Und eines Tages, als er fern ist, da wird die Sehnsucht nach dem Licht so mächtig in ihr, daß sie der Wasserkobolde und neckischen Nixen vergißt, die draußen ihr Wesen treiben und die Spitzenschleier immer wieder erneuern und verdichten. Ganz nahe tritt sie heran an die zauberischen Vorhänge – wie hell, wie licht es da ist; sie rückt ein wenig daran, sie lüpft ein zartes Eckchen. – Siehe, da über den wogenden Wasserdünsten steht die Sonne, ihre Sonne in strahlender Pracht – und die Arme sehnsüchtig ihr entgegenbreitend, sinkt das Waldkind, eingehüllt in die Brautschleier, zur tosenden, unbarmherzigen Tiefe nieder. Wie ein leuchtender Strahl fliegt es an dem Trotzigen vorbei, der seine starken Glieder im wildesten Flutengetos kühlt, und da vor ihm, da im Strudel treibt der weiße, weiche Leib seiner stillen Waldlilie. – Es überkommt ihn ein großer Zorn. Brüllend vor Schmerz und Wut, daß es wie Donner grollt, wirft er die Wasser gen Himmel, damit ihr Schaum, ihr wilder Gischt die Sonne, die verhaßte, verdecke. So steht er im Strudel und rast und trotzt gen Himmel. Er sendet seine Fluten auf zu der Insel, wo seine Waldlilie wuchs; sie zerren und wühlen an dem Gestein, ein Stück nach dem andern sinkt in die Tiefe und ein höhnender Schrei gellt von Welle zu Welle, wenn ein Baum mit hinabgerissen wird und hülflos in den Fluten treibt. Oben in den Wipfeln der Bäume aber rauscht eine wehmütige Klage um die Waldlilie, die an der Sonnensehnsucht verging.

Doch die wundersamen Spitzenschleier, die das Brautgemach bargen, wallen immer noch nieder vor dem smaragdenen Schloß und verhüllen in zarter Weiße seine erbarmungslose Leere. Die goldene Sonne aber taucht ihre Strahlen tief in das Wassergebrodel, läßt sie niedergleiten an den Schleiern, als suche sie die, die aus Sehnsucht nach dem Lichte gestorben ist; und die Strahlen bauen von Tag zu Tag eine wunderleuchtende Brücke hinauf, hinauf zur Sonne.

Da endete das Märchen und es breitete seine Arme aus nach den fallenden Wassern. Ein leises, wehmütiges Klingen zog herüber von den Inseln der drei Schwestern.

Das Märchen erhob sich, flog mit breiten, weißen Mövenflügeln hin über die Fluten, die wild aufschäumten und es haschen wollten. Aber sie netzten nur seine Füße. Und mit leisem Gekicher kreiste es über meinem Haupte – mein verlorenes und wiedergefundenes Märchen – an den fallenden Wassern des Niagara.

In der Gosse.

»Hei! Der hat's eilig!« sagten die trockenen Blätter, als der Wind sie packte und die glatte Straße hinunterwirbelte, daß sie den Atem anhielten.

»Nein, ich will nicht!« raschelte das eine ganz große Blatt, das, trotz seiner verkrümpelten Gestalt, noch einen grünlichen Schimmer auf sich hatte und sogar noch einen ordentlichen Stiel besaß. Und es hob sich erst von der einen Seite, und dann von der andern – wie ein ungeschickter Bauernbursche, der zum Tanze antritt; aber es half ihm nichts: der Wind blies die Backen auf, und heidi! da sauste es davon, so viel es auch versuchte, an allen Steinchen und Schmutzhaufen hängen zu bleiben. Wütend sprang es schließlich noch toller wie die andern und legte sich oben auf die kleinen Blätter, um sie festzuhalten. – Da plötzlich – an der Straßenecke stieß der Westwind laut jubelnd den Nordwind an – so spielten sie immer, die beiden wilden Gesellen, und wollten sich dann schier totlachen, wenn sie alles Lebendige mit in ihren tollen Reigen hineinzerrten. – Und nun wirbelten sie zusammen die trockenen Blätter in die Höhe, daß sie den Bäumen entgegenflogen, die sehnsüchtig die leeren, nackten Arme nach ihnen ausstreckten. Aber da lagen sie schon wieder auf der Erde, küselten verwirrt umeinander und schleiften, schlürften, raschelten über die glatten Steine hinab in die Gosse.

Da lagen sie nun und dachten nach. Und dachten, wie sie – es war schon lange, lange her – die braunen Köpfchen einst vorsichtig aus der Baumrinde hervorgestreckt hatten, und in die Welt hinein geguckt, wie sie dann groß und grün und schön geworden waren, wie die Spatzen in ihnen gehuscht, wie der Mond zwischen ihnen hindurchgelugt, und wie die Menschenkinder in ihrem Schatten sich geküßt hatten. Dann war der Herbstwind gekommen und hatte sie selber geküßt, und sie waren gestorben an seinen eisigen Küssen – hatten sich erst so herrlich geschmückt für ihn, die armen Dinger, rot und gelb und violett und braun, und dann fielen sie ohnmächtig aus seiner wilden Umarmung zur Erde nieder, wurden hin und her gejagt von den Winden, und nun? Nun liegen sie in der Gosse und denken nach.

Hei! Wie der Wind bläst! Die Kleider der schönen Frauen, welche die Straße entlang gehen, schlägt er zur Seite, daß die schlanken Füße sichtbar werden. Und die Blätter in der Gosse flüstern einander zu: »Jetzt werden sie auch anfangen zu tanzen und rascheln und schleifen die glatte Straße hinab in die Gosse!«

Aber nein, die kleinen Füße schreiten fest und sicher weiter, der Wind kann ihnen nichts anhaben – aber der andere, der im Herzen weht, durch das Leben stürmt, ob der die schlanken Frauenfüße wohl nicht vom glatten Weg hinabwirbelt – in die Gosse?

Davon freilich wußten die trockenen Blätter nichts: sie lagen in der Gosse und dachten nach; und der Wind strich jauchzend über sie hin. Es wäre ihm ein Leichtes gewesen, die ganze Gesellschaft aus dem Rinnstein hinauszuwirbeln, über alle Welt zu jagen. Doch er that es nicht; lauernd hing er über ihnen und sang sein Lied:

»Jetzt schirre ich meine Wolkenrosse und stürme dahin und brause über die Stadt und über das Land in den Wald. Eure Schwestern will ich besuchen, die glührot an den Bäumen hängen. Und ich hause in den Zweigen, und ich brause über die Wipfel, und ich schüttle die bunte Pracht. – Seht Ihr den bunten Blätterregen?

Und seht Ihr die Trauerweiden, wie sie den Waldteich bewachen, düster, schwermut-geheimnisvoll? Ich peitsche ihre niederhängenden Haare, daß sie wie graue Schlangen zischeln und züngeln. Ich wühle die schwarzen Fluten des Waldteichs auf, daß die Wellen schäumen und sich kräuseln und mit nassen, starken Armen die Wasserrosen hinabziehen in das dunkle, dunkle Grab. –

Nur die Königin – sieh', da ruht sie auf schwarzgrünen Blättern, und sehnsüchtig leuchtet ihr weißes Blumengesicht mir entgegen. Ich fliege zu ihr, und ich reiße sie an mich in wilder Lust, kosend schaukle ich sie hin und her, ich sauge wollüstig den Duft aus ihrem weißen Kelche, ich küsse sie mit zärtlich stürmischen Küssen – sie stirbt an diesen Küssen – und ich trage ihre Blumenblätter hin über den schwarzen Waldesteich, hin über die Welt – – Ist es süß, zu sterben an den Küssen des Gewaltigen? – –

Heiho! – Ihr Wolkenrosse – graue, schwarze! senkt Euch tiefer, daß ich Euch besteige, daß ich Euch zügle hin über die Erde – der ich Vernichtung bringe – –«

Raschelnd flogen die trockenen Blätter ihm nach, aber nur eine Spanne hoch, dann fielen sie wieder herunter in den Rinnstein. Und da lagen sie wieder mit ihren Gedanken.

Es hatte sich eine sehr gemischte Gesellschaft in der Gosse zusammengefunden. Da waren Blätter von allen Größen und jedes sah ganz anders aus. Sie gehörten zwar alle entweder zu der großen Familie »Derer von Baum« oder zu der »Von dem Busche« – aber eine rechte Einigkeit konnte nicht erzielt werden, da sich die vom Baum viel vornehmer dünkten, als die von dem Busche, und daher wurde so viel von Stammbäumen, Wappenschildern und dem Gothaer geredet, den die Firma Frühling, Sommer u. Co. herausgab, daß die übrige Gesellschaft im Rinnstein, die nicht von so hoher Abkunft war, in tiefster Ergebenheit erstarb. Darin waren sie sich jedoch alle einig, daß sie nur durch unverschuldetes Unglück, durch widrige Winde und plötzliche Regengüsse so heruntergekommen waren, daß sie sich nun in der Gosse befanden.

Da stak mitten unter dem Blätterhaufen ein langer, schlanker Strohhalm, hineingeflogen wie ein Pfeil – die Blätter hatten ihn immer für etwas ganz Unbedeutendes gehalten – der that jetzt den Mund auf und begann zu erzählen: »Ich bin sehr vornehm,« sagte er, »ich bin ein Prinz. Ich bin Oberst gewesen in Ihrer Majestät der Frau Königin Erde Weizenfeld, Allerfeinste-Mehlsorte No. I. Ich trug eine gelbe Uniform und einen prächtigen Raupenhelm auf dem Kopfe. – Ihr hättet es sehen sollen, unser Regiment! Wie wir in Reih' und Glied standen – fest wie eine Mauer! Wie wir exercierten – hierhin, dorthin, auf und nieder, wenn unser Kommandant, Generalissimus Wind, seine brausende Stimme erschallen ließ. Hei! das war eine Freude, uns anzuschauen! – Und dann kam der Krieg, das war ein schneidiger Krieg! Erbarmungslos mähte der Feind, jenes uncivilisierte raubgierige Gesindel, das sie Menschen nennen, uns nieder, und wir fielen ebenso schön in Reih' und Glied, wie wir gestanden hatten. – Aber tot waren wir nicht – bewahre! (denn sonst könnte ich es Euch ja nicht erzählen). Wir gerieten nur in Gefangenschaft, und in bittere Gefangenschaft. Sie banden uns zusammen, wie die Indianer, und schleppten uns fort und steckten uns in die Folter, bis sie all den Reichtum, den wir in unserm Raupenhelm trugen, herausgequetscht hatten, und dann, ja dann sollten wir erniedrigt werden, den Pferden Dienste zu leisten, den Pferden unserer Feinde. Die wollten auf uns herumtrampeln, die wollten uns als Lager benutzen, die wollten – mit einem Wort – Mist sollten wir werden! – Ich, Prinz von Halm-Halm – auf Aehre – Oberst in Ihrer Majestät der Königin Erde Regiment Weizenfeld-Allerfeinste-Mehlsorte No. I.

Da, als wir gefesselt, geknebelt, aufeinandergepackt, in dem Transport-Wagen lagen – da habe ich zum erstenmal in meinem Leben die Subordination vergessen – ich, dem die Subordination alles war, und bin ausgerissen.

Und die Folge davon? – Ich liege in der Gosse – –

Ja, Subordination muß sein!« sagte der Strohhalm, grub sich mit seiner leeren Kornähre, seiner Raupe, in den Gossenschlamm und philosophierte über die Gefahren der Unbotmäßigkeit. – »Siehst Du, Prinz Halm-Halm: Schmieg' Dich dem Schicksal an, so kriegst Du einen warmen Pferdestall – lehn' Dich dagegen auf und Du fällst in die Gosse – auf Aehre! – Burrrr – brumm!« schnarrte es neben ihm. Ein richtiger, bunter Brummkreisel war es, der auf irgend eine Weise in die Gosse geraten, unter die Blätter, und von den Kindern vergessen worden war.

»Subordination. – Ich brumme was auf die Subordination! Wer wie ich zeitlebens von allen unnützen Buben auf den Straßen herumgepeitscht worden ist – zuweilen waren ein halbes Dutzend hinter mir, und dann mußte ich tanzen und brummen, bis mir der Atem ausging – der ist froh, wenn er auskratzen kann und sein Leben gemütlich in der Gosse beschließen darf.

Wie habe ich mich gesträubt und gewehrt, all' mein Leben lang! Ich habe den Bindfaden, der an mir saß, so fest um mich herumgewickelt, daß er beinahe mit keiner Macht der Erde wieder loszumachen war; ich habe mich mit meinem einzigen spitzen Bein in die Ritzen der Steine geklemmt, daß sie mich beinahe nicht wieder herauskriegen konnten; ich bin allen Jungen und Mädchen zwischen die Füße gefahren, daß sie stolperten, und habe dabei gebrummt, daß mir selber angst und bange wurde. Aber es half mir nichts. Ich mußte tanzen und schnurren und Kapriolen machen mit der bittersten Empörung in meinem Brummkreiselherzen. Sie hatten die Peitsche und folglich auch die Macht und ich mußte tanzen, bis ich eines schönen Tages in der Gosse lag – – – Brrrrr – brumm!« sagte der Kreisel, als der Wind über ihn hinfuhr und ihn zwang, sich um sich selbst zu drehen.

»Ja, mein lieber Herr Kreisel,« sprach da salbungsvoll ein weißes, bedrucktes Stück Papier, das die Schulkinder aus einem ihrer Bücher verloren hatten. Die Blätter wollten es nicht für voll anerkennen – es war zwar auch ein Blatt und auch trocken, aber es gehörte zu einer ganz andern Familie – sie waren gar nicht verwandt. Es hielt sich deshalb ein wenig abseits und sprach in gebildetem Tone:

»Sehen Sie, mein lieber Herr Kreisel,« sagte es, »das ist von alters her so gewesen – ich muß das wissen, denn ich bin aus einem Geschichtsbuche – die Starken hatten die Macht und, wie Sie so sehr richtig bemerkten, folglich auch die Peitsche, mit der sie sehr energisch umzugehen wußten, und die Schwachen – nun, die wurden gepeitscht. Da hilft kein Auflehnen gegen den Willen von oben und gegen die Peitsche der Straßenjungen; die Kreisel wie alle Armen und Schwachen müssen tanzen – so ist es immer gewesen, so ist es heute noch, und so wird es bleiben. Wir haben uns einmal daran gewöhnt, und wir Gebildeten sehen auch ein, daß es nicht anders sein kann und daß es so am besten ist.«

Da fuhr aber der Kreisel auf:

»Daran gewöhnt? Fällt uns gar nicht ein! Denken gar nicht daran! Und wenn wir uns einmal alle zusammenrotteten – die Bäume und die Büsche und die Strohhalme, und alles, was so herumliegt, und wir Kreisel und – und so weiter – und wir machten 'mal so eine kleine, lustige Revolu– –«

Hui! Da faßte ihn der Wind und schüttelte ihn, und da duckte er sich und sagte: »Brumm!« –

»Ach,« jammerte da ein feines, zärtliches Stimmchen, »was ist das alles gegen den Kummer, den ich erlebt habe?«

Das war ein Stückchen Papier, lachsfarben, gepreßt, mit Tinte beschrieben – man sah, es war etwas Feines. Der Wind hatte es eben erst in wilder Jagd die Straße hinuntergepustet, und atemlos war es mit einem Purzelbaum in der Gosse gelandet.

»Ich war rein und hellblank, und ich duftete stärker wie die Veilchen in der Vase, die vor dem Fenster stand; und ich lag auf einem zierlichen Schreibtisch und ein reizender, goldener Federhalter kritzelte über mich hin. – Ach, dieser Federhalter! Etwas Glänzenderes, Schlankeres, Zierlicheres habe ich nie gesehen. Und alle die süßen, zärtlichen Worte, die er mir ins Ohr flüsterte – war es ein Wunder, daß ich seinen Schwüren glaubte, daß ich ihn liebte mit all der Glut, deren mein papierenes Herz fähig war? – Ach, wie war das Leben schön!

Aber da kritzelte er mir eines Tages mit einem großen dicken Tintenstrich etwas ganz Unheimliches, Unverständliches zu, so daß ich erschrak, und dann ergriffen mich plötzlich kleine, weiße Fingerchen, und ich knickte vor Angst in der Mitte durch, und sie sperrten mich in einen dunklen Behälter, der wurde fest zugemacht, und eine glockenhelle Stimme trillerte dazu:

Such' ich mir 'nen andern Schatz –
   juhu – andern Schatz –

und dann reiste ich fort, weit fort, und mein schlanker, goldener Geliebter blieb zurück, und ich habe ihn nie wieder gesehen. Ach, ich war wie in einer Betäubung und kam erst wieder zur Besinnung, als mein Gefängnis sich öffnete und ich herausgeholt wurde – und da – da geschah etwas Schreckliches: ich hörte eine wuterstickte Stimme, die mich fürchterlich ausschalt, und große, rauhe Finger nahmen mich und rissen mich mitten durch, nicht nur einmal, nein, in lauter kleine Fetzen, und wir flatterten zur Erde nieder und der Wind kam und nahm uns mit sich fort. – Ach, und wenn nun mein Federhalter mich sucht, dann erkennt er in diesem kleinen, schmutzigen Flecken seine schöne lachsfarbene Geliebte nicht wieder. – – – Ach, was sind alle Leiden und Kümmernisse der Welt gegen die Schmerzen unglücklicher Liebe!«

Als das traurige Papierchen geendet hatte, entstand eine tiefe Stille in dem Rinnstein. Sie waren alle gerührt und kämpften mit den Thränen –

»Denn eigenes Unglück und eigener Kummer machen das Herz empfänglich für die Leiden anderer!« sagte das Blatt aus dem Geschichtsbuche für die Jugend gebildeter Stände. Nur das große Blatt mit dem Stiel, eines der vornehmsten aus dem Hause derer vom Baume, murmelte etwas von »plebejischer Gefühlsduselei!« und der Brummkreisel sagte: »Bitte, meine Herrschaften, werden Sie nicht sentimental – das ist veraltet – und von Liebe halten wir heutzutage nicht viel, die Wissenschaft hat diesen geheimnisvollen Vorgang in unserem Innern mit grausamer Deutlichkeit aufgeklärt – brrrr–brumm!« Da aber gab es einen großen Disput, wie in einer politischen Sitzung, und wie sie noch im besten Zanken waren, öffnete sich in dem nächsten Hause eine Thür und ein junges Mädchen trat heraus mit einem Besen in der Hand, denn es war Sonnabend, und die Straße sollte gekehrt werden. Mit kleinen lustigen Schritten trippelte sie daher und die braunen Augen sahen zuversichtlich in die Welt hinein. Sie begann mit kräftigen Bewegungen den Rinnstein auszukehren und summte halblaut dazu:

Wenn ich wüßt', wenn ich wüßt', 
Wo mein Schatzerl ist –
Ist wohl in die weite Welt –
   juhu – weite Welt –
Ist wohl fortgezogen!
 
Wenn ich wüßt', wenn ich wüßt',
Wo mein Schatzerl ist –
Wär' ich in die weite Welt –
   juhu – weite Welt –
Wär' ihm nachgezogen!
 
Da er mir nun nichts gesagt,
Warte ich wohl über Nacht –
Such' mir dann ein andern Bub –
   juhu – andern Bub' –
Muß mich nit verlassen!« – –

Und nun purzelte alles durcheinander: die Blätter und der Strohhalm und das Papier und der Kreisel. Das Mädchen kehrte sie zusammen auf einen großen Haufen, und jubelnd kamen die Kinder herbei und zündeten das trockene Laub an – –

»Burrr!« sagte der Kreisel, »mein revolutionäres Feuer schmilzt mich auf!«

Und knisternd flog die lachsfarbene Schönheit in die Höhe; denn der Wind blies in den Scheiterhaufen, daß die Funken stoben, er trug sie mit sich fort, wie die weißen Blätter der Wasserrosenkönigin, und streute sie aus auf seinem Wege, daß ein Feuerregen niederfiel. Die braunen Augen des Mädchens sahen ihnen nach, und sie sang:

»Ist wohl in die weite Welt – juhu –
   juhu – weite Welt –
Ist wohl fortgezogen!«

Sonniger Winter.

Sie sagten, es sei Winter. Da ging ich hinaus, ihn zu begrüßen. Denn hier drinnen in der engen Stadt hat er ein gar häßliches Aussehen, rauchig und schmutzig, und er blickt dich an mit den Augen des Hungers. – Draußen aber lag der lachende Sonnenschein. War das der Winter? Er hat ja kein weißes Kleid an. Die Bäume recken ihre nackten Zweige kraus und zackig in den blauen Himmel hinein, und ihre Rinde schimmert rötlich, oder weiß, oder stahlgrau in der schwimmenden, flockigen Luft. Ah, die Luft! Das weitet die Brust – wie du mit einem tiefen Atemzug alle den Wald einhauchst, daß er die Stadt, die rauchige, schmutzige, in dir verzehrt! – Mein Fuß wühlt im langen, zottigen Gras. Wenn du nicht hinsiehst im Park, wo die glatten Wege sind, wo die feinen Karossen fahren, wo die Menschen auf ebenen Pfaden wandeln, dann meinst du im Wald zu sein – still ringsum, nur hohe Bäume, nur das Lispeln, das seltsame, traurige Lispeln in den nackten Zweigen, die ohne Blätter nicht rauschen und raunen können, wie sie im Sommer, im Herbst es thaten. Nur die Prärie vor dir, durch die sich das geschäftige Bächlein im Sonnenschein dahinschlängelt. Ein zaubrisch Bächlein – wie es lockt und winkt, eilig über die blanken, feuchten Steine kollert, und immer raunt und murmelt und erzählt – was es nur immer sagt? Ich klettere den Abhang hinunter, tiefgrün schimmert das Wasser von den bemoosten Steinen herauf. Einzelne ragen draus hervor, sie sehen mich lockend an – soll ich hinüber klettern auf den Springsteinen, zum andern Ufer des Bächleins, dorthin, wo stille, grüne Tannen stehen, wo es ganz einsam ist? – Da – mitten drin – du böser Nix, was hast du an dem Stein zu rütteln? Das hält ja so ein tappig Menschenkind nicht aus! Natürlich, da patsche ich mit den Füßen im Wasser – und nun schnell gesprungen, in den Sonnenschein, in das hohe Gras hinein, daß ich wieder trocken werde. Böser Bach mit deinem Nixen. – Aber was ist das? War es Zauberwasser, das mich berührt hat? – Der Wald ist lebendig geworden, die Bäume fangen an zu reden, ich verstehe, was die Vöglein zwitschern, die kleinen, grauen, die Waldvagabonden, die einzigen, die geblieben sind. Piep! sagen sie, uns ist's einerlei, ob die Blumen blühen und die Bäume Blätter haben. Dann bauen wir unser Nest in den kahlen Zweigen, und zwitschern von den zukünftigen Blüten, und die Nahrung – nun, die stehlen wir uns irgendwo – nur Freiheit, Freiheit wollen wir haben! – Au! sagt das Gras unter meinen Füßen, warum trittst du mich? – Ich bin nicht tot. Da, sieh' einmal her – Und wie ich dann die langen, zerzausten Haare vorsichtig zur Seite schiebe, da lugt frischer, grüner Klee schelmisch hervor. Der grüne, grüne Klee – Weißt du noch, grüner Klee, wie es war zur Sommerszeit?

Es war zur goldnen Sommerszeit,
Die Welt war groß und war so weit –
 Und grüner, grüner Klee.
 
Der blühte still im Waldesthal
Wie Tropfen Blutes allzumal
 Die Blüten stehn im Klee.
 
Und Falter spielen drüber hin.
Und wir? Wir lagern uns tiefdrin,
 Im grünen, grünen Klee.
 
Dein Aug' ist wie der Falter blau,
Dein Mund rot wie die Blüt' im Tau,
 Die Blüte rot im Klee.
 
Dein Haar ist wie das Sonnenlicht,
Das gleitet durch die Zweige dicht
 Wohl über grünen Klee.
 
Dein lieber Hals, der luget leis,
Wie die Maßlieben wunderweiß,
 Aus grünem, grünem Klee.
 
Da hab' ich mich geneigt zur Stund'
Und hab geküßt den roten Mund
 Im grünen, grünen Klee.
 
Und nur ein Vöglein sah's mit an,
Das lockte süß aus dunklem Tann
 Ganz nah beim grünen Klee.
 
Da war es, wo im Waldesthal
Ich fand zum allererstenmal
 Der Blätter vier am Klee.
 
Merkt ihr, was das bedeuten soll?
Mein Lieb und ich – wir wissen's wohl –
 Ja – und der grüne Klee. –

Hat mir das Bächlein das Lied gegluckst? Haben's die kleinen Waldtramps gezwitschert? Hat es der Klee gelispelt – oder hauchten es die Sonnenstrahlen in die Welt hinein? Rings um mich singt es und klingt es. Und plötzlich trottet eine kleine Schar neben mir, putzige Gesellen mit feinen Gliederchen und lustigem Wesen. Sie laufen neben mir wie eine Schar Hündchen, sie klettern die platten Baumstämme hinauf und wiegen sich in dem weiten Geäst hurtig wie die Eichkätzchen, und sie tragen kleine Narrenkappen auf den Krausköpfchen, damit klingeln sie: Gedanken! Gedanken! Wir sind deine Gedanken. –

Aber, ihr flinken Gesellchen – Gedanken? Ich meinte Gedanken, die hätten schwere Köpfe, und Brillen auf der Nase, und gingen mit gewichtigen Schritten in den Büchern auf und ab spazieren. Was wollt ihr im Wald mit mir?

»Wir wollen hören, was er rauscht, was die Bäume sagen, und der Wind weht. Wir wollen sehen, wo der Winter ist? – Da, siehst du.« – Mitten auf der Wiese war das lange Gras fein säuberlich zur Seite gewachsen und hatte einem grünen Moosteppich Platz gemacht, der sich glatt und fein ausbreitete: »Sieh',« flüsterte mir ein Gedanke ins Ohr, »siehst du die Elfen tanzen, und die Gnomen mit den weißen, zottigen Bärten und den spitzen, haarigen Oehrlein? Wie die weißen Leiber der Winterelfen schimmern, wie ihre flockigen Schleier wehen und wie die Lüfte aufspielen zum Tanz. – Horch! Wie Schneeknirschen klingt's, und wie die Eiszapfen, wenn sie klirrend von den Bäumen brechen. Und siehst du, da mitten im Gewirr den sonnigen Winter stehn? Seine Augen glänzen und er lacht, daß die weißen Zähne aus dem feurigen Barte blitzen.« – In den starken Armen hält er die Winde; wie sie zappeln und die Backen aufblasen vor Wut, daß sie nicht loskommen können – da schlägt er den Nordwind und den Westwind mit den Köpfen zusammen, die bösen Gesellen, und stößt sie mitten unter das Elfengesindel, das sie jauchzend mit Tannenkränzen umwindet und fesselt; oben auf des sonnigen Winters Schultern aber steht der Südwind und stößt jubelnd ins Horn, daß es von den Bergen ringsum widerklingt. Und jauchzend fallen die Gedanken um mich herum in das tolle Treiben – so daß ich mich ordentlich schäme für sie – was sollen nur die Menschen davon denken? »Ihr solltet auch nicht denken, ihr Menschen,« lachten meine wilden Gesellchen – »denn wenn ihr denkt, dann denkt ihr immer was Dummes. Es wäre überhaupt viel besser, ihr dächtet gar nicht, und überließet es uns, euch plötzlich mit etwas Gescheitem durch den Kopf zu fahren – wie ein Blitz.«

»Da sieh' hin, die zwei Bäumchen, die da angewackelt kommen,« sagte ein spöttischer kleiner Gedanke und überschlug sich wie ein Kobold im Gras vor Vergnügen. »Du denkst, es wären Fichten, aber schau sie einmal an: sie kommen in kurzem Lauf, ein wenig vornüber, dahergetrottet, ihre Nadeln stehen zierlich nach beiden Seiten, wie lauter gewichste Schnurrbärtchen, die Kronen sind ihnen ins Gesicht gerutscht, so daß es aussieht, als wenn sie die großen Hüte bis tief auf die Nase sitzen hätten, und da die Zweige just ein bischen über dem Erdboden beginnen, scheint es, als hätten sie sich die schloddrigen Hosen sorgfältig aufgekrempelt. –

»Ei! wie die Herrchen laufen,« höhnt der lustige Gedanke und zupfte an ihren Nadeln, worauf sie sich wütend umdrehen und mit den jungen Birken, die sie als Spazierstöcke mit sich schleppen, nach ihm schlagen – »sie thun, als wollten sie dem sonnigen Winter eine Referenz machen, und dabei schielen sie doch nur nach den weißhäutigen Elfendirnen.«

Nun kommen sie von allen Seiten gewandert: die breitästigen Eichen, die schlanken Birken im weißen Hemdchen, knorrige Burschen vom Geschlecht der Baumriesen; und eine nackte Trauerweide tänzelt so lustig daher, daß die langen, fast bis auf die Füße hängenden Haarsträhne im Winde flattern. – Ei, sieh', wen haben wir hier? – Eine Prozession ehrbarer Herren in dunkelgrünen Röcken, die bis zur Erde reichen; und aus den stachligen Kapuzen schauen lustige Mönchsgesichter, und die Aeuglein blinzeln über die feisten Wangen hinweg nach den schlanken, grünen Nönnchen, die ihre Kiefernkleidchen gar züchtig geschürzt haben und sittsam kokett neben der Tannenprozession einhertrippeln. Voran schreitet ein baumlanger Tannenriese, stark wie Rabelais' Mönch Johann. »Halt da!« kommandiert er, »hübsch paarweise antreten!« und er bombardiert die letzten in der Reihe mit Tannenzapfen, damit sie ihn besser verständen – »und wem's nicht recht ist, hier im Wald, dem schlage ich die Knochen im Leibe entzwei!«

Da faßt ein Mönch je ein Nönnchen bei der Hand, und, die grünen Röcke ein wenig lüpfend, tänzeln sie im Menuettschritt über die Wiese hin zum lachenden, sonnigen Winter und beginnen artig zu psalmodieren, daß es in den Wald hineinschallt:

»Brave Mönche sind wir Tannen,
Brummeln unser Mönchsgebet –
Und wenn es zum Schlucken geht,
Laufen nimmer wir von dannen –
   Eia, Hallelujah!
 
»Nönnchen sind wir, Nönnchen heiter, 
Leben gottgefällig weiter,
Putzen unser grünes Kleid –
's Himmelreich ist auch nicht weit –
   Eia, Hallelujah!
 
»Und so leben wir gar traulich,
Brüder, Schwestern, Hand in Hand –
– Unsre Kutten sind verwandt –
Unser Trachten ist beschaulich –
   Eia, Halleluja!«

»Ei, so hört auf zu plärren,« dröhnt Bruder Johanns mächtige Stimme dazwischen –

»Kurze Worte dringen zum Himmel eh'r,
Lange Züge machen die Kanne leer –
   Eia, Halleluja!«

Und mit tollem Jubel drehn sie sich mit im Elfenreigen, daß die grünen Kutten im Winde wehn.

»Hast du nun den Winter gefunden?« flüstert mir ein Gedanke ins Ohr, »sieh', wie die Sonne über ihm steht, lichtspendend, milde lächelnd, als ob all das Weh in der Welt nur ein Wassertröpfchen wäre, das sie lächelnd aufsaugt.«

»Sagtest du: Weh, kleiner Gedanke?« haucht es neben mir, »weißt du, was das ist?«

Ich wandte mich; da steht unter den hohen Bäumen des sonnigen Winters der allerhöchste und breitet seine mächtigen Zweige aus, als wolle er die Welt an seine Brust ziehn. »Sieh',« sagt er und senkt das starke Haupt, »meine Krone haben sie mir geraubt, der Sturm, als er hinzog mit seinen weißen Jägern über mein Reich – meine Aeste haben sie zerschlagen und die Augen mir geblendet. Weißt du, was es heißt, leben, und die Sonne nicht mehr sehn, nie mehr!«

Es geht ein Aechzen durch den zersplitterten Stamm, die Zweige bewegen sich schwankend hin und her – es ist, als wolle sich der Riese zur Erde neigen. Aber noch ist er stark, noch steht er aufrecht, bis der Sturm wieder einmal gegen ihn zu Felde zieht – und nur wie ein »Weh – das thut weh!« – zittert es durch die Luft.

Mich fröstelte es, die Sonne sank tiefer, ich ging dem Heimweg zu. Einzelne Gedanken blieben im Wald beim Tanz auf dem Elfenteppich, bei dem sonnigen Winter, andere sprangen mir flüsternd, raunend, kichernd zur Seite; bis zum Hügel hinauf, am Rand des Waldes, da waren sie verschwunden. Einige waren den eleganten Karossen nachgelaufen und guckten spöttisch grinsend in die Wagenfenster, andere hatten sich den Heimatlosen, vagabondierenden Menschenkindern angeschlossen, die unter den Büschen des sonnigen Winters ihr Nachtlager suchten. Nur Einer, ein ernsthafter, blasser, kleiner Geselle stand neben mir, als ich mich umwandte am Berg und mein Auge die Sonne suchte – wie seltsam! Die Sonne, die goldene, große, strahlende, hing herrlich am Himmel – aber der Wald, die Welt? Was eben noch leuchtete, schimmerte, in wunderbarsten Farben, das lag tot und kalt und schwarz zu ihren Füßen.

»Siehst du,« sagte der ernsthafte Gedanke neben mir, »so wollt ihr die Wahrheit suchen mit eurem Verstand und eurer Tüftelei, so seht ihr in die Sonne mit der Brille der kalten Berechnung auf der Nase – ja die Sonne steht dort am Firmament, strahlend, so himmlisch leuchtend, daß euer blödes Auge sie nicht ertragen kann, und die Welt, über die ihr die Wahrheit ergründen wollt, liegt schwarz und tot da. Aber schau dich um, schau mit der Sonne, schau dahin, wo nur die Strahlen der Sonne hindringen, wohin die Wahrheit ihr goldenes Licht wirft – siehst du nun, wie herrlich die Welt daliegt, in Farbe, in Glut gehüllt, verklärt? Fühle nur die weiche, flimmernde, golddurchglühte Luft, die dich mit linden Armen umfängt – schaue die jauchzende, die lebende, lichte Welt! –

Und weißt du nun, was Poesie ist?« flüsterte der ernsthafte, kleine Gedanke mir ins Ohr.

Ein Weihnachtsmärchen.

Weit, weit hinter den Wolkenbergen, da, wo der Sonne Heimat ist, die zu verlassen ihr so schwer fällt, daß sie Tauthränen weinen muß, da, wo gut sein, fromm sein ist, und die Religion die Liebe, da, wo es keinen Neid, keine Polizei und keine Geldnöten gibt, da ist das Reich der Träume, das Wunderland, wo die schöne Frau Phantasie als Königin herrscht. Da sitzt sie auf ihrem goldenen Sonnenthron, umgeben von all' dem lustigen und luftigen Volk, den Elfen, Nixen und Kobolden, die durch das Christentum und das Geld aus der Welt vertrieben wurden, und hält Hof, und die Blümelein sind ihre Vasallen und die Bäume ihre Schildwachen, und die Vögelein jubilieren und konzertieren, und die Mücken und Grillen und Heimchen tanzen Ballett; und der Wind, der säuselnde, sanfte, der starke, stürmische, immer gewaltige Sänger, ist zum Hofpoeten ernannt. Aber die mitleidige Königin, so gut sie es auch in ihrem wonnigen Traumland hat – sie ist nimmer zufrieden damit. –

Sie gedenkt ihres Sorgenkindes, der Welt, die ihr schon manch' bitteres Weh bereitet hat, sie hüllt sich in ihren blauen Himmelsmantel, mit goldenen Sternlein besäet, und fliegt mit geheimnisvoll leisem Flügelschlag über die Erde, und wenn sie sieht, daß ihr Sorgenkind immer noch so verdrießlich und wetterwendisch und eigensinnig-dumm und boshaft und lieblos ist, dann fließen Thränen der Wehmut und des Zornes und des Mitleids aus ihren schönen Augen, vermischt mit Hoffnungsbalsam und Sehnsuchtslauten nach ihrem Traumland, und diese kostbaren Thränen fallen zur Erde hinunter in die Herzen ahnungsvoller Menschen, die von Liebe entbrennen zur herrlichen Göttin Phantasie; sie singen dann, was ihr Herz bewegt, und die Welt nennt sie Dichter.

Aber Frau Phantasie verhüllt sich mit ihrem blauen Himmelsmantel, so daß nur die kleinen nackten Füßchen wie zartrosa Wölkchen darunter hervorgucken, der Wind nimmt sie auf seine Flügel und trägt sie in ihr Königreich, und dann geht die Sonne auf.

Lange schon ist es her, daß die Königin ihre letzte Reise unternommen hat; sie hat über den Wolken gethront im Traumland; aber Wehegeschrei und Kanonendonner sind bis zu ihr hinaufgedrungen und Zornesrufe nach Freiheit und Fluchworte gegen Lüge und Heuchelei, und dann wurde es ruhig, ganz ruhig unter ihr – da erhob sie sich von ihrem Thron, legte die weiße Hand gegen das rosige Ohr, lauschte in die Ferne, und sie sprach zu ihrem versammelten Volke:

»Horch, so friedlich ist's da drunten! Sollte wohl jetzt die Zeit gekommen sein, wo ich meine Lieblinge hinaussenden kann, auf daß sie der Welt Erlösung bringen? Meine Kinder, meine weißen, süßen, unschuldigen Kinder: Wahrheit und Liebe, die ich mit dem Sonnengott, dem ewigen Licht, gezeugt; sie schlummern unter Blumen nun seit vielen tausend Jahren und immer wollte ich sie wecken und immer noch war es zu früh; immer begann es wieder zu lärmen auf der Welt, wenn ich gerade mich niederbeugen wollte, um sie wachzuküssen – die beiden Zwillingsrosen. Nun aber ist's Zeit.

Geschwinde, Ihr lustiges Volk, geschwinde, Ihr meine Treuen – kommt, kommt, laßt sie uns wecken!«

Und da huscht es, und haucht es und weht und faucht es über sie hin, um sie her, und da singt es und saust es und klingt es und braust es, und die Blümlein duften süß und die Zweige neigen sich flüsternd und leise. – Da stehen zwei holde Kinder mitten unter ihnen, ein Knabe und ein Mägdelein – sein Antlitz ist ernst und klar und trotzig und sonnig, in ihrem rosigen Gesichtchen lacht der Frühling, und doch thront auf der Stirn eine leise Schwermut und in den Augen wohnt die Sehnsucht. Und die Königin zieht ihre holden Lieblinge an ihr Herz und weint Glücksthränen auf ihre jungen Häupter, und all ihr Volk steht erwartungsvoll schweigend um sie her. Da spricht sie:

»Ihr meine jungen Helden, mein ernster Knabe, mein lachend Mägdelein – steigt nieder zur Erde, zieht hin über die Welt und verkündet ihr das neue Evangelium, bringt ihr die Liebe, lehrt sie die Wahrheit. Ach, sie ist arm, arm an Glück und Liebe – lehrt sie, daß nur durch Liebe die Seligkeit zu erringen ist, von der sie so viel gehört und die sie nicht verstanden hat.

Laßt Euch nicht abschrecken durch rauhe Worte, durch herzlose That – predigt immer wieder, ruft in die Welt, in ihre Herzen hinein, jubelt ihr entgegen das Evangelium von der Liebe, ohne die nichts ist, hier nicht, wie auf Erden.

O meine Kinder, vor allem trennt Euch nicht, faltet Eure Händchen zusammen, verlaßt Euch nicht, denn die Wahrheit ist nicht ohne die Liebe, und die Liebe tot ohne die Wahrheit. –

Allein seid Ihr nichts, vereint alles!«

Da gab man ihnen Oelzweige in die Hände, Mutter Phantasie nahm die Kinder in ihren Himmelsmantel und trug sie zur Erde nieder, und die Elfchen und Nixchen und Kobolde huschten um sie her, die Vöglein zogen mit ihnen und sangen und alles war voll Freude.

Aber der alte, weltweise, vernünftige Uhu saß in dem Eichbaum, unter welchem Wahrheit und Liebe, von duftenden Blumen zugedeckt, viele tausend Jahre geschlummert hatten, klappte seine großen Augen auf und zu und seufzte, daß es in den Klüften und Schluchten wiederhallte:

»Zu früh, viel zu früh, ach, es ist zu früh!«

Hand in Hand irrte nun das Zwillingspaar durch die Lande, über Berg und Thal, über Fluß und Steg, an all den vielen Städten und Burgen vorüber, mit ihren vielen tausend Bewohnern, aber keiner wollte so recht etwas von ihnen wissen. Da waren wohl viele, die sagten: »Ach, wie schön seid Ihr!« Das waren lauter junge Leute, die Kopf und Herz noch voll herrlicher Gedanken und beseligender Empfindungen trugen, aber sie hielten sich doch in scheuer Entfernung, denn sie kannten die Kinder nicht. Da waren Andere, die tätschelten sie gönnerhaft auf die lockigen Häupter und sagten: »Ja, recht schön, aber unpraktisch!« Das waren alte, weißhaarige Männer und Frauen. Da waren noch Andere, die wollten mit lustigen, bunten, lügnerischen Lappen die schöne, reine Nacktheit der beiden Kinder bedecken, aber da eilten diese angstvoll von dannen und hinter ihnen her gellte höhnisches Gelächter.

So kamen sie eines Tages durch einen schönen großen Wald, darin zwitscherte es gar lieblich von Vogelgesang und duftete es süß von Blumenduft, die Bäume neigten ihre Zweige vor ihnen, und der Vater, der Sonnengott, liebkoste sie mit seinen warmen Armen.

Die Tiere des Waldes kamen, die scheuen Rehe, die flinken Füchse, die leichtfüßigen Eichhörnchen, sie sahen sie mit klugen Augen an, und plötzlich klang's von fern und nah, in allen Zweigen, in allen Lüften:

»Bleibt hier, o bleibt hier! Bei uns ist's gut sein, aber draußen ist's Winter; die kalte, böse Welt, sie thut Euch weh und treibt Euch fort, und dann müßt Ihr leiden!«

Aber ein kleines, grünes Tannenbäumchen neigte sich zu ihnen hin und sprach: »Jetzt bin ich allein; eine schöne Tanne stand bis gestern noch neben mir; die haben die Menschen geholt, denn Weihnacht ist draußen, sagen sie, das Fest der Liebe, und da ist die Tanne gern mit ihnen gegangen, denn dann wird sie geschmückt, geputzt und geliebt. Nun stehe ich allein und möchte wissen, wohin sie gegangen ist.«

Da blickten die Kinder zu ihrem Sonnenvater hinauf – der nickte lächelnd, und sie zogen weiter.

Draußen, jenseits des Waldes, war Schnee und Eis und die Bäume senkten matt ihre dürren Aeste unter der Last, die ihnen aufgebürdet war; kein grünes Hälmchen sah unter der Schneedecke hervor und die kleinen Spatzen piepsten traurig auf der Hecke am Wege. Das liebe Zwillingspaar aber war ganz warm und der Schnee that ihren nackten Füßchen nicht weh, denn des Vaters Sonnenstrahlen hüpften um sie her und schützten sie vor der Kälte.

Nun kamen sie an ein großes, hohes Schloß, das blitzte, funkelte und strahlte von lauter Gold und von Edelgestein, und wie sie die hohe Marmortreppe hinaufstiegen, da kamen sie in einen großen Saal, darin stand ein wunderschöner Tannenbaum mit vielen, vielen Lichtern, und um ihn her sprangen und lachten und scherzten fröhliche Kinder und freundliche Menschen – ach, da ging ihnen das Herz auf und sie traten dicht vor den stattlichen Mann hin, der eine schöne Frau am Arme führte, und öffneten ihre lieblichen Lippen:

»Wahrheit und Liebe heißen wir,« sagten sie, »das neue Evangelium wollen wir verkündigen, daß es weit hinschalle über alle Welt!«

Da schüttelte der stattliche Mann den Kopf und die schöne Frau wich ängstlich zurück und rief ihre Kinder zu sich, daß sie nicht den kleinen Fremdlingen zu nahe kämen.

»Ein neues Evangelium! Damit seid Ihr nicht am rechten Platz. Nur keine Neuerungen! Festhalten am Alten, Hergebrachten, das ist eines Edelmannes würdig. Und Wahrheit und Liebe? Gewiß! aber streng nach den Regeln der Etikette müssen sie sein.«

»Komm, Schwesterchen,« sagte der Knabe Wahrheit zur Liebe, »hier ist nicht gut sein.«

Und sie gingen weiter. – Da kamen sie in eine große Stadt. Da waren so viele Häuser und so viele Menschen, daß sie gar nicht wußten, wohin sie gehen und an wen sie sich wenden sollten.

So schritten sie kühn in ein vornehmes Haus hinein, darin war es gar warm und behaglich, und sie stiegen die teppichbedeckten Stufen hinan und kamen in ein schönes Gemach, das war reich und bunt ausgestattet, und in der Mitte auf einem Tisch stand ein großer Weihnachtsbaum, der leuchtete von vielen, vielen Lichtern, lauter geputzte Leute standen um ihn und bewunderten die kostbaren Sachen, die darunter lagen. Das Zwillingspaar hielt sich fest an den Händen, und sie traten zu dem Herrn des Hauses, der neben einer schönen Dame im Sofa saß, und öffneten ihre lieblichen Lippen:

»Wahrheit und Liebe heißen wir,« sagten sie, »das neue Evangelium wollen wir verkünden, auf daß es Lüge und Unglück aus der Welt von hinnen treibe.«

Da wollte sich der Herr des reichen Hauses schier von Sinnen lachen: »Wahrheit,« sagte er, »mein Junge, damit kann man nicht handeln« und »Liebe,« lachte die schöne Dame neben ihm, »quelle idée! Die ist gar so unbequem und aufreibend –!«

»Komm, Schwesterchen,« sagte der Knabe und sah trotzig um sich, »hier ist nicht gut sein.«

Die Kleine schmiegte sich dicht an seine warme Seite und sie zogen weiter.

Nun kamen sie in ein ganz kleines, unscheinbares Häuschen, da brannte auch ein Tannenbäumchen, aber nur ein ganz winziges, mit zwei kleinen Lichtchen und ein paar Aepfeln und Nüssen daran.

Neben dem Baum saß eine junge blasse Frau mit zwei Kinderchen im Arm und am Fenster ein finsterer Mann, der brütete vor sich hin und sah das Weihnachtsbäumchen kaum.

Und das Zwillingspaar trat ein und lächelte dem anderen Pärchen zu:

»Weihnachten ist heute, das Fest der Liebe. Vom Traumhimmel sind wir gesandt, die neue Religion zu verkündigen, das Evangelium der Liebe und Wahrheit.«

Aber die angeredeten Kinderchen wandten sich verschüchtert zur Seite, und der blassen Frau liefen die Thränen über die schmalen Wangen.

»Liebe,« schluchzte sie, »Liebe ist nur vom Uebel, denn sie hängt schwer an Einem, und von Liebe kann man nicht leben.«

»Und Wahrheit?« fragte der Mann mit bitterem Lachen, »wenn man die Wahrheit sagt, wird man mit Hunden gehetzt. Geht weiter, Euer Evangelium ist nicht für Arme.«

Da zogen sie traurig von dannen und irrten in den Straßen umher und wagten nicht mehr in die Häuser einzutreten. Sie kamen an ein großes, großes Haus, das hatte einen Turm, der ragte bis in den Himmel hinein und aus den geöffneten Fenstern drang freundlicher Lichtschein von vielen Lichtern, Orgelklang und Gesang von vielen frommen Stimmen; sie schlüpften hinein und standen in einer Kirche voll frommer Menschen und vor dem Altare stand eine Krippe, darin lag ein kleines Kindlein, nackt, wie sie selber, mit einem goldenen Krönchen auf dem Haupte.

Und sie liefen hin und freuten sich und wandten sich zum Volk und verkündeten mit lauter Stimme das neue Evangelium; denn sie dachten, hier wäre es gut und fromm und hier würden die Menschen auf sie hören.

Kaum aber hatten die von einer neuen Religion vernommen, da erhob sich ein böses Geschrei und wütendes Toben, und an der Spitze der Mann, der an der Krippe des Jesukindes schöne Worte gesprochen hatte, und:

»Neuerer, Ketzer! steinigt sie, treibt sie hinaus!« – riefen sie.

Ach, die armen Sonnenkinder, sie wußten nicht, wie ihnen geschah, als sie plötzlich draußen vor der Kirchenthür sich befanden, die krachend hinter ihnen zufiel.

»Ach wären wir im Traumland,« seufzten sie, »unter Blumen und Vögelein, unter der Königin blauem Sternenmantel – uns friert, ach so sehr.«

Da, fern von der Stadt, begegneten ihnen zwei hohe, schlanke Gestalten, ein Mann und ein Weib – die hielten sich eng umschlungen und von ihren Stirnen ging ein Leuchten aus, daß es die Kinder wundersam durchschauerte. Sie faßten Mut und gingen jenen entgegen und fragten:

»Was thut Ihr hier draußen?«

»Wir feiern Weihnachten,« sagten jene beiden lächelnd.

»Ohne Baum und Menschen?«

»Für uns allein; in unserem Herzen, denn die Menschen haben uns von sich gestoßen!«

»Was thatet Ihr?«

»Wir sprachen die Wahrheit und in unserem Herzem thronte die Liebe,« sagten jene beiden und ihre Augen leuchteten. »Das aber kann die Welt nicht dulden, es ist gegen ihr Gesetz, und darum haben sie uns von sich gestoßen.«

Da sangen und jubelten die Kinder ihr neues Evangelium in alle Winde hinaus und der Mann zog sein Weib in seine Arme und sie lauschten der Lehre von der Wahrheit und der Liebe, die die Kinder der ewigen Sonne und der Phantasie ihnen predigten.

Da aber kam der Wind und trug die Sonnenkinder über die Wolken ins Land der Träume.

Und wie sie der schönen Mutter ihre Leiden, ihren Kummer und ihre Seligkeit vertrauten, da weinte sie goldene Thränen und sie fielen in die Herzen jener seligen Menschenkinder, die die Welt von sich gestoßen hatte.

Die Elfen und Gnomen und die Vöglein alle, das lustige, leichtlebige Volk, tanzten und jubilierten, und nur der große Uhu saß im Eichbaum, unter dem die Sonnenkinder wieder schliefen, unter Blumen zugedeckt, und knurrte prophetisch:

»Zu früh, viel zu früh, die Welt ist noch nicht reif für das Evangelium der Liebe und Wahrheit!«

Schneeflocken.

Die Schneeflocken haben Ball heute Abend. Hei! Wie sie sich schwingen in tollem Reigen da oben auf den Bergen, wie sie durcheinander wirbeln und auf und niederspringen, daß einem ganz schwindelig wird beim Hereinschauen. Und der Wind spielt ihnen auf dazu; er saust durch die Tannenwipfel und schüttelt die Kronen der alten Waldriesen, daß sie die Zweige pfeifend gegen einander schlagen; er braust durch die Schluchten und gellt durch die Felsenklüfte, daß es fast wie Hohngelächter klingt, er singt ihnen ein Nordlandslied, wild wie sein Brausen und Toben. Er singt ihnen von den eisigen Gletschern da oben im Norden, und von der Eisjungfrau, die da haust mit Augen, klar und doch unergründlich, wie der Bergsee; er singt, wie sie mit schrillem Lachen die weißen Arme ausbreitet und an den Schneewänden ihres Eispalastes rüttelt – dann stürzen die Lawinen krachend zu Thal und begraben das Menschenvolk da unten. Von den lustigen Gesellen, den Eisbären, erzählt er, seinen Freunden, wie sie im täppischen Tanz umeinander sich drehen, fast wie riesengroße, weiße Schneeflocken, daß es gar komisch anzusehen ist; und von den Schiffen, die zwischen den Eisblöcken stecken, und den Menschen darauf, deren heißes Menschenherz langsam zu starrem Eise wird; von den flimmernden, glitzernden, funkelnden, kalten Sternen da oben am Himmel, die todesruhig lächelnd herniederschauen; von dem Nordlicht, das aufflammt mit trotziger Glut und der Eisjungfrau auf ihrem Gletscher einen rosigen Schleier überwirft, aus dem sie herauslächelt, fast wie ein Menschenbild – so lockt sie die Menschen an, die kühnen Jäger, und sie steigen hinauf zu ihr, immer höher und höher, und sie winkt ihnen und lächelt süß, verheißend – und dann stürzt sie die thörichten Gesellen hinab, in die eisige Tiefe. – Hoiho! jauchzt der Wind, wild ist mein Nordlandslied! Wild, wie der Eiskönigin Lachen, wie der Lawinendonner! Und hoch empor wirbelt er die armen Flöckchen, bis sie sich ermattet an den Tannenzweigen festklammern.

Da ist's gut ruhen; sie schmiegen sich eng an die Nadeln hin – die flüstern und kosen mit ihnen, die wiegen sie hin und her und erzählen ihnen Waldmärlein: von dem naseweisen Tannenbäumchen, das gar nicht zufrieden gewesen damit, daß es im schönen grünen Wald gewohnt und die Füßlein im weichen Moos gebettet hat; gelangweilt hat es sich auf seinem heimatlichen Stückchen Erde und hat hinausgewollt in die weite, weite Welt und gejammert und geschluchzt: O Wind, nimm mich mit! O Quell, rausch' mich zu Thal!

Da hat mit einemmal die Waldfee vor ihm gestanden im grünen Gewand und lockigen Haar, hat es mit den Blumenaugen angeschaut, mit den zarten Händen berührt und gesagt: »Geh', mein Bäumchen, reise zu Thal. – Sie werden Dir weh tun, Dich von Ort zu Ort schleppen, und doch bringst Du ihnen von den Bergen herunter die Sehnsucht mit – den Tannenduft, damit sollst Du ihnen die Seele erfüllen, daß sie gut werden und sich freuen wie die Kinder.«

Dann hat sie das Bäumchen geküßt und ist im Wald verschwunden. –

Danach sind eines Tages zwei Männer gekommen und haben sich das Tannenbäumchen von allen Seiten angeguckt und zufrieden mit den Köpfen genickt. Dann haben sie ihre Pelzkappen zurückgeschoben und sich die Hände gerieben und die blanken Aexte genommen und haben die Füßchen der Tanne geschlagen, daß es durch den Wald gedröhnt hat, haben sie zur Erde geworfen, ihr einen Strick um den Leib gebunden und sie hinter sich hergeschleift über Stock und Stein, durch Schnee und Eis. Und das Tannenbäumchen hat leise vor sich hingeweint, und die großen Bäume auch; aber die Männer haben das nicht gehört, die meinten: Horch – wie der Wind pfeift!

So ist die kleine Tanne zum Weihnachtsbäumchen geworden, wie die Waldfee sagt – denn da unten im Thal feiern sie Weihnacht – –

»Was ist das?« fragten zwei neugierige kleine Schneeflocken, die sich angefaßt hatten und mit ihren zarten, weißen Gliederchen auf den Zweigen der alten Tanne auf und nieder wippten.

»Ja, was ist das!« sagte die alte Tanne, »Wintersonnenwende nennen wir's, und die Waldfee sagt: Jetzt wacht die Sonne auf und nun beginnt tief unten in der Erde das Keimen und Wachsen, bis es schließlich herauf dringt zu uns und die ganze Welt erfüllt. Aber da unten im Thal nennen sie's Weihnacht und sagen, die Liebe wäre ihnen geboren – und dann schmücken sie das Tannenbäumchen mit vielen, vielen Lichtern und zünden sie an, daß man meint, der ganze Baum stände in Flammen, und läuten mit ihren Glocken dazu – da – hört Ihr's?«

»Bim bam bum!« singen die kleinen Schneeflocken, »da möchten wir hin!« und sie bitten den Wind: »Wind, fahr' uns hinab!« – Der breitet seine großen, weißen Schwingen aus, die beiden Flöckchen klammern sich mit ihren vielen Fingerchen daran fest und nesteln sich in ihren Zottelpelzen tief in die Fittige ein, und heidi! da ging's zu Thale.

»Grüßt mir das Tannenbäumchen!« rief die alte Tanne ihnen nach – und sie brummte in den Schneemantel hinein, der sich allgemach um ihre starken Glieder gelegt hatte: »Komisches Volk, diese Menschen! Mußte ihnen die Liebe erst geboren werden? Ist sie denn nicht so alt, wie die Welt steht?«

Und dann schüttelte sie ihre Nadeln, daß die Schneeflocken, die schon darauf eingeschlafen waren, erschrocken in die Höhe fuhren.

Die beiden neugierigen Schnee-Engelchen aber flogen zu Thal, und der Wind war bös und pfiff ihnen in die kleinen Ohren, daß es gellte: Puh – da unten ist's schlecht. Was wollt Ihr bei den Menschen? Entweder sie ballen Euch zusammen und werfen sich mit Euch gegenseitig an die Köpfe, oder sie kehren Euch auf einen Haufen, daß ihr ganz schmutzig werdet und die Sonne Euch aufschmilzt – umkommen thut Ihr jedenfalls!

Doch da waren sie schon im Thal angelangt, vor einem großen, schönen Hause; das lag still und dunkel und allein. Nur aus einem Fenster schimmerte ein roter Schein, dahin flog der Wind, und sieh'! von dem Fenster her grüßte und winkte es den Flöckchen entgegen – das waren ihre Basen, die Eisblumen, die an den Glasscheiben in die Höhe wuchsen und allerlei wunderliche Gestalten angenommen hatten, und die Flöckchen setzten sich zu ihnen und guckten in's Haus hinein. Da drinnen ist's prächtig: ein hohes, weites Gemach, und aus einem großen, weißen Marmorkamin flutet der rote Feuerschein drüber hin, über den Tannenbaum, der schön geschmückt und glänzend dasteht, über die vielen bunten Spielsachen und all die kleinen Figürchen, die da unter'm Tannenbaum ihr Wesen treiben.

Die Eisblumen erzählten, wie schön es gewesen sei, als das Tannenbäumchen ganz in Flammen gestanden und die Kinder um es herumgesprungen wären und gelacht und getollt und gejubelt hätten. Dann haben sie die Lichter gelöscht und ein Duft ist durch das Zimmer gezogen, so würzig, so zart, so wunderstark, noch riecht's in allen Ecken darnach –

Die Schneeflöckchen vergingen fast vor Sehnsucht nach all dem Schönen. Mitleidig verrieten ihnen die Eisblumen, daß ganz, ganz unten am Fenster eine schmale Ritze offen wäre, da könnten sie noch besser hineingucken, und vorsichtig kletterten die Flöckchen an den glatten Scheiben hinunter und nun stehen sie vor der Fensterritze – – –

»Also, so sieht Weihnacht aus!« flüstern sie einander zu, »komm', wir wollen uns an die Händchen fassen und hineingehen und den Weihnachtsduft einatmen.«

»Thut das nicht,« antworteten die Eisblumen, »Ihr seid Kinder der Luft, Ihr gehört nicht zu denen dadrinnen – Ihr werdet hinsterben vor Sehnsucht zu ihnen.«

Aber die Flöckchen hörten nicht auf die Erfahrenen; sie zogen sich ihre kleinen Schneemützchen über die Ohren, damit sie auch hübsch kalt blieben und schlüpften durch die Fensterritze. – Da schlug's Zwölf. Das kleine Männchen in der bunten Uhr, die auf dem Kaminsims stand, kam zwölfmal herausspaziert und beim letzten Mal nahm es seinen kleinen Dreimaster ab und verbeugte sich und sagte: »Meine Herrschaften, die Geisterstunde hat geschlagen!« –

Dann verschwand es wieder in seinem Glashäuschen, und klirrend schlug die Thür hinter ihm zu.

Nun begann ein wunderliches Wispern und Tustern in allen Ecken und Winkeln – alles im Zimmer wurde lebendig und es war plötzlich ein Stimmengewirr wie beim Turmbau zu Babel. Alle die vielen Deckchen und Schleifen, die an den Stühlen und Lehnen herumhingen, fingen an, eine der andern Vorwürfe zu machen, daß sie sich immer den Menschen auf den Rücken setzten oder auf der Erde herumtrieben, und wurden so heftig dabei, daß sie sich schließlich gegenseitig mit sich selber bombardierten. – Das Sofakissen wurde elegisch und machte der Schlummerrolle eine Liebeserklärung. – »Sie haben eine so schöne Gestalt!« sagte es, – »von oben bis unten egal!« Und die Feuerzange beim Ofen wollte die Schaufel umarmen und kniff ihr dabei derb in die Nase. Die kleinen Sèvres-Figürchen auf dem Kamin schürzten ihre Rokokokleidchen zum Tanz und der Nußknacker, der in der Uniform eines Gardelieutenants auf dem Weihnachtstische stand, klemmte sein Monocle ins Auge, näselte: »Charmant, auf Taille!« und klappte seine Kinnladen mit einem gefährlichen Ruck wieder zu. Dieser Nußknacker war überhaupt ein Don Juan; just hatte er der niedlichen kleinen Puppendame, die in Balltoilette auf einem rotsammetenen Lehnstuhl saß, versichert, sie sei seine erste und einzige Liebe, und nun warf er der porzellanenen Schäferin da oben Kußhände zu und entschuldigte sich damit, daß es ja Weihnachten sei.

Da entdeckte er plötzlich die beiden kleinen Fremdlinge, die sich in ihren weißen Schwanenpelzchen scheu in die Fensterbank gedrückt hielten.

»Das ist ja etwas sehr Niedliches!« Und der Lieutenant klemmte seine Monocle ein und beeilte sich, mit allersteifsten Gardebeinen durch den Saal zu marschieren.

»Premier-Lieutenant Knack von Mandelkern, I. Rrrment, Bleisoldaten zu Fuß,« schnarrte er und schlug die Hacken aneinander, daß unsere Schneeflöckchen erstaunt seine Füße anguckten. – »Damen fremd hier? – äh – dürfte Ehre haben, Chaperoneur zu sein?«

»Ach,« sagten die Flöckchen schüchtern, »wir gehören hier eigentlich gar nicht her – wir sind nur hereingekommen – wir wollten gern wissen – können Sie uns vielleicht sagen, was Weihnacht ist?«

»Wa – wa – was – Weihnachten?« Dem Herrn Gardelieutenant fiel vor Erstaunen das Monocle weg, ohne daß er erst dazu eine Fratze zu schneiden brauchte, und sein Nußknackermund blieb ihm offen stehen, worüber die Flöckchen so erschraken, daß sie aufsprangen und von der Fensterbank auf die Erde flogen.

»Weihnachten? – Weihnachten ist Weihnachten,« brummte Lieutenant Knack von Mandelkern entrüstet, nachdem er vorher seinen Mund wieder zugeklappt hatte – dann klemmte er das Glas wieder ein und sah den Flöckchen nach – »nette Pusselchen – aber noch sehr jrün – die reene Unschuld vom Lande.« – –

Die Schneeflöckchen aber waren geradewegs auf ein schönes Buch mit Goldschnitt gesunken, das vom Tisch auf die Erde gefallen war – auf dem stand mit großen bunten Lettern als Titel gedruckt: Weihnacht und unsere Vorfahren! Das sprach jetzt mit gewählten Worten: »Was Weihnachten ist, wünschen Sie zu wissen, meine Lieben? – Sehen Sie mich an.« Und dabei schlug es sich auf und begann zu lesen: »Schon zur Zeit Winfrieds, des hl. Bonifacius, des großen Heidenbekehrers, feierten unsere Altvordern, beseelt von einem dunklen Drange, der sie zur Verehrung eines unbestimmten Etwas antrieb, im Winter, unter Schnee und Eis, ein Fest.«

»Altes Buch, schweig' doch still! – Hüh! Hoh! Wollt Ihr wohl laufen, Ihr faulen Tierchen!« klang es da unter dem Tischdeckenzipfel hervor, und als die Schneeflöckchen, die sich große Mühe gaben, die weisen Worte des Buches zu verstehen, sich umschauten, kam pfeilgeschwind eine drollige kleine Equipage herangesaust, schnurgerade über das gelehrte Goldschnittbuch hinweg, das sich voller Entrüstung erhob und mit Würde von dannen wandelte. – In dem von sechs weißen Mäuschen gezogenen Wägelchen stand ein kleiner nackter Junge, mit Flügeln an den Schultern und einem Bogen in der Hand, und sang und jubelte in die Welt hinein. Der hat auf einer schönen Dose gesessen, in der allerlei bunte, glänzende Steine und Goldsachen blitzten, und als der alte Herr in der Uhr die Geisterstunde verkündete, da ist er heruntergesprungen und hat sein lustiges Wesen getrieben.

Ei, wie ihn die Rubinenaugen des Schlangenarmbandes anfunkelten, und so viel die Schlange auch nach ihm mit dem Goldzünglein gezischelt, – »ich bin die Schlangenkönigin,« sagte sie, »ich ringele mich um weiße Arme, weiße Nacken, ich ringele mich bis ins Herz hinein und bringe ihm den Schlangenzauber, dem niemand wiedersteht,« – es half ihr nichts: das kecke Bürschchen schlang sie sich um die kleine weiße Brust, und die Rubinenaugen funkelten ihm von der Schulter herunter.

»Pah!« lachte er, »mein Pfeilgift ist viel stärker als Deins, – Du kannst mir nichts anhaben.«

Nun setzte er sich in die große Walnußschale, die ihm der Nußknacker geschenkt hatte dafür, daß er der niedlichen Rokokodame einen Pfeil ins Sèvresherzchen geschossen.

Aber er hatte keine Pferde zum Vorspannen. Da war er auf den Weihnachtstisch spaziert, wo die heilige Krippe aufgebaut war, und hatte den hl. Joseph um das Oechslein und das Eselein gebeten, sein Wägelchen zu ziehen; aber der hl. Joseph hatte die Hände über dem Kopf zusammengeschlagen über solch ein Ansinnen, obgleich Mutter Maria mit dem Kindlein auf dem Schoß ihre Freude an dem kecken Gesellen gehabt hatte.

Da war er den hl. Drei Königen aus dem Morgenlande entgegengegangen, die gar bedächtig mit prächtigem Gefolge heranmarschiert kamen. »Majestät,« sagte das Gesellchen höflich, »dürfte ich vielleicht eines Ihrer Kamele für mein Wägelchen benutzen? – Sie haben ja deren so viele.«

Aber der schwarze Balthasar, der Mohrenkönig, fletschte ihm seine weißen Zähne entgegen, und Kaspar und Melchior hielten ihm das Weihrauchfaß mit Myrrhen unter die Nase, daß er niesen mußte – da sprang er davon und bat den Tannenbaum, und der schenkte ihm sechs kleine, weiße Zuckermäuse, die an seinen Zweigen hingen.

Nun hielt er mit seinem flinken Gespann vor den Schneeflöckchen und lachte: »Ach, was seid Ihr für herzige Dingerchen. – Gleich möchte ich mit meinem Goldpfeil durch Eure Schwanenpelzchen in die Herzchen hineinschießen. Kommt, steigt ein – wir fahren zum Weihnachtsball in die Puppenstube; da tanzen Sie gravitätisch und mit Anstand ein würdiges Menuett und sind brav und gesittet – aber Ihr sollt 'mal sehen, was ich da für einen Wirrwarr anrichte.«

Den Schnee-Engelchen gefiel zwar der kleine Bursche sehr gut, aber sie schüttelten doch die Köpfe, daß die Pelzkapuzchen hin und her wackelten.

»Ach nein,« sagten sie, »hier können wir nicht tanzen – hier ist es uns viel zu warm. Wir sind auch nur hereingekommen, um zu lernen, was wohl eigentlich Weihnacht ist.«

Da setzte sich das Gesellchen auf den Rand seiner Nußschale, schlug ein Bein über das andere und legte simulierend den Finger an das kecke Näschen:

»Ja, sehen Sie, meine kleinen Engelchen – das ist eine kuriose Geschichte. Da unter dem Weihnachtsbaum liegt ein kleines, nacktes Kindchen in einer Krippe, dessen Geburtstag feiern sie, und sie sagen, er sei der Gott der Liebe. – Nun aber hat mir mein heidnischer Vater im Olymp – ich bin nämlich ein Heide, mein Name ist Amor – immer gesagt, ich wäre der Gott der Liebe, und ich wäre, trotz meiner Jugend, so alt wie der Olymp und die Welt und das große, große Meer selber. – Da muß also irgendwo eine Verwechselung sein. – Ich schlage vor, wir feiern das ganze Jahr Weihnacht und halten mein Schwesterchen Freude, wenn sie davon fliegen will, am Gewandzipfel fest. – Ich kehre mich so wie so nicht viel an die Jahreszeiten – meine Pfeile fliegen das ganze Jahr durch, und die Küsse sind immer am süßesten, wenn sie geküßt werden.« – Und dabei breitete der kleine Schlingel die Arme aus und wollte die hübschen Flöckchen küssen; die aber faßten sich an die Hände und flogen ihm davon, geradeswegs auf die Tanne zu und klammerten sich an ihre Zweige fest und schaukelten sich und sangen:

Von den Bergen, wo der Wind,
Wo die Tannenschwestern sind,
Sind wir hergeflogen,
Sind wir hergezogen –

Sag' uns, was ist Weihnacht?

Da ging ein Leben durch die Zweige der Tanne, all' das Rauschegold, mit dem sie geschmückt, knisterte und raschelte, die Krystallkugeln klirrten – stärker denn je dufteten die Tannennadeln, und horch! mit dem Tannenduft ziehen Sehnsuchtslaute durch den Saal:

»Ach, meine Flöckchen, wohl bin ich geschmückt, wohl trage ich eine Krone, wohl habe ich geflammt in vieler Kerzen Schein – für die Weihnacht. – Aber gebt mir die Wintersonnenwende wieder, laßt mich umbrausen, umtosen vom Wind, laßt den ersten Sonnenstrahl mich umschmeicheln und mir ins Herz hineinlachen. – Nehmt mir Alles dafür hin!

Was die Weihnacht ist?

Kummer und Trübsal, und Haß und Neid und Mißgunst, und Heuchelei und Geldstolz – das ist Weihnacht unter den Menschen; und zum Hohn nennen sie's das Fest der Liebe! Schneeflöckchen, wenn Ihr die Liebe sucht, fliegt nimmer zu Thal. Und eines doch: Wenn das Kinderauge uns anlacht – wenn wir in seinem reinen Glanz uns spiegeln, wenn die Kinderärmchen sich nach uns ausstrecken, die Kinderstimme uns anjauchzt –«

Da öffnete sich leise, leise die Thür, und auf der Schwelle stand ein Kindchen und blickte verschlafen um sich und strich sich die blonden Härchen aus dem heißen Gesicht. – Nicht schlafen konnte das Kind vor Freude über Weihnacht, und es hatte ein Geraune und Geflüster gehört neben dran und war aufgestanden, ganz leise, daß es die Eltern nicht gestört, und schlich mit den bloßen Füßchen über den Teppich hin, und stand mitten unter dem lustigen Volk. –

Aber da schnarrte die Uhr und das alte Männchen kam wieder herausspaziert und sagte mit dumpfer Stimme: Eins! und nun war alles wieder still und stumm und leblos, wie es vorher gewesen. Nur die Schnee-Engelchen konnten nicht so schnell zum Fenster hinfliegen – da erblickte sie das Kind: »Das sind die Engelein vom Himmel,« jauchzte es, »Tanne, die hast du mir mitgebracht!«

Und mit beiden Armen griff es nach den Flöckchen und preßte sie an sich und drückte und herzte sie – ach – und da vergingen sie ihm unter den Händen, und das Kind betrachtete verwundert seine leeren feuchten Aermchen – da schlich es betrübt in sein kleines Bett und weinte, weinte bitterlich.

Aber die Tannennadeln, die sich in seinem Kraushaar gefangen hatten beim Spielen, die neigten sich an des Kindes Ohr und erzählten ihm vom Tannenwald und dem Wind und der Schneeflöckchen-Reise, das ganze Märlein, da schliefs Kindchen ein.

Und wann es aufgewacht ist, und wieder und wieder aufgewacht, und größer und älter geworden, wann die Wintersonnenwende ihm gekommen ist, da zieht ihm, dem großen Kind, zu Weihnacht mit dem Tannenduft immer wieder das Märchen durch die Seele – das Märchen von den Schneeflocken, die ausgezogen, die Liebe zu suchen, und an der Liebe gestorben sind.