Unser Frühling.

»Ich bin da – siehst Du mich?« sagte die Ranunkel zur Sonne, »sieh', ich glänze – bin ebenso golden wie Du!«

Und sie richtete sich in die Höhe, spreizte ihre eigelben Blütenblättchen auseinander und sah unglaublich frech in die Welt hinein.

Der Sonnenstrahl aber glitt über sie hinweg, über die Anemonen hin.

»Ihr seid schöner als die gelbe Blume,« flüsterte er ihnen zu, und sie erröteten wie junge, bleichsüchtige Mädchen und wurden sehr stolz.

»Was wollt Ihr hier?« riefen sie den Veilchen entgegen, die frisch und munter im grünen Röckchen und blauer Blouse anmarschiert kamen.

»Ihr habt hier nichts zu suchen – das ist unser Boden.« Aber das kümmerte das Veilchen gar wenig. Ueberall, wo es Wurzeln fassen konnte, zwischen Ranunkeln und Anemonen und Kuhblumen, zwischen Moos und Gras, unter Blättern und Reisig, sogar zwischen den vornehmen, sonderbaren Frühlingsblumen, die erst vorsichtig einen Blätterregenschirm aufspannen, damit ihre kleinen weißen Blüten, die sie unten am Stengel tragen, nicht naß werden – überall öffnete das Veilchen seine Blauaugen und lächelte sanft dem Frühling entgegen.

»Seid Ihr ein exklusives Volk,« sagte der. Er saß mit gekreuzten Beinen auf einem allmächtig großen Schneckenhaus und hatte eine Blütenkrone auf dem Haupt und eine Weidengerte mit lustigen Kätzchen daran in der Hand; er spielte mit einem überjährigen Schneeballen, der irgendwo in einem Waldwinkel, von der Sonne vergessen, liegen geblieben war, und der schmolz jetzt und träufelte der Schnecke, die aus ihrem Fenster guckte und schrecklich große Augen machte, gerade auf die Nase, daß sie entrüstet ihre Fühlhörner einzog und das Fenster zumachte. Die Schmetterlinge, die den Frühlingsknaben umgaukelten und wie Blumen aussahen, die von ihren Stengeln geflogen und auf die Wanderschaft gegangen waren – gerade wie unsere sehnsüchtigen Gedanken mitunter – machten vor Vergnügen die lustigsten Capriolen in der Luft und schlugen übermütig-hastig mit den kleinen, bunten Sammetflügeln. »Ihr seid ein exklusives Volk hier im Walde,« sagte der Frühling, »jede Sippe hockt auf ihrem Fleckchen Erde für sich und macht scheele Gesichter, kommt ihm ein anderes zu nahe. Und erst die Bäume – hier die Eichen, dort die Tannen, drüben die Birken – die Weiden sind in die Wiese geflüchtet, damit sie's Reich für sich allein haben, und die Obstbäume wollen erst recht nichts von den andern wissen. Freilich – seid auch auf verschiedenem Erdreich groß geworden. – 'S wär' auch langweilig in der Welt, wär' alles über einen Kamm geschoren! Und doch – Eine strahlende Sonne scheint über Euch alle, und ein gütiger Regen erquickt Euch!« – Und der Frühling erhob sich vom Schneckenhaus und schlenderte davon. Gern hätte er die Hände in die Hosentaschen gesteckt, aber das ging nicht, denn – er war ganz nackt und bloß wie die Natur selber, und der Sonnenstrahl strich gleitend vor ihm her und leuchtete ihm. Pfeifend und singend mit heller Stimme zog der Frühling durch den Wald; unter seinen Tritten sprossen die Blumen und sein Lachen – das war der Frühlingswind, der warme Südwind, der belebend über die Erde fuhr. Die Vöglein kamen und antworteten mit sehnsüchtigen Lauten. – Ueber den Wald hin schallt der starke Weckruf der Blauvögel. Sieh' – da blitzt es feuerrot auf – das ist ein lieblicher Sänger! Und horch! Hier die rostbraune Drossel – Hörst Du, was sie sagt? »Tüterlü! Der Frühling kommt! Siehst Du ihn – Du, Du, Du, Du!« – Und: »Komm' zu mir, komm' zu mir! Zerr – zeck, zeck, zeck, zeck!« bläst der Zaunkönig sein Kehlchen auf – wupp! schlüpft er durch die Hecke, und dahin geht's, im Lauf, geschwind wie ein Mäuschen. – Siehst Du den Specht? Weiße Hosen, schwarzes Röcklein und auf dem Kopf ein tiefrot Käpplein über dem schlauen, spitzen Näschen – ist doch gar ein putzig Weschen! Sieh', wie klug die schwarzen Augen funkeln, sieh' – wie er mit dem Frühling Verstecken spielt! Bald an dieser, bald an jener Seite des Stammes schimmert sein rotes Köpfchen und wirft ihm der Frühling eine Hand voll Blätter ins Gesicht, die sich schnell an die Zweige anklammern – hei! Da sitzt er schon ganz hoch oben im Baum und lugt schelmisch um die Ecke:

»Pick, – pick, – pick, – pick – hier find' ich mein Mücklein!
Pick, – pick, – pick, – pick – hier schlag' ich mein Brücklein,
Von Baum zu Baum über Busch und Strauch –
Ei, Frühling – geschwinde! Nun folge Du auch.«

»Hahaha,« lacht die Spottdrossel wie toll und gleich darauf klingen langgezogene, friedliche Sehnsuchtslaute aus ihrer Nachtigallenkehle, daß alle Vögel inne halten und dem Frühling die Thränen aus den Augen rinnen.

Wo hört' ich jüngst solch ein Spottdrossellied? – Weich und schwül – hohnlachend – – war's nicht in meinem Herzen? Ist's nicht das Menschenherz selber – in all seinem Leid, all seiner Sehnsucht, all seinem Haß? –

»Sputet Euch,« sagt der Frühling zu den Eichen und schlägt sie schmeichelnd mit seiner Weidengerte, »Ihr knorrigen Gesellen! Seid zwar auch so schön mit Euren kuriosen Knorpeln und verdrehten Aesten – gerade so knorpelig und verzwickt, wie ein Menschenhirn – aber wenn Ihr die zackigen Blätter von Euch spreizt, habe ich Euch noch lieber!«

Und da sproßten die roten Keime und Blättchen, und nun hatten sie ein noch wunderlicheres Ansehen, gerade wie ein Schalksnarr, dem die Liebe aus den Augen guckt. –

»Ich,« sagt die Ulme, »ich bin vorgeschritten in der Kultur – seht, mein krauses, grünes Gewand ist schon fix und fertig.« –

Und der Frühling geht weiter:

»Sieh', sieh', wie schön steht das maigrüne Kleidchen zu Deiner weißen Haut, kleine Birke, – bist fast die Schönste von allen! Alte Tanne« – er streicht über der Tanne stattliche Haare – »mußt immer dasselbe dunkle Kleid tragen jahraus, jahrein – bist wohl gar neidisch?«

Aber die Tanne ist unartig, sie streckt dem Frühling und seiner Birke eine lange, hellgrüne Zunge aus den dunkeln Nadeln heraus und antwortet noch nicht einmal vor Trotz.

»Böses, altes Ding Du,« schilt der Frühling, und um sie zu ärgern, gibt er den Lärchen lauter kleine hellgrüne Federbüsche, kleinen Pinseln gleich, die tragen sie stolz, wie ein angehender Maler seine Farbenpinsel in der Brusttasche. – Horch! Was regt sich hinter dem Tannendickicht? Ein hübsches, verstecktes Plätzchen – Taubengegirr, Vogelgesang – ist's Windessäuseln, rauschen die Zweige, geheimnis-ahnungsvoll! Leise schleicht sich der Frühling heran, er verbirgt sich hinter einem Baumstamm – er lauscht – er sieht – –

Menschenkinder sind's, zwei junge, lachende, kosende Menschenkinder, den ewigen Frühling, die Liebe, im Herzen, in den Augen. – Sie ruht im Gras, den Kopf gegen eine Tanne gelehnt, er zu ihren Füßen, den braunen Lockenkopf in ihrem Schoß – leises Lachen, halblautes Singen, abgebrochene, unverständliche Laute – halbgeflüsterte, halbgeküßte Liebesworte. – Glückliche, selige Menschenkinder – was wißt Ihr vom brennenden Sommer, vom welkenden Herbst, vom eisigen Winter? – Der Frühling streichelt Euch Stirn und Wangen. – Blondes Mädchen, Du streichst Dir die Löckchen aus der Stirn und schiltst über den Wind – oder den Geliebten, der Dir die Haare zerzaust hat – und der Sonnenstrahl küßt Euch und dringt Euch bis ins junge Herz hinein! –

Auf leisen, flüchtigen Sohlen eilt der Frühling von dannen:

»Jetzt muß ich aber auch die Obstbäume anlächeln,« sagt er im raschen Lauf, »daß sie treiben und blühen und Früchte tragen.« Aber die waren voreilig gewesen, wie gewöhnlich, hatten nicht auf das Lächeln des Frühlings gewartet, hatten sogar vergessen, sich erst die Blätter anzuziehen. – Da stehen sie in ihren schlohweißen Hemdchen und lächeln verschämt, ach, und Apfelbäume und Pfirsiche werden ganz rot, als sie den Frühling kommen sehen, und nur die Birne ruft triumphierend: »Ein paar grüne Blättchen habe ich schon – aber Du, Frühling, bist ja ganz nackt!« Hei, wie sie sich alle schütteln vor Lachen, daß ihr weicher, duftender Blütenschnee über die grüne Erde hinweht. – Ganz überschüttet wird der Frühling; in seinen Locken hängt die duftige Ueberfülle, um Stirn und Wangen schmeicheln die süßen Boten – da wird es ihm ganz weh ums Herz vor Wonne und Jubel, sehnsüchtig breitet er seine Arme der Geliebten entgegen, der leuchtenden Sonne – und da wird er zum Manne – er vermählt sich mit der Sonnenglut – und siehe, es war Sommer!

Frostiger Frühling.

Um unsere Blüten sind wir betrogen! – Im März, als der warme Sonnenstrahl die erwachende Erde überglänzte, da lag ein rötender Hauch über den Obstbäumen, licht wie ein rosenfarbenes Wölkchen am Frühhimmel – heute haben die Birnbäume und die knorrigen Apfelbäume ein festes grünes Mieder angezogen, aus dem sie stramm und vernünftig herausschauen, und das Mädchenerröten haben sie längst vergessen.

Um unsere Blüten sind wir betrogen! – Hat der Frost sie getötet, der lauernd über die Erde schlich? Hat unsere schönen Hoffnungen der Sturmwind verweht? Ist der Regen gekommen auf seinen grauen Rossen, den Wolken, und hat sie mit seinem gleichförmigen Gedrissel – patsch! patsch! Tropfen auf Tropfen, wie die tägliche Langeweile, – verwaschen, verknittert, zerblättert? –

Nackt stehen die Magnolienbäume im botanischen Garten. Sie, die sonst im Mai zum Frühlingsreigen in prächtigen Balltoiletten der verwunschenen Prinzen harrten; sie, die sonst von der Ueberfülle ihrer Schönheit den neckischen Winden preisgaben, daß die Blütenblätter und ihr Duft die Luft erfüllte. Heute stehen sie kahl und düster und traurig da, kein lächelnder Prinz wird um die südliche Schöne werben und der Frühling hat die Prächtige, Ueppige, Duftende vergessen. – Da gleitet ein Sonnenstrahl über die schwarzen, vom Frost geknickten Spitzen der Magnolien. Es ist, als lächle er. In seinem Flimmer tanzt ein gelber kleiner Schmetterling, er taucht sich in die vergessene weiße Blüte eines jungen Birnbaums, der schon winzige Früchte am andern Zweige trägt. Und da lispeln sie alle heimliche Worte – horch!

Zur Blüte sprach der Schmetterling: »Was nützt mir's, daß ich strahle?
Wenn meinen Schmelz ein Fingerdruck wegwischt mit einemmale?«
  Da lachte der Sonnenschein.
 
Es sprach die Blüte zum jungen Blatt: »Was nützt mir's, daß ich blühe?
Wenn ich nach einer Regennacht verblätt're in der Frühe?«
  Da lachte der Sonnenschein.
 
Es sprach die Frucht zum grünen Baum: »Was nützt mir all mein Süßen?
In meinem Herzen nagt ein Wurm: tot fall' ich Dir zu Füßen.«
  Da lachte der Sonnenschein.
 
Ich rief wohl in die weite Welt: »Was nützt mir all das Klingen?
Die rauhe Hand, die Nacht, der Wurm – Ein Sterbelied muß ich singen!«
  Da lachte der Sonnenschein.

Ich folge dem lachenden Sonnenstrahl. Er huscht über die Stiefmütterchen am Wege, die ihm ihre großen bunten Augen zuwenden, über rote dickköpfige Tulpen, die sich blähen vor lauter Vornehmheit; er klopft an die Fenster des Treibhauses: ich bin da, ich bin da! – Aber was kümmert das nervöse Volk da drinnen in ihrem überheizten Haus der warme Sonnenschein? – Halt! du lockender Strahl! laß mich erst einmal hineinschauen in die Blumen-Menagerie. Sehnsüchtig sehen die armen Eingesperrten durch die Glasfenster, und schauern zusammen, wenn die kühle Frühlingsluft durch die offene Thür sie trifft. Sie fühlen sich wohl in der heißen, feuchten Luft künstlicher Bildung; einmal ihres heimatlichen Bodens beraubt, gedeihen sie prächtig in der erstickenden Atmosphäre der Ueberfeinerung – oh, und diese höchste Kultur zeitigt bizarre Charaktere: da die Kaktus mit ihren Stacheln über und über, an denen ein rauhes Gewebe klebt wie graues Haar; dem bekannten Meergreis gleich, der »in die Wüste ging und ein Wüstling ward«, frühzeitig gealtert wie unsere nervös überfütterten Dandys fin de siècle. Protzige Agaven mit dicken, fleischigen, ausstreckenden Zeigefingern. Cochenille-Kaktus, unansehnliche, häßliche Dinger, nur dazu gut, daß andere sich von ihnen nähren – die kleine, rote Blattlaus, die aus diesem Häßlichen das Schöne bildet: das leuchtende Cochenille-Rot. Hier die Palmen, groß, still, erhaben, die Löwen der Blumen-Menagerie. – Die vielarmigen Dracänen, die üppig wuchernden Schlinggewächse, die seltsamen stillen Blumen mit Blättern und Blüten wie aus Wachs geformt, – gleitet nicht Scheherezade durch diese schwüle Luft und erzählt Märchen aus Tausend und einer Nacht unter lispelnden Palmen und großen duftlosen Blumen? – Aber dort unter dem First des Glasdaches, dem Licht zustrebend – dort liegt es wie glänzend weißer Schnee, besäet mit funkelndem roten Blutstropfen. »Weiß wie Schnee, rot wie Blut!« Schneewittchen aus unserem lieben deutschen Märchen nickt hervor aus diesem lieblichen Blumenmeer und lächelt uns an. Eine Schlingpflanze ist es mit schwarzgrünen Blättern; sie rankt sich hoch und immer höher dem Himmel entgegen, der blau durch die Fenster ihres Gefängnisses schimmert und tausend weiße, stille Blumenherzen wenden sich ihrem Gott, dem Lichte, zu, und rot und glühend entströmt ihnen ihr Gebet. – Da öffnet sich die Thür, der Sonnenstrahl huscht hinein und küßt die roten Blumenlippen, und winkt mir: Komm, komm! Ich zeig' Dir viel Schönes, wenn auch die Blüten Dir genommen sind. –

Draußen im botanischen Garten glänzen die feingeharkten Kieswege. Zwischen wohlgepflegten Blumenbeeten wandeln wohlgepflegte Städterinnen. Die ordentlichen Blumen auf den ordentlichen Beeten blühen noch nicht; die ordentlichen Städterinnen haben schon geblüht. Deshalb strömen sie einen künstlichen, starken Parfüm aus, der schlecht harmoniert mit der süßen, berauschenden Frühlingsluft.

»Vorüber, ihr Schafe, vorüber!« singt Goethes Schäfer, als ihm »gar so weh« wird – und wir huschen dem Sonnenstrahl nach, aus dem ordentlichen Garten hinaus, hinter die hohe Mauer, wo die Wildnis anfängt. Hier ist auch eine Menagerie, die der Bäume. Aber die Wildlinge aus Nord und Süd haben in dem fremden Boden Wurzel gefaßt, ihn sich angeeignet, und so gedeihen sie und wachsen und wachsen, als habe die neue Heimat ihnen die alte ersetzt. – Was es nicht alles zu sehen gibt unter den fremden Bäumen: dort, wohin die Tannen nicht mehr gelangen können mit ihren langen Armen, kriecht kleines, grünes Moos dicht an das Nadelbett heran, das die Tanne, wie Frau Holle den Schnee, um sich ausgeschüttet; es blüht, das Moos, mit lauter gelbgrünen Zäckchen, und zwischen den feinen krausen Spitzen kriechen winzige Insekten, denen der Mooswald wohl so gewaltig dünkt, wie uns jene blühende Kiefer. O wie blüht die Kiefer! Ueberall, überall auf den starken Aesten, in den Stacheln verborgen, da blüht es wie rotes Gold; sieben kleine Goldkätzchen in einem Nest – und rührst Du daran mit vorwitzigem Finger, dann rieselt ein feiner, gelber Blütenstaub in Deine geöffnete Hand. Weich wie ein zartes Kinderbäckchen berührt dich's, und ein würziger Duft erzählt dir von unendlichen Kieferwäldern, in denen der Wind singt.

»Bilde Dir nur nichts ein,« sagt die Nachbarin der Kiefer, die deutsche Edeltanne, und sie reckt sich kerzengrade, so daß sie noch einen Finger breit über jene hinweg schaut – »Du mit Deinem Blühen! Sieh' mich an: meine Orden, huldvollst verliehen von Sr. rauschenden Majestät dem Frühling.« – Und sie klappt ihre Zweige zusammen, daß ein feines Nadelgeriesel zur Erde fällt. Ueber und über ist sie besäet mit hellgrünen Knöpfchen, frischen Nadelspitzen, die vergnügt aus dem Dunkel ihrer Wintertracht hervorblitzen.

Zwischen den Bäumen, aus Gras und Moos erheben sich dunkle Blumenbeete. Seltsame Blumen stehen darauf: aus dunklen Blättern hängt an einem dünnen Stiel eine kleine, gelbe Tasche; – ich bin immer die vierundzwanzigste mit fünfundzwanzig Fehlern in der Botanik gewesen, und nun möchte ich wissen, ob diese niedliche, kleine, gelbe Tasche nicht eine Art von Venus-Fliegenfalle ist? Kriecht ein dummes Mückchen am Rand der schönen Blüte hin und bleibt daran kleben: sacht schließt die schöne Blüte ihre Tasche, und Mückchen ist gefangen und muß elend zu Grunde gehen. Denn so eine Venus-Fliegenfalle gibt ihre Beute nicht wieder los; ob's Mückchen auch zappelt – es wird festgehalten bis an sein unseliges Ende. –

Wenn nach einem deutschen Städtchen aus der nächsten Garnison die Militärkapelle kommt und ein Biergartenkonzert abhält, dann sitzen die unnützen Buben hinter der grünen Hecke des Gartens und gucken hindurch und haben die prächtige Musik mit allem Tschingdara-Bumbum und die Herren- und Damen-Honoratioren, die weißröckigen Mädchen, und all den Kaffee und das Bier – nämlich indem sie sehen, wie es getrunken wird – ganz umsonst. Sie nennen das: ein Heckenbillet nehmen. Ich habe auch ein Heckenbillet genommen: ich sitze hinter der großen Mauer, an der sich rotblühendes Gaisblatt rankt, und kein Mensch im gebildeten Garten weiß, daß ich da bin, und ich höre das süße Vogelkonzert, ich sehe die ernsthaften, andächtigen Bäume und das kindlich lustige Gras, in dem die blauäugigen Veilchen grüßen, ich trinke die wonnige Frühlingsluft – alles umsonst. –

Vor mir an der Mauer hinauf, einer Weinranke entlang, läuft ein winzig klein Vögelein, geschwind wie ein Mäuschen. Pick – pick! hier wetzt es sein Schnäbelein; husch – husch! dort jagt es dem Käferchen nach – und es sieht mich an mit den klugen Augen, als rief' es: Guck, mach' mir das nach! Da ist es oben, reckt die kleinen Flügel und mit einem jubelnden Gekicher ist es davon. – Horch! über mir: da lacht und küßt und tollt ein braunes Drosselpaar. Kokett wiegt sich das Weibchen auf dem schwanken Ast; der Liebste lugt um den Stamm und zwitschert zärtlich: Kind, sühst meck nich? – sühst Du meck nich? – Hier bün eck! hier bün eck! lacht das Weibchen, und fort sind sie, in das Dickicht hinein.

Da kommt wieder mein Sonnenstrahl und lockt mich aus meiner Ruhe und gleitet vor mir her – und ist verschwunden. Wo bin ich? Was wölbt sich über mir – weit, groß, allmächtig. Ich schaue hinaus, und schaue: immer höher, immer gewaltiger weitet sich der grüne Dom von Blättern. Die Zweige der beiden norwegischen Baumriesen neigen sich gegen einander, sie werden zu gothischen Spitzbögen, anstrebend in die Unendlichkeit. Sanftes Dämmerlicht liegt in meiner Kirche. Durch das grüne, schimmernde Blätterdach schaut der Himmel wie blaue, freundliche Sterne. Ein lieblicher Weihrauch umweht mich. Es ist der Duft der kleinen weißen Blüten des wilden Apfelbaumes, der meine Kirche mit wonniger Süße erfüllt. Ich stehe und schaue. Ich breite die Arme aus nach der grünen Unendlichkeit da droben, und es ist still, still, um mich, in mir. –

Als ich hinaustrete aus den dämmernden Bögen meines Domes, liegt die Welt hell zu meinen Füßen. Ihr Duft umhüllt mich. Ihr Licht gleitet warm in mein Herz. Es ist Frühling.

In den Lüften singt es und klingt es – und –

Ich flüstere in die weite Welt: »Wohl süß ist es zu singen,
Wenn Vogelschlag und Frühlingsduft weich dir ins Herze klingen« –
  Da lachte der Sonnenschein.

Das Märchen, das gar nicht kommen wollte.

Es war einmal ein Märchen, das hatte sich eingepuppt wie eine Schmetterlingsraupe und sich versteckt in dem Astloch einer alten Eiche im Walde; nur zuweilen öffnete es die Augen ein wenig und blinzelte um sich, und wenn es sah, daß die Welt immer noch grau und kahl und ungemütlich war, dann machte es die Augen zu und schlief wieder ein. – Während dessen liefen die Menschen in dieser kalten Welt herum und jammerten nach dem Märchen, das gar nicht kommen wollte. Das heißt, eigentlich waren es nur ein kleiner Junge und ein kleines Mädchen, die überall nach dem Märchen fragten. Sie hatten dicht bei einander auf dem Fußschemel gesessen und zugehört, was die alte Märchenmuhme erzählte. Die großen Leute hatten keine Zeit dazu, die hatten so viel zu sorgen und zu wirtschaften und zu studieren, daß sie sich um ein Märchen nicht weiter bekümmern konnten; außerdem sagten sie, so ein Märchen, das sei nur für Kinder und solche, die es immer bleiben; dabei käme gar nichts heraus, und man sollte nur einmal die gelehrten Leute fragen, die den täglichen Bildungsbedarf fürs Volk liefern – das viele Zeitungspapier – die werden Euch schon sagen, was man von dem Märchen zu halten hat.

Da sagte der kleine Junge zu dem kleinen Mädchen:

»Komm', wir wollen hingehen und sie fragen!«

Als sie bis an eine große düstere Thür gekommen waren, – da wären sie am liebsten wieder umgekehrt; aber der kleine Junge war sehr mutig, und so gingen sie hinein. Da saß der Gelehrte und las aus einem gewaltig großen Stück Papier. –

»Sieh' 'mal, der hat vier Augen,« sagte das kleine Mädchen – und dann guckte er mit ein paar allmächtigen schwarzen Augen über die gläsernen hinweg, die ihm unten auf der großen Nase saßen, und das kleine Mädchen steckte schnell den Finger in den Mund und der kleine Junge ballte die Faust, während der Gelehrte brummte (Gelehrte brummen meistens):

»Sie haben zu viel Phantasie, meine Lieben, das hindert Sie durchaus am logischen Denken und schwächt den Verstand. Doch, es wird sich schon geben, darüber seien Sie nur unbesorgt.«

Da gingen die Kinder nach dem andern Gelehrten, der war sehr freundlich, tätschelte ihre blonden Köpfe und sagte: sie sollten nur wieder hingehen – das sei Alles in schönster Ordnung. – Dann nahm er des ersten Zeitung und schnitt da ein Stück heraus, aber so, daß der Anfang fehlte und man nicht wußte, um was es sich eigentlich handelte, und druckte es in seine eigene Litteratursammlung hinein, und dann stand da zu lesen: Dieses ist für die Kinder durchaus schädlich. Es verleitet sie zum Lügen und könnte Veranlassung geben, daß sie sogar Phantasie bekämen. – In unserem heutigen realistischen Zeitalter ist es nicht angebracht, und der Konflikt zwischen Konservativismus und Modernität wird immer wieder aufgefrischt. –

Aber davon verstanden der kleine Junge und das kleine Mädchen gar nichts; ganz traurig gingen sie wieder fort und suchten immer noch nach dem Märchen, das gar nicht kommen wollte. Sie hauchten ein Guckloch in die Eisblumen am Fenster, ob es vielleicht außen davor säße; wie der Schnee mit geheimnisvollem Sausen vom Dache rutschte, öffneten sie das Fenster und dachten, nun käme es ganz weiß hereingeflogen, und wie die Sonne anfing zu scheinen, liefen sie hinter den Sonnenstrahlen her, um sie zu haschen, denn sie meinten, das sei es nun; und dann schlichen sie auf den Zehenspitzen ans Fenster, wo die großen, weißen Hyacinthen standen und dufteten, und guckten zu, ob es vielleicht in einer der stillen Blütenglocken zur Ruhe gegangen sei.

Aber das Märchen wollte und wollte nicht kommen. Und unterdessen war es in der Welt immer noch kalt und grau und trostlos. Die Menschen hasteten und jagten und trieben einander und machten lauter dummes Zeug. Es war eine häßliche Welt und häßliche Menschen darin, die sich viel Leides thaten, und die beiden Kinder dachten oft, ob denn das Märchen noch immer nicht kommen wollte und Ordnung schaffen und die Welt wieder gut und schön machen.

Da kam eines Tages der Südwind daher gefahren. Er stieg von den Bergen hernieder, daß die Lawinen donnernd vor ihm niederkrachten; er jagte das Eis auf den Flüssen vor sich her, daß es sich bog und knackte und schrie; er pfiff durch die Tannenwälder, daß die Nadeln den alten Fichten um die Ohren sausten, und knickte die dürren Aeste der Wälder, daß Platz wurde für die jungen, neuen Triebe. Die Wolken trieb er vor sich her – runde, regenschwere Wolken, in wilder Jagd; sie drängten und schoben sich und sprangen einander auf den Rücken, wie die Buben, wenn sie Haschen spielen. Dann stob er in die Stadt mit wildem Jauchzen und Getöse; er blies in die Kamine hinein, wie in ein Sprachrohr, und trieb Schabernack mit des Petrus goldnem Hahn auf der Kirchturmspitze; er deckte die Dächer ab und guckte den Leuten in die Häuser und blies sie an, daß es den dummen Menschen angst und bange wurde. Ja, er fuhr sogar dem König um die Nase, als der just vor seinem Königreiche stand und, die Hände in den Hosentaschen, darüber nachdachte, wie sein Volk ihn wohl wieder einmal beglücken könne; und er warf ihm sein Reichsaushängeschild gerade vor der Nase herunter, so daß der König sich entrüstet umdrehte und in sein Reich hineinging und die Thür zuwarf, daß es krachte.

Aber der Wind lachte nur: »Puh! wenn ich nur wollte, dann brauste ich Dich mit samt Deinem Königreich von der Erde hinweg, wie einen Strohhalm – aber ich will nicht! – Bist mir viel zu klein, du Königlein!« –

Und dann warf er ein paar ehrsamen Bürgern, die des Weges kamen, die blanken Cylinder von den gedankenschweren Häuptern, als wolle er sehen, was in den Köpfen stecke; und wehte ein paar schlanken Jungfräulein die langen Kleider eng um die schönen Glieder und freute sich darüber, der wilde Geselle, wie die kleinen Frauenfüße so tapfer gegen ihn ankämpften.

Mit lustigem Gekicher fuhr er zu den Wolken auf und spielte Fangball mit ihnen; die Wolken fangen an zu weinen und dann fällt ein weicher, warmer, feiner Frühlingsregen auf die Erde nieder, eine zarte, graue Nebeldecke breitet sich über die Welt aus, und unter dieser dampfenden feuchtwarmen Decke da geht der Sturmwind zur Ruhe.

Dort im Wald, in dem Astloch der großen Eiche regt sich etwas, das ist das Märchen; das ist aufgewacht von des Südwinds wildem Gesang und merkt, daß es nun Zeit ist, aufzustehen. Es gähnt noch einmal recht herzhaft und reckt und plustert sich wie ein Vögelein im Nest; dann schiebt es erst das eine rosige Füßchen heraus und dann das andere, dann gähnt es noch einmal, und nun breitet es seine sammetenen Schmetterlingsflügel aus und fliegt zur Erde nieder. Da leuchtet mit einemmal eine große, glänzende Sonne durch den Nebel, und nun kann man erst sehen, was für ein niedliches Märchen es ist. Es ist sehr klein und fein, hat schöne, weiße Gliederchen und große, dunkelblaue Stiefmütterchenaugen und die schönsten goldnen Haare von der Welt, die glänzen in der Sonne wie das rote Gold, das die Schlangenkönigin bewacht; auf dem Köpfchen trägt es eine blaue Glockenblume, die macht ein sanftes Geläute, wo das Märchen geht und steht.

Es mußte wohl von dem Getön und Geklinge sein, daß plötzlich alles lebendig wurde im Wald, daß die Vögelein ein artig Konzertieren begannen und die Blumen – die Krokus und Anemonen und Schneeglöckchen und wie sie alle heißen – aus der Erde sprangen, wie kleine, weißhäutige Kobolde, und ein duftiger Reigen begann in Wald und Flur. Ei! wie es die Bäume da eilig hatten, ihr neues grünes Kleid anzulegen, und wie die alten Tannen die spitzen, gelbgrünen Finger ausstreckten, als wollten sie sich auch so ein grasgrünes Flörchen erhaschen. Am Waldteich der alte Erlenstumpf sagte zu seinen grünen Jungen, die ihn dicht umstanden:

»Reckt Euch in die Höhe, Jungens, damit das Märchen nicht sieht, wie alt und vertrocknet ich bin.«

Aber im Teich erhob sich plötzlich ein lautes Gequake und Gejohle. Das waren die Frösche, die hielten einen Froschvolks-Thing ab und wollten sich eine neue Verfassung gründen; sie sprachen sehr ernsthaft über Kaulquappenerziehung, Schulvorlagen und Militärbudgets, und daß der Storch und der Reiher von jetzt an unter froschlicher Oberhoheit stehen sollten; und ein noch ganz grünes Fröschlein aus dem vornehmen Geschlecht derer von Ochsenfrosch wollte immer alles besser wissen und durchaus einen ganz uralten Kurs als das Neueste einführen im Froschteich.

Es war wirklich sehr interessant, und es war gar nicht recht, daß der Weidenbaum am Ufer plötzlich anfing zu jauchzen und zu lachen und zu spotten, und sich geberdete, als hätte er zu viel Blütenwein getrunken. Die gebildeten Frösche kamen ganz ärgerlich ans Ufer und glotzten ihn an, und der tolle Geselle, dem die buschigen, hellgrünen Weidenkätzchen von seiner Narrenkappe herunterbaumelten, schnitt höhnisch eine Fratze und spreizte seine vielen grauen Finger von sich und hielt eine lange Rede, von der die Frösche kein Wort verstanden; denn er sprach von Blütenwein und Trunkenheit und Auferstehung und Frühlingsduft und Märchenaugen – und schloß mit:

»Kinder und Narren sprechen die Wahrheit, und wahrlich, ich sage Euch, so Ihr nicht werdet wie sie, so könnet Ihr nimmer in den Frühling eingehen!«

Hei! Da begann ein Geschelte und Gequake, ein Koaxkoax und Brekekekex, daß die Vöglein in der Luft im Fliegen innehielten und verwundert zum Waldteich herniederschauten. Und der Weidenbusch verbeugte sich lächelnd nach allen Seiten und schüttelte seine Kätzchen lustig durcheinander und sagte:

»Verehrte Anwesende, ich glaube verstanden zu haben, daß Sie mir vollständig beistimmen; und da oben kommt Se. Excellenz, der Generalfeldmarschall Graf Storch, angeflogen, der wird Ihnen –«

Quack! sagten die Frösche und tauchten unter, und lange herrschte Totenstille im Teich, bis sie merkten, daß der tolle Weidenbusch sie genasführt hatte; dann begann zögernd erst die eine Stimme und dann eine zweite, und der grasgrüne Froschjüngling sagte: Kroax! und seine Base, die gelehrte und tiefsinnige Schriftstellerin von Unke, antwortete: P–unkt–um! – und bald war der hochweise Disput mit These und Antithese wieder im schönsten Gange.

Das Märchen aber nickte lächelnd zum Weidenbusch hinüber und warf Kußhändchen nach allen Seiten, dann flog es schnurstracks durch den grünenden, blühenden, duftenden Wald, über Felder und Gärten, in die Stadt, in das Haus, in die Stube hinein, wo der kleine Junge und das kleine Mädchen auf dem Fußschemel saßen und aufmerksam zuhörten, wie die Märchenmuhme ihnen die Geschichte von den Löwen- und den Bärenkindern erzählte, und als sie gerade sagte: »Die Bärenkinder aber waren so schrecklich unartig« – da rief der kleine Junge:

»Sieh', – sieh' doch, da ist das Märchen!«

Und das kleine Mädchen klatschte in die Hände und jubelte: »Das Märchen! das Märchen!«

Und wirklich, da stand das Märchen auf der Thürschwelle, seine Augen leuchteten, seine Haare glänzten wie die Sonne, und dann nickte und winkte es ihnen; die Kinder faßten sich bei den Händen, sprangen zur Thür hinaus, hinter ihm her und riefen und sangen immerfort:

»Das Märchen! Da ist das Märchen, das gar nicht kommen wollte!«

Es waren aber viele Kinder auf der Straße, die sahen das Märchen zwar nicht, aber sie riefen doch: Das Märchen, das Märchen! und tanzten hinter dem kleinen Jungen und dem kleinen Mädchen her, und so ging der Zug durch die Stadt zum Thore hinaus, als wenn der Rattenfänger von Hameln ihnen aufspielte. Die großen Leute, denen sie begegneten, blieben stehen und lachten und sagten:

»Ach, das ist ja ein Schmetterling, der heißt –« und dann nannten sie einen langen, lateinischen Namen. Und andere sprachen:

»Das ist ja ein Sonnenstrahl, und nun ist es Frühling geworden. Der Frühling ist eine natürliche, höchst angenehme, alljährlich wiederkehrende Naturerscheinung. Es ist gar nichts Märchenhaftes daran.«

Aber nun waren es der kleine Junge und das kleine Mädchen, welche lachten – sie wußten es ja viel besser. Sie liefen in den Wald hinein – da tanzten die Blumen mit den Elfen und Kobolden, und die Kinder waren mitten unter ihnen. Das Märchen schenkte ihnen den Frühlingswein aus Blütenkelchen, und sie lagen auf weichem Moos und guckten in den blauen Himmel hinein, von dem die weißen Wölkchen winkten und grüßten und weiter segelten.

Das Märchen aber wuchs und wurde größer und wurde eine liebliche Jungfrau und ein blühendes Weib; und dann wurde es ein liebes, eisgraues Mütterlein, und dann – ja, dann spann es sich wieder ein, wie eine Schmetterlingsraupe und kam lange, lange nicht mehr; nur zur Zeit der Wintersonnenwende, als die weißen Grüße vom Himmel an der alten Eiche im Walde vorüberwehten, da öffnete es die blauen Märchenaugen ein wenig und blinzelte um sich, und dann schlief es wieder ein und wartete auf den singenden, sausenden, brausenden Frühlingswind.

Und der kleine Junge und das kleine Mädchen wuchsen auch und wurden größer und schöner und wurden Mann und Weib; dann spannen sie sich auch ein, in sich und ihre Welt; und dann erzählten sie ihren Kindern und Kindeskindern das Märchen vom Märchen, das gar nicht kommen wollte, und endlich, endlich doch gekommen war. – –

Klein Hildegard.

Klein Hildegard wollte zur Schule gehn,
Da blieb am Walde sie sinnend stehn;
Der sah sie mit winkenden Augen an,
Die Vöglein lockten aus dem Tann:
»Klein Hildegard, komm, so schön ist's hier,
Wir rauschen Dir Märchen, wir singen Dir
Von Elfenkönigs goldenem Thor
Viel Süßes, Geheimnisvolles ins Ohr;
Wir singen Dir von des Nixen Spiel –
Tief unten im Wasser, da weint er so viel.
Wir streuen Dir duftende Blumen umher,
Der Wind regt die Zweige, brausend wie's Meer.«
– Doch Hildegard richtet sich ernsthaft auf
Und schickt sich wieder an zum Lauf:
»Zur Schule, zur Schule!« die Mutter spricht,
»Im Walde spielen, das darfst Du nicht!«
Da fällt, plumps! von dem Tannenast
Ein Zapfen auf das Näschen fast:
»Au! böse Tanne!« schilt das Kind,
»Bist unartig, wie Kinder sind!
Willst mir wohl gar was sagen, gelt? –
Ei nun, so rede, wenn's gefällt!«
Lieb schmiegt klein Hilde sich heran
Zum rauhen Stamm der alten Tann.
Vergessen ist Schule, der Mutter Gebot –
Ja, Sonntagskinder machen viel Not. –
Vom Tannenbaum fall'n – tip, tip, tap,
Die würz'gen Nadeln sacht herab.
Und, wie sie rieseln, wie sie fallen,
Hört Hilde Stimmchen draus erschallen,
Die lullen's Kindchen kosend ein
In seltsamliche Träumerein;
»Zur Schule geh', mein liebes Kind,
Doch da nicht, wo die andern sind.
Geh' Du zur Schule in dem Wald;
Was Du da lernst, vergißst Du nicht bald.
Denn hier im Wald, da lernst Du verstehn,
Was Bäume rauschen und Blüten verwehn;
Warum am ewigen Himmelszelt
Die Wolken ziehen über die Welt;
Was Blumen duften, Vöglein singen,
Was Bächlein murmeln, Stürme klingen – –
Was unsere ganze schöne Welt,
Die kunterbunte, zusammenhält – – –
Horch nur auf jedes Gezirpe fein,
So wirst Du bald klug wie Waldvöglein sein.«
So spricht im Walde die alte Tann',
Und Hilde hält den Atem an,
Daß ihr die Wörtlein nicht entrinnen.
Dann wandert lustig sie von hinnen.
 
Es grüßen Blumen von allen Seiten,
Und Hilde nickt, als weitergleiten
Im weichen, kühlen Gras und Moos
Die kleinen Füße, nackt und bloß.
»Pflück' mich,« spricht die Königskerze,
»Sieh', wie ich gen Himmel schwanke,
Schlanker Stab aus Sammetblättern,
Bin ganz Sehnsucht, ganz Gedanke, –
Vor Idealen, hoch und hehr,
Seh' ich den eignen Stamm nicht mehr!«
Da lacht das kecke Heidekraut:
»Ich wurzle in der Erde traut;
Und wie ich dufte, wie ich blühe,
Und wie ich stark und kräftig bin,
Und wie ich feurig rot erglühe –
All das gab mir die Erde hin!« –
Horch! Welch ein feines Stimmchen schallt
Vom nahen Eichstamm durch den Wald?
Die wilde Weinblüt' ist's, die spricht
Ganz spöttisch: »O, Ihr dummen Wicht'!
Vom Himmel träufelt uns der Regen,
Vom Himmel wärmt die liebe Sonn',
Und Mutter Erde will uns hegen,
Wenn Frost und Eise starren schon.
Ich lieb', was mir der Himmel gab,
Die Erd', in der ich Wurzeln hab'.«
So flüstert's, lacht es auf und an;
Klein Hilde pflückt so viel sie kann.
Schau! Dieses bunte Blumenmeer! –
Fast wird's dem Aermchen gar zu schwer.
Im schilfigen Gras glüht rot es auf.
Pechnelken stehen da zu Hauf,
Und schütteln ihre Federköpfe,
Und spreizen sich, die eitlen Tröpfe.
»Ei, liebes Kind, mußt mich ansehn,«
Die Eine spricht, »bin wunderschön!
Brichst mich in meinem Purpur-Prangen,
So bleibst an meinem Stengel fein
Unwiderstehlich daran hangen
Mit Deinen Kinderhändchen rein;
Wer mich nur einmal hat berührt,
Stets neue Lust nach mir verspürt.«
Doch – »Bim – bam!« klingelt da die Blaue,
Die Glockenblum', »Nur der nicht traue!
Denn Lüg' ist Alles, was sie spricht –
Kennst Du das alte Sprüchwort nicht?
Wer Pech anfaßt, besudelt sich!
Und das ist richtig, sicherlich!
Hör', rote Nelke, das ist schlimm!
Das Glöcklein läutet stets: Bim – bim!
Und öffnest Du den Lügenmund,
So klingelt es ganz kunterbunt:
»Bimbam, bimbam, bimbam, bimbum!
Du Federnelke, bist Du dumm!«
Und lachend steht Klein Hildegard
Und droht dem blauen Glöcklein: »Wart',
Du lieber Schelm, jetzt pflück' ich Dich,
Dann läutest Du »Bimbim!« für mich,
Und läutest artig mich nach Haus;
Doch jetzt ruh' ich mich erst 'mal aus.«
Es winkt der gelbe Ginsterbusch,
Und wie das graue Häslein – husch! –
Schlüpft unser Kind geschwind hinein
Ins goldne Blütenbettelein,
Und dehnet wohlig sich zur Ruh',
Und schließt die müden Aeuglein zu.
Die Blumen hält im Arm sie fest,
Denn wenn man die gewähren läßt,
So fangen sie zu leben an
Und wandern fort durch Wald und Tann.
Es ist just um die Mittagsstunde.
Wo Waldesgeister ziehn die Runde.
Kennst nicht das Waldesweben Du?
Wenn rings im Wald ist tiefe Ruh',
Und doch ein seltsamliches Weben
Ein raunend, flüsternd Zauberleben?
Die Bäume stehen still und stumm,
Kein Blättlein reget sich ringsum.
Im Schatten schläft das Vöglein lieb,
Reckt sich einmal, sagt leise: »Piep!«
Und plustert seine Federlein
Und schläft dann sänftlich wieder ein.
Doch die Frau Sonne, die ist wach
Und luget durch das Blätterdach.
Es tanzt auf ihrem Flimmerstrahl
Der blanken Sonnengeister Zahl.
Im hohen Grase zirpt die Grille –
Nun zirpt es Antwort – dann wird's stille.
Der Falter taumelt über Blüten,
Das sind die Schäflein, die muß er hüten;
Doch in dem heißen Sonnenschein
Da schläfert's ihn mitunter ein;
Und ist er wieder aufgewacht,
Dann hat sie sich davon gemacht,
Die Blüten-Herde, und fliegt wie er,
Im hellen Sonnenglanz umher.
Dann hebet an ein Singen, Klingen,
Von Märchen, wunderlichen Dingen;
Das Bächlein gluckst sein schelmisch Lied,
Und Moos und Steinchen singen mit.
Vergißmeinnicht am Rande träumt:
»Hat's Wiederkommen er versäumt?
Ich rief so oft: Vergißmeinnicht!
In weiter Ferne – hört er's nicht?«
Der Ginster winket zu ihr her:
»Klein Blümchen, was verlangst Du mehr?
Kannst, kleine Blaue, Du's verstehn?
Die Lieb' soll nie von Liebe gehn –
Sonst geht die Treue hinterdrein.
Ich sing' ein Lied Dir – lausche fein:
 
Ueber die Heide weht der Wind,
Da sitzt das blasse Königskind,
 Singt: Leide, leide, leide –
 
Bei Sonnenlicht und Sternenschein
Da suche ich den Buhlen mein –
 Wo weilt er auch am Wege?
 
Ach, wollt', er wäre noch bei mir,
Ich wollt' ihn küssen und herzen schier
 Auf stiller, stiller Heide.
 
Ach, wollt', ich läg' in seinem Arm,
Ich wollt' vergessen allen Harm,
 Wollt' lachen nur und kosen.
 
Ueber die Heide weht der Wind,
Da sitzt das blasse Königskind,
 Singt: Leide, leide, leide.
 
Und wartet noch gar manches Jahr –
Und kämmet ihr langes, goldnes Haar,
 Das wehet in dem Winde.
 
Und als der Bub dann kommen ist,
Der sie so oftmals hat geküßt,
 Da sucht er auf der Heide.
 
War da ein feiner Ginsterstrauch,
Des gelbe Blumen strahlten auch
 Wie lauter lichtes Golde.
 
Da hat er so viel weinen 'müßt,
Und hat die Ginsterblumen 'küßt – –
 Dann ist er fortgezogen.«
 
Und als verklungen ist die Weise,
Da reget sich Klein Hilde leise:
In ihrem Arm die Blümelein,
Die fangen an zu reden fein.
Das Löwenzähnchen schilt: »O Ginster,
Wie sind doch Deine Träume finster!«
»Noblesse oblige!« ruft Rittersporn,
»Auch in der Lieb' – bei meinem Zorn!«
Und trotzig mit gar mut'gem Sinn
Grüßt er zur Wickenblüte hin;
Verschämt senkt die das Köpfchen tief,
Ein lieblich Rot sie überlief. –
Da lacht es plötzlich neben ihr:
»Ich halt' die Liebe weg von mir!
Ich wehre mich vor jedermann –
Und fühlt, wie ich doch brennen kann!«
Da jubeln alle auf und sagen:
»Hört – Brennessel will auch was wagen!
Geh', Unkraut, pfeife uns ein Lied,
Im Chorus singen wir dann mit.«
Und neckisch stimmt die Grüne dann
Das Nessellied, und hebet an:
 
»Ich wollt' einmal spazieren gehn,
Am Rain, wo bunte Blumen stehn.«
 
Und jauchzend fällt der Chorus ein:
»Nessel, Nesselbusch am Rain!«
 
»Da schaut ein weißes Blümlein 'raus,
Und ach – so schämig sah es aus.«
 
Und jauchzend fällt der Chorus ein:
»Nessel sieht so schämig drein!«
 
»Und als ich bückte mich danach, –
Gar plötzlich mir's den Finger stach.«
 
Und jauchzend fällt der Chorus ein:
»Nessel, Nessel, wehr' Dich fein!«
 
»Ei, böse Blume, halt' doch still
Wie die andern, wenn ich Dich brechen will!«
 
Und jauchzend fällt der Chorus ein:
»Nessel, – hörst – sollst stille sein!«
 
Da lacht die grüne Blum' und spricht:
»Ja Brennesselblüten, die pflückt man nicht!«
 
Und jauchzend fällt der Chorus ein:
»Brennt die Nessel – laß sie sein!«
 
Nun reichen alle sich die Hände,
Und singen's Tanzlied: »Wende, wende
Dich her zu mir, und auf und ab.
Zieh' die Kreise, zart und leise,
Sing' die alte Wunderweise,
Wie die Blumenfee sie gab.
In den Blüten schläft das Kind –
Küsse, küsse es geschwind,
Daß es eins der unsern werde;
Daß es blumenduftig schwebe,
Daß es waldesselig lebe
Auf der hellen, grünen Erde.«
Da ist klein Hilde aufgewacht,
Und hat die Aeuglein aufgemacht:
Und all die Sonnenpracht umher!
Und all das Duften, süß und schwer!
Und sieh' – die Blumen neigen sich,
Umkreisen sie gar seltsamlich –
Sie trägt ein rosenfarben Kleid,
Das strahlet hell von Taugeschmeid'.
Und Rosen trägt sie in dem Haar,
Und Rosen in den Händen gar.
Die Blumen knieen vor ihr hin:
Heil unsrer Rosenkönigin!
Und eh' sie weiß, wie ihr geschah,
So ruhet sie auf Rosen da;
Und allgewärtig ihren Winken
Die Blumen stehn zur Rechten und Linken,
Und Hilde grüßt nach allen Seiten
Huldvoll, wie sie vorüberschreiten.
Aus Blumen trinkt sie den Blütenwein
Und nascht den goldnen Honigseim.
Die Sonne wirkt ihr die goldne Kron'
Und die glänzenden Flitter für den Königsthron.
Die Schmetterlinge tanzen vor ihr,
Die Grillen spielen auf dafür.
So ruhet sie an Baches Rand
Als Königin übers ganze Land.
 
Da – horch! was rauscht es ihr zu Füßen?
Und welch ein Nicken, Winken, Grüßen
Von Blum' und Moos am Ufer dort?
Das Wasser schwillet fort und fort –
Und aus den grauen Nebelwogen,
Da kommt es zu ihr hergezogen
So wunderselig. Aus dem Fluß
Erhebet sich mit süßem Gruß
Der Nix in silbernem Gewand
Und hält die Harfe in der Hand
Die gibt gar traurig hellen Ton –
Ob's Glück mit Thränen gemischt sei schon.
Er breitet die Arme aus nach ihr:
»O Rosenkönigin, komm' zu mir!
Ich will in meinem Arm Dich hegen,
Ich will Dich schaukeln auf der Flut;
Die zarten Glieder sollst Du legen
Auf Wasserrosen, – da ruht sich's gut.
Mit meinen Fischlein sollst Du spielen,
Ein neckisch Haschen, her und hin –
Die kleinen, weißen Füßchen kühlen
In klaren Silberwellen drin.
Es ist so einsam in der Tiefe,
Im Wasserhaus so kalt für mich –.
Und kämst Du wohl, wenn ich Dich riefe?
O Königin, ich hole Dich!«
 
Da wird Klein Hilde das Herz so weh –
Es ruft in ihr: O geh', o geh'!
Wie wird es ihr so seltsam kalt?
Was zieht es sie mit solcher Gewalt?
Wie schwillt das Wasser immer mehr –
Da kommt der Nix gar zu ihr her,
Und faßt sie mit feuchten Armen an –
Klein Hilde sich kaum noch regen kann.
Vor Angst, vor Glück? – Sie weiß es nicht,
Es küßt der Nix ihr blasses Gesicht;
Er wieget sie in seinem Arm,
Es wird ihm – ach – so wohlig warm;
Er will sich rauben das junge Blut
In tiefe, rauschende Silberflut.
Klein Hilde schaudert – an seine Brust
Zieht er sie eng mit sehnender Lust –
Schon netzt das Wasser ihr Gewand,
Er zieht sie hin mit zwingender Hand –
Nun sinkt Klein Hilde sacht hinab
In des Nixen stilles Wassergrab. –
Und horch! wie's um sie rauscht und singt!
Wie's brausend durch die Lüfte klingt!
Klein Hilde, wache auf geschwind,
Sonst weht der wilde Brausewind
Dich wirklich in das Bächlein dort –
Zum Schlafen einen bösen Ort
Hast Du Dir eben ausersehn.
Und dann mußt Du nach Hause gehn:
Die Schule ist schon lange aus,
Und alle Kinder schon zu Haus.
Da hat Klein Hilde sich erhoben
Und schaut verwundert hin nach oben,
Wo Wolken ziehen kreuz und quer,
Gar über die liebe Sonne her.
Wie war doch alles das geschehn?
Hat sie den Nixen nicht gesehn?
Ist nicht am Saum ihr Röckchen naß?
Das ist doch nicht vom feuchten Gras?
Wo ist ihr Rosenkleidchen hin?
War sie denn nicht die Königin?
Die Bäume neigen sich um sie her,
Das kommt vom Wind, der wehet sehr,
Der pfeifet ängstlich durch den Tann;
Klein Hilde hält den Atem an –
Es wird ihr plötzlich so beklommen
Da hat sie hurtig aufgenommen
Die Blumen alle nebendran,
Und springt davon so schnell sie kann.
Jetzt ist sie auf der kleinen Brücke,
Da rauscht es unter ihr voll Tücke:
»Da, Wassermann,« ruft sie geschwind,
»Da, nimm das bunte Blumenkind!«
Und wirft ein schönes Blümelein
In Wassermannes Haus hinein.
Mit weißer Hand greift der es an,
Und strudelnd sinkt's zur Tiefe dann.
 
Und als Klein Hilde kam nach Haus
Und hat gesagt, was sie gesehn,
Und hat erzählt, was ihr geschehn –
Da lachen sie Klein Hilde aus.
Und scheltend streng die Mutter spricht:
»Im Walde spielen sollst Du nicht!«
Und Hilde setzt ins Eckchen sich
Und weinet, weinet bitterlich.
 
Klein Hilde, werde wieder froh;
Uns Großen geht es ebenso:
Wenn wir im Walde etwas sehen,
Was all die andern nicht verstehen,
So lachen sie uns auch nur aus
In diesem weisen Weltenhaus.
Und Mutter Ordnung ernsthaft spricht:
»Der Phantasie bedarf man nicht!
Die Poesie – die braucht man nicht!
Mehr sehn, wie andre, soll man nicht! –«

Das Märchen, das verloren gegangen war.

Das war, als ich einmal spazieren ging und tiefsinnige Gedanken hatte – worüber? – Sie waren zu tief, um das ergründen zu können. Vielleicht war's, ob die Welt da um mich her mit ihren langen Straßen und engen Häusern eine wirkliche Welt sei oder ob ich sie mir bloß einbilde, und ob die Menschen, die mir begegnen, wirklich so blödgesichtig dreinschauen, oder ob ich bloß Schwingungen in meinem Gehirn und Augen habe, die mir das alles so erscheinen lassen – ja, vielleicht war's das, worüber ich nachdachte. Und neben mir her trippelte ein feines Etwas mit großen Augen, und das kicherte und plapperte mit einem leisen murmelnden Stimmchen wie ein kleiner Bach; und weil mich das in meinem tiefsinnigen Denken störte, sagte ich:

»Ei, so sei doch ruhig und stör' mich nicht!«

Da schwieg das feine Etwas erschrocken still. Aber als das liebliche Gemurmel nicht mehr neben mir einherging, konnte ich erst recht nicht denken, und als ich mich ungeduldig umwandte, da hatte ich das Märchen verloren. Nun war mir's ganz ungemütlich zu Mut. Ich ging gleich wieder zurück, blickte rechts und links, hinter jeden Baum, und unter die trockenen Blätter, die darunter lagen, aber nirgends leuchteten die Zauberaugen meines Märchens.

Da fragte ich die Uhr, die vor mir hoch oben in einem langen, spitzen Kirchturm saß:

»Du wohnst so hoch und hast einen weiten Ausblick – hast du mein Märchen nicht gesehen?«

Aber die Uhr sagte nur: Tick-tack-tick-tack! Und als sie schnarrend zu einer Antwort einsetzte, da sagte sie mit rasselnder Stimme eine ganze Menge Zahlen her – als ob Zahlen etwas mit einem Märchen zu thun hätten! Nun fragte ich die Leute auf der Straße:

»Ihr seid so klein, und guckt immer auf die Erde – habt Ihr mein Märchen nicht gesehen?«

Aber die antworteten: »Eine solche Person kennen wir nicht. Und wenn sie Dir gehört und weggelaufen ist, so zeige es doch bei der Polizei an« – – als ob eine blauröckige Polizei mit einem Knüppel ein Märchen einfangen könnte!

Nun fragte ich die Bäume im Park, an dem ich vorüberging. Aber die standen ganz still und regten sich nicht und ließen nur zwei, drei gelbe Blätter vor mir niedersinken. Da merkte ich, daß es Stadtbäume waren und zu gebildet zum Antworten auf eine Märchenfrage, und weil ich nun durchaus mein Märchen, das ich so leichtsinnig verloren hatte, wieder haben mußte, so ging ich auf Reisen, ihm nach.

Ich kam an ein großes Wasser, das lag friedlich da, wie eine grünsammetene Wiese, auf der kleine Grabhügel sich wölben, über und über bedeckt von weißen Maßliebchen. Mir war es, als ob mein Märchen sein goldenes Haupt lächelnd aus diesen Grabhügeln strecke, und als ob es kichere: »Nicht in Gräbern findest Du mich – ich bin das Leben!« – Aber da kam ein zarter, grauer Nebel und deckte die grüne Sammetwiese und die Maßliebchenhügel zu, und nur ganz in der Ferne sah ich es aufblitzen wie weiße Mövenflügel.

Ich kam an eine Insel, darüber flutete ein warmes Abendrot, und ein Rauschen, ein bedeutsames Raunen zog durch die Wipfel der hohen, stillen Bäume, als spräche mein Märchen zu mir aus tausend Zungen. Bunte Blumen standen auf der Insel, die sie die »Schöne« nannten, und sahen mit stillen Augen zu den Sternen auf, die ganz zart und licht am Abendhimmel aufleuchteten, wie die ersten Liebesgedanken in einer weichen Mädchenseele. Leise glucksten kleine lustige Wellchen gegen das Ufer, als lachten sie über die Wassernixen, die mit ihren weißen Entenfüßchen das Ufer heranklimmen wollten und immer wieder ins laue Wasser plumpsten. Wie nah', wie nah' war mir mein Märchen! Ich fühlte es mich umwehn – aber als ich danach haschte, sah es mich mit tiefen Augen spottend an, und ich griff in die Luft.

Danach sah ich mein Märchen wieder in einem Krankenzimmer; da saß es tief verborgen in dem großen weißen Kelch einer Lilie. Aus deren sammetigen, weißen Blütenblättern lagen rote Tropfen, als habe das Märchen blutige Thränen geweint, und es sah mit himmlisch klaren Augen in die Weite. Wie ein Hauch flog es durch das Gemach: »Hier kannst Du mich nicht halten, da würde ich vergehen vor Traurigkeit« – – und husch! wie ein Flügelschlag – da war's aus dem Fenster, und die Menschen um mich sahen sich fragend an: Was war das?

Eines Morgens, ganz, ganz früh, als die Nacht auf ihrem Lager flehend die Arme hob, den leuchtenden, ihr entfliehenden Tag zu halten, da erwachte ich und sah etwas Weißes, Flüchtiges von meiner Seite davonschweben. Und es umgab mich ein leises Klingen, und Worte tönten – war's in mir? war's um mich? – Horch:

Die Nacht, als ich geschlafen hab',
Da lag das Glück bei mir;
Im Morgenschimmer sah ich nur
Entfliehn die weiße Zier.
 
Es lächelt, nickt und winkt mir zu:
»Du hast es nicht gewußt,
Daß schlummernd ich mein Köpfchen hab'
Gelegt auf Deine Brust;
 
Wärst Du erwacht, hätt'st mich gefaßt,
So wär's um mich geschehn –
Nur leis, nur heimlich darf das Glück
An Deiner Seite gehn.«

Nun hatten es viele gute Menschen gehört, daß ich mein Märchen nicht wieder finden könnte, und weil sie ein verloren gegangenes Märchen für etwas sehr Trauriges hielten – ganz anders als die in der Philisterstadt, die gar nicht recht wußten, was ein Märchen war – da wollten sie mir alle suchen helfen. Aber sie thaten es mit so viel Bewußtsein und Ueberlegung, daß das Märchen sich immer tiefer versteckte; und selbst der rauschige Weinduft, der ausgesandt wurde, nach ihm zu forschen, kehrte statt mit meinem lieblich plappernden Märchenkinde mit einem wolligen, miauenden Kätzchen zurück, das gar scharfe Krallen zeigte.

Da ging ich in die Einsamkeit. Ich kam an wildes, weites Wasser, das rauscht und brodelt und donnert, als wolle es eine Welt vernichten – oder emporheben. Und eine Brücke führt über die weiße Gischt, die ging ich hinüber. Da war ich auf einer Insel mit hohen, wiegenden Bäumen; die hielten Felsblöcke mit ihren Wurzeln umklammert wie mit riesigen Greifenklauen. Und da war noch eine Insel, und noch eine, und noch eine. Zwischen ihnen drängte sich überall das weiße Wasser hindurch; es war so klar, daß man die kleinen Mooswälder auf dem Gestein unter ihm sehen konnte, und die Höhlen, dunkelblau und tiefgolden, in denen die Wasserkobolde wohnen. Wie ich nun an der äußersten Spitze der letzten kleinen Insel angekommen bin und hinsehe über das weite, schäumende Wasser, da sitzt dicht vor mir, nahe am brausenden Wasserabsturz, mein Märchen auf einem Felsblock. Es hat seine nackten Beinchen hoch heraufgezogen, damit sie nicht naß werden, und umschlingt die Kniee mit den weißen Armen; das Haar rollt silberglänzend um die kleine Gestalt, wie der sonnendurchleuchtete Kamm einer Woge, und die meergrünen Zauberaugen sehen zwingend zu mir hinüber. So sitzen wir beide und lächeln uns an, so froh, daß wir uns wieder haben, und dann erzählt das Märchen:

Weit droben im großen See tief auf dem Grund, da steht das Schloß des alten Wasserkönigs. Von grünem, strahlendem Krystall ist es erbaut, und die Wände sind so klar, daß der Wasserkönig mit seinen seegrünen Augen hindurchschauen kann und alles sieht, was in seinem Reiche vorgeht. Wenn die Fische rebellieren wollen, dann weiß er es schon, noch ehe sie den revolutionären Gedanken gefaßt haben, und der Kopf wird ihnen abgebissen, ehe sie wissen, wo er ihnen eigentlich sitzt. Ja, der König führt ein strenges Regiment, sogar unter den weiblichen Unterthanen, und manch hübschem Nixlein bebt das goldschillernde Schwänzchen, wenn der König musternd die Reihen durchschreitet; denn manch Nixlein hat ein böses Gewissen, und – ach, die königlichen Zwillingssöhne sind gar so herzliebe Gesellen.

Da berief der König eines Tages seinen Hofstaat um sich. Er saß auf einem Thron von goldglänzendem Kiesel, auf dem weißen Haupte trug er die Seekrone von Smaragden, und in den langen silbernen Bartwellen funkelten die Schaumperlen. Ringsum harrte das Gesinde in ehrfürchtigem Schweigen, kaum, daß die beweglichen Schwänzchen hin und her zuckten. Vor ihm aber standen die Zwillinge und warteten des königlichen Vaters Befehle. Schöne, schlanke Burschen sind's, mit festen Gliedern und kühnen Augen. Die des einen mit der gedankenvollen Stirn hingen an den Lippen des Vaters; die des andern, Rastlosen, Trotzigen, flogen lächelnd und kosend über die Schar der Nixlein, durch deren Reihen eine plötzliche schillernde Bewegung ging. Der Wasserkönig aber sprach:

»Prinzen, Ihr habt gelernt, wie man im Wasser lebt, herrscht und richtet. Es ist Zeit, daß Ihr Euch die Wasserfläche draußen anseht. Bahnt Euch eine Straße, zerschmettert, was Euch im Wege ist, und erobert Euch Euer Reich. Ziehet hin in Frieden und beherrschet künftig Eure Unterthanen mit Zucht und Strenge.«

Unwillkürlich ruckten die Fische mit ihren Köpfen bei dieser Rede, ob sie auch noch festsäßen, und die Nixen und Wassermänner zupften sich an den Flossen, ob sie die auch noch hätten. – Die schönen Zwillingsbrüder aber schwammen Hand in Hand in die Welt hinaus. Zuerst waren sie sehr übermütig, schlugen Purzelbäume, daß die Wellen in die Höhe klatschten, und neckten die Fische, die pfeilschnell an ihnen vorüberflohen. Dann wurden sie stiller und träumerisch, wiegten sich Hand in Hand an der spiegelglatten Oberfläche des Wassers und sprachen von den Heldenthaten, die sie verrichten wollten. Der mit der hohen Stirn und den schwärmerischen Augen lispelte von der hohen, der herrlichen Welt, die er sich erträume und die er besitzen müsse, koste es, was es wolle. Der Trotzige aber lachte dazu: »Leben will ich – und lieben und genießen!« rief er und schüttelte übermütig eine ganze Welle voll Flußsand über des Bruders schönem Haupte aus, daß der prustete und sich schüttelte wie ein nasses Menschenkind. – Nun kamen sie an einen hohen, grünen Wald, der lag mitten in ihrem Weg und machte auch keine Miene, ihnen auszuweichen.

»Zerschmettert, was im Wege steht!« wiederholte der mit der hohen Stirn. »Komm, laß uns die Bäume niederreißen, und die Felsen zerbröckeln.«

»Pah,« lachte der Wilde, »wozu die Arbeit, die eine Ewigkeit dauert? – Weiter, weiter will ich, ins Leben hinein! – Hör', laß uns den Bäumen aus dem Wege gehen, Du dort herum, und ich hier, und dann wollen wir sehen, wer zuerst ankommt, zuerst sein Ziel erreicht – Du oder ich!«

Das reizte den Zwillingsbruder; wußte er doch, daß er natürlich der Erste sein würde. Ein flüchtiges Lebewohl nur, und er brauste dahin, ungestüm, hier ein Stück Fels wegreißend, dort einen Baumstamm mit sich zerrend. Er sah nicht die Welt um ihn; er sah nur in die Ferne, wo seine Welt liegen mußte, die er erträumt, die er besitzen, beherrschen wollte. Nur immer weiter, weiter, dahin, wo der zarte Dunst aufsteigt, wo ein erster Sonnenstrahl glitzert wie auf Türmen – die seines neuen Reiches – und in wilden Sprüngen, brausend und jauchzend, setzt er der Traumwelt nach, bis er schwankt und schwankt und ihm schwindelt, und er den Boden unter den Füßen verliert, und er in den Abgrund stürzt, in den Abgrund von erträumter Leidenschaft. Es war ein jäher Sturz. In ihm zerschellen alle seine Träume, alle seine erhabenen Gedanken. Voll Grausen blickt er hinauf zu der schwindelnden Höhe, auf der er einst geweilt hatte: so groß und erhaben hatte er sich das Leben gedacht, nichts hatte er haben wollen, keine Freude, keine Liebe, nur Größe und immer mehr Größe. Nun trieb er dahin in einem breiten, gemächlichen Strombett, immer mehr wiegend, erschlaffend, duselnd – und nur wie weißer, kreisender Schaum trieb die Erinnerung auf seinen langsam sich wälzenden Fluten. Einmal schaute er sich um nach seinem Bruder: eine brausende, dampfende Gischt in der Ferne verhüllte alles hinter ihm.

Der trotzige, lächelnde, genußsüchtige Zwillingsbruder aber war gar gemütlich seines Weges gezogen, hatte die Bäume auf der schwimmenden Insel neckisch an den Zweigen gezupft, wie die unnützen Buben die schmollenden Schulmädchen an den Zöpfen, hatte seine neugierigen, geschwätzigen Fluten durch jeden kleinen Felsengang geschickt, bis er mitten durch die Insel hindurchlugen konnte, und da sah er etwas sehr Liebliches. Nicht eine Insel war es nämlich, sondern neben der großen, die das Königreich einer vornehmen alten Waldnymphe war, wie die Wasserboten berichteten, lagen noch drei kleinere, und jede von ihnen hatte ein Töchterlein der Waldkönigin zur Herrin, und sie lebten da in eitel Freude und Lustbarkeit. Keinen Gebieter wollten sie über sich erkennen und frei wie die Luft leben, so lange die Welt steht. Da kam jetzt der schöne Flußheld geschwommen, ganz nahe an die Insel der ersten Schwester heran, siehe, da steht ein wunderschön Jungfräulein, mit Guirlanden von Blumen umwunden und ein fröhlich Liedchen summend. Und horch! wie die Antwort zu ihr aufsteigt aus den weißen Wassern, die plötzlich aus dem Dunkel der Felsen hervorbrechen und sie erschrecken, daß sie schreiend davonläuft. Er aber schwimmt ihr nach, rund um die Insel, siehe – da sitzt auf einem Felsblock der zweiten kleinen Insel ein noch viel schöneres Jungfräulein, die schüttelt ihr lockiges Haar, als sie die weißen, starken Arme des Flußhelden sieht, die er nach ihr ausstreckt. Und sie lacht höhnisch und nimmt spitzes Gestein und wirft es nach ihm, daß ihn die scharfen Kanten ritzen. Da wird er zornig und will aufwallen – doch ach, drüben auf der letzten, kleinsten Insel, da sitzt am Ufer, mit den Füßen die neuen Wellen patschend, das dritte Prinzeßchen; und sie hat langes, güldenes Haar, und die meerblauen Augen sehen neugierig zu ihm hinüber, und die schönen Glieder wiegen sich mit den Wellen. Da schwimmt er ganz nahe zu ihr, legt seine große Männerhand um ihr weißes, weiches Füßchen, und sie lächelt nur – da zieht er sie hinab in seine schaukelnde, weite Wasserwiege. Wie eine Wehklage braust es durch die Waldwipfel; aber sein Jubelruf übertönt die Klage, und weit enteilt er, seine Beute bergend vor Fels und Abgründen. Regungslos liegt die Schlanke, Weiße in seinen Armen. Sie kann ja nicht sprechen im Wasser, nur die meerblauen Augen sehen ihn an, und tief drin liegt eine stille Klage: Warum hast du mich in ein fremdes Element gezogen? Warum dich zum Herrn gemacht über ein freies Geschöpf?

Nun wußte er eine Grotte, darin sollte die stille, weiße Geliebte wohnen. Tiefgrün war es darin von lauter Smaragden, und das Edelgestein leuchtete und funkelte wie von tausend Lampen. Der trotzige Held aber webt und webt, und webt mit seinen Wasserfäden den schönsten Brautschleier von kostbaren Spitzen, und er hängt das duftige zarte Gewebe, so hoch, so fein, rund im Halbkreis vor das smaragdene Wasserschloß, daß niemand seine Heimlichkeit störe, keiner seine weiße Braut, zu deren Füßen er ruht, ihm rauben könne. Sie aber spielt in seinen langen Haaren, küßt seinen roten Mund, legt ihr Köpfchen an seine breite Brust – aber immer wieder fragt sie: Wo ist die Sonne? die goldene Sonne?