Am nächsten Morgen wurden wir in aller Frühe durch den fernen Ton von Pferdeglocken geweckt. Als ich aus dem Zelte blickte, sah ich eine lange Reihe von schwerbeladenen Packpferden, die von einer Anzahl berittener Soldaten mit Luntenflinten und Speeren begleitet wurden. Augenscheinlich kam irgendein hoher Beamter, und diese Vorhut bestand aus seinen Untergebenen und seinem Gepäck. Sie machten weit von unserm Zelt eine große Schwenkung und stiegen an dem Fort vom Pferd. Andere Soldaten und Boten kamen fortwährend gruppenweise aus allen Richtungen an. Der Anführer einer Abteilung mit einer großen Eskorte von Soldaten wurde mit unzähligen Salaams empfangen. Ich schloß daraus, daß er eine wichtige Persönlichkeit sein müsse.
Nach einiger Zeit wurde uns die Botschaft geschickt, daß dieser neue Ankömmling, der Tarjum von Barka, die Ehre zu haben wünsche, uns zu sehen. Dieser Potentat war im Range einem König unter einem Protektorat gleich. Wir antworteten höflich, daß wir eben unser Frühstück einnähmen; wir würden ihn holen lassen, wenn wir ihn zu sprechen wünschten. Die Erfahrung hatte uns gelehrt, daß es immer ratsam ist, tibetische Beamte als tieferstehend zu behandeln, da sie dann bescheidener sind und mit ihnen leichter zu verhandeln ist. Um 11 Uhr schickten wir einen Boten nach dem Fort, um zu sagen, daß wir jetzt erfreut sein würden, den Tarjum zu empfangen. Er kam augenblicklich mit großem Gefolge, eine malerische Gestalt in einem langen grünseidenen Rock nach chinesischem Schnitt, mit großen aufgeschlagenen Ärmeln, die seine Arme bis zum Ellenbogen sehen ließen; auf dem Kopfe eine Mütze, ähnlich der von den chinesischen Beamten getragenen, und an den Füßen schwere, lange, schwarze Stiefel mit großen Nägeln auf den Sohlen.
Sein blasses, langes, eckiges Gesicht war in mancher Beziehung bemerkenswert. Es war von interessanter Dummheit, und wenn auch etwas weibisch, besaß es doch hübsche Züge. Langes Haar fiel in losen Locken auf die Schultern nieder, und von dem linken Ohre hing ein Ohrring von großen Dimensionen mit Malachitzieraten und einem Gehänge herab. In den nervigen Fingern hielt er eine kleine Rolle von tibetischem Stoffe, die er mit beiden Händen als Taschentuch gebrauchte, um sich jedesmal die Nase zu schneuzen, wenn er um die Antwort auf eine Frage verlegen war.
Der Tarjum und seine Leute waren mit ihren kriechenden Verbeugungen verschwenderisch, und wie gewöhnlich gab es eine große Schaustellung von Zungen. Wie ich bemerkte, hatten diese eine ungesunde weißliche Farbe, die in ganz Tibet durch übertriebenes Teetrinken hervorgerufen wird. Die Verdauung der Leute ist gewöhnlich schlecht und ihre Zunge fast immer belegt.
Wir hatten vor unserm Hauptzelte Decken ausgebreitet. Der Doktor und ich saßen auf einer und forderten den Tarjum auf, sich auf die Decke uns gegenüberzusetzen. Seine Begleiter kauerten sich rings um ihn. Es ist eine wohlbekannte Tatsache, daß, wenn man in Tibet ein »Jemand« ist oder wünscht, daß die Leute die Wichtigkeit einer Person anerkennen, man einen Schirm über seinem Kopfe ausgespannt haben muß. Zum Glück hatte der auf alles bedachte Doktor zwei in seinem Besitz; diese wurden von zweien unserer Leute anmutig über unsern Häuptern gehalten. Der Tarjum selbst wurde von einem Sonnendach von kolossalen Dimensionen beschattet, das sein dienstbarer Sekretär über ihn hielt.
Trotz der überschwenglichen Freundschaftsversicherungen, die von des Tarjums Lippen flossen, überzeugte mich die genaue Beobachtung seines Gesichtes, daß seine Worte nicht aufrichtig gemeint waren. Jedenfalls durfte ich ihm nicht trauen. Er sah einem nie gerade ins Gesicht; seine Augen waren die ganze Zeit auf den Boden geheftet, und er sprach in einer widerwärtig affektierten Art. Vom ersten Augenblick an konnte ich den Mann nicht leiden und, Freund oder nicht, behielt ich mein geladenes Gewehr auf dem Schoße.
Nach endlosen Redereien, plumpen Schmeicheleien und zarten Erkundigungen nach allen Verwandten, die ihnen einfallen konnten; nach ermüdenden, schön klingenden Parabeln ohne Sinn, nach wiederholtem Schneuzen und lautem Husten, der immer sehr gelegen kam, wenn wir fragten, ob sie schon zu einem Entschlusse gekommen wären, was uns zu tun erlaubt sein werde, wurden endlich, als meine Geduld fast erschöpft war, – die Unterhandlungen vom vorigen Tage wieder eröffnet. Wir redeten stundenlang. Wir baten um die Erlaubnis, weitergehen zu dürfen. Sie waren noch nicht im reinen, ob sie uns ziehen lassen sollten oder nicht. Um die Sache zu vereinfachen und die Entscheidung zu beschleunigen, ehe andere Verstärkungen ankämen, ersuchte der Doktor um die Erlaubnis, nur acht von uns nach dem Mansarowarsee gehen zu lassen. Er selbst würde mit dem übrigen Teil der Gesellschaft als Bürge für unsere Rechtlichkeit in Gyanema zurückbleiben. Aber selbst dieses Anerbieten wiesen sie zurück, nicht direkt, sondern mit heuchlerischen Entschuldigungen und Ausflüchten; sie glaubten, wir würden den Weg nicht finden können, und, wenn wir es könnten, würden wir ihn sehr rauh und das Klima zu streng finden; Räuber könnten uns anfallen und ähnliches. Alles erschien uns sehr kindisch.
Ich wurde der Sache müde und beschloß zu irgendeinem Auskunftsmittel oder zu einer Drohung meine Zuflucht zu nehmen. Meine Flinte mit gespanntem Hahn noch auf dem Schoße haltend, drehte ich ihre Mündung gegen den Tarjum und ließ absichtlich meine Hand zu dem Drücker hinabgleiten. Dem armen Manne wurde so unbehaglich, daß sein Gesicht deutliche Zeichen von Furcht und Schrecken zeigte. Seine bis jetzt auf den Boden gehefteten Augen wurden zuerst unruhig und richteten sich dann fest und mit einem Jammerblick auf die Mündung meines Gewehrs. Zugleich versuchte er durch Bewegen des Kopfes dem Ziel nach rechts oder links auszuweichen, aber ich ließ die Waffe allen seinen Bewegungen folgen. Die Diener des Tarjums teilten die Befürchtungen ihres Herrn vollständig. Ohne Zweifel war der arme Bursche in Todesangst. Seine Stimme, die vor einem Augenblick lärmend und anmaßend geklungen hatte, fand die denkbar demütigsten Töne. Mit großer Sanftmut erklärte er sich bereit, uns in jeder Weise gefällig zu sein.
»Ich sehe, daß ihr gute Leute seid«, sagte er in schwachem Flüstertone, der von einer großartigen Verbeugung begleitet war. »Ich kann nicht, wie ich gern täte, eurer Weiterreise meine offizielle Genehmigung geben, aber ihr könnt gehen, wenn ihr wollt. Mehr kann ich nicht sagen. Acht von euch können nach dem heiligen Mansarowarsee gehen, die andern werden hierbleiben.«
Bevor er seine Entscheidung endgültig abgab, sagte er, daß er es vorziehen würde, noch eine Beratung mit seinen Offizieren zu haben. Dies gewährten wir ihm bereitwillig. Hierauf beschenkte der Tarjum den Doktor mit einer Rolle tibetischen Stoffes.
Ich hatte, wie gewöhnlich, am Morgen gebadet, und mein türkisches Handtuch war vor dem Zelte zum Trocknen ausgebreitet. Der Tarjum, der großes Interesse für alle unsere Sachen zeigte, fand ein besonderes Wohlgefallen an dem knotigen Gewebe. Er ließ sein Kind holen, damit es diesen wundervollen Stoff sähe, und als es kam, wurde das Handtuch auf des Knaben Rücken gelegt, als ob es ein Schal wäre. Sogleich bot ich es ihm zum Geschenk an, wenn er es annehmen wollte. Sein Entzücken kannte keine Grenzen, und unsere vor wenig Minuten noch etwas gespannten Beziehungen trugen nun den freundlichsten Charakter. Wir luden die Gesellschaft in unser Zelt ein, und sie untersuchten alles mit Verwunderung und taten die verschiedenartigsten Fragen. Jetzt waren sie ganz lustig und vergnügt und gelegentlich sogar witzig.
Die Tibeter haben eine große Begierde nach Alkohol; sie fragten mich daher bald, ob ich ihnen welchen geben könnte, es gäbe nichts, was sie lieber hätten. Da ich nie welchen bei mir habe, konnte ich ihnen keinen anbieten; ich wollte sie aber nicht enttäuschen und brachte eine Flasche mit Methyläther (den ich für mein Hypsometer brauchte) zum Vorschein. Diesen tranken sie mit Vergnügen, da sie seine halsverbrennenden Eigenschaften augenscheinlich schätzten, und verlangten noch mehr. Der Tarjum klagte über eine Unpäßlichkeit, an der er seit einiger Zeit gelitten habe, und der Doktor war imstande, ihm ein passendes Mittel zu geben. Auch die andern Offiziere erhielten alle, ehe sie fortgingen, kleine Geschenke.
Nachmittags kam ein Bote von dem Tarjum von Barka. Er hatte gute Nachrichten für uns. Der Tarjum wünschte uns begreiflich zu machen, daß er uns als seine persönlichen Freunde betrachte, da wir so freundlich mit ihm und seinen Begleitern gewesen seien, und daß, da wir so eifrig begehrten, den großen Mansarowarsee und den Kelasberg zu besuchen, und schon viele Schwierigkeiten und große Kosten gehabt hätten, um so weit zu kommen, er damit einverstanden sei, daß acht von meiner Gesellschaft nach den heiligen Stätten weitergingen. Es wäre ihm unmöglich, uns eine offizielle Einwilligung zu geben, aber er wiederholte nochmals, daß wir gehen könnten, wenn wir wollten.
Natürlich entzückte mich diese Nachricht. Ich war sicher, daß ich, einmal am Kelas, leicht irgendwelche Mittel finden würde, weiterzukommen.
An demselben Abend stahl sich ein Verräter in unserm Lager aus dem Zelte fort, in dem meine Leute schliefen, und stattete dem Tarjum einen Besuch ab. Ohne Zweifel teilte er ihm mit, daß ich weder des Doktors Bruder noch ein Hindupilger sei. Er entdeckte ihm, daß ich ein Sahib und auf dem Wege nach Lhasa sei. Nach dem, was ich später hörte, schien es, daß der Tarjum dem Angeber nicht ganz geglaubt habe, aber da neue Zweifel in seiner Seele aufstiegen, schickte er in der Nacht zu mir und ließ uns bitten, auf dem Wege, den wir gekommen, wieder zurückzukehren.
»Wenn in eurer Gesellschaft wirklich ein Sahib ist, den ihr vor mir verborgen habt, und ich lasse euch weitergehen, so würden die Priester von Lhasa mir den Kopf abschneiden. Ihr seid jetzt meine Freunde und könnt das nicht wollen.«
»Sage dem Tarjum,« erwiderte ich dem Boten, »daß er mein Freund ist und daß ich ihn wie einen Freund behandeln will.«
Am Morgen fanden wir dreißig vollbewaffnete Reiter einige hundert Meter von unserm Zelte aufgestellt. Mit der demoralisierten Schar unter meinem Befehl und von dieser Gesellschaft gefolgt vorwärts gehen zu wollen, würde für meine Pläne sicher verhängnisvoll geworden sein. Ich fühlte, daß wieder eine List notwendig war.
Zum großen Erstaunen der bewaffneten Macht und ihrer Anführer gingen der Doktor, Tschanden Sing und ich festen Schrittes, die Gewehre in der Hand, auf die Abteilung zu. Hinter uns kamen die zitternden Kulis. Der Magpun und die andern Offiziere des Tarjum wollten ihren Augen kaum trauen. Die Soldaten saßen schnell ab und legten ihre Waffen nieder, um zu zeigen, daß sie nicht die Absicht hätten zu kämpfen. Ohne sie zu beachten, gingen wir an ihnen vorüber. Der Magpun rannte mir nach. Er bat mich, einen Augenblick zu halten. Dola wurde herbeigerufen, um seine kunstvolle Rede zu verdolmetschen. Ein Paar hübsch gestickte tibetische Tuchstiefel wurden aus den weiten Falten des Rockes des Beamten hervorgeholt, die er mir mit folgenden Worten anbot:
»Obgleich dein Gesicht von der Sonne verbrannt und schwarz ist und deine Augen wund sind (in Wirklichkeit waren sie es nicht, aber ich trug eine Schneebrille), sagen mir deine Züge, daß du aus einer guten Familie bist; darum mußt du in deinem Lande ein hoher Beamter sein. Deine edeln Gefühle zeigen auch, daß du nicht wünschen kannst, daß wir um deinetwillen gestraft werden, und nun sind unsere Herzen froh, zu sehen, wie du deine Schritte wieder zurücklenkst. Laß mich dir diese Schuhe darbieten, damit deine Füße nicht wund werden auf der langen und beschwerlichen Rückreise nach deinem Heimatlande.«
Das war hübsch gesagt, aber die Art der Beweisführung war eigentümlich. Es lag nicht in meinem Interesse, die Tibeter in bezug auf meine Absicht aus ihrem Wahne zu reißen; so nahm ich die Stiefel an. Der Magpun und seine Leute machten Salaam bis auf den Boden.
Ohne weiteres Parlamentieren verließen wir den Magpun und marschierten, denselben Weg wieder einschlagend, in westsüdwestlicher Richtung ab, als ob wir entschlossen wären, das Land zu verlassen und zurückzugehen, wie man uns geraten hatte.