Es lag ein Mensch zu sterben. Der hatte all seine Gedanken, all seinen Willen hergegeben, die eine große That seines Lebens zu vollenden. Aber der Griffel entsank seiner Hand, und die Seele entfloh dem Leibe. Es hatte dieser Mensch die Fluten sehr geliebt. Er konnte stundenlang am Ufer des Sees sitzen und die blauen Wasser betrachten, wie sie kamen und gingen, immerzu, immerzu; und aus den Wassern sahen ihn seine Gedanken an. Als seine Seele nun ohne Körper umherirrte, da kamen die Luftgeister und trugen die Menschenseele hin über den See. Aus ihren wehenden, silbergrauen Gewändern troff es wie Nebel zum Wasser nieder, und ein leiser Wind bewegte die Fluten, daß sie sich kräuselten. Oben auf den Wogenkämmen schaukelten die weißen Leiber der Seejungfrauen; sie streckten die Arme aus nach der Seele des Menschen und zogen sie hinab in die weichen, wiegenden, schmeichelnden Gewässer. – Drunten in der Tiefe saß der Seekönig und hielt Hof. Er war ein kleiner Mann mit starken Armen und langem, weißem Bart. Auf dem weißen Haupte trug er eine Krone von hellroten Korallen; die hatte ihm sein Vetter, der Meerkaiser, geschickt, aus Anerkennung, weil der kleine Seekönig manchmal seine Gewässer mit den starken Armen so aufrührt, daß viele Schiffe und Menschen umkommen müssen, gerade wie auf dem Meere. Denn die Meerleute mögen es gern, wenn Menschenkinder zu ihnen hinuntersteigen müssen. Sie stellen die weißen Körper in ihren wundersamen Meergärten auf, wie wir die Marmorstatuen. Die Menschen können nicht leben bei ihnen; nur wenn einer die Fluten sehr geliebt hat, dessen Seele gleitet des Nachts in den Wellen als weißer Schaum. Kommt ihn aber die Sehnsucht an, den Tag zu sehen, und es berührt ihn die Sonne, in deren Licht er geatmet, dann muß er für immer zur Leiche werden. –
Der kleine Seekönig hielt also Hof. Sechs große Räte mit wunderlichen Fischgesichtern saßen im Kreise um ein großes Blatt Papier, das ganz bunt vor lauter Strichelchen und Pünktchen aussah; vier dicke Büffelfische trugen es auf ihren Rücken, sie hielten es fischchenstill; nur zuweilen zuckte einer mit dem beweglichen Schwanz oder pustete die Kiefern auf und zu, als ob er Wasser rauche; und dann zupfte ihn der Herr Rat mit dem Karauschengesicht mahnend an den Flossen, worauf er gehorsam still hielt. Die Menschenseele, die als zarter, weißer Schaum auf der Schulter der Seejungfrau lag, sah neugierig das weiße Papier an; es kam ihr so bekannt vor. Das hatte sie schon gesehen, als sie noch Mensch war. Es war ihr, als müsse sie eine Hand danach ausstrecken. – »Still!« flüsterte die Seejungfrau, »gleich wirst du hören.« – Und dann sagte der Seekönig:
»Die Menschen da oben auf der Erde machen uns alles nach. Gerade wie wir zuweilen Besuch bekommen von den Bewohnern anderer Seen und Meere, die dann allerlei Kostbarkeiten mitbringen, um sie uns zu zeigen, so macht es das Volk da oben auch. Nur sind sie sehr arm. Während wir alle die fremden Seltenheiten und unsere eigenen dazu, einfach in unserem ewigen Krystallpalast aufstellen, müssen die sich erst Häuser dazu bauen. Und das Bauen – welche Umständlichkeit! Erst kommt einer und denkt sichs aus und zeichnet es auf, und dann geht es an viele Leute, die alle etwas zu mäkeln und zu ändern haben. Schließlich soll es dann wirklich gebaut werden, aber wie lange das alles dauert, dazu habe ich nicht Zeit genug, das zu erzählen. Seht, da hat auch so ein armer Mensch mit kurzem Gedächtnis seine Gedanken auf das Papier geschrieben; ein guter Mensch, der uns sehr geliebt hat. Denn er hat gesagt: »Wenn ich meinen See nicht hätte! Der muß das Beste thun.« Und dann hat er unsere Fluten überall eindringen lassen in seine Pläne, damit wir seine Paläste wie mit Silberarmen umschlingen und ihre Schönheit wiederspiegeln. – Dann ist er gestorben. – Und jetzt werden andere kommen und seine Pläne zunichte machen und uns vielleicht einengen und tyrannisieren. Wollen wir das dulden? Nein!« rief der Seekönig und hob die starken Arme, daß oben die Wellen klatschend gegen das Ufer schlugen. Und die Räte schüttelten heftig ihre Fischköpfe. Die Seejungfrau lächelte der horchenden Menschenseele zu. –
»Kommt herbei, ihr Seevolk, und hört, was ich euch sagen werde,« fuhr der Seekönig fort: »Die Luftgeister, unsere Freunde, haben dieses Papier, das der tote Mensch mit seinen Gedanken beschrieben und dem Großen Rat da oben auf der Erde vorgelegt hat, aus seinen Händen weg und zu uns herabgeweht. Schwimmt, ihr Fische, bis ans Meer, lasset die im Meere es weitertragen zu den Geistern der Völker an der andern Seite des großen Wassers, wie das Seevolk der Menschenseele Werk erfüllen will.« – Da schlugen die vier Büffelfische mit dem Schwanz unter das Papier, daß es auf in die Wellen flog; die fischköpfigen Räte griffen entsetzt danach: »Erst sehen, sehen!« Aber der kleine Seekönig lachte, daß es ein Seebeben gab, und zerriß das Papier in tausend Fetzen: »Wir sehen nicht – wir bauen!« sagte er.
»Siehst du?« lächelte die Seejungfrau und neigte ihr Antlitz der Menschenseele zu, »jetzt werden deine Gedanken, die du ins Wasser hineingeträumt hast, doch wirklich. Ich habe dich oft gesehen, habe vor dir geschaukelt, wenn du dachtest, es seien die weißen Wellenkämme. Ich hätte dich mir geholt – ach so gern! Jetzt bist du bei mir. Die Menschen denken, sie haben dich begraben; aber ich halte dich in meinen Armen – ewig. Du darfst nicht hinaufschwimmen und dein Werk beschauen, nicht so lange die Sonne scheint. Dann würdest du zur Leiche. Ich will nicht, daß dich die Schwestern in ihre Gärten stellen. Ich will dich behalten – für mich.« – Dann glitt sie zum Seekönig hin und schmeichelte: »Väterchen, mach' es recht schön!« – Er aber streichelte ihr langes Haar, das glänzte wie Sonnenstrahlen auf dem Wasser, und sagte ernsthaft: »Du darfst die Menschenseele hüten, daß sie uns nicht entflieht; denn nur durch sie können wir das Große vollenden.«
Nun beginnt die Arbeit. Ei, wie flink die Fischlein dabei sind, das blaue Wasser zu kommandieren, daß es in langen, glänzenden Streifen zwischen grünen Inseln sich durchzwängt, alles Land verschlingend, das ihm im Wege ist, daß es unter wölbende Brücken sich duckt und schmeichelnd zu Füßen schlanker Säulenhallen sich schmiegt. Und die Nixen kommen und spielen mit den Fluten, daß sie in glitzernden, schillernden Farben zu den Luftgeistern emporsprühen. Wie geschickt die Gnomen und Kobolde Stein auf Stein, Bogen an Bogen zu fügen wissen, daß es sich erhebt aus der Tiefe des Sees – eine weiße, wundersame Wunschstadt. Da tauchen Türme auf mit seltsam zackigen Verzierungen; ein kleiner Nix sitzt darauf und lehrt sie allerlei alte Weisen mit seiner Glockenstimme, und nun singen die Türme sie weiter. Hier schwimmt eine schneeweiße Rotunde mit lauter kleinen Fensterchen rundum; und die Fische leiten das klare Wasser hinein und tummeln sich darin. Und still und groß und schön wächst es und wächst es, schier in die Ewigkeit hinein. – In einer großen Muschel, davor sechs buntscheckige Forellen geschirrt sind, durchzieht der Seekönig die Wasserkanäle, mit scharfen Augen Umschau haltend. Hier zwickt er ein paar faulen Weißfischen aufmunternd die platten Schwänzchen; dort schilt er zwei streitlustige Hechte, die beide denselben Riesenpalast errichten wollen und ihn dabei unsanft hinfallen lassen. Ein energisches Nixlein ruft er herbei als Oberaufseher, und das lenkt mit seinen weißen Fäustchen die störrischen Gesellen wie ein paar gutmütige Oechslein. – – Als aber der Seekönig sieht, wie alles gut ist, taucht er unter in seine Schatzkammer, füllt seine Muschel mit Gold, so viel sie tragen kann, schüttet es am Ufer aus und befiehlt: »Da – krönt das Ganze damit! daß die Kuppel weithin leuchte wie eine Sonne!«
In der Tiefe des Sees ruht die Seejungfrau, regungslos, daß sie die zarten Fäden nicht zerreiße, die von dem weißen Schaum an ihrer schönen Brust aufsteigen zu dem Werk da oben. Und die Menschenseele harret der Vollendung.
Da wallt ein Zug daher über das Wasser. Nebelschleier spinnen ihn ein, daß er wie eine Wolke über dem See schwebt, und er zieht eine Bahn, silbern wie der Mond auf dem Wasser liegt. Schweigend klimmt er das Ufer hinan, wo droben der Seekönig seiner harrt, und über ihm schwebt die goldene Kuppel wie eine große Krone. – Nachts, wenn die Menschen schlafen, ergeht sich das Wasservolk oftmals am Ufer und pflegt Zwiesprache mit Mond und Sternen. – Voran im Zuge schreiten Patres mit fahlen Gesichtern in schwarzer, spanischer Mönchstracht. Sie tragen gewaltige Lasten auf ihren Schultern: Türme und Türmchen, spitze und runde, Mauern so dick wie Gefängnismauern mit tiefen Kreuzgängen und schweren Wölbungen. Sie keuchen unter ihrer Last; ein lustiges, weißes Elfengesindel kommt neckisch gesprungen und weist ihnen den Weg unter hohen Bäumen, und hilft ihnen, das wunderliche Ding, das einem spanischen Kloster ähnelt, von den gebeugten Rücken abzuladen. Da richten sich die schwarzen Geister der Patres zufrieden auf, und sie bauen mit dem geschmeidigen Nixenvolk, dessen Listen sie wohl gewachsen sind, vergnügt weiter.
Eine mächtige Gestalt schreitet auf dem Wasser; ein Gewand von Gold umstarrt sie; sie trägt einen goldenen Helm; golden leuchtet ihr strenges Antlitz daraus hervor. Siegesgewiß, siegesbewußt geht sie mit großen Schritten an dem Seekönig vorüber, ihm herablassend huldvoll zuwinkend. Der lächelt fein ihr nach, wie sie sich gravitätisch aufpflanzt inmitten all des Schönen – ein wenig zimperlich, ein wenig ungelenk. »Laßt sie nur dastehen,« nickt er, »man wird schon sehen, daß es nicht unsere wirkliche Athene ist – nur eine große, große, goldene, emancipierte Alte-Kunst-Jungfer.« – Und dann streckt er freudig seine Hände den schlanken Gestalten entgegen, die aus dem Nebel sich loslösen, einherwallen in faltigen Gewändern, die sich feucht um die herrlichen Glieder schmiegen; und sie tragen auf den stolzen Häuptern die weißen, strahlenden, wundervollen Trümmer der Heimat. »Du Land der Sehnsucht!« flüstert der Seekönig. Sie lächeln ihm zu mit den schönen, traurigen Gesichtern. Sie pflanzen Säulen in die Erde, rein und schön, wie sie selber, sie breiten die Hände aus, und eine erhabene Harmonie lagert sich über der Wunschstadt. Sie erheben die kraftvollen Arme und sprechen: »Du lässest uns, o Vater Zeus, die Schönheit schauen, nicht zertrümmert, nicht zerschlagen, nein, in ihrer ganzen siegenden Gewalt.« – Und demütig neigen die Karyatiden die stolzen Häupter unter der Last der Schönheit, die sie tragen.
Wunderlich Volk zieht im Zuge einher, der übers Wasser wallt. Ein kleiner, nackter Bub, der nur einen Frack und Cylinderhut trägt für seine Blöße, bietet zierlich einer Rokokodame den Arm, die gar stattlich in Hackenschuhen und Reifrock mit einer Trikolore auf dem hochfrisierten Köpfchen einherstolziert: »Wir sind barock, nicht wahr?« nickte der kleine Schelm dem alten Seekönig zu. – »Wir, Puck Amor und Dame la France!« – In einem muschelförmigen Wagen, schimmernd von Gold und Edelgestein, kommt ein ernsthafter Mann. Er hat ein braunes Gesicht, aus dem seltsam überirdische Augen schauen, trägt nur einen schlichten, weißen Kaftan um die Hüften gegürtet, und doch neigt Seekönig sich tief vor ihm, und eine zarte, braune Elfe, schön wie des Gottes Bajadere, geheimnisvoll wie die Wunder Indiens, gleitet vor ihm her, ihm seinen Wohnort zeigend. –
Und so kommen sie alle, die Geister der Völker, die der Seekönig entboten hat. Plumpe nordische Burschen tragen Paläste von plumper Pracht. Ernsthafte, blondköpfige Gesellen bringen ein seltsam Häuschen mit spitzragendem Turm, mit schönen Gewölben, durch deren bunte Glasfenster es lieblich leuchtet, wie eine Geistessonne. Zierliche, dunkeläugige Mädchen kommen im Tanz geflogen: ihre Gewänder flattern im Wind, sie streuen Rosen aus, duftende Rosen der Anmut. – Seltsame Fahrzeuge gleiten im Nebel im Geisterzug. Unbeholfen, schwankend die einen. Schwarze, düsterblickende Gesellen stehen darin und blicken drohend hinüber zu dem schlanken Schiffchen, das, seinen Drachenkopf vorgestreckt, wie ein Renner durch die Fluten schießt, pfeilgeschwind, die andern weit hinter sich lassend. Wie nur das Schifflein die Hünengestalten seiner Mannschaft, die mit sehnigen Armen die Ruder führen, birgt in dem schlanken Rumpf?! Hoch richten sich die Gestalten auf, sie wachsen und wachsen, daß ihre Leiber dunkle Schatten werfen weithin über den See. Und sieh' nur – wie die geisterhaften Schwarzen in den schweren Kreuzesschiffen zum Himmel hinaufragen, fanatisch glühen ihre Augen durch den Nebel – der beginnt wunderlich zu leben, wogt und zerrt her und hin, bis er die Riesengestalten verschlungen hat. Dann gleiten Karavelen und Vikinger in glatte Buchten, gezogen von muntern Fischlein, gesteuert von weißarmigen Wassernixen.
Da bebt der See. Hoch sprühen die Wasser auf. In den schäumenden, singenden Strudel steigt der Seekönig hinab in sein Reich, gefolgt von seinem fleißigen Volke. Drunten in der Tiefe ruht die Menschenseele. »Wann wird es vollendet sein?« fragt sie sehnsüchtig. »Es ist vollendet,« sagt der Seekönig. »Sobald der erste Sonnenstrahl die goldene Kuppel trifft, wird es den Augen der Menschen sichtbar sein.« »Und sichtbar bleiben? Immer?« fragt die Menschenseele. »Nur eine kurze Spanne Zeit hat das Wasservolk Macht über die Erde. Nur bis die Sonne in die Fluten sinkt und die Zauberwelt, die wir gebaut haben, mit sich hinabreißt. Aber wenn dein Seelenauge dein Werk erschaut, ehe die Sonne die goldene Krone bestrahlt hat – dann wird es ewig sein. Dann aber wirst du sterben und dein Name wird vergessen werden unter den Menschen.« – Die Menschenseele lächelte. Eng schmiegte sie sich an die atmende Brust der Seejungfrau.
Droben, von der verschlafenen Erde, erhob sich die Nacht und zog ihre schwarzen Schleier schleppend hinter sich her, über den Himmel. Da ward es Licht auf der Erde. – Es war aber alles noch den Augen der Menschen verborgen; denn die Menschen sind ein blödsichtig Geschlecht, und sie sehen nur, was ihre Augen ihnen zeigen. Aber die Tiere öffneten ihre klugen Augen. Die Vöglein in der Luft flatterten hin über die Wunschstadt, setzten sich neugierig auf die zackigen Türme und zwitscherten hernieder von den Stangen der bunten Fahnen. Die klugen kleinen Enten schwammen in den Wasserkanälen und erzählten schnatternd von dem Schloß der Wasserfrauen, das sich zur Nacht aus Busch und Schilf erhoben hatte. – Verwundert blickte der Ackersmann, der mit seinem Gaul dahergeschritten kam, Furche auf Furche durch die wilde Erde zu ziehen, zu den Vöglein auf: wie konnten sie nur mit geschlossenen Flügeln in der Luft schweben, als ob sie auf Bäumen säßen? – Und die zwei Reiter, die dort hintereinander über die Prärie jagten, sahen die Entlein auf dem hohen Präriegras schwimmen wie im Wasser. Aber sie haben nicht Zeit, sich lange zu verwundern – da – der gelbe Rücken des Puma taucht auf, den sie gejagt – der Schuß kracht aus der Büchse des Trappers – der Pfeil schnellt von dem Bogen des roten Mannes: gilt er dem König seines eigenen Landes? gilt er dem weißen Fremdling da vor ihm? – Hoch richtet er sich im Sattel auf, daß die Adlerfedern in seinem schwarzen Schopfe nicken. Was ist das? – da – glitt nicht der Puma hinab in blaues, kräuselndes Wasser? Was ringt sich los aus den Nebeln? Das Roß des Trappers bäumt sich, geblendet schützt der Indianer die Augen mit der Hand, und späht und späht. – Still lehnt der Ackersmann an seinem Gaul, sein Blick sucht die Erde, seine Erde, die er bebauen muß. Und sie schauen, wie es herauswächst aus dem Morgengrauen, weiß und still; wie es emporstrebt zum Himmel, eine wundersame, andere Welt, die sie mit erhabenen Augen anschaut, sie mit weißen Armen umfängt, sich wie weiße, stille, reine Gedanken in ihre Seele senkt. Wie sie stehen und schauen, umweht es sie lind und kühl – ein Hauch der Ewigkeit.
Ein klein lustig Elflein aber zerrt den Puma, der verdutzt da kauert in der Wunderwelt, an den Ohren zu einem Marmorsockel hin. »Da lieg', du Wilder!« lacht es, und der Tiere König läßt willig sich in die Fesseln der Schönheit schlagen. –
Horch! Es geht ein Brausen durch die Lüfte, ein Singen, Klingen, lieblich Geläute: aus dem Morgengrauen erhebt sich der junge Tag, und sein leuchtendes Auge weilt liebend auf dem weißen Wunder.
Auf den blauen Fluten des Sees trieb ein zarter weißer Schaum. Ein Sonnenstrahl irrte zu ihm hin und küßte ihn bebend. Da ward er zur Leiche. Die Menschenseele war aufgestiegen aus den geliebten Wassern, um zu sterben. Der See bebt, als sei er in seinen Tiefen erschüttert. In den sprühenden Wogen aber taucht die Seejungfrau auf, an deren weißer Brust des Toten Seele geruht hat. Ihr goldenes Haar glitzert auf den Fluten. Klagend schlingt sie die weißen Arme um ihn, sein schönes, bleiches Antlitz über Wasser haltend. So gleiten sie dahin über die murmelnde, singende Fläche – weit, weit hin, den weißen Tempeln zu. Und das Licht, das die Seele getötet, liegt liebkosend auf der stolzen Stirn. – – –
Es kamen die Menschen und nahmen Besitz von der Wunschstadt in der neuen Welt.
Draußen im Wald flüstern die bunten Bäume miteinander und streuen gelbe und rote Blätter auf die braun sich färbende Erde, wie der Frühling Rosen streut; der Herbstwind rauscht und raunt in den Zweigen, und eine milde Herbstsonne glüht auf die Weinblätter am Eichenstamm, daß sie tiefrot schimmern, wie lauter Blutstropfen.
Am träge über Kiesel und trockene Aeste dahin murmelnden Bächlein nickt ein grüner Zweig – da leuchtet etwas Blaues auf, dann tönt ein Lockruf, sanft, zärtlich, dringend – jetzt die Antwort – noch etwas Blaues – – Zwei Vöglein sind's: blaue Flügel schwirren durch die Luft, und zartgrau glänzt der Leib.
»Was nur heute los ist!« sagte der eine Blauvogel zum andern, »keine Fliege, kein Käferchen läßt sich sehen, alle ziehen dort hinein in's Tannendickicht, und selbst die Mücken machen ganz ernsthafte Gesichter!«
»Guten Abend, guten Abend, meine Herrschaften,« schnarrt es über ihnen. Da hängt am Baumstamm ein goldgelbes Vögelchen. Zu welcher Klasse es gehört, das weiß ich nicht (schlagt einmal in Nehrling's amerikanischem Vogelbuch nach), aber es hämmert in die harte Baumrinde, daß es durch den ganzen Wald schallt, und so wollen wir es kühn »Gelbspecht« titulieren.
»Ja, ja, Sie haben Recht, es muß etwas im Walde sein bei dem kleinen Getier,« sagt der Specht, »ich habe schon dieselben Beobachtungen gemacht. Aber sehen Sie einmal da – die Spinne!« An einem trockenen Zweiglein hängt eine große Spinne, eifrig beschäftigt, silberglänzende Fäden zu einem kunstvollen Netz zu verweben.
»Was machen Sie denn da, Verehrteste?« fragt der Specht, als der Zudringlichste; denn die Blauvögelein haben etwas Schüchternes, sie mischen sich nicht gern in anderer Leute Angelegenheiten und sind nicht weltgewandt wie der Herr Gelbspecht.
»Ich spinne,« sagt die Spinne ernsthaft.
»Ja, das sehen wir,« entgegnete der Specht, »aber, meine Gnädigste, was spinnen Sie?«
»Ein Netz,« sagt die Spinne.
Die Blauvögel stoßen ein leises, glucksendes Lachen aus, und der Specht hämmert entrüstet gegen den Baum.
Jetzt schlingt die Spinne einen letzten Knoten und krabbelt langbeinig davon: »Es muß fertig werden zur Ausstellung, die wird heute Abend eröffnet,« ruft sie zurück.
»Ausstellung?« fragen die poetisch-unwissenden Blauvögel und schlagen verwundert mit den Flügeln. »Von was? Wozu? Davon haben wir noch nie etwas gehört.«
»Ja, das glaube ich,« lächelt der Specht mitleidig, »Ihr schwebt ja immer in den Lüften und schwärmt für Sonnenuntergänge, düstere Waldpartien mit Lichteffekten und dergleichen Humbug. Ich weiß wohl, das Getier da unten auf der Erde hält eine Weltausstellung –«
»O, da laßt uns hingehen,« jubeln die Blauvögel. »Aber wo ist sie denn?«
In der Nähe erhebt sich plötzlich ein nimmer endenwollendes Geschrei, Gekrächze, Gejohle –
Der Specht wiegt überlegend sein gelbes Köpfchen: »Wißt Ihr was? Wir wollen die Schwarzvögel fragen – die wissen alles! Hört, wie sie reden und schnattern? Die haben wieder Kaffeegesellschaft oder Loge oder Gesangverein – die ganze Eiche dort ist ja schwarz von lauter Staarherren und Damen, und wenn ihre Sitzungen vorüber sind, wissen sie alles, was im ganzen Walde passiert ist: wie viele Kinder die Madame Maus das letzte Mal zur Welt gebracht hat, und wie es auf dem Grashüpferball hergegangen ist, daß sie im Eichhörnchenturnverein sich fast geprügelt haben bei der Sprecherwahl und daß der Gesangverein der Locusts sich geeinigt – –«
»Gibt's nicht, gibt's nicht! Nee, so blau,« piepst ein unverschämter Spatz und fliegt dem Specht dicht vor dem Schnabel her in den nächsten Baum.
Der aber beachtet den naseweisen Gesellen gar nicht und spricht ruhig weiter.
»Ach, hören Sie auf, bitte, Herr Specht,« rufen die Blauvögel, »das ist ja wie ein ›Eingesandt‹ in der Zeitung!«
»Aber Kaffernreligion,« lacht der Specht.
»Seht, da kommt Ihr Bruder – »Ober-Edel-Erz« angeflogen! Halt, den wollen wir uns kaufen!«
»Oh, Herr Staar, wollen Sie nicht die Güte haben, sich hier ein wenig auf diesen bequemen Baum zu bemühen?«
»Man muß immer höflich sein mit den Leuten, wenn man etwas von ihnen will,« flüstert der Schlaue den simplen Blauvögelchen zu, die vor Erstaunen den Schnabel aufsperren.
Der Staar krächzt freundlich der Bitte Gewährung, läßt sich auf einem Ast etwas erhöht über den andern Vögeln nieder, wirft den Kopf in den Nacken und dreht und wendet sich, daß seine roten und gelben Logenabzeichen auf den Schultern in der Sonne schillern. Nachdem die Vorstellung glücklich vorübergegangen ist, bei der der Herr Staar herablassend den spitzen Schnabel gesenkt und die Blauvögelchen verlegen die niedlichen Köpfchen geduckt haben, erkundigt sich der Gelbspecht in den gewähltesten Ausdrücken nach der internationalen Ausstellung.
»Jawohl, jawohl,« entgegnete Herr Staar würdevoll, »heute Abend ist Eröffnung. Es soll ja etwas Großartiges werden.
Sehen Sie, meine verehrten Zuhörer, es geht ein neuer Zug durch den ganzen, alten Schlendrian, namentlich was Kunst anbelangt. Ich bin ein weitgereister Mann, ich höre und sehe mancherlei. Ein krankhaftes Verlangen nach etwas Neuem, Sensationellem, ein Hunger nach Aufregung, nach Vernichtung des Alten, Hergebrachten, zieht durch die ganze Welt. Und wenn sie auch auf Abwege geraten, in Irrtümer verfallen, das Falsche dem Wahren vorziehen – es ist doch alles nur der durch Jahrtausende immer wiederkehrende und immer bleibende, große, unersättliche Durst nach – Freiheit, der Angstschrei der Völker, der zum stillen, hohen Himmel dringt. Und das macht sich auch in der Kunst bemerkbar – – ob zu ihrem Nutzen und Frommen? Und in der Musik, ja, in der Musik –« hier räuspert sich der Staar und blickt gen Himmel – »ja, auch in der Musik gellt und dröhnt und paukt und trompetet jener Freiheitsschrei in die Lüfte, die Ohren der Zuhörer mächtig mit sich fortreißend. – Nein, das geht ja nicht. Ich – ich – ich lasse mich immer so von meinen Gefühlen überwältigen, meine Lieben – und« – Ja, da bleibt der gebildete Staar stecken. Mit Gesichtern voll Ehrfurcht und inniger Verständnislosigkeit haben unsere Blauvögel die lange Rede angehört, während der Gelbspecht mit philosophischer Gelassenheit äußert: »Das mag alles recht schön und ersprießlich sein, verehrter Redner, aber so lange wie es genug Mücken und Fliegen in der Luft gibt und wie ich nach Herzenslust an den Bäumen herumhämmern kann, ist mir die ganze Wirtschaft furchtbar egal und um den allgemeinen Freiheitsdrang kümmere sich der Kuckuck!
Vorläufig wollen wir aber einmal diese merkwürdige Ausstellung ansehen, wenn Sie, verehrter Herr Staar, uns gütigst führen wollen.«
»Ja, ja,« rufen die Blauvögel und schlagen mit den Flügeln, und
»Hier hinein, ins Tannendickicht, liebe Leute,« belehrt sie der Staar. Und dann fliegen alle vier davon. Der Zweig über'm Bächlein nickt gedankenverloren auf und ab, und das Bächlein murmelt und kichert dazu.
Drinnen im Tannendickicht herrscht schon reges Leben, die Ausstellung scheint im vollen Gange zu sein. Ein geschniegeltes Mäuseherrchen, den Schnurrbart gewichst, die Oehrlein gespitzt, steht am Eingang als Portier. Der Eintritt ist frei – wie nach Bellamy im Jahre 2000 bei den Menschen, gibt es im Tierstaate kein Geld – und unsere vier Vögel flattern in das Dickicht.
»Ah, guten Tag, Herr Mäuserich,« sagt der Staar, der alle Welt zu kennen scheint, »was macht die Frau Gemahlin? Hat sie sich vom letzten Wochenbett erholt?«
»Schönen Dank, bester Herr Staar,« entgegnete der glückliche Mäusepapa, »alle zwölf wohlauf, aber es ist 'ne Last, die lieben Kinderchen großzuziehen.«
»Können Sie denn das nicht per Elektricität besorgen lassen? Heutzutage sollte doch alles möglich sein – Eier ausbrüten – Kleinigkeit! Warum nicht auch Kinderfüttern, Kinderprügeln, Kinderkriegen etc.?« Mittlerweile hüpften sie weiter durch die verschlungenen Wege des Tannendickichts. Zwar sind die Plätze einiger Nachzügler noch unbesetzt, Vieles ist nicht ganz vollendet, wie ein halbfertiger Maulwurfshaufen z. B., ein Sprungbrett, eine angefangene Wendeltreppe für Eichhörnchen, ein prachtvoller Bau mit geheimnisvollen, unterirdischen Gängen, in welchen Kaninchen noch eifrig beschäftigt sind, zu graben, und dergl. mehr, aber im Ganzen scheint die Sache recht gelungen zu sein.
Zwei wohlgenährte, etwas verschwiemelt aussehende Ratten, kleine Knüppel in der Hand, Mützchen von im Wald gefundenem blauem Butterbrotspapier über den dicken Nasen, eine weiße Sternblume auf der Brust befestigt, marschieren würdevoll und bedächtig als heilige Wächter der Ordnung oder Wächter der heiligen Ordnung umher. Und es ist auch nötig: das schwirrt und summt und brummt durcheinander, und hüpft und tanzt und zirpt, daß es wahrhaftig einer energischen Rattenpolizei bedarf, um das leichtfüßige Gesindel in Ordnung zu halten. Doch vor unserer Vogelgesellschaft bezeigen die Tierlein großen Respekt; sie halten sich in gewisser Entfernung und verneigen sich achtungsvoll, sobald ein Blick aus Vogelaugen auf sie fällt. Nur ein großer Hirschkäfer mit stattlichem Geweih nähert sich mit höflich-gemessener Verbeugung und bietet sich den hohen Herrschaften als Führer an, was mit Dank angenommen wird.
»Sehen Sie, meine Hochverehrten, hier unser Kunstdepartement. Alles neu, noch nie dagewesen. Sehen Sie, dies Spinnengewebe« – die langbeinige Spinne, die es vorhin so eilig hatte, steht daneben und begrüßt sie mit einem Auskratzen ihrer langen Spinnenbeine – »wie fein, wie zart, geschickt die Fäden verknüpft! Und die fette, zappelnde Fliege darin, jeden Tag wird eine frische gefangen und hineingesetzt – das nenne ich Naturalismus.
»Schrecken der Hinterlist« ist es betitelt.
Hier die noch lebende, schwer am Licht verbrannte Motte – »Schrecken der Aufklärungssucht«.
Jener Schmetterling, dem eine rauhe Menschenhand den Duft von den zarten Flügeln gewischt, nun kann er nicht mehr fliegen – »Schrecken des Freiheitsdranges«. Ach, und noch so vieles Traurig-Schauderhaft-Schöne! Sehen Sie, die von Ameisen abgenagte Drosselleiche« – die Vögel schütteln sich und machen unangenehme Gesichter – »und der glänzend reine Katzenschädel« – die Vögel nicken befriedigt mit den Köpfen, und der Gelbspecht macht eine Bewegung, als wolle er die leeren Augenhöhlen auspicken – »wirklich eine recht sinnige Zusammenstellung.
Bitte, blicken Sie hierher – lauter Raritäten – da, das so natürliche Loch in der Erde, hier eine kleine Blätterhütte, ein Einsiedler-Heimchen wohnt darin und zirpt bescheiden für sich allein, dort jene sorgfältig getrockneten Heuschreckenleichen, eine Reminiscenz aus dem großen Heuschrecken-Grashüpferkrieg. – Und hier, bitte, sehen Sie einmal durch dies Loch im Tannendickicht – nicht wahr, ein reizendes Panorama: im Hintergrund die Wolken als Schneeberge, davor ein einsamer, schwebender Rabe – großartig, nicht wahr?«
»Aeußerst großartig,« meint der Specht, »aber was stellt es vor?«
»Es ist auch ein Kriegsbild: Eine vergessene Heuschreckenleiche!« (Frei nach Wereschagin.)
Die Vögel sehen sich erstaunt unter einander an, suchen die Leiche und erklären, nun einmal etwas Anderes sehen zu wollen. Das gibt es ja auch in Hülle und Fülle für jede Geschmacksrichtung. Hier, ein Eiffelturm aus Eicheln, ein Eichhörnchen sitzt oben drauf, zeigt auf Kommando sein buschiges Schwänzchen und knackt Nüsse zur allgemeinen Belustigung, dazu marschieren allerliebste kleine Nagetierchen kauend durch die Zuschauermenge und bieten goldgelben Harz-Chewing-Gum als Erfrischung an. Da ist eine Grotte aus kleinen Tropfsteinen und Tannenzapfen, geheimnisvolles Dämmerlicht; einige Glühlichtwürmchen leuchten dazu, auf grauen, trockenen Blättern und Gräsern sind vorgestrige Regentropfen gesammelt, die schimmern wie Wasserfluten, und ein schlankes Grillenfräulein, die Grillenbeine mit Schleiern aus glänzendem, flatterndem Altweibersommer bewickelt, als Fischschwanz, bewegt sich rhythmisch hin und her und fährt mit den langen Vorderbeinen sich graziös über den Kopf, als kämme sie sich.
»Was macht die da drinnen?« fragt der eine Blauvogel neugierig, während der andere starr vor Erstaunen dasteht.
»Ich bin unten Melusine und oben Loreley,« sagt das Grillenfräulein, »denn ich habe einen Fischschwanz und kämme dazu mein goldenes Haar.«
»Ja so,« sagt der Specht.
Dicht daneben tanzen ein paar Grashüpferdamen Ballett auf einer Schaukel von Grashalmen, und springen so hoch, daß man sie kaum noch sehen kann, während auf der andern Seite ein paar Mäusejünglinge in grauen Tricots mit aus Nußschalen gedrechselten Bällen auf kunstgerechte Weise Baseball spielen.
Dieser ganze Wirrwarr, der Lärm und das Getöse, dies Hin und Her, wirkt ungeheuer ermüdend auf die Nerven ungeübter Zuschauer, und unsere Blauvögel piepsen und flüstern miteinander, und fühlen sich recht ungemütlich.
»Musik, meine Herrschaften, hören Sie unsere allermodernsten Vorträge,« ruft jetzt der Hirschkäfer. Alles stürzt nach einem hübsch mit Tannennadeln bestreuten freien Platz. Auf einem Tannenzapfen steht erhobenen Armes eine große Locuste, so eifrig gestikulierend, daß ihr die Augen vor den Kopf treten; und um sie her scharen sich allerlei musikalisch beanlagte Tiere. Nun gibt der Herr Kapellmeister das Zeichen, indem er seine Fühlhörner weit ausstreckt, und das Konzert braust durch das Tannendickicht. Sämtliche Grillen des Waldes zirpen so laut sie können, dazu schnarren die Locusts, pfeifen die Mücken, brummen die Käfer aller Art; die Kaninchen gebrauchen kräftig ihre Trommelstöcke – ein Höllenlärm!
»Ist das nicht herrlich?« fragt der Hirschkäfer unsere Vögel.
»Sehr schön,« entgegnete der Gelbspecht, »nur etwas unverständlich.« Der Staar macht ein sehr gebildetes Gesicht, und die Blauvögel meinen schüchtern:
»Es ist aber recht eintönig, und immer so dudelig.«
»Das ist ja gerade das Schöne,« sagt stolz Kapellmeister Locuste, »sehen Sie, wie gut Sie es verstanden haben? Es war unsere Nationalhymne – der Moskito-Doodle!«
Den Blauvögeln kam die Sache immer problematischer vor, und als vollends der Herr Mistkäfer mit der ganzen Familie auf sie zukommt und sie freundlich auch mit dem Nützlichen der Ausstellung bekannt machen will – die verschiedenen Blätterpräparate, wie Regenmäntel, Schirme und schützende Laubdächer und Haushaltungsgegenstände aller Art; ferner Delikatessen: Tauwein über Grashalme abgezogen, dazu Konfekt mit dem kuriosen Namen Fliegendreck, Misthäufchen, Schneckengelee etc. – da fliegen unsere Blauvögel entsetzt kerzengerade in die Höhe und davon, und auch der Herr Staar, trotz seiner Gleichheitsideen, meint: »es wäre doch recht gemischte Gesellschaft, und überhaupt vertrüge sich die Heiterkeit dieser Ausstellung nicht mit seiner ernsten Geistesrichtung,« während Herr Gelbspecht übermütig erklärt:
»Nein, mir gefällt es hier famos! Ich will erst den ganzen Schwindel sehen, und wenn mir die dicke, fette Fliege da morgen im Sonnenschein begegnet, so fresse ich sie auf vor lauter Liebe.«
Hoch oben auf einer Berghöhe, von wo man weit über Baum und Strauch hinüberblickt – dahin haben sich die Blauvögelein geflüchtet, und der Staar gesellt sich zu ihnen, weil er just nichts Besseres zu thun hat. Außerdem hält er die Blauvögel für recht belehrungsbedürftige Wesen, denen eine kleine Pauke über »die langsam sich vollziehende Umwälzung der Weltordnung« gar nichts schaden kann.
Aber unsere blauen Waldvögelein werden hier oben in der Einsamkeit selber so beredt, daß dem wohlmeinenden Staar nichts übrig bleibt, als zuzuhören.
»Blick' um Dich,« singen sie, »das ist unsere Ausstellung, das ist unsere Freude und die Freude der ganzen Welt. Sieh', wie die bunten Blätter die Bäume schmücken, wie die glührote Weinranke die dunkle Tanne zärtlich umfängt. Horch! Unser Konzert! Wie das rauscht und flüstert in den Zweigen, wie der stürmische Herbstwind in den Blättern tost, und sieh', wie der schönfarbige Schmetterling die geliebten Herbstblumen umgaukelt! Und blick' um Dich: die Sonne geht zur Rüste, sie glüht und leuchtet noch einmal und dann sinkt sie in ihr zartes, graues Wolkenbett und vergoldet es mit ihrem Schein, und ein strahlender Rand zieht sich um die seltsamen Wolkengebilde. Ist das nicht schön? Ist das nicht herrlich!
Und horch! da unter uns am Fuß des Baumes – das sind Menschen! Ein seltsam Geschlecht – kluge Gedanken und weiche Herzen – Ich liebe sie, wenn sie zu Zweien im Walde wandern, wie diese hier. Hör', was sagen sie?« – Ja, es sind Menschen – ein Mann und ein Weib. Und durch des Mannes dunkles Haar ziehen sich Silberfäden, und auf des Weibes glatter Stirn hat das Leben zarte Furchen gezogen. –
»Sieh', liebes Weib,« sagte der Mann, »diese frühen Herbstblätter in dem grünen Wald erinnern mich an meine weißen Haare, an Deine ersten Falten auf der Stirn. Ach, Kind, spät ist's schon im Leben, und jetzt erst lernen wir das Glück kennen!«
»Liebster,« entgegnet sie, »sieh', wie die Sonne strahlend und liebkosend über die Baumstämme gleitet, wie alles noch einmal in voller Pracht glänzt, glüht und leuchtet – zum letztenmal, ehe es Winter wird. So freuen wir uns jetzt noch einmal des Glückes und der Liebe, ehe unser Winter kommt. Liebster, wie schön ist die Welt und das Leben!«
Da zieht der Mann das holde, ernste Weib an sein Herz und küßt die Falten auf der blassen Stirn, und das Gesicht des Weibes glüht und blüht nun, wie die Rose in ihrem Lebensfrühling.
Sie sehen hinüber, bis die Sonne verlischt. – Und die Vöglein lauschen, und der Staar meint:
»Die verlangt's auch nicht nach Veränderung, und die denken auch, gerade wie ihr dummen, kleinen Dinger, das Leben sei doch schön. Merkwürdig! Und die Welt soll doch so schlecht sein, sagen sie im Verein für Freiheit und sittlichen Umsturz. Was ist nun wahr? Darüber muß ich auf einem einsamen Eichenwipfel etwas näher nachdenken.«
Er spreizt seine dekorierten Flügel und fliegt von dannen. Blauvöglein aber locken in den Abend hinein und setzen sich dicht nebeneinander auf einen Zweig und plustern sich und träumen. Die sanfte Nacht kommt gezogen und breitet ihre schwarzen Fittiche lind über die müde Erde – – über selige, herbstliche Menschenkinder, über plusternde Blauvögelein und melancholische Staare – ja, und über all das kriechende, sich duckende, hochmütige, aberwitzige Volk und den weltklugen Gelbspecht in der Weltausstellung im Tannendickicht. –
Die braune Drossel saß auf einem hohen Baume im Garten und zwitscherte: »Es ist Sonntag heute. Der Sonntag sitzt mitten im Frühling und hat eine Krone von Blüten auf dem Haupte, und –«
Weiter konnte man nichts hören, denn die Sperlinge, denen die Drossel das erzählte, piepsten und schrieen und zankten so durcheinander, daß die Drossel auf und davon flog. Was ging es auch die Stadtspatzen an, was die Walddrossel zu erzählen hatte!
Die bleiche Frau Sehnsucht aber stand am geöffneten Fenster ihres Hauses und sah der Drossel nach. »Ach,« seufzte sie, »wer doch ein Sonntagskind wäre und verstehen könnte, was die Vögel singen! Ach, und wenn nur das Kind, das ich gebären werde, ein Sonntagskind würde, dann wollte ich gern glücklich und zufrieden sein.«
Als aber ihre schwere Stunde kam, da war der lachende Sonntag noch nicht aufgestanden, und der stille Sonnabend lehnte noch an der kleinen Wiege mit großen, müden Augen. Er legte eine kühle Hand auf die Stirn des kleinen, roten, zappelnden Dinges, das mit geballten Fäustchen unter dem Deckchen herumarbeitete und mit Zornesfalten im Gesicht in die Welt hinausschrie.
»Nur eine Viertelstunde zu früh,« seufzte die blasse Frau Sehnsucht, und zwei heiße Thränen fielen auf die geschlossenen Augen des Bübchens in ihrem Arm.
Der kleine Bursche aber wuchs kräftig heran und wurde so stark, daß die ungezogenen Buben in der Nachbarschaft ihm gern aus dem Wege schlichen. Er stand an seiner Mutter Knie gelehnt und lauschte mit leuchtenden, wundersamen Augen, wenn sie von den Sonntagskindern erzählte, wie sie gar so klug sind und wissen, wie die Welt geht, und verstehen, was die Tiere sprechen, und wie sie den Wolkenflug deuten können. – »Warum kann ich nicht jetzt noch ein Sonntagskind werden?« rief er zornig. Dann sprang er hinaus in den Garten und legte das Ohr auf die Erde, ob er nicht das Gras wachsen höre, wie ein richtiges Sonntagskind. Er hörte wohl ein zartes, leises Murmeln, aber ob es nicht die kleinen Käfer und Ameisen waren, die da raschelten, das wußte er nicht zu sagen. Er stand unter den Bäumen und hörte zu, was die Vögel sangen; es war ihm, als verstände er einzelne Worte, wie Sonnenschein, Glück, Blütenduft; aber er war doch nicht sicher, ob es ihm nicht sein eigenes Herz zugeflüstert hatte. Und weinend lief er hin zu seiner Mutter und trotzte: »Ich will doch ein Sonntagskind werden!«
»Der Sonnabend leidet's nicht,« sagte Frau Sehnsucht traurig. »Und es war doch nur eine Viertelstunde!«
»Es muß in den Büchern stehen,« sagte der Knabe, als er in die Schule ging. Und er lernte alles, was in den Büchern stand und wurde ein berühmter Mann. Von weit, weit her kamen die Menschen nach dem kleinen Häuschen der Frau Sehnsucht und wollten von dem jungen Gesellen Antwort haben auf ihre neugierigen Fragen, und er sagte ihnen alles. Aber insgeheim glaubte er selber nicht an das, was er ihnen so gelehrt auseinandersetzte; hatte er doch in keinem Buche Bescheid auf seine einzige Frage erhalten: Wie er es anfangen könne, ein Sonntagskind zu werden? – Als nun eines Tages wieder einmal ein paar kluge Professoren kamen, die aber doch nicht so klug waren, wie er, und die spitzigen Zeigefinger an die spitzigen Nasen legten, und ihm die wichtige Frage stellten: Wie kommt es, daß der Mensch die Nase mitten im Gesicht hat? – da fielen dem Gesellen seine Riesenkräfte ein. Er warf die Professoren mitsamt der ganzen Universität zur Thür hinaus, reckte und streckte sich einmal, that einen tüchtigen Jauchzer und sagte zur Frau Sehnsucht:
»Mutter, jetzt ziehe ich in die Welt hinaus, dem Sonntag nach, und komme nicht eher wieder, bis ich ihn eingeholt habe.«
Frau Sehnsucht legte ihre weißen Hände auf sein lockiges Haupt und küßte ihn. Dann schloß sie die schönen, traurigen Augen für immer.
Der Geselle aber zog in die Welt hinaus. Er sah die goldene Sonne am Himmel stehen und er sagte: »O Sonne, güldene Sonne du – ich suche, suche immer zu. Zeig mir den Weg, wohin ich geh', o Sonne, güldene Sonne du!« Aber die Sonne lachte ihn aus und antwortete nicht und ging weiter, immer weiter, bis er sie zuletzt gar nicht mehr sehen konnte. Da kam er in einen großen Wald, darin reichten die Bäume bis in den Himmel, seltsam große Blumen standen am Wege und sahen ihn an, und bunte Vögel flogen sprechend von einem Ast zum andern.
»Sagt mir's, ihr Bäume, duftet, Blumen, rauscht mir's, ihr Winde, murmelt, ihr Quellen – wie fange ich es an, daß ich ein Sonntagskind werde?« rief der Geselle.
Da kicherte und lachte es an allen Ecken und Enden. Schelmische Mädchengesichter tauchten aus den Kelchen der seltsamen Blumen empor und nickten ihm lächelnd zu. An den Schlinggewächsen turnten winzige nackte Engelsbübchen, die warfen mit duftenden Blütenblättern nach ihm, und ein Rauschen und Raunen zog durch den ganzen Wald, daß der Geselle gewiß alles erfahren hätte, was er wissen wollte, wenn er nur eine Viertelstunde später auf die Welt gekommen wäre. Zuweilen war es ihm wieder, als verstände er ein paar Worte, und horch! klang's nicht im Windesrauschen, wie: Bis an's Ende der Welt? Kopfschüttelnd ging der Geselle weiter.
Da wurde mit einemmal der Wald hell und licht; das kam von einem schönen Stern, der fiel vom Himmel nieder, und sieh' – der Stern nahm Gestalt an, so schön und sanft wie die Mutter ausgesehen hatte, und seine Augen strahlten still und traurig, wie die der Frau Sehnsucht. Die schöne Sternenfrau aber sprach: »Ich will dir Antwort auf deine Frage geben. Gehe weiter, immer weiter, bis du ans Ende der Welt kommst. Dort wirst du den Baum der Erkenntnis finden. Wenn du von diesem ein Blatt brichst, dann wirst du erfahren, was du wissen willst. Aber spute dich! der Weg ist weit.«
Der Stern stieg langsam auf gen Himmel, es wurde immer lichter, der Wald verschwand und der Geselle stand ganz allein auf einer großen Heide, über die der Wind pfiff.
»Bis ans Ende der Welt? – da kann ich meine Füße in die Hand nehmen, wenn ich noch ankommen will,« sagte er und wanderte fürbaß. Weil's ihm aber einsam am Wege war, sang er sich das Liedel von dem andern Gesellen:
Als der Geselle sein Liedlein ausgepfiffen hatte, da führte ihn der Weg an einem Königreich vorbei, und weil die Thür bloß eingeklinkt war, ging er hinein. Die alte Reichsmauer wackelte hin und her, als er eintrat, und das Thürschloß behielt er gar in der Hand, so morsch war der Griff. In dem Königreich saß der König auf einem Throne, der wackelte, und hatte eine Krone auf dem alten, wackligen Haupt, die wackelte auch. Die Räte um ihn her hatten kleine Zöpfchen im Nacken, die wackelten, und die Räte selber wackelten, und das ganze Königreich wackelte. Und weil nun alles so wacklig war, da nahm der Geselle sein Bein und gab der ganzen Wackelei einen Tritt; da fiel alles um, und der Geselle sah lachend zu, wie der König und die Krone und die Räte mit ihren Zöpfen und das ganze morsche Königreich durcheinander purzelten. Des Königs schöne Tochter aber fing er in seinen Armen auf; doch als er sie küssen wollte, da welkte sie hin und lag tot an seiner Brust. Ihre Seele verwandelte sich in einen schönen weißen Vogel, der kreiste über des Gesellen Haupt und sang ihm zu:
| »Weil' nicht am Wege, |
| Er ist noch weit; |
| Noch ist die neue, die selige Zeit, |
| Noch ist sie nimmer geboren.« |
Als der Geselle nun weiter ging, kam er an eine große, große Stadt, darin war eitel Freude und Lustigkeit, das ganze Volk tanzte und sprang und geberdete sich wie toll. In den Moscheen, Kirchen, Freiheitstempeln läuteten die Glocken und große Götzen saßen darin, die machten mit schrecklichen Grimassen die Mäuler auf, und dann warf das Volk alles Schöne und Gute den Götzen in den Schlund, und das Häßliche und Gemeine stand grinsend auf den Schultern der Götzen, und das Volk jubelte ihm zu. – Da faßte den Gesellen ein grimmer Zorn, er hob sein gutes Schwert und schlug zu, und schlug den Götzen die Köpfe ab. Aus den Rümpfen stieg ein starker, grauer Dunst auf, wie eine Weihrauchwolke, der lagerte sich hin über die Stadt und erstickte all das lärmende Volk, daß es tot dalag. Ueber der Nebelwolke aber schwebte ein neuer, schöner, weißer Vogel und gesellte sich dem andern zu; sie umkreisten den Gesellen und sangen ihm zu:
| »Weil' nicht am Wege, |
| Er ist noch weit; |
| Noch ist die neue, die selige Zeit, |
| Noch ist sie nimmer geboren.« |
Als der Geselle nun weiter ging, kam er an einen hohen, hohen Berg, darauf wimmelte es von Menschen. »Ist hier das Ende der Welt?« fragte er. »Was?« riefen sie ihm von der Spitze des Berges zu, »das Ende der Welt? Bewahre! Hier fängt die Welt erst an!« – Als nun der Geselle oben angekommen war, sah er, daß all' die Menschen ihr eigenes Ich genommen und es vor sich hingestellt hatten; und nun drehten sich die Körper um das Ich in der Runde und sangen feierliche Weisen und beteten es an. »Siehst du,« riefen sie ihm zu, »das ist es, was du suchst. Wir sind die Welt, wir sind das All, wir, unser eigenstes Ich. Wir wissen alles, wir können alles, wir lieben uns, wir beten uns an.« – Voll Verwunderung stand der Geselle und sah dem seltsamen Treiben zu. »Aber wie könnt ihr denn leben, wenn ihr euer eigenes Ich aus euch herausgenommen habt?« – »Wir zehren von seinem Anblick, er ist uns Nahrung, Luft und Licht. Wenn wir unser Ich ansehen, werden wir so von seiner Größe und Erhabenheit durchdrungen, daß wir unsere körperlichen Beine aufheben und tanzen müssen, und dann schreien wir von diesem hohen Berge das Heil des Ichs in die Welt unter uns hinaus, damit auch sie daran glaube und selig werde.«
Da faßte den Gesellen, als er ihre seelenlosen Köpfe und verdrehten Glieder sah, ein ungeheurer Ekel. Er nahm seine starken Fäuste und schleuderte einen der tanzenden Körper nach dem andern in die Tiefe, und wenn sie gegen die Felsblöcke, die am Fuße des Berges lagen, anprallten, dann platzten sie mit einem Knall, wie ein aufgeblasener Pilz im Walde, auf den du unversehens trittst. »Jetzt spiele ich Kegel mit den Püstern!« sagte der Geselle. – Dann nahm er alle die angebeteten Ichs, die entseelt zu Boden gesunken waren, schichtete sie aufeinander, wie einen Holzstoß, und zündete sie an, daß die rote Lohe weithin in die Welt schien. Aus den Flammen aber flog wieder ein schöner, weißer Vogel – denn aus allem, was zu Grunde geht, wächst doch noch ein Schönes – und er gesellte sich zu den andern, und sie umkreisten ihn. Aber sie sangen nicht mehr, ihr Flügelschlag wurde immer lautloser. Und doch war es dem Gesellen, als trieben diese weichen Flügel ihn weiter, hin über trotzige Felsblöcke, an denen sich seine Füße blutig stießen, über weite gefrorene Seen, über denen er hinglitt wie über einen Spiegel. Er wußte nicht mehr, ob er schon lange gewandert sei oder eben erst die schlanke, kühle Hand seiner Mutter, der Frau Sehnsucht, auf seiner Stirn gefühlt hatte. Er wußte nur noch, daß er weiter, immer weiter getrieben wurde. Endlich sank er erschöpft zu Boden. Als er die Augen öffnete, lag er auf einer weiten Ebene. Schöne Tiere traten an ihn heran und betrachteten ihn mit stillen, klaren Augen; aber sie waren stumm. Vögel schwebten über ihn hin; aber sie sangen nicht. Blumen blühten an glänzenden Bächen, aber das Wasser murmelte nicht; der Wind, der durch die Zweige strich, rauschte nicht – es war tiefe, tiefe Stille. Lautlos flogen die drei weißen Vögel vor dem Gesellen her. – In der Ferne, am Ende der Ebene, schwebte eine weiße Wolke. Als der Geselle näher kam, sah er, daß es tausend und aber tausend von ebensolchen großen, weißen Vögeln waren, wie die, die ihn begleitet hatten, und er dachte daran, wie viele Menschen wohl gleich ihm denselben Weg gemacht hatten, wie viel erst zertrümmert werden mußte, damit diese Wolke sich hatte bilden können. Die weißen Vögel umkreisten leise, leise einen starken, grünen Baum, dessen viele Zweige gingen auf und nieder zwischen Erd' und Himmel. Der Baum blühte nicht und trug keine Früchte, er hatte nur unzählige grüne, kraftstrotzende Blätter. Die drei weißen Vögel aber, die den Gesellen begleitet hatten, mischten sich unter die andern, die in den Zweigen des Baumes nisteten, so daß er sie nicht mehr unterscheiden konnte. Und wie er so in der weißen Wolke stand, und der weiche Flügelschlag der schönen Vögel seine Stirn fächelte, da war es ihm, als höre er die Worte:
| »Weil' nicht am Wege, |
| Nicht ist er mehr weit. |
| Wir kreisen und hüten die kommende Zeit, |
| Wir weben ihr reines, ihr glänzendes Kleid – |
| Im Baum schläft sie sicher geborgen.« |
Da streckte der Geselle die Hand aus und brach eines der saftgrünen Blätter. Es fiel ein Tropfen, rot wie Blut, in seine Hand. Da zog sein ganzes Leben an ihm vorüber: er sah sich, wie er immer dem Sonntag nachgejagt war, alles andere darüber vergessend; er sah, wie er nicht die Welt und sie nicht ihn verstanden hatte, denn er war ja eine Viertelstunde zu früh geboren. Wie er auf das Blatt in seiner Hand hinschaute, lange, lange, da bleichte sein Haar, seine Stirn begann sich zu runzeln, sein starker Körper bog sich zur Erde. Aus dem Manne ward ein Greis, und nun wußte er, wann er den Sonntag einholen würde. – Er sah auf und sah die weißen Vögel, die mit ihren stillen, großen Flügeln einen starken Wind erhoben; der wehte ihn fort, weit fort, den Weg zurück, den er gekommen war. Auf dem Berge glühte noch das Feuer, über der Stadt lag der Dunst, das zerfallene Königreich bröckelte am Wege – er schaute nicht um danach. Er ging durch den dunklen Wald, darin die Bäume regungslos standen. Er ging und ging, bis er in das Stübchen kam, in dem Frau Sehnsucht die schönen, traurigen Augen für immer geschlossen hatte. Da setzte sich der greise Geselle ans Fenster und schaute in den Garten hinein.
Auf dem Apfelbaum saß die braune Drossel und erzählte den Spatzen: »Es ist Sonntag heute. Der Sonntag sitzt mitten im Frühling und hat eine Blütenkrone auf dem lachenden Haupte, und die Blumen bringen ihm ihre Düfte, und die Winde tragen den Duft hin über die Stirnen der Kinder, die heute geboren werden.«
Da nickte der Greis am Fenster und lächelte. Er schloß die Augen, und seine Seele zog vor des Sonntags Thron, damit sie als Duft auf die Stirn eines neugeborenen Sonntagkindes gelegt werde. – Im Tode war der Geselle ein Sonntagskind geworden.
»Es ist Sonntag!« sang die Drossel. »Das ist etwas ganz Alltägliches,« piepsten die Spatzen, »das passiert jede Woche einmal.«
Es war einmal ein kleiner Schmiedegeselle, der war es müde, immer am Amboß zu stehen und Gedanken zu hämmern. Er hätte gar zu gern gesehen, wie sich die Gedanken ausnahmen, noch ehe sie zum Schmiedematerial zusammengegossen waren. Eines Tages hatte er mit heller Lust ein paar kräftige Gedanken, die im Feuer glührot und geschmeidig geworden waren, zu ein paar starken Hufeisen zusammengeschweißt; die Funken sprühten, wenn man damit auf einen Stein schlug. Da klopfte ihm der große Meister auf die Schulter und sagte:
»Geselle, geh' auf die Wanderschaft.«
Und da zog er aus. – Als er wegging, schien die Sonne hell, obwohl es mitten im Winter war; der Himmel hatte überall blaue Batzen auf die Wolkenlöcher gesetzt, und der Wind hatte dazu gefiedelt:
Als aber der kleine Schmiedegeselle ein Stücklein Wegs gegangen war, da sah er eine schwere dunkle Wolke in der Ferne schweben, und je näher er kam, desto trüber wurde es um ihn her, bis schließlich Himmel und Erde und die ganze Welt schmutzig aussah; und er sah, daß es ein ganzes Sammelsurium von Häusern war, das alles so finster machte. Die Häuser waren so hoch, daß sie die Wolken an den Fußsohlen kitzeln konnten.
Der kleine Schmiedgeselle stand und guckte an so einem hohen Kasten in die Höhe:
»Könnt ihr da oben durch die Wolken sehen?« fragte er, »und die Sonne auf der andern Seite scheinen sehen? – Eia, das muß schön sein!«
»Da, komm nur mit in das Loch hinein, kleiner Wurm,« sagte ein Mann neben ihm, schob ihn vor sich her, und schwupp! flogen sie in einem viereckigen kleinen Kasten so schnell himmelan, daß es dem Gesellen ganz übel wurde.
Der Mann lachte spöttisch aus ein paar klugen Augen.
»Ja früher,« sagte er, »wenn der Teufel einen armen Handwerksgesellen holte, da flogen sie miteinander auf schwarzen Gespensterflügeln in die Tiefe hinab. Wir machen das jetzt per Elektricität und fliegen himmelan.«
Erschrocken sah das Gesellchen zur Seite, erblickte aber nur einen ganz einfachen Menschen, der ein ganz klein wenig hinkte. Nur seine Ohren waren so sonderbar lang und schmal; wenn er lachte, schienen sie sich zu spitzen, und er lachte so, daß der Schmiedegeselle mitlachen mußte, und das Ding, in dem sie saßen, vor Vergnügen in die Höhe sprang.
Dann waren sie oben. Das war ein großes, flaches Dach mit Kieselsteinchen bedeckt, als ob sie drauf geregnet wären. Allerlei Verzierungen sprangen an den Ecken auf und auf zwei kleinen Säulchen saßen vergoldete Zierate, die sahen aus wie Champagnerpfropfen.
»I, da schlag' doch der Teufel den Herrgott tot!« rief der Mann mit einem vergnügten Grinsen, »da hab' ich doch gedacht, ich könnte dem kleinen Wurm das ganze Riesentreibhaus auf einmal zeigen, und nebendran das große Wasser, in dem man eigentlich die nichtsnutzige Brut gleich wieder ersäufen sollte, nachdem man sie hervorgebracht hat – und da – nichts, aber auch rein gar nichts, als das wüste Gebrodel, das mein Vetter, der große Nebel, so erstaunlich schön herauszukriegen versteht. Er ist ein ganz gelungener Kerl, sage ich dir, und dabei ein Phantast, trotz seiner Schwere. Und unbeständig ist er, nirgends zu fassen. Der geht in einer Minute alle Ideen der Welt durch, um schließlich mit seinem grauen Einerlei platt über die ganze Erde hinzufallen, daß man drunter ersticken sollte. Uff! wie schwer er schon wieder herunterhängt. – Und siehst du, mit einemmal reißt er sein langes Hemd in Fetzen entzwei und tanzt herum wie ein toller Bacchant. Zum Verzweifeln für einen feierlichen Kerl!«
Dabei nahm er einen gespreizten Ton an, schob die linke Hand zwischen die Brustknöpfe seines Rockes und hob das Haupt mit einem idealischen Schwung. Als das Gesellchen ihn entsetzt ansah, schnitt er plötzlich allerlei Grimassen, liebkoste ein paar kleine, niedliche Bockshörnchen, die zwischen dem Kraushaar über der Stirn hervorwuchsen, und spitzte seine Faunsohren nach dem Wind. Nachdem er den kleinen Schmiedegesellen genügend verwirrt hatte, fing er an, ihm ernsthaft allerlei Erklärungen zu geben.
»Sieh',« sagte er, »das ist der große Hexenkessel, Höllengebrodel, da werden alle die Gedanken ausgekocht von dem Menschenpack, das tief unten mit Beinen, Händen, Köpfen oder Magen schuftet; und die nehmen dann Gestalt an, und paß einmal auf, da aus den Tausenden von Schlöten fahren sie hinaus in den Nebel, der verschlingt sie, wird groß und stark daran, wächst und wächst bis einmal die Welt ein großer Gedanken-Nebel geworden ist. Dann kommt die Zeit für uns Faune, uns Satanskerle, Teufelsstricke, und wir ziehen gegen den Nebel zu Felde, gegen meinen großen Vetter – da kämpfen wir, das ewige, blühende, lachende Leben gegen die blassen, umnebelten und vernebelten Gedanken. – Sieh', da fliegen sie –«
Der kleine Schmiedegeselle hatte derweilen stumm in das graue Meer geschaut, drin es wogte und zerrte, drin die Schornsteine und Schlöte der vielen, vielen Häuser hineinragten und schwere Dampfwolken entsendeten, schwarze, dicke, schmierige, lichte, flinke, weiße oder rötlich scheinende, von den Flammen tief drunten, die zuweilen bis zum Kamin herausschlugen. Es sah aus, als ob die himmelhohen Häuser der Riesenstadt eigentlich ganz klein hoch in der Luft ständen, nur mit den großen Schlöten daran; als ob da unten auf der Straße eine ganz andere Welt sei, und nur ganz fern, fern, wie das Bienengesummse an einem Sommermittag am Kornfeld, drang das Getrappel, Gerolle, Getose herauf zu dem Dach, wo die Wolken mit ihren schweren Fittichen des kleinen Gesellen Haupt streiften. Der stand und schaute. Der wunderliche Mann saß neben ihm, deckte ein Bein mit dem andern und deutete mit dem langen, ausgestreckten Zeigefinger bald auf diesen, bald auf jenen Schornstein, und er grinste spöttisch dazu, oder lachte ingrimmig, oder seine Augen leuchteten, wie in stiller Wonne. So jetzt eben wieder.
Da stieg aus einem schlanken Rauchfang ein silberweißes Rauchsäulchen auf, kräuselte sich lustig, ehe es im Nebel zerging, und auf dem schaumigen Gezausel tanzten putzige kleine Kerle mit runden Bäuchlein und weinroten Gesichtern, sie hatten Weinreben sich umwunden und lallten allerlei tolles Zeug und schrieen dem lächelnden Manne, Faun, Mephisto, was immer er sich nannte, ein jauchzendes Evoë Bacche!
Und sobald die einen im Nebel vergangen waren, wurden neue aus den Ringeln der Rauchsäule geboren, schöne und drollige, große und kleine, Männlein und Fräulein, und ob auch aus den Augen eines Alten ein ernstes Denken sprach, ob die weichen Glieder einer jungen Bacchantin im Wirbel sich drehten – gleichsam aus ihnen heraus über die ganze Erde hin leuchtete, strahlte eine selige, mutige, weinduftende Begeisterung.
Jetzt lachte der Geselle laut auf. Da hatten ein paar trunkene kleine Satyrn die Nebelfetzen zusammengeballt wie Schneebälle, schnitten wütende Gesichter nach einem andern Schlot hin, streckten denen, die da oben aufstiegen, die Zunge heraus, und begannen sie zu bombardieren. Es war ein weiter Kamin, nicht sehr hoch, der Rauch, der da herauskam, hatte eine eklige, semmelblonde Farbe, die Gedanken, die drauf ritten, auch, und sie waren feist und schwammig. Sie versuchten, recht forsch und protzig aufzutreten, aber sie krümmten sich dabei, als wenn sie Bauchgrimmen hätten, und sie streckten flehentlich die Arme aus, so gut es eben ging, nach einem andern Schornstein und stöhnten:
»Gebt uns was ab! Gebt uns was ab!«
Das war ein mächtiger, weiter Schlot, und der Rauch und Qualm, der ihm entquoll, schwarz, finster, beklemmend. Bleiche Gestalten stiegen drauf zur Höhe, hohlwangig wie eine durchwachte Nacht, finster wie eine Gewitterwolke. Immer mehr, Millionen von ihnen tauchten auf aus dem Dunkel, nicht aus einem, nein, aus hundert Schlöten, ganze Heere von Elendsgestalten, ganze Heere von drohenden Fäusten, von rachedurstenden Augen, von verzweifelten Gesichtern.
Und der kleine Geselle drückte sich scheu an den Mann, der ingrimmig hohnlachte.
»Wo kommen die her, alle, alle, ohne Ende?« fragte der Geselle bebend.
»Aus den Fabriken, aus den Werkstätten, aus den Mietskasernen, aus den Spelunken da unten,« knurrte der mit den Bockshörnchen. »Bande, elendes Pack, warum drücken sie die andern nicht tot, schaffen sich Platz in der Welt, so viele, wie sie sind! Aber sie haben Furcht, gerade so viel Furcht, wie die da drüben – sieh' – da aus dem himmelhohen Rauchfang, der so kerzengerade aufwächst – Mitleid haben. Prrr – Puah – Mitleid, Mitgefühl, Menschenliebe, Gleichheit, Brüderlichkeit – sieh', wie sie da alle schweben, die schönen Gedanken! Schau einmal genau hin! Glaubst du, sie kämen alle aus demselben hohen, ragenden, lichten, freundlichen Kamin? Ist schön gebaut, der Rauchfang! Aber schließ' dein Auge ab von all dem andern, indem du die Hand krümmst wie ein Fernrohr davor – das gibt mehr Perspektive. Siehst du nun wohl, daß jeder der schönen Gedanken seinen Privatschlot hat, der nur an den andern sich anlehnt? – Und die Rauchsäulchen, – recht fein hell anzusehen – dürfen sich mit keinen von den andern vermischen, beileibe nicht, und der Kamin muß immer mit demselben Heizmaterial gefüttert werden, und jedes Rauchwölkchen hat seinen Parteinebel, in den es sich auflöst.«
Aber immer und immer wieder stieg das bleiche, finstere Heer auf, auf, stetig, unverdrossen.
»Da, sieh' her, du kleiner Wurm, der du die Gedanken nackt und unverarbeitet in der Welt herumlaufen sehen wolltest,« schrie der Mann-Faun-Mephisto, »siehst du jene dort drüben aus dem Marmorkamin sich entwirren? – Wohlgenährte Gestalten sind drunter mit schwimmenden Augen, magere Kerle mit Beil-Gesichtern, und alle mit so einem Air um sich herum, als wollten sie auf alles andere spucken. Kapitalsbestien nennt man sie mit dem Kunstausdruck, d. h. die Kapitäler sind ihnen jetzt da oben im Rauch abhanden gekommen, und nur die Bestien sind übrig geblieben. Und nun schau die guten, mitleidigen, allesliebenden, weltbeglückenden Fanatikergedanken, die eigene kleine Weltbegriffe auf Silberrauchsäulchen ausdünsten – schau auch alle die winzigen Nebengedanken, die von der Silbersäule abspringen, ihre Nachbarn zerren und stoßen, zu Boden schlagen, ins Gesicht treten – kommt es dir nicht schließlich vor, als wäre der eine wie der andere: Fanatiker seines eigenen Ichs? Und sie verteidigen dieses ihr Besitztum, die einen mit nackter Brutalität, die andern mit alles überwältigendem Mitleid für die Menschheit. Ist recht, ist ja recht so. Nur sollen sie nicht das Du-Geschrei erheben, wenn sie das Ich meinen. Aber guck einmal da!« –
Aus dem lichten, ragenden Schornstein, dessen viele Teile das Gesellchen jetzt deutlich erblickte, war eine Schar Gedanken-Geister aufgetaucht, die sich mit Mäulern, Fäusten und Füßen ingrimmig bearbeiteten: die einen suchten die nächsten unter sich zu ducken, zerrend, heulend, schimpfend; die zarten Gestalten aus demselben Rauchfang, die über ihnen schwebten, rangen traurig die Hände; die Bestien aus dem Marmorkamin sahen behaglich zu, und die kleinen Weinkameraden ritten auf ihrem Rauchgekräusel herzu, jauchzten und lachten, schütteten duftenden Rheinwein über sie aus, wie man über die beißenden Hunde Wasser gießt, und trieben allerhand Allotria.
Die hungrige, bleiche, verzweifelte Schreckensschar aber stieg immerfort, stetig auf; auf aus den Tausenden von Schlöten und verzehrte sich im Nebel, immerzu, regelmäßig, wie ein grauenhaftes Uhrwerk.
»Bande, Bande!« knurrte der neben dem Gesellchen. »Wann kommt's? – Wann kommt's und schlägt den Kram in Fetzen? – Ist ein lustig Leben, kleines Wurm, so hoch über ihnen, was? – Und doch mitten drunter. Die da tief drunten, alle, glauben, sie kennen, sie haben mich, und ahnen nicht, daß ich es bin, der ihre Gedanken hier oben spuken läßt zur eigenen Verlustierung, wie Nero einst Rom in Brand setzte! Nicht sie mich – ich hab' sie! – Hoho – aber da – da, meine Braven!«
Da schlug aus einem mächtigen Rauchfang eine hohe Feuersäule auf, glührot, wie aus einer Schmiede-Esse, und darauf schwebte, nein, stampfte eine gewichtige Schar, die zog den Ambos und dröhnte die Schmiedehämmer nieder, daß es durch die Lüfte klang. Riesengestalten mit mächtigen Köpfen und lustigen Augen. Bei jedem Hammerschlag von ihren Fäusten stoben die Funken, und in jedem Funken sang es:
| »Mir sein die Hammerschmiedsgsölln, Hammerschmiedsgsölln, |
| Mir könn' dableiben, mir könn' furtgeh'n, |
| Mir könn' dhun, was mer wöll'n, dhun, was mer wöll'n!« |
Schritt vor Schritt weitergreifend, die rußigen Gesichter umglüht vom Flammenschein, stampften sie alles unter ihre Füße, Bestien und Mitleidsgedanken und Elendsgestalten, was ihnen in den Weg kam, trieben die Rauchwolken zur Seite und machten Bahn frei – bis endlich, nach langem Kampf, auch sie der große Nebel verschlang.
Aber dort, wo sie verschwunden waren, da lag in lichter Ferne – das Gesellchen sah es ganz deutlich, und der Mann breitete seine Arme aus – der silberne See, der hob und senkte sich leise. – Möven flogen drüber hin, die tauchten mit der weißen Brust ein in die Silberflut und schüttelten die leuchtenden Tropfen von den Flügeln.
Wo sie das Wasser berührten, tauchte ein Wunderwesen nach dem andern auf; diese reihten sich aneinander, und bald wimmelte der See von zarten, lieblichen, von starken, gewaltigen Wesen. Auf ihren ausgestreckten Armen kamen zwei wunderselige Frauengestalten einhergeschwebt, ein leiser, flüchtiger Gesang zog ihnen voran:
| »Wir geleiten hohe Frauen, |
| Die den Wassern sind entstiegen, |
| Die sich auf den Nebeln wiegen, |
| Und die Wellen stets durchwallen, |
| Unerkannt von allen, allen, |
| Denn von zwei'n ist eine keine: |
| Diese Hehre, Hohe, Reine, |
| Jene, die da gleißt im Scheine – |
| Nur zusammen kannst sie schauen. |
| Wie die Sonne aus dem Meere |
| Ihre Strahlen weiter sendet, |
| So zieh'n im Gedankenheere |
| Sie, bis ihre Bahn vollendet. |
| Sinken in die Wasser nieder, |
| Kommen mit der Sonne wieder.« |
So schwebten sie hin über das Häusermeer der Riesenstadt. Die schönen Frauen glichen sich eine der andern so, daß man sie nicht unterscheiden konnte, und das Gesellchen hätte gar zu gern gewußt, wer sie seien.
Der Mann sah mit verschränkten Armen den Zug an sich vorüber wallen, musterte mit kritischen Augen die weißen Nixenglieder, lächelte vertraulich dem schönen Frauenpaar zu. – Da war es dem Gesellen, als habe die eine listig gewinkt, die andere nur milde gelächelt. Aus dem Nebel, der sie umwogte, aber tönte das Lied der Hammerschmiedsgesellen:
| »Mir könn' dhun, mir könn' treiben, mir könn' loss'n, was mer wöll'n!« |
»Ja, ja,« nickte der Mann, »wenn's alle Hammerschmiedsgesellen wären! Aber doch, kleines Wurm, wissen auch sie nicht genau, gerade wie du und alle die andern es gar nicht wissen, wer von den beiden lieben Frauenzimmerchen da – die Wahrheit und welches die Lüge ist.«
Als er das sagte und der kleine Schmiedsgeselle flehend die Arme hob, da schauten die beiden herrlichen Frauen zurück – die eine milde lächelnd:
»Du bist die Wahrheit!« jauchzte der Geselle.
Da hob die andere sachte und ernst den Finger an den Mund. –
Und der Geselle barg das Gesicht in die Hände und weinte.
Als er wieder aufschaute, sah er den Mann vor dem Champagnerkorken stehen und Zwiesprache halten mit einem nackten, kleinen Schlingel, der rittlings auf dem einen goldenen Pfropfen saß, Bogen und Köcher umgehängt hatte und blutrote Pfeile nach allen Richtungen verschoß; sein Krauskopf glänzte voll goldener Locken und trotz der Lachgrübchen saßen ein paar bitterernste Augen in dem jungen Gesicht.
»Ich bin echt!« sagte er und zielte auf den Gesellen, und dem wurde es plötzlich ganz leicht um's Herz. Da lachte der kleine, nackte Bub ein tolles, befreiendes Lachen, und der Mann fiel ein, und das Gesellchen mußte mitlachen, bis ihm die Thränen aus den Augen liefen.
Dicht hing der Nebel herunter. Die Wolken rieben sich die Fußsohlen an den Champagnerkorken. Rauch, schwerer, schwarzer, lichter, semmelblonder stieg auf aus allen Schlöten. In der Ferne sah der Geselle einen silbernen Streifen, auf dem ein Mövenflügel blitzte. Ein dumpfes Gegroll wogte zu ihnen herüber. Ein Amboßschlag dröhnte.