Wir kamen auf dem Gipfel des Hügels an und gingen nach der andern Seite hinüber. Meine Leute marschierten weiter den Abhang hinab, während ich zurückblieb, um, durch einen großen Stein gedeckt, die Tibeter in Gyanema durch das Fernrohr zu beobachten. Kaum war der letzte meiner Männer auf der andern Seite des Passes verschwunden, als die Reiter in die Sättel sprangen und uns nachgaloppierten, wobei sie Wolken von Staub aufwirbelten. Das war es, was ich erwartet hatte. Ich eilte, mich meinen Leuten anzuschließen. Unten in der Ebene angekommen, nahm ich wieder mein Fernrohr heraus und beobachtete den Hügel, von dem wir eben herabgestiegen waren. Man konnte einige dreißig Köpfe sehen, die zwischen den Blöcken hervorguckten. Augenscheinlich waren die Soldaten abgestiegen und spähten nach unsern Bewegungen. Es ärgerte mich, daß sie nicht offen kamen, mich anzuhalten, anstatt in dieser unangenehmen Weise jede unserer Bewegungen zu beobachten. So stellte ich mein Gewehr auf 800 Meter, legte mich platt nieder und zielte auf eine Gestalt, die ich deutlicher als die andern sehen konnte.
Der Doktor riß mir die Flinte von der Schulter.
»Sie dürfen nicht schießen«, sagte er mit seiner gewöhnlichen Ruhe. »Sie könnten jemand töten.«
»Aber«, erwiderte ich, »solchen feigen Geschöpfen muß man eine Lektion geben.«
»Ja, das ist wahr, aber in Tibet ist jeder Mann so feige, daß die Lektion beständig wiederholt werden müßte«, antwortete Wilson mit gewohnter Vorsicht.
Ich hängte meine Flinte über die Schulter und dachte, ich würde mich schon ein andermal an die eben geplante Arbeit machen.
Als wir in der Ebene ungefähr zwei Kilometer zurückgelegt hatten, überschritt unsere geisterhafte Eskorte den Paß und kam in vollem Galopp den Hügel herunter. Ich gab meinen Leuten Befehl, anzuhalten, was die Soldaten kaum sahen, als sie auch plötzlich stillhielten. Ich beobachtete sie durch das Fernrohr. Sie schienen in erregter Diskussion zu sein. Endlich ritten fünf Mann in größter Eile nordwärts, wahrscheinlich um den Weg in jener Richtung zu bewachen. Drei Mann blieben, wo sie waren, und die übrigen galoppierten wie von panischem Schrecken ergriffen rasend den Hügel wieder hinauf und verschwanden hinter dem Gipfel.
Wir nahmen den Marsch wieder auf. Die drei Reiter verfolgten einen Weg zwei Kilometer südlich von unserm, am Fuße der Hügel, und da sie sich dicht auf die Köpfe ihrer Pferde legten, glaubten sie wahrscheinlich, daß sie unbemerkt an uns vorbeikämen. Als sie sahen, daß unsere Richtung die nach unserm alten Lager bei Lama Tschokden war, verließen sie unsere Spur und ritten uns voraus.
Als wir abends Lama Tschokden erreichten, kamen zwei Schäfer, uns zu begrüßen. Später erschien ein dritter.
»Unsere Schafe sind weit fort«, sagten sie. »Wir sind hungrig. Wir sind arm. Können wir bei euerm Lager bleiben und die Speisen auflesen, die ihr fortwerfen werdet?«
»Gewiß,« sagte ich, »aber seht euch vor, daß ihr nicht mehr auflest, als ihr braucht.«
Diese einfältigen Leute hatten in dem Glauben, daß ich sie nicht erkennen würde, ihre Pferde in dem Wachthause von Lama Tschokden gelassen und versuchten nun als Schäfer verkleidet sich bei uns einzuschleichen mit der Absicht, unsere Bewegungen und Vorhaben bequemer zu beobachten. Natürlich waren sie niemand anders als die drei Soldaten von Gyanema.
Mit jedem Schritte unsers Rückzugs gegen den Himalaja wurde mein Herz schwerer und meine Stimmung gedrückter. Ich war voll von Kriegslisten, aber Pläne ersinnen und sie ausführen sind zwei sehr verschiedene Dinge.
Wie oft waren meine Pläne nicht gescheitert! Wie oft hatte ich nicht von neuem anfangen müssen, wenn alles fertig und im besten Gange schien! Und dies sogar, wenn ich eine Fülle von gutem Material zur Verfügung hatte, mit dem ich arbeiten konnte. Jetzt hatten sich die Dinge sehr zum Schlimmen gewendet. Trotz meines unaufhörlichen Kampfes gegen das Schicksal wurden meine Aussichten auf Erfolg Tag für Tag geringer. Ich konnte nicht umhin, einzusehen, daß es schließlich doch mit der Kraft und Ausdauer meiner Leute und meiner selbst ein Ende nehmen müsse. Es ist hart genug, sich an eine schwierige Aufgabe zu machen; aber wenn man sie glücklich angefangen und schon viele Schwierigkeiten überwunden hat, wieder zurückgehen und von neuem anfangen zu müssen, das ist mehr als bitter.
Die Aussichten waren trüb; ich stand vor dem augenscheinlichen Mißerfolg aller Anstrengungen und war der Treue meiner Leute nicht sicher.
In diesem Lager sagte mir z. B. der Daku, der seine Verkleidung schon mehrmals gewechselt hatte, seitdem wir mit Tibetern in Berührung kamen, er werde mich unverzüglich verlassen. Der Doktor hatte ihm schon die besten Worte gegeben, zu bleiben – ohne Erfolg. Wir wußten wohl, daß der Mann uns in dieser von Dakoit heimgesuchten Gegend nur verlasse, um seine alten räuberischen Gewohnheiten wieder aufzunehmen. Aller Wahrscheinlichkeit nach wollte er sich irgendeiner Bande anschließen, und wir durften dann ohne Zweifel während der dunkelsten Stunden der Nacht seinen Besuch erwarten. Der Daku wußte, daß ich eine große Summe Geld bei mir führte; in den letzten beiden Tagen war sein Benehmen seltsam gewesen. War er einigen seiner Genossen begegnet? Oder hatte er von den Soldaten gehört, daß sie in der Nähe wären?
Der Daku hatte sich ein Bündel mit seinen Decken auf den Rücken gebunden, bereit, augenblicklich fortzugehen. Meine Leute, die durch diese neue Gefahr bekümmert wurden, berichteten mir dies. Ich schickte sofort nach ihm. Er sprach in barschem Tone, und mit auf den Boden gehefteten Augen sagte er:
»Ich gehe, Sahib.«
»Wohin?« fragte ich.
»Ich habe Freunde hier in der Nähe; ich gehe zu ihnen.«
»Sehr gut, geh!« sagte ich, indem ich ruhig mein Gewehr aufnahm.
Seine Last war in kürzerer Zeit von seiner Schulter herunter, als man zur Beschreibung des Vorfalls braucht. Er nahm seine Arbeit wie gewöhnlich wieder auf. Ein paar andere meuterische Kulis wurden auf demselben Wege zur Vernunft gebracht. Später erfuhr ich, daß kaum zwei Tage, nachdem dies geschehen war, eine Bande von Straßenräubern eine Gesellschaft nahe der Grenze angegriffen hatte. –
Wieder ein Marsch rückwärts! Wie schrecklich war das für mich! Und doch war es ratsam. Wir gingen mehrere Kilometer weit und lagerten am Ufer eines reißenden Flusses, des Schirlangtschu. Von diesem Punkte aus dürfte es mit einiger Schwierigkeit und Gefahr möglich sein, während der Nacht über das Gebirge zu kommen und den Versuch zu machen, den Spionen und Wachen auszuweichen, indem man quer durch die Wildnis zum Mansarowar ging. Ich entschloß mich, dies zu versuchen.
Ein so großes Gefolge wie meine dreißig Mann zu haben, schien die Gefahr zu vergrößern. So beschloß ich, daß nur drei oder vier mich begleiten sollten. Allein zu gehen, war unausführbar wegen der Schwierigkeit, hinreichende Nahrungsmittel zu tragen, sonst würde ich es bei weitem vorgezogen haben. Indessen beschloß ich, im schlimmsten Fall diese letztere Art zu reisen zu versuchen und zu sehen, ob ich auf gut Glück von den Tibetern etwas zu essen erhalten würde.
Alle Lasten wurden fertig gemacht. Kleidungsstücke und Luxusartikel, Leckerbissen unter den Nahrungsmitteln und Extrasachen wurden zurückgelassen, um Platz für meine wissenschaftlichen Instrumente zu schaffen. Jedes Pfund mehr an Gewicht, das ich der Wissenschaft widmete, bedeutete ein Pfund weniger an Nahrung für den Weg nach Lhasa. Was nicht absolut notwendig war, mußte zurückbleiben.
Zwei tibetische Spione kamen nachmittags zum Lager, wie gewöhnlich als Bettler verkleidet. Sie baten um Essen und forderten es sogar. Ihr Benehmen war unerträglich frech. Es war zu viel für uns. Bijesing, der Johari, und Rubso, der christliche Koch, waren die ersten, die sich mit ihnen in einen offenen Kampf einließen. Sie pufften und stießen sie, trieben sie eine steile, zu einem Flusse führende Schlucht hinab, dann warfen sie, von andern aus dem Lager unterstützt, die Tibeter mit Steinen. Die unglücklichen Eindringlinge, außerstande, schnell durch den reißenden Strom zu waten, empfingen den verdienten Lohn. Dieses kleine Scharmützel ergötzte das Lager, aber viele der in meinen Diensten stehenden Schokas und Hunyas waren noch vor Schrecken ganz außer sich. Es genügte, daß einer von ihnen einen Tibeter sah, um sogleich vor Schrecken zusammenzusinken.
Die für meine Flucht bestimmte Stunde war 9 Uhr abends. Durch das Versprechen einer guten Belohnung waren fünf Leute bewogen worden, mir zu folgen.
Zur bestimmten Stunde war jedoch keiner von ihnen erschienen. Ich ging auf die Suche nach ihnen. Der eine hatte sich absichtlich die Füße verletzt und war marschunfähig. Ein anderer gab vor, im Sterben zu liegen. Die übrigen weigerten sich entschieden, zu kommen. Vor Furcht und Kälte zitterten sie.
»Töte uns, Sahib, wenn du willst,« flehten sie mich an, »aber wir folgen dir nicht.«
Um 3 Uhr morgens hatten sich alle Versuche, auch nur einen Mann zum Tragen einer Last zu bekommen, als nichtig erwiesen. Ich mußte den Gedanken an den Abmarsch aufgeben.
Meine Aussichten wurden trüber als je. Wieder ein Marsch zurück nach dem kalten und öden Passe, auf dem ich nach Tibet gekommen war!
»Sie sind niedergeschlagen, Landor«, bemerkte der Doktor.
Ich gab es zu. Ich hatte gewünscht, um jeden Preis vorzudringen, und nur aus Rücksicht auf meinen guten, liebenswürdigen Freund, den Doktor, hatte ich widerwillig darauf verzichtet, mir meinen Weg mit Gewalt zu bahnen. Mein Blut kochte. Ich fieberte. Die Feigheit meiner Leute machte sie mir unsäglich verächtlich. Ich konnte es jetzt nicht ertragen, sie zu sehen; ihr Benehmen war empörend.
In Gedanken versunken ging ich schnell weiter, und der schroffe Weg erschien mir kurz und bequem. Ich fand einen passenden Platz für unser nächstes Lager. Hier standen vor mir und auf jeder Seite hohe, schneebedeckte Berge. Dort, mir gegenüber, ragte derselbe Lumpiyapaß empor, über den ich mit großen Hoffnungen nach Tibet hineingezogen war. Ich verabscheute in diesem Augenblick seinen Anblick; seine Schneefelder schienen meines Mißerfolgs zu spotten.
Ehe wir Zeit hatten, unsere Zelte aufzuschlagen, hatte der Wind, der den ganzen Nachmittag stark gewesen war, zehnfach an Wut zugenommen. Die Wolken über uns waren wild und drohend, und bald fiel Schnee in dichten Flocken.
»Was wollen Sie tun?« fragte mich der Doktor. »Ich dächte, Sie täten besser, nach Garbyang zurückzukehren, neue Leute zu nehmen und noch einmal anzufangen.«
»Nein, Doktor, lieber will ich sterben, als diesen Marsch nach rückwärts fortsetzen. Die Chancen werden besser sein, wenn ich allein gehe. Ich habe beschlossen, heute abend aufzubrechen; denn ich bin überzeugt, daß ich meinen Weg über das Gebirge finden werde.«
»Nein, nein, es ist unmöglich, Landor«, bat der Doktor mit Tränen in den Augen. »Für jeden, der es versucht, bedeutet es den sichern Tod.«
Ich sagte ihm, daß ich fest entschlossen sei. Der arme Doktor war verblüfft. Er wußte, daß der Versuch, mir abzuraten, nutzlos war. Ich ging in das Zelt, um mein Gepäck nochmals zu arrangieren und zu verringern, und machte eine Last zurecht, die klein genug war, um sie neben der täglichen Marschausrüstung und den Instrumenten auf meinem Rücken zu tragen.
Während ich Vorbereitungen für meine Reise traf, trat Katschi Ram ins Zelt. Er sah erschreckt und bestürzt aus.
»Was tust du, Herr?« fragte er hastig. »Der Doktor sagt, du willst heute nacht allein über das Gebirge und ganz allein nach Lhasa gehen.«
»Ja, das ist wahr.«
»O, Herr, die Gefahren sind zu groß, du kannst nicht gehen.«
»Ich weiß es, aber ich werde es versuchen.«
»Herr, dann will ich mit dir kommen.«
»Nein, Katschi, du wirst zu viel zu leiden haben. Geh jetzt, da du Gelegenheit hast, zu Vater und Mutter zurück!«
»Nein, Herr, wohin du gehst, will ich auch gehen. Kleine Menschen leiden nie. Wenn sie es tun, kommt es nicht darauf an. Nur die Leiden großer Menschen sind wert bemerkt zu werden. Wenn du leidest, will ich leiden. Ich will kommen.«
Katschis Philosophie belustigte mich. Es war außer Zweifel, daß er meinte, was er sagte, und ich entschied mich, ihn zu nehmen.
Das war ein Glück. Katschi Ram hatte fünf gute Freunde unter den jungen Schoka-Kulis. Sie waren alle Freunde aus dem Rambang und pflegten sich im Lager während der Abende oft zusammenzutun und melodische, schwermütige Lieder zu singen zu Ehren der schönen Mädchen, ihrer Liebsten, die sie auf der andern Seite des Himalaja zurückgelassen hatten.
Katschi eilte fieberhaft erregt davon. In wenigen Minuten war er zurück.
»Wie viele Kulis willst du mitnehmen, Herr?«
»Es wird keiner kommen.«
»Oh, ich werde sie bringen. Werden fünf genügen?«
»Ja«, murmelte ich ungläubig.
Mein Skeptizismus erhielt einen Stoß, als Katschi zurückkam und in seinem seltsamen Englisch sagte:
»Fünf Schokas kommen, Herr. Dann du, Herr; ich, Herr; fünf Kulis, Herr, gehen fort Nachtzeit, welche Uhr?«
»Bei Gott, Katschi,« konnte ich mich nicht enthalten auszurufen, »du bist ein tüchtiger Bursche, wirklich smart.«
»Smart, Herr?«, fragte er aufmerksam, als er ein neues Wort hörte. Er war sehr begierig, Englisch zu lernen, und hatte eine wahre Leidenschaft dafür. »Smart! Was bedeutet? Wie buchstabieren?«
»S…m…a…r…t. Es bedeutet schnell, klug.«
»Smart«, wiederholte er feierlich, als er das neuerworbene Wort in ein Buch einschrieb, das ich ihm zu diesem Zwecke gegeben hatte.
Katschi war ohne Zweifel, trotz mancher kleinen Fehler, ein großer Charakter. Er war ein äußerst intelligenter, aufgeweckter Bursche. Seine nie versagende gute Laune und sein ernstes Bestreben, zu lernen und nützlich zu sein, waren sehr erfreulich.
Mein Geschick schien sich in der Tat gewendet zu haben. Wenige Minuten darauf kam mein Träger, der nicht wußte, daß jemand mich begleiten würde, und rief mit einem Ausdruck des Abscheus:
»Schoka crab, sahib! Hunya log bura crab. Hazur hum, do admi jaldi Lhasa giao. Die Schokas sind schlimm, die Hunyas sind sehr schlimm. Euer Gnaden und ich, wir beiden wollen schnell ganz allein nach Lhasa gehen.«
Hier war also noch ein beherzter und nützlicher Mann, der sehnlichst wünschte, mitzukommen. Er sagte, daß er keine Furcht vor dem Tode habe. Er war der Typus des Mannes, wie ich ihn brauchte. Wie aufrichtig des armen Burschen Beteuerungen waren, erfuhr ich in einer spätern Zeit!
Tschanden Sing hatte eine starke Neigung für die Jagd. Sein Glück war vollkommen, wenn er seine Flinte nach irgend etwas abfeuern konnte, obgleich niemand wußte, ob er jemals das Ziel getroffen hatte. Ich hatte ihn nur wenige Tage zuvor streng gescholten und bestraft, weil er mehrere Patronen an wilde Esel verschwendet hatte, die fünf Kilometer entfernt waren. Gewöhnliche Arbeit jedoch, wie das Besorgen seiner eigenen Küche oder die Reinhaltung meiner Sachen, war ihm zuwider und wurde regelmäßig auf andere übertragen.
Da Man Sing, der Aussätzige, leider derselben Kaste angehörte wie Tschanden Sing, wurde er meines Dieners Diener. Die beiden Hindus zankten und kämpften beständig miteinander, aber im Herzen waren sie die besten Freunde.
Durch Versprechungen, die hin und wieder mit Schlägen untermischt wurden, gelang es dem Träger schließlich, seinen Protegé zu überreden, sich unserm neuen Plane anzuschließen und zusammen den unbekannten Gefahren zu trotzen.
Um 8 Uhr abends hatte ich alle die Leute beisammen, die versprochen hatten, mir zu folgen. Es waren mein Träger, Katschi und sechs Kulis.