Selbstmord und Unsterblichkeit
(1876)

„... In der Tat: welch ein Recht hatte diese Natur, mich in die Welt zu setzen, infolge dort irgendwelcher ewigen Naturgesetze? Ich bin mit Erkenntnisfähigkeit erschaffen und habe diese Natur erkannt: welches Recht hatte sie, mich ohne meinen Wunsch und Willen erkenntnisfähig zu erschaffen? Erkennend, folglich leidend, ich aber will nicht leiden – denn warum sollte ich einwilligen zu leiden? Die Natur spricht zu mir durch meine Erkenntnis von einer gewissen Harmonie innerhalb des Ganzen. Die menschliche Erkenntnis hat aus dieser Verkündung Religionen gemacht. Sie sagt mir, daß ich – obschon ich genau weiß, daß ich an der ‚Harmonie des Ganzen‘ nicht mitwirken kann und auch niemals mitwirken werde, ja überhaupt nicht begreifen werde, was sie denn nun eigentlich ist und bedeutet – sagt mir, daß ich mich aber dennoch dieser Verkündung unterwerfen, mich bescheiden, das Leid im Hinblick auf die Harmonie des Ganzen auf mich nehmen und zu leben einwilligen soll. Wenn man dagegen selbst und bewußt wählen könnte, so würde ich doch selbstverständlich lieber nur in dem kurzen Augenblick, den mein Leben währt, d. h. solange ich existiere, glücklich sein wollen, da doch das Ganze und seine Harmonie mich absolut nichts angehen, sobald ich aufhöre zu sein – gleichviel ob dieses Ganze nach meinem Tode mit seiner Harmonie erhalten bleibt oder ob es gleichzeitig mit mir zu existieren aufhört. Und wozu sollte ich mich so um seine Erhaltung nach meinem Tode sorgen? – das ist die Frage! Da wäre es doch besser, ich wäre wie alle Tiere erschaffen, d. h. lebend, jedoch ohne vernunftgemäße Erkenntnis – meine Erkenntnis ist ja nicht Harmonie, sondern ist Disharmonie, denn ich bin mit ihr unglücklich. Man betrachte nur einmal daraufhin die Menschen: wer ist denn glücklich in der Welt und was für Leute sind es denn, die widerspruchslos leben? – Gerade diejenigen, die den Tieren ähneln, die infolge der geringen Entwicklung ihres Bewußtseins dem Tier am nächsten stehen. Sie willigen gern ein, zu leben, aber gerade unter der Bedingung, wie Tiere zu leben, nämlich fürs Essen, Trinken, Schlafen, Nesterbauen und Kinder-in-die-Welt-Setzen. Essen, Trinken und Schlafen nach Menschenart heißt im allgemeinen erwerben und rauben, ein Nest einrichten aber schon unbedingt rauben. Man wird vielleicht einwenden, daß man sein Nest auch auf vernünftigen, wissenschaftlich einwandfreien sozialen Prinzipien aufbauen könne und durchaus nicht zu rauben brauche, wie es bisher der Fall war. Möglich, aber ich frage: ‚wozu? Wozu erwerben und bauen und sich soviel Mühe geben, um sich in der Gesellschaft der Menschen richtig, um sich vernünftig und sittlich, kurz – gerecht einzurichten?‘ Darauf vermag mir natürlich niemand eine Antwort zu geben. Alles, was man mir darauf antworten könnte, wäre: ‚um sich Genuß zu verschaffen.‘ Ja, wenn ich eine Blume oder eine Kuh wäre, dann gäbe es für mich vielleicht auch einen Genuß. Indem ich mir aber, wie jetzt, unaufhörlich Fragen vorlege, kann ich nicht glücklich sein, nicht einmal im höchsten und unmittelbarsten Glück der Liebe zum Nächsten und der Liebe der Menschheit zu mir, denn ich weiß, daß morgen schon alles dieses nicht mehr sein wird, sowohl ich wie dieses ganze Glück und die ganze Liebe und die ganze Menschheit – daß wir uns in ein Nichts verwandeln werden oder wieder in das anfängliche Urchaos. Unter einer solchen Bedingung aber kann ich um keinen Preis ein Glück annehmen – nicht aus Unlust, es anzunehmen, nicht aus Eigensinn um eines Prinzips willen, sondern einfach deshalb, weil ich weder glücklich sein kann noch werde, solange ich weiß, daß mich morgen das Nichtsein erwartet. Das ist eben eine Gefühlssache, ein ganz unmittelbares Gefühl, das ich nicht bewältigen kann. Nun gut, wenn ich allein sterben, und wenn dafür die Menschheit an meiner Statt ewig weiterleben würde, dann wäre ich vielleicht immerhin getröstet. Aber unser Planet ist doch nicht ewig und die Lebensdauer der ganzen Menschheit ist im Verhältnis zur Ewigkeit genau solch ein Augenblick wie mein Einzelleben. Und wie vernünftig, wie herrlich, wie gerecht und heilig die Menschheit auf Erden sich auch immer einrichtete – es wird morgen doch alles dieselbe Null sein. Und wenn das auch alles da aus irgendeinem Grunde notwendig ist, infolge irgendwelcher allmächtiger, ewiger und toter Naturgesetze, so ist doch, ich versichere Sie, in diesem Gedanken eine gewisse allertiefste Nichtachtung der Menschheit enthalten, die für mich tief beleidigend und um so unerträglicher ist, als es hier keinen Schuldigen gibt.

„Und schließlich, wenn man dieses Märchen von der endlich mal nach vernünftigen und wissenschaftlichen Grundsätzen eingerichteten Menschheit auf Erden als möglich annimmt und an seine dereinstige Verwirklichung glaubt, d. h. an das zukünftige Menschenglück auf Erden glaubt – so ist doch schon der bloße Gedanke, daß die Natur infolge irgendwelcher ihrer trägen Gesetze es nötig hatte, den Menschen Jahrtausende zu quälen, bevor sie ihn zu diesem Glück brachte, schon unerträglich und empörend. Jetzt füge man noch hinzu, daß dieselbe Natur, die dem Menschen endlich einmal ein Glück gewährt, all das morgen schon aus irgendeinem Grunde in eine Null verwandeln muß, ungeachtet aller Leiden, mit denen die Menschheit für dieses Glück gezahlt hat, und ohne mir und meiner Erkenntnis das zu verbergen, wie sie es einer Kuh verbirgt, – so kommt einem unwillkürlich ein äußerst spaßiger, aber auch unerträglich trauriger Gedanke: ‚Nun, wie, wenn der Mensch nur als ein unverschämter Versuch in die Welt gesetzt worden ist, nur um zu sehen, ob sich ein solches Wesen auf der Erde einleben kann oder nicht?‘ Das Traurige dieses Gedankens besteht hauptsächlich darin, daß es wiederum keinen Schuldigen gibt, es ist niemand da, der den Versuch anstellt, somit kann man niemanden verfluchen, denn es ist alles infolge toter Naturgesetze entstanden, die für mich vollkommen unbegreiflich sind und mit denen sich meine Erkenntnis unter keinen Umständen abfinden kann. Ergo:

„Da ich auf meine Fragen nach dem Glück durch meine eigene Erkenntnis von der Natur nur die Antwort erhalte, daß ich nicht anders als einzig in der Harmonie des Ganzen glücklich sein kann, ich aber diese Harmonie nicht verstehe und offenbar niemals zu verstehen imstande sein werde –

„Da die Natur mir nicht nur nicht das Recht abspricht, von ihr Rechenschaft zu fordern, sondern mir sogar überhaupt nicht antwortet – und das nicht deshalb, weil sie etwa nicht antworten will, sondern deshalb, weil sie nicht antworten kann –

„Da ich mich überzeugt habe, daß die Natur mir zum Beantworten meiner Fragen (mir unbewußt) mich selber bestimmt hat, und mir auf meine Fragen durch eine eigene Erkenntnis antwortet (denn ich sage mir das doch alles selbst) –

„Da ich bei einer solchen Einrichtung die Rolle sowohl des Klägers wie des Beklagten, des Richters wie des Angeklagten gleichzeitig auf mich nehme, diese Komödie von seiten der Natur aber so dumm finde und diese Komödie zu ertragen meinerseits sogar für erniedrigend halte –

„So verurteile ich in meiner fraglosen Eigenschaft als Richter und Kläger und Beklagter diese Natur, die mich so zeremonielos und unverschämt zum Leiden erschaffen hat – mit mir zusammen zur Vernichtung ... Da ich aber die Natur nicht vernichten kann, so vernichte ich mich allein, einzig weil es mich langweilt, eine Tyrannei zu ertragen, bei der es keinen Schuldigen gibt.“


Die Oktober-Nummer meines „Tagebuchs“ enthielt diese Beichte eines Selbstmörders, sein letztes Wort vor dem Tode, das er zur Rechtfertigung seiner Tat und vielleicht auch zur „Erbauung“ niedergeschrieben hatte. Einige meiner Freunde, deren Kritik ich sehr schätze, äußerten sich durchaus beifällig über diesen kleinen Aufsatz und meinten, es sei in ihm tatsächlich die Formel für diese Art Selbstmörder gefunden, ihr Wesen, ihr Gedankengang sei vollkommen klar ausgedrückt ... Nur eines flößte ihnen Bedenken ein: ob auch jeder Leser den Aufsatz richtig verstehen werde, oder ob man nicht eher das Gegenteil herauslesen könne? Auch ich hatte das schon während des Schreibens befürchtet, aber ich schämte mich, offen gestanden, in meinem Leser so viel Naivität vorauszusetzen, daß er die Absicht des Aufsatzes nicht durchschauen könne, da sie meines Erachtens doch so greifbar ersichtlich war. Leider war das ein Irrtum von mir. Denn kaum war diese Nummer des Tagebuchs erschienen, als ich sowohl schriftlich wie mündlich von Fremden und von Bekannten gefragt wurde, was dieser Aufsatz eigentlich zu bedeuten habe? „Was wollen Sie damit gesagt haben? Ist es möglich, daß Sie den Selbstmord verteidigen?“ lauteten die Fragen. Und nun erhielt ich noch aus Moskau die letzte Nummer einer Wochenschrift zugesandt, die eine mit „N. P.“ unterzeichnete, man kann sagen, „höflich schmähende“ Kritik meines kleinen Aufsatzes enthielt.

Als ich diese Kritik gelesen hatte, verlor ich nahezu allen Mut. Mein Gott, habe ich denn viele solcher Leser, und glaubt denn dieser Herr N. P., der da behauptet, mein Selbstmörder verdiene nicht das geringste Mitleid, daß ich ihm diesen Selbstmörder zum „bemitleiden“ vorgestellt habe? Die persönliche Auffassung des Herrn N. P. ist für mich natürlich nicht von solcher Bedeutung, daß ich sie widerlegen müßte, obschon Herr N. P. ein Typ zu sein scheint und wohl eine ganze Schar Gleichgesinnter hinter ihm steht – er ist nämlich der Typ einer ganz besonderen „unverfrorenen“ und radikalen Menschensorte, ist der Vertreter eben der „gußeisernen Begriffe“, von denen er in seiner Kritik ausgeht. Wenn ich trotzdem meinem vor zwei Monaten erschienenen Aufsatz eine Erklärung folgen lasse, so geschieht dies nicht wegen der Kritik des Herrn N. P., sondern weil ich schon vorher beschlossen hatte, es zu tun, – ich war ja bereits, und nur zu bald belehrt worden, daß ich meinen Gedanken noch erläutern und sogar breittreten mußte.


Meine Studie über den Selbstmörder bezieht sich auf die älteste und höchste Idee des Menschen: auf die Notwendigkeit des Glaubens an die Unsterblichkeit der Seele. Der Folgeschluß aus der Beichte dieses Selbstmörders, der durch „logischen Selbstmord“ umkommt, sollte sein: daß das Leben des Menschen ohne Glauben an seine Seele und ihre Unsterblichkeit unnatürlich, undenkbar und unerträglich ist. Und es schien mir allerdings, daß ich die Formel des logischen Selbstmörders gefunden und klar ausgedrückt hatte.

Der Glaube an die Unsterblichkeit ist für diesen Selbstmörder nicht vorhanden, was er gleich zu Anfang vorausschickt. Die Überzeugung von der Zwecklosigkeit seines Lebens und die Empörung über die Stummheit des ihn umgebenden Weltalls führen ihn allmählich und unvermeidlich zu der Überzeugung von der vollständigen Sinnlosigkeit des menschlichen Daseins auf Erden. Es ist für ihn hiernach sonnenklar, daß nur diejenigen Menschen, die den Tieren am nächsten stehen, infolge der geringen Entwicklung ihres Bewußtseins und der großen Entwicklung ihrer rein physischen Bedürfnisse, einwilligen können, dieses Leben anzunehmen. Oh, er weiß, daß dieses rein körperliche Leben, essen, trinken, schlafen, Kinderzeugen und im Warmen sitzen, den Menschen noch lange an die Erde fesseln wird, wenn auch nicht in seinen höheren Typen. Dabei sind es aber gerade diese höheren Typen, die auf Erden herrschen und immer geherrscht haben, und denen, wenn die Zeit erfüllt war, die Millionen der anderen Menschen zu folgen pflegten. Was ist das nun, dieses höhere Wort und der höhere Gedanke? Dieses Wort, dieser Gedanke (ohne die das Leben der Menschheit undenkbar ist) wird sehr oft von ganz armen, unbeachteten, und sogar sehr oft verfolgten, in der Verbannung umgekommenen oder in Unbekanntheit dahingehenden Menschen zum erstenmal ausgesprochen. Doch der Gedanke selbst, das einmal von ihnen ausgesprochene Wort – die sterben nicht mit ihnen, sie verschwinden niemals spurlos und können auch gar nicht verschwinden, sobald sie einmal ausgesprochen sind ... Das aber ist fast das Erstaunlichste an der Menschheit! Der Gedanke eines Genies hat schon in der folgenden Generation oder in zwei bis drei Jahrzehnten alle und alles erfaßt und reißt alle und alles mit sich fort – und das Ergebnis ist, daß nicht die Millionen Menschen und nicht die anscheinend so unerschütterlichen und mächtigen materiellen Kräfte, nicht das Geld, nicht das Schwert, nicht die Gewalt, sondern der anfangs so unbeachtete Gedanke irgendeines äußerlich oft ganz unansehnlichen Menschen bleibt und herrscht. Herr N. P. schreibt in seiner Kritik, die Veröffentlichung einer solchen „Beichte“ in meinem Tagebuch sei ein „lächerlicher und bedauernswerter Anachronismus“ ... denn heute lebten wir „im Jahrhundert der gußeisernen Begriffe, im Jahrhundert der positiven Anschauungen, in einem Jahrhundert, dessen Parole lautet: leben um jeden Preis! ...“ (Sehr möglich! Das ist dann wohl auch der Grund, weshalb heutzutage die Selbstmorde unter den Intelligenten so häufig sind.) Ich kann aber dem verehrten Herrn N. P. und allen seinesgleichen versichern, daß dieses „Gußeisen“ sich vor mancher Idee, wie belanglos diese den Herren der „gußeisernen Begriffe“ anfangs auch erscheinen mag, wenn die Zeit kommt, in Staub verwandelt! Für mich persönlich ist eine der größten Befürchtungen für unsere Zukunft, und zwar schon für unsere nächste Zukunft, die Tatsache, daß einer besonderen, seltsamen ... nun sagen wir, Vorherbestimmung zufolge in einem großen, allzu großen Teil der russischen Intelligenz sich vollständiger Unglaube an die eigene Seele und ihre Unsterblichkeit zu verbreiten scheint, und zwar, wie mich dünkt, mit einer progressiv zunehmenden Schnelligkeit. Und nicht nur, daß dieser Unglaube sich aus Überzeugung ausbreiten wird (Überzeugung ist bei uns noch sehr wenig vorhanden), er äußert sich vielmehr, und zwar schon heute, in einem gewissen Indifferentismus zu der höchsten Idee des Menschseins, – in einem (bisweilen fast spöttischen und weiß Gott woher und nach welchen Gesetzen sich bei uns entwickelnden) Indifferentismus nicht nur zu dieser Idee, sondern überhaupt zu allem, was Leben ist, zur ganzen Lebenswahrheit, zu allem, was Leben gibt und nährt, was das Leben gesund erhält und der Fäulnis und Auflösung entgegenwirkt. Dieser Indifferentismus ist in unserer Zeit fast zu einer russischen Besonderheit geworden – im Vergleich mit den anderen europäischen Nationen. Er ist längst in die Familien der russischen Intelligenz eingedrungen und hat sie fast vollständig zerstört. Ohne eine höhere Idee aber kann weder ein Mensch noch eine Nation in der Welt bestehen. Auf Erden jedoch gibt es nur eine höhere Idee, und die ist: die Idee der Unsterblichkeit der Menschenseele – denn die übrigen „höheren“ Lebensideen haben alle ihren Ursprung nur in dieser einzigen Idee. Hierüber kann man mit mir streiten (d. h. über diese Einheit der Quelle alles Höheren auf Erden), doch ich übergehe das vorläufig und spreche meine Idee aus, ohne sie zu begründen. In kurzen Worten läßt sich nicht alles sagen, nach und nach kann man es besser erklären. Wir haben ja noch Zeit vor uns.

Mein Selbstmörder nun ist ein leidenschaftlicher Verfechter seiner Idee, d. h. der Notwendigkeit des Selbstmords, und nicht etwa ein indifferenter, nicht etwa ein „gußeiserner“ Herr. Er leidet, er quält sich tatsächlich, – wie mir scheint, habe ich das unmißverständlich ausgedrückt! Es ist für ihn nur zu ersichtlich, daß er nicht leben kann, und er weiß nur zu gut, daß er recht hat und daß es unmöglich ist, ihn zu widerlegen. Vor ihm stehen unbesiegbar die höchsten, die ersten Fragen: wozu soll der Mensch noch leben, wenn er bereits erkannt hat, daß tierisch zu leben für einen Menschen widerlich ist? unnatürlich, so zwecklos wie unzureichend? Was könnte ihn in solchem Fall da noch an die Erde fesseln? – Auf diese Fragen kann er keine Antwort erhalten, und das weiß er, denn wenn er auch erkannt hat, daß es, wie er sich ausdrückt, „eine Harmonie des Ganzen“ gibt, so sagt er sich doch, daß er sie nicht verstehen kann und niemals imstande sein wird, sie zu verstehen, und daß er nie an ihr teilnehmen werde. Gerade diese Klarheit ist es, die ihn umbringt. Wo liegt nun der Fehler, worin hat er sich geirrt? Der Fehler, meine ich, liegt einzig in dem Verlust des Glaubens an die Unsterblichkeit.

Doch er sucht ja selbst glühend (d. h. er suchte, als er noch lebte, und suchte mit Pein) nach Versöhnung. Er wollte sie in der Liebe zur ganzen Menschheit finden. „Wenn nicht ich, so könnte doch die Menschheit glücklich sein und irgendeinmal die Harmonie erreichen: dieser Gedanke könnte mich auf Erden zurückhalten,“ sagt er, und verrät sich. Denn dies ist doch wohl kein kleinlicher Gedanke, sondern verrät Großmut und Opferbereitschaft. Aber die unwiderlegbare Überzeugung, daß das Leben der ganzen Menschheit im Grunde genau solch ein Augenblick ist wie sein eigenes, und daß schon am nächsten Tage nach dem Eintritt der „Harmonie“ (wenn man an die Möglichkeit der Verwirklichung dieses Traumes überhaupt glaubt) die Menschheit sich genau so wie er in ein Nichts auflösen werde, kraft träger Naturgesetze, und noch dazu nach soviel Leid und Qual, die die Menschheit zur Verwirklichung dieses Traumes ausgestanden hat – dieser Gedanke bringt ihn um die letzte Versöhnungsmöglichkeit, denn sein Geist empört sich dagegen, empört sich gerade aus Liebe zur Menschheit. Er fühlt sich gekränkt für die ganze Menschheit, und dem Gesetz der Reflexion der Ideen zufolge – tötet das in ihm diese seine Liebe zur Menschheit. So geschieht es in Familien, die vor dem Hungertode stehn, daß die Eltern ihre Kinder, diese von ihnen am meisten geliebten Wesen, zu hassen anfangen, wenn die Qual dieser Kinder zu unerträglich wird – eben wegen der Unerträglichkeit ihrer Qualen. Ja ich behaupte sogar, daß die Erkenntnis ihrer vollkommenen Machtlosigkeit, ihrer Unfähigkeit, der leidenden Menschheit zu helfen, ihre Schmerzen, wenn auch nur ein wenig, zu lindern, während sie doch gleichzeitig von ihrem Leiden überzeugt sind, im Herzen der Menschen die Liebe zur Menschheit in Haß verwandeln kann. Die Herren der „gußeisernen Ideen“ werden das natürlich nicht glauben und natürlich auch gar nicht verstehen: für sie ist die Liebe zur Menschheit und deren Glück etwas so Wohlfeiles, da ist alles so billig und so bequem eingerichtet, so althergebracht, schon zu Urväterzeiten eingeführt und niedergeschrieben, daß es sich ihrer Meinung nach überhaupt nicht lohnt, darüber besonders nachzudenken. Doch ich hätte Lust, diese Herren noch ein wenig zu erheitern: daher behaupte ich denn (vorläufig wieder ohne zu begründen), daß die Liebe zur Menschheit sogar vollkommen undenkbar, unverständlich und unmöglich ist, ohne den Glauben an die Unsterblichkeit der Menschenseele. Diejenigen aber, die dem Menschen den Glauben an seine Unsterblichkeit nehmen und diesen Glauben durch die „Liebe zur Menschheit“ – im Sinne eines höheren Lebenszweckes – ersetzen wollen, die, sage ich, erheben ihre Hand gegen sich selbst; denn anstatt der Liebe zur Menschheit pflanzen sie in das Herz dessen, der den Glauben verloren hat, nur den Keim des Menschenhasses. Mögen die Weisen der gußeisernen Ideen über meine Behauptung meinetwegen die Achsel zucken! Dieser Gedanke ist weiser als ihre Weisheit, und ich glaube ohne zu zweifeln, daß er in der Menschheit einmal zu einer Aktion werden wird, obschon ich auch dieses ohne Begründungen ausspreche.

Ja ich behaupte sogar und wage auszusprechen: daß die Liebe zur Menschheit im allgemeinen und als Idee eine der für den Menschenverstand unfaßlichsten Ideen ist. Gerade als Idee! Nur das Gefühl kann sie rechtfertigen. Doch dieses Gefühl ist eben nur mit der gleichzeitigen Überzeugung von der Unsterblichkeit der Menschenseele möglich. (Auch dies ohne Begründungen.)

Das Ergebnis ist klar: daß der Selbstmord nach dem Verlust der Unsterblichkeitsidee zur unvermeidlichen, bedingungslosen Notwendigkeit für jeden Menschen wird, der in seiner Entwicklung auch nur ein wenig über dem Tier steht. Die Unsterblichkeit dagegen, die ein ewiges Leben verheißt, verbindet den Menschen um so mehr, um so fester mit der Erde. Hierin liegt scheinbar ein Widerspruch: wenn das Leben so lang ist, wenn es außer dem Leben hier auf Erden noch ein ewiges gibt, weshalb sollte einem dies Erdenleben dann noch so teuer sein? Das Ergebnis jedenfalls ist, daß der Mensch nur durch den Glauben an seine Unsterblichkeit seinen vernünftigen Zweck auf Erden erfaßt. Ohne Überzeugung von seiner Unsterblichkeit, lösen sich die den Menschen mit der Erde verbindenden Fäden, sie werden dünner und fangen an zu faulen, und der Verlust eines höheren Lebenssinnes (mag dieser auch nur in der Form einer ganz unbewußten Sehnsucht sich äußern) zieht zweifellos den Selbstmord nach sich. Hieraus folgt umgekehrt die Moral meines Aufsatzes: „Wenn die Überzeugung von der Unsterblichkeit für das Menschenleben so unentbehrlich ist, so ist sie folglich auch der normale Zustand der Menschheit ... Wenn dem aber so ist, dann muß diese Unsterblichkeit der Menschenseele zweifellos auch vorhanden sein.“

Mit einem Wort, die Unsterblichkeitsidee – das ist das Leben selbst, das lebendige Leben, seine endgültige Formel und der Hauptquell der Wahrheit und der richtigen Erkenntnis für die Menschheit. Das war und das ist der Sinn meines Aufsatzes, und ich nahm an, daß ein jeder, der ihn gelesen, sich über diesen seinen Sinn auch im klaren sein werde[35].