Von allerhand Schiffen.

Der moderne Dampfer.

Wir leiden an einem allgemein verbreiteten Aberglauben – wir bilden uns nämlich ein, die Veränderungen, die täglich auf der Welt statthaben, selbst mitzuerleben, weil wir in den Zeitungen darüber lesen und einen oberflächlichen Begriff von ihrer Art haben. Ich hätte nicht gedacht, daß das moderne Schiff eine Ueberraschung für mich sein könnte – aber es ist so! Und zwar könnte die Ueberraschung wohl kaum größer sein, wenn ich niemals irgend etwas darüber gelesen hätte. Ich spaziere auf diesem großen Schiff, der ›Havel‹ herum, während es sich seinen Weg über den Atlantischen Ozean pflügt, und alle Einzelheiten, auf die mein Auge fällt, erinnern mich an ihre Miniaturvorbilder in den kleinen Schiffen, auf denen ich vor vierzehn, siebzehn, achtzehn, zwanzig Jahren den Ozean durchquerte.

Auf der ›Havel‹ kann man sich’s in mancher Beziehung behaglicher machen als in den besten Gasthöfen des europäischen Festlands. So z. B. hat das Schiff mehrere Badezimmer mit einer praktischen und hübschen Einrichtung wie in einem schönen Privathaus in Amerika; in den europäischen Hotels dagegen gilt gewöhnlich eine Badstube für ausreichend, und meistens ist diese schäbig ausgestattet und befindet sich in irgend einem abgelegenen Winkel des Hauses; außerdem muß man sich so lange vorher zum Baden anmelden, daß einem schließlich die Lust vergangen ist, wenn man endlich an die Reihe kommt. In den Hotels gibt es recht viele verschiedenartige Geräusche, die einem den Schlaf rauben; in meiner Kabine auf dem Schiff höre ich keinen Laut. In den Hotels wird gewöhnlich um Mitternacht das elektrische Licht abgestellt; auf dem Schiff kann man es die ganze Nacht im Schlafzimmer brennen lassen.

Auf dem Dampfer ›Batavia‹, mit welchem ich vor zwanzig Jahren fuhr, war in der Scheide zwischen zwei Passagierkajüten eine Kerze angebracht, die die beiden Räume beleuchten sollte, aber nicht einmal einen einzigen erhellte. Um 11 Uhr abends wurden diese Kerzen ausgelöscht und zugleich mit ihnen alle Salonlampen mit Ausnahme von einer oder zweien; diese blieben brennen, damit doch die Passagiere sehen könnten, wie sie beim Herauskrabbeln in der Finsternis das Genick brächen. Bei Tisch saßen die Fahrgäste auf langen Bänken aus dem allerhärtesten Holz; auf der ›Havel‹ sitzt man auf einem Drehstuhl mit gepolsterter Rückenlehne. In jenen alten Zeiten war die Speisekarte immer die gleiche: ein Teller einfacher Suppe, gekochter Schellfisch mit Kartoffeln, steinhartes, gekochtes Rindfleisch; als Nachtisch: gestovte Pflaumen – Sonntags ›Mehlbeutel‹, Donnerstags ›Plumpudding‹. Auf dem modernen Schiff ist das auserlesene ›Menu‹ mit vieler Kunst zusammengestellt und bietet täglich etwas anderes. In der alten Zeit glich das Mittagessen auf dem Schiff einer Leichenmahlzeit; heutzutage belebt ein unsichtbares Orchester es mit reizender Musik. Früher war das Verdeck immer naß; jetzt ist es da für gewöhnlich trocken, denn das Promenadendeck ist überdacht und nur selten schlägt eine Welle über Bord. Bei einigermaßen bewegter See konnte ein Landmensch früher sich kaum auf den Beinen halten; in unseren Tagen sind bei derartigem Seegang die Decks so eben wie ein Tisch. Früher war das Innere eines Schiffes höchst einfach und kahl; man schien sich die größte Mühe gegeben zu haben, etwas recht Häßliches und Unbequemes auszudenken. Das moderne Schiff ist ein Wunderwerk von reichem und kostbarem Schmuck und von prachtvoller Ausstattung; es ist mit jeder Behaglichkeit und Bequemlichkeit versehen, die für Geld sich beschaffen läßt. Auf den alten Schiffen war der einzige Versammlungsort der Speisesaal, die neuen besitzen mehrere geräumige und schöne Unterhaltungssäle. Rauchgelegenheit gab es in den alten Schiffen für den Passagier nur in der sogenannten ›Violine‹. Das war ein scheußliches Loch, eine rohgezimmerte Bretterbude, die zum Schutz der Hauptluke dienen sollte. Drinnen war es unbehaglich und schmutzig; Stühle gab es nicht; das einzige Licht gab eine Tranfunsel; es war sehr kalt und niemals trocken, denn durch die Bretterfugen brach alle Augenblicke das Wasser der Sturzseen herein und machte dieses Kellerloch gründlich naß. In den modernen Schiffen gibt es drei oder vier große Rauchzimmer mit Spieltischen und gepolsterten Sofas und Dampfheizung und elektrischer Beleuchtung. Wenig europäische Hotels haben solche Rauchzimmer.

Die früheren Schiffe waren aus Holz und hatten in ihrem Raum zwei oder drei wasserdichte Abteilungen mit Türen, die häufig offen standen – besonders wenn das Schiff gerade auf einen Felsen auflief. Der moderne Leviathan ist aus Stahl erbaut, und die wasserdichten Schotten haben keine Türöffnungen; sie teilen das Schiff in neun oder zehn wasserdichte Räume, so daß es zählebig geworden ist wie eine Katze. Daß diese Einrichtung völlig ihren Zweck erfüllt, wurde bei dem denkwürdigen Unfall dargetan, der vor ein paar Jahren der ›City of Paris‹ zustieß.

Was einem auf dem großen modernen Schiff vor allem andern sofort auffällt, ist das vollständige Fehlen von Wirrwarr, Geklapper, Füßegetrampel und Kommandogebrüll. All dieser Lärm gehört der Vergangenheit an. Die verwickelten Manöver beim Heranbringen des Schiffes an seinen Landungsplatz vollziehen sich geräuschlos; man sieht nichts von den Arbeiten, hört keine Befehle geben. Eine sonntäglich feierliche Stille herrscht statt des Lärmens und Tobens früherer Zeiten. Das neuzeitliche Schiff besitzt eine geräumige Kommandobrücke, die zu beiden Seiten bis zu Kinnhöhe mit Segeltuch abgesperrt und deren Fußboden mit einem hölzernen Rösterwerk bedeckt ist; und auf dieser Brücke nebst ihren ebenfalls eingefaßten Fortsetzungen vorn und hinten könnte bequem eine Versammlung von hundertundfünfzig Menschen sitzen. Es sind drei Steuervorrichtungen vorhanden, von denen jede für sich allein ausreicht, falls die beiden andern brechen sollten. Von der Brücke aus wird das Schiff gelenkt und auch gesteuert. Dabei wird aber nicht gerufen, oder gepfiffen, sondern die Zeichen werden mittels eigenartiger selbsttätiger Gongs gegeben. Der Offizier achtern beim Steuer kann von der Brücke aus nicht gesehen werden und ist so weit ab, daß er sogar Trompetensignale nicht hören würde; aber die Gongs neben ihm sagen ihm, was er zu machen hat; er hört, aber die Passagiere hören nichts, und so sieht es aus als ob das Schiff ohne menschliche Hilfe selber seine Landung bewerkstelligte.

Diese große Kommandobrücke befindet sich dreißig oder vierzig Fuß über der Wasserlinie; aber die See schlägt zuweilen so hoch hinauf, darum ist für solche Notfälle noch eine zweite Brücke 12 oder 15 Fuß höher angebracht. Mit der Gewalt des Wassers ist es eine eigentümliche Sache. Es schlüpft einem wie Luft zwischen den Fingern durch, gelegentlich aber wirkt es wie ein fester Körper und biegt einen dünnen Eisenstab krumm. Auf unserer ›Havel‹ zersplitterte es eine Reeling, daß sie aussah wie ein Besen, anstatt sie einfach entzwei zu brechen wie man doch hätte erwarten sollen. Aber das Wasser hat sogar noch sonderbarere Sachen gemacht und zwar in Fällen, die glaubhaft bezeugt worden sind. Ein Marlpfriem ist ein etwa fußlanges, schweres eisernes Werkzeug, das nach dem einen Ende zu dünner wird und in eine scharfe Spitze ausläuft. Eine Welle schlug über Bord eines Schiffes und raste in Brusthöhe nach hinten; sie riß einen Marlpfriem mit sich und zwar, die Spitze voran, mit solch blitzgleicher Schnelligkeit und Gewalt, daß das Eisen drei oder vier Zoll tief einem Matrosen in den Leib fuhr und ihn tötete.

Auf alle Fälle muß unser heutiger Weltmeer-Windhund auf jemanden, der keine Vorstellungen von modernen Schiffstypen in seinem Kopf hat, einen gewaltigen Eindruck machen. An Leibesumfang kann so ein Dampfer es beinahe mit der Arche aufnehmen, und doch wird diese ungeheuerliche Stahlmasse in 24 Stunden 500 Meilen durch die Wogen getrieben. Ich erinnere mich der Renommierreise eines Dampfers, in welchem ich einmal auf dem Stillen Ozean fuhr: 209 Meilen in 24 Stunden. Ungefähr ein Jahr später war ich Fahrgast auf der Vergnügungsgondel ›Quaker City‹, und eines Tages, bei spiegelglatter See, sollte sie, wie behauptet wurde, von einem Mittag zum andern 211 Meilen heruntergehaspelt haben, aber vermutlich war das eine Lüge zu Reklamezwecken. Der kleine Dampfer hatte 70 Passagiere und 40 Mann Besatzung, und man kam sich vor wie in einem Bienenstock. Aber hier auf unserm Schiff verbringen wir in einer Art Einsamkeit diese angenehmen Sommertage; manchmal sieht man 100 Passagiere über die weiten Räume verstreut, manchmal bemerkt man keinen einzigen; dabei sind sie irgendwo in des Schiffes Leib verborgen, denn einschließlich der Besatzung sind beinahe 1100 Menschen auf der ›Havel‹ vorhanden.

In der guten alten Zeit kletterten die Schifflein die Woge hinauf und wälzten sich auf der andern Seite in das Wellental hinunter; unsre jetzigen Riesenschiffe erklimmen nicht die Wellen, sondern brechen sich mit Gewalt ihren Weg durch die Fluten. Mit ihrer ungeheuren Wucht, Masse und Kraft meistern sie alle Wogen, wenn nicht gerade ein außergewöhnlicher Sturm herrscht.

Wie erfindungsreich sind doch die Menschen – d. h. die Menschen der Gegenwart! Heute fand ich im Kartenhaus an der Wand einen Rahmen mit beweglichen hölzernen Schildern, und auf den Schildern einige mir unverständliche Inschriften:

Kielbehälterleer
Doppelboden Nr. 1voll
Doppelboden Nr. 2voll
Doppelboden Nr. 3voll
Doppelboden Nr. 4voll

Während ich darüber nachdachte, was das wohl für ein Spiel sein möchte, und wie ein Fremder sich einige Fertigkeit darin erwerben könnte, kam ein Matrose herein, nahm das ›Leer‹ der obersten Zeile heraus und drehte das Schildchen um, worauf er es wieder an seinen Platz steckte; jetzt lautete diese Inschrift ebenfalls ›voll‹. Er nahm noch irgend eine andre Aenderung vor, doch bemerkte ich nicht, worin sie bestand. Die Bedeutung der Schildertafel war bald erklärt. Sie diente dazu um anzuzeigen, wie der Ballast auf dem Schiff verteilt war. Das Verblüffende dabei war, daß dieser Ballast aus Wasser bestand. Ich wußte nicht, daß jemals ein Schiff als Ballast Wasser eingenommen hatte. Ich hatte nur mal irgendwo gelesen, es sollten in dieser Richtung Versuche angestellt werden. Aber das kennzeichnet unsre Neuzeit: zwischen den Versuchen mit einer Neuerung und ihrer Einführung wird keine Zeit vertrödelt, sobald man die Brauchbarkeit erprobt hat.

An der Wand, dicht neben der Schildertafel, war ein Aufriß des Schiffes, und diese Zeichnung enthüllte mir die Tatsache, daß das Schiff 22 ganz ansehnliche Wasserseen in seinem Leibe hatte. Diese Seen sind zwischen dem Boden des Schiffes und einem falschen Boden eingesperrt. Sie sind von einander durch wasserdichte Querschotten und in der Mitte durch ein Längsschott getrennt, das vom Bug des Schiffes über vier Fünftel der ganzen Länge nach hinten läuft. Dadurch wird eine 400 Fuß lange Kette von 5 bis 7 Fuß tiefen Seen hergestellt. Vierzehn von diesen Seen enthalten vom Lande mitgebrachtes Trinkwasser im Gesamtgewicht von 400 Tonnen. In den andern befindet sich Salzwasser – 618 Tonnen. Alles zusammen mehr als 2000 Zentner Wasser.

Man bedenke wie bequem dieser Ballast zu handhaben ist. Wenn das Schiff den Hafen verläßt, sind die Seen alle voll. Wenn durch den Kohlenverbrauch unterwegs das Gewicht des Schiffes sich vermindert, kommt dieses aus dem Gleichgewicht – der Bug hebt sich empor, der Stern sinkt tiefer ein. Man läßt einfach einen von den am Stern angebrachten Wasserseen in das Meer auslaufen, und das Gleichgewicht ist wiederhergestellt. Dies kann wiederholt werden, so oft die Gelegenheit es erfordert. Auch kann mittels Röhren und Dampfpumpwerk der Inhalt eines Sees von dem einen Ende des Schiffes nach dem anderen überführt werden. Die Aenderung, die heute der Matrose an der Schildertafel vornahm, bezog sich auf eine derartige Ueberführung. Der Seegang war stärker geworden, man mußte dem Schiffsbug mehr Gewicht geben, damit der Dampfer nicht die Wogen hinaufkletterte anstatt sie zu durchbrechen; deshalb waren 500 Zentner, die den Inhalt eines ganz hinten belegenen Behälters gebildet hatten, nach dem Bug gepumpt worden.

Ein Wasserbehälter ist entweder ganz voll oder ganz leer; die Wassermasse muß ein festes Ganzes bilden, so daß sie nicht hin- und herschlagen kann. Ein beweglicher Ballast würde natürlich nicht seinen Zweck erfüllen.

Das moderne Schiff ist voll von schönen sinnreichen Einrichtungen; aber die Einführung des Wasserballastes schießt meiner Meinung nach den Vogel ab. Wenn ich diesen Gedanken gehabt hätte, so würde ich darauf stolzer sein als auf irgend was andres. Vielleicht ist bis auf unsre Tage ein Schiff niemals in vollkommenem und stets leicht zu regelndem Gleichgewicht gewesen. Ein nicht im Gleichgewicht befindliches Schiff aber gehorcht dem Steuer nicht, seine Schnelligkeit wird beeinträchtigt, es kämpft einen mühseligen Kampf mit den Wogen. Das arme Ding! sechstausend Jahre lang hat es sich plagen müssen, und erst in diesen allerletzten Tagen hat man’s ihm bequem gemacht! Sechs Jahrtausende lang schwamm es in dem besten und billigsten Ballast von der Welt, dem einzigen wirklich vollkommenen Ballast, aber das Schiff konnte seinem Herrn nichts davon sagen, und dieser hatte nicht so viel Grütze, von selber auf den Gedanken zu kommen. Es ist ein eigentümliches Gefühl, wenn man sich bewußt wird, daß im Schiff beinahe ebensoviel Wasser ist wie draußen, und daß trotzdem keine Gefahr vorhanden ist.

Die Arche Noäh.

Der seit Noahs Zeiten in der großen Kunst des Schiffsbaues gemachte Fortschritt ist sehr bemerkenswert. Auch steht die in den Tagen des guten alten Noah in der Handhabung der Schiffahrtsgesetze übliche Laschheit in schneidendem Gegensatz zu der Festigkeit, womit sie in der Gegenwart zur Anwendung gebracht werden. Es ist ausgeschlossen, daß Noah jetzt tun dürfte, was ihm damals erlaubt war. Erfahrung hat uns von der Notwendigkeit überzeugt, es genauer zu nehmen und mehr auf die Erhaltung von Menschenleben bedacht zu sein. Heutzutage würde Noah nicht die Erlaubnis erhalten, von Bremen abzusegeln. Die Inspektoren würden kommen und die Arche untersuchen, um alle möglichen Einwendungen zu erheben. Wer Deutschland kennt, kann sich den Auftritt und das Gespräch ohne Schwierigkeit und in allen Einzelheiten vorstellen.

Der Inspektor in schöner militärischer Uniform, ehrerbietig würdevoll, freundlich, ein vollkommener Gentleman, aber unverrückbar wie der Polarstern in Bezug auf die geringsten Erfordernisse seiner Dienstpflicht. Noah würde ihm erzählen müssen, wo er geboren und wie alt er wäre, zu welcher Religionsgemeinschaft er gehörte, wie groß sein Einkommen wäre, auf welcher Stufe der gesellschaftlichen Rangleiter er stünde, welchen Beruf er ausübte, wie viele Frauen und Kinder er hätte, auch wie viele Dienstboten, und von ihnen allen würde er Namen, Geschlecht und Alter angeben müssen; wenn er keinen Paß hätte, würde er höflich ersucht werden sich schleunigst einen zu besorgen. Dann würde der Inspektor sich um die Arche selber bekümmern:

»Wie lang ist sie?«

»Sechshundert Fuß.«

»Wie tief?«

»Fünfundsechzig.«

»Die Breite?«

»Hundert Fuß.«

»Gebaut aus …?«

»Holz.«

»Was für Holz?«

»Tannenholz.«

»Innere und äußere Verzierungen?«

»Verpicht inwendig und auswendig.«

»Passagiere?«

»Acht.«

»Geschlecht?«

»Die Hälfte männlich, die andere weiblich.«

»Alter?«

»Von hundert Jahren an aufwärts.«

»Wie hoch aufwärts?«

»Sechshundert.«

»Ah – gehen nach Chicago. Uebrigens guter Einfall. Name des Arztes?«

»Einen Arzt haben wir nicht.«

»Müssen einen Arzt besorgen. Auch einen Proviantmeister – letzterer ist ganz besonders nötig. Die Leute dürfen in ihrem hohen Alter nicht die notwendigsten Lebensbedürfnisse entbehren. Besatzung?«

»Dieselben acht.«

»Dieselben acht?«

»Dieselben acht.«

»Und die Hälfte davon Weiber?«

»Jawohl.«

»Haben sie je zur See gedient?«

»Nein.«

»Aber die Männer?«

»Auch nicht.«

»Ist überhaupt jemand von euch je zur See gewesen?«

»Nein.«

»Wo sind Sie denn aufgewachsen?«

»Alle zusammen auf einem Bauernhof.«

»Das Schiff braucht eine Besatzung von 800 Mann, da es kein Dampfer ist. Sie müssen die besorgen. Es muß 4 Steuerleute und 9 Köche haben. Wer ist der Kapitän?«

»Ich.«

»Sie müssen einen Kapitän anstellen. Auch ein Stubenmädchen. Ferner Krankenpflegerinnen für die alten Leute. Wer entwarf den Bauplan des Schiffes?«

»Das tat ich.«

»Ist es Ihr erster Versuch dieser Art?«

»Jawohl.«

»Das dachte ich mir so halb und halb. Ladung?«

»Tiere.«

»Was für Arten?«

»Sämtliche Arten.«

»Fremdländische oder einheimische?«

»Meistens fremdländische.«

»Welches sind die hauptsächlichsten wilden?«

»Megatherium, Elefant, Nashorn, Löwe, Tiger, Wolf, Schlangen – alles wilde Getier aus allen Zonen – von jeder Sorte zwei.«

»Sicher in Käfigen untergebracht?«

»Nein, nicht in Käfigen.«

»Sie müssen eiserne Käfige haben. Wer besorgt Futter und Wasser für die Menagerie?«

»Wir.«

»Die alten Leute?«

»Ja.«

»Das ist gefährlich – für beide Teile. Für die Tiere muß von sachverständigen Leuten gesorgt werden. Wie viele Tiere sind vorhanden?«

»Große: 7000; große und kleine zusammen: 98 000.«

»Sie müssen 1200 Wärter besorgen. Wie ist das Schiff beleuchtet?«

»Durch zwei Fenster.«

»Wo sind die?«

»Oben unter den Dachrinnen.«

»Zwei Fenster für einen 600 Fuß langen und 65 Fuß tiefen Tunnel? Sie müssen sich elektrisches Licht zulegen – ein paar Bogenlampen und 1500 Glühlichter. Was machen Sie, falls das Schiff leck wird? Wie viele Pumpen haben Sie?«

»Keine, lieber Herr.«

»Sie müssen Pumpen besorgen. Wie bekommen Sie Wasser für die Passagiere und die Tiere?«

»Wir lassen von den Fenstern aus Eimer herunter.«

»Das ist unzulänglich. Was ist Ihre Triebkraft?«

»Was für was?«

»Triebkraft. Welche Kraft benutzen Sie, um das Schiff fortzubewegen?«

»Keine.«

»Sie müssen Segel oder Dampfmaschinen besorgen. Von welcher Art ist Ihr Steuerapparat?«

»Wir haben gar keinen.«

»Haben Sie nicht ein Steuerruder?«

»Nein.«

»Wie steuern Sie denn das Schiff?«

»Wir steuern nicht.«

»Sie müssen ein Steuer besorgen und es mit der geeigneten Vorrichtung versehen. Wie viele Anker haben Sie?«

»Keine.«

»Sie müssen sechs anschaffen. Man darf in einem Schiff wie das Ihrige nicht ohne dieses Schutzmittel segeln. Wie viele Rettungsboote haben Sie?«

»Keine, lieber Herr.«

»Schaffen Sie 25 an. Wie viele Schwimmgürtel?«

»Keine.«

»Sie werden 2000 anschaffen. Wie lange, denken Sie, wird Ihre Reise dauern?«

»Elf oder zwölf Monate.«

»Elf oder zwölf Monate … Ziemlich langsam. Aber Sie werden noch rechtzeitig zur Ausstellung kommen. Womit ist Ihr Schiff beschlagen – mit Kupfer?«

»Der Schiffsrumpf ist nackt – ist überhaupt nicht beschlagen.«

»Mein lieber Mann, die Bohrmuscheln draußen in der See würden das Schiff wie ein Sieb durchlöchern, und in drei Monaten würde es drunten auf dem Meeresboden liegen. Ihr Schiff darf nicht die Erlaubnis erhalten, in solchem Zustand abzufahren; es muß beschlagen werden. Nun noch eins: Haben Sie sich auch überlegt, daß Chicago eine Binnenstadt und für Schiffe Ihres Kalibers nicht erreichbar ist?«

»Schikargo? Was ist Schikargo? Ich beabsichtige nicht nach Schikargo zu fahren.«

»Nicht? Darf ich mir dann die Frage erlauben, was für einen Zweck die Tiere haben?«

»Die sind bloß dazu da, andre zu züchten.«

»Andre? Ist es denn möglich, daß Sie noch nicht genug haben?«

»Für die augenblicklichen Bedürfnisse der Zivilisation – ja! Aber der Rest wird in einer Flut ertrinken, und diese hier sind dazu bestimmt, den Vorrat wieder zu ergänzen.«

»In einer Flut?«

»Ja.«

»Wissen Sie das gewiß?«

»Ganz bestimmt. Es wird vierzig Tage und vierzig Nächte regnen.«

»Machen Sie sich darum keine Sorgen, lieber Herr; das kommt hier oftmals vor.«

»Nicht diese Art von Regen! Mein Regen wird die Bergspitzen bedecken und das Land wird völlig unsichtbar werden.«

»Im Vertrauen – aber natürlich nicht in meiner Eigenschaft als Beamter – gesagt: es tut mir leid, daß Sie mir diese Eröffnung gemacht haben; denn nun bin ich gezwungen, die Ihnen vorhin erteilte Erlaubnis, nach Ihrem Belieben zwischen Segel oder Dampf zu wählen, wieder zurückzuziehen. Ich muß Sie ersuchen Dampf anzuwenden. Ihr Schiff kann nicht den hundertsten Teil des für eine elfmonatliche Fahrt notwendigen Wasservorrats für die Tiere mit sich führen. Sie werden sich eine Destillationsanlage anschaffen müssen.«

»Aber ich sage Ihnen ja, daß ich das Wasser auf der Außenseite mittels Eimer schöpfen werde.«

»Das wird nichts nützen. Bevor die Flut die Bergspitzen erreicht, werden die süßen Gewässer mit dem salzigen Meerwasser zusammengelaufen sein und werden ebenfalls salzig werden. Sie müssen sich Dampfbetrieb zulegen und Ihr Wasser destillieren … Nun will ich mich von Ihnen verabschieden, verehrter Herr. Wenn ich Sie recht verstand, so sagten Sie ja wohl, dies sei Ihr allererster Versuch in der Schiffsbaukunst?«

»Mein allererster, Herr Inspektor: darauf gebe ich Ihnen mein Ehrenwort. Ich baute diese Arche, ohne vorher jemals die geringste Uebung oder Unterweisung in Schiffsbaukunde gehabt zu haben.«

»Es ist eine bemerkenswerte Leistung, geehrter Herr, eine sehr bemerkenswerte Leistung. Es sind darin meiner Meinung nach mehr neue – völlig neue und unabgedroschene – Züge als in jedem andern Schiff, das auf den Meeren schwimmt.«

»Dies Kompliment erweist mir unendliche Ehre, lieber Herr, – unendliche! – und ich werde es mit Freuden in meiner Erinnerung bewahren, so lange mein Leben währet. Mein Herr, ich sage Ihnen meinen gebührenden und tiefst empfundenen Dank. Adieu!«

Nein, der deutsche Inspektor würde gegen Noah über die Maßen höflich sein; Noah würde das Gefühl gewinnen, daß er unter Freunden sei; aber in See würde der Inspektor ihn mit seiner Arche nicht gehen lassen.

Kolumbus und sein Schiffchen.

In der Zwischenzeit von Noahs Erbauung der Arche bis zu Kolumbus’ Entdeckungsfahrt machte die Schiffsbaukunst etliche Veränderungen zum Bessern durch; war sie zuerst unaussprechlich kläglich gewesen, so erhob sie sich jetzt auf einen Standpunkt, den man als ›weniger unaussprechlich kläglich‹ bezeichnen kann. Ich habe mal irgendwo gelesen, eins von Kolumbus’ Fahrzeugen sei ein Neunzigtonnenschiff gewesen. Vergleicht man dieses Schiff mit den Ozean-Windhunden unsrer Tage, so kann man sich einigermaßen einen Begriff machen, wie klein die spanische Bark war und wie wenig sie geeignet sein würde, im heutigen Passagierverkehr über das Atlantische Meer den Wettbewerb aufzunehmen. Nicht weniger als 74 von ihrer Sorte wären nötig, um den Tonnengehalt der ›Havel‹ zu erreichen. Wenn mein Gedächtnis mich nicht täuscht, brauchte sie 10 Wochen zur Ueberfahrt. Nach unsern heutigen Begriffen würde das als schauderhafte Bummelei gelten. Wahrscheinlich hatte das Schiff als Besatzung einen Kapitän, einen Steuermann, vier Matrosen und einen Schiffsjungen. Die Bemannung eines modernen Schnelldampfers besteht aus 250 Menschen.

Da Kolumbus’ Schiff klein und sehr alt war, so können wir aus diesen beiden Tatsachen mit unumstößlicher Sicherheit auf verschiedene weniger wichtige Umstände schließen, von denen die Weltgeschichte nicht berichtet. Zum Beispiel: Da das Schiff klein war, so wissen wir, daß es bei jedem gewöhnlichen Seegang rollte und stampfte und schlingerte und daß es bei tüchtigem Sturm entweder auf dem Kopf oder auf dem Hinterteil stand, oder mit der Seite auf dem Wasser lag. Fortwährend schlugen Sturzseen über Bord und wuschen das Deck vom Steven bis zum Stern. Die ganze Reise über waren die Sturmleisten auf dem Eßtisch, und trotzdem bekam einer seine Suppe öfter auf die Hosen als in den Magen. Der Speisesaal maß ungefähr 10 zu 7 Fuß, war dunkel, unlüftbar und von einem erstickenden Oeldunst erfüllt. Ferner war nur eine einzige Kajüte vorhanden; sie hatte die Größe eines Grabes und enthielt zwei oder drei übereinander gestellte Betten von der Größe und Bequemlichkeit von Särgen; wenn das Licht ausgelöscht war, herrschte in dieser Kajüte eine Finsternis von einer Dicke und Greifbarkeit, daß einer hineinbeißen und sie wie Gummi kauen konnte. Der einzige Raum, wo ein Mensch sich frei bewegen konnte, befand sich hinten auf dem hochaufragenden Hüttendeck – ein Streifen von 16 Fuß Länge und 3 Fuß Breite; überall sonst auf dem Schiff lagen Taurollen und bespülten die Wellen das Deck.

Daß dies alles so war, geht für uns aus der bloßen Tatsache hervor, daß das Schiff klein war. Da es zugleich auch alt war, so ergeben sich daraus natürlich etliche andre Gewißheiten. Zum Beispiel: es war voll von Ratten; es war voll von Kakerlaken; bei schwerer See öffneten und schlossen sich die Fugen der Planken wie wenn ein Mensch seine Finger auseinanderspreizt und wieder schließt. Es leckte wie ein Korb. Wo ein Leck ist, ist notwendigerweise auch Schlagwasser; und wo Schlagwasser ist, kann bloß ein Toter sich des Lebens freuen. Von wegen der Gerüche. Vor Schlagwasser schämt Limburger Käse sich seiner Ruchlosigkeit.

Von diesen unumstößlich sichern Voraussetzungen ausgehend, können wir ein wahrheitsgetreues Bild von dem Tageslauf des großen Entdeckers entwerfen. In der Morgenfrühe verrichtete er seine Andacht vor dem Gnadenbild der Heiligen Jungfrau. Um acht erschien er auf der Hinterdeckspromenade. War das Wetter kühl, so erschien er, vom Helmbusch bis zum bespornten Absatz, in einer prachtvollen, mit Goldarabesken verzierten Rüstung, die er vorher am Küchenfeuer hatte wärmen lassen. War das Wetter warm, so kam er in der gewöhnlichen Seemannstracht jener Zeit auf Deck: Großer Schlapphut von blauem Samt mit einem wehenden Busch von schneeweißen Straußfedern, der durch einen blitzenden Klumpen von Diamanten und Smaragden zusammengehalten wird. Goldgesticktes Wams von grünem Samt mit geschlitzten Aermeln, die ein karmesinrotes Seidenfutter sehen lassen; breiter Kragen und Handkrausen aus kostbaren Spitzen; Pluderhosen aus rosenrotem Samt mit großen Knieschleifen aus gelbem Seidenbrokat; perlgraue seidene Zwickelstrümpfe mit zarter Stickerei; zitronengelbe Schlappstiefel aus Lammleder, herunterhängend, damit die schönen Strümpfe zu sehen sind; Stulphandschuhe aus feinstem weißem Ketzerleder, aus der Werkstatt der heiligen Inquisition, (früher zur Haut einer Dame von hohem Stande gehörend); Raufdegen mit juwelengeschmückter Scheide an einem breiten Wehrgehänge, das mit Rubinen und Saphiren besetzt ist.

Gedankenvoll geht er auf und ab, beobachtet das Aussehen des Himmels und die Windrichtung; sieht sich nach schwimmenden Pflanzen um, sowie nach andern Anzeichen nahenden Landes; gibt zum Zeitvertreib dem Manne am Steuer einen Rüffel; holt ein nachgemachtes Ei aus der Tasche und übt sich in seinem alten Kniff, es auf die Spitze zu stellen; ab und zu läßt er eine Rettungsleine herunter und rettet einen Matrosen auf dem Quarterdeck vom Ertrinken. Die übrige Zeit hindurch gähnt und streckt und dehnt er sich und sagt, er wolle die Fahrt nicht wieder machen und wenn es sechs Amerikas zu entdecken gäbe … Das war Kolumbus in seiner menschlichen Natürlichkeit, wenn er nicht für die Nachwelt posierte!

Um 12 Uhr mittags mißt er den Stand der Sonne und stellte fest, daß das gute Schiff in 24 Stunden 300 Ellen gemacht hat. Das genügt aber für ihn, um als Sieger anzukommen. Ein jeder kann als Sieger ankommen, wenn außer ihm kein Mensch da ist, der über den Weg und das Ziel etwas zu sagen hat.

Der Admiral hat allein gefrühstückt, ein feierliches Frühstück: Speck, Bohnen und Branntwein; um zwölf speist er allein und feierlich zu Mittag: Speck, Bohnen und Branntwein; um sechs ißt er allein und feierlich zu Abend: Speck, Bohnen und Branntwein; um elf nimmt er allein und feierlich sein Nachtmahl ein: Speck, Bohnen und Branntwein. Musik gibt es bei keiner dieser Orgien; das Schiffsorchester ist eine Erfindung der Neuzeit. Nach seiner letzten Mahlzeit spricht er ein Dankgebet für all die guten Sachen – deren Wert er vielleicht ein bißchen übertreibt. Dann legt er die Seidenpracht oder das vergoldete Eisengeschirr ab, steigt in seinen kleinen Bettsarg, bläst die flackernde Oelfunsel aus und beginnt seine Lungen in tiefen Atemzügen mit der von den köstlichen Düften ranzigen Oels und Schlagwassers geschwängerten Luft zu erfrischen. Die Atemzüge werden zu Schnarchen, und dann schwärmen die Ratten und die Kakerlaken brigade- und divisions- und armeekorpsweise aus und spielen Zirkus auf seinem ganzen Leibe.

Das war mehrere historische Wochen lang der tägliche Lebenslauf des großen Entdeckungsreisenden in seiner Nußschale, und der Unterschied zwischen den Bequemlichkeiten auf seinem Schiff und denen auf unserer ›Havel‹ springt einem sozusagen in die Augen.

Als er wiederkam – so berichtet die Weltgeschichte – da sagte der König von Spanien voll Verwunderung: »Das Schiff scheint leck zu sein. Leckte es schlimm?«

»Sire, Eure Majestät können selber urteilen: Ich pumpte während der Fahrt sechzehnmal den Atlantischen Ozean durch das Schiff.«

So berichtet General Horace Porter. Andre Autoritäten sprechen nur von fünfzehnmal.

Verschollene Gefühle.

Eins ist vorbei, auf Nimmerwiederkehr: die Romantik des Meeres. Die zarte Gefühlsseligkeit, die das Seewesen umwob, ist aus unserem Werkeltagsleben verschwunden und gehört nur noch als eine ferne halbverwischte Erinnerung der Vergangenheit an. Aber viele von uns Mitlebenden können sich noch sehr gut der Zeit erinnern, da diese Gefühlsseligkeit in jedermanns Brust lebte; und je weiter die Menschen vom Salzwasser entfernt wohnten, desto höher hielten sie diese Liebe. Sie drang, wie die Luft, überall hin. Man brauchte in einer Gesellschaft bloß von der See, der romantischen See zu sprechen, und sofort verfielen die Leute in eine Rührung, die höchst komisch war. Weitaus die meisten Lieder, die vom Jungvolk in den weltabgelegenen Siedelungen gesungen wurden, hatten zum Helden den schwermütigen Wandrer, und dessen Aussprüche über das Meer bildeten die Kehrreime. Wenn Ausflügler in einem Kahn ein Flüßchen entlang plätscherten, sangen sie unfehlbar, sobald sich die Dämmerungsschatten herniedersenkten:

Der Heimat zu, der Heimat zu,
Vom fernen fremden Strand.

Auch unter den Passagieren auf den Schraubendampfern im Westen war dies das Lieblingslied. Andre bevorzugte Gesänge trugen die bedeutungsvollen Titel: ›Der Sturm auf See‹; ›Der Meeresvogel‹; ›Des Schiffsjungen Traum‹; ›Des gefangenen Seeräubers Klage‹; ›Wir sind fern von Haus auf dem stürmischen Meer‹ u. s. w. u. s. w. Die Liste ist endlos. Die guten Ackersleute von dazumal lebten in ihrer Phantasie allesamt hauptsächlich inmitten der Gefahren des Meeres.

Aber das ist jetzt alles vorüber. Spurlos verschwunden. Das Panzerschiff, dessen Aeußeres dem Gefühl nichts mehr sagt und an dessen Bord alles so nüchtern und streng zugeht, verbannte die Romantik aus der Kriegsflotte, und der ebenso nüchterne Dampfer verbannte sie aus der Handelsflotte. Die Gefahren und Ungewißheiten, die einst das Leben auf See romantisch machten, sind verschwunden, und mit ihnen das poetische Element. Heutzutage singen die Passagiere an Bord niemals Seemannslieder, und die Schiffskapelle spielt niemals derartige Weisen. Die rührenden Lieder von dem Wandrer in fremdem Land fern von der Heimat, die früher so beliebt waren und der Einbildungskraft so feurige Farben vorspiegelten, weil solche Wandrer so etwas Seltenes waren – sie haben ihren Zauber verloren und sind verstummt, weil jetzt jedermann ein Wandrer in fernen Landen ist; die Teilnahme dafür ist also erstorben. Kein Mensch bangt sich mehr um den Wandrer; ihm drohen keine Gefahren der See, keine Ungewißheiten mehr. Er ist auf dem Schiff wahrscheinlich sicherer als zu Hause; denn dort kann es ihm nimmer passieren, daß er einem Freund die letzte Ehre erweisen und barhäuptig in Regen und Hagel am offenen Grabe stehen muß, auf die Gefahr hin, eine Lungenentzündung davonzutragen. Und die Ungewißheiten der Reise sind auf die Frage zusammengeschrumpft, ob er fahrplangemäß am Nachmittag an der andern Seite ankommen wird oder noch bis zum andern Morgen warten muß.

Das erste Schiff, worauf ich überhaupt fuhr, war ein Segelschiff. Es brauchte 28 Tage von San Francisco nach den Sandwichinseln. Der Hauptgrund für diese überaus langsame Ueberfahrt war der Umstand, daß wir in eine Kalme kamen und 14 Tage lang mitten im Stillen Weltmeer 2000 Meilen von Land auf einem und demselben Fleck lagen. Hier auf der ›Havel‹ höre ich keine Seemannslieder, aber auf meinem Segelschiff damals – da hörte ich alle, die es gibt. Es waren auf dem Schiff ein Dutzend junge Leute – werden jetzt wohl hübsch alt sein – und diese setzten sich jeden Abend am Heck zusammen und sangen bei Sternenlicht oder Mondenschein bis Mitternacht Seemannslieder in die leise, schweigende, regungslose Kalme hinein. Sie hatten keinen Sinn für Humor und sangen fortwährend:

Der Heimat zu, der Heimat zu,

ohne daran zu denken, daß dies einfach lächerlich war, denn wir lagen still und kamen überhaupt nach keiner Richtung hin vorwärts. Oft folgte diesem Gesang das andre schöne Lied:

›Sind wir nicht bald da? Sind wir nicht bald da?‹
Frug die sterbende Maid – und der Hafen war nah.

Es war eine sehr nette Gesellschaft von jungen Leuten, und ich möchte wohl wissen, wo sie jetzt sind. ›Ach, alle zerstreut‹ – natürlich; und die Blüte und Anmut und Schönheit ihrer Jugend, wo sind sie jetzt? Unter ihnen war ein Lügenbold; alle versuchten ihn zu bessern, aber keinem gelang es. So überließ man ihn denn nach und nach sich selber; keiner von uns wollte etwas mit ihm zu tun haben. Oft habe ich seither im Geiste die einsame Gestalt vor mir gesehen, wie sie gedankenvoll gegen das Heckbord gelehnt stand, und ich habe bei mir gedacht, wenn wir uns mehr Mühe gegeben und mehr Geduld gehabt hätten, so hätten wir ihn vielleicht doch von seinem Fehler befreien und durch Zureden ihn davon abbringen können. Aber – man mag es kaum aussprechen – er war mit Leib und Seele seinem Laster verfallen und wahrscheinlich unverbesserlich. Ich möchte gerne glauben – und glaube in der Tat – daß ich alles tat, was an mir war, um ihn zu höherer und besserer Gesinnung zu bekehren.

Wir hatten ein eigentümliches Erlebnis. Das Schiff lag während der Kalme die vollen 14 Tage lang genau auf demselben Fleck. Dann kam eine hübsche Brise wellenkräuselnd über die See, und wir breiteten unsre weißen Schwingen zum Fluge aus. Aber das Schiff rührte sich nicht. Die Segel blähten sich, der Wind spannte die Taue an, aber das Schiff bewegte sich nicht um Haaresbreite vom Fleck. Der Kapitän war überrascht. Erst nach mehreren Stunden fanden wir heraus was uns festhielt. Entenmuscheln! Sie sammeln sich in jenem Teil des Stillen Meeres sehr schnell an. Sie hatten sich an den Schiffsboden angesetzt; andre hatten sich wieder an diesen Haufen angesetzt, andre wieder an diese und so weiter, tiefer und tiefer und tiefer, und der letzte Büschel hatte die Säule stark und fest an den Meeresgrund angeheftet, und die See ist an jener Stelle fünf Meilen tief. So war also das Schiff ganz einfach der Griff eines fünf Meilen langen Spazierstocks – jawohl!, und war durch Wind und Segel so wenig zu bewegen wie festes Land. Jedermann sah diese Tatsache als etwas sehr Merkwürdiges an.

Nun, die Woche darauf – indessen, Sandy Hook ist in Sicht.