Fünftes Kapitel.
Eine Teevisite.

Um nach Schoscha zu gelangen, mußte ich noch fünf Kilometer auf einem Bergpfade emporklimmen, der sich fast ebenso steil erwies als der Aufstieg nach Pungo.

Ein seltsamer, wahrscheinlich von den Tibetern entlehnter Gebrauch herrscht unter den Schokas; es ist ihre Art, unter Benutzung des Windes zu beten. Die Tibeter, deren religiöses Gefühl stärker ist als das der Schokas, gebrauchen nicht nur den Wind zu diesem Zwecke, sondern lassen ihre Gebetmaschinen sogar durch Wasser treiben.

Ich gebe hier eine Erklärung dieser sehr einfachen Vorrichtungen zum Beten. Einer oder mehrere Stofflappen, gewöhnlich von weißer Farbe, gelegentlich aber auch rot oder blau, werden mit einem Ende an einer Schnur befestigt und aufgehängt, die quer über einen Weg, einen Paß oder einen Fußpfad gespannt wird. Wenn die Schokas einen Paß zum erstenmal überschreiten, so schneiden sie jedesmal einen Streifen Stoff ab und hängen ihn so auf, daß er im Winde hin- und herflattert. Ebenso ist es bei ihnen Sitte, wenn Stoff zu einem neuen Gewande gekauft oder angefertigt worden ist, einen schmalen Streifen des Zeuges abzureißen und ein fliegendes Gebet daraus zu machen. Solange der Lappen sich bewegt, ist es ein Gebet; deshalb binden die Eingeborenen sie sehr fest an Stöcke, Pfähle oder Baumäste. Gewisse Sträucher und Bäume an unheimlichen, romantischen Orten in den Bergen sind mit diesen religiösen Zeichen ganz bedeckt. Eine große Zahl ähnlicher kleiner Flaggen sieht man auf den Dächern fast aller Schokawohnungen, neben den Gräbern und an den Außentoren der Dörfer.

Ich quartierte mich in dem Daramsalla von Titela ein, zwei Kilometer oberhalb Schoscha. Das Wetter hatte schon seit einigen Tagen mit Regen gedroht, und während des Abends ging ein Regenschauer auf uns nieder. Die Arbeit hatte sich Tag für Tag angehäuft. Ich beschloß, die zahlreichen Negative, die ich auf meiner Reise aufgenommen hatte, zu entwickeln, eine Beschäftigung, die einem auf dem Marsche über alle Maßen zuwider ist. Nachdem ich alle Schalen zum Entwickeln ausgepackt hatte, machte ich mich daran, die Hütte vollständig zu verdunkeln. Das wichtigste Erfordernis hierauf war Wasser, und davon gab es in diesem elenden Schuppen vollauf. Ich hatte eben ein halbes Dutzend Negative entwickelt und war über die ausgezeichneten Resultate hoch erfreut, als infolge des heftiger gewordenen Sturmes der Regen durch das lecke Dach des Daramsallas auf meinen Kopf zu tröpfeln begann. Alle die Schalen mit den Entwicklern, Bädern und der Fixierlösung an eine andere Stelle zu bringen, wäre sehr lästig gewesen, überdies war ich in meine Arbeit viel zu sehr vertieft, als daß solche unbedeutende Kleinigkeiten mich hätten stören können; so bot ich geduldig dieser neuen Unbequemlichkeit Trotz. Ich veränderte unaufhörlich meinen Standpunkt, aber nur mit dem Erfolg, daß der Regen je nach meiner Stellung abwechselnd auf meinen Rücken, meine Beine oder meine Schultern floß. Es goß in Strömen, und das Dach über mir war so durchlässig, daß ich ebensogut hätte im Freien arbeiten können. Ein Glück, daß meine Kasten und Kisten wasserdicht waren, sonst würden alle Instrumente und Platten beschädigt worden sein.

So ärgerlich es mir auch war, mußte ich die Arbeit schließlich doch aufgeben. Das Beste, was ich tun konnte, war schlafen zu gehen. Dies war aber leichter gesagt als getan: mein Lager und meine Decke waren völlig durchweicht. Der Versuch, unter einem wasserdichten Laken zu liegen, bewährte sich nicht, denn es kam mir vor, als müßte ich darunter ersticken. So überließ ich diese Bedeckung meinem Diener, der sich fest einrollte und bald in Morpheus’ Armen lag. Müde und ärgerlich kauerte ich mich zusammen und schlummerte schließlich auch ein. Am Morgen erwachte ich mit einem stechenden Schmerz in den Zehen. Ich hatte mit dem Gesicht nach unten gelegen und während der Nacht unwillkürlich die Beine ausgestreckt. Jetzt entdeckte ich zu meinem Schrecken, daß der eine Fuß in dem Entwicklungsbade, der andere aber in der Fixierlösung gelegen, die ich vergessen hatte aus den großen Zelluloidschalen auszugießen!

Als ich erfuhr, daß zwei Missionarinnen in dem dreieinhalb Kilometer von hier entfernten Orte Sirka lebten, machte ich mir das Vergnügen, ihnen einen Besuch abzustatten. Sie besitzen ein hübsches Bungalow, das auf einer Höhe von etwa 2700 Meter liegt; neben ihm steht ein zweites Gebäude, das zur Aufnahme von Bekehrten und Dienern bestimmt ist.

Es waren die schon erwähnten Damen Miß Sheldon und Miß Brown, die mich mit größter Liebenswürdigkeit empfingen. Ich bin in meinem Leben mit vielen Missionaren aller Bekenntnisse in fast allen Erdteilen zusammengekommen, aber nie habe ich das Glück gehabt, zwei so liebenswürdigen, aufrichtigen und wirklich ernst arbeitenden Damen zu begegnen wie diesen.

»Kommen Sie nur herein, Mr. Landor!« sagte Miß Sheldon mit ihrem allerliebsten amerikanischen Akzent, und dabei schüttelte sie mir herzlich die Hand.

Die Eingeborenen hatten mir die Barmherzigkeit und stete Hilfsbereitschaft dieser Dame hoch gepriesen, und ich fand dieses Lob mehr als berechtigt. Weder bei Tag noch bei Nacht verweigerte sie den Kranken je ihre Hilfe, und ihre edlen Taten, von denen mir berichtet wurde, sind viel zu zahlreich, um hier eingehend geschildert werden zu können. Vielleicht ihre schätzenswerteste Eigenschaft ist aber ihr vollkommener Takt, eine Eigenschaft, die nach meinen Erfahrungen unter den Missionaren nicht zu häufig ist. Ihre Geduld, ihr freundliches Wesen gegen die Schokas, ihr gutes Herz, die gelungenen Kuren, die sie an den Kranken ausführte, waren Dinge, für die sie von diesen ehrlichen Bergbewohnern unaufhörlich gepriesen wurde.

Ein Schoka erzählte mir, daß es für Miß Sheldon nichts Ungewöhnliches sei, alle für sie selbst bestimmten Nahrungsmittel und sogar die Kleider vom Leibe zu verschenken, da sie nichts auf Bequemlichkeit gibt und ihr Glück in guten Werken findet.

Hand in Hand ging damit eine bezaubernde Bescheidenheit. Kein Wort über ihre eigene Person oder über ihre Taten kam je über ihre Lippen. Als Pionier in diesen Gegenden muß sie zuerst sicherlich auf viele Schwierigkeiten gestoßen sein. Heute ist ihr Einfluß auf die Schokas sehr bedeutend. Dasselbe kann auch von Miß Brown gesagt werden, die in jeder Weise eine würdige Gefährtin von Miß Sheldon ist.

Beide haben sich in verhältnismäßig kurzer Zeit mit der Schokasprache völlig vertraut gemacht und können sich in ihr ebenso fließend unterhalten wie im Englischen. Diese Tatsache allein schon macht sie bei den Eingeborenen sehr beliebt.

Die beiden Damen waren so liebenswürdig, mich zu Tisch einzuladen.

»Es ist Sonntag«, sagte Miß Sheldon, »und wir werden alle unsere Christen zum Essen bei uns haben. Sie werden gewiß nichts dagegen haben?«

Ich versicherte, daß mir nichts interessanter sein könnte.

Pünktlich zur festgesetzten Stunde erschien ich und fand den Boden der Veranda des Bungalow mit hübschen, reinlichen Matten bedeckt, auf die wir uns nach einheimischer Art mit untergeschlagenen Beinen setzten. Wir drei Europäer erhielten Messer und Gabeln, während sämtliche Eingeborenen mit den Fingern aßen, die sie mit großer Geschicklichkeit gebrauchen.

Unter den Bekehrten waren einige Hindus, einige Schokas, mehrere Humlis und eine tibetische Frau; alle zusammen waren es etwa zwanzig. Sie aßen tüchtig und sprachen nur, wenn sie angeredet wurden.

»Ich bin zweifelhaft, ob ich jemals in meinem Leben mit so vielen guten Christen zusammen gegessen habe«, sagte ich zu Miß Sheldon. »Es ist entzückend!«

»Sie würden sehr gern etwas von Ihren Reiseerlebnissen hören, wenn Sie die Güte haben wollten, ihnen etwas davon zu erzählen, d. h. wenn Sie nicht zu müde sind und Lust dazu haben.«

Ich erzählte einige meiner Abenteuer in dem Lande der Ainus, wobei Miß Brown den Dolmetscher machte. Selten habe ich so aufmerksame Zuhörer gehabt. Als die Geschichte zu Ende war, grüßten sie mich mit feierlichem Salaam, und ein alter Gurkhaveteran, einer der Bekehrten, ergriff meine Hand und schüttelte sie warm.

»Sie müssen das nicht übel nehmen; Sie sehen, wir behandeln unsere Christen ganz wie unsersgleichen«, unterbrach Miß Sheldon ihn rasch. Angloinder lassen sich nämlich sehr selten herab, den Eingeborenen die Hand zu geben.

Beim Abschied forderte ich die Damen auf, sich am nächsten Tage bei mir zum Tee einzufinden. Der Nachmittag kam, und sie erschienen, als mir zu meinem Schrecken plötzlich einfiel, daß ich weder Tassen noch Löffel hatte. Etwas Tee besaß ich wohl, aber ich hatte keine Idee, in welcher Kiste er sich befand, und ich konnte ihn jetzt um keinen Preis herausfinden. Dies gab Miß Sheldon Veranlassung, sich mit der Bemerkung an Miß Brown zu wenden:

»Erinnert Mr. Landor Sie nicht an den andern exzentrischen Herrn, der voriges Jahr hier durchkam?«

In dem Augenblick, als Miß Sheldon diese Worte ausgesprochen hatte, wurde ihr der allerliebste Freimut ihrer Frage klar, und wir lachten alle herzlich.

»Sie müssen wissen, Mr. Landor,« warf Miß Brown ein, »wir sahen schon halb und halb voraus, daß Sie mit diesen Luxusartikeln nicht versehen sein würden, und deshalb haben wir unsere eigenen Tassen mitgebracht.«

Diese Nachricht war mir eine große Erleichterung.

Ein tüchtiger Block Schokolade von zirka 25 Pfund wurde statt des fehlenden Tees herbeigebracht und Tschanden Sing wurde beauftragt, mit einem Steine kleine Stücke davon abzuschlagen, was eine primitive, aber sehr wirksame Methode ist. Inzwischen kam das Wasser im Kessel ins Kochen, während meine beiden Besucherinnen es sich auf Packsattelkisten so bequem gemacht hatten, wie es unter den Umständen möglich war.

Die Teegesellschaft verlief ausgezeichnet, denn die Damen hatten sich nicht nur mit Tassen, sondern auch mit Löffeln, Kuchen, Butterbroten und Biskuits versehen!

Das Wetter wurde wieder regnerisch und kalt. Die Berichte, die mir über den Zustand der Wege weiter oben zukamen, waren nicht ermutigend.

»Die Straße ist ungangbar«, sagte mir ein alter Schoka, der eben von Garbyang gekommen war. »Der Lippupaß, über den ihr nach Tibet gehen wollt, ist noch nicht offen; es ist noch sehr viel Schnee auf ihm. Dann hat auch der Jong Pen von Taklakot in Tibet jetzt eine starke Wache von 300 Mann aufgeboten, um das Betreten des Landes durch Fremde zu verhindern. Die Dakus oder Räuber, die das Gebiet des Mansarowarsees heimsuchen, scheinen in diesem Jahre zahlreicher zu sein als je.«

»Da gehe ich ja einer recht lebhaften Zeit entgegen«, dachte ich bei mir.

Bei Schankula (2270 Meter) schlug ich mein nächstes Lager auf. Ich war auf einem prächtigen schattigen Fußwege dahin gelangt, der, einem Pfade durch einen malerischen Park nicht unähnlich, zwischen hohen Libanonzedern, Buchen und Ahornbäumen entlang führte, während hier und da ein Bach oder eine Quelle rieselte, und Hunderte von Affen mit schwarzen Gesichtern und weißen Bärten spielend von Baum zu Baum sprangen.

Ich schlug mein Lager am Flusse auf. Es war ein herrlicher Tag. Vor mir, nach Ostnordost hin, ragten riesenhaft und majestätisch einige hohe Schneegipfel empor. Das Tal war eng und der übrige Teil des schneebedeckten Gebirges dem Auge nicht sichtbar. Welch herrlicher Vorwurf für ein Gemälde! Es lockte mich, hier haltzumachen, Malkasten und Skizzenbuch hervorzusuchen und mein Frühstück, das eben bereitet wurde, zu verlassen. So stieg ich denn zu dem Gipfel eines hohen Berges empor, um eine weitere Aussicht zu erlangen. Der Anstieg, der zuerst über schlüpfriges Gras, dann über schiefriges Gestein führte, war nicht ohne eine gewisse Gefahr, aber ich war so darauf erpicht, auf die Höhe zu kommen, daß ich den Gipfel sehr schnell erreichte, nachdem ich die beiden Leute, die mir gefolgt waren, auf halbem Wege zurückgelassen hatte. An einzelnen Stellen nahe dem Gipfel waren fast senkrecht aufragende Felsen zu erklimmen, und ich mußte Hände und Füße gebrauchen. Für meine Mühen wurde ich aber reich belohnt. Der Blick von diesem hohen Aussichtspunkte war prachtvoll, und ich muß gestehen, daß ich mir fast vermessen vorkam, als ich, nachdem ich meinen Malkasten abgeschnallt hatte, versuchte, auf dem Papier die Landschaft vor mir wiederzugeben. »Ich bin ein Tor,« sagte ich zu mir, »das malen zu wollen! Welcher Maler könnte diesen Bergen gerecht werden?«

Ich warf das Bild wie gewöhnlich schnell hin, aber niemals ist wohl ein rasches Wagestück durch einen geringern Erfolg belohnt worden, und so blieben die ewigen Riesen ungemalt.

Verstimmt machte ich mich auf den Rückweg. Der Abstieg war noch schwieriger als das Emporklimmen. Ein Fehltritt, ein Ausgleiten hätte mir das Leben kosten können, besonders längs des steilen Abgrundes, wo ich mich an alles, was aus der mauerartigen Felswand hervorragte, anklammern mußte. Ich war etwa 1200 Meter über unsern Lagerplatz emporgestiegen und hatte somit eine Höhe von 3490 Meter erreicht. Diese Leistung, die von den Leuten unten in meinem Lager ebenso wie von den Soldaten des stellvertretenden Kommissars von Almora, der hier ebenfalls sein Lager aufgeschlagen hatte, ängstlich verfolgt wurde, erwarb mir unter den Eingebornen die Beinamen »Tschota Sahib«, der »Langur«, d. h. »der kleine Herr«, »der Affe«, Namen, auf die ich seitdem immer stolz gewesen bin. –

Nachdem die Straße den Schankulafluß einmal überschritten hat, wendet sie sich nach Südost und erhebt sich sanft ansteigend bis Gibti (2610 Meter), wo ich mein Lager etwas über dem Daramsalla von Gala aufschlug. Ich war durch Waldungen von Ahornbäumen, Buchen, Eichen und Rhododendron gekommen, die ein dichtes Unterholz von Strauchwerk und Bambus aufwiesen.

Der Kali, der etwa 600 Meter unter meinem Lagerplatze dahinfloß, bildet die Grenze zwischen Nepal und Kumaon. Von diesem hochgelegenen Punkte aus konnte man den schäumenden Strom sich meilenweit zwischen dichtbewaldeten Hügeln und Bergen hindurchschlängeln sehen wie ein Silberband auf dunklem, ruhigem Grund.

Schneebrücke über den Kutifluß.

Der Marsch von meinem letzten Lagerplatze aus war nur sehr kurz, ich hatte darum den größten Teil des Tages zur Arbeit an meinem Tagebuche frei. Ich besaß ein kleines Gebirgszelt, das für gewöhnliche Ansprüche genügend behaglich war. Es scheint jedoch, als ob diese Art zu reisen von den indischen Beamten als nicht »comme il faut« betrachtet wird. Nach der Ansicht dieser Autoritäten sind es die Zahl und Größe der Zelte eines Reisenden, die ihn zu einem größern oder kleinern Gentleman machen! Ich hatte mein Zelt neben den beiden doppelflügeligen Zelten angloindischer Beamter aufgeschlagen, aber diese Herren waren über diese Vertraulichkeit durchaus nicht erfreut. Denn daß ein doppelzeltiger Sahib in Gesellschaft eines andern Sahib gesehen wurde, dessen Miniaturzelt kaum zu Taillenhöhe aufragte, war unter der Würde und eine ernste Bedrohung des britischen Prestige in Indien. Ich wurde deshalb höflichst ersucht, mein behagliches Quartier mit einem ehrenvollern Unterkommen zu vertauschen, das mir der einäugige Lal Sing, ein Tokudar (Dorfschulze) und Bruder des Patwari, des Rechnungsführers für das Pargana, lieh.

Die gefährlichste Stelle am Kali.

Die Nacht war stürmisch, und der Wind rüttelte an meinem Zelt. In meine einzige Kamelhaardecke gewickelt, legte ich mich zur Ruhe. Einige Stunden später weckte mich ein heftiger Schlag auf den Kopf. Es war der Mittelpfahl des Zeltes, der sich aus seinen Hülsen gelockert hatte und auf mich gefallen war. Hierauf folgte ein raschelndes Geräusch von Zeltleinwand, und im nächsten Augenblick saß ich ohne Dach da und guckte die Sterne an.