.
Wir müssen reisen, Johannes. Das Herz –
Du spieltest mir gestern Wagner. Und ich versuchte meine Stimme, bis zur Brünhildhöhe. Und sie wuchs und wuchs mir und floß mit diesen Tönen fort. Und du stauntest, selig, daß es mir gelang. »Und das wird alles noch wachsen«, sagtest du, im Spiel.
Ich aber – sang:
| »Geh hin zu der Götter |
| Heiligem Rat! |
| Von meinem Ringe |
| Raun' ihnen zu: |
| Die Liebe ließe ich nie, |
| Mir nehmen nie sie, die Liebe!« |
Den Göttern wollte ich opfern. Daß sie uns gnädig vor Dämonen behüten mögen. Denn mir war immer bange vor Dämonen.
Und da entzündete ich diesen – Stoß.
Die Asche dir!
Hier stehe ich, – eine heidnische Priesterin. Eine »Stimme« habe ich gehört, die mir zu opfern befahl. Mit eigener Hand zu verbrennen, mein Eigenstes.
Und ich tue, wie mir geboten wurde.
Hier stehe ich, eine heidnische Priesterin! Gefäß war ich, in dem der Gott wohnte.
Herbei den Stoff, der verbrannt werden soll, den kostbaren Stoff: diese verrauschten Liebesjahre.
Herbei die Opfer, die Menschenopfer: meine Leichen.
Und nun: Feuer daran, mit eigener Hand.
Nicht gezittert, Priesterin! Tue, was deines Amtes ist!
Und ich werfe sie hinein, die brennende Fackel, mitten hinein, mit eigener Hand.
Wild und prasselnd schlägt es auf. Und Stimmen höre ich aus dem Brande:
»– – – Priesterin, – nahe, nahe bist du den Flammen! Siehe zu, daß sie nicht dein Gewand ergreifen!«
Und wenn sie es ergriffen?! Wäre es denn ein Priestergewand, ein geheimnisvoll geweihtes, gefeites, wenn sie es verzehren könnten, diese Flammen?
Und hier in dieser opfernden Hand halte ich den Becher, voll bis zum Rande, den vollen, wahrlich übervollen Becher meiner Leiden. Ich gieße ihn aus, auf Opfer und Altar.
Und hier – die Lust, die ich genossen habe, ich streue sie hinein in die Flammen, wie reifes Getreide.
Seid ihr's zufrieden, Götter?
Da war mir's, als hörte ich aus dem Brande ein wildes und doch heiliges Lied: ein christliches Lied, aus dem heidnischen Kult, ein fanatisches Büßerlied, wie die zornigen Apostel der Heilsarmee es den irdisch Versuchten in die Ohren gellen. Es dröhnte mir entgegen aus dem wilden Geprassel: »Rette, rette deine Seele!«
Und bange starrte ich in das Flammenmeer.
Und da – siehe, – da, was ist dies? Was flog da auf aus der Glut? Flammengerettet, schmetternd, alle Stimmen überschmetternd, übertönend, die Stimme, anima, mein Phönix, mein unverbrennbarer!
Werft mir Räucherwerk in die Flammen, daß das Opfer den Göttern gefällig sei. Wie es zischend hineinfällt und sie sprühen macht. Und wie mir alles, alles verbrennt und verglüht. Keine Schlacke bleibt mir im Opferstoß. Dämpfe, weiße Dämpfe steigen auf aus der Lohe, Dämpfe, die in den Lüften immer reiner, immer klarer und klarer werden.
In die Höhen entführt, was ich irdisch verbrannte!
Wohl mir: die Götter sind gnädig.
Ich habe verbrannt. Ich habe geopfert. Ich habe getan, was meines Amtes war, was mir geboten wurde.
Und nun, nun?
Mein Unverbrennbares weiß ich gerettet.
Und nun, nun?!
Ach, die frohen Noten da in dem Lied! All die frohen Noten, die da noch die Köpfchen heben und herausspringen möchten aus dem Lied, – ich glaube, – Scherze, Scherze.
Was wird kommen? Das Singen, das große Singen, Johannes, und das frohe, verfolgende Jagen und das Tragen dabei, und in alledem, – dazwischen, darüber, darunter, – das Strömen der gewaltigen Welle! Blutrot war, ist sie gefärbt, diese Lebenswelle.
Denn von meinem Herzen nährte sie sich.
Alles, alles aus meinem Herzen: mein Singen, mein Lieben, mein Sein.
Und dieses Herz, von dem das alles kam, kommt, das Herz, – es zieht, es preßt sich mir oft so sonderbar zusammen, es wird nicht mehr wollen, Johannes, nicht mehr können, wenn das Letzte gegeben ist, was ich noch schuldig bin, wenn ich herausgerettet habe aus mir, – was ich noch schuldig bin.
Es wird dann nicht mehr können, das Herz, – Johannes!
Und die Stimme, die Stimme, auch sie – was soll nun noch kommen mit ihr, von ihr?
Ein großer Gesang pflegt über manche Vögel zu kommen. Nicht nur über Schwäne, auch über die farbigen, sonnenfrohen, indischen Vögel, die Richard Wagner hielt und von denen er Mathilde erzählte. Ein großer Gesang kommt über sie und bricht heraus, strömt, strömt.
Und mit ihm verströmen sie ihr Leben. Denn davon nährte sich das Lied, und nahm es mit, da es verklang.
Unter meinen Fenstern, der Friedhof, er steht jetzt nicht in Blüte, – es kommt ja jetzt der Herbst. Und wir wollen nach Italien, zur Sonne, wallfahren, opfern.
Wenn es, wenn ich – wenn es geschehen sollte, – nicht trauern, niemals trauern! Es bleibt ja von mir – all mein Gesang und all meine Seele ...
Und die Blätter, die Blätter, die bleiben auch.
Und du, du wirst sie flattern lassen, in alle Winde, in alle Weiten, denn Majas Stimme ist darin, die du so sehr liebtest und die du gehört haben wolltest, über alle Weiten!
Und dann, dann?
Nicht trauern, wenn es geschieht, nicht, nicht trauern.
»Daß er treu das Geliehene hüte!«
Das Geliehene – es bleibt ja.
Die Vögel, die so verstarben, waren sie denn nicht die wahrhaft Geretteten?
Entrissen werden von deinen geliebten, liebreichen, pflegenden Händen, allem, was mich bedroht, allen Dämonen entrissen werden, von deinen starken, liebreichen Händen, heil gepflegt, noch einmal, heil gepflegt von dir?
Oder muß ich vergehen an dieser Lebenswelle? Vergehen, bevor sie ein einziges Mal noch ebbte, – es wäre ein seliges Sterben.
Muß ich vergehen – weil das Lied so stark war?
Die Melodie, die Melodie, – wer lieh sie mir doch? Wer war denn da in mir? Wer lieh, – wer war – wie kam – wie war das doch, Johannes, das mit der – – – Stimme?
Eine geheimnisvolle Doppelgeschichte ....
Wie – war das doch – Johannes?